Die Vögel von Verhovina
Nachwort: Vögel und Menschen
NACHWORT VON JÁNOS SZEGő
VÖGEL UND MENSCHEN
Über Ádám Bodors Erzählwelt
OceanofPDF.com
„Wenn sich eine anhaltende Stille immer weiter ausdehnt, bekommt sie plötzlich einen Klang. Zunächst ist es ein leises Seufzen, wie ein ferner Wasserfall, das dann in ein Rauschen übergeht, immer lauter und lauter wird, bis es zu einem unerträglichen Toben anschwillt und dann, auf einmal, als würde sie in einen hineingespritzt, strömt einem die gesamte Welt eiskalt in die Ohren.“
ÁDÁM BODOR:
Die Vögel von Verhovina
(VERHOVINA AUF DEN LANDKARTEN)
Sollten wir in einem Atlas oder im Internet nach Verhovina suchen, würden wir sogar mehrere Orte mit diesem Namen finden. Im Südosten der Ukraine, am Lauf des Dnepr, und auch im zentralen Teil des Landes gibt es jeweils ein Dorf namens Verhovina, doch diese Treffer würden uns von Ádám Bodors außerordentlichem Buch nur entfernen. Dem möglichen Schauplatz des Romans kommen wir viel näher, wenn wir in Transkarpatien, in der Gegend des heutigen ungarisch-rumänisch-ukrainischen Dreiländerecks nach Verhovina suchen. Das Wort bedeutet in den slawischen Sprachen „Berggegend“ oder „Gebiet in Höhenlage“, und es ist deshalb wichtig zu betonen, dass es sich um das Grenzgebiet von heute handelt, weil sich im Laufe der Geschichte hier nicht nur die Ländergrenzen oft geändert haben, sondern auch die Namen der Länder. Viel beständiger und stärker als die von den Menschen gezogenen Grenzlinien sind auch hier die Grenzmarkierungen der Natur: die Berge und Flüsse, Schluchten und Sümpfe. Das wird in Ádám Bodors Roman Der Besuch des Erzbischofs auf ironische Weise veranschaulicht, indem die Grenzstadt Bogdanski Dolina infolge eines Hochwassers über Nacht Teil des Landes wird, das zuvor auf der anderen Seite des Flusses lag. Und mit dieser Wechselwirkung der beiden Arten von Grenzen, der historischen und der geografischen, sind wir bereits beim topografischen und anthropologischen Raum angekommen, in dem Ádám Bodors Werke, so auch Die Vögel von Verhovina, angesiedelt sind. Das Verhovina des Romans liegt in der Nähe des realen Verhovina, aber doch nicht ganz an der gleichen Stelle. Dieses Vorgehen, existierende und fiktive Räume miteinander in Beziehung zu setzen, ist eines der Markenzeichen, eine wiederkehrende Geste in Ádám Bodors Romanen. Wie die Vögel am Ende dieses Buches sich aus Grashalmen, Zweiglein und Eselshaaren ein Nest bauen, so erschafft der Autor aus den realen Elementen existierender Welten eine eigene Welt. Bei manchen Elementen verbirgt, verschleiert er die Zusammenhänge, bei anderen leuchtet er sie gezielt aus. Doch bevor wir einen tieferen Blick in Ádám Bodors Welt werfen, schauen wir uns erst einmal genauer an, wo wir uns eigentlich befinden.
