Die Vögel von Verhovina
1. (Anatol Korkodus)
Zwei Wochen bevor mein Pflegevater, Brigadier Anatol Korkodus, verhaftet wurde, hatte er mir eine nagelneue Motorkettensäge von Stihl geschenkt. Er sagte, er habe sie in Czernowitz bestellt, das Paket sei bereits angekommen, es liege bei Edmund Pochoriles, im Gasthof Zu den zwei Schnepfen. Ich könne es am nächsten Morgen abholen, auf dem Rückweg von der Bahnstation.
Vielleicht ahnte er etwas, verheimlichte es aber, denn es sollte, als bahnte sich gar nichts an, ein neuer Schützling aus der Besserungsanstalt von Monor Gledin zu ihm kommen, weshalb er mich bat, diesen am frühen Morgen vom Zug abzuholen und ins Büro zu begleiten. Diesen Tag wollte Anatol Korkodus im Bett verbringen, weshalb ich dem Jungen etwas zu essen geben, mit ihm reden und mich um ihn kümmern sollte, bis zum Nachmittag, wenn er selbst Zeit für ihn haben würde.
Wenn er sonst einen Gast oder einen solchen Neuling erwartete, schickte er stets Balwinder, das Faktotum der Behörde, zur Bahnstation, diesmal wollte er jedoch, warum auch immer, nichts davon wissen.
Da es hier seit Kurzem keinen Fahrplan mehr gab, und man nur wusste, dass der Zug, der vor allem aus Güterwaggons bestand, an die man einen einzigen klapprigen Dritte-Klasse-Wagen gehängt hatte, ankommen würde, noch bevor im Holzlager die Arbeit begann, ging ich lange vor Morgendämmerung zur Bahnstation, setzte mich auf eine von Raureif bedeckte Bank in der Nähe des Ausgangs und wartete. Neben mir stellte ich gut sichtbar das Pappschild auf, auf das mein Alter noch am Vorabend den Namen des Neuankömmlings geschrieben hatte, mit dickem Filzstift, in großen, fetten Buchstaben, damit man es auch im spärlichen Bahnhofslicht würde entziffern können. Er hieß Daniel Vangyeluk, wie irgendein schäbiger, alt riechender Küster, dabei handelte es sich offensichtlich bloß um einen jungen Zögling der Besserungsanstalt, den man zur Umerziehung hergeschickt hatte und der hier unterkommen sollte, bis er Fuß fassen und sich zu benehmen lernen würde.
Anatol Korkodus nahm gerne wilde, auf Irrwege geratene Jugendliche auf, damit sie weit entfernt von den Versuchungen der Stadt, umgeben von Nebelschwaden, schwefeligen Warmwasserquellen, verlassenen Stollen und Abraumhalden, im Bann der grenzenlosen Freiheit zu sich selbst und ihren eigenen Weg im Leben fanden. Aber daraus wurde meist nichts. Er machte sich auch nichts vor, nannte sie Vögel, da er wusste, dass sie eines schönen Tages doch fortfliegen würden. Manche von ihnen verschwanden nach wenigen Tagen an einen unbekannten Ort, spurlos, für immer, viele schickte Anatol Korkodus nach Ende der Probezeit zurück in die Anstalt, und bislang gab es keinen einzigen unter ihnen, der sich seine letzte Ruhestätte ausgesucht hätte, damit man ihn, zu gegebener Zeit, hier unter den Hügeln des Paltin begrabe.
Damals lebte ich schon seit Langem in Verhovina. Viele Jahre zuvor hatte mich, an einem frostigen Morgen, vom selben Ort, woher auch dieser junge Mann kam, die gleiche Lokalbahn hergebracht.
In windstillen Nächten, vor allem, wenn überm Tal hie und da dicke Wolken hängen, hört man den Zug bereits ein bis zwei Stunden vor seiner Ankunft, wie er entlang der Jablonka den Berg emporklimmt und klappernd über die hundertjährigen Eisenbrücken rollt. Jemandem, dessen Ohren sich daran gewöhnt haben, verraten die vereinzelten Töne aus der Ferne genau, wann der Zug wo entlangfährt. Jetzt waren die von Gestrüpp bewachsenen Senken, von Sträuchern gesäumten Gruben am Fuß der Böschung neben dem Bahndamm jedoch in ein Kissen dumpfen Nebels gehüllt, das sogar das Bellen der Hunde aus der nahen Umgebung verschluckte. Dass sich der Zug, von den Talkurven verborgen, dennoch näherte, merkte man lediglich am Erschaudern der Bahnschwellen, an dem kaum vernehmbaren Knacken, das wie Strom durch die Schienen glitt.
Außer mir wartete nur Bahnhofsvorsteher Stecc auf den Zug, den Leuten war in letzter Zeit offenbar die Lust am Bahnfahren vergangen. Vor Kurzem ging die Nachricht um, dass man die Bahnstation schließen und vielleicht sogar die Schienen abbauen und zusammen mit den Eisenbrücken verkaufen würde, da die Eisenbahnlinie im Jablonka-Tal von der Furt des Pascha Tuverkan bis zum Ladeplatz des Holzlagers angeblich von Unbekannten vermessen worden sei, und es gab auch solche, die wissen wollten, dass das gesamte Tal, samt dem vielen hier vorhandenen Eisen, von einem reichen Fremden namens Bazil Haraklan gekauft worden sei. Man sprach auch darüber, woher er kam, von der reichen Ebene jenseits der Berge, aus einem gewissen Coltwildgarten, Todwildgarten oder einem ähnlich märchenhaft klingenden Ort. Angeblich sollen die Entlassungsbriefe der Bahnangestellten bereits verfasst worden sein, kein Wunder also, dass es immer weniger Menschen an den Bahnstationen gab.
Als dieser frühe Zug nun schnaufend, zischend, in Dampfschwaden gehüllt zum Stehen kam, blickte nur eine einzige Person, mit einer schwarz-gelb gestreiften Mütze, aus dem Fenster des Dritte-Klasse-Wagens auf den menschenleeren Bahnsteig. Dieser junge Mann wollte sich erst gar nicht recht rühren, als er jedoch sah, dass die abgekoppelte Lokomotive allein, vor Erschöpfung beinah geräuschlos zur Remise rollte, wurde ihm klar, dass es nicht weiterging, da stieg er aus und ging unentschlossen zum Ausgang.
Jetzt erkannte ich, dass er gar keine Mütze trug, sondern nur sein Bürstenschnitt gefärbt war. In der nebligen Dämmerung leuchteten aus dem ursprünglich dunklen Haar goldgelbe Streifen. Er trug eine viel zu kleine Jacke aus billigem Jeansstoff, Gepäck hatte er keines, und sobald er von den Lampen beleuchtet wurde, sah man, dass er nicht einmal Schuhe hatte. Als er den Bahnsteig entlangging, knackten die Ränder der zugefrorenen Pfützen unter seinen Füßen. Er musste auf jeden Fall an mir vorbei, erblickte, als er in meine Nähe kam, das Pappschild auf der Bank, entzifferte seinen Namen und blieb zögernd stehen.
Das gibt’s doch nicht. Wartest du etwa auf mich? Ich sollte doch erst morgen kommen.
Anatol Korkodus hatte es im Gefühl.
Und ich habe gedacht, dass ich es mir heute noch allein in der Bahnhofskneipe gutgehen lasse, meine Ersparnisse auf den Kopf haue, mich ein bisschen umsehe und mich dann morgen bei euch melde. Jetzt ist mein Tag ruiniert.
Er sprach mit dünner, heiserer Stimme, wobei kein einziger Zahn zu sehen war. Er hatte eisfarbene, blaugraue Augen, wie der Eskimohund des Wirts Edmund Pochoriles. Die gelben zottigen Streifen auf seinem Kopf leuchteten grell.
Ich musterte ihn.
Na, dann guten Morgen: Siehst du hier etwa irgendwo eine Bahnhofskneipe?
Das Bahnhofsgebäude bestand aus insgesamt zwei Räumen: In dem einen arbeiteten abwechselnd der Bahnhofsvorsteher und die junge Stationsbeamtin, sie saßen hinter einem kleinen Fenster, das zur Straße ging und durch das sie die Fahrkarten verkauften und sich um die Angelegenheiten des Personenverkehrs und Gütertransports kümmerten. Hinten, in einem geräumigeren Zimmer hinter der Flügeltür, wohnte Vorsteher Stecc mit seiner Familie. Der Ausschank wurde einst von der verwitterten Bude neben dem Stationsgebäude beherbergt, in der ein verklebter Blechtisch und zwei Rohrrahmenstühle mit zerbrochener Lehne standen, und die nun schon seit Jahren geschlossen war.
Da er nirgends eine Bahnhofskneipe entdecken konnte, sah sich Daniel Vangyeluk enttäuscht um. Plötzlich hielt er inne und atmete mehrmals tief durch die Nase ein.
Bei euch stinkt es. Was zur Hölle ist dieser Geruch?
Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Lass deine Nase mal untersuchen.
Er wird wohl den beißenden Geruch der Thermalquellen auf der Paltinsky-Wiese gemeint haben, der sich im Laufe der Nacht allmählich unten im Tal festsetzt, bis mildtätige Winde kommen und ihn fortwehen.
Wir überquerten den Platz, gingen am Treibstofflager und am Holzdepot vorbei, auf die gefrorenen Erdklumpen achtend, entlang der menschenleeren Hauptstraße von Jablonska Poljana. Es war nur das Geräusch meiner Stiefel zu hören, der barfüßige Daniel Vangyeluk lief lautlos einen halben Schritt hinter mir, bemüht, in keine der eisigen Pfützen zu treten.
Wo hast du deine Schuhe gelassen, wenn ich fragen darf?
Ich habe sie weggeworfen.
Du machst Scherze. Gib mir eine ordentliche Antwort.
Du hast richtig gehört: Ich habe sie weggeworfen.
Auf der Pissky-Brücke blieb er stehen und starrte auf die zwischen den vereisten Ufern stumm und schwarz strömende Jablonka hinunter. Ich stand hinter ihm und wartete gespannt darauf, was er wohl vorhatte. Doch zum Schluss spuckte er nur ins Wasser.
Da schlug ich meinen strengsten Ton an: Das will ich nie wieder sehen. Spuck, wohin du willst, nur nicht ins Wasser. Aber am besten schluckst du es hinunter.
Aus der Schänke von Nyegrutz fiel gelbes Licht auf den Nebel, vor der offenen Tür war die Luft vom Geruch gebackener Maronen und verbrannten Öls erfüllt. Ich ergriff Daniel Vangyeluk leicht am Ellbogen und begleitete ihn zum Eingang. Er hatte ein dünnes Ärmchen, wie ein Kind.
Ich sah mich um, die Straße war leer.
Du bleibst hier schön stehen und sprichst mit niemandem. Wenn dich jemand anstarrt, als würde er sich fragen, wer du bist und was du hier willst, bemerkst du ihn gar nicht. Du tust so, als wärst du gar niemand. Verstehst du? Als würde der andere nur Gespenster sehen.
Und warum sollte mich jemand anstarren?
Ich musterte ihn, von den grellgelben Streifen auf seinem Kopf bis zu den nackten Füßen.
Nur so.
Die Schänke war noch leer. Irina Nyegrutz saß hinterm Tresen, neben ihr ruhte unter einem karierten Tuch in einer blauen Schüssel der Teig für den Lángos. Auf dem Gasherd stand ein Blech, aus den offenen Schalen der heißen Maronen stieg Dampf auf. Ich bestellte ein halbes Kilo gebackene Maronen und zwei Lángos mit Quark. Während Irina Nyegrutz zwei Teigklumpen nahm, sie mit Quark füllte und dann im heißen Öl hin- und herschob und wendete, spazierte ich in dem leeren Raum umher, warf immer wieder einen Blick durch die Tür oder die beschlagenen Fenster nach draußen. Es war genau sechs Uhr, aus den sich allmählich lichtenden Nebelvorhängen drang die Sirene des Sägewerks hervor. In dem lila Fensterglas sah ich mein verschwommenes Spiegelbild mit den Bartstoppeln, was durch die herunterlaufenden Rinnsale des Kondenswassers so aussah, als würde ich heulen.
Mit Atemwölkchen vor der Nase stand Daniel Vangyeluk wie ein Hund, den sein Herrchen vor dem Laden gelassen hatte, brav an der Schwelle. Die Hände in den Taschen, ein nackter Fuß auf dem anderen.
Irina Nyegrutz packte die beiden Lángos in eine Papiertüte und die Maronen in eine andere. Sie warf einen Blick vor die Tür.
Für wen ist der andere?
Sie sehen es doch selbst. Für niemanden.
Ein neues Kind. Er scheint mir nicht sehr umgänglich. Der bleibt nicht lange.
Mögen Sie recht behalten.
Daniel Vangyeluk und ich gingen weiter. Nach einigen Schritten sagte er leise, aber doch leicht wütend:
Sag, warum hast du mich draußen gelassen?
Das nächste Mal kommst du auch herein.
Aber jetzt hast du mich aus irgendeinem Grund draußen gelassen.
Ich wollte nicht, dass Irina Nyegrutz deinen Geruch mitbekommt.
Ich bin seit gestern unterwegs. Bestimmt rieche ich ein bisschen nach Zug.
Von Zuggeruch war keine Rede. Sag, warum hast du deine Schuhe weggeworfen?
Jemand hat sie vollgeschissen.
Ist das dein Ernst? Du hättest sie trotzdem anziehen können. Falls du es nicht weißt: Das bringt Glück. Dich liebt jemand sehr.
Es war die kleine Zsanett. Sie war verärgert, weil man mich hinausgelassen hat.
Vielleicht trefft ihr euch ja wieder. Überleg dir etwas, womit du es ihr vergelten kannst.
Beim Eingang des Man-Gold-Hofs ergriff ich wieder seinen Ellbogen, damit er stehenblieb. Der Morgen brach an und über den Himmel legte sich allmählich ein durchscheinender heller Schleier, doch in dem von vier einstöckigen Häusern umfassten Hof, auf den man durch ein breites, gewölbtes Tor gelangte, herrschte immer noch das Zwielicht der vergangenen Nacht, in dem nur die auf der Treppe der Pogatschen-Bäckerei in vier Reihen aufgestellten Flaschen Ziegenmilch zu erkennen waren. Ich nahm mir zwei, wir verließen wieder den Hof, gingen auf der anderen Seite der Straße weiter und beim übernächsten Haus, dem der Augustins, klopfte ich ans Fenster. Also an das Brett, das das Fenster verdeckte.
An dem zur Straße gelegenen Fenster der Augustins waren quer und diagonal Bretter angebracht, die plumpe Konstruktion wies nur einen kleinen Spalt auf, damit zwischen den Brettern eine Hand durchpasste, die dies oder das entgegennehmen konnte, zum Beispiel eine Milchflasche. Wir hielten das Ehepaar Augustin seit Jahren in Hausarrest. Da das Gefängnis in Jablonska Poljana schon vor Längerem abgebrannt war, gab es keine andere Möglichkeit, sie mussten zu Hause festgehalten werden.
Ich stellte eine der beiden Flaschen aufs Fensterbrett und wartete, dass sie das Fenster öffneten. Hinter den Brettern war die Stimme von Frau Augustin zu hören:
Stimmt es, dass die Frau Unterpräfektin Vaneliza geflohen ist und es auch um Anatol Korkodus schlecht steht? Mein Mann und ich hatten schon zum zweiten Mal den gleichen Traum. Wenn es nämlich stimmt, werden wir irrtümlich hier festgehalten. Sag bitte Polizeikommissar Hamilcar Nikonuk Bescheid, dass man uns noch heute freilassen soll.
Träumt ruhig weiter. Vieles ist möglich. Aber wer euch jetzt erst mal sehnlichst erwartet, ist der Untersuchungsrichter in Gledin. Man wird euch eine Leine um den Bauch binden, um euch zu ihm zu führen.
Wieder ergriff ich Daniel Vangyeluks Arm, sah ihn vielsagend an und sagte:
Am Ende denken die da drin noch, dass ich Lust habe, mich mit ihnen zu unterhalten.
Haben sie etwas angestellt oder sperrt ihr sie manchmal nur so ein?
Wie man es nimmt. Ich weiß nicht, ob du mit dem, was ich dir sage, etwas anfangen kannst. Die beiden haben Strom in Schulkinder geleitet. Eines war sieben Jahre alt, ein anderes acht, die restlichen elf. Richtigen Strom, zweihundertzwanzig Volt.
War das ein Experiment oder so?
Ich winkte ab. Ist das nicht egal?
Vor dem Gasthof Zu den zwei Schnepfen hielt ich Daniel Vangyeluk erneut an.
Die Motorkettensäge lag in der Originalverpackung von Stihl, in einem mit Stahlband umwickelten bunten Karton auf der Bank in Edmund Pochoriles’ Küche. Meine Cousine Danczura war auch da und der evangelische Pfarrer Lorenz Fabritius stand ebenfalls dort herum, sie frühstückten.
Sie wussten, woher ich kam und sahen Daniel Vangyeluk vor der halb geöffneten Tür stehen. Wie er mit hängendem Kopf dastand und ihm wie einem Pferd Rauchwolken aus der Nase aufstiegen und in zwei Richtung entwichen.
Der sieht nicht besonders gut aus, bemerkte Edmund Pochoriles.
Nein, erwiderte ich. Keine Ahnung, was mein Alter mit ihm anfangen wird.
Fabritius tippte den Karton an, den ich mir unter den Arm geklemmt hatte.
Ein teures Ding, wozu brauchst du das?
Wozu schon. Ich gehe damit in den Stummen Wald oder, sagen wir, zerkleinere damit auf unserem Hof Brennholz. Wenn es sich aber gerade so ergibt, könnte ich damit auch einen Feind zerstückeln.
