Die Vögel von Verhovina
4. (Edmund Pochoriles)
Der erste Mittwoch im Oktober ist in Verhovina Feiertag, der Tag der Gewässer. Und auch der Tag der Dreibeinigen Frau, die in dem nahegelegenen Stummen Wald wohnt und dessen Denkmal, das in der Mitte von Jablonska Poljana steht, jemand Jahr für Jahr ehrt, indem er in der Nacht zu diesem Tag eine halbe Pflaume zwischen dessen ersten und zweiten Oberschenkel steckt und zwischen den zweiten und dritten die andere Hälfte.
Brigadier Anatol Korkodus schrieb früh am Morgen mit Kohle in großen Buchstaben auf ein Stück Pappe, dass bis Viertel vor elf jeder mit dem Waschen fertig sein solle, da wir um elf die Wasserhähne zudrehen würden, gab das Schild Balwinder, dem Faktotum der Behörde, damit der es an die Tür des öffentlichen Waschhauses hängte, und mich schickte er in den Gasthof Zu den zwei Schnepfen, um auszurichten, dass man ihm für den Abend mit einem Vorhang oder Wandschirm zwei Tische an der zur Straße gelegenen Seite des Wirtshauses abtrennen solle, einen mit zwei und einen mit vier Gedecken.
Von Fräulein Klara Burszen, der ich jeden Freitagvormittag aus einem der wahllos zusammengesuchten ungarischen Bücher vorlese, weiß ich, dass irgendwann vor langer Zeit, noch im Dunst des Mittelalters, in einer eisigen Herbstnacht, gerade in der Nacht zu einem Mittwoch, dem Markttag, in der Nähe der jetzigen Siedlung an neun Stellen gleichzeitig Thermalquellen aus der Erde hervorbrachen, Dampfsäulen in die Höhe schossen, die mit ihrem diamantenen Flattern im Licht des Vollmondes sogar die ganz tief Schlafenden weckten. Am Morgen, als in Jablonska Poljana selbst aus den Straßengräben der Dampf des aus den Bergen in üppigen Bächen hinunterströmenden warmen Wassers aufstieg, und alle staunend draußen herumstanden, kam Militzenta, die Schutzheilige von Verhovina, aus dem Stummen Wald, huschte mit ihren drei Beinen über die Wiesen und segnete vor den Augen der Marktbesucher die Hügel, zwischen denen die Thermalquellen blubberten, und übergab somit das gesamte Gebiet von der Medwaya bis zu den Sümpfen von Brusztyina, all das, was man von den Hängen des Paltins überblicken konnte, für tausend Jahre der Obhut der Czervenskys.
Das mag sich wie eine leicht zu durchschauende billige kleine Geschichte anhören, zweifellos von einem pfiffigen Czervensky erdacht, damit keiner auf die Idee kam, ihnen das Quellgebiet der Jablonka, diesen entlegenen Zipfel der Verhovina streitig zu machen, doch Tatsache war, dass die Kristallvorhänge der neun Thermalquellen auch jetzt über den Hügeln des Paltins schwebten, das moosbedeckte Steindenkmal der Dreibeinigen Heiligen Militzenta in der Mitte von Jablonska Poljana stand und man am ersten Mittwoch im Oktober in ganz Verhovina die Gewässer feierte.
Für den Abend hatte Anatol Korkodus sogar das Menü bestimmt, und weil er befürchtete, dass ich es nicht genau genug übermitteln würde, musste ich es auf ein kariertes Heftblatt notieren und Edmund Pochoriles sagen, dass er es mit bunter Kreide auf eine Schiefertafel schreiben und diese auf den Tisch stellen solle. Das Menü dieses Abends war folgendes: Wiesenkümmelsuppe mit Sahne und Nockerln, danach in Thymian-Sauermilch marinierte, gegrillte Forelle mit Petersilienkartoffeln und Knoblauchsoße und schließlich mit Dill-Magerquark gefüllte und mit Preiselbeersoße übergossene panierte Pfannkuchen. Und Ed Pochoriles, der in seiner Küche für die Gäste selbst kochte, solle nicht vergessen, immer mal ein bisschen mit Salbei gewürztes Kürbiskernöl aufs Feuer zu träufeln, damit der duftende Rauch den Fisch auf dem Grill umhülle. Da es zu dieser Zeit, Anfang Oktober, schon früh dunkel werde, solle am späten Nachmittag, gegen fünf Uhr, alles zum Empfang der Gäste vorbereitet sein. Es würden Hauptmann Mordwinn von der Wasseraufsicht, Verwaltungskommissar Kodrin aus Czernowitz mit seinem Sekretär kommen und vielleicht auch der Hilfsbischof aus Lemberg.
Während der Wirt Edmund Pochoriles mir zuhörte, sah er aus dem Fenster zum Hof. Dann ging er hinaus und sagte etwas zu meiner Cousine Danczura, die im Gasthof arbeitete. Jetzt saß sie in ihrer zerschlissenen gelben Bluse, die sie immer an heiteren Tagen trug, auf der Treppe der Sommerküche und sonnte sich. Sie fing die Schmetterlinge, die sich auf ihrer Brust niederließen. Die gelbe Farbe zieht sie an, aber sobald sie sich auf die Bluse setzen, fallen sie von Danczuras Ausdünstungen in Ohnmacht, und sie klaubt sie dann einzeln vom Stoff ab und isst sie.
Als Edmund Pochoriles zurückkam, nahm er mir das karierte Blatt aus der Hand und studierte es.
Und wenn es ihnen zufällig nicht schmecken sollte, wer soll das dann alles essen?
Sie machen Scherze. Wieso sollte es ihnen nicht schmecken? Anatol Korkodus kennt seine Gäste. Er wird schon wissen, was er für sie bestellt.
Vielleicht aber auch nicht.
Inzwischen war Balwinder ebenfalls zurückgekehrt und berichtete, dass jemand die Mauer des öffentlichen Waschhauses bis in Kopfhöhe rundherum getüncht und menschliche Gestalten darauf gemalt habe.
Anatol Korkodus saß an seinem Schreibtisch und war in das Kochbuch von Eronim Mox vertieft, doch als er das hörte, klappte er es gleich zu und schon brachen wir auf, um uns anzusehen, wovon Balwinder sprach. Als wir auf die Straße hinaustraten, wurden wir sofort von einem goldenen Funkeln geblendet. Derjenige, der wahrscheinlich im schwachen Licht der Morgendämmerung gearbeitet hatte, hatte gar nicht abgewartet, bis die Grundierung getrocknet war und hatte auf den dunkelblauen Himmel rosa Wolken gemalt. Auf diesen spazierten barfuß bärtige Heilige mit großen Augen, um deren Köpfe, wie die Ringe ferner Riesenplaneten, breite Goldglorien glänzten. Den Lichtkranz hatte er mit irgendeiner flirrenden Goldfarbe gemalt, die so stark spiegelte, dass der Widerschein auch jetzt über die gegenüberliegenden Wände blitzte.
Da verbringt jemand, der sich teure Farbe leisten kann, seine Zeit mit einer blödsinnigen Beschäftigung, stellte Anatol Korkodus fest.
Er ging einmal ums ganze Waschhaus, berührte hier und da die frische Farbe, roch daran und sagte dann zu Balwinder, er solle sie mit einem Spachtel abkratzen, das Ganze dick mit Acrylfarbe überstreichen und wenn es getrocknet sei, noch ein zweites Mal, damit dieses plumpe Geschmiere spurlos verschwinde.
Über viele Menschenalter gehörte Jablonska Poljana, zusammen mit dem nahegelegenen Stummen Wald, den Erzadern, den warmen Quellen und den eisigen Gipfeln der Medwaya der Familie Czervensky, die in einem Herrenhaus mit Veranda wohnte, in der Straße der Infanteristen, hinter dem Denkmal der Dreibeinigen Frau, gegenüber von den silbernen Schleiern, die über den Thermalquellen des Paltins flattern. Bis zu dem Tag, als sie eines Nachts unerwartet verschwanden, all ihr Hab und Gut zurücklassend.
Das weiß ich auch von Fräulein Klara Burszen, der Eigentümerin des Boursin-Hofes und ältesten Einwohnerin von Jablonska Poljana, die mir freitagvormittags, nachdem ich ihr etwas vorgelesen habe, als Vergütung ein paar Pfannkuchen bäckt und dabei irgendeine alte Geschichte aus der Vergangenheit von Verhovina erzählt.
Sie sagt, es habe sie zwar keiner weggehen sehen, doch erinnere sich noch jeder an den frostigen Morgen, als sich herausstellte, dass die Czervenskys nicht mehr da waren. Das erste verdächtige Zeichen war die raschelnde Stille, die aus den verlassenen Räumen strömte und dann zerbarsten mit einem schneidenden Krachen, im selben Augenblick alle Fenster des Hauses, und mit dem plötzlich entstandenen Luftzug drang, begleitet vom wilden Flattern der Tüllvorhänge, die Kälte der Medwaya überall ein, das Kristall und Porzellan in den Schränken fing an zu zittern, so sehr, dass das Klingeln selbst in den letzten Häusern von Jablonska Poljana zu hören war.
Sie waren gegangen und hatten alles zurückgelassen.
Vielleicht hatten sie etwas erfahren. Oder sie hatten ausgerechnet, dass die tausend Jahre, die die Heilige Militzenta ihnen noch im Mittelalter versprochen hatte, vorbei waren und sind fortgegangen, um nach diesen tausend Jahren keinen einzigen Tag mehr hier zu verbringen.