(IM ZENTRUM DER PERIPHERIE)
Von Westeuropa aus betrachtet sind wir im Osten, wenn wir uns der Gegend jedoch vom Ural aus nähern, sind wir im westlichsten Teil des Ostens. Ein Grenzgebiet, das ist ganz klar. Mit den jeweiligen Durchreisenden, Verbannten, Neuanfängern. Mit Begegnungen, Geheimnissen und Geschichten. Das waren früher ausgesprochen multikulturelle Landstriche, geprägt von vielen Religionen, vielen Sprachen, sodass man heute gar nicht weiß, in welcher Sprache hier geschwiegen wird. Denn es herrscht große Stille, die Kirchen von einst werden bestenfalls als Möbellager benutzt, doch meist sind sie baufällige Ruinen, Zeugen einer heute kaum noch vorstellbaren Zeit, in der hier Polen, Slowaken, Sachsen, Sekler, Armenier, Juden, Russinen, Schwaben, Rumänen und Ungarn verhältnismäßig friedlich zusammengelebt haben. Auch im heutigen Siebenbürgen sind die verschiedensten Spuren dieser von vielen Kulturen geformten Welt zu entdecken, und Ádám Bodor schreibt sie in seinen Werken weiter, schreibt sie um in naturalistische Fiktion, groteske Utopie, in kafkaesk schaurige Szenen, beckettsche Parabeln, in magischen Existenzialismus. Heute verstehen wir unter Siebenbürgen den westlichen Teil Rumäniens. Dieses Gebiet – das ungefähr so groß ist wie Bayern, Sachsen und Thüringen zusammen – gehörte bis Ende des Ersten Weltkriegs zu Österreich-Ungarn und wurde nach dem Krieg an Rumänien, das auf der Seite der Siegermächte gekämpft hatte, angeschlossen. Der ungarische Name Erdély bedeutet „jenseits des Waldes“; früher hatte dieses Gebiet zum Königreich Ungarn gehört, dann wurde es zu einem eigenständigen Fürstentum, später zu einem Teil der Habsburgermonarchie. Die berühmteste Gestalt aus Siebenbürgen, auch Transsilvanien genannt, ist zweifellos Graf Dracula, den sich zwar der irische Schriftsteller Bram Stoker ausgedacht hat, der dennoch als eine echte transsilvanische Figur betrachtet wird – womöglich auch, weil der Schauspieler, der ihn am überzeugendsten dargestellt hat, Bela Lugosi (der diesen Künstlernamen nach seiner Heimatstadt Lugos gewählt hatte), ebenfalls aus Siebenbürgen stammte.
(PERSÖNLICHER HINTERGRUND)
Das alles aber gehörte an jenem Samstag, dem 22. Februar 1936, als Ádám Bodor im rumänischen Klausenburg als Sohn einer wohlhabenden ungarischen Familie geboren wurde – sein Vater war Bankdirektor –, bereits der Vergangenheit an. (Eine interessante Parallele: Bela Lugosis Vater war um die Jahrhundertwende ebenfalls Bankdirektor.) Klausenburg war zu diesem Zeitpunkt das kulturelle und politische Zentrum der Region und ist bis heute eine blühende Universitätsstadt und die zweitgrößte Stadt Rumäniens, deren Bevölkerung zu zehn bis fünfzehn Prozent aus Ungarn besteht. Anfang des Zweiten Weltkriegs, im Jahr 1940, wird Siebenbürgen und somit auch Klausenburg, vorübergehend wieder an Ungarn angeschlossen. Ádám Bodors Vater erhält 1944 eine Stelle in Budapest als Leiter einer Kreditbank, wodurch Bodor und seine Familie das Ende des Krieges und den erbitterten Kampf um die Hauptstadt miterlebten. 1945 kehrten sie nach Klausenburg zurück, das zu diesem Zeitpunkt bereits wieder zu Rumänien gehörte.
Nach der Machtübernahme durch die Kommunisten wird der Vater, dem man in politischer Hinsicht zwar nichts vorwerfen konnte, der jedoch der alten Elite angehörte, aufgrund erfundener Delikte zu Gefängnishaft verurteilt, der Rest der Familie muss umziehen, es folgen Jahre der Entbehrung. 1952 kommt auch der damals sechzehnjährige Ádám Bodor ins Gefängnis, die Anklage lautet: staatsfeindliche Verschwörung. Entlassen wird er drei Jahre später, 1955. Die Jahre im Gefängnis haben eine tiefe Spur in ihm hinterlassen, eine Zeit, von der er ausführlich in dem Interviewband A börtön szaga (Der Geruch des Gefängnisses) berichtet, die Motive des Gefangenendaseins tauchen aber auch in zahlreichen anderen Texten auf. Nach seiner Entlassung arbeitet er in einer Fabrik. 1960 macht er seinen Abschluss in evangelischer Theologie, danach arbeitet er in einem Archiv und als Angestellter eines Übersetzungs- und Kopierbüros – ein typischer Karrierebeginn für einen osteuropäischen Intellektuellen.