Pochoriles rief mir hinterher: Weißt du, so einfach ist das nicht. Die Knochen gehen ja noch, aber das Blut, das Fleisch und die Eingeweide verstopfen die Lager, das würgt den Motor ab und dann kannst du zusehen, wie du es wieder sauber bekommst. Eine gute Axt oder ein ordentlich geschliffenes Beil leisten dir da bessere Dienste.
Ich hatte eine schöne gelbe Katze, Tatjána. Eine Zeit lang nannte ich sie Charlotte, aber nachdem sie zugenommen hatte und ihr ein Pelzkragen um den Hals gewachsen war, taufte ich sie um. Sie wog bestimmt acht Kilo, hatte einen dicken, gestreiften Schwanz und Haarpinsel auf den Ohren wie ein Luchs, wenn ihr auf der Straße ein Hund entgegenkam, eilte er auf die andere Seite. Jetzt hockte sie auf dem Querholz des Tors, doch als wir näherkamen, sprang sie herunter und obwohl sie sonst nicht so leicht Bekanntschaft schloss, starrte sie Daniel Vangyeluk mit erhobenem Kopf an, ging dann hinter ihn und schlüpfte langsam zwischen seinen Beinen durch, wobei sie mit dem Schwanz seine Hose streifte. Dann setzte sie sich ihm gegenüber hin, starrte ihn erneut an, blickte ihm direkt in die eisigen Augen. Als wir losgingen, folgte sie uns, begleitete uns mit hängendem Kopf, grübelnd.
Ist das deine?
Was denkst du, wem sie gehören könnte?
Warum trägt sie ein Halsband?
Das ist kein Halsband, sondern ein Pelzkragen. Aber ein Halsband hat sie auch, wenn es sich so ergibt, dass ich Angst habe, sagen wir, bei der Nachtwache, nehme ich sie an der Leine mit.
Dann fang schon mal an, dich von ihr zu verabschieden, ich will sie nämlich haben. Ich kaufe sie dir um jeden Preis ab.
Vielleicht meinte er es ernst, aber ich konnte darüber nur schmunzeln.
Im Büro bat ich ihn, alles aus den Taschen zu nehmen und nebeneinander auf den Schreibtisch von Anatol Korkodus zu legen. Außer seinem Entlassungszettel hatte er nur siebenunddreißig Coupons dabei. Dafür hätte er sich wenigstens ein paar Pantoffeln kaufen können oder irgendwelche Schlappen für die Reise, sogar für eine Garnitur Unterwäsche zum Wechseln und lange Unterhosen hätte es gereicht. Doch er hatte nichts anderes dabei. Nachdem ich mich durch eine gründliche Leibesvisitation davon überzeugt hatte, führte ich ihn auf dem Hof der Wasseraufsichtsbrigade herum, auf dem mein Alter und ich im ehemaligen Czervensky-Herrenhaus wohnten.
Es war ein öder Hof, voller Unkraut und harschen Fußstapfen im Schlamm. In der offenen Scheune stand ein verrosteter Schneepflug, ein altes verstaubes Quad und daneben, mit platten Reifen, der schäbige Willys-Geländewagen des ehrenamtlichen Kreisbeauftragten Hamilcar Nikonuk. Auf dem vereisten Boden waren überall Daniel Vangyeluks dunkle Fußspuren zu sehen. Vor dem Lokus blieb er stehen und bat um Erlaubnis, sein Geschäft erledigen zu dürfen.
Während ich auf ihn wartete, erblickte ich vor dem offenen Tor den dunkelhäutigen Balwinder, das Faktotum der Behörde. Ich weiß nicht, woher er aufgetaucht war, denn zuvor war weit und breit keine Menschenseele zu sehen gewesen. Er sagte nicht guten Tag, nickte mir nicht einmal zu, stand nur da, reglos und starrte schieläugig auf den Hof. Auf den Hof, wo es für ihn außer uns nichts zu sehen gab. Ich ging zu ihm.
Was ist los? Warum zur Hölle stehen Sie hier herum?
Nichts. Ich sehe mich nur um. Ist das etwa verboten?
Aha, verstehe. Ich habe den Eindruck, Sie machen das absichtlich. Sehr sinnvoll ist das nicht, das kann ich Ihnen sagen.
Vielleicht ja doch.
Pff! Vor Wut spuckte ich aus.
Inzwischen war auch Daniel Vangyeluk vom Lokus zurück.
Werde ich auch hier wohnen?
Wohnen wirst du ab heute Abend erst einmal in Quarantäne. Ganze drei Wochen. Hier ist das so üblich, weißt du, wegen der Bazillen.
Ihm war anzusehen, dass er nicht ganz verstand, was ich meinte. Vielleicht wusste er gar nicht, was Quarantäne ist und was Bazillen sind, aber da er nicht nachfragte, erklärte ich es ihm auch nicht.
Ich brachte ihn in die Küche und sagte, er solle sich setzen, legte ihm einen Flickenteppich hin, mit dem er sich die nackten Füße bedecken konnte, falls er fror. Obwohl es auch dort nicht besonders warm war, glätteten sich seine Züge, und ihm lief die Nase, die er mit dem Ärmel seiner Jacke abwischte. Er war schmächtig, von blassem Typ, hatte eine durchscheinende Haut, und sein eisiger blaugrauer Hundeblick wanderte im Zimmer herum. Auf seiner Hand war eine unförmige tintenblaue Tätowierung zu sehen, die rätselhaften Zeichen einer zwielichtigen Vergangenheit: Punkte, Linien, Kreuze.
Anatol Korkodus hatte mich ermahnt, nett und freundlich zu ihm zu sein, mich mit ihm zu unterhalten, ihm das Essen, das aus der Kantine gebracht werde, hinzustellen und ihn dann satt an Anatol Korkodus’ Krankenbett zu schicken. Doch hatte ich an diesem Morgen keine Lust auf höfliche Gespräche. Mir fiel dies und jenes ein, mir kam ein Gedanke, dann ein anderer, ich holte schon ein bisschen tiefer Luft und setze an, etwas zu sagen, aber dann sah ich ihn an, mein Blick begegnete seinem und augenblicklich verflog meine Lust. Vielmehr dachte ich: Wie gut es doch wäre, wenn statt Daniel Vangyeluk jetzt jemand anders hier säße.
Wenn sich eine anhaltende Stille immer weiter ausdehnt, bekommt sie plötzlich einen Klang. Zunächst ist es ein leises Seufzen, wie ein ferner Wasserfall, das dann in ein Rauschen übergeht, immer lauter und lauter wird, bis es zu einem unerträglichen Toben anschwillt und dann, auf einmal, als würde sie in einen hineingespritzt, strömt einem die gesamte Welt eiskalt in die Ohren. Jetzt heulte eine Weile nur das Ofenrohr, dann war da noch das Ticken der Uhr, das, als wäre es durch den Wind von fernen Wiesen herantragen, mal leiser, mal lauter wurde.
Schließlich kratzte meine Katze Tatjána an der Tür. Ich hielt sie ihr auf, aber sie kam nicht herein, stand nur da, schaute sich um, öffnete das Maul und schloss es wieder, gab manchmal ein kaum hörbares Maunzen von sich und schnüffelte in den Raum hinein. Sie war ein geheimnisvolles Wesen, dickköpfig, verschlossen wie alle Tiere mit gelbem Fell. Ich öffnete zwei Leberwurstkonserven und lockte sie damit zum Hinterhof. Dort sperrte ich sie in den Geräteschuppen, von wo sie sich nicht davonmachen konnte.
Im Holzschuppen daneben packte ich einen Korb mit Torf und Kleinholz voll und ging zurück. Ich wickelte ölgetränkte Holzspäne in Zeitungspapier, machte damit im Ofen Feuer und als es schon loderte, warf ich dünnes Holz und einige Torfbrocken darauf. All das machte ich gemächlich, ja, langsam, als hoffte ich, dass so die Zeit schneller vergehen würde. Es war immer noch Morgen.
Warum hast du sie nicht hereingelassen, wenn sie doch gemaunzt hat?
Heute muss sie im Schuppen bleiben. Wir haben einige Meerschweinchen bekommen, ich möchte nicht, dass sie sich begegnen.
Ich öffnete die Papiertüte, in der die beiden mit Quark gefüllten Lángos waren. Die warmen Maronen schüttete ich aus der Tüte auf die dreckige Wachstuchtischdecke. Ich schälte eine und während ich sie in den Mund nahm, bedeutete ich Daniel Vangyeluk, sich nicht zu zieren und zuzugreifen. Zunächst zupfte er sich ein Stück vom Lángos ab, dann nahm er von den Maronen. Er ging die Sache zögerlich an, brach kleine Stücke von der Schale ab und als er fertig war, nahm er sie in den Mund und lutschte sie.
