Die Vögel von Verhovina

Ádám Bodor · Kapitel 6 von 14

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Die Vögel von Verhovina

6. (Augustin)

 

Endlich war der Tag des Ehepaares Augustin gekommen. Ich sollte ihnen die Nachricht überbringen, weshalb mich der Brigadier Anatol Korkodus bereits am Abend zuvor angewiesen hatte, mich kurz zu fassen und einen freundlichen, schonungsvollen Ton anzuschlagen. Seit Jahren schon hielten wir sie unter Hausarrest und warteten immer nur darauf, dass sie endlich abgeholt würden. Seit dem trauervollen Pfingsten, als in der Waldkapelle sieben Schulkinder vom Blitz getötet worden waren. Nun hatte Anatol Korkodus, einige Tage bevor es Winter wurde, eine Nachricht erhalten, dass man sie abholen und in Monor Gledin vor den Untersuchungsrichter stellen würde.

An dem Tag stand ich zeitig auf und meldete mich beim Brigadier.

Jetzt werden wir sie endlich los, sagte er. Noch bevor jemand herkommt und uns erklärt, wie man zu leben hat, irgendeine Verordnung erlässt und sie auf freien Fuß setzt.

Anatol Korkodus drückte mir ein Brecheisen in die Hand, damit ich ins Haus kam, denn bei den Augustins sind alle Türen und Fenster verschlagen.

Sie haben eine halbe Stunde, um sich fertigzumachen. Die Einheit, die sie begleitet, kann jederzeit da sein.

Das Augustin-Haus, mit der Schlosserwerkstatt auf dem Hof, stand in der Straße der Infanteristen, jenseits der Pissky-Brücke, schräg gegenüber von Nyegrutz’ Schänke. Seit nach einem Sturm im Spätherbst die Bäume ihr Laub verloren hatten, konnte man von der Veranda der Brigade aus zwischen den nackten Ästen durch den Vorhang des Morgennebels bis zu ihnen sehen. Während ich mich anzog, schaute ich mehrmals zu den vernagelten Fenstern hinüber. Damit meine Erscheinung einigermaßen offiziell wirkte, setzte ich die Schildmütze der Wasseraufsichtsbrigade auf, die ich sonst nur trage, wenn die Kiesel- oder Wasserleute kommen, oder bei meinem Kontrollgang im öffentlichen Waschhaus und den Thermalquellen.

Ich kannte das Ehepaar seit Langem und obwohl sie ihr Schicksal verdient hatten, freute ich mich nicht über die Aufgabe. Darüber, dass Anatol Korkodus ausgerechnet mich mit dem beauftragt hatte, womit er mich beauftragt hatte. In den Augen der Verdammten ist der Überbringer der schlechten Nachricht selbst verdammt, und jetzt würde mein ernster Blick ihre letzte Erinnerung an mich sein. Denn der eine Satz, den sie von mir hören würden, würde ihnen verraten, dass alles, was ab jetzt käme, nur noch schlimmer sein würde. Das war das Ende, noch ein paar qualvolle Viertelstunden und dann würden sie die hinter dem Garten rauschende Jablonka nie mehr hören, die glänzende Stirn des anderen nie mehr sehen und auch nicht die unter dem Nebel der letzten Herbsttage allmählich erwachende Verhovina.

Wobei sie allein dafür verantwortlich waren.

Trotzdem.

Aus Nyegrutz’ Schänke fiel gelbes Licht auf den Nebel über der Straße, in der Luft vor der geöffneten Tür hingen ölige Düfte, das war die Stunde des morgendlichen Backens der Pfannkuchen und Lángos. Auf der feuchten Treppe saß Ignat Draganovitz, der Junge, der vor Kurzem aus der Besserungsanstalt von Monor Gledin hierher, ans Ufer der Jablonka, gekommen war. Als ich in seine Nähe kam, stand er auf. Ich blieb auch stehen, wartete ab, was er wollte.

