Die Vögel von Verhovina
12. (Stelian & Fabritius)
Schon seit Langem lebt Anatol Korkodus nicht mehr, aber ich gehe Jahr für Jahr mit einer Scheibe Milchzopf und einem Becher Brombeerwein auf die Wiese des Paltin und verbringe die Nacht vor seinem Namenstag bei seiner Ruhestätte, der Thermalquelle Nummer zwei. Der Jahrestag fällt in die Mitte des Sommers, zu dieser Zeit, um den Johannistag herum, schimmert der Himmel von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang glasig, die Nächte sind gallertig durchscheinend, also sehe ich meinen Alten sogar, wie er ungefähr anderthalb Meter unter der Wasseroberfläche schwebt, im blauen Schein des Jenseits.
Vor Jahren hat er bei einem seiner Rundgänge unter der seidig dampfenden Wasseroberfläche einen verendeten, vollkommen blauen Frischling entdeckt, der nicht nur in seiner körperlichen Erscheinung unversehrt geblieben war, sondern in allen Nuancen der Kornblume schillerte, da sich die im Wasser schwebenden Mineralien an seine Borsten angelagert und eine kristallene Kruste um ihn gebildet hatten. Damals, als er sah, dass einen nach dem Tod hier eine so prachtvolle Fortsetzung erwartete, kam ihm die Idee, sich, wenn seine Zeit gekommen sein würde, im Becken der Thermalquelle Nummer zwei zur letzten Ruhe betten zu lassen.
Seine Haare, die wie Laichkraut unter dem Wasser schweben, sind bereits blau, blau ist auch sein Bart, blau die Augenbrauen und um ihn herum schwimmen silberblaue Lakantuskäfer.
Drei Tage vor Johanni, kurz nach Sonnenaufgang, denn die Sense schneidet das Gras und das taubenetzte Ried in dieser Stunde am besten, will ich mich gerade auf den Weg zur Wiese des Paltin machen, um den Platz für meine Wache in der kommenden Nacht vorzubereiten, als Lorenz Fabritius, der aus der Kutte gesprungene Pfarrer, erscheint.
Ich habe ihn seit einigen Tagen nicht gesehen, wer weiß, weshalb er sich nicht hat blicken lassen, vergeblich habe ich abends darauf gewartet, dass er mit seiner Tabla-Kassette unterm Arm im Tor steht. Jetzt ist er blass, wirkt erschöpft, seine Haut ist feucht, der Bart voller Spinnweben, nur seine Augen glühen wie die von Bruder Wolf aus dem Märchenbuch von Eronim Mox. Ich solle sofort mit ihm zur Czervensky-Wassermühle gehen, die Kettensäge mitnehmen und ihm den halben Hasen aus dem Eis schneiden, den er noch im Winter eingefroren habe. Es sei eilig, denn er habe das Wildfleisch Brigitta Konuvalov im Tausch für eine Daunendecke versprochen.
In der Czervensky-Wassermühle herrscht stets Winter, sie ist von ihrem hoch hinaufragenden Dach bis zum Fuß der Bruchsteinmauer von Eis bedeckt. Auch andere bewahren dort Nahrung auf, einen halben Ziegenkäse oder ein ganzes Huhn, ein wenig übriggebliebenes Wildfleisch, an Hakennägeln in der Eiswand baumeln kleine Birkenholzplättchen mit der Aufschrift, was sich dahinter befindet und wem es gehört. Man muss von zwei Seiten, keilförmig tief ins Eis schlagen und wenn die beiden Spalte sich treffen, das gewünschte Stück noch oben und unten abtrennen, um es herausheben zu können. Nachdem man das aufzubewahrende Gut darin verstaut hat, kann man den Hohlraum mit der vorderen Scheibe des herausgeschnittenen Stückes wieder verschließen. In Jablonska Poljana bin ich der Einzige, der eine Kettensäge besitzt, wenn jemand etwas Nahrung für magere Tage einfrieren möchte, bittet er also mich, ihm ein Loch in der gewünschten Größe ins Eis zu schneiden. Und dann wieder, wenn er es herausholen will. Ich mache es für alle, wenn sie mich rufen, gehe ich.
Die Säge liegt seit dem Winter in Einzelteile zerlegt in der Kammer, die Kette in einem Topf in Maschinenöl, der Benzintank ist leer, deshalb sage ich zu Fabritius, er solle sich gedulden, bis ich soweit sei. Er solle nach Hause gehen und nach einer guten Stunde vor dem Wirtshaus auf mich warten oder gleich draußen, hinter der Czervensky-Anlegestelle, bei der Wassermühle.
Fabritius wohnt in dem ehemaligen Wirtshaus Zu den zwei Schnepfen. Nachdem der Wirt, Edmund Pochoriles, sich angezündet hatte und vermischt mit duftendem Rauch in den Himmel gestiegen war, zog Lorenz Fabritius an seiner Stelle dort ein, zu Danczura, die früher mal meine Cousine war. Seitdem wohnen sie zu dritt da: Fabritius, Danczura und Nikita. Nikita, das kleine Wunderkind, die Tochter von Danczura und dem seligen Wirt Edmund Pochoriles.
Fabritius scheint es nicht zu gefallen, was ich sage, er mustert mich argwöhnisch, tritt von einem Bein aufs andere, winkt schließlich ab, murmelt etwas vor sich hin und geht. Offenbar bedrückt ihn etwas, irgendetwas muss vorgefallen sein. Zuvor hat er einigermaßen auf sein Äußeres geachtet, aber jetzt trägt er die gleiche Cordhose mit Wachsflecken und das dreckige blaue Leinenhemd, wie vor einigen Tagen, als ich ihn auf meinem Rückweg aus dem Wald das letzte Mal gesehen habe. Seine Kleidung ist zerknittert, als würde er auch die Nacht darin verbringen.
In Verhovina ist der Sommer kurz, doch jetzt strömt selbst von den kargen Berggipfeln Licht und Gewimmel herab, die Luft über den Dächern der Häuser flirrt bereits früh am Morgen. Aber unterhalb dieses Gewimmels liegt eine verwunschene Stille über Jablonska Poljana, füllt jede Nische aus, nur aus der Tiefe der Siedlung sind die bangen Schreie von Jakab Gleznárs Perlhühnern zu hören. In letzter Zeit lauern Damasskin Nikolskys Füchse sogar am helllichten Tag mit gespitzten Ohren hinterm Zaun.
Ich nehme die Einzelteile der Säge, baue sie zusammen, lasse das Öl von der Kette tropfen und hänge sie an einen Nagel an einer Säule der Veranda. Während sie trocknet, brate ich in wenig Fett ein paar Maisfladen. Zwei beschmiere ich noch warm mit Quark, esse sie langsam und zwei lege ich nur so, ohne alles, auf einen Blechteller, den ich für den Stelian-Jungen aufs Verandageländer stelle. Dabei hat er noch nicht einmal seine Portion von gestern abgeholt, über der bunte Fliegen kreisen. Aus irgendeinem Grund war er schon gestern nicht hier, wollte das Frühstück nicht. Ich werfe einen Blick in Richtung des öffentlichen Waschhauses, sehe ihn aber nicht kommen.
Hier stehen die Leute neuerdings nicht zeitig auf, es ist schon später Vormittag, wenn sie herauskommen, auf den Höfen allmählich Bewegung zu sehen ist und Rauch aus den Schornsteinen aufsteigt. Die Straße der Infanteristen ist ausgestorben, ebenso die auf den Berghang hinaufführenden schmalen Straßen, nur von Augustins verlassenem Hof nähert sich ein lebendes Gespenst, meine treulose Katze Tatjana schleicht aufs Tor zu, das Fabritius offengelassen hat. Sie ist vor einigen Tagen wieder aufgetaucht, am Rand der Siedlung, alt, mit trübem Blick, nachdem sie sich jahrelang wer weiß wo herumgetrieben hat, ist sie nun wieder da und verströmt ein Gemisch fremder, beißender Gerüche. Jetzt spaziert sie geradewegs auf den Hof, abgesehen von einem kurzen, hinterhältigen Blick schenkt sie mir keine Beachtung, geht unter der Veranda entlang. Im Garten, im Schatten der Pflaumenbäume, vor dem Käfig der Meerschweinchen hält sie inne und legt sich allmählich flach auf den Bauch. Reglos, mit glänzenden Schnurrhaaren beobachtet sie die Tiere, die zitternd in der Ecke des Käfigs hocken.
