Die Vögel von Verhovina
8. (Fräulein Klara Burszen)
Am Abend vor seiner Verhaftung trimmte sich Anatol Korkodus den Bart, zog sein nagelneues, Festtagen vorbehaltenes Hemd an, band sich eine Fliege um, zog das graue, uniformartige Wollsakko über, das am Kragen, den Manschetten und den Taschen mit dunkelgrünen Samtverzierungen geschmückt war, dann trank er eine kleine Flasche hausgemachten Enzian-Pálinka und ein Gläschen Brombeerwein und aß bis zum Morgen, als er abgeholt wurde, dreieinhalb im Ganzen gebratene Meerschweinchen.
Mein Alter hatte schon seit Tagen nichts mehr gegessen, doch er hatte sich wohl, nachdem er aus einigen kleinen Anzeichen und später aus einer ziemlich verlässlichen Quelle erfahren hatte, dass alles vorbei war, beruhigt, so dass er gegen Abend offenbar wieder Appetit hatte. Es sollte wahrscheinlich so etwas wie ein Abschiedsmahl werden. Während ich ihm zusah, wie er sich bedächtig, ja, tatsächlich über mehrere Stunden, vollstopfte, brachte ich keinen Bissen hinunter. Jetzt sah es wirklich ganz danach aus, dass ich allein bleiben würde. Mein Alter war am Ende seiner Wege angelangt.
Im Wasserschutzbezirk, den Brigadier Anatol Korkodus im Auftrag ferner Mächte leitete, und der sich von den Seen der Brusztyina über das ehemalige Gut der Czervenskys ganz bis zu den Wäldern der Mentelina erstreckte, passierte plötzlich so manches. Angefangen zum Beispiel damit, dass noch in der ersten Woche des Sommers, am Höhepunkt des ohrenbetäubenden Gezwitschers, der Wald plötzlich verstummte und ausstarb. Unbekannte hatten entlang der Jablonka mit langen Stöcken die Nester von den Bäumen geschlagen, wo sie sie nicht erreichten, mit Feuerspritzen von den Ästen gespült, das Laub mit irgendeiner stinkenden Flüssigkeit besprüht, die Ruheplätze der Wandervögel mit Teer beschmiert, woraufhin die Vögel die Gegend von einem Tag auf den anderen verließen und außer den schweigsamen Krähen keine mehr blieben.
Es war zu ahnen, dass das mit den Vögeln nur der Anfang war. Derjenige, der sich das ausgedacht hatte, würde es nicht dabei belassen.
Deshalb schickte Anatol Korkodus einen Bericht darüber nach Monor Gledin, an die Zentrale für Landschaftsschutz und einen weiteren an die Gendarmerie, und er schrieb auch an den Bischof von Lemberg. Er wartete, wartete, wochenlang, erhielt jedoch von keinem eine Antwort.
Dann waren die Bienen an der Reihe. Eines Nachts im Herbst brannten in den vom Duft reifer Früchte erfüllten Gärten von Jablonska Poljana alle Bienenstöcke und Zwetschgenbäume ab – es geschah bei windstillem Wetter –, so dass über den klebrigen verkohlten Baumstümpfen noch tagelang nach Karamell duftender Rauch in der Luft hing. Nun fuhr Anatol Korkodus persönlich nach Monor Gledin, da er aber niemanden fand, der ihn angehört hätte – manche sagten, der Hauptmann empfange gerade eine Delegation, andere wiederum, dass er eine Außenstelle besuche – hinterließ er bei den verschiedenen Ämtern erneut schriftliche Berichte, und dem Bischof schilderte er den Vorfall in einem Telegramm, das mehr als hundert Wörter beinhaltete. Er fuhr nach Hause und wartete, wartete, aber eine Antwort erhielt er auf keine seiner Eingaben.
Als dann vor Einbruch des Winters durch einen sorgfältig ausgehobenen Graben aus den Abraumhalden irgendeine in prächtigem Lila, Grün und Rot schillernde zähe Flüssigkeit von beißendem Geruch in den Fluss rann, so dass die Wasseroberfläche mit den Kadavern von Forellen, Groppen, Rotfischen und anderen mehr bedeckt war, und in dem Dunst über dem Flussufer, hervorgerufen durch die Gase der Verwesung, sogar nachts noch ein betörendes Trugbild waberte, schrieb Anatol Korkodus erneut einen Bericht.