(DER UNENDLICHE REICHTUM DER
KURZEN FORM)
Seine erste Publikation erscheint 1965 in einer der Zeitschriften seiner Geburtsstadt. Auch als Schriftsteller erlebt Ádám Bodor nun die Jahrzehnte des Randdaseins, denn als ehemaliger Gefängnisinsasse ist er gebrandmarkt und darf sich nur an der Peripherie des literarischen Lebens bewegen, wo er weniger Wirkung entfalten kann. Zu dieser Zeit baute sich in Rumänien die mit einer brutalen Geheimpolizei (Securitate) und einem riesigen Netz von eingeschüchterten Spitzeln operierende faschistoide Macht aus, die selbst im Ostblock als besonders grausam galt. Fast jeder schwieg und bespitzelte andere. Bodors erster Erzählband mit dem Titel A tanú (Der Zeuge) erscheint 1969. Seine ersten Texte sind von Ernest Hemingway inspiriert, und die Kurzprosa wird für sein gesamtes Schaffen zur bestimmenden literarischen Form: In den folgenden Jahrzehnten entstehen Hunderte von Skizzen, Feuilletonbeiträgen und Erzählungen. In einem Interview sagt er über die Erzählung: „Die Erzählung ist, wie die Kammermusik, ein nobles Genre, man darf sie nicht zu sehr belasten, es ist nicht egal, was man von einer mehr oder weniger vorhandenen Geschichte verschweigen kann oder sollte, oder was gerade überbetont werden will, um den inneren Rhythmus, in dem sich die Erzählung entfaltet, zu bestimmen. Beim Schreiben einer Erzählung ist es besonders wichtig zu spüren, wann man was an welcher Stelle beendet. Durch eine zu starke Ausarbeitung brennen wie bei einem Gemälde, dem man zu viel zugemutet hat, die Farben aus, verblassen, wodurch schließlich die ehrlichsten, authentischsten Merkmale des Werkes verschwinden.“
Der konkrete Raum, in den uns Ádám Bodor in seinen Werken führt, ist stets mit einem philosophischen Raum verbunden. Er selbst beschreibt es so: „Mich hat vor allem das existentielle Bild meiner Geburtsgegend und der gesamten osteuropäischen Region inspiriert, samt ihrer rückständigen Moral, der lethargischen Stimmung; ich hätte wohl gar nicht über etwas anderes oder auf andere Art schreiben können.“ In diesen stellenweise an Balladen erinnernden Geschichten sind Alltägliches und Rätselhaftes, Tragisches und Groteskes unzertrennlich miteinander verwoben; die Protagonisten sind meist Durchreisende, auf dem Weg von irgendwoher nach irgendwohin. Ähnlich wie diese sieht sich auch Ádám Bodor irgendwann gezwungen fortzugehen. Da das zunehmend unerträgliche Ceauşescu-Regime ihm das Leben immer mehr erschwert, zieht er mit seiner Familie 1982 nach Budapest. Er schreibt weiterhin Erzählungen und arbeitet als Verlagslektor.
(VON SINISTRA BIS VERHOVINA)
1992 wird zum entscheidenden Jahr seiner Laufbahn: Sein Buch Schutzgebiet Sinistra erscheint, dessen Untertitel Kapitel eines Romans lautet – es kann also als Roman, aber auch als Novellensammlung gelesen werden, was ein wichtiges Genre der ungarischen Prosa ist. Der Schauplatz, das Schutzgebiet, liegt irgendwo zwischen den Berggipfeln der Karpaten, und aus dem Wort Sinistra klingt die Bedeutung des Düsteren, Unheilvollen heraus. Die Ereignisse finden in dieser außergewöhnlichen Zone statt, und die Geschichten werden durch die Person des Protagonisten Andrej Bodor verbunden. In diesem Werk ist es der Nachname, den der Autor mit seinem Protagonisten teilt, in Die Vögel von Verhovina wird es der Vorname sein. Über die realen und metaphorischen Bezüge des Schauplatzes schreibt Bodor in dem bereits erwähnten Interviewband: „Die Wahl das Schauplatzes für eine Erzählung ist geglückt, wenn sich dieser als ein Gelände erweist, in das sich die Erfahrungen des Autors einschreiben können, also wo die schriftstellerische Vision sich am authentischsten entfalten kann. In meinem Fall ist dieses Gebiet, aufgrund von biografischen Gegebenheiten und solchen, die mit meiner Natur zu tun haben, die historische Landschaft Osteuropas, die verworrene Welt der Schranken und Stacheldrahtzäune, die daraus resultierende Grundstimmung und Lebensanschauung. Zugleich ist es ein Ort, dessen verborgene Nischen und Tiefenschichten sich im Prozess des Schreibens, des Sich-Hineindenkens zeigen und stets Überraschungen bereithalten, die dann die Geschichte von einer Wendung zur nächsten weitertragen.“
Schutzgebiet Sinistra wird in der ungarischen Literatur zu einem der wichtigsten Bücher der neunziger Jahre und Ádám Bodor, neben Péter Nádas, Péter Esterházy, Imre Kertész und László Krasznahorkai, zu einem der anerkanntesten ungarischen Schriftsteller. Im Schreiben von Bodor und Krasznahorkai sind sogar gewisse Parallelen zu entdecken, doch den Zugang zu den jeweiligen Werken findet man eher über die Unterschiede. Die in den achtziger Jahren entstandenen Romane László Krasznahorkais (Satanstango 1985, auf Deutsch 1990; Die Melancholie des Widerstands 1989, auf Deutsch 1992) spielen ebenfalls in einer sich selbst überlassenen Gegend, der erste in einem heruntergekommenen Landwirtschaftsbetrieb, der Letztere in einer Kleinstadt, die einst bessere Tage gesehen hat. Die Handlungsverläufe und die Narration wird durch räumliche Verhältnisse, geschlossene Strukturen und ein Netz von Wiederholungen organisiert, doch während Bodors Prosa sich auf Details, Mikrostrukturen und mosaikartige Verbindungen konzentriert und von minimalistischen Sätzen gekennzeichnet ist, wendet sich Krasznahorkai, dessen Bücher aus einem einzigen riesigen Satz bestehen, den größeren Formen zu und lässt seine Werke auch anders ausklingen.
