Die Vögel von Verhovina

Ádám Bodor · Kapitel 7 von 14

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Die Vögel von Verhovina

7. (Januszky oder Eher Roswitha)

 

 

Am ersten Tag nach der dreiwöchigen vorgeschriebenen Quarantäne hatte Januszky kaum Gelegenheit, sich umzusehen, wohin er gekommen war, schon stellte Anatol Korkodus ihn auf die Probe: Er drückte ihm eine Karte in die Hand und schickte ihn in den Stummen Wald, zum Damm, mit dem Auftrag, die Quellen, die er unterwegs fand, zu zählen und sie anhand des Abflusses und der Farbe der Steine neben dem Wasserlauf zu klassifizieren. Er solle bei Balwinder übernachten, der in einer Hütte am Damm seine Strafe verbringe, und dann solle er über einen Umweg, entlang der Jablonka, vorbei am Birtz Sappeurhaus zur Siedlung zurückkommen, dabei überall den Wasserstand ablesen und alles sorgsam in ein Notizbuch eintragen. Januszky tauchte am Abend des vierten Tages auf und als man ihn fragte, wo er so lange gewesen sei, zuckte er nur mit den Schultern und sagte, er erinnere sich nicht und außerdem habe er das Notizbuch verloren, in das er alles hätte eintragen sollen. Seine Kleidung war zwar zerknittert, doch wirkte er ausgeruht und an seinen Gummistiefeln klebte kein Tropfen Schlamm.

In einem unbeobachteten Moment fragte ich ihn, was er sich eigentlich dabei denke. Mit so etwas komme er hier nämlich nicht durch. Er antwortete: Auf dem Weg zum See hätten ihn Vögel ergriffen und das Einzige, woran er sich erinnere, sei, dass er einige Tage in ihrem Nest verbracht habe.

Du lügst, sagte ich. In Verhovina gibt es keine Vögel.

Seitdem waren bereits mehrere Wochen vergangen und Anatol Korkodus wusste immer noch nicht, was er mit ihm anfangen sollte. Offenbar hatte ihn sein Instinkt dieses eine Mal im Stich gelassen, als er Januszky ausgewählt und gedacht hatte, er sei gutes Material und man würde hier draußen leicht einen Menschen aus ihm machen können. Egal, welche Aufgabe man ihm gab, er blickte einen nur verständnislos an und konnte nicht begreifen, warum wir hier sind. Dass es wegen das Wassers ist. Selbst den Sinn dieses einfachen Wortes, Wasser, das die Grundlage allen Lebens ist, vom Himmel fällt und aus der Tiefe der Erde entspringt, war er nur imstande zu verstehen, wenn man es ihm immer wieder erklärte. Der Junge lungerte von Anfang an gelangweilt, mit verschlafenem Blick, die Hände in den Taschen, auf dem Hof des öffentlichen Waschhauses herum, wo er vorläufig in einer Kammer wohnte, als wäre er aufgrund eines Missverständnisses zur Brigade gekommen. Zudem machte er den Eindruck, als wäre er bis dahin unter einer Glasglocke aufgewachsen und nicht in der Besserungsanstalt von Gledin, er hielt sich empfindlich von allem fern, was hier in Jablonska Poljana zum Alltag gehörte. Als würde er die wütenden Blitze der Nacht fürchten, bedeckte er sich die Augen noch am Abend, vor dem Einschlafen mit einem schwarzen Tuch; um sich vor dem schwefeligen Dampf der Thermalquellen zu schützen, der sich in der allabendlichen Windstille auf die Höfe senkte und durch die Schlüssellöcher und geschlossenen Fenster selbst in die Schlafkammern zog, steckte er sich feuchte Watte in die Nase. Und den Eselsschrei, der wie die Posaunen des Jüngsten Gerichts jeden Nachmittag in der Stunde der Toten die Fenster erzittern ließ, dämpfte er mit ölgetränkten Tüchern, die ihm sogar beim Abendessen noch aus den Ohren hingen. Mit einem solchen zimperlichen Zärtling war in dieser windigen, von Regen getränkten Gegend wirklich nichts anzufangen.

Eines Tages sprach ich es ihm gegenüber an: Es gebe ein Problem. Wenn es mit ihm so weitergehe, werde ihn Anatol Korkodus zurückschicken.

Das schien ihn ein wenig zu erschrecken.

Nur das nicht!, sagte er.

Dabei regte sich hinter seiner schmalen, altklugen Stirn offenbar doch etwas.

Das stellte sich an dem Tag heraus, als unser Gönner, Brigadier Anatol Korkodus splitternackt auf seinem Quad saß, bei dem sich bereits von allen vier Rädern der Gummi gelöst hatte, so dass es mit den Stahlfelgen über das Pflaster der Straße der Infanteristen klapperte. Der Brigadier war von Kopf bis Fuß nackt, nur seine Taschenuhr baumelte ihm an einer dünnen Kette um den Hals. An diesem Tag kam Januszky für ein paar Stunden zu sich.

Es war Freitag, da verbringe ich einen Teil des Vormittags stets auf dem am Berghang liegenden Hof von Klara Burszen: Auf Wunsch des Fräuleins lese ich ihr eine Stunde lang aus dem ungarischen Buch mit dem Titel „Gebirgs-und Gewässerkunde und die Flora und Fauna des Komitats Máramaros“ vor. Ungarisch habe ich ein wenig in der Besserungsanstalt aufgeschnappt, aber ich verstehe nicht viel von dem Text und Klara Burszen überhaupt nichts. Trotzdem lese ich ihr laut vor, die unbekannten Wörter knistern und knirschen mir im Mund, und das Fräulein spitzt die Ohren: Sie gewöhnt sich an den Klang der ungarischen Sprache.

Klara Burszen war von einer Liebesträumerei erfüllt, die sie auf einen ungarischen Offizier aus Bistritz warten ließ, seitdem ihr prophezeit wurde, dass dieser bald angeritten kommen, sie auf dem Pferd vor sich setzen und mit ihr fortgaloppieren würde, jenseits der Berge, nach Transsylvanien. So, wie die Näherin Aliwanka es ihr vorhergesagt hatte.