Klara Burszen beendete die Geschichte mit folgenden Worten:
Nur sie, die Czervenskys, hatten erahnt, dass hier, unter den Hängen der Medwaya und des Paltin etwas zu Ende gegangen war. Dass sich hier sehr bald und endgültig alles verändern wird.
Jahrzehntelang betrat niemand das Gebäude und angeblich traute sich auch keiner, auch nur die Torklinke zu berühren, weshalb sie inzwischen von einer dicken Schicht Flechten bedeckt war. Bis eines Tages im Frühling ein zu Fuß reisender junger Mann mit struppigem Haar, Rucksack auf dem Rücken und Fernrohr um den Hals, ankam, der einen bepackten Esel an der Leine führte und dem ein stark schielender Mann mit bräunlicher Haut folgte. Sie besahen sich das Gebäude, sichelten auf dem Hof eigenhändig das hüfthohe Gras, schleppten die Glas- und Porzellanscherben aus dem Haus, streuten sie in einem Streifen zwischen das Tor und die Eingangstreppe und ebneten das Ganze ein, damit es ihnen auch im Dunkel der Nacht als schillernder Pfad diente. Nachdem sie mit einem Besen die Eulen und Kauze aus den Räumen vertrieben und vom Boden die Schicht harten Vogelkots mit den darin klebenden Federn abgekratzt und alles aufgewischt hatten, spannte der stark schielende Mann, namentlich Balwinder, durchscheinendes Pergamentpapier an die Stelle der herausgebrochenen Fensterscheiben und der junge Mann trug ihre Habseligkeiten ins Haus. Sie räumten alles um, nur das Familienbett blieb dort, wo es gewesen war, im Schlafzimmer, und daneben das Nachtschränkchen, auf dem auf einer spinatgrünen Samtdecke ein in Baumrinde gebundenes Buch lag.
Das Kochbuch von Eronim Mox, so lautete der Titel.
Der jüngere Mann mit den struppigen Haaren schlug es auf und da die Buchstaben sofort aufleuchteten, setzte er sich an den Bettrand und las die ganze Nacht lang. Balwinder fand ihn am Morgen, erschöpft und vor Kälte zitternd, woraufhin er in allen Kachelöfen des Hauses rasch Feuer machte.
Dass das ehemalige Czervensky-Haus neue Bewohner hatte, erfuhren alle gleichzeitig, als aus dem Schornstein Rauch aufstieg.
Der neue Bewohner brannte mit einem glühenden Messer in ein Stück ungehobeltes Holz das Wort Wasseraufsichtsbrigade und nagelte das Schild ans Tor.
Die Brigade besteht immer noch aus einer einzigen Person, dem Brigadier.
Der Brigadier ist mein Alter, Anatol Korkodus. Er war es, der mich aus Monor Gledin holte, unter zweitausend Kindern ausgewählt hatte, aus der Besserungsanstalt erlöste und zu sich nahm, um die Tage in Verhovina mit ihm zu teilen und die Aufgaben rund um die Gewässer gemeinsam mit ihm zu versehen. Seitdem lebe auch ich in dem ehemaligen Czervensky-Haus und nachts, wenn Anatol Korkodus’ heftiges Schnarchen sich etwas legt, höre ich den Klang des zitternden Czervensky-Porzellans durch die Räume geistern.
Am Vormittag schickte mich Anatol Korkodus erneut in den Gasthof, um Pochoriles auszurichten, dass er sich um den Wein nicht kümmern brauche, da die Gäste diesen, wie üblich, selbst mitbringen würden, weshalb er nur mit jeweils einem Gläschen Enzian rechne, um den Appetit anzuregen.
Edmund Pochoriles traf ich in der Küche an, er war gerade dabei, einen großen Topf von dem spät reifenden Verhoviner Mais zu kochen. Er hörte sich an, was Anatol Korkodus ihm ausrichten ließ, blickte dann auf den Hof hinaus und sagte zu meiner Cousine Danczura, sie solle im Laufe des Vormittags baden, sich das Haar locken und für den Abend eine saubere Schürze und eine gestärkte Haube bereitlegen. Doch zuvor noch, damit sie ihre saubere Kleidung nicht besudele, solle sie den halben Hammel abholen, den sie bei Hamilcar Nikonuk bestellt hätten und den Schenkel sowie das Nackenstück zerkleinern, für einen Räuberschmortopf.
Erwarten Sie auch für den Hammel einen Gast?
Für den Hammel auf jeden Fall. Ich wüsste nicht, wofür sonst.
Ist das jetzt Ihr Ernst? Denn heute Morgen war ich zum Beispiel hier und habe bei Ihnen für den Abend Forelle bestellt.
Ob es Forelle gibt oder nicht, wird sich heute Abend herausstellen.
Gegen Mittag, als ich gerade dabei war, mit meiner Katze Tatjána zu einem Spaziergang zur Czervensky-Wassermühle aufzubrechen, kam Balwinder mit einer Heugabel in der Hand und wollte mich sprechen. Er bat mich, ihn zum Waschhaus zu begleiten, denn er fürchte sich sehr vor Füchsen und er habe von den Frauen, die auf dem Heimweg vom Waschhaus waren, gehört, dass ein zahmer Fuchs durch die offene Tür spaziert, mitten in der Waschküche stehengeblieben sei und sich, ganz gleich, was sie versucht hätten, nicht fortscheuchen ließe.
Das würfelförmige Gebäude mit der verschnörkelten Fassade und den ovalen Fenstern war, von Isac Gold finanziert, als eine Art kleine Synagoge erbaut worden, doch zum Zeitpunkt der Fertigstellung waren bereits alle Mitglieder der Familie Gold und der Familie Man in die evangelisch-lutherische Kirche übergetreten. Der Saal stand schon seit Jahren leer, als Anatol Korkodus ihn zu einem öffentlichen Waschhaus umbauen ließ. Das warme Wasser kam von den Hängen des Paltin, aus den Thermalquellen, und über der Reihe von Steintrögen entlang der Wand verlief eine Rohrleitung mit aus Eichenholz geschnitzten Wasserhähnen. Während die Frauen von Jablonska Poljana waschen – es gibt genug Platz für fünfzehn oder gar zwanzig Personen – füllt sich der Raum bis in den letzten Winkel mit Dampf und schluckt, als wäre es Watte, jeden Ton, aber jetzt, da die Frauen mit der sauberen Kleidung in den Körben gegangen waren und Balwinder schon vor einer Weile die Lüftungsfenster geöffnet hatte, war die Luft klar und das Klopfen der Schritte hallte zwischen den feuchten Wänden des großen, leeren Raumes. Außerdem war, als hätte jemand vergessen, den Hahn zuzudrehen, aus einer Ecke Wasserrieseln und leises Plätschern zu hören. Der Fuchs stand reglos, mit tieftraurigem Blick mitten im Waschhaus, in der Nähe des Abflussgitters. Das schaumige Wasser wurde vom Abflussgitter neben ihm verschluckt.
Obwohl das Schild am Eingang jedem verriet, dass die Öffnungszeit längst vorbei war, saß vor einem der Steintröge, auf einer Bank, wo man sonst die Wäsche schlug, Nika Karanika, die neue Pflegerin, der kleine Sperlingsdämon, wie Anatol Korkodus sie nannte, hinter ihr rann Wasser aus dem Eichenholzhahn. Sie war fertig mit der Wäsche, jetzt goss sie aus einer Kanne Wasser auf ihre nackten Füße, das schaumig über den Boden rann und dann im Abfluss verschwand, in dessen Nähe der Fuchs saß.
Nika Karanika war einige Monate zuvor ohne Gepäck in der Siedlung aufgetaucht, über dem leichten Kleid trug sie nur einen dünnen Kittel und an den nackten Füßen ausgetretene Gummisandalen. Sie muss in einer der geheimen Stunden der Nacht gekommen sein, denn erst am frühen Morgen verbreitete sich allmählich die Nachricht, dass unter der Pissky-Brücke eine fremde Person schlafe. Dort trafen wir sie dann auch an, sie saß am Ufer, im Schatten eines Wildrosenbusches und betrachtete das Wasser der Jablonka. Das blauschwarze Haar trug sie zu einem Knoten gesteckt, auf ihren dunkelblauen Kittel waren mit Silberfaden Singvögel gestickt und um ihren Kopf flatterten, als wäre es ein Trugbild, die verlorengeglaubten Sperlinge von Verhovina.
Sie hatte keine Papiere, nur ihren Namen erfuhr man, den sie nach Sitte der Menschen aus südlichen Küstengegenden, auf ihre Hand tätowiert hatte. Dort, wo sie geboren worden war, brannte man bereits dem Säugling mit einer Nadel seinen Namen auf die Hand, damit er ihn später nicht würde leugnen können. Sie sagte, sie sei gekommen, um die Stelle als Krankenpflegerin zu besetzen, die kurz zuvor frei geworden war. Sie hatte auch ein Empfehlungsschreiben dabei, was sie uns von einem zweifach gefalteten weißen Blatt laut vorlas. Nachdem Anatol Korkodus es sich geduldig angehört hatte, ließ er sich das Schreiben geben, besah sich beide Seiten und zeigte es mir dann: Das Blatt war leer. Daraufhin sagte mein Alter, dass die Stelle der Krankenpflegerin tatsächlich gerade unbesetzt sei, trotzdem würde er gerne noch eine Nacht darüber schlafen, weil er nicht glaube, dass es ratsam sei, einem Dämon Kranke anzuvertrauen. Er sah in ihr vom ersten Augenblick an einen gewöhnlichen Dämon, doch nachdem ich ihn tagelang inständig darum gebeten hatte, und Nika Karanika zeigte, wie sie die Warzen von den Händen der Näherin Aliwanka innerhalb von wenigen Minuten verschwinden lassen konnte, indem sie den Saft des Schöllkrauts auf sie träufelte und danach nur auf die Hand pustete, stellte er sie auf Probezeit ein. Olga Kapusztin, die frühere Pflegerin, war vor Kurzem davongelaufen, das Spitalhaus stand leer und in Jablonska Poljana gab es seit Wochen niemanden, der sich um die Kranken gekümmert hätte.