1990 erschien ein weiteres größer angelegtes Prosawerk von Ádám Bodor: Der Besuch des Erzbischofs. Es erinnert durch manche Elemente an die Welt, die wir aus Sinistra kennen, doch unterscheidet sich dieser Roman auch in vielem von dem ersten, vor allem in der Zeit der Handlung. In diesem Buch befinden wir uns bereits nach einem politischen Umbruch, und der im Titel erwähnte Geistliche steht für die beinah godotsche Ankunft einer alten-neuen Ära. Doch die erzählerischen Mittel, der episodische Textaufbau, die außergewöhnlichen Personennamen und geografischen Namen erinnern an das Hauptwerk – denn als solches wurde Schutzgebiet Sinistra von der ungarischen Kritik gelesen. Und dann erschien 2011 Die Vögel von Verhovina, das von den Lesern, der Kritik und den Schriftstellerkollegen mit großer Spannung erwartet worden war. Auch dieses Buch trägt einen markanten Untertitel: Variationen über letzte Tage. In den seit 2011 vergangenen Jahren haben wir neue Variationen letzter Tage kennengelernt. Aus naturgeschichtlicher Perspektive entsprechen diese elf Jahre nicht einmal einem Bruchteil einer Sekunde, auch in der menschlichen Zeitrechnung bedeuten sie nicht mehr als einen Augenblick und dennoch: Wie anders ist es heute, von gefrorenen und dann schmelzenden Flüssen zu lesen, von verstummenden Wäldern, von verschwundenen und wiederkehrenden Vögeln als noch vor ein paar Jahren. War Bodor etwa ein Prophet? Wohl kaum, eher ein resignierter Realist mit klarem Blick. Und dass in dem Buch von Epidemien und Quarantäne die Rede ist, ist zwar verwirrend, hat aber auch etwas Befreiendes.
(DIE BODOR-ERÖFFNUNG)
Es wäre unverschämt, sich in einem Nachwort herauszunehmen, das Werk für den Leser interpretieren zu wollen, deshalb möchte ich an dieser Stelle auch nur auf den Anfang und das eine oder andere Motiv eingehen. Wie die großen Schachmeister ihre charakteristischen Eröffnungen haben, so hat auch Ádám Bodor eine ganz eigene Art, seine Romane zu beginnen. Sehen wir uns die ersten Sätze von Die Vögel von Verhovina an:
„Zwei Wochen bevor mein Pflegevater, Brigadier Anatol Korkodus, verhaftet wurde, hatte er mir eine nagelneue Motorkettensäge von Stihl geschenkt. Er sagte, er habe sie in Czernowitz bestellt, das Paket sei bereits angekommen, es liege bei Edmund Pochoriles, im Gasthof Zu den zwei Schnepfen. Ich könne es am nächsten Morgen abholen, auf dem Rückweg von der Bahnstation.“
Ein dichter, spannungsvoller und doch klar strukturierter Einstieg: Wir haben hier gleich mehrere Zeitebenen (zwei Wochen vor der Verhaftung, am nächsten Morgen, auf dem Rückweg), eine spezielle interpersonelle, familiäre Beziehung samt Bezeichnung des Aufgabenfeldes (mein Pflegevater, Brigadier Anatol Korkodus), den Namen eines in Wirklichkeit existierenden Ortes (Czernowitz, das sich heute in der Ukraine befindet und in einer anderen Wirklichkeit die Geburtsstadt des Dichters Paul Celan ist) und eine Lokalität, die innerhalb der Fiktion existiert (der Gasthof), außerdem ein unheilvolles Ereignis (die Verhaftung von Korkodus) und ein unerwartetes Geschenk (die Motorkettensäge). Letztere ist vielleicht nicht Tschechows Gewehr, taucht aber in dem Buch noch auf. Und nun sehen wir uns den Anfang von Schutzgebiet Sinistra an.