Aliwanka las die Zukunft aus Zwirn, aus Zwirnknäueln, aus Sand konnte sie es auch, aber am ehesten aus Wasser, aus den Strudeln fließenden Wassers, aus den Regentropfen, die in den Pfützen Ringe hervorriefen, aus Nebel und Wolken. Und natürlich aus Speichel, Schweißtropfen und bei Klara Burszen auch aus den Tränen, die ihr die Wangen hinunterrollten.

Ich war also auf dem Weg zu Klara Burszen, als ich Januszky auf der Treppe der Behörde liegend fand, wo er schlief, die Mütze über die Augen gezogen, aus seinem halboffenen Mund hing die Zunge heraus. Das war zu viel. Vielleicht hatte er nur so getan, um mich zu ärgern, auf jeden Fall schob ich meinen Fuß unter seinen Rücken, kippte ihn um und sagte, das, was er veranstalte, sei doch kein Leben und so könne es nicht weitergehen. Wenn er nichts mit sich anzufangen wisse, solle er mitkommen, mich zum Boursin-Hof begleiten. Um meinen Worten Nachdruck zu verleihen, sagte ich erneut:

Ich kann dir verraten, dass Anatol Korkodus sich in dir getäuscht hat, weshalb er plant, dich nach Gledin, in die Anstalt zurückzuschicken. Du solltest endlich begreifen, wo du lebst. Denn mit dem großen Gehirn, das zu haben du dir einbildest, schwebst du in den Wolken. Die Hoffnungen, die man auf dich gesetzt hat, hast du nicht erfüllt.

Daraufhin rappelte er sich gleichgültig auf.

Unterwegs unterhielten wir uns kaum. Manchmal schimpfte ich mit ihm, woraufhin er nur beleidigt etwas grummelte. Schließlich bemerkte ich:

Schade, dass du nicht wenigstens ein bisschen Ungarisch kannst. Dann könntest auch du dem Fräulein vorlesen. Könntest manchmal für mich einspringen, mich vertreten. Wenn die Stunde um ist, bäckt sie dir Pfannkuchen, dann setzt sie sich mit angewinkelten Beinen dir gegenüber in den Sessel, sieht zu, wie du die Pfannkuchen aufisst und erlaubt dir, einen Blick unter ihren Morgenmantel zu werfen.

Januszky gähnte träge.

Ungarisch? Wieso sollte ich kein Ungarisch können? Wie kommt ihr darauf, dass ich es nicht kann?

So kam es, dass ich, nachdem ich mit dem Vorlesen fertig war, Januszky auf den Schemel sitzen ließ, gegenüber vom Fräulein, und ihm die Gebirgs-und Gewässerkunde des Komitats Máramaros in die Hand drückte. Obwohl auch Klara Burszen sofort klar wurde, dass Januszky in seinem Leben wahrscheinlich nicht viele ungarische Worte gehört hatte und selbst die Buchstaben kaum kannte, also nur so tat, als würde er lesen, hörten wir beide voller Erstaunen zu, wie er immer neue Wörter erfand. Januszky las in einer Sprache, die es nicht gab und das so flüssig, dass Klara Burszen vor Verwunderung und Scham, dass man ihr so etwas antat, die Tränen kamen. Verblüfft sahen wir zu, wozu er imstande war: Um den Schein zu wahren, ließ er seinen Blick sanft über die Zeilen gleiten, dazu bewegte er sogar langsam den Kopf und wenn er das Gefühl hatte, am Ende der Seite angekommen zu sein, blätterte er um.

Das tat er so lange, bis ich sagte:

Jetzt reicht’s. Hör sofort damit auf und entschuldige dich. Das machst du nicht mit uns. Das verdient das Fräulein nicht.

Habt ihr es etwa nicht verstanden?

Du kannst dich nicht benehmen, das ist dein Problem. Du gehörst nicht hierher. Ich bespreche das noch heute mit Anatol Korkodus. Für dich ist es auch besser, wenn du so bald wie möglich fortgehst.

Ich bitte dich, nur das nicht. Ich reiße mich zusammen, noch heute. Ich verspreche, dass ich ab heute versuchen werde, so zu sein wie ihr.

Das geschah gegen Mittag. Was soll ich sagen, die Zeit war verflogen. In der Küche von Pochoriles brutzelte schon die Eselwurst, von seinem Gasthof wehte der Wind den Geruch ranzigen Fettes herbei und wir saßen immer noch auf dem Hof von Klara Burszen.

Das war wirklich schade.

So konnte es passieren, dass, da Brigadier Anatol Korkodus an dem Tag als Gutachter zu der nahegelegenen Nikolina-Siedlung gefahren war, weil dort angeblich mitten im Lager zwischen den Felsen eine warme Quelle entsprungen war, sich, als der Prokurator für öffentliche Gesundheit, Damasskin Nikolsky, wieder vorbeikam, niemand in der Nähe der Wasseraufsichtszweigstelle befand.

Man nannte ihn, wenn man sich überhaupt traute, ihn zu erwähnen, übrigens nur D. N., seinen ganzen Namen sprach seit seinem früheren Besuch in Verhovina niemand gern aus. Damals war er an einem Vormittag nur in Halbschuhen über die Anhöhen von Jablonska Poljana spaziert, hatte sich den Friedhof und das öffentliche Waschhaus angesehen, sich dann in ein Zimmer in Edmund Pochoriles’ Gasthof einquartiert, von wo aus er einen ungehinderten Blick auf den Man-Gold-Hof, das Waschhaus und das Büro der Brigade hatte. Vier Tage lang verließ er das Zimmer gar nicht, selbst das Mittagessen ließ er sich hinaufbringen und blickte nur mit einem Fernrohr aus dem Fenster. Am Morgen des fünften Tages kam er herunter und trug seinen Namen ins Gästebuch ein – Damasskin Nikolsky, Prokurator für öffentliche Gesundheit – bezahlte, sagte, der Ort gefalle ihm, weshalb er das nächste Mal, was bald sein würde, mit seinen Freunden herkommen wolle, und zog weiter, als hätte er seine Arbeit erledigt. Doch wer seine schmächtige Gestalt, den Eierkopf mit den dürftigen, an den Kopf geschmiegten Haaren nur einmal hinter der Hecke entlanghuschen gesehen hatte, wünschte, er würde nie wieder in diese Gegend kommen.

