Das Meer

Bernhard Kellermann · Kapitel 19 von 38

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Das Meer

Kapitel XVIII

 

Der Tag kam und der Orkan surrte wie tausend rasende Expreßzüge über die Insel dahin. Er heulte nicht mehr, schrie nicht mehr, er surrte, hohl und dumpf.

Nimm den Hut ab, ziehe die Jacke aus, hänge Hut und Jacke an meine

Hauswand, ohne Nagel, wie angeleimt bleiben sie hängen, so wehte es. Das

kleine Segel zuckte noch immer im gleichen Kreise. Sie waren nun

sechsunddreißig Stunden draußen. Die Nacht kam, fünftausend wiehernde

Kannibalen tanzten um mein Haus, wieder tagte es und der Sturm surrte.

Das kleine Segel war verschwunden.

Ich erbleichte, als ich es hörte.

Aber gerade als wir alle in Chikels Bar standen und uns ereiferten: diaul!

einen Laib Brot und eine Flasche Schnaps, zwei Tage ohne Schlaf und welche

Arbeit — ging die Tür auf, und was kam herein? Drei Seegespenster! Drei

Gespenster mit kalkweißen Gesichtern und blauen Lippen, Leichen, die tagelang

in Eiswasser gelegen waren, mit Glasaugen, klebenden dünnen Haaren und

einem irrsinnigen Totenlächeln. Nun also, da waren sie! Es wurde ganz still.

Dann aber begannen die drei Seegespenster in den gemeinsten Ausdrücken zu

schimpfen. Ihr hättet uns ruhig ersaufen lassen, ihr Hundesöhne! Gott, sei Dank,

sie waren lebendig.

Sie hatten das Verzweifelte getan. Sie waren aufs offene Meer hinausgefahren,

um zu sterben — oder, die Insel zu umsegeln und im Lee irgendwo

unterzuschlüpfen. Es war ihnen geglückt. Hoho, Brüderchen! Und nun küßten

wir sie alle.

Sie gossen sich Branntwein in die Kehle und gurgelten Schnaps. Einer ließ

drei, vier Gläser fallen, er hatte jedes Tastgefühl in den Händen verloren, und

lachte idiotisch.

Da kam noch ein Seegespenst herein. Aber es war nicht weiß, sondern

schwarz wie ein Neger, der da und dort Farbe gelassen hatte, mit rotgesäumten

Augen. Das war Yann. Der „kleine Kapitän“ sprach wie ein Faß und hatte einen

furchtbaren Brüllhusten.

„Ich mußte an Land gehen,“ hustete er, „ich habe keinen Kognak mehr, he,

Patronne! Rasch! Es war die reinste Hölle in der vergangenen Nacht. Willst du

mit an Bord? He?“ Ah, Yann, wie spöttisch und überlegen du doch lächelst!

„Sechs Flaschen Kognak, Madame Chikel!“ erwiderte ich. „Etwas Käse. Hast

du Brot? Vorwärts Yann!“

Im Hafen schwammen die Trümmer der zerschlagenen „Notre Dame de

l’Isle“. Mit jeder Welle trieben sie vorwärts und zurück. Der gefesselte

„Kommissionär“ hatte sich ein paar Rippen eingeschlagen und lag mit dem Stern

auf Grund und wälzte sich schwerfällig.

Wir sprangen ins Boot, Poupoul voran. Er war atemlos vor Vergnügen, sobald

er in ein Boot springen konnte. Die Ruder tauchten ein und das Boot trieb mit

der zurückflutenden Welle hinaus. Yann saß mit gebeugtem Nacken am Steuer

und folgte lauernd den Bewegungen der Wogen, wie ein Boxer jenen seines

Gegners. Er schrie den Matrosen Befehle zu und sie sahen ihm gespannt auf den

Mund, denn hier außen konnte man kein Wort verstehen. Wir hatten fünfhundert

Meter zu rudern, aber es sah aus als sollten wir den „Arbeiter“ nie erreichen.

Manchmal stand das Boot buchstäblich senkrecht.

Der „Arbeiter“ zerrte an seinen zwei Ankerketten, bäumte sich auf und schlug

aus wie ein Pferd. Bald war sein Deck auf Wasserhöhe, bald schnellte es ein

Stockwerk in die Höhe und der „Arbeiter“ zeigte den roten Bauch.

Zuerst stieg Yann an Bord, dann reichte ich Poupoul hinauf, der zappelte vor

Erregung, zuletzt folgte ich.