Er gab eine detaillierte Schilderung dessen, was er neuerdings in der Gegend wahrnahm und bat um unverzügliche Untersuchung der Ereignisse durch die entsprechenden zuständigen Behörden. Doch als er seine Aufzeichnungen, an denen er einen ganzen Nachmittag lang gearbeitet, sie mit Kugelschreiber auf nummerierte Seiten, mit Durchschlagpapier zugleich in mehreren Exemplaren angefertigt hatte, zum Schluss noch einmal durchlas, riss er, mit Ausnahme von einem Exemplar, alle in kleine Stücke. Als wäre ihm plötzlich klar geworden, dass er auch die anderen Berichte nicht hätte verfassen sollen.
Gegen Ende des Winters, in der Zeit, in der es in der Siedlung nicht viel zu tun gibt, überlegte sich Anatol Korkodus eines Tages, nach Monor Gledin zu fahren, in die Besserungsanstalt, und sich die Personalakten und Fotos derer geben zu lassen, die man demnächst entlassen würde und wenn er aufgrund dieser Informationen an einem von ihnen Gefallen finden würde, wolle er ihn einladen, unter seiner Obhut in der Siedlung ein neues Leben zu beginnen. Er hatte auch schon früher Kinder hergeholt, alle drei bis vier Jahre unternahm er einen Versuch mit einem von ihnen. Also ging er früh am Morgen zur Bahnstation, füllte das Formular für seine Freifahrkarte aus, riss den entsprechenden Abschnitt ab, damit Bahnhofsvorsteher Stecc ihn unterschrieb und mit seinem Stempel bestätigte, dass er für den Zug gültig war, der an diesem Tag fahren würde. Der Zug stand schon da, doch der Bahnhofsvorsteher nahm den Abschnitt nicht entgegen, sondern bedeutete ihm nur mit einer Kopfbewegung, ihm zu folgen. Der Vorsteher Stecc wohnte im Bahnhofsgebäude und nun ging er mit dem Brigadier nach hinten, in die kleine, aus einem einzigen Raum bestehende Dienstwohnung. In der Wohnung setzte er seine Mütze ab, sein Kopf leuchtete, er war vollkommen kahlrasiert.
Hör zu. Wenn du unbedingt fortwillst, dann versuche, auf einem anderen Weg hinauszugelangen.
Aber der Zug steht doch da.
Von mir kannst du keinen Stempel bekommen. Ich darf dich nicht einsteigen lassen. Du kannst es versuchen, aber die Kontrolleure werden dich schon bei der Furt von Tuverkan aus dem Zug werfen. Das ist alles, was ich dir sagen kann.
Gut, dann stelle ich keine Fragen.
Den Zug wird es hier übrigens nicht mehr lange geben. Angeblich sind fremde Arbeiter in die Gegend gekommen, die etwas weiter weg bald mit der Demontage der Zugbrücken beginnen werden. Die Gleise werden sie sicherlich auch abbauen.
Das hätte ich mir denken können.
Damit wandte sich Anatol Korkodus zum Gehen, doch dann sagte er noch zum Vorsteher:
Wo sind denn deine Haare geblieben?
Ich wurde geschoren.
Das sehe ich. Gerade jetzt, im Winter fällt dir so etwas ein?
Du stellst Fragen. Es sind zwei Gestalten gekommen, die haben gesagt, was ist denn das für eine Frisur? Dann haben sie mich geschoren. Ich habe es bestimmt nicht gewollt.
Wann ist das passiert?
Heute Morgen.
Wer waren die Leute?
Woher soll ich das wissen?
Einige Tage danach wurde mein Alter von Lorenz Fabritius, dem ehemaligen evangelischen Pfarrer des Ortes, aufgesucht, die beiden schlossen sich im Büro ein und unterhielten sich kurz, vielleicht nur acht bis zehn Minuten, so leise, dass kein einziger Ton zu hören war. Seitdem die Lutheraner in Jablonska Poljana ausgestorben waren, hatte Fabritius nichts anderes mehr zu tun, als die zum Verfeuern bestimmten Bücher der Schulbibliothek zu katalogisieren und um sein tägliches Brot zu verdienen, arbeitete er ein wenig als einfacher Schreiber in der Wachtmeisterstube von Hamilcar Nikonuk. Ein solcher Schreiber, der still vor sich hin kritzelte oder eben gerade geräuschvoll auf der Schreibmaschine herumhämmerte, konnte über vieles Bescheid wissen.
Nachdem der Pfarrer gegangen war, klingelte Anatol Korkodus, damit ich zu ihm kam.
Es würde mich freuen, wenn du weggehen würdest. Ich gebe dir ein paar Adressen, wo man dich gerne empfangen wird.
Wenn es nicht sein muss, würde ich lieber bleiben. Ich gewöhne mich langsam ein.
Du wirst schon noch von dir aus gehen.