Du hast nicht besonders viele Zähne. Das sage ich nur, weil ich gerade merke, dass die Maronen noch etwas länger hätten im Ofen bleiben können. Spuck ruhig aus, was du nicht kauen kannst. In deine Hand, meine ich.
Mach dir mal keine Sorgen. Ich kaue mit dem Zahnfleisch. Bis sie nachwachsen.
Was meinst du mit „nachwachsen“? Wie kommst du denn darauf?
Der Arzt hat mir eine Spritze gegeben und gesagt, davon werden sie nachwachsen.
Wir haben nicht gewusst, dass mit dir nicht alles in Ordnung ist. Dabei wäre es gut gewesen, das vorher zu wissen. In der Quarantäne musst du dann um Schonkost bitten. Was ist mit deinen Zähnen passiert?
Das spielt jetzt keine Rolle mehr.
Und willst du mir auch darüber nichts verraten, wie du in der Anstalt gelandet bist? Nur in groben Zügen.
Nein. Will ich auch nicht.
Du hast recht, darüber solltest du nie mit irgendjemandem sprechen. Da fällt mir ein, Anatol Korkodus lässt fragen, ob du dich über deine Entlassung freust.
Ich weiß nicht, wer das ist.
Ich zeigte auf die Tür meines Alten.
Der, der gespürt hat, dass du heute kommst und nicht erst morgen. Wenn du dich ausgeruht hast, sollst du bei ihm klopfen. Er will dich so bald wie möglich sprechen.
Er blickte argwöhnisch zu mir auf, bemerkte dann jedoch, dass ich den Zeigefinger vor den Mund hielt, also konnte er, selbst, wenn er gewollt hätte, nichts fragen. Und damit es auch ganz klar wurde, dass wir uns über Anatol Korkodus nicht unterhielten, schaltete ich das Radio ein.
Wie findest du das? Das ist Maya. Da singt Maya Miklovitz. Kennst du sie?
Er sah mich an, zuckte mit den Schultern, würdigte mich aber keiner Antwort. Ich fuhr trotzdem fort:
Sag mal, was meinst du, gibt es einen solchen Namen wirklich? Glaubst du, dass das ihr eigener Name ist oder hat man ihn für sie erfunden?
Du machst dich gerade lustig über mich, nicht?
Entschuldige. Ich habe es nur so gefragt. Ich werde dich jetzt mal für ein Stündchen allein lassen. Ruh dich aus, iss ein bisschen und du kannst dir ja die Nachrichten anhören.
Geh ruhig, wenn du zu tun hast. Ich bin froh, wenn ich allein sein kann.
Meinen morgendlichen Rundgang beginne ich im öffentlichen Waschhaus, mache mir ein Bild von dessen Sauberkeit, sehe nach, ob der Steinboden gewischt und die Waschtröge geputzt wurden und dann öffne ich die Warmwasserhähne für die Freinutzer, die Bedürftigen aus dem Ort. Das warme Wasser entspringt am Fuße des Paltin, in den Thermalquellen der Paltinsky-Wiese, doch weil es nachts in den Rohren steht, kühlt es ziemlich ab, morgens, nach dem Öffnen, fließt es aus den Hähnen noch eine ganze Weile höchstens lauwarm, das ist auch ein Grund, warum das Waschen zwischen acht und zehn kostenlos ist. Die Betuchteren bringen ihre dreckige Wäsche nach zehn Uhr, sie bekommen schon heißes Wasser und bezahlen natürlich. Nach dem Waschhaus schaue ich bei der Bereitschaftsabteilung vorbei, um zu hören, ob es etwas Neues gibt und wenn die Stimmung gut ist, spielen wir eine Runde Karten oder Tabla, danach gehe ich ans Flussufer. Vor Kurzem hatte der Eisgang begonnen, ich musste sehen, ob die schnell dahintreibenden Eisplatten die Pegellatten beschädigt hatten.
Ich lief also zur Jablonka, unter den kahlen Weiden am Ufer entlang bis zum Czervensky-Wachthaus, zur eingefrorenen Czervensky-Wassermühle, um dieses Wunder von Jablonska Poljana zu inspizieren.
Obwohl er eigentlich hätte daran denken können, schließlich war das seit Jahren seine Aufgabe, hatte Balwinder einmal im Spätherbst vergessen, die Schleusen der Wassermühle rechtzeitig zu öffnen, weshalb sie schon vor Einbruch des richtigen Winters einfroren, und auch später nie wieder bewegt werden konnten. Die Eisschicht wurde immer dicker, wuchs bis zur Oberkante der Schleuse und darüber hinaus, das Wasser floss immer weiter und weiter, zunächst erstarrte nur das Mühlenrad in dem Kristallstrom, doch später verschlang er das ganze Holzgebäude, so dass sogar am Schindeldach gewaltige Eiszapfen hingen, diese furchterregenden Fangzähne des Winters. Wie unter Glas, stand die Mühle immer noch vollkommen unversehrt da. Tatjána und ich gehen manchmal vorbei, um uns die bei der Flucht eingefrorenen Mäuse anzusehen, die von der Eisschicht vergrößert mit riesigen Augen ins endlose, ewige Nichts starren.
Bei den Pegellatten, dort, wo das Wasser der Thermalquelle Nummer zwei dampfend in den Fluss stürzt und wo sich im Sommer ein träger schwarzer Strudel bildet, bewegten sich unter der glasdünnen Eiskruste, zwischen den taumelnden Fäden des Laichkrauts, wie Botschaften einer unbekannten Unterwasserwelt, glänzende Luftbläschen. Der Fluss war am Erwachen, auch die Weiden am Ufer färbten sich allmählich gelb, nach dem frostigen Morgen des ausgehenden Winters wehte von den Hügeln des Paltin bereits ein leichter Frühlingsduft, manche unerwartete Brise brachte sogar schon eine Ahnung vom Erdgeruch der Ebenen jenseits des Berges mit. Irgendwo hinter den Büscheln des sich auflösenden Nebels versteckte sich die Sonne, die Dachtraufen erklangen und auf dem gefrorenen grauen Boden glänzten schwarze Rinnsale.
Der Man-Gold-Hof war ebenfalls vom gelben Glanz des schmelzenden Reifs bedeckt. Hier hatte früher die Reinigung Man gestanden, bis zu dem Zeitpunkt, als Anatol Korkodus sich in den Kopf gesetzt hatte, das warme Wasser durch Rohre von den Thermalquellen des Paltin in die verlassene Synagoge zu leiten, an den Wänden rundherum eine Reihe Steintröge bauen zu lassen und das Ganze als öffentliches Waschhaus einzurichten, in dem man nicht bezahlen musste, höchstens die Reichen. Gregor Man schloss seine Pforten nicht, sondern verkaufte die Waschmaschinen, Trockner, Bügeltische an fliegende Händler und beschaffte sich für das Geld, empfänglich für den Ruf der Zeit, eine kleine Knetmaschine und einen Ofen, um Pogatschen zu backen. Hier konnte man auch nachmittags etwas essen und im Winter wurde auf den Treppenstufen vor der offenen Tür aus einem dampfenden Kessel mit Honig gesüßter Tausendgüldenkrauttee verkauft.
Mit einem dampfenden Becher in der Hand ging ich eine Runde auf dem Hof. Friseur Mükk hatte noch nicht geöffnet, auch die Fenster von Isac Gold funkelten schwarz, doch schräg gegenüber, im Spitalhaus, brannten alle Lichter, als sei schon Sprechstunde. Patienten wurden um die Uhrzeit noch nicht empfangen, auf dem für diese bereitgestellten Stuhl saß jetzt die Unterpräfektin Vaneliza Nikonuk, und die Pflegerin Nika Karanika, dieser kleine Sperlingsdämon, machte sich mit Kamm und Schere an ihren Haaren zu schaffen. Vielleicht war es aber auch nicht die Unterpräfektin, sondern ihre Tochter, man kann sie nicht unterscheiden, so sehr ähneln sie einander. Nika Karanika nahm die Strähnen der matten, spröden Haare zwischen zwei Finger und stutzte sie jungenhaft kurz, wobei sie, damit die Schere besser schnitt, immer mal auf die Schneide spuckte. Obwohl es dort drinnen noch nicht besonders warm sein konnte, hatte sie wohl den nahenden Frühling gespürt und trug unter ihrem hellblauen Pflegerinnenkittel keine Strumpfhose mehr, stand in Riemchenschlappen da und wenn sie sich ein wenig um den Stuhl herumbewegte, glänzten zwischen den abgeschnittenen Strähnen der Unterpräfektin oder ihrer Tochter an den nackten Füßen die perlmuttfarben lackierten Nägel.
Nika Karanika humpelte ein bisschen, über die Ursache waren verschiedene Gerüchte im Umlauf, darunter auch kaum glaubwürdige. Eines davon handelte von einem Messer, dessen Klinge in ihrer Wirbelsäule steckengeblieben sei und von der heute noch ein kleines Stück zwischen den Wirbeln säße und die Nerven reize.