Anatol Korkodus hat noch gelebt, als Vangyeluk, ein anderer Junge aus der Besserungsanstalt, sie von uns weggelockt hat. Dann ist sie auch ihm entlaufen, war in Nikolina, angeblich war sie auch auf dem Hof des Tierarztes Svantz gesehen worden, aber meist war sie wohl in der Wildnis unterwegs. In ihrem gelben Fell sind verdächtige tiefe Narben zu sehen, ihr Schwanz ist dicker geworden, und an den Ohren sind ihr Haarpinsel gewachsen wie bei einem Luchs. Als wäre sie in ein geheimes Tuch gehüllt, umgibt sie ein bitterer, beißender, fremder Geruch. So muss wohl der des Todes sein. Morgen oder übermorgen hebe ich unter den Pflaumenbäumen eine kleine Grube für sie aus.
Früher habe ich vor dem Gebrauch die Klingen geschärft, da das Eis aber weicher ist als Holz, mühe ich mich damit jetzt nicht ab und spanne die Kette gleich in die Schiene ein. Ich lasse die Säge auf dem Geländer der Veranda liegen, neben Stelians zwei unberührten Tellern. Ich blicke über den Zaun hinweg auf die Straße der Infanteristen, in Richtung des öffentlichen Waschhauses. Wenn er doch noch kommt, schicke ich ihn in den Keller der Augustins, um eine kleine Flasche Benzin zu holen.
Aber er ist schon gestern nicht gekommen.
Stelian schläft im Waschhaus und kommt morgens vorbei, meldet sich bei mir. Er fragt, ob es für ihn an dem Tag etwas zu tun gebe, und ich sage ihm, dass es nichts gibt. Er solle machen, was er wolle, sich beschäftigen und nur darauf achten, niemanden zu kränken. Und wenn ihm danach sei, könne er auch ruhig fortgehen, gleich seine Sachen packen, keiner halte ihn auf. Er ist aus Versehen hier und wenn er sich hier nicht wohlfühlt, kann er meinetwegen gehen, wohin er will.
Doch er geht nicht.
Stelian hat sich noch mein Alter, der Brigadier Anatol Korkodus im Katalog der Besserungsanstalt anhand eines Fotos ausgeguckt, er dachte, er würde ihn vorübergehend zu sich nehmen, und wenn er die Probezeit von ein paar Wochen bestehe, würde er ihn zur Nacherziehung in der Siedlung behalten. Wahrscheinlich wegen seiner kleinen, mageren Statur und weil er blonde Locken und ein rundes Gesicht hatte, was Anatol Korkodus ein bisschen an sein Lieblingsspielzeug, Roswitha, erinnerte. Vergeblich haben ihm die Erzieher gesagt, dass Stelian zwar ein Engelsgesicht haben mochte, aber in Wirklichkeit eine „Blase“ sei, also glatt wie eine Kugel, man könne ihn nirgends packen, auf so ein Kind könne nichts und niemand Einfluss nehmen. Anatol Korkodus entschied sich trotzdem für ihn, darauf vertrauend, dass hier das Psalmodieren der wilden Gewässer seine Seele durchdringen würde, ebenso der raue, reinigende Nordwind und dass das vielleicht sein Blut abkühlen und seinen Jähzorn zähmen würde. Nur kam es so, dass in der Zeit, in der die verschiedenen Schriftstücke von hier nach da wanderten, die Akten unterschiedliche Stempel erhielten, ein offizieller Bescheid über Stelians Entlassung ausgestellt und er tatsächlich losgeschickt wurde, irgendwelche Personen meinen Alten zur Strecke gebracht haben. Unbekannte kamen an einem stürmischen Wintermorgen mit einem feurigen Schlitten, um ihn zu holen und wir sahen ihn erst wieder, als er an einem anderen Morgen in einem von den Pferden verlassenen, mit Raureif bedeckten Wagen unter dem Heu lag, aus dem nur seine erfrorene, blutleere weiße Nase hervorlugte.
Und Stelian stand eines Tages vor der Tür. Seitdem lungert er mit seinem verträumten rosa Gesicht bei uns herum. Wenn er wach wird, kommt er herüber, holt sich sein Frühstück von der Veranda. Er bekommt ein oder zwei Stück in Öl gebackene Maisfladen, die ich ihm, damit ich ihn nicht in die Küche lassen muss, schon am frühen Morgen auf einen Blechteller auf das Verandageländer stelle. Er klopft trotzdem an und fragt, ob es an dem Tag für ihn etwas zu tun gebe. Obwohl ich ihm manchmal Kleinigkeiten auftrage, wie ich ihn auch jetzt in Augustins Keller schicken würde, um Benzin zu holen, bitte ich ihn nicht gerne um etwas. Früher ist es vorgekommen, dass ich ihn zur Bahnstation schickte, um Gasöl zu holen und einmal stellte ich ihn, weil ich keine Lust auf Fremde hatte, zu den Hähnen des Thermalwassers, damit er die Wasserleute empfing, aber keiner wollte noch einmal etwas mit ihm zu tun haben. Doch selbst wenn ich ihn für etwas gebrauchen könnte, gäbe es für ihn nichts zu tun. Abgesehen davon, dass wir das Thermalwasser der Paltinsky-Wiese verkaufen, auf den Hügeln der Medwaya Steinpilze, Haselnüsse, Hagebutten, Minze, Kamille und Thymian sammeln und aus der Jablonka wagenweise feinen Flusskies holen, machen auch wir nichts.
Wir warten, vielleicht kommt ja jemand. Vielleicht kommen die, die Anatol Korkodus mitgenommen haben, wieder. Das Pferdegesicht, der Vagabund mit den großen Füßen, der die stillgelegten Bergwerke wiedereröffnen wollte, oder der Prokurator Damasskin Nikolsky, der einmal aus einem überdachten Anhänger sechs Paar Schakalfüchse auf der Paltinsky-Wiese freigelassen hat. Oder ein anderer. Vielleicht kommt ja jemand und sagt uns, wofür wir hier sind. Oder es kommt nie mehr einer her.
In Wirklichkeit warten wir nur darauf, dass die Zeit vergeht.
Stelian weiß nichts vom Pferdegesicht, auch nichts von Damasskin Nikolsky und seinen Füchsen, selbst wenn er manchmal hört, wie man von ihnen spricht, interessiert es ihn nicht. Abgesehen davon, dass er, ohne etwas zu sagen, unter uns lebt, wissen auch wir nichts über ihn.
Außer wenn man es als etwas bezeichnen kann, dass wir ihn sehen, wie er, seitdem es Frühling geworden ist, die Hände tief in den Taschen den ganzen Tag lang an den Zaun des ehemaligen Wirtshauses Zu den zwei Schnepfen gelehnt steht. Mit seinen hellen, steinfarbenen Augen starrt er die Küchentür an, als würde er hinter das undurchsichtige Milchglas sehen oder es mit seinem Blick zerbersten lassen wollen. Wenn dann endlich die Tür aufgeht und Danczura in ihrer gelben Bluse mit den hinter ihr her flatternden Schmetterlingen barfuß über den Hof geht, blickt er ihr sanft hinterher, sieht wie die sonnenbeschienene Wand des Hauses zwischen ihren Oberschenkeln durch den dünnen Stoff des Unterkleides sichtbar wird. Danczura geht in Pochoriles’ Sommerküche, wo sie ihre Tochter, Nikita, versteckt hält, schließt die Tür hinter sich, stillt oder wickelt das Kind und verbringt so immer mal eine halbe Stunde da drinnen. Wenn sie herauskommt, sich die feuchte Bluse über dem Busen zurechtzupft und so am Zaun vorbeikommt, versucht sie, Stelian unverwandt in die Augen zu sehen. Der beobachtet aber weiterhin nur das Spiel des Lichts unter ihrem Unterkleid. So geht das tagaus, tagein. Fünfmal am Tag oder gar zehnmal, ohne dass sie auch nur ein Wort wechseln würden.