Noch am selben Abend, kurz vor Ende der Öffnungszeit, besuchte er Frau Aliwanka in der Näherei für Unterwäsche. Die meisten gingen zu Aliwanka, weil sie Bekannten oder denen, die man ihr empfahl, einfach so, ohne etwas dafür zu verlangen, gerne die Zukunft voraussagte, denn sie verfügte über sonderbare Kräfte. Aber Anatol Korkodus brachte ihr jetzt nur ein einen Meter vierzig langes Stück hellgrauen Popeline-Stoffes, damit sie ihm daraus ein Festtagshemd nähte. Er bat sie zudem, auf die Brusttasche und die Kragenflügel aus silberweißem Seidenfaden das Monogramm A.K. zu sticken und die Manschetten eine halbe Spanne länger zu lassen, damit sie unter der Jacke hervorlugten. Die für andere Menschen unergründlichen, fernen oder zukünftigen Ereignisse versuchte Aliwanka meist mit Hilfe von Wasser, anderen Flüssigkeiten oder zumindest etwas Feuchtem zu erkunden, so betrachtete sie auch diesmal, nachdem sie bei Anatol Korkodus Maß genommen hatte, wie besessen die Tropfen auf seinem schneenassen Mantel. Doch mein Alter hielt sie noch rechtzeitig auf.
Ich bitte Sie, lassen Sie das. Glauben Sie mir, selbst wenn Sie etwas sehen sollten, ist es besser, wenn Sie es dieses eine Mal für sich behalten.
Als das Hemd fertig war, schickte er mich, um es abzuholen, außerdem bat er mich, auf dem Rückweg bei der Friseurin Anka Vaczulika drei rote Kunstblumen zu bestellen, sie sollten möglichst Rosen ähneln, die Blüten aus mit Nagellack behandelter Seide, die Blätter aus Taft und das Ganze solle in Zellophan verpackt und mit einem Silberband zusammengebunden werden.
An dem Tag kamen mittags die Wasserleute, die er auch noch empfing. Ohne ein Wort zu sagen, stand er neben den Tanks und als diese gefüllt waren, drehte er die Hähne eigenhändig zu. Am Nachmittag wusch er sich die Haare, zog sein neues Hemd an und ging mit dem folienumhüllten Blumenstrauß über den verschneiten Boursin-Hang zum Boursin-Hof, zu Fräulein Klara Burszen, um sich nach einem seit neunzehn Jahren anhaltenden Groll bei ihr zu entschuldigen. Damals hatten sie sich während einer Partie Tric Trac zerstritten, was auch zuvor schon vorgekommen war, doch da Anatol Korkodus in seiner blinden Wut dem Fräulein eine Flasche Walnusslikör auf den Kopf geschüttet hatte, schworen beide, dass ihr Groll diesmal nicht eine Woche, sondern ihr ganzes Leben lang anhalten würde. Offenbar spürte Anatol Korkodus nun, dass er am Ende des seinen angekommen war.
Klara Burszen war als lustige alte Jungfer geboren worden, doch in den vergangenen Jahren war der letzte Rest ihrer guten Laune verflogen: Sie trug zerschlissene Blusen, ihr Blick war fahl geworden und sie sah insgesamt aus wie ein alter Muff, dem das Fell ausfiel. Ihre Stirn war glanzlos, ihre Gestalt ausgemergelt und ihre Küche roch stark nach Katze. Doch als sie jetzt Anatol Korkodus erblickte, wie er mit dem Strauß in der Hand, bereits diesseits des Zauns, auf dem Gartenpfad gerade am Grab das ungarischen Offiziers direkt auf ihren Hauseingang zukam, löste sie den Knoten in ihrem schütteren Haar, legte sich ein großes, weiches Wolltuch über die Schultern und erwartete ihn. Nachdem sich die von der Begegnung ausgelöste erste Erregung gelegt hatte, buk sie Pfannkuchen und öffnete eine gute Flasche selbstgemachten Walnusslikör, wobei sie, wie ehemals, bis zum nächsten Morgen in der kalten Küche Klabrias spielten.
Dort fand ich sie, mit roten Augen, unausgeschlafen, als ich früh am nächsten Morgen an der Tür klopfte. Da die Schlüssel des öffentlichen Waschhauses am Tag zuvor in der Tasche meines Alten geblieben waren, musste ich ihn stören, um es zur gewohnten Zeit, um acht Uhr, öffnen zu können. Nun beschloss auch er aufzubrechen. Unwillig und etwas unbeholfen verabschiedeten sie sich an der Türschwelle. Als würde sie sich an ihm festhalten wollen, ergriff das Fräulein einen Knopf an seiner Jacke.
Ich weiß sehr wohl, aus welchem Grund Sie mich besucht haben.
Wirklich? Können Sie ihn mir verraten, denn auf den wäre ich auch neugierig.
