Die Vögel von Verhovina
2. (Delfina)
Hanku hatte nur einen Namen, man wusste nicht, ob es sein Familienname war oder als Spitzname an ihm hängengeblieben, in seinen Papieren stand einfach nur dieser eine Name. Er war irgendwann aus der Besserungsanstalt nach Jablonska Poljana gekommen und seine Probezeit war schon längst abgelaufen, als Anatol Korkodus ihm vier Stangen Madezit anvertraute, die er in den Stummen Wald bringen und dem Dammwärter übergeben sollte.
Ende März legt sich bei Einbruch der Nacht die eisige Stille des Frostes über die Häuser, doch eines frühen Morgens wurde Anatol Korkodus vom Scheppern der von den Dachtraufen fallenden Eiszapfen aus dem Schlaf gerissen. Etwas später, als im Haus bereits das leise Rauschen des schmelzenden, vom Hügel hinunterrinnenden Schnees zu hören war, schickte er eine Brieftaube zum Stausee, mit der Aufforderung an den Dammwärter Duhovnik, unverzüglich die Schleusen zu öffnen. Die Taube kam zwar nicht zurück, trotzdem ging Anatol Korkodus in seinen regenfarbenen Mantel gehüllt im Sprühregen, zwei Tage lang wiederholt zum Ufer der Jablonka, zu den Pegellatten und betrachtete den Fluss und die treibenden Eisplatten. Doch den kleinen Fluss nährte nur das von den nahegelegenen Hügeln hinunterfließende trübe Schneewasser. Offensichtlich hatte Anatol Korkodus die Nachricht vergeblich geschickt, da oben waren die Schleusen nicht geöffnet worden.
Vergeblich, so ist es, denn der Dammwärter Duhovnik lebte zu dem Zeitpunkt schon lange nicht mehr. Seine vom Wind zerzauste, von Krähen zerpflückte Gestalt baumelte seit dem Herbst am untersten Ast eines Bergahorns in der Nähe des Damms.
Doch das wusste Anatol Korkodus nicht. Es war allgemein bekannt, dass der Dammwärter den Winter am eingefrorenen See im Winterschlaf verbrachte, also fehlte er auch niemandem. Jetzt, da plötzlich der Frühling hereingebrochen war, wäre seine Zeit gekommen.
Anatol Korkodus ahnte seit einer Weile, dass jemand ein Auge auf das Quellgebiet der Jablonka geworfen hatte, und somit auch seine Laufbahn hier enden würde, bald wäre alles Vergangenheit, was ihn mit dieser Gegend verbunden hatte, dennoch erledigte er seine Aufgaben so, als würde er nicht für den Niedergang, sondern die Ewigkeit arbeiten. Bei Tauwetter musste der Wasserspeicher rechtzeitig entleert werden. Nachdem er drei Tage lang vergebens gewartet hatte, wusste er, dass da oben etwas nicht in Ordnung war, er dachte, vielleicht waren im Laufe des langen, harten Winters die Schleusen zugefroren. Wenn das passiert, kann es einige Tage dauern, bis man sie vom Eis befreit hat, da braucht der Dammwärter Hilfe, also musste jemand hinaufgehen.
Da fiel ihm dieser Hanku ein. Er ließ ihm auch gleich ausrichten, dass er sich bereitmachen sollte, sein Tag sei gekommen. Er habe eine vertrauensvolle Aufgabe für ihn: ein paar Stangen Madezit zum Damm bringen, womit der Dammwärter Duhovnik, falls erforderlich, das Eis um die eingefrorenen Schleusen würde sprengen können. Er solle ihm helfen, Salz zu streuen und, wenn nötig, ein paar Tage draußen im Wald bleiben, bis er sehe, dass es gelungen sei, das Becken des Sees bis zu einem sicheren Wasserstand zu leeren.
Zugleich schickte Anatol Korkodus auch an den Kommunalstall eine Nachricht, dass man einen Esel für Hanku aufsatteln solle. Und den solle man auch gleich zum öffentlichen Waschhaus führen, wo Hanku putzte, damit der weder Zeit noch Gelegenheit hatte, darüber nachzudenken. Abgesehen von dem einzigen Reitpferd, das Anatol Korkodus und Diakon Ambrózi abwechselnd nutzten, hielt man hier nur Esel. Dieser, den man für Hanku ausgesucht hatte, besaß weder Schwanz noch ein richtiges Fell. Jemand hatte ihn heimlich geschoren. Auf seinem Rücken war ein einfacher, zum Sitzen unbequemer Holzsattel, der dafür gedacht war, Lasten zu befördern, Gepäck oder Zwerchsäcke daran zu befestigen.