Wir saßen noch in Klara Burszens Küche, als Fabritius, der aus der Kutte gesprungene Pfarrer, mit der Nachricht hereinstürmte. Die Person sei wieder aufgetaucht und, als hätte sie genau gewusst, dass sie dort niemanden antreffen würde, sei sie direkt zum Hof der Zweigstelle gegangen, habe dem Diener der Behörde, dem Kalfaktor Duhovnik, die Büroschlüssel abgenommen, die Schubladen ausgeräumt, die Akten, Protokolle, Tabellen auf den Hof hinausgeschleppt, aufeinandergestapelt und sie dann, wie man es sonst mit Städten macht, an den vier, den Himmelsrichtungen entsprechenden Ecken angezündet. Aufzeichnungen aus hundertdreiundvierzig Jahren, die Beobachtungen von Hauptmann Mordwinn und Anatol Korkodus, alle Protokolle bis zum kleinsten Papierfetzen. Er habe gewartet, bis alles verglühte und die Schmetterlinge der Flugasche den Südhimmel über Jablonska Poljana grau färbten, dann sei er auf sein Zündapp Motorradgespann gestiegen und davongefahren.

Brigadier Anatol Korkodus kam am frühen Nachmittag aus Nikolina zurück.

Januszky und ich waren gerade dabei, am Zaun des Boursin-Meierhofs entlang in Richtung der Hauptstraße hinabzusteigen, als wir das bekannte Motorengeräusch hörten. Unten näherte sich der Pissky-Brücke ein Quad, die Gestalt, die darauf saß, erkannten wir an ihren flatternden Haaren von Weitem, doch schien sie seltsamerweise nur ein hautfarbenes, enganliegendes T-Shirt zu tragen, wie man es von Artisten kennt, sie erinnerte kaum an den Brigadier, den wir am Morgen noch in Tarnkleidung hatten wegfahren sehen. Dabei war er es, nur trug er jetzt gar keine Kleidung. Wie ein schlechte Nachrichten bringender nackter Engelsbote tuckerte er zwischen den Häusern entlang, während um den Auspuff des Fahrzeugs Flammenschwerter blitzten.

Ich wusste, dass ich nicht träumte, ganz gleich, wie er jetzt aussah, das war Anatol Korkodus. Auch Januszky spürte wohl, dass etwas geschehen sein musste, denn er blieb stehen, stand mit verschränkten Armen da, um seine Lippen bebte etwas wie ein Lächeln, so starrte er Anatol Korkodus hinterher. Wir setzten uns für eine kurze Weile in Edmund Pochoriles’ Gasthof und beobachteten aus dem Schutz der Vorhänge, wie der Brigadier nichtsahnend an dem noch qualmenden Aschehaufen vorbeiging, das klappernde Geländefahrzeug in den überdachten Schuppen schob, mit einer Plane bedeckte und so lässigen und leichten Schrittes, wie sich nur ein nackter Mensch zu bewegen vermag, ins Haus ging.

Ob man ihn ausgeraubt hatte? Und ihm dabei ausgerechnet die Uhr gelassen? Nein, es musste etwas anderes passiert sein. Aber wir hatten keine Zeit herumzuraten.

Auf dem Hof qualmte der zusammengesackte Papierhaufen immer noch und verströmte den Geruch vergangener Zeiten. Jemand muss zwischen den Papierstapeln früher einmal Bohnenkraut getrocknet haben, denn dieser Duft hing wie ein zartes Tuch über dem Hof. Obwohl das Fenster der Küchentür beschlagen war, war Anatol Korkodus’ nackte Gestalt dahinter zu erkennen.

Er stand mitten im Raum in einer mit Wasser halb gefüllten Schüssel. Im Ofen loderte Feuer, auf der Herdplatte stand der größte Suppentopf, in dem der Brigadier Wasser erwärmte, mit einer Stielkanne daraus schöpfte und über sich goss. Der Raum war von einem stark nach Petroleum riechenden Dampf erfüllt und auch die Haut des Brigadiers schimmerte ölig bunt. Jetzt baumelte ihm auch seine Taschenuhr nicht mehr um den Hals.

Ich hätte etwas sagen müssen, doch Januszky kam mir unerwartet zuvor:

Alle Achtung, Boss, Sie sind aber schnell wieder aus Nikolina zurück. Sie haben bestimmt Hunger. Ich sage in der Kantine Bescheid, dass sie das Mittagessen heute eher schicken sollen. Aber nicht, dass Sie sich inzwischen erkälten.

Anatol Korkodus wandte sich ihm zu, als traute er seinen Ohren nicht. Auch ich staunte nicht schlecht und wechselte verwunderte Blicke mit meinem Alten. Januszky fuhr fort:

Und sagen Sie, Boss, stimmt die Sache mit der heißen Quelle oder war das nur ein Märchen, ein Vorwand, um Sie dorthin zu locken? Da wollte wohl jemand, dass Sie heute nicht daheim sind.

Anatol Korkodus sah mich wieder an, ob auch ich hörte, was der Junge sagte. Als wüsste er genau, was dem Brigadier widerfahren war. Doch bald schon sammelte er sich, ignorierte nach außen hin die Wichtigtuerei des Jungen und wandte sich ruhig an mich:

Setz noch einen Topf auf. Ich bin mit etwas Gasöl vollgeschmiert, ich werde mindestens vier oder fünf Töpfe warmen Wassers brauchen, um mich zu waschen.

Ich holte den Waschtopf aus der Kammer, füllte ihn mit Wasser, währenddessen stand ich mit dem Rücken zu ihnen. Weil das Wasser rauschte, sagte ich laut:

Stellen Sie sich vor, heute hat auch Januszky dem Fräulein vorgelesen. Januszky spricht perfekt Ungarisch. Hätten Sie das gedacht?

