Die Vögel von Verhovina
11. (Nikita)
Es ist der Tag des letzten Eisheiligen, Sankt Urban. Früher hat Anatol Korkodus Balwinder an diesem Tag schon bei Morgendämmerung ins öffentliche Waschhaus geschickt, um den Winter mit einem Glockenläuten zu verabschieden. Aber Anatol Korkodus ist nicht mehr da, Balwinder lebt auch nicht mehr und der Turm des Waschhauses ist in sich zusammengesackt. Statt vom Läuten der Glocken wird man nun von Gleznárs Hunden geweckt. Sie bellen die weißen Hänge der Medwaya an, die unter der sich auflösenden Schneedecke allmählich zum Vorschein kommen.
Selbst, wenn die Wiesen schon früher ergrünen, zieht Mitte des von Primeln geschmückten Monats Mai aus der eisigen Nacht des Nordens plötzlich eine traurige Wolke über diese Gegend, lässt sich mit ihren trägen Flügeln in den Berggipfeln nieder und wenn sie sich nach einigen Tagen wieder erhebt und in Richtung Südosten weiterfliegt, werden die Höfe erneut von weiß gekleideten Berghängen beleuchtet. Die steil abfallenden, mit frischem Schnee verwehten Gräben reichen auch diesmal bis zu den Gärten. Dort oben gibt es etwas, was die Hunde beunruhigt.
Am Morgen, während ich Feuer mache, klopft meine Cousine Danczura ans Fenster, sie will mir etwas sagen. Die Tür ist nicht verschlossen, sie taumelt herein und setzt sich auf mein Bett. Ihr Bauch hängt wie ein Mehlsack zwischen ihre beiden dürren Beine. Wer weiß, was da drinsteckt.
Eine Weile sieht sie schweigend zu, wie ich meine Arbeit verrichte. Sie greift sich unter die Brüste, wiegt sie in der Hand, wirft einen Blick auf die eine, dann auf die andere und wartet, dass ich auf sie aufmerksam werde. Ihre gelbe Leinenbluse, mit der sie die Schmetterlinge fängt, ist durchnässt, die großen leberfarbenen Brustwarzen scheinen hindurch. Sie zeigt es mir und fragt, was ich davon halte, ist das Milch, oder was? Denn sie zerplatze schon fast und der Balg wolle nicht aus ihr herauskriechen. Und der Wirt Pochoriles habe ihr vor Kurzem geschrieben, dass sie auch noch gar nichts erwarten solle, denn in Verhovina trügen die Frauen die Kinder zwei Jahre lang aus.
Ich sage ihr, dass mir das bisher noch nicht aufgefallen sei und frage, wohin denn Pochoriles ihr solche Nachrichten schreibe.
Ins Notizheft, erwidert sie. Seit Wochen schon reden sie nicht mehr miteinander, aber Pochoriles habe ein kleines Notizheft, in dieses schreibe er, was er ihr mitzuteilen habe und sie antworte ihm ebenfalls darin.
Hier sei der Winter lang, der Sommer kurz, deshalb verbringe der Fötus mehr als dreiundzwanzig Monate dort drinnen im Warmen.
Ich zucke mit den Schultern und sage, das höre ich zwar zum ersten Mal, aber wenn Pochoriles das behauptet, dann wird es wohl so sein. Und wenn sie doch schon Milch habe, solle sie versuchen, sie abzupumpen. Oder soll den Wirt bitten, an ihrer Brust zu saugen. Ihm eine Nachricht ins Notizheft schreiben.
Danczura schüttelt den Kopf, sie glaube nicht, dass das klappen könnte, der Wirt trinke keine Milch.
Danczura ist nicht meine Cousine, aber alle hier denken das, sogar sie selbst. Vor einigen Jahren nahm mich Anatol Korkodus in die Besserungsanstalt in Gledin mit, damit wir gemeinsam ein neues Kind aussuchten, das wir hier in der Siedlung auf den rechten Weg bringen würden, da kam mir die Idee, einmal auch ein Mädchen zu nehmen. Nachdem ich ein kleines wildes Ding mit Knopfaugen und kahlgeschorenem Kopf gefunden hatte, überredete ich den Alten, es aus der Anstalt zu holen, damit ich auch endlich jemanden hatte. Sie war ein bisschen schmuddelig, hatte Dreck unter den Fingernägeln, aber ihre Nase war wie Tau, ihr Blick voller Sehnsucht und Lust und als sie bemerkte, dass ich ausgerechnet auf sie zeigte, sie solle aus der Reihe hervortreten und sich auch von hinten zeigen, erzitterte sie und vor Aufregung beschleunigte sich ihr Atem.
Doch als der Antrag Jahre später genehmigt und Anatol Korkodus benachrichtigt wurde, dass man das Mädchen freigelassen hatte und ich am frühen Morgen zur Bahnstation ging, um es abzuholen und es im kristallenen Licht von Verhovina erblickte, sagte ich mir: Adam, dich hat man hässlich hinters Licht geführt.
Ich hatte nicht dieses Mädchen ausgesucht.
Doch da war es schon zu spät. Seitdem lebt sie unter uns. Ihr Haar ist trockenes Stroh, die Augen mattes Glas, das Gesicht wellt sich unter Sommersprossen und Pusteln, durch ihre stachelige weiße Haut scheinen die Adern hindurch.
Trotzdem erwartete sie es. An einem heißen Nachmittag, in der Stunde der Toten, während ich wie ohnmächtig schlummerte, stahl sie sich zu mir und ließ ihren Speichel in meinen Mund tropfen. Nachdem sie merkte, dass sie auch so keine Lust in mir entfachen konnte, fragte sie:
Wozu haben Sie mich dann herbringen lassen, zu den Füchsen, Dachsen und Fledermäusen?
Da sagte ich: Nur so, als Verwandte. Weißt du etwa nicht, dass du meine Cousine bist? Wie kommst du überhaupt darauf, dass ich dich anrühren würde?
Das Ganze habe ich mir damals ausgedacht. Sie war ein kleiner Knorren, eine windzerzauste, klebrige Klette voller Spinnenfäden. Und doch gefiel dem Wirt Edmund Pochoriles irgendetwas an ihr.