Der Grund ist, Korkodus, dass wir beide uns nicht mehr sehen werden.
Anatol Korkodus zwinkerte ihr vertraulich zu und sagte:
Das ist gut möglich.
Statt ihn nach diesen Worten traurig anzusehen, ergriff Klara Burszen wütend seine Hand und biss sie.
Noch am selben Abend suchte Anatol Korkodus, nachdem er seine Hand ordentlich hatte bluten lassen und anschließend mit einem feuchten Tuch umbunden hatte, in den Schubladen seines Schreibtisches hastig nach dem unversehrten Exemplar seiner Berichte, vielleicht, um es ebenfalls zu zerreißen oder an einem geheimeren Ort zu verstecken oder, was am sichersten wäre, um es aufzuessen, doch er fand es nicht. Es war nicht dort, wo er es hingelegt hatte. Es war nirgends.
Er überlegte eine Weile, dann machte er Feuer im Küchenofen, stopfte ihn mit harten Holzscheiten voll und als auch schon die Kochplatte rot glühte, räumte er seine Schubladen aus und verbrannte alle Papiere, auch die persönlichen Dokumente. Auf seinem Tisch blieb nur die Akte des Ehepaars Augustin, die er sich zum Durchlesen von Wachtmeister Hamilcar Nikonuk ausgeliehen hatte, als die beiden gestanden hatten, dass sie zehn Jahre zuvor Strom in die Nyegrutz- und Gleznár-Kinder geführt hatten. Alle anderen Schriftstücke, die jährlichen Übersichtstabellen und Protokolle inbegriffen, jedes einzelne Blatt, wurden vernichtet. Nur die Kassette mit dem Geld rührte er nicht an, in der alle Coupons und die Quittungen der Buchführung mehrerer Jahre lagen. Schließlich verbrannte er noch einige alte Kleidungsstücke, Hemden, Jacken und ganz zum Schluss stopfte er sogar noch seinen Diensttarnanzug in den Ofen zwischen die brennenden Papierstapel. Er stand im beißenden Rauch vor der geöffneten Ofentür und beobachtete den Haufen, wartete, bis dieser endgültig verglühte und durch einen Luftzug ganz in sich zusammenfiel. Dann kippte er einen Eimer Wasser darüber. Unsere Blicke trafen sich zwar manchmal, aber es gab nichts zu reden. Der Abend verging ohne ein Wort.
Seitdem der Pfarrer bei ihm gewesen war, hatte ich ihn fast gar nicht essen sehen. Sobald uns etwas aus der Kantine gebracht wurde, zog er sich, auf der Flucht vor den aus den Behältern aufsteigenden Düften, in sein Zimmer zurück und blätterte, als hielte er Nahrung in der Hand, im Märchenbuch von Eronim Mox. Einmal schickte er mich dann doch zum Man-Gold-Hof, um Ziegenmilch zu holen, die er, ohne sie aufzukochen, den Nachmittag über in kleinen Schlucken trank. Dabei stand er hinter dem Vorhang seines Büros, starrte, als erwartete er jemanden, auf den Hof und auf die von schlammigen Schneehaufen gesäumte Straße hinterm Zaun und runzelte die Stirn, wenn der Wind ab und zu eine Hälfte des Tores ergriff. Doch es kam niemand.
Tatsächlich kam niemand, denn derjenige, dessen Ankunft er erwartete, kommt meist in der Nacht. Er tritt aus der undurchsichtigen Dunkelheit, aus der Tiefe der größten Stille, sozusagen aus dem Nichts plötzlich hervor und klopft an. Oder klopft gar nicht erst an, kommt nur herein. Ist plötzlich da. Um einen mitzunehmen.
Am letzten Tag gab es noch einige seltsame Ereignisse. Am Morgen, als ich ihm erzählte, dass in der vergangenen Nacht im kommunalen Stall jemand die Esel geschoren hatte, ohne Ausnahme jeden, nickte er zustimmend. Ja, das ist möglich, sagte er, das ist die Trauer, das Zeichen des Schmerzes, mit so etwas ist jederzeit zu rechnen. Der Verlust von jemandem, von einer geliebten Person bringt einfühlsame Menschen zu einer solchen Tat. Es wird um jemanden getrauert.