Der stumme Eskimohund des einstigen Gastwirts Edmund Pochoriles steht derweilen nur hechelnd vor seiner Hütte und zerrt an seiner Kette.
Fabritius beobachtet das Ganze aus dem Haus, steht hinter dem Vorhang. Manchmal öffnet er das Fenster und sagt leise so etwas wie:
Du hast ein krankes Hirn, Stelian. Dieses wunderschöne irdische Leben ist nicht für dich geschaffen. Du solltest schon längst nicht mehr leben.
Doch Stelian hört ihn nicht.
Jetzt habe ich ihn schon zwei Tage nicht mehr gesehen. Über den Blechtellern auf der Veranda kreisen Fliegen, die Ölblasen auf den gebratenen Fladen sind geplatzt, die Fladen selbst zu matten Steinen auf den Blechtellern erstarrt. Es ist schon der zweite Tag, an dem Stelian aus irgendeinem Grund nicht frühstücken will.
Ich warte nicht länger auf ihn. Im Keller des Ehepaars Augustin gibt es am Boden eines Fasses noch ein wenig Benzin, das fülle ich in eine kleine Flasche. Da sie nicht einmal halbvoll ist, gehe ich auf dem Man-Gold-Hof vorbei, zu den Tataren. Sie beschäftigen sich mit Leder und Gummi, dafür braucht man Klebstoff, weshalb sie immer verschiedene Lösungsmittel dahaben. Während Akimofte mit der Flasche in die Kammer geht, setze ich mich auf einen prall gefüllten Sack. Ich befühle ihn, werfe einen Blick hinein: Er ist voller nagelneuer, aus Autoreifen geschusterter Halbschuhe. Ich sage zu dem Tataren, dass wir doch nur noch sehr wenige sind, die hier am Ufer der Jablonka leben, und frage ihn, was er glaube, wer diese tragen werde. Akimofte grinst und erwidert, sie könnten ja noch in Mode kommen. Vor Kurzem sei zum Beispiel Danczura hier gewesen und habe für Stelian ein Paar gekauft.
Für Stelian?
Akimofte grinst wieder.
Durch die offenstehende Tür des Ladens sieht man auf das Fenster des Spitalhauses. Auf beiden Seiten des Fensters steckt in dem Blumengitter jeweils ein großer Schlehdornzweig, voller junger Knospen. Dazwischen steht Nika Karanika, der Sperlingsdämon, in ihrem mit Vögeln bestickten blauen Kittel. Wie ich sie so betrachte und mir Feuchtigkeit in die Augen steigt, entfernt sich Nika Karanika, ihre Gestalt verschwimmt, von ihrem Mantel fliegen die Sperlinge und Rohrsänger auf und kreisen über ihr. Ihr betörender Jasminölduft dringt selbst durch das geschlossene Fenster bis hierher.
Nika Karanika steht in ihrem blauen Kittel im Fenster des Spitalhauses, zwischen knospenden Schlehdornzweigen, ihre rechte Hand erhoben, die Finger flattern, als würde sie winken. Als wollte sie gerade von mir etwas.
Ich gehe zu ihr, woraufhin sie das Fenster einen spaltbreit öffnet. Um ihre Nase herum, unter den riesigen, runden Augen, sind die lila Falten eines geheimen Kummers zu erkennen, zugleich scheint sie aber auch ein bisschen zu lächeln.
Sie sagt: Kommen Sie mal näher, Adam. Darf ich Ihnen etwas sagen?
Sicher.
Ich glaube, Sie waren es, der mir diese stacheligen Dornenzweige ans Fenster gesteckt hat. Habe ich recht? Sie waren es doch, stimmt’s?
Schon möglich.
Dann können Sie mir bestimmt auch sagen, was Sie damit bezwecken wollten.
Nur, dass sie hier sind, an beiden Seiten des Fensters, während Sie herausblicken. Denn es gibt nichts Besseres als den herben Duft von Schlehdornknospen. Und weil Sie mir am Tag nicht nur einmal einfallen. Auch gestern, als ich diese Zweige abgebrochen habe. Ich dachte mir, Sie werden bestimmt erraten, wie sie hierhergekommen sind und dann werden auch Sie einen Augenblick lang an mich denken.
Seltsamer Gedankengang. Dazu kann ich jetzt nur so viel sagen, dass ich Sie nicht vergessen werde. Jetzt darf ich Ihnen schon verraten, dass ich gerade im Begriff bin, von hier fortzugehen. Irgendwelche Leute, wohlwollende Leute, waren hier und haben mir versprochen, die Messerklinge, die einmal so hässlich abgebrochen ist und seitdem zwischen meinen Wirbeln steckt, herauszuziehen, wenn ich mit ihnen gehe und bei ihnen bleibe. Wenn sie schon einmal so freundlich sind, gehe ich mit ihnen.
Gehen Sie nur, gehen Sie, ich werde nicht versuchen, Sie zurückzuhalten. Es ist auch besser, wenn ich Sie nie wiedersehe.
Aber wer weiß, fährt Nika Karanika leise fort, wenn es Ihre Zeit erlaubt, die Umstände entsprechend sind und Ihr Weg Sie gegen Abend zufällig hierherführt, könnten Sie noch ein letztes Mal an meinem Fenster stehenbleiben. Vorausgesetzt, es wird heute überhaupt noch Abend. Wenn ich mich nicht irre, waren gerade Sie es, der mir erzählt hat, dass im Buch von Eronim Mox geschrieben steht, das Ende der Welt sei gekommen, wenn die Sonne auch nachts nicht vollkommen untergehe, sondern nur unter dem Horizont entlangstreife. Inzwischen habe auch ich den Eindruck, als wäre diese Zeit gar nicht mehr so weit entfernt.
Das war also Nika Karanika. Wenn sie jetzt weggeht, ist es, als wäre sie nie hier gewesen, sie nimmt ihre Vögelchen mit, ihren Kardamomduft und in den verborgenen Nischen ihres Körpers auch all ihre wunderbaren Geheimnisse.
Als Anatol Korkodus sie zum ersten Mal gesehen hat, hat er gesagt: Das ist ein Dämon, ein Dämon, Dämon. Nachdem mein Alter ihr erklärt hat, was ein Dämon ist, war sie damit einverstanden. Wenn man sie fragte, wer sie sei, woher sie komme, sagte sie, sie sei im fernen Süden, auf dem Kalkboden des von Dämonen bewohnten Ödlands geboren worden, wo ihr Papa Lagerkommandant gewesen sei und von dort habe sie fliehen müssen, weil sie einmal, in einer Dürrezeit, den Gefangenen zu trinken gegeben habe. Als bereits seit drei Jahren kein Regen mehr gefallen sei und die Gefangenen morgens versucht hätten, aus den Decken, die sie ins Freie gelegt hätten, die Feuchtigkeit des Morgennebels zu wringen, sei es ihr zu sehr zu Herzen gegangen und sie habe aus dem nackten Felsen Wasser für sie geschlagen. Bloß, dass das Wasser salzig gewesen sei, warm und gestunken habe, weshalb sie sie gejagt hätten und das Messer von einem von ihnen habe sie auch erreicht, seine Klinge sei abgebrochen und stecke bis heute zwischen ihren Wirbeln.
Das Fenster der Näherin Aliwanka steht offen, aus dem feuchten Dämmer dringt das Rattern der Nähmaschine nach draußen. Aliwanka sitzt vor der Nähmaschine, neben ihr Brigitta Konuvalov, die das eine Ende eines großen Bettlakens hält, damit es nicht auf den Boden hängt, während es gesäumt wird. Als sie mich erblicken, hört das Rattern auf, und Brigitta Konuvalov lässt das Laken los. Sie kommt zum Fenster, beugt sich heraus und ergreift das Revers meiner Jacke.