Und jetzt ist es schon so weit, dass sie mit ihrer Milch zu mir kommt. Ich lasse sie stehen, gehe ins öffentliche Waschhaus und drehe die Hähne auf. Alle auf einmal, lasse das Wasser nur so in die Steintröge laufen, eine gute Viertelstunde lang, wodurch sich der Raum mit erstickendem, schwefeligem Dampf füllt. Zum Waschen kommen nur noch wenige und damit sich kein Salz oder andere Rückstände in den Leitungen ablagern, durch die das Thermalwasser aus den Bergen herunterfließt, spüle ich sie jeden Tag durch.
Obwohl das Wasser rauscht, hört man die Hunde kläffen. Diese beiden Hunde gibt es in Jablonska Poljana noch, die anderen wurden von den Füchsen, Luchsen, Fledermäusen mitgenommen. Ach so, und den Eskimohund von Edmund Pochoriles. Aber der ist stumm.
Ich gehe zurück, nehme Anatol Korkodus’ altes Fernrohr vom Haken, stelle mich auf die Türschwelle und lasse den Blick über die Hänge streifen. Das erste, was ich sehe, ist eine riesige Möwe auf dem Schornstein des Gasthofs, sie sieht aus wie eine fette Ente und hat einen Hakenschnabel wie ein Adler. Der Wind weht die Wolken jetzt weiter, unter ihnen glänzen die vorgestern noch grünen Hügel in blendendem Weiß. Doch weit oben, auf den mit frischem Schnee bedeckten Hängen sind in der Form eines Z, im Zickzack herabsteigend dunkle Fußspuren zu erkennen. Die Fußspuren von jemandem, den die Hunde seit der Morgendämmerung anbellen. Und die Spuren werden immer mehr, aber nur so, von sich aus: Sie wachsen in gleichmäßiger Entfernung aus dem Schnee heraus, ein schwarzer Punkt nach dem anderen, nur der, der sie hinterlässt, ist nicht zu sehen. Er ist vollkommen unsichtbar, nur ein Schatten taucht hier und da auf, doch die Hunde spüren schon von Weitem, dass er kommt.
Das Trugbild löst sich auf, als die unsichtbare Person von den schneebedeckten Hängen auf das Sumpfland zwischen den Thermalquellen gelangt, wo auf dem lauwarmen Boden kein Schnee liegenbleibt. Dort wird sie plötzlich sichtbar: Sie ist vollkommen weiß, als bestünde sie nur aus Schnee und Eis. Mit tastenden Schritten geht sie um die Haselnusssträucher, die Zwergbirken und die Dampfsäulen der Thermalquellen herum und kommt langsam auf die Siedlung zu.
Danczura sitzt immer noch am Bettrand. Ihre Bluse glänzt feucht. Und je wärmer es in dem Raum wird, desto stärker wird der Milchgeruch. Ihre glasfarbenen Augen sehen mich mit unschlüssiger Erwartung an.
Ich öffne ihr die Tür, sie könne nun gehen. Ich wiederhole: Sie solle Pochoriles schreiben, dass das sein Werk sei, also solle er nun saugen. Alle drei bis vier Stunden, wie es üblich ist.
Inzwischen brauche ich das Fernrohr gar nicht mehr, die ganz in weiß gekleidete Person ist schon am Fuß des Hanges angekommen, in der Nähe der in Glas gegossenen Czervensky-Wassermühle. Die Zaunreihe verdeckt sie bis zur Hälfte, manchmal blitzt die schneeweiße Gestalt zwischen den Latten auf und als sie bei den Häusern ankommt, verschwindet sie für eine kurze Zeit. Als nächstes taucht sie bereits ganz in der Nähe auf, vor der Veranda von Nadja Kapusztin, sie läuft in der Mitte der ausgestorbenen Straße.
Es ist ein kleiner Mensch, manchmal kommt er ein bisschen ins Taumeln, doch dann gibt er sich wieder Mühe, seinem Gang etwas Würde zu verleihen und, ganz so, als kennte er sich gut aus, blickt er weder nach links noch nach rechts. Obwohl er die eisigen, in Frost gehüllten Höhen hinter sich gelassen hat, ist er immer noch voller Schnee, Eis und Raureif. Er trägt einen knöchellangen Mantel, auf dem Kopf einen eingedellten Tschako. Einst hat er wohl auch ein Pferd gehabt, denn er geht mit einem über die Schulter geworfenen Sattel durch die Straße der Infanteristen. Obwohl er niemanden getroffen hat, der ihm den Weg hätte weisen können, steuert er geradewegs auf den Eingang der Zwei Schnepfen zu, dem Gasthof von Edmund Pochoriles.
Da Edmund Pochoriles in letzter Zeit kaum Gäste hat, verbringt er den Tag größtenteils mit Lesen, er vertieft sich in die Bücher der ehemaligen evangelischen Schule, bevor er sie verfeuert. Wenn einer von uns etwas trinken will, während er sich bis in den frühen Nachmittag unter seiner Decke über die Bücher gebeugt seinen Träumereien hingibt, bedienen wir uns einfach am Tresen und schreiben mit Kreide auf die Tafel mit dem Tagesmenü, was wir verzehrt haben.
Seitdem Danczuras Leibesfülle zunimmt, ist der Wirt Pochoriles ernst und in sich gekehrt. Er kocht nicht, isst kaum, antwortet nicht, wenn man ihn etwas fragt und er trinkt vom Nachmittag an bis in den späten Abend. Vor Kurzem hat er im Keller eine Bestandsaufnahme seines Weines gemacht, den er nur für sich selbst hütet und auf ein Stück eines zerrissenen Kartons so viele Flaschen gezeichnet, wie da unten auf den Regalen noch auf ihn warten. Jedes Mal, wenn er eine Flasche öffnet, versieht er eine der gezeichneten mit einem Kreuz. Es werden immer weniger Flaschen und eines Tages wird er die letzte öffnen. Er sagt, das werde sein Ende sein: Er werde sich hinlegen, bis zum Kinn zudecken und die Hände auf der Brust falten.
Als ob das so einfach wäre.
Der schneeweiße Fremde steht bereits vor der geöffneten Eingangstür des Gasthofs, betrachtet unsicher das schäbige, sonnengebleichte, regengespülte Wirtshausschild, als versuchte er es zu entziffern. Schließlich betritt er den Eingangsbereich, nimmt den Sattel von der Schulter, wirft ihn in eine Ecke und verschwindet, ohne den Schnee von seiner Kleidung zu klopfen, im leeren Saal.