Und am späten Nachmittag, während er neben seinem leeren Schreibtisch schlummerte, kam überraschend die Tochter der Unterpräfektin Vaneliza Nikonuk vorbei und schmetterte die zweihundert Coupons auf den Tisch, die sie sich eine Woche zuvor vom Brigadier geliehen hatte, aus der Kasse der Behörde, wobei sie ihn mit in den Augenwinkeln glänzenden Perlen angefleht und gesagt hatte, sie stecke in großer Not und müsse heimlich ihren Fötus abtreiben lassen. Obwohl sich mein Alter wahrscheinlich niemanden hatte vorstellen können, der bereit gewesen wäre, dieses dürre, altkluge, farblose Mädchen mit dem Dachsgesicht zu schwängern, hatte er ihr zweihundert Coupons für die heimliche Abtreibung gegeben. Jetzt stand sie da, die Hände in die Hüften gestemmt, als wäre sie es gar nicht, sondern ihre Mutter, auf ihrem weißen Gesicht tummelten sich Sommersprossen, ihre spröden, fahlen Haare standen vor Zorn zu Berge und entluden sich in kleinen Funken. Als Anatol Korkodus das auf den Tisch geworfene Geld sah, zuckte er mit den Schultern und gab ihr den Beleg über die geliehene Summe zurück, den die Tochter der Unterpräfektin, um die Nase wieder diese zitternden, dachsartigen Züge, wütend zusammenknüllte. Sie zischte ihn an, als hätte er ihr die Hilfe zuvor regelrecht aufgezwungen, versucht, sie in irgendeine zwielichtige Angelegenheit zu verwickeln. Anatol Korkodus solle sich das nächste Mal besser überlegen, wem und vor allem zu welchem Zweck er aus öffentlichen Geldern etwas leihe, denn, falls er es nicht wisse, Abtreibung sei verboten, ein staatsfeindliches Verbrechen. Und er solle ein für alle Mal zur Kenntnis nehmen, dass sie auf keine Hilfe angewiesen sei, von niemandem, vor allem nicht auf die der Wasseraufsichtsbrigade, denn sie lebe im Wohlstand und brauche gar kein Geld. Es war ihr anzusehen, dass sie kurz zuvor vor einem Spiegel geübt hatte, was sie sagen und welche Haltung sie dabei einnehmen wollte. Als sie ihre Rede beendet hatte, schien ihre gespielte Wut zu verfliegen, ihre Sommersprossen beruhigten sich, die Haare fielen herab und das Gesicht glühte nun eher vor Scham. Mit dem verstörten Lächeln von Verzweiflung und Angst in den winzigen Dachsaugen eilte sie fort, ganz so, als würde sie irgendwo irgendwer schon sehr erwarten. Es stellte sich nie heraus, wozu nun auch das noch gut sein sollte.
Sie hinterließ einen etwas bitteren, eisigen Lufthauch, einen, wie ihn der Wind an schwülen Nachmittagen von hagelgeschlagenen fernen Wiesen herbeiweht, um vor dem Nahen des Sturmes zu warnen.
Aber jetzt war noch Winter, draußen fiel still Schnee, und auf dem Weg zum Tor waren die bläulichen Fußspuren der Unterpräfektinnentochter zu sehen. Ich wollte etwas sagen, zum Beispiel, dass es schade war, sie gehenzulassen, ohne dass sie verraten hätte, wer sie geschickt hatte, doch ich bemerkte noch rechtzeitig, dass Anatol Korkodus den Zeigefinger vor den Mund gehoben hatte. Es gab nichts mehr zu sagen.
Trotzdem muss ihn dieser dumme Vorfall ein letztes Mal aufgewühlt haben. Er schloss das Büro zu, zog sich an und ging, sein Gesicht hinter dem aufgeschlagenen Mantelkragen verbergend, langsam im Kreis, spuckte ausgiebig in die Fußspuren der Tochter der Unterpräfektin und das machte er so lange, bis in der Dunkelheit um ihn herum nur noch der Schnee leuchtete. Dabei ertönte nach der Stille all der Wochen im Büro, wie von dem vorherigen Lufthauch herbeigeweht, das Telefon. Obwohl mein Alter es hörte, sogar bis zur Tür ging und mit zur Seite geneigtem Kopf neugierig lauschte, als wollte er die im Klingeln verborgene Botschaft entschlüsseln, betrat er das Büro nicht, hob den Hörer nicht ab.
Witzbold. Der will ja nur wissen, ob ich da bin.
Wen er meinte, sagte er nicht.
Später kam er ins Haus und musterte mich lange und argwöhnisch, als wollte er aufgrund meiner äußeren Erscheinung feststellen, ob ich dessen würdig sei, was er mir mitteilen wolle. Schließlich sagte er:
Du hast bestimmt auch gesehen, dass es draußen schön still schneit.
Natürlich habe ich es gesehen. Es schneit, seitdem die Wasserleute hier waren.
So ist es. Kurz nachdem die Wasserleute losgefahren sind, kam von den Gipfeln der Medwaya eine N-förmige Wolke übers Tal. Genauso eine wie in meinem Traum. Daraus fällt der Schnee so schön.