Nika Karanika saß jetzt auf der Bank, in der Dämmerung leuchtete nur, wie ein köstlicher Happen, ihr nacktes Knie, und sie schöpfte aus dem halb gefüllten Steintrog mit einer Kanne Wasser, das sie über ihre Waden laufen ließ. Das Wasser rann neben dem Fuchs in den Abfluss hinunter, berührte seinen Schwanz, auch die Pfoten, doch es kümmerte ihn nicht.
Bleiben wir stehen, sagte ich zu Balwinder. Sie können jetzt gehen.
Versuchen Sie allein mit ihm fertigzuwerden?
Nehmen Sie auch die Mistgabel mit, gehen Sie, lassen Sie die Schlüssel da, ich werde das Waschhaus zuschließen.
Währenddessen bemühte sich Nika Karanika, die nun ihre Füße gewaschen hatte, die schwarzen Gummisandalen anzuziehen. Es sieht ziemlich komisch aus, wenn jemand seine eigenen Füße nicht erreicht, aber ihr fiel es offensichtlich schwer, sich nach vorn zu beugen. Beim Gehen hinkte sie übrigens auch ein bisschen, weil man sie – zumindest sagt sie das – einmal mit dem Messer angegriffen hatte. Man hatte ihr mitten in den Rücken gestochen, ein Stück der Klinge war sogar abgebrochen und steckengeblieben, es steckt immer noch irgendwo zwischen den Wirbeln und behindert manchmal ihre Bewegungen.
Ich ging im Saal herum, schloss mit den Hebelgriffen nacheinander alle Lüftungsfenster, die am oberen Rand der Wand verliefen, und blieb schließlich vor ihr stehen. Sie trug einen blauen Seidenkittel, auf den mit glänzendem Faden fliegende Vögel gestickt waren, Buchfinken, Dompfaffen, Hänflinge, Sperlinge, und wenn man die Augen ein bisschen zusammenkniff, sah es aus, als wären sie gar nicht gestickt, sondern flatterten um sie herum. Und ich glaube, außer dem Kittel hatte sie gar nichts an. Ich stellte mir ihre hellbraunen Wölbungen in der seidenen Dämmerung vor, ihren Bernsteinnabel, den heißen Kelch unter ihrem Bauch und mir lief das Wasser im Mund zusammen.
Guten Tag, sprach sie mich an, sehen Sie nur, was für ein hübscher kleiner Hund, ich dachte mir, ich nehme ihn mit nach Hause, ich gehe gleich mal in Akimoftes Laden vorbei und kaufe ihm eine Leine und ein Halsband.
Sie wissen genau, dass das kein Hund ist, flüsterte ich dürstend, da aus Nika Karanikas Kittel nicht nur der schwefelig salzige Geruch der Thermalquellen in meine Nase aufstieg, sondern vermischt mit diesem auch der Jasmin-Kardamom-Duft ihres Körpers. Außerdem ist heute Feiertag, ich muss das Waschhaus schließen. Wenn Sie Schwierigkeiten mit ihren Sandalen haben, helfe ich Ihnen gerne, sie anzuziehen.
Das möchte ich nicht. Ich bin es nicht gewohnt, berührt zu werden.
Im Sitzen war es ihr zuvor zwar nicht gelungen, doch jetzt, als sie aufgestanden war, schlüpfte sie ganz einfach in die Sandalen. Dabei nahm ich wieder ihren Duft wahr, diesmal strömte er mir aus ihrem Haarknoten entgegen, salzige Meeresluft, in die sich etwas bitterer Kardamom mischte.
Gehen wir. Und solange wir hier drinnen sind, muss ich Ihnen etwas sagen. Es wird Sie vielleicht nicht erfreuen.
Nicht, dass man mich fortschickt. Nur das nicht.
Es ist vielleicht sogar noch schlimmer. Soweit ich weiß, sind zwei Personen nach Poljana gekommen, sie übernachten im Gasthof. Sie heißen Demján und Kozma und behaupten, sie seien Mönchsärzte und gekommen, um zu heilen. Aber sie riechen nicht nach Ärzten, auch nicht nach ranzigem Fett wie Mönche, sondern nach Meerwasser, solchem, das die südlichen Winde auch in Ihre Haare geweht haben. Sie stehen in dem Zimmer des Gasthofs im ersten Stock hinter den Vorhängen und linsen den ganzen Tag über von dort aus hinaus. Ich befürchte, sie suchen Sie.
Es ist interessant, was Sie sagen. Denn ich spüre nicht, dass man mich aus irgendeinem Fenster beobachten würde.
Dabei werden sie Sie bestimmt bald aufsuchen, aber lassen Sie sich auf kein Gespräch mit ihnen ein. Ich möchte nicht, dass Ihnen etwas passiert. Das werden nämlich dieselben sein, die Sie mit dem Messer angegriffen haben und die geben keine Ruhe. Gehen wir nun. Der schieläugige Balwinder beobachtet uns von gegenüber, und ich muss das Waschhaus schließen.
Es gibt bestimmt einen Grund, dass Ihnen jetzt so komische Dinge durch den Kopf gehen.
So ist es, ganz wie Sie sagen, es hat einen Grund. Und zwar, dass Sie mir jeden Tag und in jeder Stunde jeden Tages einfallen. Warum, weiß ich nicht.
Mittags holte Balwinder das Essen aus der Kantine. Es gab in Öl angebratenen Hackbraten mit gedünstetem Sauerkraut, über das reichlich dicke Tomatensoße gegossen war. Als sei das eine böse Botschaft, die ihm aus der Kantine geschickt wurde, verdüsterte sich plötzlich Anatol Korkodus’ Miene und eine Weile stocherte er nur mürrisch mit der Gabel im Essen herum.
Sauerkraut in Tomatensoße? Was soll das? Balwinder, bringen Sie es zurück und sagen Sie den Küchenfrauen, dass ich das für keine gute Idee halte. Das werden sie nicht einführen.
Nachdem er in ein Stück Fleisch hineingestochen hatte, schob er den Teller sogar weg.
Die Zwergin Roswitha, sein kleines Haustierchen, saß auch neben ihm, Anatol Korkodus klopfte gegen ihren Teller und fragte:
Hast du in deinem Leben schon einmal Kraut in einem solchen schleimigen Tomatenmatsch gesehen?
Roswitha antwortete nicht. Sie war stumm.
Dann wandte sich mein Alter, auf einmal etwas milder gestimmt, in warmem Ton an mich:
Dafür gibt es heute Abend Forelle. Wenn du nicht mit Danczura in der Gasthofküche essen möchtest, sage ich Bescheid, dass man dir eine Portion herbringen soll.
Daraufhin bemerkte ich:
Heute Abend gibt es auch Hammel. Wenn möglich, würde ich lieber den geschmorten Hammel nehmen. Soweit ich weiß, bereitet Pochoriles für irgendjemanden einen Räuberschmortopf zu.
Das kann er gerne machen. Für andere kocht er, was er will. Nur, weil wir dort feiern, können ja auch andere dort zu Abend essen, nicht wahr? Deshalb hatte ich ja auch darum gebeten, zwei Fenstertische zu reservieren. Ich hoffe, du hast meine Nachricht vollständig überbracht.
In dem Moment stützte Anatol Korkodus seinen Ellbogen ganz nah neben meinem Teller auf:
Und dürfte ich jetzt erfahren, was mit dem Fuchs passiert ist?
Ich habe ihn im Waschhaus eingeschlossen. Wir müssen ihn irgendwie betäuben. Und besprechen, was mit ihm geschehen soll.
Gut so. Ich mag es auch nicht, wenn Blut fließt, selbst wenn es nur das eines Fuchses ist. Und was ist diese Geschichte mit den Mönchen?
Was meinen Sie?
Von denen du erzählst. Die angeblich in Pochoriles’ Gasthof im ersten Stock wohnen. Dass du sogar ihre Namen kennst. Nur gerade ich weiß nichts von ihnen.
Können Sie auch nicht, weil ich sie nur erfunden habe. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich ihr etwas Bedeutendes sagen muss.
Es ist nicht deine Aufgabe, die Gäste von Jablonska Poljana zu erfinden. Du solltest wissen, dass es überhaupt nicht egal ist, ob hier Fremde unterwegs sind und ob wir ihre Absichten kennen oder nicht. Falls du dich noch an den Vagabunden mit dem Pferdegesicht erinnerst, weißt du, was ich meine.
Stimmt ja, das Pferdegesicht.
Seinen richtigen Namen wissen wir nicht, nur, dass er irgendwann hier auftauchte, einige Male auf den Hügeln der Gegend zu sehen war, am Ende sogar einmal dreist die Straße der Infanteristen entlangspazierte und dann verschwand. Wir sahen ihn nie wieder. Aber das war bestimmt nicht zufällig passiert. Das Pferdegesicht kann jederzeit zurückkommen.