Hanku wollte sich aber auch gar nicht auf den Esel setzen, er ging zu Fuß auf dem Weg, der sich zwischen den Häusern aus der Siedlung hinausschlängelte, und führte das Tier am Zügel. Erst jenseits der Czervensky-Wiese blieb er wieder stehen, bei der Bereitschaftsgruppe, wo er das Madezit entgegennehmen sollte. Auf der Bank vor dem Eingang saß Anatol Korkodus, doch als er Hanku erblickte, ging er in das einstöckige Haus mit dem Blechdach.
Durch das geöffnete Fenster sah Hanku, wie er nacheinander verschiedene Papiere unterschrieb. Das waren wohl die Sondergenehmigung für den Sprengstoff und der Empfangsschein. Er sah, wie die vom Hersteller in Fettpapier verpackten, plombierten Madezitstangen, als wären es wer weiß wie viele, mehrmals gezählt, dann vorsichtig in eine kleine, mit Schaumstoff gefütterte Holzkiste gelegt wurden, deren Deckel man mit einem Schiebriegel verschloss. An der Holzkiste hing zusätzlich eine gummierte Kette, an deren Ende ein Karabiner und ein kleineres Vorhängeschloss baumelten, falls man die Kiste aus Vorsicht abschließen und aus Sicherheitsgründen an der eigenen Kleidung befestigen wollte. Das Ganze wurde in eine tarnfarbene Zelttuchtasche gelegt. Bald darauf kam Anatol Korkodus aus dem Gebäude, hängte die Tasche über den Holzsattel und befestigte sie sogar noch mit einem Riemen. Er hatte noch eine zweite Umhängetasche dabei, die hängte er auf die andere Seite des Sattels. Er ließ Hanku zwei Empfangsscheine unterschreiben, faltete sie und steckte sie in seine Manteltasche. Zwei weitere gab er Hanku, die dieser mit Duhovniks Unterschrift zurückbringen sollte.
Weißt du, was Madezit ist?
Nein.
Das macht nichts. Es darf keiner Wärme ausgesetzt werden, nicht in die Nähe von Feuer gelangen und man sollte nicht darauf herumspringen. Du gibst es Duhovnik, er weiß, wofür man es braucht.
Er wies Hanku nachdrücklich darauf hin, dass sie zwei Tage lang nur Salz auf das Eis streuen sollten, um die Schleusentore nicht zu beschädigen. Er solle bei der Sappeurtruppe übernachten, um morgens rechtzeitig am Damm zu sein. Anatol Korkodus werde ihm noch am selben Abend ein Proviantpaket schicken.
In der anderen Tasche sind zwei volle Flaschen. Die eine, die mit dem Enzian, ist für Duhovnik. In der anderen ist auch Alkohol. Alkohol, in dem ein Jahr lang leuchtende Ölbaumpilze eingelegt waren, davon sollt ihr nicht trinken. Die schicke ich Delfina, damit sie sich damit einschmiert. Ihre Stirn ist voller böser Pickel.
Unter dem Anstieg, beim Birtz Sappeurhaus, in dessen geräumigem Saal im Erdgeschoss eine Art kleine Kantine in Betrieb war, blieb Hanku stehen. Er rief durch die offenstehende Tür, dass man ihm für den Abend einen Schlafplatz bereiten solle, und wenn bis dahin der Proviant, den Anatol Korkodus ihm versprochen habe, nicht ankäme, auch ein Abendbrot, denn er werde dort übernachten. Er bat um eine Bohnenkonserve, öffnete sie, zog sich vor dem Nieselregen unter die Dachtraufe zurück und löffelte sie aus.
Während er aß, kam Sappeurmeister Dragila aus dem Haus. Er war ein dicklicher Mann mit rotem Gesicht und schütterem Bart, der einen Jägerhut trug, hinter dessen Band viele blaue Falkenfedern steckten. Unter den Achselhöhlen seiner Feldbluse waren die salzigen grauen Flecken des Schweißes zu sehen. Seine gesamte Kleidung strömte den Geruch von Schweiß, Knoblauch und Läusepulver aus, was sich mit dem Petroleumgeruch des Raumes vermischt hatte. Hanku traf ihn zum ersten Mal und trat nun auch einen kleinen Schritt zurück. Aber der kam immer näher. Er befühlte die an den Esel geschnallte Zelttuchtasche.