Sie sagt ohne Umschweife, die Zeit sei reif dafür, dass irgendjemand irgendetwas mit diesem Stelian mache. Es sei so weit gekommen, dass der arme Fabritius kein Dach mehr über dem Kopf habe und gezwungen sei, in der Sakristei Unterschlupf zu suchen. Sie seien gerade damit beschäftigt, einen dicken Bezug für eine Daunendecke zu nähen, damit der Arme seine Nacht nicht in dem kalten Raum bibbernd verbringen müsse.
Falls ich es bisher noch nicht gehört haben sollte, sei Stelian vorgestern Abend, während Fabritius auf dem Platz neben dem Denkmal der Dreibeinigen Frau mit dem Schänkenbesitzer Begidzan Tabla gespielt habe, einfach so zu Danczura ins Wirtshaus gezogen. Seitdem ließen die beiden Fabritius gar nicht mehr ins Haus. Das Tor und alle Türen des ehemaligen Wirtshauses hielten sie verschlossen und wenn Fabritius vor dem Lattenzaun stehenbleibe, starrten sie ihn verständnislos durchs geschlossene Fenster an, zuckten mit den Schultern und würfen einander verwunderte Blicke zu, was diese ihnen unbekannte Person wohl von ihnen wolle, es gebe nichts mehr zu sagen, meinten sie und streckten ihm schließlich auch noch die Zunge raus. Durch das Fenster sei auch gut zu erkennen, dass Stelian bereits Fabritius’ blau-grün gestreiften Lieblingspyjama trage. Und das seltsamste und zugleich unheimlichste Anzeichen dafür, dass hier etwas sehr Ungewöhnliches vor sich gehe, sei, dass das kleine Wunderkind Nikita, das man bisher für stumm gehalten hatte, plötzlich eine kräftige Stimme habe. Es brülle von morgens bis abends, was nur deshalb nicht weit zu hören sei, weil Stelian ihm den Mund mit Lappen vollgestopft habe.
Wenn es in der Siedlung doch bloß jemanden gäbe, einen echten Mann, der diesen nutzlosen Bengel ein für allemal erledigen würde.
Stelian! Das rosa Engelsgesicht. Das ist also der Stand der Dinge.
Mit der Säge über der Schulter gehe ich ans Jablonka-Ufer, zur Czervensky-Anlegestelle. Früher standen Anatol Korkodus’ Pegellatten hier, doch seitdem keiner herkommt, um den Wasserstand abzulesen, sind sie inmitten des Holunders, der völlig verwilderten Schlehdorn- und Wildrosenbüsche, die das gesamte Ufer überwuchert haben, gar nicht mehr zu erkennen.
Selbst jetzt, in der grünen Flut des Sommers, steht die Wassermühle in nebligem Dunst, von Eis überzogen da. Im Sonnenschein funkelt sie diamanten, um sie herum flackern regenbogenfarbene Dunstzungen, während aus all ihren lila Nischen der frostige Atem des Winters strömt.
Fabritius geht mit hochgeschlagenem Kragen vor dem Kellereingang auf und ab.
Vor einigen Jahren, noch zu Anatol Korkodus’ Zeiten, hat Balwinder die Schleusen im September nicht rechtzeitig geöffnet und im Norden bekam die Nebelhülle des Herbstes plötzlich Risse, durch die die schneidende Kälte von Polarnächten eindrang, die Schleusentore froren unerwartet ein, hinter ihnen staute sich die eisige Flut und trat allmählich über die Sperre, überströmte die Mühle, die bis in den letzten Winkel gefror.
Seitdem steht sie in dieser kristallenen Starre.
Die lauen Brisen des kurzen Sommers greifen das Eis zwar jedes Jahr ein wenig an, dann schillert die Mühle in schauderndem, samtenem Licht, doch bevor das Eis richtig aufzutauen beginnt, ist die heitere Jahreszeit schon vorbei und der erste Frost kündigt sich an. Aber die Lichter des Sommers behält das Eis für sich und gibt sie nur allmählich wieder ab, und so leuchtet die Wassermühle in tiefen, nebligen Herbstnächten am Rande der Siedlung wie die riesige Zauberlampe von Eronim Mox.
Wenn man die Stirn gegen die Eiswand drückt, die Augen mit den Händen abschirmt, hineinblickt und es wirklich will, erkennt man sogar die einstige Einrichtung. Alles steht an seinem Platz, wie in Glas gegossen. Die Getreidekisten, die aneinander gelehnten Mühlensteine, die Sackwaage, daneben die mit Roggen und Mehl gefüllten Säcke, der Tisch des Müllers Filip Gleznár und auf der Kuppe des Eisbergs, als würde er dort schwimmen, sein mehlbestäubter Hut.
Und die Mäuse. Sie wollten aus der eisigen Flut wohl durch das geschlossene Fenster hinausschwimmen, wo sie, durch die Scheibe an der Flucht gehindert, gefroren. Dort schweben sie noch heute wie neugierige kleine graue Fische mit Pelz, die Mäuler ans Glas gepresst.
Der halbe Hase, den Fabritius eingefroren hat, liegt seit Winteranfang unter der Achse des Mühlrades. Den genauen Ort, wo das Päckchen zu finden ist, wem es gehört und was es beinhaltet, zeigt ein an einem Nagel baumelndes kleines Birkenholzplättchen an: „Hasenhälfte. L. Fabritius.“ Das Eis ringsherum ist voller grauer und brauner verschwommener Flecken, es sieht fast wie versteinert aus. Am Anfang des Winters, als Fabritius den halben Hasen versteckt hat, ließ er noch einen Tag lang immer wieder Wasser über die Öffnung des Lochs laufen, bis sie wieder vollkommen zugefroren war. Jetzt hat er gleich zwei Taschenlampen mitgebracht, um das Eis von zwei Seiten zu beleuchten, damit die tückischen Brechungen des Lichts mich nicht täuschen und die Säge sich am Ende zu einem benachbarten Bereich verirrt.
Ich warte, ob er etwas sagt, doch Fabritius schweigt mürrisch, offenbar will er mich noch nicht in sein Geheimnis einweihen. Er bedeutet mir nur angespannt, dass ich ein größeres Loch herausschneiden, also neben und über dem gefrorenen Fleisch noch so und so viel Platz lassen soll, ungefähr zwei Spannen.
Zwei Spannen, sagt er schließlich doch. Das ist ein bisschen viel, aber wenn er mich darum bittet, tu ich ihm den Gefallen.
Ich lasse den Motor an, schneide tief ins Eis, doch Fabritius bedeutet mir bereits, ihn wieder abzustellen.
Ich stelle ihn ab, ziehe die Säge vorsichtig heraus, schüttle die Eisstücke ab und lege sie neben mich auf den Boden. Er tritt mit der Stiefelspitze sanft dagegen.
Zeig mal. Womit läuft sie?
Mit Benzin, sage ich. Aber es schadet nicht, wenn man ein Viertel Öl dazugibt.
Zeig mal, lass sehen, wie du sie anlässt.
Ach komm, du hast das doch schon gesehen, sogar mehrmals. Nun gut: Mit links ziehst du ein paarmal an der Schnur und wenn der Motor angesprungen ist, gibst du mit rechts Gas wie bei einem kleinen Geländewagen. Pass auf, dass sie nicht deine Hose erwischt, sonst nimmt sie dein Bein gleich mit.
Ich werfe sie wieder an, damit er es sieht. Während ich sie laufen lasse, beuge ich mich an sein Ohr und sage laut, dass wir bald ein Brecheisen brauchen werden, damit wir den Block, um den wir herumgesägt haben, mit dem halben Hasen darin, herausholen können, da man das glatte Eis nicht anfassen und mit den Händen herausziehen können werde. Ein solches Eisen finde er in Pochoriles’ Geräteschuppen, auf dem Hof des Wirtshauses. Die Eisenstange, mit der Danczura nachts Nikitas Tür verriegle, wäre auch geeignet.