Kurze Zeit später sehe ich Edmund Pochoriles, wie er durch das Gartentor kommt. Er trägt eine zerknitterte Freizeithose, in der er meist im Bett liegt, ein kurzärmliges, zerschlissenes T-Shirt und eine Schildmütze, die die Augen verdeckt. Er eilt über die Straße, bleibt unter meinem Fenster stehen. Ich bitte ihn herein, aber er kommt nicht. Er spricht ziemlich leise, es ist, als strömten die Worte mit Salbe gemischt aus seinem Mund. Er bittet mich, schnell zu Lorenz Fabritius, dem aus der Kutte gesprungenen Pfarrer, zu gehen und ihm zu sagen, dass er unverzüglich ins Wirtshaus kommen solle, falls er schlafe, solle ich ihn wecken. Es sei ein Gast aus dem Jenseits eingetroffen, es gehe ein eisiger Hauch von ihm aus, er stehe schwankend inmitten des Saals, umgeben von einer Dunstwolke und um ihn herum wabere züngelnd bunter Dampf. Er, Pochoriles, verstehe kein Wort, von dem, was der Mann sage, wisse nicht, was er wolle, denn er spreche Ungarisch. Fabritius solle sich eine ordentliche Kluft überziehen, hereilen und herausbekommen, was der Mann wolle.
Edmund Pochoriles sieht mich unter dem Schild seiner Mütze hervor an, mustert mich. Er sagt:
Ich glaube, diese Person habe ich Anatol Korkodus zu verdanken.
Anatol Korkodus? Woher zum Teufel? Anatol Korkodus ist doch längst tot.
Eben, von dort. Offenbar hat er jemanden geschickt, um mich zu holen.
Pochoriles zieht die Mütze noch etwas weiter herunter und legt den Kopf leicht in den Nacken, um noch etwas zu sehen.
Ich solle mir die Fußspuren auf dem schneebedeckten Hang mal genauer ansehen. Sie verliefen von links nach rechts und wieder nach links und ergeben so eine Kette von endlos vielen N-s. Der Buchstabe N bedeute Nikita. Und Nikita sei der Name für den Tod. Anatol Korkodus habe dieses Zeichen auch gesehen, bevor man ihn erledigt habe.
Ich betrachte den sonnenbeschienenen, verschneiten Berghang und die z-förmig in Richtung Tal verlaufenden Fußspuren. Wenn man den Kopf etwas schräg hält und es unbedingt so sehen will, könnten es auch aneinandergereihte N sein. Aber trotzdem, was soll das.
Anatol Korkodus habe in seinem Traum ebenfalls ein großes N gesehen.
Blödsinn. Er hätte nicht Tag und Nacht das Kochbuch von Eronim Mox studieren sollen. So lange, bis sich seine Visionen erfüllen.
In den frühen Morgenstunden, in denen jemand mit einem Schneemobil gekommen war, um Anatol Korkodus mitzunehmen, hatte er einen Traum gehabt. In diesem war eine Person ohne Gesicht, von Kopf bis Fuß in Weiß wie ein Heiliger, zu ihm gekommen, um ihm nur durch seine Nähe und die an die Stirn gehobene mahnende Hand den Tod zu prophezeien. Sie trug einen luftigen, aufgebauschten weißen Wollmantel, die ganze Gestalt glänzte matt wie Raureif und über ihr waberte, wie mit kaum sichtbarem Seidenfaden gestickt oder als wären es nur züngelnde Dampfschwaden, ein durchscheinendes großes N. Anatol Korkodus deutete den Traum dann auch sofort: Der Buchstabe N stehe für Nikita und Nikita sei in Verhovina der Name für den Tod. Wenn jemand den Buchstaben im Traum oder in der Wirklichkeit des helllichten Tages in seiner Nähe oder am Himmel, zwischen den Wolken nur kurz aufblitzen sehe, der solle ein schönes Gebet murmeln, denn sein Ende sei gekommen, seine Zeit abgelaufen. Es blieben ihm höchstens noch ein paar gnadenvolle Stunden, um sich auf den Abschied vorzubereiten.
Wir haben gedacht, der Brigadier sei verrückt geworden. Aber nein. Schon am nächsten Tag war er nicht mehr unter uns. Und im Morgengrauen des übernächsten Tages hielt ein Pferdewagen auf dem Hof der Wasseraufsichtsbrigade. Die Pferde, als hätten sie sich selbst ausgespannt, trabten leise fort, ließen den Wagen zurück. Darin lag mit Stroh bedeckt ein Toter mit großer Nase: der Brigadier. Anatol Korkodus.
Trotzdem frage ich Pochoriles, ob es noch jemand anderen gebe, der etwas über diese Marotte mit dem N wisse.
Das spiele überhaupt keine Rolle, sagt er, ihm reiche, was er selbst wisse. Wenn er etwas wisse und das Gefühl habe, es sei wahr, brauche er keine Erklärung, sein Ende sei so oder so gekommen.
Ich sage zu ihm: Gut. Dann stelle ich dir eine Frage. Wenn du dein N andersherum siehst, so dass es links oben beginnt und rechts unten endet und nicht oben, wie man es normalerweise schreiben würde, bedeutet es dann immer noch das Gleiche?
Er sagt, das wisse er nicht. Anatol Korkodus habe in seinem Traum ein richtiges N gesehen.
Denn hier auf dem Hof gibt es nämlich auch schon so ein großes N, fahre ich fort, und zwar im Lokus. An dem Tag, als der Prokurator Damasskin Nikolsky hier war und sein Anblick bei allen Durchfall ausgelöst hat, hat jemand mit Scheiße ein solches umgedrehtes N an die Wand des Klos geschmiert. Ein solches, wie es Leute schreiben, die nicht schreiben können, das links oben beginnt. Was soll man denn darüber denken? Was bedeutet dieses umgedrehte N?
Pochoriles überlegt und sagt:
Andersherum bedeutet es vielleicht gar nichts.
Doch belässt er es nicht dabei, sondern schüttelt nach einer Weile leicht den Kopf und sagt: Von innen, aus dem Inneren des Brettes gesehen, ist es sehr wohl ein richtiges N.