Der „Arbeiter“ war in voller Fahrt. Mit all seinen sieben Knoten rannte er

vorwärts und kam doch nicht vom Fleck. Ganze Häuser, ganze Straßen bebender

Wassermassen warfen sich ihm entgegen. Der Abstand zwischen den

Wogenreihen betrug gut zweihundert Schritt. Lange sausende Ebenen flogen

heran, die Wasserberge wuchsen bebend daraus hervor, der „Arbeiter“ stieg,

kletterte, sprang, glitt hinab, und die nächste sausende Ebene flog heran. Der

Wind verwehte das Spritzwasser, so daß die Wogen wie mit weißen langen

Wollfäden bestreut aussahen. Wie ein fliegendes schwarzgrünes Gebirge waren

sie, in dessen Rinnen und Rillen der Schnee schmolz. Sie glitten blitzschnell an

den Wänden des Dampfers entlang, kreiselten wütend und kletterten dröhnend

und zischend an Deck. Der „Arbeiter“ troff von oben bis unten.

Eine Sturzsee prasselte wagrecht über den „Arbeiter“ dahin, vom Bug bis zum

Stern, und ich bekam die volle Ladung ins Gesicht.

„Vorwärts!“ brüllte Yann und stieß mich in die Luke hinab. Es war unmöglich

in der kleinen übelriechenden Kajüte auch nur eine Sekunde aufrecht zu stehen.

Sie war dunkel und kreiste wie der Bauch eines Haifisches in voller Fahrt. Und

es ist bekannt, daß sich ein Haifisch in Spirallinien durchs Wasser schraubt. Die Luke an der Luvseite war verschraubt und wir bekamen nur dann etwas Licht,

wenn sich das Glas gegenüber über Wasser befand. Poupoul hustete ein wenig.

Nun, Poupoul, du wirst doch nicht? Was fällt dir ein, ein Schiffshund! Nein,

Poupoul hatte ja nur zum Vergnügen ein wenig gehustet, er fühlte sich zu Hause

hier unten.

„Trinke, rasch!“ schrie Yann und goß Kognak in eine Blechkasserolle.

Augenblicklich begannen wir mörderisch zu trinken, hier unten in dem

kreisenden Haifischbauch blieb nichts anderes zu tun übrig, entweder oder. Also

prost, meine Damen!

Ich verbrachte zwei ganz unvergeßliche Tage und Nächte auf dem „Arbeiter“.

Wenn die Flut kam, löste Yann seinen Steuermann ab. Wir mußten hinauf.

Sobald wir den Kopf aus der Luke streckten, fegten Wind und Wasser wie ein

Reibeisen über unser Gesicht. Dann kletterten wir zwischen zwei Sturzseen die

schmale eiserne Treppe zur Brücke empor und hier banden wir uns fest. Der

Sturm empfing uns mit einem pöbelhaften Triumphgeheul, als ob wir uns

versteckt gehabt hätten. Das Spritzwasser trommelte auf unseren geölten

Anzügen und festgebundenen Sturmhauben, und ganze Grotten von Wasser

stürzten auf uns herab. Das Wasser auf der Brücke ging uns über die Knöchel,

aber da wir barfüßig waren, schadete es nicht weiter. Es schwankte hin und her,

bis es endlich wie ein Wasserfall die eiserne Treppe hinabstürzte. Zuweilen

schlugen Bomben auf dem Dampfer ein, und Maste, Kamin, alles verschwand in

einer Wolke von Gischt und Dunst.

Yann hustete fürchterlich und fluchte ununterbrochen. Er hatte sich am

Sprachrohr den Mund blutig gestoßen und war wütend. Er überhäufte jede

einzelne Woge mit Flüchen wie einen persönlichen Feind. So oft einer dieser

fliegenden Wasserberge heranrollte, schrie er ins Sprachrohr: Zurück! — und

wenn wir den Berg hinaufgeklettert waren: Vorwärts! — um den Anprall der

vielen tausend Tonnen Wasser auszugleichen. Die Ankerketten strafften sich,

knirschten, rasselten, der Bug sank ein, um gleich darauf einige Stockwerke

emporzuschnellen. Oft legte sich der Dampfer so stark zur Seite, daß die Brücke

steil wie ein Giebel stand. Das Meer war in der Nacht schwarz wie Pech und die

wirbelnden Gischtkämme leuchteten wie Schnee. Creach schwang seine

Lichtkegel im Kreise und beleuchtete das grauenhaft gerunzelte Meer. Der Dunst

des Spritzwassers glitzerte und funkelte in seinem Lichte. Dann sahen wir auch

alle sieben Sekunden das „Kamel“, das draußen in der Bai galoppierte. Das

„Kamel“ war ein Felsen, hoch wie ein fünfstöckiges Haus, aber das Wasser fegte

darüber hin. Zuweilen fuhr der Gischt nach allen Seiten in die Höhe, als sei das

„Kamel“ soeben aus großer Höhe ins Meer hinabgesprungen.