Nikita ist ein Wunderkind. Das weiß jeder, wozu gesagt werden muss, dass außer ihrer Mutter sie noch nie jemand gesehen hat. Sie ist schon fünf Jahre alt und Danczura stillt sie immer noch. Bis gestern hat sie nie jemand weinen gehört und sie hat weder Sprechen noch Gehen gelernt. Ja, auch Gehen nicht, dabei hat sie nach Meinung der Näherin Aliwanka, die durch Wände hindurchsehen kann, drei Beine. Danczura wartet nur, was aus dem Wunder wird, hält das Kind in einer gesonderten Unterkunft, in der Sommerküche des Wirtshauses, die Tür mit einer Eisenstange verriegelt. Tagsüber ist die Eisenstange an den Türrahmen gelehnt.
Fabritius schüttelt den Kopf.
Das ist keine besonders gute Idee, sagt er. Ich gehe da jetzt nicht hin.
Aber wir werden ein Brecheisen brauchen, ohne das kommen wir nicht weiter.
Dann geh und frag du Stelian, vielleicht gibt er es dir. Aber es ist nicht sicher, dass sie dich auf den Hof lassen.
Nun erzählt er, was passiert ist. Dass der Junge, der bis dahin nur mit entschlossenem Blick am Zaun gelehnt habe, plötzlich an ihm vorbei ins Haus gestürmt sei. Wer weiß, wie er es mache, aber er habe Danczura in der Hand.
Ich stelle den Motor ab.
Ich habe mir schon gedacht, dass irgendetwas passiert ist, sage ich. Der Junge hat sein Frühstück schon gestern nicht abgeholt, auf der Veranda trocknen die Portionen von zwei Tagen vor sich hin. Ich nehme an, du hast dir schon überlegt, was man mit einem solchen Menschen machen kann.
Fabritius sieht mich streng an, nickt und sagt:
Nichts. Was Stelian betrifft, gibt es nur noch eine Lösung. Ich hoffe, du verstehst, dass ich es nicht aussprechen möchte. Den Zeitpunkt und die Art werde ich mir noch heute im Laufe des Tages überlegen.
Ich stimme ihm verständnisvoll zu: Beschissene Sache, ja. Um ehrlich zu sein, ich habe auch die Nase voll von diesem Stelian. Doch das Brecheisen, wovon ich eben gesprochen hätte, werde auf jeden Fall gebraucht, er solle eines aus dem Keller der Augustins holen.
Aus den Hohlräumen und Rissen des Eises strömt feuchte Kälte, vor den Treppen wabert Dunst. Während ich warte, dass Fabritius mit dem Brecheisen zurückkehrt, setze ich mich in die Sonne. Offenbar hat sich die Windrichtung geändert, denn die Dampfschwaden, die sich mit ihrem beißenden Schwefelgeruch bis zum Morgen in den Höfen und allen Winkeln des Tals niederlassen, bewegen sich jetzt in Richtung der Gipfel von Nikolina. Über der Wiese des Paltin flirrt die Luft, von hier trägt eine leichte Brise betörenden Wildrosenduft zwischen die Häuser.
Der Johannitag nähert sich, das Fest der Wildrose, zumindest hat Anatol Korkodus den Tag so genannt. Zu dieser Zeit, also ein oder zwei Tage zuvor, ist die Nacht am kürzesten. Und Eronim Mox schreibt in seinem Märchenbuch, wie schon erwähnt, dass irgendwann die Zeit kommen wird, wenn auf den Tag keine Nacht mehr folgt.
Wenn sogar die Czervernsky-Wassermühle schmelzen wird, die ganze Mühle.
Früher, als ich meine Katze Tatjána noch an der Leine spazieren führte, brachte ich sie manchmal hierher zur Mühle und zeigte ihr die Mäuse. Ich setzte sie auf die Laderampe vorm Fenster, damit sie sie bestaunen konnte, solange sie nur wollte. In den durch die Vergrößerung des Eises riesig erscheinenden schwarzen Kugelaugen leuchtete immer noch Hoffnung. Tatjána suchte sich immer eine aus und starrte sie so lange an, bis durch ihren Blick das Eis um sie herum anschmolz. Als die Maus dann, dem Anschein nach wie zum Leben erweckt, ein bisschen zur Seite kippte und Tatjána sie erhaschen wollte, rutschte ihre Pfote an dem harten Glas ab. Sie ist eine Katze, vergisst nichts, nimmt es mir bis heute übel.
Fabritius kommt mit einer großen Eisenstange zurück, in deren flaches Ende ein großes A eingraviert ist. Solange er sich nicht in verhängnisvolle Schwierigkeiten begeben hat, war Augustin Schlosser und Klempner, sein ganzes Leben lang hämmerte er auf Eisen herum, von denen immer noch ein ganzer Haufen in seinem Keller vor sich hin rostet.
Ich hole den Eisblock heraus und gebe Fabritius das Brecheisen, damit er ihn zerschlägt. Doch offenbar interessiert ihn der Hase gar nicht mehr, er ist weiterhin damit beschäftigt, das lila Loch im Eis auszuleuchten.
Könntest du es vielleicht noch etwas vergrößern?
Kann ich nicht. Kommt nicht in Frage. Dann würde ich ja in den Teil von Nyegrutz hineinsägen.
Nicht einmal ein bisschen?
Ich starre ihn an.
Du willst ihn doch nicht etwa hier verscharren? Schlag dir das sofort aus dem Kopf.
Fabritius nimmt den Blick nicht von dem Loch.
Es ist mir durch den Kopf gegangen. In solchen Momenten kommen einem viele Dummheiten in den Sinn.
Ich erkläre ihm, dass es Sommer sei, zu warm, man könne das Loch so lange begießen, wie man wolle, es wäre nicht möglich, es wieder einzufrieren. Und das, was er vorhabe, ziehe Gerüche nach sich. Außerdem schreibe man ja auch immer etwas auf das Birkenholzplättchen. Das würde dann doch ein bisschen zu weit führen.
Fabritius nickt und sagt, er wisse, dass es nicht einfach sein werde. Er sei unbewandert auf diesem Gebiet, weshalb ihm ständig unbeholfene Gedanken kämen. Doch heute Morgen sei er in der Sakristei mit einem Entschluss aufgewacht und, wenn alles gut laufe, werde er die Sache auch bald durchführen. Vielleicht werde er die Daunendecke gar nicht mehr benötigen.
Ich lasse das so stehen, sage nur etwas verlegen:
Er hat hier unter uns nichts zu suchen. Ich habe ihm auch schon zweimal umsonst Fladen gebacken. Und wenn ich jetzt nicht erfahren hätte, was passiert ist, hätte ich es fertiggebracht, ihm morgen zum dritten Mal das Frühstück hinzustellen.
Wir stehen nun auf dem Hof der Wassermühle. Der Eisblock, darin ein verschwommener brauner Fleck, liegt im Gras, glänzt im Sonnenschein, darüber flirren die bunten Zünglein des Dunstes. Fabritius zerschlägt ihn mit dem Brecheisen, damit er in den Plastiksack passt, den er mitgebracht hat und in welchem er Brigitta Konuvalov den Hasen bringen will. Während er ihn in den Sack stopft und diesen sich dann über die Schulter wirft, sieht er mich erwartungsvoll an und dann wandert sein Blick zur Kettensäge. Erneut tritt er mit dem Fuß vorsichtig dagegen und murmelt vor sich hin, als würde er mit sich selbst sprechen.
Er sagt etwas wie, das sei ein gutes Werkzeug. Möglicherweise würde er es sich ausleihen. Ob ich es ihm geben würde?
Die Stihl Kettensäge liegt auf dem Boden, auf den scharfen Klingen erzittern die Tropfen der schmelzenden Eisstücke.