Jedes Jahr zur Zeit der Herbstbestandsaufnahme, die meist mit dem Vogelzug zusammenfiel, richtete sich Hauptmann Dominik »Vogler« Mordwinn, der Wasseraufsichtskommissar, für einige Wochen in Jablonska Poljana ein. Er und Anatol Korkodus gingen über die Hügel des Paltin, durch die Täler der Medwaya, erstellten eine Liste der funkelnden Rinnsale, die wie ein Netz die Hänge durchzogen, der Quellen, die an den Tälern entsprangen, zählten sie immer wieder und obgleich sie selbst wussten, dass das nicht sehr sinnvoll war, nahmen sie Proben und bestimmten die Abflussmengen. Doch Hauptmann Mordwinn überließ die Sache meist Anatol Korkodus. Neben der Herbstbestandsaufnahme galt seine Aufmerksamkeit vor allem Fräulein Klara Burszen, auf die er ein Auge geworfen hatte, bei der er ein Zimmer mietete, und die sich, wenn auch nicht mit der gleichen Leidenschaft wie er, so doch mit offensichtlicher Hingabe für die geheimnisvolle Welt der Vögel interessierte. Der Hauptmann hatte meist schon am frühen Nachmittag all seine Aufgaben erledigt, wonach er, in Decken gehüllt, im Liegestuhl auf der Veranda lag und das Fernrohr auf den Himmel gerichtet den herbstlichen Vogelzug betrachtete, von den beobachteten Formationen Zeichnungen anfertigte und diese an den Türpfosten heftete, in der Hoffnung, dass das Fräulein auf sein Interesse für Vögel aufmerksam werden würde und in der matten Dämmerung eines Herbstabends, während sie zusammensaßen und ihrer beider Blicke über den Himmel streifte, sie in ihrem lungenfarbenen Morgenmantel, aus dessen Ausschnitt ihre kummervollen blaugeäderten Brüste hervorlugten, ihm in einem Taumel in die Arme fallen würde. Doch auf diesen Moment wartete der Hauptmann vergeblich. In der Tiefe ihres welkenden Herzens wartete wiederum Klara Burszen auf einen ungarischen Offizier, der angeblich in einem Sappeurregiment diente, jenseits der Berge, in Transsylvanien.
Hauptmann Dom Mordwinn nahm ihr das nicht übel, saß weiterhin geduldig zeichnend auf der Veranda und war auch der erste, der feststellte, dass er bereits seit Tagen vergeblich den türkisblauen nördlichen Himmel betrachtete, da nirgends auch nur ein einziger Vogelschwarm auftauchte. Die Kraniche, Gänse, Enten und Zwerggänse, von denen sonst unzählige Schwärme zu sehen waren, waren in diesem Jahr entweder im hohen Norden geblieben oder hatten einen anderen Weg gewählt. Aus irgendeinem Grund mieden die Zugvögel Verhovina.
Zugleich sah er in der Ferne, als wären es Markierungen der Gutsgrenze, rundherum aufragende Rauchsäulen, die den Himmel und die Wolken in bedrohlichen Dämmer hüllten. Es war ihm, als erkannte er in der Ferne hier und da etwas wie eine graue Wellenlinie – vielleicht einen Kranichzug – doch das bedeutete Hauptmann Mordwinn nichts mehr.
Die Vögel waren verschwunden und da auch Klara Burszen nicht nachgab, blieben die herbstlichen Besuche des Hauptmanns allmählich aus. Wenn die Zeit der allherbstlichen Bestandsaufnahme kam, zog Anatol Korkodus in seinen blauen Gummistiefeln und den regenfarbenen, wasserdichten Mantel gehüllt nun allein von einer der aufgelisteten Quellen zur nächsten. Manchmal stieg er nur zum Vergnügen auf die Anhöhe hinter dem Boursin-Hof, von wo aus der sich über den Dächern ausbreitende Rauch und der flirrende Dunst der Thermalwässer die Aussicht nicht mehr hinderten. Von dieser Anhöhe konnte man ganz bis zu den Seen von Brusztyina blicken, wo das Schnattern der sich über dem Schilf wolkengleich ballenden Vogelschwärme einst bis hierhin zu hören war, um dann gegen die Hänge des Paltin zu prallen.
Bei einem dieser Spaziergänge wurde Anatol Korkodus bewusst, dass es außer ihm noch jemanden gab, der in den Hügeln herumzog. Am Stamm einer Birke hing an einem Stück abstehender Rinde, umschmeichelt von dieser seidenen Baumhaut, ein zehnmal dreißiger Militärfernglas. Jemand hatte es dort vergessen. Der Brigadier wusste, in Jablonska Poljana besaß niemand ein solches Fernglas.
In diesem Herbst, in diesen Herbstwochen tauchte der Fremde mit dem Pferdegesicht in der Gegend auf. Anfangs ließ er sich nur fernab der Siedlung blicken, als wolle er lediglich die Vorstellungskraft der Menschen auf die Probe stellen, manchmal fiel zur Abenddämmerung ein grober Schatten auf den Dunstvorhang der Thermalquellen, manchmal sah man aber auch aus den verlassenen Gängen des alten Bergwerks die Lichter fremder Feuer aufflackern, und nachts verriet das missbilligende Bellen von Gleznárs unruhigen Hunden, dass sie fremden Geruch in der Luft witterten. Sogar der stumme Eskimohund des Gastwirts Pochoriles stand auf den Hinterpfoten mit weit geöffnetem Maul am Zaun und hechelte aufgeregt. Doch von der Siedlung, wo jeder jeden kannte und man von jedem wusste, wo er war, wann er von zu Hause losging und wann er wieder heimkam, blieb abends niemand fern. Also trieb sich in der Gegend ein Fremder herum. Und die kleinen Zeichen, die der Unbekannte unabsichtlich hinterließ, waren immer näher an den Zäunen zu finden.
Zuerst im bereiften Gras, später am Rand des weichen Uferstreifens entdeckte Anatol Korkodus sogar die Fußspuren des Fremden. Es war der erste Morgen, an dem es fror, und die Spuren waren von einer dünnen Eisschicht überzogen, in der sich der Himmel bläulich spiegelte. Es war der Abdruck einer großen, geriffelten Gummisohle, Größe achtundvierzig oder fünfzig, wie von einem riesigen Wanderstiefel. Hier hatte niemand so große Füße.
Der Brigadier wusste, dass er früher oder später auch ihm selbst begegnen würde. Weil es wohl auch der Unbekannte so wollte. Diese Angelegenheit freute ihn nicht, nein, kein bisschen: Jemand stromerte, ohne sich zuvor bei ihm persönlich gemeldet zu haben, selbstbewusst, nach Lust und Laune auf dem Gelände herum.
Der wird irgendeine Vorhut sein, sagte ich eines Abends zum Brigadier. Er ist gekommen, um sich ein Bild von der Gegend zu machen.
Anatol Korkodus sah mich entsetzt an.
Die Vorhut von wem, von was?
Es war nur ein Scherz. Versuchen Sie, nicht daran zu denken. Selbst wenn hier jemand herumziehen sollte, wird er, genauso, wie er gekommen ist, auch wieder verschwinden. Er wird dahinterkommen, dass es hier nichts zu suchen gibt.
Doch die Sache beunruhigte Anatol Korkodus weiterhin. Nachdem er im Schlamm auch die Fußspuren entdeckt hatte, nahm er mich manchmal auf seine Abendspaziergänge mit.
Für gewöhnlich brach er nach der Erledigung seiner täglichen Aufgaben bei Einbruch der Dämmerung zu Fuß zu einem kurzen Inspektionsrundgang auf. Diesen begann er beim öffentlichen Waschhaus, er kontrollierte, ob das Thermalwasser, das von den Hängen, aus den warmen Quellen kam, Ablagerungen in den Steintrögen hinterlassen hatte, ob die Abflüsse sauber, alle Hähne zugedreht und die Lüftungsfenster geöffnet waren, dann ging er am Ufer der Jablonka bis zur Czervensky-Anlegestelle, las von den Pegellatten den jeweiligen Wasserstand ab, stieg am Boursin-Hang zu den Quellen hinauf, ging um die mit Drahtnetzen verstärkten Umzäunungen und spazierte über die verlassene Halde, warf noch einen letzten Blick auf die fernen, sich im lila Dunst der Dämmerung verlierenden Hügelketten und stieg am anderen Ende der Siedlung zu den Häusern hinab. Meist setzte er sich zum Verschnaufen in Edmund Pochoriles’ Wirtshaus Zu den zwei Schnepfen. Manchmal vergaß er die Zeit und starrte in dem spärlichen Kerzenlicht lange mit trübem Blick vor sich hin. Es kam vor, dass Pochoriles inzwischen das Wirtshaus geschlossen hatte und schlafen gegangen war, dann bediente sich Anatol Korkodus selbst, ließ das Geld auf dem Tresen liegen, unter einem Aschenbecher aus Stein und verließ den Raum durch die Küche.
Ich war dabei, als er bei einer dieser abendlichen Rundgänge in der Nähe der Thermalquellen neben den mit einer regenbogenfarbenen Schicht überzogenen Pfützen im Schlamm erneut die geriffelten Spuren der Gummisohlen erblickte. Sie waren ganz frisch, es hatte sich erst ein wenig Wasser in ihnen gesammelt. Er ließ mich dort stehen, folgte mit eiligen Schritten den Spuren und stieg auf das Plateau der Abraumhalde.
Am anderen Ende der Halde saß auf einem zu diesem Zweck dahin gerollten Baumstumpf der Fremde. Versonnen starrte er ins Weite, überließ sich der Stimmung des anbrechenden Abends, dem Anblick, wie sich die fernen Hügelketten im traurigen Nebel der violett herannahenden Nacht verloren. Man hätte auch denken können, dass er des Versteckspiels überdrüssig geworden sei und das Gefühl gehabt habe, die Zeit sei gekommen, um sich vorzustellen, und von daher nun auf Anatol Korkodus wartete.