Während ich meinen Blick auf ihren nackten Beinen mit den lila Adern vergessen hatte, den Marmorknien und den Alabasterknöcheln, hörte sie auf zu schneiden und rieb mit Watte über Vaneliza Nikonuks Kopfhaut, von der Stirn bis zum Hals. Doch dann hörte sie auch damit auf, kam zum Fenster und öffnete es. Sie steckte den Kopf heraus, damit niemand anderes sie hören konnte. Die Watte, die sie immer noch in der Hand hielt, verströmte Petroleumgeruch.
Ist etwas passiert, Adam?
Nein, gar nichts. Wie Sie sehen, trinke ich nur meinen Tee.
Ich dachte, Sie wollten etwas sagen. Ich habe gehört, es sei ein neues Kind zu Ihnen gekommen. Von der äußeren Erscheinung soll es ja nicht viel hermachen und mitten im Winter barfuß unterwegs sein.
Da ist etwas dran. Ich wüsste diesen Tag auch gerne hinter mir. Wann hätten Sie denn Zeit für ein vertrauliches Gespräch?
Irgendwann. Doch jetzt möchte ich Sie bitten, woandershin zu gehen, denn die Betreffende mag es nicht, wenn jemand während der Behandlung durchs Fenster starrt.
Der Laden der Tataren im Keller unter der Praxis war bereits geöffnet und Akimova und Akimofte schlummerten auf einem Teppich inmitten ihrer Waren. Der ehrenamtliche Kreisbeauftragte Hamilcar Nikonuk hatte vor Kurzem über sie herausgefunden, dass sie an der Schlafkrankheit litten, dabei waren sie nur Liebhaber der Wasserpfeife. Jedes Mal, wenn sie sich vollgesaugt hatten, blickten sie im Anschluss einen oder gar zwei Tage lang schlaff, mit weit geöffneten Pupillen auf die Welt. Zum Geruch des Kunstleders mischte sich auch jetzt im Kellerraum das süßlich bittere Aroma des Rauchs. Neben Taschen, Gürteln und Riemen verkauften sie vor allem nach Kunstimitat riechende, auf die gleiche Weise glänzende schwarze Schuhe, doch weiter hinten gab es noch ein Regal, auf dem in drei Reihen blaue, grüne und schwarze Gummistiefel standen. Ich wählte auf gut Glück ein schwarzes Paar aus, in mittlerer Größe und unterschrieb die Rechnung, die die Behörde bezahlen würde.
In der Zwischenzeit hatte Daniel Vangyeluk die Bank vom Ofen unters Fenster gezogen und sich rücklings hingelegt. Ich warf ihm die Stiefel hin, doch er sah sie nur widerwillig an, als wären sie gar nicht für ihn bestimmt. Ich bat ihn, sie anzuprobieren, sich rasch ein paar von den Strümpfen auszusuchen, die auf dem Draht trockneten, aber er sagte, er trage nicht gerne Gummistiefel, außerdem sehe er auch so, dass es nicht seine Größe sei. Ich sagte, wenn sie tatsächlich zu groß seien, könne er sich ruhig ein paar Stücke von den Papiersäcken abreißen, die beim Zündholz liegen und sie damit ausstopfen. Und wenn er sich etwas Ansehnlicheres wünsche, so könne er sich von seinem ersten Gehalt bei den Tataren etwas kaufen, das ihm gefalle.
Nachdem er weiterhin schwieg, machte ich eine Handbewegung in Richtung Tür, hinter der Anatol Korkodus wohnte.
Warst du bei ihm?
Noch nicht. Du hast gesagt, ich soll zu ihm gehen, wenn ich mich ausgeruht habe.
Schieb es nicht weiter auf. Und vorhin hast du nicht geantwortet: Freust du dich über deine Entlassung?
Es war nicht schlecht dort. Aber nun will ich auch mal etwas fragen: Sag, wer oder was bist du hier eigentlich?
Das siehst du doch. Der, der dich von der Station abholt und der dir nagelneue Gummistiefel bringt, damit du nicht an den Füßen frierst. Noch Fragen?
Nur, weil ich dich gleich um etwas bitten möchte. Bevor ich zu ihm gehe, sollst du ihm sagen, also, falls er auf dich hört, dass ich auf jeden Fall zu den Vögeln kommen möchte. Damit er es von Anfang an weiß.
Zu welchen Vögeln?
In die Vogelabteilung. Wo ihr euch mit den Zugvögeln beschäftigt. In der Anstalt war ich in der Vogel-AG und habe an gemeinsamen Vogelbeobachtungen teilgenommen. Obererzieher Balmos hat gesagt, wenn ich mich wirklich bessern will, soll ich sofort darum bitten, in die Vogelgruppe aufgenommen zu werden. Dort werde ich mich beruhigen und dann werde es keine Schwierigkeiten mit mir geben.
Hat er das wirklich gesagt?
Wortwörtlich. Er sagte, er kennt keinen Ort, der für mich besser geeignet wäre.
Hm. Ich weiß nicht. Ich weiß nichts von einer Vogelabteilung. In dieser Gegend gibt es keine Vögel.
Hey, das ist nicht dein Ernst.
Er stand auf, steckte die Hände in die Taschen, bohrte seinen graublauen Blick in mich, während sich seine großen Zehen nervös nach oben krümmten.
Was soll das heißen, es gibt keine? Meinst du etwa, du kennst dich besser aus als die in Monor Gledin?
Nimm die Hände aus den Taschen und setz dich wieder. Es mag sein, dass Obererzieher Balmos das wortwörtlich gesagt hat, aber alles kann auch er nicht wissen. Wir haben keine Vogelabteilung. Weil es hier gar keine Vögel gibt. Es gab mal Vögel, doch als irgendwelche Leute kamen und mit Feuerwehrspritzen die Nester von den Bäumen spülten, wurden die Vögel von einer bösen Vorahnung ergriffen und zogen mitten im Sommer weg. Und noch etwas: Seitdem bei den Seen von Brusztyina einiges passiert ist, zum Beispiel im Schilf schwarz rauchende Feuer entflammten, wird die Gegend auch von den Zugvögeln gemieden. Das ist die bittere Wahrheit.
Du willst mich nur ärgern. Ich glaube dir kein Wort.
Dabei müsstest du doch wissen, dass Vögel empfindliche Kreaturen sind. Wenn sie böse Absichten wittern, fliegen sie gleich weg, das liegt in ihrer Natur. Und das ist passiert. Sie sind fort. Alle, angefangen bei den Eichelhähern bis zu den Buchfinken und den Rotschwänzen, nur die alten Krähen sind noch da. Aber wenn es dein Wunsch ist, kann ich es Anatol Korkodus trotzdem sagen. Er ist ein kluger Mann und überlegt sich bestimmt etwas, was zu dir passt.
Daniel Vangyeluk legte sich wieder auf die Bank, sah mich ab und zu zweifelnd an, als wartete er auf den Moment, in dem sich meine Züge entspannten oder ich ihm vielleicht doch noch zu verstehen gäbe, dass alles, was er bislang gehört hatte, nur ein Scherz gewesen war.
Obwohl es noch nicht Zeit fürs Mittagessen war, schob ich die Maronenschalen vom Tisch, wischte die Wachstuchdecke mit einem feuchten Lappen ab und deckte für zwei Personen.
Solange du nicht in der Quarantäne warst, darfst du dich an keinem öffentlichen Ort zeigen, deshalb lasse ich das Mittagessen für heute aus der Kantine herbringen. Freitag ist fleischloser Tag, da kann man zwischen Kraut und Grießnudeln wählen. Ich habe Kraut bestellt, meist werden ein paar Kartoffeln daruntergemischt, aber ich kann dir auch ein bisschen durchwachsenen Speck dazu braten, wenn dir das schmeckt.
Er schwieg, als hörte er gar nicht, was ich sagte.
Ich sehe schon, ich rede hier gegen eine Wand. Du lässt den Kopf hängen, aber du wirst schon sehen, Anatol Korkodus sucht etwas für dich. Wenn du sie so magst, könntest du dir ja etwas überlegen, um wenigstens die Singvögel zurückzulocken. Denn nichts ist unmöglich. Zum Beispiel ihr Vertrauen zurückzugewinnen, das wäre etwas. Hier wirst du genug Zeit zum Nachdenken haben.
Ich wischte den Dunst von den Fenstern. Das Wetter da draußen musste inzwischen etwas milder sein, von den Dachtraufen tropfte es. Balwinder hatte sich in den überdachten Schuppen zurückgezogen, ruhte sich auf dem Sitz des Quads aus und beobachtete von dort aus den Hof. Ich setzte die Schildmütze der Wasseraufsichtsbrigade auf und ging hinaus.
Sagen Sie mal, was soll das? Haben Sie denn heute überhaupt nichts zu tun?
Nein.
Und den Augustins haben Sie wohl auch schon ihr Mittagessen gebracht?
Stellen Sie sich vor, heute bekommen sie kaltes Essen.