„Zwei Wochen bevor er starb, nahm mich Oberst Borcan zur Terrainbesichtigung auf eine kahle Anhöhe des Dobriner Forstbezirks mit. Ich sollte die Augen offenhalten, bat er mich,
und besonders das Ebereschengestrüpp am Weg beobachten, ob die Seidenschwänze schon gekommen seien. Wir waren mitten im Herbst, und das Buschwerk wimmelte von fremden Lauten.”
Wie wir sehen, es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede: die schlingenförmige Zeitstruktur (Oberst Borcans Tod und die Ereignisse zwei Wochen davor), die genauen Benennungen der Gegenstände und Orte und die angespannte, ja, fast thrillerhaft anmutende Atmosphäre. Dass es sich hier um ein ganz bewusstes Vorgehen handelt, wird durch die ersten Zeilen von Der Besuch des Erzbischofs bestärkt:
„Eine Woche vor dem Medardustag brachten die ersten Kunden des Friseurladens die Neuigkeit mit, am frühen Morgen habe man die Senkowitz-Schwestern eingefangen. Die beiden alten Jungfern waren Monate vorher aus dem Isodaviertel, wo die Lungenkranken isoliert werden, geflohen.”
Hier sind wir nicht zwei Wochen, sondern eine vor dem Medardustag (8. Juni) und auch hier ereignet sich Unheilvolles. Hat das mit Aberglauben zu tun oder ist es vielmehr ein Spiel? Will uns der Autor damit ein Schnippchen schlagen? Oder handelt es sich um bewusst gesetzte Markierungen zur Verdeutlichung der engen Verwandtschaft zwischen seinen Werken? Man hat das Ádám Bodor bereits gefragt, doch ist er der Antwort mit der für ihn charakteristischen lakonischen Ironie ausgewichen.
(DER ZAUBER DER NAMEN, DAS RÄTSEL
DER SPRACHEN)
Im ersten Absatz von Die Vögel von Verhovina wird Czernowitz erwähnt, an einer anderen Stelle das ebenfalls in der Ukraine liegende Lemberg, aber auch Bistritz, eine Stadt in Rumänien – so sieht die Landkarte von Ádám Bodor aus: das Reale wird vom Fiktiven, vom Mythischen überschrieben. Wenn wir von Jablonska Poljana lesen, denken wir, vielleicht auch nur unbewusst, an Tolstois legendäres Gut, Jasnaja Poljana. In dieser Welt aber geht nicht nur von den Namen der Orte, sondern auch von denen der Personen ein besonderer Zauber aus, die Namen sind für sie genauso bestimmend wie ihr Geruch, und sagen etwas über sie und auch ihre Beziehungen zu den anderen aus. In Die Vögel von Verhovina ist da zum Beispiel Nika Karanika, über die Bodor schreibt: „Sie hatte keine Papiere, nur ihren Namen erfuhr man, den sie nach Sitte der Menschen aus südlichen Küstengegenden auf ihre Hand tätowiert hatte. Dort, wo sie geboren worden war, brannte man bereits dem Säugling mit einer Nadel seinen Namen auf die Hand, damit er ihn später nicht würde leugnen können.“ Die Wiederholung ihres Vornamens im Familiennamen ist eine zusätzliche Freude. Andere werden nur mit ihrem Spottnamen oder den Initialen erwähnt.