Aber nein, sich vorzustellen kam ihm gar nicht in den Sinn.
Er war es, der Großfüßige, wie Anatol Korkodus ihn später nannte, das Pferdegesicht. Er war übrigens eine seltsame Gestalt: Zu seiner städtischen Kleidung – fahlgrüne Windjacke und braune Cordhose – trug er nicht Wanderstiefel, sondern riesige Bundschuhe. Die Sohle hatte ein Profil, sie war wahrscheinlich aus gebrauchten Motorradreifen zugeschnitten worden. Er trug, anders als die Leute aus der Gegend, keine Mütze, hatte graumeliertes, kurzes Haar und ein längliches, vertikal gefurchtes Gesicht mit Tränensäcken unter den traurigen, ölig trüben Augen.
Der Fremde sah, wie sich Anatol Korkodus ihm näherte und wartete mit zur Seite geneigtem Kopf und gleichgültiger Miene darauf, dass er bei ihm ankam.
Als Anatol Korkodus vor ihm stehen blieb und ihn um seine Papiere bat, hob er kaum merklich den Kopf und verzog verwundert das Gesicht.
Soll das ein Scherz sein? Ich habe dich doch auch nicht nach deinen gefragt, oder? Lass mich in Ruhe, falls du es nicht bemerkt haben solltest, ich denke gerade über etwas nach.
Ich würde gerne wissen, seit wann wir uns duzen.
Natürlich duzen wir uns. Siehst du. Wieso sollten wir uns nicht duzen?
Gut, dann erzähl mal, was dich herführt.
Das siehst du doch, ich sehe mich nur um. Mir gefällt die Landschaft. Aber jetzt könntest du mich wirklich in Ruhe lassen.
In Ordnung. Nicht, dass du denkst, dass ich Lust habe, mich mit dir über verschiedene Themen zu streiten. Wenn du mir nicht sagst, wer du bist, will ich dich hier nicht noch einmal sehen.
Anatol Korkodus drehte sich um, bedeutete mir, der ich ihn inzwischen eingeholt hatte, mit einem Wink, dass wir gehen können. Er lief über die morastige, von warmen Thermalwassern dampfende Wiese und stieg dann am Zaun des Boursin-Hofs zur Siedlung hinab.
Er schien ein wenig verlegen. Er trollte sich, als hätte man ihn verprügelt.
Die Abende verbrachten wir in der Regel mit dem Spiel Krik Krak, aber jetzt hatten wir nicht einmal die erste Partie beendet, als Anatol Korkodus plötzlich aufblickte. Ich solle sofort zu Fräulein Klara Burszen gehen und sie fragen, ob sie auch schon ein andermal jemanden auf dem Plateau der Halde habe sitzen sehen. Und in Zukunft – darum bitte er sie jetzt ausnahmsweise und ausdrücklich – solle sie, immer wenn sie von ihrer Veranda aus eine fremde Person erblicke, den Ort und die genaue Uhrzeit notieren.
Es war seltsam, dass er sie darum bat, denn seit einer stürmischen Partie Karten vor zehn Jahren sprachen die beiden nicht mehr miteinander. Doch jetzt brachte ihn irgendetwas dazu, seinen Stolz beiseitezuschieben.
Zu Klara Burszen findet man selbst in der finstersten Nacht, denn am Giebel des Hauses flattern Sommer wie Winter Flaggen. Das sind mit dem rohen Saft von Ölbaumpilzen getränkte Seidentücher, deren gespenstisches Flattern den ungarischen Offizier, auf den sie wartete, selbst, wenn er in Verhovinas pechschwarzer Nacht ankommen sollte, dorthin führen sollte, wo gerade ein Herz für ihn schlug.
Noch von der Veranda aus weckte ich Klara Burszen mit leisem Hüsteln und ungarischen Worten: „Sonne, schein auf, schein auf, sei gesegnet“, damit sie gleich wusste, wer sie sprechen wollte, da ich ihr am vorherigen Freitag etwas ähnliches vorgelesen hatte. Obwohl ich selbst kaum Ungarisch konnte, brachte ich dem Fräulein manchmal etwas bei, indem ich ihr aus der evangelischen Liturgie oder anderen Büchern, manchmal aus einem ungarischen Liederbuch, die Zeilen unter den Noten vorlas. Klara Burszen wusste nun gleich, wer sie sprechen wollte, sie schaltete das Licht an und um mir zu verstehen zu geben, dass sie bereit war, mich zu empfangen, antwortete sie: „Dem Lämmchen im Garten der Frosttod begegnet.“
Als ich dann bei ihr war, lachte sie mich einfach aus. Anatol Korkodus dürfte sie wohl doch zumindest ein bisschen kennen und wissen, dass es nicht zu ihren Angewohnheiten gehöre, Spitzelberichte zu verfassen, mit so etwas beauftrage man für gewöhnlich dafür geeignete Menschen. Davon abgesehen: Ob sie den Vagabunden oder jemand anderen manchmal hier sehe? Ihre Antwort sei: Ja. Natürlich sehe sie ihn. Sinnierend sitze er da, entweder auf einem einsamen Baumstumpf auf dem Paltin-Feld oder am Rand der Halde, wieso sollte er auch nicht. Es komme aber auch vor, dass er zwischen zwei Birken eine Hängematte spanne und darin ein Schläfchen halte, zuweilen einen ganzen Nachmittag lang. Er sitze da oder lege sich hin, manchmal lese er ein bisschen, mal hier, mal da, als wäre er zu Hause. Es sei nicht verkehrt, wenn auch der Brigadier mal darüber nachdenke, dass sich womöglich irgendwer über unsere Köpfe hinweg mit irgendjemand anderem geeinigt habe. Wir wohnten zwar hier, aber das Land unter unseren Füßen gehöre uns schon lange nicht mehr.
Beim nächsten Mal war es bereits der Vagabund mit dem Pferdegesicht, der Anatol Korkodus ansprach. Obwohl die Stimme hinter seinem Rücken zu ihm drang, wusste er sofort, dass es das Pferdegesicht war.
He, Brigadier, bleib stehen.
Wie kommst du darauf, dass ich Brigadier bin?
Das erzählt man so. Ich sehe, du ziehst wieder deine Runden. Hast du das nicht satt?
Das ist meine Aufgabe. Ich habe den Eindruck, dass sich das Gaunertum auch hier allmählich ausbreitet. Ich könnte dir auch solche persönlichen Fragen stellen, zum Beispiel, warum du im 21. Jahrhundert Bundschuhe trägst. Aber ich frage lieber nicht.
Schade. Ich könnte darauf antworten. Wenn du hierbliebest, würdest du sie auch tragen, weil du dahinterkommen würdest, dass, ganz gleich, welches Jahrhundert wir haben, sie für dieses Gelände einfach die bequemsten Schuhe sind. Aber du gehst weg, Brigadier, du bleibst nicht hier.
Ich? Ist das dein Ernst? Und woher zur Hölle willst du das wissen?
Ihr habt genug hier gelebt. Erzähl mir doch mal, was das mit der Brigade soll, was das Ganze hier ist. Vor allem, womit in aller Welt ihr euch eigentlich beschäftigt. Aber verständlich. Ich möchte das mit beiden Ohren hören.
Mit Wasser. Früher auch mit Vögeln.
Mit Wasser. Na, so etwas. Das hätte ich nicht gedacht. Ich dachte immer, das fließt und plätschert von allein. Ich bekomme Kopfschmerzen, ja, Gehirnkrämpfe, wenn ich so etwas höre. Weißt du, das ist nutzloses Zeug und interessiert niemanden. Und die Vögel fliegen, soweit ich weiß, am Ende immer weg. Na ja, macht nichts, jetzt hört ihr ja damit auf.
Hat dich jemand hergeschickt, um mir das zu sagen, oder erfindest du es hier und jetzt nur, um mich zu ärgern?
Hör zu Brigadier: Du stellst blöde Fragen.
Eines Abends, es dämmerte schon, kamen wir aus dem Stummen Wald zurück, wo mir Anatol Korkodus das Farnwäldchen, den geheimen Wohnort der Dreibeinigen Militzenta gezeigt hatte, als er erneut Fußspuren entdeckte. Aufgewühlt stieg der Alte auf die Halde. Natürlich saß er dort. Das Pferdegesicht kam ihm auch diesmal zuvor und sagte in warmem, mitfühlendem Ton:
Ich sehe, da gibt es etwas, das dir keine Ruhe lässt. Oder du erinnerst dich nicht richtig daran, was ich dir letztens gesagt habe und wartest darauf, dass ich es wiederhole. Habe ich recht?
Hast du nicht. Ich glaube, wir beide reden aneinander vorbei.
Na gut, dann hör mal zu! Damit du es verstehst, werde ich dieses eine Mal mehr als nötig sagen. Die Sache ist die: Einige Freunde von mir und ich haben die Absicht hierherzuziehen. Aber wir wissen noch nicht, was genau wir hier machen wollen. Vielleicht nehmen wir das Bergwerk wieder in Betrieb, bauen die alten Flöze weiter ab, auch in den Wäldern liegt ein bisschen Geld oder wir vermieten eine unserer Dolinen als Raketensilo. Das wird sich schon ergeben. Wegen uns musst du dir keine Sorgen machen, das wird schon. Aber du solltest gehen, rechtzeitig fortgehen.