Wird das dein Kontrollgang? Oder, überlegen wir mal, was für ein Tag ist heute eigentlich?, sagte er und besah sich die Schildmütze auf meinem Kopf.

Ich räusperte mich. Kontrollgang? Nein, davon ist heute ganz und gar nicht die Rede. Nicht im Entferntesten. Heute gibt es etwas anderes, etwas noch Ernsteres.

Ist es ein Geheimnis?

Wie man’s nimmt.

Darf ich mitkommen?

Hm. Eigentlich könntest du mich begleiten. Komm.

Mit der Brechstange in der Hand deutete ich auf die gegenüberliegende Seite, auf das Augustin-Haus mit den Brettern vor der Tür und den Fenstern.

Wir gehen dorthin.

Ignat Draganovitz warf einen Blick auf das Brecheisen.

Du willst sie doch nicht etwa herauslassen.

O nein. Ich kann dir versichern, das will ich bestimmt nicht. Und jetzt leihe ich dir meine Mütze. Wir gehen hinein und du wirst ihnen sagen, dass sie noch im Laufe des heutigen Tages abgeholt werden. Eine Garnitur Unterwäsche und kalte Verpflegung für einen Tag ist alles, was sie mitnehmen dürfen.

Der Tag des Ehepaares Augustin war also gekommen. Man hätte schon fast denken können, dass die Sache und mit ihr die Augustins vergessen waren, aber, siehe da, am Ende kamen sie doch dran. Wie haben sie sich auch nur denken können, davonzukommen!

Vor Jahren, zur Zeit des Pfingststurms waren in der Waldkapelle sieben Schulkinder vom Blitz erschlagen worden, von denen die Pflegerin Nika Karanika, der kleine Sperlingsdämon, zwei – nur sie weiß, wie – an Ort und Stelle wieder zum Leben erweckt hatte. Doch darunter war keines der beiden Augustin-Kinder. Offenbar lag hier ein Fall von Begünstigung vor, eine unerhörte Ungerechtigkeit. Um die Dinge wieder ins Gleichgewicht zu bringen, schlich sich in der Nacht jemand in den unbewachten Krankensaal, wo die auferweckten Kinder lagen und wickelte ihnen im Schlaf Draht um die Ohren und die kleinen Zehen und steckte das andere Ende in die Steckdose. Eine Weile erfreute er sich wohl noch am Anblick der winzigen blauen und grünen Funken, die wie unzählige lustige kleine Blitze um die Kinder herum zuckten, dann verließ er zufrieden den Ort. Die beiden Kinder waren wieder tot.

Nika Karanika, die sie früh am Morgen fand, konnte nur sagen, dass sie im Krankensaal den Geruch von Eisenspänen wahrgenommen habe. Also musste jemand dort gewesen sein, der sich mit Eisen beschäftigte.

Solche Menschen gab es in Jablonska Poljana zwei: Augustin, den Schlosser, und seine Frau, die Klempnerin.

Deshalb erwartete sie nun der Untersuchungsrichter in Gledin.

Da Jablonska Poljana eine kleine Siedlung ist, so klein, dass es hier nicht einmal ein Gefängnis gibt, konnte man sie nirgends einsperren und sie durften zu Hause bleiben. Brigadier Anatol Korkodus und Wachtmeister Hamilcar Nikonuk ließen Türen und Fenster zunageln, nur ein schmaler Spalt durfte frei bleiben, durch den der jeweils Zuständige – mal war ich es, mal Ignat Draganovitz, mal jemand anderes – ihnen die tägliche Ration Essen reichen konnte. Wie ihnen auch heute gerade Draganovitz zwei Lángos von Nyegrutz gebracht hatte.

Wir blieben vor dem Eingang des Augustin-Hauses stehen.

Für den Fall, dass du einen fahren lassen musst, dann tu es jetzt, so etwas würde da drinnen, wenn wir eine so wichtige Nachricht überbringen, kein gutes Licht auf uns werfen.