Während Pochoriles und ich auf Fabritius warten, spähen wir aus der Küche durch die Durchreiche in den Saal hinüber. Von der fremden Person, die nach Meinung des Wirtes gekommen ist, um die Botschaft des Todes zu überbringen, fällt der gefrorene Panzer aus Schnee, Eis und Raureif in großen Stücken ab. Jetzt steht er am anderen Ende des Saales vor einem Tisch, sucht nach einem Platz und blickt dabei in unsere Richtung, bemerkt uns, wie wir durchs Fenster schauen, da hebt er die rechte Hand ans Schild seines vereisten Tschakos und nickt uns zu. Dann nimmt er den Tschako vom Kopf, schüttelt den Schnee ab, hängt ihn an den Kleiderständer und schält sich eifrig aus dem Mantel, der seine Form angenommen hat und nun durch die Wärme des Raumes seidene Dämpfe aufsteigen lässt. Er versucht, ihn an den Kleiderständer zu hängen, gibt es aber schnell auf und lehnt ihn dann wie eine Puppe ohne Kopf in die Ecke. Er taumelt ein bisschen, hat Schluckauf, im Flimmern der Dunstwolke verschwimmen seine Züge. Er gähnt ausgiebig und schnäuzt mangels Taschentuch in seine Hand, lange und laut, als trompetete er seine Seele hinaus. Sein Schädel glänzt, nur um die Ohren herum stehen zwei frostige weiße Büschel ab. An seinem Schnurrbart, den Augenbrauen, den Bartstoppeln, ganz bis unters Kinn, hängen kleine Trauben Raureif und sogar aus seinen Ohren läuft Tauwasser.
Jetzt, da die Eisschale, die alle Falten seiner Kleidung verdeckt hatte, allmählich von ihm fällt, wird plötzlich auch sein Geruch wahrnehmbar. Der des Wanderers, der sich seit Monaten nicht gewaschen hat.
Das war es, was Gleznárs Hunde schon von Weitem gerochen hatten.
Lorenz Fabritius, der aus der Kutte gesprungene Pfarrer, betritt die Küche vom Hof aus und bevor er in den Saal geht, blickt auch er vorsichtig durch die Durchreiche. Er trägt seinen längst abgelegten Talar mit dem hohen Kragen, der voller modriger Flecken ist und wohl seit Jahren zusammengeknüllt in einer Truhe gelegen hatte, darunter einen vergilbten gestärkten Kragen, aber die Hose ist die gleiche fransige, zerschlissene, mit Wachssprenkeln befleckte, die er jeden Tag anhat. Nachdem er den Fremden aus der Ferne gemustert hat, stößt er die Schwingtür auf, geht ans andere Ende des Saals, wo es sich die unbekannte Person gerade an einem Ecktisch bequem macht. Er bleibt einen Moment stehen, stellt sich womöglich vor, dann setzt er sich zu ihm. Aus der Küche sieht es so aus, als würden sie sich bereits unterhalten.
Danczura taucht auf, bindet sich eine Schürze um. Wegen ihres gewaltigen, sackartigen Bauches gelingt es ihr fast nicht, sie zu binden. Sie holt eine saubere Tischdecke hervor, schlurft zum anderen Ende des Saales und deckt den Tisch.
Als sie zurückkommt, haften ihr eine kalte Brise und Aasgeruch an.
Lorenz Fabritius blickt häufig in Richtung der Durchreiche, hebt schließlich die Hand, winkt Pochoriles zu und sagt:
Kommen Sie aus der Küche und stellen Sie sich hinter den Tresen, damit es ordentlich aussieht, wie in einem richtigen Restaurant. Und schicken Sie uns etwas zu trinken, uns ist kalt. Der Herr will übrigens mit dem Fräulein sprechen. Was soll ich ihm nun sagen?
Pochoriles blickt unter dem Schild seiner Mütze erstarrt in den Saal. Er stößt die Schwingtür auf und kramt im Tresen und dahinter klappernd zwischen den Flaschen. Dann richtet er sich auf und fragt:
Welches Fräulein?
Fabritius steht auf und wiederholt: Unser Fräulein. Glaub ja nicht, dass der Herr sich nur hierher verirrt hat. Er ist mit einer Karte in der Hand über die Berge geradewegs hierhergekommen. Er hat ein Blatt Papier dabei, auf dem steht mit schönen großen Buchstaben der Name von Fräulein Klara Burszen geschrieben. Was soll ich ihm sagen?
Na, wie es ist. Wenn es dir unangenehm ist, reicht es, wenn du neben den Namen des Fräuleins ein Kreuz zeichnest.
Den Teufel werde ich tun. Ich habe gar keinen Stift dabei.
Dann ist es am besten, wenn du es ihm sagst. Damit er von Anfang an weiß, dass er mit diesem Märchen hier nicht weit kommt. Ich bin gespannt, was er sich dann einfallen lässt. Denn den wahren Grund verheimlicht er, das ist sicher. Oder er kennt ihn selbst nicht.
Dann holt Pochoriles ein Tablett hervor, legt eine karierte Serviette darauf, stellt zwei Likörgläser dazu, die er als Messbecher verwendet, mit denen misst er jeweils eine Portion Enzian ab, die er in Wassergläser kippt, darauf gibt er ein paar Tropfen Brombeersirup und füllt die Gläser mit Wasser dreiviertelvoll. Er stellt das Tablett auf den Tresen, doch zuvor schreibt er Danczura in sein Nachrichtenheft, dass sie, bevor sie die Getränke serviert, den Boden um den Tisch herum aufwischen und den Lappen unter die Füße des Fremden legen soll, dorthin, wohin das Tauwasser tropft.
Dem Fremden hat der Wind den Schnee sogar unter den Mantel geweht, aus den Falten der Kleidung fallen kleine Eisbrocken. Er trägt eine Offiziersuniform in einer verschwommenen Farbe, grüngräulich, ohne Rangabzeichen und ziemlich abgetragen, hier und da glänzt der Stoff schon und am zerschlissenen Kragen sind kleine, dunkle, sternförmige Stellen zu erkennen.