Daraufhin murmele auch ich etwas. Ich liehe sie ihm nicht gerne, doch müsse ich zugeben, dass mir im Augenblick auch nichts Besseres einfalle. Ich wundere mich also nicht darüber, dass es ihm in den Sinn gekommen sei. Auf jeden Fall sei es eine heikle Arbeit, er solle sich gut überlegen, was er tue, es überstürzt anzugehen, wäre ziemlich ungünstig. Das Werkzeug, falls er es wirklich benötige, werde er mit Sackpapier bedeckt auf der Veranda finden. Er solle aber vorsichtig sein, er habe ja gehört, was für einen ohrenbetäubenden Lärm das Ding verursachen könne. Und er solle mir versprechen, dass er, sobald er fertig sei, das Werkzeug rasch ins öffentliche Waschhaus bringe. Nachdem er es im Thermalwasser gründlich eingeweicht habe, solle er es noch für eine Weile unter den Wasserhahn halten.
Danczuras rote Haare lodern im gleißenden Mittagslicht auf dem Hof des einstigen Wirtshauses. Sie hängt Wäsche auf, aber manchmal lässt sie sich zwischendurch auf den Gartenstuhl fallen und gibt sich dem Sonnenschein hin. Sie trägt ihre gelbe Bluse, zupft hin und wieder einen Schmetterling ab, steckt ihn in den Mund und lässt ihn auf der Zunge zergehen. In dem Waschtrog neben ihr liegen bekannte Sachen, auch auf der Wäscheleine hängen bekannte Kleidungsstücke: Die Unterhosen und karierten Hemden von Fabritius. Wenn nicht irgendetwas geschieht, wird sie von nun an jemand anderes tragen. Ich gehe zum Zaun. Danczura rührt sich nicht, als würde sie mich gar nicht bemerken.
Ich spreche sie an: Sie solle Stelian zu mir schicken.
Sie dreht sich immer noch nicht zu mir um, murmelt nur: Er ist nicht zu Hause.
Sie solle ihn ausfindig machen. Jetzt sofort.
Sie sagt, es tue ihr leid, aber sie wisse nicht, wo er sei. Vielleicht gegen Abend, wenn er vom Wald zurück sei. Er sei nämlich mit Nikita ins Farnwäldchen gegangen. Ich wisse ja selbst, das sei nicht nah. Er sei also frühestens am Abend zurückzuerwarten.
Und was soll das, dass Stelian einfach nach Lust und Laune Ausflüge macht? Und was will er mit Nikita im Farnwäldchen?
Nichts. Er bringe sie nur hin, lasse sie dort und komme schon zurück. Sie hätten genug davon, dass Nikita ihnen von morgens bis abends die Ohren vollbrülle. Und was sie sich überhaupt gedacht habe, wie lange sie noch von Milch leben wolle, nun sei dieses endlose Stillen auch endlich vorbei. Es sei an der Zeit, dass sie auf ihren eigenen Füßen stehe. Nikita sei ein Wunderkind und habe unter gewöhnlichen Menschen nichts zu suchen.
Am Nachmittag kommen die Wasserleute. Das Hupen, mit dem sie uns ihr Kommen signalisieren, damit einer von uns zu den Hähnen geht, um sie dort zu erwarten, ist schon von Weitem zu hören. Sie kommen alle zwei Tage mit drei Wagen und bringen das Wasser, das hier bei uns auf der Paltinsky-Wiese warm aus der Erde tritt, in Behältern von fünfundsiebzig Hektolitern weg. Egal, wohin sie es bringen, bis sie ankommen, kühlt es ab und wird schal. Wer weiß, wozu sie das lauwarme, übelriechende Thermalwasser brauchen. Seitdem auch Begidzan seine Schänke geschlossen hat, versorgen sie uns mit diesem und jenem, mit verschiedenen Waren. Pro Wasserlieferung bekommen wir zehntausend Coupons, außerdem zahlen sie mit Mehl, Zucker, Fett, Saatgut, wir bekommen Seife und Waschmittel von ihnen und auch Gasöl.
Jemand sorgt für uns, indem er uns all die nutzlosen Dinge abkauft. Doch eines Tages, wenn er uns nicht mehr braucht, wird er damit aufhören. Wir werden nie erfahren, wer es war und was er wollte.
Es dauert gute anderthalb bis zwei Stunden, bis die Tanks voll sind. Währenddessen beladen die Kiesleute an der Furt der Jablonka ihre Wagen. Ich stehe die ganze Zeit bei den Thermalwasserhähnen, weil sich das Ende des Gummischlauchs durch das warme Salzwasser ausgedehnt hat und ich es vergeblich am Hahn befestige, es springt immer wieder ab. Deshalb ist es besser, es festzuhalten, bis die Tanks befüllt sind. Wir unterhalten uns dabei nicht, die Wasserleute sprechen kaum mit uns. Wenn wir sie etwas fragen, ist es so, als verstünden sie uns gar nicht, sie brummen und murmeln nur etwas, starren uns an und zucken mit den Schultern. Sie kommen aus einer anderen Welt, es ist, als sprächen wir gar nicht dieselbe Sprache. Doch bevor sie gehen, bezahlen sie und die Rampe hinter ihrem Wagen ist voll mit einer Menge Waren.
Ich ziehe einen Kittel über und verteile die zuvor abgewogenen Rationen entsprechend der Vormerkungen. Für eine bestimmte Anzahl von Coupons bekommt der eine dies, der andere das.
Fabritius steht auch an. Er wartet ab, bis er an der Reihe ist, und ich gebe ihm, was in der Vormerkung steht: Speiseöl, Quark, Apfelkompott, Marmelade aus verschiedenen Früchten, Maisgrieß, solche Sachen. Er verstaut alles in seinem Korb, beugt sich dann zu mir und sagt mit düsterer Miene:
Ich bräuchte auch etwas Essig. Viel, wenn möglich.
Essig? Gut, ich frage nicht, wozu.
Ich weiß es selbst noch nicht, sagt er in strengem Ton.
Ich verspreche ihm, dass ich versuchen werde, ihm etwas aufzuheben, wenn es anders nicht gehe, bekomme er die Portion von jemand anderem. Und es schade nicht, wenn er wisse, dass derjenige, über den wir zuvor gesprochen hätten, nicht daheim sei. Er komme gegen Abend aus dem Stummen Wald zurück. Wenn Fabritius also ungefähr zur Dämmerung in bequemem Tempo in Richtung der Anhöhen losgehe, dann werde er ihn wahrscheinlich am anderen Ende der Abraumhalde, in der Nähe des verlassenen Bergwerks antreffen.
Als sich der von den Wagen der Wasser- und Kiesleute aufgewirbelte Staub gelegt hat, ist auf einmal das Schreien der Esel zu hören und danach legt sich auf die Häuser eine heiße Stille. Zu dieser Stunde fällt jeder in Ohnmacht, das ist hier, unter den Hügeln des Paltin, die Stunde der Angst, des Todes. Ich suche Anatol Korkodus’ Hängematte, binde sie im Garten zwischen zwei Pflaumenbäume und lege mich hinein.
Eine Weile starre ich den wolkenlosen Himmel an, während von den Blättern des Pflaumenbaumes kühles Wachs auf mich nieselt. Dann drehe ich mich auf die Seite. Die leichte Brise berührt das Laub kaum, der Schatten der Blätter erzittert auf dem zerzausten gelben Fell meiner Katze Tatjána. Die beiden Meerschweinchen, diese nervlichen Wracks, hocken in einer Ecke des Käfigs und schlottern.
Der gesamte Garten ist voll von grünem Summen und Schwirren. Wenn ich die Augen schließe, breitet sich in mir eine grundlose Freude aus und umschließt meine Seele. Ich schaukle über der weichen Ewigkeit.
Das hält so lange an, bis die Näherin Aliwanka kommt. Sie bäckt den Milchzopf für diesen Tag, zu Anatol Korkodus’ Ehren. Jetzt legt sie ihn, mit einem Tuch bedeckt, auf das Geländer der Veranda. Der Brombeerwein, der mich in den Schlaf begleiten wird, stammt noch aus dem Keller von Edmund Pochoriles. In dieser Nacht esse ich Milchzopf und trinke Brombeerwein.