Ich brach die Bretter von der Tür, klopfte, trat auch ein paarmal dagegen und wartete, dass einer von den beiden hinter dem Türglas auftauchte. Doch vergeblich, es kam niemand.

Dabei sind sie wach, flüsterte mir Draganovitz zu, ich weiß es, ich habe ihnen ja vor Kurzem das Frühstück gebracht.

Ich klopfte noch einmal an der Tür, wieder vergeblich, dann schob ich das Brecheisen neben dem Schloss ins Schließblech und knacks, schon war es auf. Ich stieß die Tür sofort auf.

Sie kamen nicht hervor, dabei hatte Draganovitz sie zuvor schon wach angetroffen.

Jetzt saßen sie jedoch im Halbdunkel, unter den durch die Bretter hereindringenden blassen Lichtflecken, in einer Art festlicher Kleidung, stumm in der Mitte des Raumes, beide mit nach hinten geneigtem Kopf, in zwei nebeneinandergeschobenen Sesseln, und als wir eintraten, war es, als hätten sie uns direkt angeblickt.

Oder doch nicht. Vielleicht eher die Zimmerdecke. Oder auch das nicht. Als hätten sie nirgendwohin geblickt.

Auf einem Tisch in ihrer Nähe lagen auf Papiertellern in erstarrtem öligem Glanz die beiden Lángos mit den gezackten Rändern von Irina Nyegrutz. Sie hatten zwar zuvor durch den Spalt, wie durch eine Durchreiche, das Frühstück entgegengenommen, doch offenbar keine Lust gehabt, es zu essen.

Die beiden Sessel, in denen sie saßen, standen vor einem geschlossenen Schrank und dieser war einen guten Meter von der Wand weggerückt. Wir gingen einmal um ihn herum. Von oben hing hinter der Rückwand, in Hüfthöhe, mit einem Drahtseil umbunden, eine Kiste voller Plunder herunter. Das Drahtseil führte über dem Schrank auf die andere Seite, teilte sich dort in zwei Stränge, von denen einer in einer engen Schlinge um den Hals von Augustin endete, der andere in einer engen Schlinge um den Hals von Frau Augustin. An die Kiste war außerdem noch eine dicke Schnur gebunden, die unter dem Schrank bis zum Sessel führte und unter Augustins herunterhängender Hand, neben dem Sesselbein auf dem Boden endete.

Ignat Draganovitz stieß einen Pfiff aus, ging mehrmals um den Schrank, nickte anerkennend und zum Schluss schnipste er sogar mit den Fingern.

Sieh es dir genau an, ich verstehe es nämlich langsam. Die Kiste mit dem ganzen Kram haben sie auf den Schrank gestellt und dann musste nur noch an der Schnur gezogen werden, woraufhin die Kiste herunterfiel. Das hat ihnen die Schlingen um den Hals festgezogen. Wenn du es dir genauer ansiehst, ist es gar nicht so kompliziert. Du musst schon zugeben, das ist gut durchdacht.

Augustin war Klempner und Schlosser, erwiderte ich, und seine Frau auch. Die verstanden sich auf alles.

Aha. Daher hatten sie also das ganze Eisenzeug, das sie in die Kiste gepackt haben.

Jetzt sah ich mir die Sachen auch genauer an: Da waren Stücke aus einer Eisenbahnschiene, Gewichte, Feilen, Zangen, Hammer, ein ganzer Schraubstock, eine ganze Waage. Ein glänzender Messingmörser und sogar ein Bügeleisen.

Draganovitz nahm die am Drahtseil baumelnde Kiste in die Hand und besah sie sich von allen Seiten. Und schau dir das an: Unten ist sie mit Filz ausgelegt. Sehe ich richtig, schau mal her, ist das Filz oder was zur Hölle?

Ja, Filz. Klar.

Es ist nämlich komplett damit ausgelegt.