Plötzlich fiel mir Januszky, ebenfalls laut, ins Wort:

Ich wasche Ihnen gleich den Rücken, Boss. Aber vorher wische ich ihn mit einem trockenen Handtuch ab. Das weiß ich von meiner Mutter, die mir damals noch so manches beigebracht hat: Über petroleumbeschmierte Haut rutscht das Wasser nur so hinweg. Es perlt von ihr ab, deshalb muss man das Petroleum zuerst mit einem trockenen Tuch abwischen.

Ich musterte ihn: Der und seine Mutter!

Auch Anatol Korkodus musterte den Jungen, wusste nicht, was er davon halten sollte, dass der plötzlich so redselig geworden war und die Initiative ergriff. Dann wandte er sich wieder an mich und bat mich, das Wasser auszutauschen. Er trat aus der Schüssel, und ich nahm sie, die Oberfläche des Wassers schillerte regenbogenfarben. Januszky öffnete mir die Tür und ich schüttete es auf den Hof. Während ich einen Schritt nach hinten tat, damit er sie wieder schließen konnte, blickte ich auf.

Gerade in diesem Moment kam unser Amtsdiener, das Faktotum der Behörde, der Murkser Duhovnik durchs Tor. Er hatte zwar freien Zugang zum Hof, zur Scheune und zum Garten hinterm Haus, trotzdem war ich neugierig, was er jetzt vorhatte. Ich wischte mit dem Arm meines Mantels ein kleines Loch auf dem beschlagenen Fenster und blickte hinaus. Schniefend, mit langsamen, unsicheren, taumelnden Schritten steuerte er offenbar direkt auf die Eingangstür zu. Er stieg die drei Stufen hinauf, nahm die Mütze ab, drückte sie sich unter den Arm und blickte, die Augen mit der Hand abschirmend, durch die Fensterscheibe der Tür. Durch die feuchte Scheibe verzerrt, sah man sein vor Entsetzen hochrotes, verschwommenes Gesicht. Er war offensichtlich betrunken.

Januszky bemerkte es auch und trat ganz nah an die Tür.

Sieh einer an, der späht herein. Hat er das früher auch schon gemacht?

Nun wandte sich Anatol Korkodus an ihn, sprach ihn endlich an. Wer weiß, warum, siezte er ihn auf einmal:

Wissen Sie was, Januszky? Dann schicken Sie ihn doch weg. Zeigen Sie mal, wie Sie das machen.

Da der Kalfaktor Duhovnik, die Stirn immer noch an die Scheibe gedrückt, hinter der Tür wankend, wohl hörte, was Anatol Korkodus sagte, klopfte er an und rief herein, wobei ihm die Stimme wegbrach:

Ich habe eine nicht besonders gute Nachricht, mein Herr.

Anatol Korkodus hielt die Nase in die Luft und schnüffelte. Duhovniks Schnapsgeruch drang nun schon durchs Fensterglas.

Zuerst sah Anatol Korkodus mich an, dann warf er Januszky einen auffordernden Blick zu, woraufhin dieser die Tür öffnete, aber nur einen spaltbreit. Er wich zurück, und mit dem Luftzug erreichte nun auch mich der Geruch des Betrunkenen. Januszky beugte sich hinaus und sagte:

Der Brigadier hat jetzt keine Zeit. Kommen Sie morgen. Warten Sie mit Ihren Nachrichten, wenn sie uns interessieren, werden wir Sie rufen.

Ich warte nicht!

Januszky blickte mit gesenkten Lidern und einem schiefen Lächeln zu Anatol Korkodus und sagte:

Er meint, er warte nicht.

Duhovnik gab keine Ruhe und fuhr, immer noch hinter der Tür stehend, mit zunehmender Lautstärke fort:

Schade, dass der Herr nicht zu Hause war. Ich kann nur sagen, es ist wirklich sehr schade, dass Sie heute nicht daheimgeblieben sind. Darum konnte das passieren, was passiert ist. Eine Person war da, den Namen spreche ich lieber nicht aus.

Anatol Korkodus warf Januszky einen düsteren Blick zu.

Fragen Sie ihn, welcher von beiden. Das Pferdegesicht oder der andere, der Eierkopf. Er soll es uns sagen und dann gehen.

Nun öffnete Duhovnik die Tür weiter und steckte den Kopf herein. Seine Nase war rot, die Augen waren blutunterlaufen.

Nicht das Pferdegesicht, es war die Mäusefresse. Ich habe gerade die Meerschweinchen gefüttert, als ich das Tor quietschen hörte. Als ich herauskam, war die Person schon auf dem Hof. Er sagte, ich sehe, der Chef ist nicht da, sei’s drum, wenn er nicht da ist, ist er eben nicht da, das ist wohl auch für ihn besser so. Das hat er gesagt. Und dann noch, dass er keine Zeit hat, auf ihn zu warten, seine Aufgabe ist nämlich unaufschiebbar. Dann griff er in meine Hosentasche und holte die Büroschlüssel heraus. Alle beide, denn sie sind ja zusammengebunden.

Anatol Korkodus sagte leise:

Das reicht. Kein Wort mehr. Später, wenn Sie wieder nüchtern sind.

So war es, mein Herr. Er hat die Bürotür geöffnet, ist hineingegangen, hat nicht lange gebraucht, hat alles schön auf den Hof hinaustragen, alle Papiere von Herrn Korkodus, die Schubladen sind leer. Er hat alles in einen Sack gestopft, als würde er es mitnehmen wollen. Aber er hat es nicht mitgenommen, sondern mitten auf den Hof gekippt und mich um ein Streichholz gebeten.

Anatol Korkodus trat aus der Waschschüssel heraus, wischte über das beschlagene Fenster und blickte auf den Hof hinaus. Auf den schwelenden, qualmenden schwarzen Haufen. Er trat zurück in die mit Wasser halb gefüllte Schüssel. Jetzt begann sein Kopf zu zittern, als nickte er zustimmend. Dann bekam er einen kurzen Schluckauf, holte tief Luft, sperrte den Mund weit auf, woraufhin eine Menge Speichel vor seine Füße in die Waschschüssel tropfte. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, und bedeutete Januszky, die Tür zu schließen. Danach sagte er es auch ganz leise:

Junge, schließen Sie die Tür.