Irgendwann, schon am späten Nachmittag, höre ich wieder das Tor quietschen. Es ist Fabritius. Unter seinem Arm klappert die Tabla-Kassette. Er geht über den Hof, die Treppenstufen hinauf auf die Veranda. Er klopft, blickt hinein, dreht sich um, bleibt am Geländer stehen. Er sieht die Kettensäge, nimmt sie in die Hand, betrachtet sie, legt sie zurück. Er wirft einen Blick auf die in Öl gebackenen Brotscheiben auf den Tellern. Schließlich dreht er sich um zum Garten, sieht nun auch mich, wie ich mich in der Hängematte unter den Pflaumenbäumen ausruhe.
Er sagt, er sei in der Kirche gewesen. Habe die Sache mit ihm besprochen.
Ich setze mich auf und frage: Mit wem zur Hölle? Vorerst sollte es doch reichen, dass wir beide es wissen, nicht?
Fabritius deutet auf den Himmel. Immer, wenn er in Not sei, bekomme er von da oben Hilfe.
Ich stimme ihm zu, sage, ich hätte das Gefühl, ich auch. Dabei läse ich abends, statt zu beten, schon seit Langem die Geschichten von Eronim Mox. Übrigens hätte ich anderthalb Flaschen Essig für ihn aufgehoben, ich wisse aber nicht, ob das reiche.
Das wisse er auch nicht. Er wisse nicht, ob er es überhaupt brauchen werde und wenn ja, wie viel. Er werde sehen. Er wisse nur, dass, als ein Stück Fleisch von Nadja Kapusztin in der Erdmiete einen Geruch bekommen habe, sie es in einen essiggetränkten Lappen gewickelt habe. Diese Sache könne ja jetzt auch eine Weile dauern. Man müsse auf alles vorbereitet sein.
Stimmt. Ist ja auch Sommer, es ist warm.
Fabritius öffnet die Tabla-Kassette und kippt die Steine auf den sonnengebleichten, regennassen Tisch. Dann versteckt er in der einen Hand einen schwarzen und in der anderen einen weißen.
Er sagt, ich solle wählen.
Ich frage ihn, ob er nicht zuvor etwas essen möchte. Wir könnten ein Meerschweinchen für ihn braten. Dann hätte ich wenigstens eines los. Man könne das ja nicht mit ansehen, wie ihr Atem rast und ihre blöden Nasen von morgens bis abends vor Angst zittern. Wenn sie keiner esse, werde ich ihnen am Ende noch einfach so eine kleine Grube graben müssen.
Fabritius sieht mich an und sagt, er sei nicht hungrig. Aber einen Spaten, einen kleinen leichten Spaten werde auch er benötigen.
Ich sage, gut, er solle sich einen auswählen, im Werkzeugschuppen finde er einige Feldspaten. Ich blicke zum Himmel. Noch gute anderthalb bis zwei Stunden. Wenn er dann losgehe, komme ihm derjenige bei den verlassenen Bergwerken genau entgegen.
Ja, sagt er, es sei noch etwas Zeit, er habe es sich auch so ausgerechnet. Erneut streckt er mir auf dem Tisch die beiden Fäuste mit den Steinen entgegen.
Ich sage, wir sollen lieber würfeln. Wer eine höhere Zahl würfle, beginne.
Er erwidert, das würde er mir nicht empfehlen, denn heute werfe er, was er wolle, er würde also auf jeden Fall gewinnen. Der Himmel sei mit ihm.
Gut, sage ich, sehen wir es uns an, das mache mich neugierig. Er solle, sagen wir, die vier und die sechs würfeln.
Er nimmt die Würfel, schüttelt sie und wirft. Vier und sechs.
Er wiederholt es: Das sei ein gutes Zeichen. Der Himmel stehe ihm heute in allen Angelegenheiten des Lebens bei.
Wir spielen schon seit einer ganzen Weile, es ist aber erst die dritte Partie. Wir sehen häufig vom Brett auf, blicken, ohne etwas zu sagen, mal hierhin, mal dahin und trinken dabei von meinem Festtagstrunk, dem Schlehdornschnaps. Ich schlage vor, zu Tric Trac, der schnelleren Variante zu wechseln. Aber damit kommen wir auch nur bis zum Ende der dritten Partie. Plötzlich streckt Fabritius die Hand in meine Richtung aus und sagt:
Sag mal, hättest du je so etwas von mir gedacht?
So etwas? Was?
Er winkt ab. Es gibt nichts mehr zu sagen.
Wir belassen es dabei. Fabritius glaubt, dass er heute einen guten Tag habe, das sagt er zumindest. Dann wird er mit seinen Angelegenheiten auch allein zurechtkommen. Auch beim Spiel sieht es, obwohl er kaum aufs Brett blickt, ganz danach aus, als würde er gewinnen.
Etwas später steht Jakab Gleznár am Tor. Obwohl er ganz leise gekommen ist, dreht sich Fabritius gleich um, sieht ihn argwöhnisch an und bekreuzigt sich.
Was ist mit dir los? Du bist Lutheraner.
Nicht mehr, sagt er.
Gleznár kommt nicht herein, er wartet darauf, dass ich ihm zuwinke als Zeichen, dass ich ihn gesehen habe. Da ich mich nicht rühre, winkt er mir schließlich zu.
Sein Gesichtsausdruck ist auf gleznársche Art rätselhaft, ein bisschen schelmisch betrübt. Er sagt, ich solle mit ihm gehen, er wolle mir etwas zeigen.
Jetzt gleich?
Ja, jetzt, wenn möglich, später ist es nicht mehr interessant.
Gleznár wohnt mit seinen Perlhühnern am Fuß des Hanges, in der Nähe der Czernvensky-Anlegestelle, auf dem vorletzten Grundstück. Wir gehen an den Zwei Schnepfen vorbei, die Sommerküche, in der Nikita gewohnt hat, wird gelüftet, Tür und Fenster stehen weit offen. Über dem Hof liegt bereits der Schatten der Dämmerung, im Duft der frisch gewaschenen Wäsche sitzt meine Cousine Danczura auf der Treppe. Ich nenne sie meine Cousine, dabei ist sie es gar nicht. Das habe ich ihr auch einmal gesagt, aber sie will es mir einfach nicht glauben. Sie bemerkt mich, wie ich den Zaun entlanggehe, blickt sogar kurz auf, grüßt mich aber nicht, sie sagt gar nichts, hält den Kopf gesenkt. Stelian ist noch weit weg, er hat den Rückweg noch gar nicht angetreten, aber sie erwartet ihn schon.
Gleznárs Grundstück liegt an dem steilen Berghang, es ist voller Wildbirnen und am Zaun gibt es eine Reihe Johannisbeersträucher, gemischt mit Stachelbeeren. Doch am Tor empfängt uns nicht der Duft des Gartens, sondern ein beißender, bitterer Geruch wie vom Gebüsch am Waldrand, wo sich Wild aufhält. Gleznár geht vor, auf Zehenspitzen, als befürchtete er, dass das etwas, was er mir zeigen will, verschwindet. Er winkt mir neckisch lächelnd zu, ich solle ihm folgen. Er geht ums Haus, führt mich nach hinten zum Geflügelhof und bleibt stehen. Alles ist voller Federn, sie kleben im Schlamm, es ist, als spaziere man auf einer zerschlissenen grauen Decke. Nirgends ein Perlhuhn. Nur Federn, Federn überall.
Gleznár sagt, sie seien am helllichten Tag, am Nachmittag, in der Stunde des Todes hier gewesen. Er habe von der Veranda aus mit verschränkten Armen zugesehen: Es seien so viele gewesen, dass es ihm gar nicht in den Sinn gekommen sei, einzugreifen. Sie hätten den Boden unter der Scheune ausgescharrt und an einer anderen Stelle, gegenüber am Zaun, ebenfalls. Durchs eine Loch herein, durchs andere hinaus, damit sie sich in dem Gedränge nicht über den Haufen rannten. Sie seien auf Nummer sicher gegangen, hätten sich nicht einmal sonderlich beeilt. Das Perlhuhn sei kein Meister der Luft, keines von ihnen habe es bis auf die andere Seite des Zauns geschafft. Sie hätten alle mitgenommen.