Das habe ich nicht gesehen. Und, ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, aber ich habe noch nie eine N-förmige Wolke gesehen, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie eine N-förmige Wolke aussehen soll.
Na ja, wie ein großer, fransiger, an den Himmel projizierter Buchstabe N. Er steht für: Nikita.
Im Märchenbuch von Eronim Mox und in ganz Verhovina ist Nikita der Name für den Tod.
Und als wäre all das nicht schon genug, tauchte mitten im größten Schneefall der schielende Balwinder, das Faktotum der hiesigen Behörden auf. Wenn er sonst ungebeten vorbeikam, klopfte er höflich, und wartete auf der Türschwelle stehend, die Mütze in der Hand, dass man ihm die Tür öffnete. Jetzt kam er einfach, tropfnass, wie er war, in die Küche, als wäre er zu Hause, schüttelte den Schnee ab und blieb vor dem Tisch stehen.
Als Anatol Korkodus ihn fragte, welchem Umstand er diesen Besuch verdanke, worum es gehe, sagte Balwinder nur mit matter Stimme: Sein Herz habe ihn hergeführt. Er sei nur gekommen, um sich zu verabschieden, einen schönen guten Abend zu wünschen, denn der Abend nahe, der Tag sei bald zu Ende und er habe den Brigadier noch einmal sehen wollen. Und er bitte ihn, egal was geschehe, keinen Augenblick lang mit Groll an ihn zu denken.
Damit wandte er sich um und ging.
Da wichste Anatol Korkodus seine Stiefel, trimmte sich den Bart, wusch sich, streute etwas Cedar-Puder in die Achselhöhlen und zog sich noch ein letztes Mal für eine Weile in sein Zimmer zurück. Es war schon spät, als er die Glocke läutete, um mich zu rufen. Er erwartete mich im Büro, hatte sich umgezogen und eine dunkelrote Fliege mit silbernen Punkten umgebunden, die er nie zuvor getragen hatte, und an die Brust hatte er sich den Birtz-Verdienstorden geheftet, den er bisher immer in seiner Schublade, in einer prächtigen Schachtel aufbewahrt hatte.
In der Schublade bewahrte er noch andere Dinge auf, so zum Beispiel ein gewöhnliches, mit Metallbändern verstärktes Kästchen. Das holte er nun hervor und gab mir den Schlüssel.
Öffne es.
Es war voller Hunderter-Coupons. Wie der Luftzug zwischen die Scheine fuhr und sie ein bisschen bewegte, als wären es Schmetterlingsflügel, erschien es mir viel, sehr viel zu sein. Rasch schloss ich das Kästchen und drehte den Schlüssel im Schloss, damit sie nicht hinausflogen.
Was soll ich damit machen?
Du wirst es brauchen.
Wieso, wohin gehen Sie denn?
Ich weiß nicht. Wohin man mich bringt.
Und wann kommen Sie zurück?
Nie.
Sagen Sie aber noch etwas, damit ich es verstehe.
Daraufhin winkte er nur ab. Dann fügte er aber doch noch leise hinzu:
Blättere im Kochbuch von Eronim Mox. Und es wäre nicht schlecht, heute noch einmal zu Abend zu essen.
Er schickte mich ins Zwei Schnepfen, Edmund Pochoriles’ Wirtshaus, um einen Krug Brombeerwein zu holen und bat mich, während er den Ofen anfeuerte und dieser ausreichend heiß wurde, für ihn vier bis fünf Meerschweinchen zu häuten.
Vier oder fünf?
Genau. Ich habe Hunger.
Damals hielten wir im Hühnerkäfig einige, mein Alter hatte sie vom Bezirksbeauftragten Hamilcar Nikonuk bekommen. Angeblich waren sie von der südamerikanischen Sorte, die anspruchslos ist, nicht so leicht friert, wenig frisst und trotzdem das zarteste Fleisch hat. Bis jetzt hatten sie dem Alten leidgetan und er hatte sie nicht schlachten wollen. Doch nun hatte ihre Stunde geschlagen. Der etwas bittere Lufthauch des Abends hatte wohl auch sie berührt, denn als ich beim Gartentor ankam, drängten sie sich vom Schrecken gepackt in der Ecke des Käfigs zusammen, erstarrten und zwitscherten wild wie Vögel.