Trotzdem. Ich werde Anatol Korkodus darüber Bericht erstatten.
Der wird sich freuen.
Als er das sagte, grinste er sogar ganz leicht.
Ich öffnete die Tür zu Anatol Korkodus’ Zimmer. Obwohl er zuvor angekündigt hatte, im Bett zu bleiben, lag er jetzt angezogen und in Stiefeln auf dem Bett. Ungekämmt, die Stirn feucht und der kurze, zerzauste Bart bei jedem Atemzug erzitternd. Neben ihm, in Hüfthöhe, lag, geschlossen, das Kochbuch von Eronim Mox. Wie immer, nahm er auch jetzt nur eine Seite des Bettes ein, die andere blieb leer. Seitdem Roswitha ihn verlassen hatte, nutzte er nur die eine Hälfte, auf dem Kissen auf der anderen Seite war immer noch ihr Kopfabdruck zu sehen.
Mir ist ein bisschen schwummerig im Kopf, sagte ich, ich würde mir gern ein Gläschen Pálinka nehmen.
Mein Alter blickte nur kurz in Richtung des Schrankes, in dem er seinen Brombeerpálinka aufbewahrte.
Ich schenkte mir ein, zweimal, mit dem Rücken zu Anatol Korkodus, damit er nicht sah, wie meine Hand zitterte. Dann drehte ich mich halb zu ihm und sagte:
Es gibt da was, ich bin gespannt, was Sie dazu sagen. Nämlich, was Sie zu Balwinder sagen. Er ist durchgedreht oder er weiß etwas. Etwas, was wir nicht wissen. Er macht nichts, lungert und stromert nur herum und grinst.
Jeder hat mal einen komischen Tag, erwiderte Anatol Korkodus mürrisch. Wenn sein Gehirn von ungewöhnlichen Gedanken belagert wird. Kümmere dich nicht darum. Er hat mich gestern gebeten, ihn für ein paar Tage von der Arbeit freizustellen.
Und da ist noch etwas, so etwas haben Sie noch nicht gesehen, der Junge färbt sich die Haare. Sonst hätte er braune Haare, aber er hat da irgendwie gelbe Streifen hineingemacht. Ich besorge ihm eine alte Mütze, die ziehe ich ihm bis über beide Ohren und begleite ihn so zur Quarantäne, damit ihn unterwegs ja keiner in diesem Zustand sieht. Wollen Sie wirklich mit ihm sprechen oder können wir gleich los, wenn ich vom Boursin-Hof zurück bin?
Wieso sollte ich es nicht wollen? Deshalb habe ich ihn doch kommen lassen. Er soll so bald wie möglich hereinkommen.
Gegen Mittag habe ich das Tor knarren gehört, danach das Klirren der Töpfe auf der Türschwelle. Ein Kind hat das Essen aus der Kantine gebracht. Ich holte die Töpfe herein, legte noch ein wenig Kleinholz und einige Stücke Torf aufs Feuer und nahm meine Pelzweste vom Kleiderhaken.
Falls es zu kalt ist, kannst du es auf den Herdrand stellen. Rüttle ab und zu daran, damit es nicht anbrennt. Wenn es warm genug ist, kannst du es dir auftun und essen, denn ich muss jetzt los. Der Freitagvormittag gehört immer Fräulein Burszen.
Geh ruhig, wenn du zu tun hast. Es ist nicht schlimm, wenn du nicht hier bist.
Sag mal, kannst du zufällig Ungarisch? Falls du es auch nur ein bisschen kannst, könntest du ihr Unterricht geben. Sie ist nicht mehr sehr jung, aber in diesen ausgedorrten Frauen glimmt immer etwas.
Daniel Vangyeluk antwortete lange nicht, musterte mich nur mit seinem eisigen Blick.
Was willst du jetzt schon wieder von mir?
Während ich mir die Pelzweste überzog, versuchte ich es ihm zu erklären:
Du könntest meine Stelle übernehmen. Sie ist auch zufrieden, wenn du ihr nur vorliest. Sie wünscht sich nur, von den fremden Wörtern umschwirrt zu werden.
Doch das stieß auf taube Ohren.
Seit Jahren schon gehört der Freitagvormittag Klara Burszen. Das Fräulein grollt Jablonska Poljana ein bisschen und besucht die Siedlung nur an Feiertagen, weshalb ich einmal in der Woche für sie einkaufe und mit einem Zwerchsack über der Schulter zum Boursin-Hof gehe. Unterwegs leihe ich mir aus der Bibliothek der einstigen evangelischen Schule immer ein Buch in ungarischer Sprache aus und nehme es ihr mit. Das Fräulein versteht kein Ungarisch, verschlingt dennoch ein ungarisches Buch nach dem anderen. Wenn ich mit dem Zwerchsack ankomme, darin das Buch, bietet sie mir einen Platz an und bittet mich, ihr wenigstens ein oder zwei Seiten daraus vorzulesen, während sie mir Pfannkuchen mit Holunderblütensirup bäckt, wobei sie sich bemüht, selbst das Klappern der Töpfe zu vermeiden, damit keine einzige Silbe unbemerkt verfliegt. Das Ganze ist völlig vergeblich, sie versteht kein Wort, trotzdem lauscht sie ergriffen, mit geschlossenen Augen. Manchmal versuchen wir gemeinsam zu erraten, worum es in dem Teil wohl geht, den ich gerade gelesen habe. Aber wir kommen damit nie sehr weit.
Vor Kurzem hat sie in ihrem Kummer Frau Aliwanka aufgesucht, die ihr aus einem frisch vollgeweinten, triefnassen Taschentuch die Zukunft voraussagte. Sie sehe einen Mann in Uniform, ja, einen Offizier, der vom Medwaya-Pass hergeritten komme, die schneebedeckten Gebirgspfade entlang, auf der Suche nach ihr, Fräulein Klara Burszen persönlich. Und der besagte Offizier verstehe nur Ungarisch. Seitdem will das Fräulein unbedingt Ungarisch lernen. Aber in Verhovina haben schon immer wenige Ungarn gelebt, in Jablonska Poljana kaum welche und selbst von denen ist nichts weiter geblieben als einige Bücher mit vergilbten, zerbröselnden Seiten.
Auch an diesem Vormittag holte Klara Burszen sofort das mitgebrachte Buch aus meinem Zwerchsack und drängte mich zu lesen, während sie die Pfannkuchen backen würde. Im ersten Kapitel ging es wohl um eine Person namens Pipó Ozorai, denn der Name tauchte in dem Text gleich mehrmals auf. Mehr erfuhren wir nicht über ihn, das Lesen lief an diesem Vormittag sowieso nicht besonders gut, ich brachte die Sätze nur stockend heraus, manche Wörter erst nach mehrmaligem Anlauf. Zum Schluss, als sie mir, da es ja Freitag war, den Zettel mit den Lottozahlen überreichte, auf die sie in dieser Woche setzen wollte, bemerkte sie kühl:
Ich habe den Eindruck, dass Sie heute etwas angespannt und aufgewühlt sind. Aber das ist ja auch kein Wunder, schließlich müssen Sie sich mit dem Gedanken anfreunden, bald allein zu sein.
Ich? Was meinen Fräulein Klara damit?
Ihren Onkel oder wer das ist, bei dem Sie wohnen. Der ist nicht mehr lange unter uns. Seine Zeit ist abgelaufen, bald kommen Fremde und nehmen ihn mit. Wie man es in der Stadt sagen würde: Man wird ihn verhaften.
Ich starrte sie an, verständnisvoll, aber auch mit Mitleid. Eigentlich hätte ich schon daran gewöhnt sein können, dass sie manchmal den wildesten Blödsinn von sich gab. Für heute hatte sie sich auch etwas überlegt, gerade sie, die seit Weihnachten nicht mehr in der Siedlung gewesen war.
Verhaften? Das ist etwas für vornehme Leute. In dieser Gegend macht man das anders. Hier reißen sie einen einfach fort. Jeden, den sie wollen. Unter Umständen auch einen Brigadier wie Anatol Korkodus.
Und wenn in Verhovina jemand insgeheim, in der stillsten Stunde der Nacht abgeholt wurde, zog die Nachricht von allein los, mit der ersten Brise der Dämmerung von Haus zu Haus, so dass es am Morgen jeder wusste. Auch, dass sie denjenigen nie wiedersehen würden. Doch dass jemand davon schon zuvor erfahren hätte? So etwas hatte es noch nie gegeben.
Anatol Korkodus hatte mich noch am Abend zuvor gebeten, ihm irgendwann im Laufe des Tages vom Wirt Edmund Pochoriles ein paar Meerschweinchen mitzubringen. Weil ich mich am Morgen wegen der Kettensäge nicht hatte darum kümmern können, ging ich nun noch einmal in den Gasthof Zu den zwei Schnepfen. Bei der Gelegenheit wollte ich auch mit meiner Cousine, der kleinen rothaarigen Danczura einige Worte wechseln, die ebenfalls aus der Besserungsanstalt von Monor Gledin gekommen war und jetzt bei Pochoriles arbeitete. Der Wirt hatte vor Kurzem vom Kreisbeauftragten Hamilcar Nikonuk zwei Dutzend amerikanische Meerschweinchen bekommen, von denen er sechs Exemplare Anatol Korkodus versprochen hatte. Mein Alter hatte den Käfig auf dem hinteren Hof, der seit dem großen Hühnersterben im vergangenen Herbst leer stand, sogar schon mit etwas Stroh ausgelegt.