Was ist da drin?
Ich weiß gar nicht. Madezit, wurde mir gesagt.
Ist das dein Ernst? Gehört es dir? Sag mal, was machst du damit?
Nichts. Ich müsste es Duhovnik geben.
Hm. Ach was.
Doch. Ich bringe es zu ihm.
Ich habe gesagt: Ach was.
Das habe ich gehört.
Du könntest es mir verkaufen.
Hanku sah sich um.
Wieso? Wie viel würdest du mir dafür geben?
Wie viele Stangen sind es denn?
Du sagst: Stangen? Ich weiß nicht. Wenn es Stangen sind, dann vier, glaube ich.
Einen Tausender bekommst du dafür auf jeden Fall.
In Coupons? Dann schon tausendzweihundert. Zweihundert davon gehen an Duhovnik, damit er die Papiere unterschreibt, als hätte er es entgegengenommen.
Hanku holte aus seiner Jackentasche die Papiere hervor, die Anatol Korkodus ihm gegeben hatte, damit Duhovnik sie unterschrieb. Er zeigte sie Sappeurmeister Dragila. Dieser warf nur einen flüchtigen Blick darauf.
Aha. Ich sehe. Dann lass sie von ihm unterschreiben.
Dragila holte das Geld und zählte es in Hunderter-Coupons ab. Er ging zurück und brachte zwei Wassergläser mit Pálinka. Nachdem sie diese schweigend ausgetrunken hatten, nahm der Sappeurmeister die Zelttuchtasche vom Sattel und ging damit ins Haus. Die leere Tasche, darin die leere Holzkiste mit der Kette, brachte er zurück.
Das brauche ich nicht.
Hanku nahm sie zuerst, warf sie dann aber neben die Hausmauer.
Ich auch nicht.
Bevor Hanku losging, fragte er Dragila noch, ob er etwas von Duhovnik wisse, ob er ihn in letzter Zeit gesehen habe. Er sagte, in letzter Zeit habe er nur Delfina, die Frau, gesehen, sie habe Speck und Maismehl gekauft. Den Dammwärter selbst habe er seit dem Herbst nicht mehr gesehen.
So standen die Dinge also. Auch bei den Sappeuren wusste man nicht, dass der Dammwärter schon längst nicht mehr lebte.
Zum Damm und dem schwarzen Waldsee führte ein gewundener Fuhrweg, da Anatol Korkodus Hanku aber zuvor schon einige Male mitgenommen hatte, kannte dieser auch die Abkürzungen. Um noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder bei den Sappeuren zu sein, wollte er gerne so schnell wie möglich ankommen, weshalb er sich lieber für den steilen Pfad entschied. Dieser begann gleich in der Nähe des Sappeurhauses und führte neben einem schmalen Wildbach in den Wald hinauf.
Auf dem Pfad waren in den Schneeflecken hier und da vielleicht gerade die breiten dunklen Fußspuren von Delfina Duhovnik zu sehen, seit dem Tag, als sie mit der Tasche voller Maismehl auf dem Weg zum Damm war. Jetzt, da der Schnee schmolz, waren die Spuren gewachsen, zerflossen in dem gräulichen, mit Kiefernnadeln vermischten Schnee. Als wäre ein Bär dort entlanggegangen. Manchmal lag sogar ihr Geruch in der Luft. Wo zwischen zwei Fußspuren ein gelber Fleck verriet, dass sie sich hingehockt hatte, um ihr Geschäft zu erledigen, stieg ein schwerer, beißender Tiergeruch auf. In den Kiefernzweigen schwebten glänzende weiße Haarsträhnen.
Auch oben in den Bergen taute es stark, das Schneewasser floss in trüben Rinnsalen den Berg hinunter. Doch an manchen Stellen war der Wildbach noch von windverwehtem altem Schnee bedeckt, unter dem das Rauschen des Schmelzwassers nur gedämpft zu hören war, diese Stellen umging der Esel vorsichtig, trottete weiter in den Wald hinein, zwischen die umgefallenen Kiefernstämme und morschen Baumstümpfe. Man musste ihn nicht antreiben, den Weg zum Damm kannte er gut. Manchmal blieb er stehen, um sich auszuruhen und sah mit traurigem Eselsblick vor sich hin.