Fabritius sagt schön laut, damit wir es hören:
Fräulein Burszen war die allerletzte Hoffnung des Wanderers. Nun, da sich auch diese zerschlagen hat, ist die Welt für ihn am Ende angekommen und einen Weg zurück gibt es nicht. Und dann ist er unterwegs auch noch von Vögeln ausgeraubt worden, sie haben ihm sogar das bisschen Geld, das er in den Kragen genäht hatte, herausgerissen.
Pochoriles blickt vom Tresen aus starr vor sich hin. Das sei ergreifend. Aber er wisse schon seit dem Morgen, was er wisse. Ihm reiche das. Der Mann mag sonst wer sein, ihn interessiere seine Geschichte nicht. Wenn es keinen Weg zurück gebe, dann sei das eben so und es bleibe nur noch eines zu tun: Man müsse der Sache ein Ende setzen. Er solle sich keine Gedanken machen, man werde ihn anständig beerdigen. Neben dem Fräulein, wenn er es wolle.
Pochoriles setzt die Mütze ab, der Schweiß steht ihm auf der Stirn, er wischt ihn sich mit dem Ärmel des T-Shirts ab. Dann geht er in die Küche, sieht durch die Durchreiche noch einmal hinüber in den Saal, dreht sich um und blickt aus dem Küchenfenster, hinüber zum Berg. Auf dem sonnenbeschienenen Hang sind die dunklen Fußspuren des Wanderers immer noch zu sehen. Er geht zurück in den Saal, zum Tresen, beugt sich hinunter, holt eine Weinflasche hervor, von der Sorte, die er für sich selbst reserviert hat, entkorkt sie und schenkt sich in ein Wasserglas reichlich ein. Er nimmt einen Schluck, zieht die Mütze erneut tief ins Gesicht, späht unter dem Schild in den Saal hinaus, wo Fabritius mit dem Fremden sitzt. Eine Weile behält er das Getränk im Mund, dann spuckt er es in den Abfluss. Den Rest im Glas kippt er ebenfalls aus. Er sieht mich herausfordernd an, fragt, warum ich ihn so anstarre, es sei sein Wein und er mache damit, was er wolle.
Fabritius meldet sich wieder mit erhobener Hand aus dem Saal. Er sagt, er halte es nicht aus, wir sollten ein Fenster öffnen.
Der Wirt schüttelt den Kopf und sagt, Fabritius müsste doch eigentlich wissen, dass die Fenster zugenagelt seien. Wenn er es nicht aushalte, solle er hinausgehen und ein bisschen frische Luft schnappen.
Dabei würde ein bisschen frische Luft bestimmt auch dem Gast guttun, in der Wärme ist er ganz müde geworden, außerdem hat er Schluckauf und sein Kopf zittert, er ist völlig durcheinander.
Er lässt fragen, ob es denn wirklich keine andere Lösung gebe. Denn an so etwas habe er in seinem ganzen Leben noch nicht gedacht.
Pochoriles winkt ab. Wenn er das behaupte, lüge er. Das gehe jedem einmal durch den Kopf. Man müsse sich nur die Art und Weise überlegen.
Als habe er nun alles gesagt, geht er zurück in die Küche und noch weiter, hinaus auf den Hof und blickt zum Himmel hinauf. Dann wieder zurück in die Küche, zögerlich. Offenbar bemerkt er plötzlich den Milchgeruch, denn er starrt Danczura an, die steif auf einem Küchenstuhl sitzt. Er geht um sie herum und winkt mich heran. Dann zeigt er mit dem Finger auf sie: Ich solle denen sagen, dass es ihm jedes Mal, wenn er sie erblicke, den Magen umdrehe. Also Danczura und ihren Bauch. Er spricht von dem Mädchen, als wären es mehrere Personen. Und dass sie noch heute fortgehen sollen. Sie sollen gehen, wohin sie wollen, zum Beispiel nach Velky Lukanar, dort würden die Nonnen von Madame Karabiberi sie bestimmt aufnehmen.
Während ich Danczura sage, was auch sie genau gehört hat, also, dass Herr Pochoriles ihren Anblick nicht ertrage und sie sofort gehen solle, geht der Wirt hinaus zum Tresen, stützt die Ellbogen auf und starrt in den Saal. Ich sehe aber, dass er dabei lauscht, ob ich die Nachricht auch genau übermittle. Er schenkt sich wieder von dem Wein ein, riecht daran und trinkt einen Schluck. Den spuckt er wieder aus und den Rest kippt er in den Abfluss. Dann nimmt er die Flasche, schüttelte sie und gießt den Inhalt bis auf den letzten Tropfen aus.
Schließlich wendet er sich mir zu, mustert mich lange, ein wenig verwundert, forschend, argwöhnisch, als würde er abwägen, ob er mich auch nach Velky Lukanar schicken soll. Aber das tut er nicht, sondern berührt mich vertraulich am Arm.
Er sagt, er habe das Gefühl, ihm sei unwohl. Die Welt sei jetzt in Danczuras Bauch und er wolle diese Welt nicht sehen, sondern die andere. Und ihm gehe es auch schon ziemlich seltsam, er könne nicht schlucken, selbst sein eigener Speichel sei ihm zuwider, auch bekomme er nicht richtig Luft, weil er nun auch schon da draußen den entsetzlichen Geruch der letzten Stunden wahrnehme. Ich solle mich hinter den Tresen stellen, denn er werde sich jetzt ins Bett legen.
Edmund Pochoriles bleibt vor der Spüle stehen, über der ein trüber Spiegel an der Wand hängt. Früher diente er dazu, dass man, wenn man am Küchentisch arbeitete, im Spiegel sah, was hinter einem im Saal passierte. Später wurde die Küche umgeräumt, anstelle des Arbeitstisches kam die Spüle, aber der Spiegel blieb an seinem alten Platz. Nun steht Pochoriles dort, sieht sich an, setzt die Mütze ab und hebt sie, als würde er sich von sich selbst verabschieden, vor seinem eigenen Spiegelbild. Mit Freude stellt er fest, dass dieses seinen Gruß erwidert. Dann geht er hinaus, über den Hof in die Sommerwohnung, wo er sich nach dem Mittagessen stets auf seiner Liege ausruht.
Ich gehe in den Saal, stelle mich hinter den Tresen. Der Fremde, der nach Pochoriles’ Ansicht der Bote des Todes ist, bibbert und zittert. Ich frage Fabritius, ob der Wanderer ganz sicher verstanden habe, was Pochoriles ihm ausrichten ließ.