Sie wollten keinen Krach machen. Sogar daran haben sie gedacht. Wollten selbst das kleinste Geräusch vermeiden, weil man es drüben in der Schänke hätte hören können. Falls die Kiste aus Versehen zu zeitig hinunterfallen sollte. Ich wusste schon immer, die sind nicht zimperlich, auch jetzt sind sie auf Nummer sicher gegangen, haben an alles gedacht. Wie alle ihre Arbeiten, war auch diese gründlich geplant.

Vielleicht. Vielleicht sollte es aber auch nur ein Spaß werden. Eine häusliche Theateraufführung und dann …

Du redest ganz schönen Blödsinn, sagte ich. Sie wussten, dass das Ende gekommen ist, haben es gespürt. Sie wussten genau, was sie tun.

Währenddessen verirrte sich mein Blick immer wieder auf die Lángos. Sie waren schon längst kalt, an den ausgefransten Blasen am Rand glänzten winzige Ölperlen. Ich nahm mir einen. Die Mitte riss ich heraus, um diese zuerst zu essen und zum Schluss den knusprigen Rand.

Der andere gehört dir, sagte ich zu Draganovitz.

Er stand mit dem Rücken zu mir, trotzdem wusste ich, dass er kaum hörte, was ich sagte, sein Blick sprang von links nach rechts. Dabei sagte er langsam:

Sie wussten es, sagst du? Ach was, nein. Das ist doch überhaupt nicht sicher. Nein, nein. Mir erscheint es eher wie ein häusliches Spiel …

Ich sage doch, dass du Blödsinn redest.

Während ich aß, stellte sich Draganovitz vor Augustin. Eine Weile sah er ihn nur an, musterte ihn und dann griff er ihm plötzlich von beiden Seiten in die Taschen. Er kramte darin, seine Hände verschwanden bis zu den Handgelenken, und er machte ein etwas besorgtes Gesicht. Ich spürte, dass er ab und zu auch auf mich einen prüfenden Blick warf. Ich schluckte und kaute nicht weiter.

Hast du etwa geglaubt, dass er das, woran du dachtest, ausgerechnet in seiner Tasche aufbewahrt?

Ich dachte, in einem solchen Moment nimmt man es an sich.

Tut man nicht. Ach, ich habe keine Ahnung, woran ich mit dir bin. Jetzt habe ich gar keine Lust mehr, mich zu unterhalten.

Ich hätte es nämlich bestimmt an mich genommen.

Wirklich? Na gut, ich glaube es dir. Aber du siehst ja, dass seine Taschen leer sind. Der Klempner Augustin denkt da anders, er nimmt es nicht an sich. Es war anständig von dir, dass du mich begleitet hast. Gib mir jetzt meine Mütze zurück und geh. Geh weg.

Dieser Draganovitz, dieser Draganovitz. Das umherirrende Vögelchen von Anatol Korkodus, es ist an der Zeit, dass er fortfliegt. Woanders bringt er es bestimmt noch zu etwas. Ich blickte ihm hinterher, wie er über die Bretter und Latten vor der Türschwelle trat, die Treppenstufen hinabstieg und auf dem Hof verschwand. Da werde ich Brigadier Anatol Korkodus etwas zu erzählen haben.

Ich setzte mich. Jetzt kam endlich der knusprige Rand des Lángos.

Ich habe einmal heimlich beobachtet, wie Frau Nyegrutz, nachdem sie den Lángos-Teig auf dem Brett ausgerollt hatte, den Rand mit einem in Öl getauchten Messer rundherum blitzschnell einschnitt und den Lángos erst dann ins heiße Fett warf. Dadurch franst der Teig an den eingeschnittenen Stellen aus, bläht sich zu kupferfarbenen Bläschen auf und so entsteht der knusprige Zickzackrand. Eine große, prächtige, knusprige und heiße Fladenblüte, aus deren Kelch ölige Düfte aufsteigen. Darauf versteht sich einzig und allein Frau Nyegrutz. Ihren Lángos mit dem gezackten Rand würde ich unter Tausenden erkennen.

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