Noch am selben Abend aß das Pferdegesicht im Zwei Schnepfen. Wie ein Einheimischer spazierte er mit Händen in den Taschen und bequemen, lässigen Schrittes die Straße der Infanteristen entlang. Da Ruhetag war, fand er die Eingangstür des Gasthofs geschlossen, ging auf den Hof und über die Küche, hinter dem Rücken von Edmund Pochoriles in den Speiseraum. Er klopfte beharrlich gegen ein leeres Glas, bis der Wirt endlich in den Saal kam, und bevor das Pferdegesicht die Speisekarte verlangte, fragte er, warum der Gasthof ausgerechnet Zu den Zwei Schnepfen heiße. Der Wirt erwähnte mit keinem Wort, dass gerade Ruhetag war, sondern erklärte ihm bereitwillig, dass der Gasthof nach Zsedu Baba und Brigitta Konuvalov, also den zwei Schnepfen, benannt sei, die nachmittags hier Sesh Besh spielten. Die Speisekarte? So etwas gab es bei Pochoriles nicht, er schrieb das Tagesmenü immer mit Kreide auf eine Tafel, doch an dem Tag hatten sie ohnehin nicht gekocht, da ja Ruhetag war. Der Mann gab sich schließlich mit Polenta mit saurer Sahne zufrieden, die der Wirt ihm über der Gasflamme rasch zusammengerührt hatte und die er, um sich nicht zu blamieren, mit Tomatenscheiben, Knoblauchstückchen und Basilikumblättern garnierte.
Dem Fremden schmeckte es und er aß noch, während er Pochoriles zu sich winkte, nach draußen deutete und mit vollem Mund fragte:
Dort wohnt er? Dort, auf dem Hof, hat er auch sein Büro?
Ja.
Dort bewahrt er seine kleine Sammlung und die Papiere auf?
Ja.
Gut. Ich habe es auch gewusst, wollte es aber von dir hören.
Dann aß er ruhig weiter. Zum Schluss leckte er den Löffel von beiden Seiten ab und nachdem er den Teller mit dem Zeigefinger ausgewischt hatte, leckte er auch den ab. Pochoriles fragte ihn, ob er ihm eine Zigarre anbieten dürfe oder ob er vielleicht etwas trinken möchte, woraufhin sich dieser schüttelte und sagte: Brrr, Gott bewahre!
Ich habe gehört, der Brigadier habe Fallen aufgestellt, bemerkte er beim Bezahlen. Ich hoffe, nicht, um mich zu fangen.
Er hat sie für die Dachse aufgestellt, weil sie neuerdings die Drahtnetze um die Thermalquellen zerbeißen, um dort zu baden. Sie haben Gefallen am warmen Wasser gefunden.
Was du nicht sagst! Diese kleinen Drecksdachse! Und der lässt die Armen nicht baden. Auf jeden Fall hat er, soweit ich weiß, dem zuständigen Kommissar einen Brief geschrieben und sich auch beim Hilfsbischof aus Lemberg über mich beschwert. Dass jemand ungebeten in der Gegend herumstreune. Ein Mann mit Pferdegesicht!
Das hat er geschrieben, wortwörtlich. Und diese Beschreibung trifft genau auf mich zu. Deshalb dachte ich, er wolle mich so schnell wie möglich erlegen, mir die Haut abziehen und sie ihnen aushändigen. Aber das wird er nicht, denn es wird niemanden mehr zu fassen geben. Ich ziehe jetzt weiter, die Pflicht ruft mich woandershin.
Am Nachmittag, in der Stunde des Todes, wenn sich nach einem langen Eselsschrei eine dörrende Stille über Jablonska Poljana legte, hinter der lediglich das Summen einer späten Wespe und das gedämpfte Plätschern der Gewässer das Vergehen der Zeit erkennen ließen, war das Tuckern eines Gefährts zu hören, das um die Schlaglöcher und das herumliegende Geröll schlängelnd langsam die Straße der Infanteristen hinauffuhr.
Ein Quad, hörte ich Anatol Korkodus sagen, der unter einer Decke in seinem Bett lag, wo er jeden Nachmittag ein halbes Stündchen döste. Schau mal hinaus, wer es ist.
Auf dem kleinen Quad saß ein Junge mit Bürstenschnitt und im Overall, er hielt vor dem Eingang der Zwei Schnepfen, stellte den Motor gar nicht erst ab, sprang hinunter und ging, als wäre er hier heimisch, nicht durch den Eingang, sondern über den Hof geradewegs in die Küche. Bald darauf kam er wieder heraus und wurde von Pochoriles bis zum Tor begleitet. Er setzte sich aufs Quad, bemerkte, dass die Straße leicht abfiel, woraufhin er den Motor abstellte, in Leerlauf schaltete und über die knirschenden Steine langsam und leise zwischen den Häusern davonrollte.
Irgendein kleiner Depp. Hab ihn noch nie in der Gegend gesehen.
Die Wasserleute, die uns das Thermalwasser für gutes Geld abkaufen, kamen an dem Tag später als sonst. Es dauert zwischen anderthalb und zwei Stunden, bis sich die Wassertanks füllen, in der Zeit nehmen die drei Tankwagen mit den sechs Pferden die gesamte Straße ein. Sonst störte das niemanden, aber jetzt schickte mich Anatol Korkodus mehrmals hinaus, um nachzusehen, wie weit sie waren, als hätte es irgendeinen Sinn gehabt, sie zur Eile anzutreiben, und er bat mich, nachdem sie weggefahren wären, die Straße von dem zu säubern, was die Pferde dort hinterlassen haben würden.
Nachmittags um vier wusch er sich die Haare und mich schickte er zur Näherin Aliwanka, damit ich das blau-weiß gestreifte Seidenhemd und die rote Fliege abholte, die er sich für diesen Tag hatte anfertigen lassen.
Viertel nach vier zog er seine graue, mit blauem Fries besetzte Wasseraufsichtsuniform mit den blauen Brigadierssternen an den Manschetten und Stiefel an, räumte noch eine Weile in seinem Büro herum und Viertel vor fünf stellte er sich vor das offenstehende Tor auf die Straße und erwartete die Gäste.
Während er auf und ab spazierte, ging Brigitta Konuvalov zu ihm und funkelte ihn mit ihren diamantverzierten Zähnen wild an. Hinter ihrem Vorhang stehend hatte sie ihn, so hergerichtet, wie sie ihn noch nie gesehen hatte, gewiss schon zuvor bemerkt und seit einer geraumen Weile beobachtet. Sie unterhielten sich einige Minuten lang, und dann schickte Anatol Korkodus sie offenbar weg, denn während er ihr hinterherblickte, sagte er noch:
Und ich bitte Sie, heute gar nicht mehr auf mich zu warten, ich habe bis in den späten Abend eine Besprechung mit wichtigen Personen.
Er siezte Brigitta Konuvalov, dabei war sie seine Geliebte. Die Frau verfügte wohl über geheime Ersparnisse, denn als sie eines Tages aus Velky Lukanar zurückkam, strahlten ihre oberen mittleren Schneidezähne: Sie hatte sich Diamanten einsetzen lassen, die, während sie sprach, das Licht reflektierten und über die Wände tanzen ließen. An einem mondbeschienenen Abend, als Anatol Korkodus auf dem Heimweg von seiner anderen Geliebten, Zsedu Baba, Brigitta Konuvalov begegnet war und im Dämmer im ersten Moment nur zwei kleine Glühwürmchen gesehen hatte, verguckte er sich in das Spiel der Lichter. Obwohl sich dieses Treffen zu einer vertrauten Beziehung vertiefte, rückte der Brigadier nie von seiner verschwiegenen Haltung ab. Auch jetzt weihte er sie nicht in seine Pläne ein, offenbar erwartete er sich etwas von diesem Abend und wollte sie daher auch später nicht mehr treffen.
Danach ging ich zu ihm hinaus, um ihm mitzuteilen, dass das Telefon im Büro taub und stumm war, als hätte man Jablonska Poljana von der Welt abgekoppelt. Was er denn dazu sage, wollte ich wissen. Aber er sagte nichts, zuckte mit den Schultern, als könne ihn das nun wirklich nicht interessieren oder als wollte er mich daran erinnern, dass so etwas auch sonst schon vorgekommen sei.
Der ehrenamtliche Wachtmeister Hamilcar Nikonuk ging auch zu ihm. Er erzählte, dass an der Bahnstation seit den frühen Morgenstunden ein offener Waggon voller Wassermelonen stehe. Selbst Bahnhofsvorsteher Stecc habe keine Ahnung, wem er gehöre und wie er dorthin gekommen sei, doch wem auch immer er gehöre, er, Hamilcar Nikonuk, werde davon nach Anbruch der Dunkelheit einen Schubkarren voll abholen lassen.
Anatol Korkodus zuckte mit den Schultern, Ihre Melonen können mich mal, sagte er, oder etwas Ähnliches, was er sonst nicht sagte, so wenig interessierte ihn die Angelegenheit. Er hatte keine Lust, sich mit dem Wachtmeister zu unterhalten.
Doch da muss ihm etwas eingefallen sein, denn er eilte ins Haus und bat mich, mich vors Tor zu stellen und ihm Bescheid zu geben, wenn ich hörte, wie sich die Draisine von der Bahnstation her näherte oder ich die Gäste selbst erblicken sollte.