Das hat er, sagt Fabritius, er hat es verstanden. Er habe ihn auch gefragt, ob das hier so üblich sei.
Ja, er könne ihm sagen, das sei so. Hier wissen die Menschen, was wie lange dauere, wo die Grenze und wann die Geschichte zu Ende sei. Und dann mache es jeder so oder so, seinem Geschmack entsprechend. Bei uns hat der Pfarrer, solange wir noch einen hatten, auch die anständig beerdigt. Für den letzten Abschied gibt es gar keinen besseren Ort als Jablonska Poljana.
Ich beobachte, wie Fabritius über den Tisch gebeugt leise mit ihm spricht. Dem Mann zittert der Kopf vor Kälte so sehr, dass seine Züge ganz verschwimmen. Fabritius sieht wieder zu mir und sagt:
Er meint, er gebe Pochoriles recht, er denke das Gleiche, wisse nur noch nicht wie.
Wenn der Wirt wieder aufgestanden ist, sage ich, wird er dazu bestimmt etwas Gescheites sagen können.
Er sei etwas durcheinander, eine Schusswaffe habe er nicht, dabei würde er es gerne rasch hinter sich bringen.
Das kann ich mir denken. Aber das geht auch anders.
Du siehst auch, dass er zittert, nicht? Wir könnten ihm wenigstens einen Teller Suppe geben.
Das machen wir nicht, sage ich, denn davon wird er nur müde. Ein müder Mensch will schlafen, er ist nicht in der Lage, nachzudenken, sich mit ernsteren Angelegenheiten zu befassen.
Brigitta Konuvalov bäckt jede Woche zwei Bleche voll mürbes Gebäck, wovon sie eine Schüssel ins Wirtshaus bringt. Ich lege ein paar davon auf einen Teller, daneben ein Löffelchen Honig, ein Löffelchen Salz, solle er es essen, womit er wolle, bringe es hinaus und stelle es dem Wanderer hin.
Fabritius bittet mich, mich zu setzen, bei ihnen zu bleiben, zu dritt vergehe die Zeit vielleicht schneller, außerdem würde er ab und zu gerne an die frische Luft gehen und solange sollte der Gast nicht sich selbst überlassen sein.
Überlass ihn ruhig sich selbst. Und sag mal, glaubst du, was Edmund Pochoriles sagt?
Wieso, was sagt denn Pochoriles?
Das mit dem Buchstaben N. Dass diese Person, ich weiß nicht, wie ich ihn sonst nennen soll, von Anatol Korkodus geschickt wurde, um ihn, Pochoriles, zu holen.
Zu mir hat er nichts gesagt. Aber möglich wäre es schon, dass Anatol Korkodus ihn geschickt hat. Woher sollten wir über diese Dinge Bescheid wissen.
Ich lasse sie allein, denn ich bemerke, dass Nadja Kapusztin im Eingang steht, über der Schulter trägt sie einen Plastiksack mit ihrer dreckigen Wäsche. Wir gehen ins Waschhaus, ich drehe einen Hahn mit warmem Wasser über einem der Steintröge auf. Es wäre nicht notwendig, trotzdem bleibe ich auch da, setze mich auf eine Bank hinter ihr. Sie trägt keine Strumpfhose, wenn sie sich nach vorn beugt, sehe ich unter ihr Kleid, auf die weißen Oberschenkel. Ich betrachte sie mehrere Minuten lang, vielleicht über eine gute Viertelstunde, währenddessen geht mir einiges durch den Kopf. Ich stehe auf und gehe auf sie zu. Durch das Wasserrauschen hört mich Nadja Kapusztin nicht, im nächsten Moment bin ich auf allen vieren hinter ihr und küsse ihre Kniebeuge, diese kleine dämmrige Kuhle. Daraufhin macht sie den Rücken gerade.
Schon wieder. Lassen Sie mich, Adam, ich habe einen schlechten Tag.
Meiner ist auch nicht besser. Aber was ist los? Manchmal denke ich schon ernsthaft, Sie sind auch lesbisch.
Was ist das?
Dass sie solche Zärtlichkeiten nur noch Frauen erlauben.
Dann bin ich das.
Ich warte trotzdem noch ab, bis sie mit dem Waschen fertig ist. Trocknen wird sie ihre Kleidung daheim, sie stopft sie gleich feucht in den Plastiksack zurück. Wer zum ersten Mal nach Jablonska Poljana kommt, sagt, hier riechen die frisch gewaschenen Sachen übler als vorher. Wegen des salzigen, trüben Thermalwassers. Aber wir riechen es nicht.
Danczura sitzt jetzt auf einer Truhe in der Ecke. Ich bleibe vor ihr stehen und sage, ich hoffe, es sei bis zu ihrem Gehirn vorgedrungen, was Pochoriles gesagt und was ich ihr klar verständlich wiederholt hätte. Nämlich, dass sie fortgeschickt sei. Sie antwortet, sie sei noch nie in Velky Lukanar gewesen. Und dass es gut wäre, wenn jemand sie begleiten würde.
Vergiss es.
Gegen Mittag tauchen Zsedu Baba und Brigitta Konuvalov, die beiden Schnepfen, im Gasthof auf. Sie setzen sich an ihren gewohnten Platz in die Nähe des Tresens und lassen sich die Rummikub-Kassette geben. Sie schlüpfen aus den Pantoffeln und streicheln einander unter dem Tisch die nackten Beine. Dabei stellen sie die Spielbretter vor sich auf, stapeln die Steine, teilen aus, beginnen aber noch eine ganze Weile nicht zu spielen. Sie starren zum anderen Ende des Saals, wo Fabritius mit dem Fremden sitzt. Schließlich bittet mich Zsedu Baba, so nett zu sein und dem Wirt Bescheid zu sagen, dass heute ein Feiertag sei und sie ausnahmsweise Wein trinken möchten.
Pochoriles schläft, sage ich, heute bediene ich, und sie müssten doch wissen, dass ich keinen Zutritt zum Keller habe. Dann frage ich noch, von was für einem verdammten Feiertag sie überhaupt spreche.
Soweit sie wisse, sei es der Tag des Heiligen Bernhard, und sie würden auch gerne etwas essen. Sie hätten den Wirt in der Küche gesehen, er habe doch bestimmt etwas für den Gast gekocht.