In der plötzlich eingetretenen Stille war aus dem lila Dunst heraus nur noch das Rascheln des Taus, das Raunen des Schneewassers zu hören. Und aus der Ferne, aus unbekannten Wäldern irgendwo hinter dem dichten Schweigen des Stummen Waldes, hallte, wie eine Botschaft aus dem Jenseits, der gleichmütige Ruf des Kuckucks. Auch auf den weit entfernten Gipfeln wurde es allmählich Frühling.
Auf einmal stand Hanku am Ufer des schwarzen Sees. Dieser war von einer Eisschicht bedeckt, die zwar nicht mehr ganz so hart war, voller Kiefernnadeln, Zapfen und vom Wind dahingewehten Flechten, aber insgesamt noch fest und unbeweglich. Doch an manchen Stellen, in der Nähe des Ufers und um die verrosteten Eisenvorhänge der Schleusen blitzte in dem blauen, braunen und grünen Licht des Stummen Waldes auch ein bisschen Tauwasser auf.
Der Name stammte von Anatol Korkodus, er hatte den Wald so getauft, nachdem die Vögel von Verhovina weggezogen waren. In dem Jahr waren im Frühsommer Unbekannte in die Gegend gekommen und hatten, noch bevor irgendjemand sie hätte zur Rechenschaft ziehen können, mit Stöcken und Feuerspritzen die Nester von den Bäumen geholt. Sie richteten den Vögeln ihre Botschaft aus und verschwanden dann, als hätten sie ihren Auftrag erfüllt.
Die Vögel hatten offenbar verstanden, dass das, was nun käme, nicht mehr ihre Welt sein würde, und sind fortgezogen. Wahrscheinlich für immer. Seitdem lebten in dem verstummten Wald nur noch düstere, schweigsame Krähen.
Und natürlich der Dammwärter Duhovnik mit der Frau, der Bärin Delfina. Sie hatten nicht viel zu tun, ab und an fischten sie von der Wasseroberfläche die heruntergefallenen Zweige, trockenen Blätter und reinigten mit einem langstieligen Schaber die Schleusengitter von Ablagerungen. Immer, wenn sich nach den Herbstregen oder dem großen Frühjahrstauwetter das Becken bis zum Rand füllte, öffneten sie die Schleusen und ließen das Wasser aus dem See bis zum Boden ab. Zu Beginn des Winters legten sie sich hin, deckten sich mit Werg, Zweigen und heruntergefallenen Herbstblättern zu und schliefen, wie ruppige Bären, dicht beieinander in der eingeschneiten Hütte.
Bisher war es zumindest so gewesen. Doch jetzt hatte sich herausgestellt, dass Delfina im Laufe des Winters sogar mehrmals beim Birtz Sappeurhaus gewesen war, um etwas zu essen zu besorgen.
Sonst kam der Hund des Dammwärters angerannt, sobald er das Klappern der Hufe oder das Schnauben der Esel hörte, und Duhovnik stand bereits in der Tür seiner Hütte und wartete. Jetzt war alles reglos. Der Wind hatte sich gelegt, die zögerlichen Stimmen des Waldes waren verstummt und auch der ferne Ruf des Kuckucks war in der hereinbrechenden Dämmerung versunken.
Hinter dem einzigen Fenster der Hütte stand Delfina, presste die Nase gegen die Scheibe und starrte heraus. Von ihrem Atem war das Fenster um ihr Gesicht herum beschlagen, wodurch ihre Augen riesig erschienen. Sie rührte sich nicht, als wäre sie auf die Scheibe gemalt.
Duhovnik, oder wie er heißt, wird wohl nicht da sein, dachte Hanku wahrscheinlich, denn er band, ohne der Frau die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, den Esel an, ging an den schmelzenden Schneehaufen vorbei zum Seeufer, über einen Steg zum Damm. Er blickte in die Tiefe. Dann öffnete er den Blechschrank, in dem die Kisten mit Salz und Asche standen und schaufelte halbherzig, vielleicht eine Viertelstunde lang, streute um die eingefrorenen Schleusen mit Asche vermischtes Salz.
Dann ging er langsam zum Esel zurück und sah sich um. Delfina Duhovnik hatte das Gesicht immer noch an die Fensterscheibe gepresst und starrte reglos heraus. Wozu noch länger warten, Hanku winkte ihr zu und sagte:
Komm, hilf mir. Versuchen wir, die Schleusen ein bisschen hinaufzukurbeln.