Duhovnik blieb da, stand hinter der Tür, seine roten Ohrläppchen leuchteten durchs beschlagene Fenster.

Doch die Schlüssel sind am Ende hiergeblieben, rief er, Herr Nikolsky hat sie nicht mitgenommen, als er ging, er hat sie im Schloss gelassen.

Anatol Korkodus räusperte sich, ihm traten sogar Tränen in die Augen und sein Kopf zitterte in einem fort, trotzdem sprach er mit ganz ruhiger, leiser Stimme:

Was würden Sie jetzt tun, Januszky? Was würden Sie mit diesem Menschen machen?

Irgendetwas, damit wir nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ich meine, nie wieder.

Dann überlasse ich das Ihnen. Erledigen Sie es, denn, wie Sie sehen, habe ich jetzt etwas anderes zu tun.

Obwohl es Nachmittag war, die Stunde der Toten, wenn die Esel schreien, zog Januszky die Tücher aus den Ohren. Er öffnete die Tür.

Sie gehen jetzt nach Hause und packen zusammen. Packen Ihre Sachen, aber nur das Notwendigste, was in eine Umhängetasche passt, denn Sie verlassen diesen Ort.

Ich? Wohin zur Hölle soll ich denn gehen?

Sie haben es gehört. Sie packen unverzüglich zusammen, weil Sie weggehen werden. Wenn Sie fertig sind, sage ich Ihnen, wohin. Sie haben fünfzehn Minuten, also eine Viertelstunde.

Duhovnik hörte, was Januszky sagte, aber als wollte er ihm nicht glauben, blieb er hartnäckig auf der Schwelle stehen. Erst als Januszky mir die Tür öffnete, damit ich das Wasser aus der Schüssel schütten konnte, die der Brigadier inzwischen vollgespuckt hatte, ging er zögernd los. Ich stand da, als wollte ich es über ihn schütten.

Sie haben gehört, was Herr Januszky gesagt hat. Halten Sie sich daran.

Nun bat Anatol Korkodus Januszky, aus der Kammer eine größere Schüssel zu holen. Nachdem wir sie mit warmem Wasser gefüllt hatten, stellte er sich wieder hinein und bat den Jungen, ihm die Haarseife zu geben, die auf dem Fensterbrett lag. Der mit Petroleum durchmischte Dampf hatte sich dicht auf die Fensterscheibe gelegt, dennoch war die taumelnde Gestalt des Kalfaktors Duhovnik zu sehen, wie er mit eingezogenem Schwanz langsam über den Hof trottete. Anatol Korkodus rieb sich den Körper mit der Haarseife ein, ließ sie an den mit Haaren bedeckten buschigeren Stellen aufschäumen und rubbelte sich dann mit einem ins warme Wasser getauchten groben Handtuch ab. Dann trat er unerwartet, noch triefnass, heraus, setzte sich an den Rand der Pritsche, auf der ich sonst schlief. Schaumwasser lief ihm die Waden entlang auf den Boden. Er grub das Gesicht in die Hände.

Nun sagte Januszky:

Boss, Sie erzählen gar nichts. Stimmt es wirklich, dass in Nikolina aus dem Boden heißes Wasser entspringt? Darf ich fragen, zu welchem Schluss man gekommen ist? Wird man damit etwas anfangen?

Anatol Korkodus blickte zwischen den Fingern hindurch forschend zu Januszky und sagte:

Gehen Sie zu ihm, Januszky. Gehen Sie und erledigen Sie, was ich Ihnen aufgetragen habe.

Ich dachte, Sie erzählen uns, wie Ihr Vormittag war.

Der Brigadier winkte nur noch ab und sagte kein Wort mehr.

Jahre später erfuhr ich, was geschehen war. Als es ohnehin schon keine Rolle mehr spielte.

Seitdem im Tal der Jablonka kein Zug mehr fuhr, polterte nur alle zwei Tage ein zu einem Bus umgebauter Lastwagen die inzwischen von Brombeeren und Zwergbirken bewachsene Böschung entlang, deshalb legte Anatol Korkodus die Strecke auf dem sich durch die Wiesen schlängelnden Feldweg mit dem kleinen vierrädrigen Geländemotorrad zurück, das er vor Kurzem von dem Vikar aus Czernowitz geschenkt bekommen hatte. Das Tal der Nikolina war für seine Stacheldrahtzäune, seinen Düngergestank und seine Milchwirtschaft bekannt, vor allem aber für die aufgrund ihrer unzüchtigen Vergangenheit ausgestoßenen Frauen, die sich um die Tiere kümmerten. Trotzdem entsprang an einem kristallenen Oktobertag gerade an diesem verfluchten Ort, neben dem Zaun des Lagers zwischen den Steinen eine heiße Quelle und hüllte die Siedlung in einen Dampfschleier. Noch in der Nacht, im Mondlicht flatterte dieses silberne Tuch wie ein betörendes Trugbild, eine himmlische Botschaft über den Ställen und den Baracken der Internierten. Da es sich um Wasser handelte, ließ die Oberwachtmeisterin Isadora, die neben den Angelegenheiten der Molkerei auch für die Verbannten zuständig war, den Brigadier Anatol Korkodus in Jablonska Poljana benachrichtigen. Er solle sobald wie möglich vorbeikommen, aus der Quelle eine Probe nehmen und ein Gutachten abgeben, denn vielleicht gab es ja eine Möglichkeit, das warme Wasser in die Halle zu leiten, wo die Frauen die Milchkessel bis dahin mit eisigem Bachwasser ausgewaschen hatten.