Er verbrachte wenig Zeit im Haus, stand bald schon wieder in der Tür, neben sich die zwergenkleine Roswitha, deren Kopf er stumm streichelte. So standen sie eine Weile, dann ließ er sie auf der Schwelle zurück, bezog wieder seinen Posten vor dem Tor und mich schickte er ins Wirtshaus, um, wenn nötig, Pochoriles zu helfen. Es gab dort nicht viel zu tun, trotzdem drückte mir Pochoriles einen feuchten Lappen in die Hand, damit ich die Fenster abwischte. Bis Viertel vor fünf stand Anatol Korkodus vorm Tor der Brigade, wo ihm die Sonne auf den Rücken schien. Viertel vor fünf verschwand sie hinter dem Medwaya, von den Hügeln wehte sofort ein eisiger Wind, da kam er ins Wirtshaus.
Er ging nach hinten, in den mit einem Vorhang abgetrennten Bereich des Saals, machte eine Runde um beide Tische und besah sich das Gedeck. In der Luft lag der Geruch von gekochtem Mais. Pochoriles, der in der Küche herumwirtschaftete, erblickte ihn durch die Durchreiche und rief ihm zu:
Heute ist Maistag. Komm, koste mal, ich bin gespannt, ob er schon gut ist.
Anatol Korkodus ging zur Durchreiche und schnupperte.
Soll ich das so verstehen, dass du dich nicht um die Forelle kümmerst, sondern Mais kochst? Und Thymian, Salbei und Knoblauch rieche ich auch nicht. Du hättest wenigstens den Rost reichlich im Voraus einreiben können.
Die Suppe ist fertig und wenn jemand Lust auf Fisch bekommen sollte, brate ich ihm eben einen.
Ich spreche von der Forelle, die ich heute Morgen bestellt habe.
Ich auch. Ich dachte mir, ich rühre keinen Finger, bis ich nicht mit eigenen Ohren gehört habe, dass jemand gerade gegrillte Forelle essen möchte. Dann hole ich sie aus der Erdmiete und brate sie. Ich mag es nicht, wenn gegrillte Forellen übrigbleiben.
Willst du damit sagen, es sei nicht sicher, dass jemand sie essen wird? Denkst du, ihr Geschmack hat sich geändert?
Ich könnte es mir vorstellen. Vielleicht haben sie heute Abend auf etwas anderes Lust.
Darauf erwiderte Anatol Korkodus nichts mehr. Er ging hinter den Tresen und schenkte sich ein. Mit dem Glas in der Hand ging er hinaus, stellte sich ans Fenster und sah, wie eine Pferdekutsche die Straße der Infanteristen hinauffuhr, auf den holprigen, rumpligen Weg einbog, der zum Boursin-Hof führte, und, das Grab des unbekannten ungarischen Offiziers hinter sich lassend, ihren Weg auf der morastigen Wiese des Paltin fortsetzte. Aus der Ferne sah man nur, dass vier Personen darauf saßen. Man sah, wie das Gespann an den neun Thermalquellen vorbeifuhr, manchmal von einer kleinen Birkengruppe oder aufsteigenden Dampfsäule verdeckt und schließlich am Ende der Wiese, am Fuß der Abraumhalde hielt. Ohne sich umzudrehen, bat mich Anatol Korkodus, ihm nachzuschenken, er selbst blieb reglos vorm Fenster stehen und hielt den Blick auf die kaum erkennbaren Bewegungen in der Ferne geheftet. Während er kleine Schlucke nahm, verfolgte er, wie die Reisenden auf der Halde umherspazierten, ganz bis zum Ende gingen, hinabstiegen, über die Wiese auf die Quelle Nummer zwei zusteuerten, sie umrundeten, dort verweilten, wohl den im blauen Kristall erstarrten Frischling bestaunend, und dann über einen großen Umweg zurückkamen, wie der Wagen auf und ab über die Wiese fuhr, zwischen den Birken zum Ufer der Jablonka, in Richtung der Czervensky-Anlegestelle und schließlich hinter den Hecken verschwand. Aus dieser Entfernung hätte keiner die in Decken gehüllten Reisenden erkennen können, doch als er das Quietschen der Schwingtür hörte und spürte, dass Pochoriles hinter ihm stehenblieb, sagte er:
Einer von ihnen wird, seinem Gang nach zu urteilen, Kodrin sein. Aber Hauptmann Mordwinn sehe ich nicht unter ihnen. Und die anderen kenne ich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, was sie ohne mich auf der Paltinsky-Wiese machen.
Vielleicht wollten sie nur einmal den wundersamen Frischling sehen.
Alles, was in die Thermalquelle Nummer zwei hineinfällt, wird blau und nach einer Weile lagert sich daran in spitzen Stacheln eine blaue Kristallschicht ab. Am Boden des Beckens ruht seit Jahren schon ein vollkommen blauer, verendeter Frischling.
Am Abend, gegen halb sechs, ging Anatol Korkodus ins Büro. Als hätte sie es gespürt, kam Roswitha aus der Küche, sah sich um und ging ebenfalls ins Büro. Nach einer Weile kamen beide heraus, mein Alter mit seinem gebundenen Tagebuch unterm Arm, gingen Hand in Hand nach hinten, in den Garten, um nach den Meerschweinchen zu sehen. Dann eilte Roswitha voraus, die Treppe hinauf, winkte Anatol Korkodus zu, der noch ein bisschen auf dem Hof herumstand, um dann, mit dem gebundenen Tagebuch unterm Arm, in den Gasthof zurückzugehen. Er ging hinter den Tresen, schenkte sich ein Gläschen Enzian ein und setzte sich in die Küche des Wirtshauses.
Danczura rührte den Hammelschmortopf um. Edmund Pochoriles, der bis dahin in der Ecke gesessen hatte, stand plötzlich auf, warf einen ernsten, prüfenden Blick in den Topf, roch daran und wandte sich zu Anatol Korkodus um.
Gibst du Thymian in den Hammelschmortopf oder nur Knoblauch und Lorbeer?, fragte er ihn.
Der Brigadier schien zu überlegen, was das zu bedeuten hatte. Er fragte sich, ob Pochoriles sich mit ihm austauschen wollte oder ob er tatsächlich ratlos war, was den Räuberschmortopf betraf und ob er ihm überhaupt antworten sollte, als von draußen das Schnauben von Pferden zu hören war. Beinah geräuschlos bog ein Wagen mit Gummireifen durch die Toreinfahrt ein und kam auf dem Hof zum Stehen. Vor den Wagen waren zwei Palominos gespannt, um deren Hals Messingglocken und riesige rote Troddeln hingen. Doch war um die Klöppel Stroh gewickelt, damit sie nicht läuteten. Von den gefederten Sitzen des Wagens stiegen vier Männer, einer von ihnen hängte den Pferden Hafersäcke um den Hals, die drei anderen betraten über den Straßeneingang das Wirtshaus. Der eine sah aus wie Verwaltungskommissar Kodrin, aber er trug nicht die übliche, pfäffische schwarze Uniform, sondern hellbraune Straßenkleidung und spitze dunkelbraune Lackschuhe, was wir bei ihm noch nie gesehen hatten. Die anderen beiden kannte Anatol Korkodus nicht. Der draußen geblieben war, war wohl der Kutscher, den sie beauftragt hatten, sie zu fahren.
Der Brigadier blickte Edmund Pochoriles an, um zu sehen, was der wohl über das Ganze dachte. Währenddessen sah man durchs Fenster zwischen Küche und Saal, wie die Gäste letzteren durchquerten, den Wandschirm beiseiteschoben, ihre Mäntel auszogen, auf den Kleiderständer hängten und sich an den gedeckten Tisch setzten.
Sie sind da, sagte Edmund Pochoriles.
Er band seine Schürze ab, zog eine mit Samtkragen besetzte braune Kellnerjacke an, die man nur an Feiertagen an ihm sah, steckte sich das Spielbrett für Sesh Besh unter den Arm und ging hinaus in den Saal. Bald kam er zurück, nahm ein Tablett von der Anrichte, stellte eine kleine Flasche Enzian darauf, eine Wasserkaraffe, Likör- und Wassergläser und blickte schließlich zum Brigadier.
Für dich ist auch ein Glas dabei, ich nehme an, jetzt, da sie da sind, gehst du auch hinüber, sagte er.
Anatol Korkodus starrte eine Weile stumm durch die Durchreiche. Schließlich schüttelte er den Kopf.
Bring ihnen die Getränke und schick mir dann den Verwalter Kodrin her.
Pochoriles ging mit dem Tablett hinaus, stellte es auf den Tisch. Er schenkte ein, zuerst Wasser, dann den Enzian. Danach setzte er sich selbst an den Tisch, auf den leergebliebenen Stuhl, und während die beiden Fremden das Sesh-Besh-Spiel aufbauten, die Steine ordneten, unterhielt er sich mit ihnen. Nach einer Weile stand er auf, und sie wechselten noch ein paar Worte. Dann kam er zurück in die Küche, zündete das Feuer an, zog die Ringe von der Mitte des Herdes an den Rand, füllte einen Kessel mit Wasser, salzte es, gab einige Tropfen Öl dazu und stellte ihn auf das Loch. Den Hammelschmortopf rührte er um.
Was hat er gesagt?, fragte Anatol Korkodus.
Nichts. Ich habe ihm noch nicht Bescheid gesagt. Soll ich dir noch einen Schluck nachschenken oder trinkst du dann im Saal mit ihnen?
Mach ruhig.
Es ist besser, wenn du auch zu ihnen gehst und dich vorstellst. Ich weiß nicht, wie du dir das denkst, dass ich ihn einfach so zu dir schicke.
Hauptmann Mordwinn ist nicht dabei. Wo mag er sein? Und ich habe keine Ahnung, was für Leute Kodrin hier mitgebracht hat. Die anderen zwei kenne ich nicht.
Gerade deshalb. Du hast doch Gäste erwartet, oder? Sie sind da. Stell dich ihnen vor.
