Das Meer

Bernhard Kellermann · Kapitel 26 von 38

PDF-Seiten

Das Meer

Kapitel XXV

 

Am nächsten Sonntag nach dem Kirchgang traf ich sie wieder bei Noel. Sie kaufte Wolle ein für Amoriks Strümpfe und die Wahl unter all den bunten

Strängen wurde ihr schwer. Endlich entschied sie sich für himbeerfarbene. Dann

wühlte sie in allerlei Kram und zog eine schmale Spitze hervor.

„O, wie hübsch sie ist. Für die Haube!“

„Ein halbes Meter. Zehn Sou!“

„O!“ Yvonne warf die Spitze auf den Ladentisch. „Was denkst du, so reich bin

ich nicht!“

„Gib mir die Spitze,“ sagte ich und legte zehn Sou hin. Da aber fühlte ich, daß

mich jemand ansah, und ich wandte mich um: Rosseherre stand hinter uns. Mit

ihren gelben Haaren, den schmalen Wangen und vielen Sommersprossen, welk

sah sie aus trotz ihrer Jugend — „Guten Tag, Rosseherre“ — aber sie war schon

gegangen.

„Nun, Yvonne, willst du die Spitze haben?“

„Nein, ach nein!“ Aber als ich sie recht hübsch bat, nahm sie doch das kleine

Geschenk an.

Ich ging nach Creach. Es wurde Abend. Kahl und nüchtern stand der

Leuchtturm inmitten der kleinen Hütten in der Heide. Jemand ging oben auf der

Galerie und pfiff, und das Pfeifen klang klar wider in der dünnen Luft.

„Guten Abend, Yvonne!“ Yvonne stand am Fenster und helle Lichter glänzten

auf ihren braunen Wangen. „Ein schöner Abend? Wie warm der Wind ist! Willst

du nicht ein wenig herauskommen zu mir?“ Yvonne trat zurück und ihr Gesicht

wurde ganz dunkel. Ihre Zähne blinkten matt. Gewiß knisterten ihre

pechschwarzen Haare, wenn man sie anfaßte. Yvonne lächelte und schüttelte den

Kopf.

Da rief man mir. „Vater ruft dir!“

Amorik beugte sich oben über die Galerie und winkte. Ich stieg die

Schneckentreppe hinauf in den hallenden Schlot. Amorik, der Einäugige, nahm

die Tücher von den Scheiben und die untergehende Sonne zersprang in den Linsen und Segmenten dieses blitzenden kristallenen Spielzeugs zu tausend

farbigen Feuern. Gleißende blaue und gelbe Dolchbüschel stachen nach mir,

scharfe rote und grüne Sicheln zerschnitten mir die Augen. Die Insel unter uns

war schon dunkel und die Klippen schwarz. Drüben an der fernen Küste zuckte

ein Feuer empor — immer als ob es sich strecke — irgendein eisernes Gespenst,

das in der Brandung stand und sein Auge rollte. Die Kerze knisterte, der

Lichtbogen sprang über, Amorik schaltete den Apparat ein, und das glitzernde

Spielzeug begann sich geräuschlos zu drehen und schleuderte seine vier

Strahlengarben über unsere Köpfe hinweg übers Meer hinaus. Man konnte nicht

hineinsehen ohne zu erblinden. Nun blinzelte und funkelte an der Küste ein

Dutzend weißer, roter und grüner Feuer, der Schmuck der großen Kokotte

Frankreich blitzte in der Nacht.

Amorik saß auf einem kleinen Schemel und sein linkes Auge wachte. Wo hast

du dein Auge verloren, grauer Amorik? He, der Wind kam und blies und sagte:

ich bin der Wind, und blies es dir aus der Höhle? Nein, während eines Sturmes

war ihm eine Segelsparre ins Auge gefallen.

Mit seinem feinen Lächeln saß Amorik da und sein Gesicht war gesättigt mit

der Güte jener Menschen, die einsam in der stillen Nacht wachen und

schweigen. Und wo konnte man einsamer sein, als unter der gleißenden Mühle?

Ich trat auf die Galerie. Der Nachtwind legte mir die Kleider glatt an den

Körper und zerrte an meinen Augenlidern. An den Scheiben tanzten große Falter

und Myriaden von Milben und bohrten sich wollüstig ins Licht. Wie rotierende

weißglühende Fontänen schossen die Strahlengarben in die Finsternis empor und

hinaus, dreißig Seemeilen weit und mehr. Die Insel war vollkommen schwarz,

mattschwarz, und glänzendschwarz war das Meer und bewegte sich.

Ein grüner Funke wanderte nach Norden. Sie wußten, das ist Creach, in vier

Stunden sind wir im Kanal, in zwanzig, in fünfzig Stunden zu Hause. Noch nach

fünf Stunden würden sie uns sehen.

Wir wachten und wechselten dann und wann ein kurzes Wort. Amorik hatte es

längst verlernt zu reden.

Im Falle Nebel kommt, werden wir den kleinen Hebel öffnen und die

komprimierte Luft wird im Schalltrichter brüllen. Aber es kam kein Nebel, die

Nacht war übersät mit Sternen.

„Nun, gute Nacht, Amorik.“

„Du gehst?“

„Ja, ich bin müde.“

„Bist du noch wach, Yvonne, so tief in der Nacht?“

Yvonne stand im dunkeln Fenster und lächelte. Sie wußte alles und doch war

sie ein junges Mädchen.

„Komm heraus, Yvonne. Nicht? Yvonne, so reich mir doch die Hand heraus.

Kenavo, Yvonne!“

„Kenavo!“ flüsterte sie.

„Yvonne, mache nochmals auf!“

„Ja?“

Ich nahm die kleine silberne Kette aus der Tasche und warf sie ins Fenster. Ich

hörte wie sie auffiel. Ich sagte nichts und ging.