Obwohl die Siedlung von Nikolina nicht mehr zum Wasserwirtschaftsgebiet von Verhovina gehörte, kam Anatol Korkodus der Bitte nach, setzte sich früh am Morgen auf sein Quad und fuhr auf der vom Herbsttau staublosen Straße zu der Siedlung, um die Sache in Augenschein zu nehmen. Nikolina bestand aus wenigen kleinen Bauernhäusern, aus den Baracken und vor allem aus den Ställen, von wo aus von den frühen Morgenstunden an bis in den späten Abend hinein das Gezwitscher der dungfressenden Haubenhopfe zu hören war. Er war noch ganz am Anfang seiner Begutachtung, als ein schäbiger Kleinlaster bei der Siedlung vorfuhr. Es war die Kreiskommissarin Madame Karabiberi mit ihren Nonnen. In großer Eile sperrten sie die Siedlung rundherum mit einem Rot-Kreuz-Band ab und nachdem sie von einer Liste die Namen der Frauen im Lager aufgerufen hatten, verordneten sie eine Quarantäne von drei Wochen für ganz Nikolina. Die große Eile sei geboten, weil sie über die unsäglichen Zustände informiert worden seien, wonach den Kühen der Speichel aus dem Maul tropfe und es auch in der Unterkunft der Frauen einige gebe, die kränkelten. Offenbar sei wieder diese neuartige Krankheit ausgebrochen, die man in der Gegend Oktoberspeichelsucht nannte, da sie stets mit vermehrtem Speichelfluss begann und auch, weil sie jedes Jahr von den von silbrigen Herbstfäden schimmernden, milden Oktoberwinden aus den morastigen südlichen Ebenen herbeigetragen wurde. Zuerst wirft sie die Kühe um und dann überträgt sie sich auch auf die, die für die Tiere sorgen. Sie geht mit Fieber, brennenden Ausschlägen, Ausfluss aus den Ohren, Doppeltsehen und Unterleibskrämpfen einher.

Doch wusste Doc Svantz, der Tierarzt, der sein Leben ebenfalls wie ein Aussätziger, innerhalb des Drahtzauns, in der Nähe der Ställe und Baracken verbrachte, und den Anatol Korkodus nun rasch befragt hatte, weder von sabbernden Kühen noch von kränkelnden Frauen etwas. Die Herbstfäden mochten vielleicht flattern, doch erfreuten sich die Kühe bester Gesundheit.

Anatol Korkodus kam zu dem Schluss, dass der Zeitpunkt für weitere Untersuchungen ungeeignet sei, brach die Besichtigung ab und schrieb auf einem aus seinem Heft gerissenen Blatt eine kurze Nachricht an die Oberwachtmeisterin Isadora, die während der ganzen Zeit um die Nonnen herumscharwenzelte, dass die Sache bestimmt irgendwie zu lösen sei, vorausgesetzt, die dem heißen Wasser entnommenen Proben würden sich als günstig erweisen, man würde ein paar Meter gusseiserne Rohre besorgen, mit einem Durchmesser von sechs oder acht Zoll, einige Filter und Knierohre würde man auch brauchen und natürlich einen bedeckten Abwassergraben, vor allem aber ein Hydrophor, um das warme Quellwasser in die Halle zu pumpen. Gleich darauf wollte Anatol Korkodus zu seinem Geländefahrzeug gehen, das er vor den Ställen geparkt hatte, um nach Jablonska Poljana zurückzufahren. Da stellten sich ihm jedoch die Nonnen von Madame Karabiberi in den Weg und verboten ihm, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Der Brigadier versuchte, ihnen auszuweichen und nachdem diese nicht nachgaben, zeigte er ihnen sogar das Abzeichen der Wasseraufsichtsbrigade, den silbernen Brigadiersstern, den er an seinem Handgelenk, an der Innenseite der Manschette trug. Er wies mit Nachdruck darauf hin, dass er der Brigadier von Jablonska Poljana sei, der zur Mittagszeit in seinem Büro, in der Nähe seiner Brigade zu sein habe. Doch die Nonnen sahen ihn nur verwundert an.

Es sei interessant, was er sage, doch hätten sie noch nie in ihrem Leben von Jablonska Poljana gehört. Auch von keiner Brigade, die dort irgendetwas zu tun habe und am allerwenigsten von einem Wieheißternoch, Brigadier, wie er sich nannte. Doch selbst, wenn es so sein sollte, eine Seuche sei eine Seuche und Bazillen suchten sich nicht aus, wen sie befielen, das könne einen Brigadier genauso treffen wie jeden anderen. Deshalb solle er ihnen folgen, sie würden eine kleine Desinfektion an ihm vornehmen, denn solange das nicht geschehen sei, brauche er nicht zu glauben, dass er die Siedlung verlassen dürfe. Sie begleiteten ihn in eine verlassene Hütte hinter den Ställen, wo er vom Kichern der Marder empfangen wurde und wo aus dem Boden und sogar aus dem Gebälk schwarze Pilze mit fransigem Hut wuchsen, dort zogen sie ihn splitternackt aus, rieben ihn mit in Petroleum getunkten Lappen von Kopf bis Fuß ein und nahmen seine Kleidung an sich, mit der Begründung, diese auszukochen.

Einige Minuten lang saß Anatol Korkodus zitternd, nur in eine löchrige Decke gehüllt, am Rand der klapprigen Pritsche und starrte durch den mit verdorrten Käfern vollen Spinnwebenvorhang des einzigen kleinen Fensters der Hütte auf den türkisen Oktoberhimmel, in dem gelbe Blätter umherwirbelten und unter dem die silbernen, von der Seuche glänzenden Herbstfäden flatterten.

Ja, es dauerte nur wenige Minuten, bis seine Vermutung mit dem Blutkreislauf in seinen gesamten nackten Körper gelangt war, dann sprang er auf, warf die Decke ab und ging, nackt, wie er war, auf den Hof, sprang aufs Quad und fuhr, durch die Rot-Kreuz-Bänder hindurch, fort. Da man die Reifen des Geländewagens inzwischen aufgeschlitzt hatte, wählte Anatol Korkodus, um doch voranzukommen, den Weg in Richtung der vom Herbsttau durchnässten, dank des Torfs nachgiebigen Wiesen, wo man ihm nicht folgen konnte, weshalb sich die Reifen auch erst am Rand von Jablonska Poljana allmählich von den Stahlfelgen lösten, nachdem er auf die gepflasterte Straße der Infanteristen gebogen war. Das Klappern ließ die Fenster erzittern, die Leute standen schreckensstarr hinter den Vorhängen und sahen dem Brigadier hinterher, wie er mit düsterer Miene auf seinen Hof einbog.