Pochoriles vermietet einige Zimmer über dem Gasthof, aus deren Fenstern man den gegenüberliegenden Man-Gold-Hof und den gesamten Markt überblicken kann. Immer, wenn ich zu diesen Fenstern hinaufsehe, sehe ich Schreckgespenster: Als würden zwei kahlgeschorene Männer in Kutten dahinter stehen und hinausstarren. Pochoriles frage ich vergebens, ob ich richtig sehe, er antwortet nicht, als hörte er gar nicht, was ich sage.
Aber die Näherin Aliwanka weiß von ihnen. Sie sieht die Welt im Wasser, auch in die Zukunft kann sie auf diese Art blicken, sie braucht nur ein bisschen Wasser oder etwas Wasserartiges. Nieselregen, Raureif, Tau oder Tränen eignen sich, aber auch die wilden Strudel der Jablonka. Gesehen hat sie die beiden Männer auch nicht, aber sie weiß von zwei in Kapuzenumhänge gekleideten Personen, die bereits seit Langem planen, zur Siedlung zu kommen. Vielleicht sind sie es, sind es ihre Vorverkörperungen, die hinter den Fensterscheiben flackern. Sie sollen Demján und Kozma heißen, Klosterbrüder sein und zum Heilen nach Verhovina kommen. Hier werden sie sich ein Zimmer mieten, den Gasthof nie verlassen, nur auf kleinen, auf Zäune geklebten, im Wind flatternden Zetteln für sich werben und mitteilen, dass sie von morgens bis abends Sprechstunde haben und die Patienten empfangen. Aliwanka sagte, sie seien blass, riechen ranzig und ihre Haut sei klamm.
Hm. Manchmal scheint es, als seien die Fenster im ersten Stock von Atem beschlagen.
Meine Cousine Danczura traf ich auf dem Gang an, beim Fegen, inmitten von Eimern und Wischlappen. Ich fragte sie, ob es Neuigkeiten gebe, ob sie nicht zufällig etwas von Roswitha gehört habe, die vor Kurzem aus Anatol Korkodus’ Haus und Jablonska Poljana verschwunden war.
Roswitha, das kleine gehegte und gepflegte Juwel, dieses lebende Schmuckstück, von dem man aufgrund seines Äußeren und der geringen Körpergröße gar nicht wusste, ob es wirklich eine erwachsene Frau war oder nur ein Mädchen, war Anatol Korkodus’ Hausliebling. Er zog sie an, kämmte ihr das Haar, hätschelte sie, kochte für sie und las ihr vor, obwohl er wusste: Roswitha war taub und stumm. Er behütete sie, als erwarte er in ihrer Person ein Wunder, den großen Tag der Wahrheit. Dieses Haustierchen, Roswitha mit dem goldenen Fell, war vor Kurzem entführt worden.
Danczura legte mir dar, dass entweder die Unterpräfektin etwas damit zu tun haben musste oder ihre Tochter. Denn die beiden waren in allem wie eins, man konnte nicht einmal mit Sicherheit sagen, wer die Mutter oder die Tochter der anderen war.
Auf dem Hinterhof des Wirtshauses, vor Edmund Pochoriles’ Sommerküche, bibberten unter einem gespannten Netz in einem Wäschekorb sechs Meerschweinchen. Anatol Korkodus sagte, Meerschweinchen würden von ihrer Geburt an ihr Ende erwarten, fortwährend nur schaudern und zittern, weil sie wüssten, dass sie nicht eines natürlichen Todes sterben würden.
Auf dem Heimweg ging ich, mit dem Korb unterm Arm, wieder auf dem Man-Gold-Hof vorbei.
Im Spitalhaus brannte auch jetzt Licht. Ich wartete, bis der letzte Patient herauskam und klopfte dann an die Tür. Als Nika Karanika mich erblickte und feststellte, dass ich kein Patient war, kam sie heraus und zog die Tür hinter sich zu. Ihren hellblauen Kittel hatte sie schon ausgezogen, jetzt trug sie ihre sandfarbene Pelzjacke mit den dunkelblauen und schwarzen Perlenreihen am Kragen. Der Petroleumgeruch war verflogen, jetzt stieg unter dem Kragen, aus dem Versteck ihres Busens der betäubende Duft von Kardamomöl auf.
Ich habe etwas erfahren, sagte ich in leisem, vertraulichem Ton zu ihr. Es gibt da zwei Personen, die auf der Suche nach Ihnen sind, sie wohnen im Gasthof von Edmund Pochoriles. In ganz Verhovina interessieren sie sich allein für Sie, für nichts anderes. Sie glauben, nur sie könnten Ihr leichtes Hinken heilen. Sollte irgendein kleiner Gegenstand in ihrem Rücken steckengeblieben sein, dann seien sie die einzigen, die diesen herausholen könnten. Ich flehe Sie an, flehe Sie wirklich an, passen Sie auf sich auf, wenn Sie ihnen begegnen sollten und glauben Sie ihnen nichts, ganz egal, was sie sagen.
Nika Karanika wies mich kühl ab:
Ich wüsste nicht, dass irgendjemand im Gasthof wohnen sollte. Wenn es aber so ist, wie Sie sagen, werden Sie gewiss auch mich aufsuchen. Und wer weiß, vielleicht bekommen sie das Ding ja tatsächlich heraus.
Niemals. Sie würden es nur noch tiefer hineindrücken. Deshalb sind sie nämlich gekommen. Ich könnte es nicht ertragen, wenn Ihnen etwas zustoßen würde.
Wieder höre ich so komische Sachen von Ihnen.
Sie müssen mich verstehen, vielleicht habe ich auch nur einen schlechten Tag. Einen sehr schlechten.
Gehen Sie nach Hause, Adam. Eines Tages unterhalten wir uns. Verstehen Sie? Eines Tages. Irgendwann, zum Sonnenuntergang an einem Sommerabend. Und wissen Sie was? Von einem meiner Patienten habe ich heute ein hohes, schmales Glas bekommen, ich denke, das ist für edle Getränke, da ich aber nur Wasser trinke, schenke ich es Ihnen.
Nika Karanika holte das in Seidenpapier gewickelte Glas, und da ich keine freie Hand hatte, steckte sie es über den zitternden Meerschweinchen in die Tasche meiner Pelzweste.
Und damit Sie sehen, dass ich auch an Sie denke.
Sie tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die feuchte Zungenspitze und malte mir ein kühles Kreuz auf die Stirn.
Der Topf mit dem Mittagessen, darin die drei Portionen Kraut, war immer noch an derselben Stelle auf dem Herd, wohin ich ihn gestellt hatte. Da das Feuer inzwischen erloschen war, zündete ich es noch einmal an und als es warm war, tat ich mir etwas davon auf. Daniel Vangyeluks Besteck war unberührt, er hatte sich nichts genommen, es war zu erkennen, dass er nichts angefasst hatte. Er lag immer noch auf der Truhenbank und starrte die Decke an.
Ich aß ohne ein Wort zu sagen, spülte den Teller, packte den kleinen Glaskelch, den ich von Nika Karanika bekommen hatte, aus dem Papier und sagte erst dann:
Du musst ja einen empfindlichen Magen haben, wenn du es nicht einmal kostest. Wenn dir das Kraut schon nicht gefällt, hättest du wenigstens die Kartoffeln heraussuchen können. Kartoffeln mag jeder.
Ich habe keinen Hunger.
Warst du bei ihm?
Er hat mich zu sich gerufen. Er sagt, er ist sich nicht sicher, dass ich dort einziehen muss, in dieses Quarantäneding oder wie ihr es nennt. Und auch wenn ich einziehe, hätte ich davor noch etwas zu erledigen.
Dann solltest du damit so schnell wie möglich anfangen. In der Zwischenzeit stelle ich die Papiere für deine Aufnahme aus und bringe dich dann persönlich hin. Bist du dir sicher, dass du es richtig verstanden hast? Dass du vielleicht gar nicht in die Quarantäne musst?
Er sagt, das überlässt er mir. Ich solle unterwegs entscheiden, ob ich wolle oder nicht. Er hat mich nämlich an einen Ort geschickt. Ich soll zum Damm gehen, sagt er. Aber wie du siehst, bin ich noch nicht einmal aufgebrochen.
Ganz allein? Gerade zum Damm? Selbst wenn du jetzt gleich losgehst, ist es nicht sicher, dass du bis zum Anbruch der Dunkelheit wieder zurück wärest.