Gegen drei Uhr nachts hatten wir Unglück. Die Spitze des Fockmastes mit unserer hübschen Laterne ging über Bord. Yann stieß einen der längsten und

entsetzlichsten Flüche aus, den je eine menschliche Zunge zustande brachte.

Gewiß hätte er sich in der Wut dem Mast nachgestürzt, wenn er nicht

festgebunden gewesen wäre.

„Die Sache ist die,“ schrie mir Yann ins Ohr, und drehte den Bug einer Woge

entgegen, die mit hocherhobenen weißen Tatzen schräg herankam und alle

andern überholte, „die Anker hatten sich festgebissen, aber der Teufel weiß, ob

die Ketten es noch lange aushalten werden. Dann gute Nacht, in fünf Minuten

sind wir in den Klippen. Achtung! O, daß alle stinkenden Teufel der Hölle dich

haariges Monstrum —! En arrière!“ Eine ungeheure Wassermasse schlug über

Bord und der Dampfer sank so tief ein, daß es eine Ewigkeit dauerte, bis er sich

wieder in die Höhe arbeiten konnte.

Dann und wann unternahm ich eine kleine Expedition nach dem

Maschinenraum. Ich kletterte die Treppe hinab an Deck, wartete bis ich den

nächsten Eisengriff fassen konnte ohne über Bord gefegt zu werden, und kroch

im Lee des Kesselraums entlang. Wo der Wind eine Spalte fand, blies er so

rasend, daß ich spürte, wie sich das Fleisch an meinen Knochen verschob und

löste.

Haha, da waren sie, schwarz wie Mohren hantierten sie da drunten. Ich klopfte

auf die verschraubte Luke, sie sahen herauf, grinsten und der Maschinist öffnete.

Ich ließ mich die eiserne Leiter hinab. Wie warm es hier war!

„Ihr habt es gut hier, ihr Halunken!“

„Warum hast du uns nichts zu trinken mitgebracht?“

Ja, wie konnte ich es auch wagen ohne Kognak zu diesen Rußteufeln zu

kommen, deren Kehlen lichterloh brannten?

„Sofort!“

Ich kroch wieder zur Luke hinaus, machte die Expedition zur Kajüte hin und

zurück und da war ich wieder. Der Heizer ließ kochendes Wasser in einen Tiegel

und mischte einen großen Humpen Grog zurecht. Es roch hier unten nach

heißem Öl und Putzwolle. Die Schaufel scharrte und das Heizloch spie Gluten.

Es gab hier glühende Kohlenstückchen, die es auf meine nackten Füße

abgesehen hatten. Der Sturm toste in der Ferne; man fühlte sich hier wohl und

geborgen wie in einem eleganten Salon, wenn es draußen hagelt. Der Wind

tutete und pfiff durch das Sprachrohr und monoton rasselnd kamen Yanns

Befehle heraus: en route, doucement, en arrière! Der Maschinist hatte die Hand

am Hebel, die Maschine tickte, und wenn sich die Schraube über Wasser befand,

wackelte sie von oben bis unten.

„Hau — hau — hau — en route!“ hustete Yann.

„Der ‚kleine Kapitän‘ hat sich etwas erkältet!“ Die Leute liebten Yann und verließen sich auf ihn. Wenn er auch zuweilen mit den Fäusten auf sie losging, er

hatte seine guten Seiten, ohne Zweifel. Und dann, er war tüchtig!

Die Burschen hier unten führten ein Leben für sich, was oben war, ging sie gar

nichts an. Nun ja, heute gab es etwas zu tun — aber das hielt sie nicht ab sich in

aller Gemütlichkeit über die Dummheiten zu unterhalten, die sie mit einer dicken

Kellnerin in Brest getrieben hatten — hahaha!

Das Sprachrohr rasselte, und der Dampfer wurde in die Höhe geschleudert.

Eine Sturzsee erschütterte ihn und er sank ein. Wohin sollte es noch gehen? Eine

Weile stand er still, dann legte er sich bebend auf die Seite, so daß der Boden

nahezu senkrecht stand und man sich mit Händen und Füßen festklammern

mußte. Wir sagten kein Wort. Der Maschinist am Hebel sah wachsgelb aus unter

der Rußschicht.

„Wenn jetzt der ‚kleine Kapitän‘ nicht bald ein Kommando gibt, dann ist er

über Bord gegangen!“ sagte er und öffnete lauschend Mund und Augen.

„En route, nom de chien!“ rasselte das Sprachrohr.