Doch er war trotzdem zu spät gekommen.

Der Kalfaktor Duhovnik wohnte auf dem Lagerhof, in dem Gebäude hinter dem öffentlichen Waschhaus. In seiner Kunstlederweste, mit der Kunstledermütze auf dem Kopf saß er auf der Türschwelle, vor ihm eine fast leere Flasche Holunder-Pálinka, hinter ihm zwei Umhängetaschen. Als er Januszky und mich kommen sah, stand er taumelnd auf. Vor seinen Augen schwebte roter Dunst.

Gut, dass Sie kommen, ich glaube, ich habe nicht alles erzählt. Setzen Sie sich, reden wir nochmal drüber. Mit dem Brigadier würde ich auch noch ein paar Worte wechseln.

Januszky stand vor ihm, die Hände in die Hüften gestemmt und sagte:

Sie, Duhovnik, haben dafür jetzt keine Zeit, weil Sie fortgehen. Und zwar in den Stummen Wald, zum Damm, als Dammwärter. Da finden Sie Balwinder, den schicken Sie heim. Geben Sie ihm zu verstehen, dass wir ihm verziehen haben.

Duhovnik schüttelte ungläubig den Kopf.

Morgen früh wird sich bestimmt auch der Brigadier ausgeschlafen haben. Ich kenne ihn, ich glaube nicht, dass er es ernst gemeint hat.

Das habe ich jetzt so gemeint, nicht der Brigadier. Deshalb werden Sie schön in die Hütte des Dammwärters einziehen und diese nicht verlassen, sondern Tag und Nacht mit weit aufgerissenen Augen den Damm beobachten, den Wasserstand, die Schleusen und alles, wirklich alles, was Ihnen auffällt, notieren. Einmal in der Woche dürfen Sie sich entfernen, bis zum Birtz Sappeurhaus, um sich in der Kantine mit Nahrung versorgen zu lassen. Unterwegs zählen Sie die Quellen neben dem Pfad, auf dem Hin-und Rückweg, und schreiben alles, alles auf, was Sie gesehen haben. Wenn Ihnen langweilig ist, vergleichen Sie die neuen Daten mit den alten, und wenn Ihnen etwas merkwürdig vorkommt, suchen Sie nach einer Erklärung für die Abweichungen. Machen Sie sich auf den Weg, damit Sie sich nicht im Dunkeln verirren.

Mein Herr, das klingt nicht gut.

Januszky ging um die beiden Umhängetaschen herum.

Und was ist das? Es war von einer, genau einer Tasche die Rede, nicht von zweien.

Ich habe meine Sachen in zwei gepackt, mein Herr. Da wir zu zweit sind. Die andere gehört Roswitha.

Roswitha, sagen Sie? Und wer soll diese Person sein?

Duhovnik taumelte zur Tür seiner Schlafkammer und sperrte sie auf. Am Pritschenrand saß ein Mädchen mit rotblonden Haaren, weißer Haut und rosafarbenen Augen und sah uns mit sanftem Kälberblick an. Es hatte einen länglichen Kopf, der etwas größer war als üblich. Als es wahrnahm, dass die Tür offenstand, richtete es sich das Haar und stand auf. Es hatte das reife Gesicht einer Erwachsenen, aber seine Statur war eher die eines Kindes, es ging mir nicht einmal bis zur Brust. Nun ja, der Kopf. Unter der kleinen weißen Lammlederweste trug es eine blaue geblümte Bluse, die etwas feucht war und ihm am Busen klebte. Obwohl ich immer noch den Petroleumgeruch von Anatol Korkodus’ Küche in der Nase hatte, nahm ich den aus der Kammer strömenden Sauerteiggeruch wahr. Den von wollüstigen Frauen mit glänzenden Lippen. Roswitha war in der Brunst.

Auch Januszky schnupperte und starrte Duhovnik an.

Ich habe gefragt, wer das ist.

Wie gesagt, Roswitha. Wir sind seit heute Morgen zusammen. Es waren fliegende Händler aus Velky Lukanar mit ihrem Planwagen hier, sie haben sie mir angeboten.

Das brünstige Mädchen, das Roswitha hieß und das Duhovnik von fliegenden Händlern gekauft hatte, trug ein herzförmiges kleines Kissen um den Hals, auf das mit rotem Faden ihr Name gestickt war: Roswitha. Januszky ging um es herum, beschnüffelte und musterte es.

Ich glaube, Roswitha bleibt hier. Wie viel haben Sie für sie bezahlt?

Zweitausend und achthundert Coupons. Meine ganzen Ersparnisse.

Dann haben Sie Ihr Geld jetzt wieder: Sie haben wieder zweitausend und achthundert Coupons, für die Sie in der Kantine einkaufen können. All Ihre Ersparnisse, Ihre Coupons, bis auf den letzten Abschnitt, warten in der Kantine auf Sie. Sie kaufen nach Lust und Laune ein und müssen nicht bezahlen. Was hätten Sie denn im Wald mit dem Kind angefangen?

Ich fühle mich seit Langem einsam. Ich habe an die langen Winterabende gedacht.

Als sei alles gesagt, kehrte Januszky ihm den Rücken zu und wandte sich an das Mädchen.

Du hast es gehört! Du gehst nirgendwohin und wohin dieser Mann dich mitnehmen würde, erst recht nicht.

Roswitha sah ihn nur an, mit ihren rosa Augen, ohne zu blinzeln, starrte auf Januszkys Mund, dann wieder erschrocken auf Duhovniks Mund, mal zu dem einen, mal zu dem anderen, schließlich auf die beiden Taschen.

Und Duhovnik sagte trotzig:

Sie hört Sie nicht, mein Herr. Roswitha ist taub. Und sprechen kann sie auch nicht.