Hat er nicht. Was für ein Tag des Heiligen Bernhard? Davon höre ich zum ersten Mal.
Sie lächeln, zucken mit den Schultern. Gut, dann möchten sie nur den üblichen Enzian. Aber was für ein komischer Kerl dieser Gast denn sei, dass man nicht einmal etwas für ihn koche, wollten sie noch wissen.
Das spielt keine Rolle. Er ist nicht zum Essen hergekommen, sondern, damit wir ihn neben dem Fräulein im Boursin-Garten begraben.
Wird er sterben?
Ja.
Ich messe zwei Portionen des gelben Enzianschnapses ab und gebe sie jeweils in ein Wasserglas, darauf kommen einige Tropfen Brombeersirup und Wasser. Ich bringe es ihnen und gehe dann wieder nach hinten in den Saal, wo Fabritius mit dem Fremden sitzt.
Die Zeit vergeht, sage ich. Hat die Person einen Entschluss gefasst? Denn er kann nicht wer weiß wie lange hier sitzen und bibbern. Pochoriles wird bald wach. Er ist offenbar dabei durchzudrehen. Er kippt seinen Wein aus und legt sich mitten am Tag schlafen. Wollen wir wetten, dass er den Laden noch heute schließt?
Doch Fabritius hört mir nicht zu, er ist angespannt, rutscht auf seinem Stuhl hin und her und lauscht dem Brabbeln des Gastes. Er ergreift den Saum meiner Jacke und zieht mich zu sich.
Der Herr Soldat freut sich, dass du hergekommen bist. Stell dir vor, er sagt, wir seien vier Männer, also könnten wir eine Runde Tarock spielen.
Sag ihm, dass wir zu dritt sind. Herr Pochoriles schläft.
Es ist später Nachmittag, von den Berghängen fällt das Licht orange herein, auf dem orangen Schnee sind lila Fußspuren zu sehen. Danczura sitzt auf der Truhe in der Ecke, den Rücken an der Wand.
Brigitta Konuvalov und Zsedu Baba beenden das Spiel an diesem Tag zeitig. Nachdem sie die Kassette zurückgegeben haben, öffne ich sie immer, um zu überprüfen, ob sie die Steine in Säulen zurückgelegt haben, damit man gleich sieht, wenn auch nur einer fehlt. Ich frage sie, warum sie so in Eile sind und sie antworten, Nadja Kapusztin habe auch Rummikub zu Hause und sie würden das Spiel zu dritt bei ihr daheim fortsetzen. Außerdem liege hier heute so ein komischer Geruch in der Luft und sie hätten auch mit einer feierlicheren Atmosphäre gerechnet.
Übrigens, sage ich, ist heute der Tag des Heiligen Urban, nicht der des Bernhard.
Offenbar hat er nur darauf gewartet, dass sie gehen, denn nun kommt Pochoriles aus der Sommerwohnung. Unter seiner Jacke trägt er ein sauberes, gebügeltes Hemd, eine Cordhose und auf dem Kopf eine Mütze mit Ohrenklappen. Er kommt in die Küche, reibt sich die Hände und wirft einen Blick durch die Durchreiche.
Hm, wie ich sehe, isst dieser Mann. Ich habe ihm nichts gegeben. Was mampft er denn da?
Kekse.
Danczura sieht er gar nicht an, als wäre sie schon nicht mehr da, doch bei mir hakt er sich plötzlich unter. Er zerrt mich in den Saal. Wir setzen uns nicht, er zieht mich in Richtung Eingang, zu dem kleinen Vorraum.
Ich glaube, ich bin ein bisschen eingenickt, sagt er. Du wirst nicht erraten, an wen ich gedacht habe. Ich verrate es dir: Im Halbschlaf musste ich die ganze Zeit an Anatol Korkodus denken.
Diese Mütze hat kein Schild, er blickt mir offen in die Augen. Nach einer kurzen Pause sagt er:
Man hat ihn verraten, das ist ganz sicher. Je länger ich über ihn nachdenke, desto sicherer bin ich mir. Was sagst du dazu?
Das glaube ich auch.
Es wäre nicht schlecht gewesen, noch beizeiten zu erfahren, wer es gewesen ist.
Ich habe immer gedacht, du wärst es gewesen, Pochoriles. Sag, wenn ich mich irre.
Das denkst du also. Warum hast du mir das nie gesagt?
Ich dachte mir, warum sollte ich es sagen, du weißt es ja sicherlich selbst.
Jetzt, da dieser Mann hierhergekommen ist, ist mir das Ganze wieder eingefallen. Denn man macht ja dies und das und wie die Zeit vergeht, vergisst man es wieder. Und dann fällt einem eines Tages plötzlich alles wieder ein. Jetzt, da dieser Mann gekommen ist. Weißt du, heute ist Nikitas Tag.
Immerhin, sage ich, hattest du ein paar Jahre, in denen du überhaupt nicht daran gedacht hast. Das hat sich doch bestimmt gelohnt.
Hat es sich nicht. Du siehst ja, einmal, am Ende fällt dir sowieso wieder alles ein. Da wünschst du dir, nicht einmal mehr den nächsten Morgen zu erleben.
Du hast bestimmt recht. Aber ich möchte mich heute nicht über so etwas unterhalten.
Wenn der Mensch es sehr will, schafft er es zu sterben. Aber das braucht seine Zeit. Dafür, dass es so bald wie möglich passiert, muss man etwas tun. Das sage ich auch dir, damit du es weißt, wenn deine Zeit gekommen ist. Das klappt nicht auf Knopfdruck.
Ja, sicher. Willst du irgendwo hingehen?
Nur in die Gegend. Nicht weit weg. Sag ihnen Bescheid, dass sie mit dem Essen aufhören sollten, weil wir aufbrechen. Diese Person kommt mit mir. Wir gehen zum Fräulein auf den Berg, zum Boursin-Hof.
Ich rufe Lorenz Fabritius zu:
Es ist Schluss, Feierabend. Sag ihm, dass er sich bereitmachen soll und begleite ihn hinaus, vor den Eingang.