Ich bitte dich doch nur darum, zu ihnen zu gehen und mir den Verwalter herzuschicken. Flüstere ihm ins Ohr: Der Brigadier Anatol Korkodus bitte ihn, für ein oder zwei Minuten zu ihm zu kommen, weil er jetzt gleich mit ihm sprechen wolle.
Pochoriles sah durch die Durchreiche in den Saal hinüber.
Gut, dieses eine Mal. Aber du musst wissen, dass ich es nicht gerne mache. Oder weißt du, was? Schreib lieber auf eine Serviette, was du willst, und ich bringe es ihm auf einem kleinen Teller. Aber trotzdem: Du solltest jetzt wirklich in den Saal hinausgehen.
Während Anatol Korkodus versuchte, auf eine Serviette zu schreiben, fuhr Pochoriles, als würde er nur vor sich hin grummeln, fort:
Der neue Hauptmann ist da und auch der neue Hilfsbischof, und er geht nicht zu ihnen. Dann lauter: Soweit ich weiß, hast du sie eingeladen. Es sind deine Gäste.
Dennoch nahm er die Serviette mit Anatol Korkodus’ Zeilen, legte sie auf einen kleinen Teller, beschwerte sie mit einem Likörgläschen, brachte das Ganze hinaus und stellte es vor den Verwalter Kodrin auf den Tisch. Er blieb eine Weile dort stehen, Kodrin nickte ihm stumm zu, dann kam der Wirt zurück in die Küche, hob den Deckel vom Hammelschmortopf und rührte darin.
Was hat er gesagt, kommt er?
Nein, er kommt nicht. Pochoriles blickte durch die Durchreiche in den Saal. Ich würde sagen, jetzt solltest du auch nicht mehr hinausgehen. Herr Kodrin sagt, er könne sich gar nicht vorstellen, worüber du mit ihm sprechen willst. Und wie du überhaupt auf so eine Idee kämest. Diese Zeiten seien vorbei.
Welche Zeiten?
Du solltest dein Leben Revue passieren lassen, das rät er dir. Ja, genau das hat er gesagt: Diese Zeiten sind vorbei. Das lässt er dir ausrichten.
Gut, ich habe verstanden. Dann ist alles klar. Anatol Korkodus nickte ruhig und verständnisvoll, ließ sich noch ein Gläschen Enzian geben, kippte diesen in ein Glas Wasser und winkte mich zu sich.
Mit gedämpfter Stimme sagte er: Ich habe mich nicht richtig ausgedrückt, es ist überhaupt nichts klar.
Er schickte mich zu Brigitta Konuvalov, mit der Nachricht, dass er heute Abend doch Zeit habe und wenn sie nicht früh zu Bett gehen wolle und ihn gerne empfange, werde er sie bald besuchen. In der Zwischenzeit solle sie Badewasser für sie beide vorbereiten.
Wir aßen im Zwei Schnepfen zu Abend. Nachdem die Gäste gegangen waren, räumte meine Cousine Danczura den Tisch ab und deckte ihn, auf einer frischen Tischdecke, neu ein. Die beiden Gedecke am kleineren Tisch waren unberührt geblieben, dort hätten wohl der Fahrer der Draisine und der Sekretär von Verwalter Kodrin sitzen sollen, die aus irgendeinem Grund ferngeblieben waren.
Danczura und ich aßen aus dem Topf die Reste des Räuberschmortopfs, dann schickte mich Pochoriles zu Brigitta Konuvalov und ließ Anatol Korkodus ausrichten, wenn dieser an dem Abend tatsächlich Forelle essen wolle, würde er nun gerne ein paar auf den Grill legen, Danczura würde in der Zwischenzeit Kartoffeln dünsten und die Knoblauchsauce anrühren.
Also saßen am späten Abend an dem für sechs Personen frisch gedeckten Tisch Anatol Korkodus, Brigitta Konuvalov, Zsedu Baba, die andere Geliebte des Brigadiers, und Lorenz Fabritius, der aus der Kutte gesprungene evangelische Pfarrer.
Als hätte er den Duft der Wiesenkümmelsuppe mit Sahne gerochen oder den der Forellen auf dem Grill im Salbeirauch, erschien der ehrenamtliche Wachtmeister Hamilcar Nikonuk in der Tür. Er ging zu ihrem Tisch, blieb, sein Gewicht von einem Bein aufs andere verlagernd, eine Weile stehen und wartete darauf, dass man ihm anbot, sich auf einen der beiden leeren Stühle zu setzen, doch Anatol Korkodus, der seine Absicht erkannte, schickte ihn ins andere Ende des Saales, mit der Begründung, das sei eine geheime Besprechung, und Hamilcar Nikonuk, als eine Art offizielle Person, habe in einem solchen Moment die Aufgabe, aus angemessener Entfernung zu beobachten, was geschah. Auch von den Forellen bekam der Wachtmeister nichts ab, Edmund Pochoriles stellte ihm einen ganzen Topf gekochten Mais hin, später auch noch eine riesige, geviertelte Wassermelone. Die anderen sahen ihm vom Tisch aus zu, wie er sich vollstopfte, Danczura und ich aus der Küche, durch die Durchreiche. Als er zur Melone überging, lagen neun abgenagte Maisstrünke vor ihm.
Später, nachdem Danczura auch die mit Quark gefüllten panierten Pfannkuchen serviert hatte, bat mich Edmund Pochoriles, mich vor die Eingangstür zu setzen und niemanden hereinzulassen. Dann holte er zwei Flaschen Wein unter dem Tresen hervor, ging zu den Gästen und setzte sich zu ihnen.
Nach einer Weile streckte Anatol Korkodus den Arm über dem Tisch nach Pochoriles Hand aus und berührte sie.
Was ist?
Nichts. Mir geht nur einiges durch den Kopf. Jetzt ist mir gerade etwas eingefallen.
Sagst du es?
Anatol Korkodus schüttelte den Kopf und winkte ab.
Offenbar hatte er ihm etwas sagen wollen. Und es sich dann anders überlegt. Bei erschöpften Menschen kommt das manchmal vor.
Später ging Danczura zu ihrem Tisch, um ihnen zu sagen, dass es Hamilcar Nikonuk nicht gut gehe und es nicht ausgeschlossen sei, dass er gerade sterbe. Er sei auf dem Weg zum Lokus hinten im Hof gewesen, doch bereits in der Küche zusammengebrochen, wo er nun auf dem Rücken liege und sein Bauch sei so groß, dass sein Gürtel zersprungen und von der Hose alle Knöpfe abgerissen sein. Anatol Korkodus solle ihr erlauben, die Pflegerin Nika Karanika zu holen, vielleicht könne sie ja etwas tun.
Doch Anatol Korkodus beachtete sie nicht, als hätte er es gar nicht gehört. Er wischte seine Hand, die vom Weinglas feucht geworden war, vielleicht aber nur schwitzte, an der Tischdecke ab. Er streckte den Arm erneut über den Tisch aus und berührte die Hand des Wirtes, wartete, bis dieser ihn ansah.
Erinnerst du dich an ihn? An den mit den großen Füßen? Wir haben ihn den Vagabunden mit dem Pferdegesicht genannt. Eines Nachmittags hat er bei dir gegessen. Es war Ruhetag, du hast ihm trotzdem etwas zu essen gemacht.
Es soll Ruhetag gewesen sein? Daran erinnere ich mich nicht.
Ich möchte, dass du das nicht vergisst.
Woran du dich alles erinnerst. Ich weiß gar nicht, warum du das gerade jetzt zu mir sagst.
Wegen des heutigen Tages. Du hast etwas gewusst, zum Beispiel, was du diesen Gästen für heute Abend kochen sollst.
Das ist nur eine Frage der Intuition. Ich sag es dir, nur Intuition. Ein guter Wirt hört auf seine Vorahnungen.
Dann tranken sie noch lange, schweigend. Vom Eingang aus war gut zu sehen, dass Brigitta Konuvalov unter dem Tisch die Hand von Zsedu Baba hielt und wenn sie sie manchmal losließ, dann nur, damit sie sich gegenseitig an die Oberschenkel fassen konnten. Anatol Korkodus war mit seinen zerzausten Haaren wie ein ferner, in Wolken gehüllter Berggipfel. Irgendwann holte er sein gebundenes Heft hervor, schlug es auf und begann zu schreiben. Als die rechte Hand verkrampfte, fuhr er mit der linken fort.
Er notierte seine Beobachtungen, die schon seit Langem nicht mehr von denen gelesen wurden, an die er sie richtete.
Die große Stille hielt so lange an, bis Balwinder am Glas der Eingangstür klopfte. Balwinder war das Faktotum der Behörde, er musste hereingelassen werden.
Die Bilder, die er am Morgen mit Spachtel von der Wand des öffentlichen Waschhauses gekratzt und anschließend zweimal mit Acrylfarbe überstrichen habe, seien jetzt wieder da. Die Lichterkränze schwebten erneut über den Köpfen der bärtigen Alten, die auf den rosa Wolken spazierten und der Widerschein flackere entlang der ganzen Straße der Infanteristen gelb an den Fenstern.
Wir zogen die Vorhänge beiseite und schauten hinaus.
Und tatsächlich: Es war kurz nach Mitternacht, doch in Jablonska Poljana schien, hinter dem Denkmal der Dreibeinigen Frau und dem dichten Herbstdunst, der sich nachts auf Verhovina senkte, ein neuer Tag anzubrechen, denn vom öffentlichen Waschhaus aus erstrahlten die goldenen Lichter der Morgendämmerung.
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