Als ich mit ihnen fertig war, sie ausgenommen, gehäutet, gewaschen, dann gewürzt und mit Kürbiskernöl bestrichen hatte, in das zuvor Thymian und Koriander eingelegt war, und sie zwischen Wildbirnenschnitzen in einer Backpfanne in den Ofen getan hatte, saß Anatol Korkodus bereits festlich gekleidet in der Küche, an seinem gewohnten Platz, am Ende des Tisches. Zuerst trank er Pálinka, von dem er auch mir mehrmals etwas anbot, danach schenkte er sich Brombeerwein ein und notierte mit großen, runden Buchstaben etwas in ein Heft, das bis dahin mit seinen vergilbten Blättern auf dem Nachtschrank gelegen hatte. Mit der linken Hand, denn die rechte war trotz der feuchten Wickel stark angeschwollen. Er hörte auf, als ich ihm zweieinhalb Stunden später – ungefähr so lange dauert es, bis ein junges Meerschweinchen bei ständigem Begießen durchgebraten und knusprig wird – den Tisch deckte und das Essen servierte. Zuerst stocherte er nur eine Weile darin herum, doch dann gabelte er mal einen kleinen, mal einen größeren Bissen auf und aß so auf diese Weise, bedächtig, über mehrere Stunden. Er verspeiste die Meerschweinchen, eins nach dem anderen, so lange, bis in der Pfanne, im kalten Fett erstarrt, nur noch ein ganzes und etwa ein halbes übrig waren. Dann fuhr er mit dem Schreiben fort und trank dabei immer mal einen Schluck Brombeerwein. Er versah das Ende jeder Seite mit Datum und Unterschrift und hörte erst kurz vor Sonnenaufgang auf.
Vor Sonnenaufgang, in der letzten Stunde der Nacht, als er das Tor quietschen, sich öffnen und wieder schließen hörte und bald darauf sah, wie der Amtsdiener Balwinder in seinem grauen, fleckigen Kittel voller Flicken auf der Türschwelle stand, schieläugig hereinblickte, die Tür öffnete und ihm stumm, mit gekrümmtem Zeigefinger bedeutete zu kommen.
Da er sich nicht rührte, sagte Balwinder:
Sie sollten es mir nicht übelnehmen, mein Herr, aber stehen Sie jetzt auf und kommen Sie mit.
Mit Ihnen?
Mit mir. Sie werden draußen erwartet. Sie sagen, Sie sind verhaftet.
Ach so. Also sind Sie, Balwinder, auch in die Sache verwickelt.
Balwinder räusperte sich, blinzelte und nickte.
So ist es, mein Herr. Ich auch. Aber darum geht es jetzt nicht. Husch, husch, wir sind in Eile.
Anatol Korkodus sah mich an und mir war, als hätte er mir sogar zugezwinkert: Na also, hatte er es doch gewusst, all die Vorbereitungen waren nicht umsonst gewesen. Siehe da, damit wären wir am Ende der Geschichte angelangt.
Der Augenblick, mit dem er seit einer Weile heimlich gerechnet hatte, war also gekommen. Er stand auf, wischte sich mit einem Tuch gründlich den Bart ab, rückte die Fliege zurecht und dann übergab er sich, langsam, bedächtig, ohne ein Anzeichen von Aufregung oder Übelkeit, ganz so, als würde er nur einen Punkt ans Ende der Geschichte setzen, in seinen Teller. Er beugte sich hinunter, wischte Mund und Bart diesmal mit dem Zipfel der Tischdecke ab, griff nach einem bis zur Hälfte vollgeschriebenen Heft, um es mitzunehmen. Doch Balwinder, der immer mal auf den Hof hinausblickte, um zu sehen, ob sie gerade beobachtet wurden, bemerkte es und bedeutete ihm mit erhobenem Zeigefinger, dass er das lassen sollte und nahm ihm das Heft aus der Hand. Er blätterte mit wichtigtuerischer Miene darin und als er allmählich begriff, worum es in den hastig, in krakeligen Großbuchstaben niedergeschriebenen, von kindischem Übereifer zeugenden Zeilen ging, klappte er das Heft zusammen und warf es auf den Tisch zurück. Erneut blickte er ins Dunkel hinaus, von wo aus man durch die geöffnete Tür sehen und hören konnte, was drinnen vor sich ging.
Das ist doch alles Schnee von gestern! Das sind Lappalien, um solchen Fliegenschiss kümmern wir uns gar nicht. Wer zum Teufel will wissen, wo Ihr Madezit verschwunden ist, vielleicht haben Sie es ja gegessen, nicht wahr? So ist es, das alles ist nicht besonders interessant. Die Fotze von Delfina Duhovnik am wenigsten.
Damit schob er Anatol Korkodus, der sich von mir nur noch mit einem letzten verlegenen Blick und einer zögerlichen, unsicheren Handbewegung verabschiedete, auf den Hof hinaus. Für einen Augenblick ließ er die Tür noch offen, damit mich die feuchte Kälte des nahenden Tagesanbruchs berührte und ich sah, wie die Gestalt meines Alten mit dem Nichts verschmolz, dann schloss er sie.