Edmund Pochoriles geht auf den Hof, man hört, wie er im Schuppen unter lautem Geklapper etwas sucht, schließlich kommt er mit einem Rucksack heraus, dem schäbigen, aus einer fleckigen Plane selbst genähten Sack, in dem Balwinder, solange er noch lebte, ihm von der Bahnstation das Gasöl gebracht hat. Jetzt ist darin eine kleinere Gasflasche, die Kanne mit dem Gasöl hält er in der Hand. In der anderen ist ein handgewebtes Säckchen, aus dem, wenn er es berührt, ein Ruf zu hören ist, einer wie der von Seidenstaren. Er kommt gar nicht mehr in die Küche, sondern deutet, während er mir das Säckchen in die Hand drückt, von der Schwelle aus auf Danczura, die in der Ecke hockt.
Ich sehe, sie ist immer noch hier. Dann gib ihr das.
Was soll ich sagen, was drin ist?
Wenn sie will, öffnet sie es und sieht nach.
Du hast ja nicht einmal einen Pullover an, sage ich zu ihm. Du wirst dich erkälten.
Er schüttelt die Kanne mit dem Gasöl leicht und dreht sich nach links und rechts, so dass sich auch der Rucksack mit der Gasflasche bewegt.
Ich denke nicht.
Fabritius kommt in die Küche. Der Gast zögere aufzubrechen und frage, ob es denn jetzt sofort sein müsse. Unbedingt heute noch?
Pochoriles nickt und antwortet:
Es dämmert schon, gleich ist der Tag zu Ende. Heute Abend dürfe er sich in das Bett des Fräuleins legen. Damit geht er auf die Straße, wartet vor dem Eingang, bis Fabritius in der Tür erscheint und den Wanderer vor sich herschiebt.
Sie machen sich auf den Weg.
Da sie aus dem Küchenfenster nicht zu sehen sind und auch nicht durch das beschlagene Fenster im Saal, stelle ich mich vor den Eingang auf die Treppe, blicke ihnen von dort aus hinterher, wie sie am Man-Gold-Hof vorbeigehen, dann an der öffentlichen Wäscherei und dann entlang der Zäune in Richtung des Boursin-Hofs.
Fabritius steht neben mir. Wir warten, bis sie hinter der Planke verschwinden.
Jetzt wird er sich ins Bett des Fräuleins legen. Er hat erreicht, was er wollte. Ich wage gar nicht daran zu denken, wer dafür sorgt, dass sich alles so klug fügt, sagt er.
Es ist auch besser, sage ich, wenn du nie wieder daran denkst.
Plötzlich setzt sich Danczura auf die Holzkiste, die in der Ecke der Küche, hinter dem Herd steht und blinzelt uns aufgeregt, voller Entsetzen zu. Aus ihr läuft irgendeine trübe Flüssigkeit. Zuerst nur ein bisschen, aber dann rauscht es wie ein Bach, im Strahl laut hinunter, so dass es den Saum ihres Rockes zum Schwingen bringt.
Ich wische es gleich auf, sagt sie. Ich glaube, ich habe mich eingepieselt.
Kennst du dich mit so etwas aus?, fragt mich Fabritius.
Ich weiß nicht, was du meinst. Ich ergreife ihn am Arm, gehe mit ihm in den Vorraum. Wir haben heute noch gar nichts gegessen, sage ich. Was hältst du davon, wenn wir jetzt etwas essen? Ich gehe hinüber und schaue mal in der Speisekammer nach. Ich sage Bescheid, wenn es fertig ist.
Wir könnten noch auf Pochoriles warten, sagt Fabritius etwas unentschlossen, ich glaube, er hat heute auch noch nichts gegessen.
Pochoriles kommt nicht zurück, sage ich.
Ich gehe hinüber, mache Feuer, setze einen Topf mit ein paar geschälten Kartoffeln auf. In etwas Hühnerfett brate ich Zwiebeln an, öffne eine Hackfleischkonserve, die noch aus den alten Beständen der Brigade in der Speisekammer geblieben ist, löffle das Fleisch heraus, kippe es auf die Zwiebeln, lege einen Deckel darauf und dünste das Ganze noch eine Weile. Nachdem auch die Kartoffeln weich sind, gebe ich sie hinzu, schlage in einem Teller zwei Hühnereier auf, schmecke es mit Salz und Pfeffer ab. Ich will es gerade auf das Hackfleisch und die Kartoffeln gießen, damit sie zusammenbrutzeln, als Lorenz Fabritius kommt.
Er sagt, ich solle schnell kommen und mir Danczura ansehen, schließlich sei sie meine Cousine. Er ergreift sogar mein Hemd über der Brust und sagt, ich solle mir vorstellen, dass es offenbar losgegangen sei, als wäre der Kopf schon zur Hälfte draußen. Er habe ihr eine Holzwanne mit lauwarmem Wasser hingestellt, damit es dort hineinfällt. Und Danczura wolle mich auch unbedingt etwas fragen.
Gut, sage ich, ich werde hinübergehen. Doch zuerst essen wir. Ich tue uns schon einmal auf, und du frag sie inzwischen, was sie von mir will. Sie kann es auch ruhig dir sagen. Außerdem weißt du sehr wohl, dass sie nicht meine Cousine ist.
Das Essen in Fabritius Teller ist schon kalt, als er zurückkommt.
Er erzählt mir, dass das Baby genau in die bereitgestellte Wanne gefallen sei, und es habe wohl auch reichlich Wasser geschluckt, aber anstatt zu brüllen, habe es heftig mit den Beinen gestrampelt und sei eine Runde geschwommen, wobei seine langen schwarzen Haare an der Wasseroberfläche geschwebt seien.
Essen wir, sage ich. Ich verstehe nicht, was daran so interessant ist.
Und diese Danczura! Sie habe das Kind zur Welt gebracht, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben, dabei hätten ihre Haare einen Glanz bekommen wie eine frische Kastanie, ihr Gesicht sei ganz glatt geworden, alle Warzen und Pickel seien verschwunden und ihre Augen leuchteten wie blaue Perlen. Übrigens lasse sie mich grüßen, sie habe nur sagen wollen, dass sie uns heute von einem Nikita habe sprechen hören, das sei ein schöner Name, er gefalle ihr sehr. Sie habe sich gedacht, egal, ob es ein Junge oder ein Mädchen werde, sie werde das Baby Nikita nennen.
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