Roswitha war taubstumm. Als Januszky sie mit beiden Armen ergriff, anhob und forttrug, gab sie also keinen Mucks von sich. Und ich rannte ihnen nur mit trockenem Mund hinterher.

Was hast du vor, hä? Was zur Hölle willst du mit ihr?

Das geht dich nichts an, sagte Januszky streng. Du wirst schon sehen, die wird man schon noch für etwas gebrauchen können.

Die leere Küche war immer noch von Petroleumdunst erfüllt, aber Anatol Korkodus war nicht mehr da. Ich ließ die Tür geöffnet, um den Raum auszulüften und öffnete auch die Fenster. Januszky griff Roswitha unter die Arme und stellte sie auf einen Küchenstuhl. Jetzt war sie ebenso groß wie wir. Sie wusste nicht, was um sie herum geschah, was mit ihr geschah, während ein verlegenes Grinsen über ihr Gesicht huschte, eilten Tränen auf ihre Mundwinkel zu. Januszky griff ihr, wie einem Hund, unters Kinn und drehte ihren Kopf nach links und rechts. Danach suchte er, ganz so, als wäre er zu Hause, auf dem Regalbrett über dem Wasserhahn, wo Anatol Korkodus Seife, Zahnbürste, Rasierer und seine Salben aufbewahrte, nach irgendetwas. Er fand den Schildpattkamm des Brigadiers, befeuchtete ihn, doch bei den verfilzten lockigen Haaren des Mädchens kam er damit nicht weit. Er warf den Kamm zurück aufs Regalbrett, ging einmal im Kreis um das Mädchen, zog ihr die kleine Lammfellweste aus, knöpfte auch die kleine Bauernbluse auf, damit die mickrigen Brüstchen mit den großen hellbraunen Knospen zum Vorschein kamen, zwischen denen ein herzförmiges kleines Kissen baumelte, auf dem der Name stand: Roswitha.

Januszkys Miene war zu einer Grimasse gefroren, grübelnd musterte er das Mädchen, hob es dann plötzlich wieder mit beiden Armen hoch, lauschte eine Weile an Anatol Korkodus’ Tür und klopfte schließlich an.

Sind Sie es, Januszky? Bleiben Sie, wo Sie sind. Und berichten Sie, was Sie erreicht haben.

Ich habe es erledigt, Boss. Ich habe ihn zum Damm geschickt, den sehen wir so schnell nicht wieder, wenn wir nicht wollen. Und, wenn Sie es mir erlauben, das ist noch nicht alles.

Daraufhin öffnete Januszky, ohne eine Aufforderung abzuwarten, mit Roswitha in den Armen, die Tür.

Anatol Korkodus lag bis zum Kinn zugedeckt in seinem Bett, die beiden nackten Arme ruhten auf der Decke, von seinen vielen zotteligen Haaren, die er in ein Handtuch gewickelt trocknete, war jetzt keine einzige Strähne zu sehen. Auf seinem Nachtschrank stand die Flasche mit dem Schlehdorn-Pálinka. Doch aus dem Zimmer strömte immer noch der Geruch von Petroleum.

Januszky stand mit dem Mädchen im Arm auf der Türschwelle und sagte:

Das habe ich für Sie mitgebracht, Boss.

Anatol Korkodus griff nach der Flasche, nahm mehrere Schlucke und ließ die beiden dabei nicht aus den Augen. So vergingen mehrere Minuten, Januszky mit dem stummen Mädchen im Arm, alle in tiefes Schweigen gehüllt. Wer weiß, vielleicht verging sogar eine halbe Stunde auf diese Weise oder noch mehr. Bis der Brigadier endlich etwas sagte:

Ich danke Ihnen, dass Sie an mich gedacht haben. Offenbar habe ich Sie falsch eingeschätzt, Januszky. Stellen Sie, das, was Sie mir mitgebracht haben, dorthin. Und nun gehen Sie, ruhen Sie sich aus.

Ich war schon wach, als Januszky am nächsten Morgen ohne zu klopfen die Küche betrat. Mahnend hob ich die Hand und sagte:

Halt, du bleibst, wo du bist. Das nächste Mal bleibst du schon in der Mitte des Hofs stehen und wartest, bis man dich bemerkt. Bis du hörst, dass jemand aus dem Haus herausruft und dich fragt, was du willst, oder sagt: Ja, bitte? Bis dahin rührst du dich nicht, stehst nur mitten im Hof.

Ich will mit dem Boss sprechen.

Und jetzt wirst du so nett sein und mit diesem Boss-Quatsch aufhören. Wir hier wissen nicht, was das bedeutet. Und das heißt, dass du es auch nicht wissen kannst. Jetzt geh. Du wirst es rechtzeitig erfahren, wenn dich jemand sehen will.

Zwei Tage später kamen sie, um Januszky zu holen.

Offenbar hatte er ihr Kommen im Traum gespürt, aber auch, dass es schon zu spät war und er nicht einmal so viel Zeit haben würde, um das Fenster zu öffnen. Er nahm Anlauf und sprang durchs geschlossene Fenster. So kam es, dass er mit spannenlangen, blitzenden Glasstacheln im Körper die Straße der Infanteristen entlangrannte, während man ihn mit einem Hundefängernetz jagte, bis man ihn schließlich in Kapisztranovs Imbiss, unter dem Kleiderständer, inmitten einer kleinen Blutlache fand, wo er sich auf lächerliche Weise, einen Fuß mit dem anderen bedeckend, hinter Brigitta Konuvalovs Schürze versteckte.

Als er mich durch das Gewebe des Netzes erblickte, wie ich mit verschränkten Armen dastand und zusah, wie man ihn auf einen Lastwagen, auf die Ladefläche hinter der Fahrerkabine schob, die aus einem von Hundespeichel und Fellbüscheln verklebten dreckigen Käfig bestand, brüllte er in der nicht existierenden Sprache los, über die wir uns schon einmal gewundert hatten, als er uns in Klara Burszens Haus versucht hatte hereinzulegen.

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