Er sagt, ich solle beim Damm den Dammwärter Duhovnik suchen. Das sei sein Name, sagt er. Er habe nämlich die Nase voll von ihm. Er sagt, er würde es gerne sehen, wenn mit ihm etwas passieren würde. Mit dem Dammwärter.
Hast du dich nicht verhört? Das hat er gesagt, wortwörtlich?
Ja.
Dann müsstest du losgehen. Aber du schaffst es nicht mehr, heute zurückzukommen. Dabei müssen sie dich in der Quarantäne spätestens bis heute Abend angemeldet haben.
Aber, wie gesagt, vielleicht komme ich gar nicht mehr hierher zurück. Wenn ich den Alten richtig verstanden habe. Er sagt, ich werde es unterwegs entscheiden, er überlasse es mir. Was sagst du dazu?
Mich brauchst du nicht zu fragen. Du hast ja mit ihm gesprochen. Du musst wissen, was er will. Ich habe keine Ahnung, was er gemeint haben könnte.
Anatol Korkodus lag auch jetzt angezogen und in Stiefeln auf dem Bett, die grauen Haare hingen ihm in die Stirn, sein Bart war ungekämmt und zerzaust. Neben ihm lag auf der Tagesdecke, geöffnet, das Märchenbuch von Eronim Mox. Ich setzte mich ihm gegenüber und nachdem ich vergeblich darauf wartete, dass er mich ansah, sprach ich ihn an.
Ich habe die Schweinchen mitgebracht.
Er antwortete nur mit einem tiefen Atemzug. Nach einer Weile versuchte ich fortzufahren:
Zwei sind pechschwarz und vier sind gescheckt. Es sind reife Exemplare, die wachsen nicht weiter, können jederzeit geschlachtet werden. Aber hoffentlich wirft Tatjána kein Auge auf sie.
Nach einer Pause:
Die Unterpräfektin hat ihre Haare kurz schneiden und sich mit Petroleum einschmieren lassen. Vielleicht ist es aber auch ihre Tochter. Sie hat wohl Läuse. Wahrscheinlich will sie verreisen oder jemandem gefallen.
Als hätte er mich gar nicht gehört, sagte er:
Erinnere mich morgen daran, euch noch schriftlich zu geben, was ich euch schon gesagt habe. Falls ich sterben sollte, sollt ihr mich in der Thermalquelle Nummer zwei mit den blauen Kristallen bestatten. Lasst mich angekleidet hinunter, mit Steinen in den Taschen. Du wirst sehen, dort werde ich mich jahrelang halten. Wenn du mich besuchen möchtest, zum Beispiel an meinem Namenstag, gehst du mit einer Scheibe Milchzopf und einer Kanne Wein dorthin und siehst nach mir.
Ich musste schlucken und wartete, ob er noch etwas hinzufügte.
Doch Anatol Korkodus schwieg, seine Hand zuckte immer wieder, als wollte er abwinken. Draußen hörte man die Traufe tropfen. Aus der eisigen Kälte der Küche war das Ticken des Weckers zu vernehmen. Ich wischte das beschlagene Fenster mit der Hand ab und blickte hinaus.
Ich wollte Ihnen diesen Balwinder zeigen. Und da verschwindet er, jetzt sehe ich ihn nämlich nirgends. Es mag ja sein, dass er seinen freien Tag hat, trotzdem weiß ich nicht, warum man den ganzen Tag am Gartenzaun herumlungern muss. Er steht nur da, mitten auf dem Hof, gafft und grinst. Das hat er bisher nicht gemacht. Aber jetzt hat er sich endlich getrollt. Er benimmt sich so, als wüsste er etwas. Es wäre gut, wenn Sie mit ihm Tacheles reden würden.
Ich räusperte mich und fuhr leiser fort:
Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist, aber es ist mindestens zwei Wochen her, als das Telefon das letzte Mal geklingelt hat. Wir hatten keinen einzigen Anruf. Es herrscht tiefe, tiefe Stille. Offenbar will Sie zurzeit keiner sprechen.
Anatol Korkodus blickte auch jetzt nicht auf. Das bedeutete, dass ihn überhaupt nicht interessierte, was ich sagte oder noch eher, dass er all das auch selbst wusste. Er sah mich auch nicht an, als er nach einer guten Weile fragte:
Ist er gegangen?
Ich habe die Tür nicht gehört. Habe ihn auch nicht gesehen. Aber, wenn ich es wirklich will, weiß ich, was hinter einer Wand geschieht. Jetzt zum Beispiel weiß ich, dass er gegangen ist, kurz nachdem ich zu Ihnen gekommen bin.
Was denkst du, macht er das, worum ich ihn gebeten habe?
Ich weiß nicht, Anatol Korkodus. Ich weiß nicht, warum Sie mich so etwas fragen.
Aber Sie müssen doch etwas darüber denken.
Ich weiß es nicht. Und auch nicht, was zur Hölle Sie an diesem Jungen gefressen haben. Dass Sie gerade den herholen mussten.
Nichts. Genau das ist es ja. Jetzt habe ich gerade so einen Jungen gebraucht, so ein Nichts.
Es ist nicht schön, von Ihnen so etwas zu hören.
Ach was. Irgendwann stellt sich doch über jeden etwas heraus. Wozu sich immer verstellen.
Ich weiß nicht, was mit Ihnen los ist. Früher haben Sie so etwas nicht gemacht.
Habe ich wohl. Nur wusstest du nichts davon. Nicht einmal ich selbst wusste es. Aber kümmere dich jetzt nicht darum. Er hat ein bisschen Geld bekommen, egal, wohin er geht, eine Weile wird er sich damit durchbringen.
Und es kommt ja auch das Tauwetter, bei den Regenbogenforellen ist bald Laichzeit. Gibt es schon einen neuen Dammwärter, einen zuverlässigen Teichmeister, der Duhovniks Stelle übernimmt?
Dort braucht es niemanden mehr. Jemand, der vielleicht gerade Duhovnik heißt, hat im Herbst einen Graben ausgehoben, damit das Wasser unter den Berghalden in den See sickert. Unter dem Eis schweben die toten Forellen in einer dicken Schicht. Irgendwann in den nächsten Tagen gehst du mit Balwinder zum Damm und wenn die Schleusen aufgetaut sind, öffnet ihr sie und lasst das Wasser aus dem ganzen See ab.
Gut, wir gehen, wann immer Sie es sagen. Aber wenn Sie es sich jetzt doch anders überlegen sollten, lass ich einen Esel aufsatteln und hole den Bengel ein, noch bevor er Duhovnik findet. Ich bringe ihn zurück und begleite ihn in die Quarantäne.
Ach was. Du verstehst gar nichts. Davon kann jetzt nicht mehr die Rede sein.
Das Feuer in der Küche war wohl schon seit Langem erloschen, zwischen der Lüftung und dem Ofenrohr heulte ein Luftzug, das mal lauter, mal leiser werdende Ticken des Weckers flog wie ein verirrter Käfer im Raum umher, prallte manchmal gegen eine Wand. Eine Weile saß ich nur da, die Ellbogen auf der Tischplatte und rieb mir mit dem Handrücken die brennenden Augen. Seit dem vergangenen Abend hatte ich tatsächlich nicht viel geschlafen.
Plötzlich hob ich den Kopf, mein Blick fiel auf den leeren Türpfosten. Dorthin, wo sonst immer Tatjánas Leine hing. Sie hatte auch noch da gehangen, als ich zu Anatol Korkodus gegangen bin. Aber jetzt war sie nicht da. Ich stand auf und sah mir die Stelle von Nahem an, den nackt aus der Wand stehenden Nagel. Tatjána war also auch weg.
Das Paar Gummistiefel, das ich bei den Tataren gekauft hatte, lag vor der Bank, so, wie ich es hingeworfen hatte. Dabei gab es oben beim Damm noch Schnee, der Weg dorthin war matschig vom Schmelzwasser und der Anstieg vereist.
Daniel Vangyeluk musste schon weit weg sein. Er war barfuß losgezogen, um den Dammwärter Duhovnik zu suchen.
Es war ein elender Tag, ich setzte mich wieder an den Tisch, stützte die Ellbogen auf und wartete, dass sich der Abend endlich auf uns herabsenkte. In der Nähe meines Gesichtes glänzte ein kleiner schmaler Kelch, mit dem krummen Spiegelbild des lila Fensters auf dem Stiel. Der kleine schmale Kristallkelch, den mir der kleine Sperlingsdämon Nika Karanika an diesem Tag geschenkt hatte. Wie ich ihn so betrachtete, verdoppelte sich seine Silhouette in meinem feuchten Blick manchmal, erzitterte, kam näher und entfernte sich wieder, verschwamm oder erstrahlte gerade und ließ dabei sogar die Luft vibrieren. Schließlich, während mich die Wellen des nahenden Traumes allmählich überspülten, erklang der Kelch von selbst, als hätte ich den ganzen Tag nur auf diesen kristallenen Ton gewartet, auf dieses langsam anschwellende Summen.
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