Dass der Name ein wichtiges identitätsbildendes Element ist, zählt zu den psychologischen Binsenweisheiten unserer Zeit; Bodor spielt diese Behauptung in seinen Werken seit inzwischen fast fünfzig Jahren in verschiedensten Erscheinungsformen durch. Einer der entscheidenden Punkte beim Lesen von Ádám Bodors Werken ist die Frage, wie zugänglich uns der großartige Humor des Autors ist. Für die Übersetzungen trifft das natürlich auch zu und kann die Übersetzerinnen vor besondere Herausforderungen stellen, wobei gesagt werden muss, dass Bodors Namensgebungen auch für die ungarischen Leser nur zum Teil zu entschlüsseln sind, für diejenigen, die auch Rumänisch sprechen, haben sie neben dem seltsamen Klang oft auch eine Bedeutung. Doch sollte man sich auch hierbei auf nichts verlassen. Im Schutzgebiet Sinistra taucht die erinnerungswürdige Gestalt des Fernfahrers Mustafa Mukkerman auf. Dieser Name war ein echter Fund. Doch irgendwann wurde die Poesie von der Wirklichkeit eingeholt, wie der Autor in Der Geruch des Gefängnisses berichtet: „Damals, als die deutsche Ausgabe von Sinistra in Vorbereitung war, bemerkte jemand, der den Text gut kannte, dass wir hier aufpassen sollten, denn einen solchen Namen wie Mukkerman gebe es auf Deutsch nicht. Umso besser, sagte ich, dann gibt es ihn eben von nun an. Um nichts in der Welt hätte ich darauf verzichtet, denn diese Figur war ja zusammen mit ihrem Namen in meiner Vorstellung aufgetaucht, und als das Kapitel beendet war, war um ihn herum eine mukkermansche Welt entstanden, die Figur hatte die Atmosphäre mit ihrer Mukkermanheit erfüllt, und das gesamte Umfeld stand nun in einer Abhängigkeit von diesem Mukkerman. Wie sollte man ihn dann plötzlich anders nennen? Das sind entscheidende Punkte, in denen der Autor nicht nachgeben darf. Übrigens hatte derjenige, der mit besten Absichten seinen Einwand vorgetragen hatte, nicht recht: Vor einiger Zeit bin ich im Berliner Telefonbuch auf einen gewissen Mukkerman gestoßen. Ich wurde auch ziemlich neugierig, wie er wohl aussehen mochte, und mir kam kurz der Gedanke, mit irgendeinem Vorwand bei ihm zu klingeln, schließlich stand neben der Telefonnummer seine Adresse. Aber ich bin ein lausiger Schauspieler und verkrafte solche künstlichen Situationen ziemlich schlecht. Und vielleicht ist es auch besser so, wenn ich nur meinen Mukkerman kenne.“
Oder denken wir an den Boursin-Hof und Klara Burszen in Die Vögel von Verhovina. Woher mag dieser Name kommen? Aus einem Winkel Siebenbürgens, dieser Gegend, in der, wie bereits erwähnt, einst so viele Völker lebten? Aus Ádám Bodors Vorstellung? Oder aus dem Kühlschrank? Boursin heißt nämlich die seit 1957 eingetragene Marke eines französischen Käseherstellers. Doch kehren wir zurück nach Verhovina und auf den Boursin-Hof, wo Klara Burszen lebt, die „von einer Liebesträumerei erfüllt (war), die sie auf einen ungarischen Offizier aus Bistritz warten ließ, seitdem ihr prophezeit wurde, dass dieser bald angeritten kommen, sie auf dem Pferd vor sich setzen und mit ihr fortgaloppieren würde, jenseits der Berge, nach Transsylvanien.“ Von Adam erfahren wir an ebendieser Stelle: „Auf Wunsch des Fräuleins lese ich ihr eine Stunde lang aus dem ungarischen Buch mit dem Titel ‚Gebirgs- und Gewässerkunde und die Flora und Fauna des Komitats Máramaros‘ vor. Ungarisch habe ich ein wenig in der Besserungsanstalt aufgeschnappt, aber ich verstehe nicht viel von dem Text und Klara Burszen überhaupt nichts. Trotzdem lese ich ihr laut vor, die unbekannten Wörter knistern und knirschen mir im Mund, und das Fräulein spitzt die Ohren: Sie gewöhnt sich an den Klang der ungarischen Sprache.“ Eine wunderbare doppelte Metapher: ein Geografiebuch und die ungarische Sprache. Die Vögel von Verhovina hat Ádám Bodor selbstverständlich auf Ungarisch geschrieben, doch erfahren wir nicht, in welcher Sprache in dem Buch gesprochen wird – wir wissen nur, dass es nicht Ungarisch ist. Und etwas anderes wissen wir auch: Nach der polnischen (2014), der französischen (2016), italienischen (2018), spanischen (2019) und englischen (2021) Ausgabe können wir die außergewöhnliche Welt Ádám Bodors nun endlich auch in deutscher Sprache kennenlernen.
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