Ich frage ihn, was er denke, was zur Hölle sie mit so vielen Hühnern auf einmal anfangen wollen.
Der Fuchs handle bedacht, vorausschauend, sagt er. Er denke an die Zukunft und vergrabe sie.
Es will nicht recht Abend werden, nur die Ecken des Gartens sinken in einen durchscheinenden, bläulichen Dämmer, während das träge Sonnenlicht immer noch über die wachsmatten Blätter des Pflaumenbaums flimmert.
Fabritius liegt mit Stiefeln in der Hängematte, die Mütze über die Augen gezogen. An den Stamm des Pflaumenbaums gelehnt, ein wenig schräg, steht die halbleere Flasche mit dem Schlehdorngeist. Tatjána sehe ich nicht, sie ist nicht an ihrem Platz, im Gras, wo sie seit dem Morgen Wache gehalten hat. Dann erblicke ich sie doch: Ihr gelbes Fell schimmert hinter dem Drahtnetz und die Tür des Käfigs ist halb geöffnet. Vor ihr liegen zwei ohnmächtige Meerschweinchen. Sie wirft sie mit ihrer Pfote hin- und her, verpasst ihnen Stöße, und die beiden keuchen noch, wimmern, ihre Augen sind geschlossen und auf ihren feuchten rosa Nasen versammeln sich Ameisen.
Fabritius sagt, er habe den Käfig nur spaltbreit geöffnet, er sei neugierig gewesen, ob Tatjána es bemerke. Während er einen Blick zur Hängematte geworfen habe, um zu entscheiden, ob er sich zurücklegen solle, sei die Katze bereits drinnen gewesen. Wenn er sich richtig erinnere, hätte ich aber ohnehin gesagt, dass ich von ihnen die Nase voll habe. Oder hätte er damit auf mich warten sollen?
Ich winke ab, ach was, wo denke er hin. Ich schließe die Käfigtür, verriegele sie. Das bleibt auch so, ich werde sie nie wieder öffnen.
Ab nun solle Fabritius aber auf sich achtgeben. Er solle klar im Kopf sein und eine sichere Hand werde er auch benötigen. Keinen Schluck solle er mehr trinken, er werde bald aufbrechen können. Die Säge finde er auf der Veranda. Am besten sei es, wenn er vorher eine Runde gehe, ein bisschen frische Luft werde ihm guttun. Und wenn er dann neben dem Grundstück von Klara Burszen vorbeikomme, zur Wiese des Paltin gehe, weiter, vorbei an den Thermalquellen und schließlich unter dem Plateau der Abraumhalde entlang, werde er an einem geeigneten Ort, in der Nähe des verlassenen Bergwerks dem Betreffenden begegnen. Wenn er noch nicht dort sei, solle er auf ihn warten. Und dann – das wolle ich nicht zweimal sagen – mit der Säge auf zum Waschhaus.
Er starrt mich an und sagt, er sei sich gar nicht so sicher. Vorbei am Grundstück von Klara Burszen, sage ich? Er wäre in Richtung der Czervensky-Anlegestelle gegangen. Ich erwidere streng:
Du weißt ganz genau, welchen Weg du gehen musst. Du tust jetzt nur so. So etwas kann ich nicht ausstehen.
Ich habe nur überlegt, wie ich die Sache angehen soll. Was würdest du ihm denn sagen?
Ich? Bei sowas sagt man, glaube ich, am besten gar nichts. Damit vergehen ja nur sinnlos kostbare Minuten. Du bist ein studierter Mann, verfügst außerdem über ein bisschen Lebenserfahrung, nun soll ausgerechnet ich dir Ratschläge erteilen? Und den Spaten kannst du vergessen. Das werden andere für dich erledigen.
Er starrt mich an, mit glasigem Blick, versteht es nicht.
Es reicht, wenn du kleinere Portionen machst und die auf der Wiese hier und da, an Baumstämmen oder unter Sträuchern liegenlässt. Falls du morgen früh auf die Idee kommen solltest, einen Spaziergang dorthin zu machen, wirst du nichts mehr vorfinden.
Ich soll also keinen Spaten mitnehmen, sagst du? Gut, wenn du meinst, lasse ich es.
Er klettert aus der Hängematte, streicht seine Kleidung zurecht, schüttelt die Blätter des Pflaumenbaumes ab. Er sieht sich um und sagt zögerlich:
Also, jetzt gleich? Ist die Zeit wirklich so vergangen? Ich weiß gar nicht, wenn du willst, können wir uns noch ein Weilchen über die Sache unterhalten. Ich finde, morgen ist auch noch ein Tag. Und übermorgen.
Ich schüttle den Kopf, mustere ihn, blicke zum Himmel: Morgen? Oder übermorgen? Das ist auch nur heute.
Seine Stirn glänzt, auch die Nasenspitze. Als ich seine Hand drücke, ist diese ganz feucht. Geh los, du bist ein anständiger Mann, sage ich. Meine Hand ruht auf seiner Schulter, so begleite ich ihn zum Gartentor. Er blickt sich im Gehen noch einige Male um, ich winke ihm zu und wünsche ihm, dass der Himmel bei ihm sei.
Es ist schon spät, aber der Tag will nicht zu seinem Ende kommen. Am westlichen Himmel ist der rote Streifen des Sonnenuntergangs zu sehen, während sich im Osten schon etwas wie ein gelbliches Dämmern zeigt. Weit oben über mir glänzt eine perlmuttfarbene Wolke, aus ihr rieselt, als wäre es das seidene Flüstern des Jenseits, leises Rauschen auf das Tal der Jablonka. Es ist ein beunruhigendes Zwitschern, wie wenn kleine Perlen in einer Samtschatulle herumkullern. Heimatlose Vögel kreisen um die Erde, ohne jemals zu landen. Die Seidenstare aus dem Starenmärchen von Eronim Mox.
Doch kein anderer hört das mehr, hinter den geöffneten Fenstern und Türen wogen schon lange nur noch die Stimmen des Schlafes.
Als ich mich mit meinem Körbchen, darin dem Milchzopf und dem Wein, auf den Weg zu Anatol Korkodus und den Lakantuskäfern mache, in die Nacht der Thermalquelle Nummer zwei, gehe ich noch ein letztes Mal am Man-Gold-Hof vorbei.
Nika Karanika steht im Zimmer, hinter dem geschlossenen Fenster, im Schatten der stacheligen Schlehdornzweige. Sie sieht mich, öffnet aber nicht die Fenster. Sie hält den Zeigefinger vor den Mund: Es gibt nichts mehr zu sagen. Trotzdem nähert sie sich weich und langsam dem Fenster, in dem Dämmer werden ihre beerenfarbenen Augen größer, all ihre Züge werden größer, schließlich presst sie, den Mund halb geöffnet, die glänzende Zungenspitze an die Scheibe.
Nika Karanikas Zunge aus dem Kochbuch von Eronim Mox. Das Märchen vom Geschmack des Speichels.
Vom schlotternden Fabritius, den schleichenden Füchsen von Damasskin Nikolsky, vom Milchzopf und dem Wein, dem Brigadier Anatol Korkodus, der auf der nebligen Paltinsky-Wiese in den blauen Gewässern der Ewigkeit schwebt.
Das Märchen von den Seidenstaren, von dem am Himmel perlmuttfarben schillernden Buchstaben N, den in ewiger Dämmerung versunkenen letzten Tagen.
Und der Speichel des Glücks rinnt, strömt lauwarm, durch das Fenster hindurch, macht sich in meinen Gliedern breit, pulsiert betörend am unteren Ende meiner Wirbelsäule, bis er sich mir plötzlich heiß über die Oberschenkel ergießt, kühl die Beine hinunterläuft, bis unter meine Fußsohle, eiskalt.
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