Nun war mein Alter, Anatol Korkodus, also fort. Nur sein voller Teller war geblieben. Die herausstehenden Splitter und Stacheln verrieten, dass er die Meerschweinchen beinah unzerkaut, samt Knochen gegessen hatte.
Am frühen Morgen kam ein fast lauwarmer Wind auf, er muss aus dem Süden, von den Gebirgspässen der Medwaya gekommen sein. Durch die Ritzen im Fenster und das Schlüsselloch drangen der Geruch von Regen und Erde herein. Der Schneefall, der mit seinen auch im Dunkeln sichtbaren, handtellergroßen Flocken bis zur Mitte der Nacht gedauert hatte, hatte sich nun in einen stillen, warmen Regen verwandelt, plötzlich begann es zu tauen, an den Dachrinnen klirrten die Eiszapfen. Als sich in den Taugeruch der vom Man-Pogatschenbäcker kommende Geruch frischen Kleingebäcks mischte, wusste man, in Jablonska Poljana war der Morgen angebrochen.
Am Morgen, wie sonst auch, kam Balwinder, das Faktotum der hiesigen Behörden. Er öffnete das Büro, lüftete, fegte und goss die Zimmerpflanzen. Schließlich wischte er Staub und, als erwarteten wir Besuch, strich er sogar mit feuchtem Zeitungspapier über die Fenster.
Als er mit einem Korb Holz vor der Tür stehen blieb und anklopfte, wobei er zuvor die Mütze abgesetzt hatte, ließ ich ihn in die Küche.
Guten Morgen, mein Herr. Wenn ich hier fertig bin und Sie mir die Schlüssel geben, gehe ich und öffne das Waschhaus.
Sie hängen an ihrem Platz. Nehmen Sie sie.
Er drehte zwei Runden zwischen Küche und Holzschuppen, kratzte die Asche aus dem Ofen und zerstreute sie auf dem Hof. Dann heizte er den Ofen an.
Nachdem er mit allem fertig war, blieb er grübelnd mitten in der Küche stehen, klapperte mit den Schlüsseln und versuchte, durch das beschlagene Fenster hinauszusehen.
Der Herr ist nicht daheim?
Heute habe ich ihn noch nicht gesehen.
Denn vorhin, als ich in der Nyegrutz-Schänke mein Lángos mit Kraut gegessen habe, habe ich gehört, wie Leute sagten, sie hätten den Herrn mitten in der Nacht von hier weggehen sehen.
Er soll weggegangen sein? Schon möglich. Wie gesagt, heute bin ich ihm noch nicht begegnet.
Man sagt, ihn habe ein Schneemobil mit ausgeschalteten Scheinwerfern abgeholt. Es sei mit kleinen Silberschlangen und Fledermäusen dekoriert gewesen, nur die hätten im Dunkeln geleuchtet. Es habe keine Minute gedauert, schon seien sie weitergefahren, in der Nacht verschwunden. Doch das Dröhnen des Motors habe man noch bis zur späten Morgendämmerung gehört.
Schon möglich. Mir war auch, als hätte ich ein Motorengeräusch gehört, aber ich dachte, es sei nur im Traum. Ein Schneemobil soll’s gewesen sein, sagen Sie?
Ja, das war’s. Ein schönes großes Schneemobil, sagen diese Leute.
Das hätte ich mir gerne angesehen. So eines würde ich mir auch kaufen, wenn ich es mir leisten könnte. Eines vom Typ Firecat oder vielmehr noch Bearcat, mit achtundvierzig PS.
Balwinder nickte und sah mit leerem Blick zum Fenster hinaus.
Ein teures Gefährt, das hat man nicht für uns erfunden. Man sagt, es fahre nicht nur im Schnee, sondern auch im Schlamm. Wer weiß, vielleicht sogar in der Luft. Wie die Leute da in der Schänke davon sprechen. Das Schneemobil soll schon sehr weit weg gewesen sein, vielleicht schon jenseits der Schneegrenze, doch irgendwo aus den Wolken kam immer noch das Motorengeräusch.
Dann ist er wohl tatsächlich weggegangen. Er hätte aber doch Bescheid geben können. Uns hätte er schon etwas sagen können.
So ist es. Er ist einfach mit irgendwem weggegangen. Und hat niemandem etwas gesagt. Dann kommt er vielleicht sogar nie mehr zurück.
Wenn er gegangen ist, dann ist er eben gegangen. Deshalb bitte ich Sie, wenn Sie an der Kantine vorbeikommen, Bescheid zu sagen, dass man mir ab heute das Essen nur noch für eine Person bringen soll.
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