Er löste den Henkel der Tasche vom Holzsattel und gab sie ihr.
Das schickt euch Korkodus. In der einen ist Pálinka, in der anderen Alkohol für dich, zum Einschmieren.
Er folgte Delfina, die mürrisch in Richtung Damm losgegangen war, wo man mit Hilfe einer Kurbel die Schleusen bewegen konnte. Sie ging barfuß durch den matschigen, mit Schnee vermischten Schlamm. Sie trug ein knöchellanges, graues Strickkleid, das einen ranzigen Fettgeruch ausströmte. Ihre ungekämmten graumelierten Haare flatterten, vermischt mit der Ausdünstung ihres Atems, hinter ihr her.
Hanku vermied es sogar, auf denselben Fleck wie sie zu treten.
Und sag mal: War die Taube eigentlich bei euch?
Sie meinen die Taube? Das wollen Sie wissen? Aber ja doch. Natürlich war sie da.
Nur, weil Herr Korkodus gesagt hat, sie sei nicht zurückgekehrt.
Das denke ich auch, ich habe sie nämlich gegessen.
Hör mal zu. Soweit ich weiß, habt ihr schon im Herbst das Wasser aus dem See nicht abfließen lassen. Und jetzt benutzt ihr nicht rechtzeitig Salz, denn wie ich sehe, sind die Schleusen immer noch vollkommen eingefroren. Was ist los mit euch?
Woher soll ich das wissen? Wie es aussieht, ist uns im Moment nicht danach. Wahrscheinlich haben wir gerade etwas anderes zu tun.
Und am Ende esst ihr auch noch die Taube auf. Korkodus hat euch in dem Brief ganz klar aufgefordert, das Wasser sofort aus dem See abzulassen.
Mag sein, aber ich kann nicht lesen.
Und Duhovnik? Wo ist er jetzt anzutreffen?
Er ist spazieren gegangen.
Durch den Spalt unter den geschlossenen Schleusentoren rann nur ein schmaler Streifen Wasser. Sie mussten auf jeden Fall bewegt werden. Die Winde war an den beiden Enden der Achse mit jeweils einer Kurbelstange versehen, und es waren zwei starke Menschen notwendig, um die in der Tiefe, an Ketten hängenden, halb eingefrorenen schweren Schleusentore aus dem Eis zu befreien. Als Delfina Duhovnik die Stange ergriff, zeichneten sich an ihren Schultern kleine Wülste ab, ihre Armmuskeln und die Adern traten hervor und an ihrem Rücken, dort, wo das Kleid zerrissen war, waren ihre glänzend weiße Haut und die fettgepolsterten Schulterblätter zu sehen.
Sonst taumelten der Dammwärter und seine Frau nach dem langen Winterschlaf am ersten Frühlingstag benommen, abgemagert aus der Hütte, doch jetzt war Delfina nicht nur gut beisammen, sondern auch kein bisschen träge. Dass sie das Schleusentor nicht bewegen konnten, lag auch nicht an ihr.
Eine ganze Weile war nur das Ächzen der sich anspannenden verrosteten Ketten zu hören und dann plötzlich die Bewegung der gusseisernen Platten in der Tiefe und wie das Wasser, unter dem Druck des Eises, allmählich etwas stärker unter dem Schleusentor hindurchsickerte. Doch das dauerte nicht lange. Als sie versuchten, die Winde weiterzudrehen, bewegte sich das Tor nicht mehr.
Da war nichts zu machen, sie gingen zur Hütte zurück. Hanku sagte zu Delfina, die jetzt hinter ihm ging, dass die Stellen in der Nacht gewiss immer wieder einfrieren würden, weshalb das Eis an den Schleusen ständig mit Salz bestreut werden müsse. Und dass sie am nächsten Tag, schon früh am Morgen, noch bevor er zurückkäme, versuchen sollten, die Schleusen zu öffnen.
Wie stellen Sie sich das eigentlich vor? Allein schaffe ich das doch nicht.
Also kommt Duhovnik heute nicht mehr nach Hause.
Wie Sie sagen. Heute bestimmt nicht mehr. Und morgen vielleicht auch nicht.
Wo zur Hölle steckt er denn?
Habe ich doch gesagt. Er ist spazieren gegangen.
Gut, dann geh jetzt zurück und schaufle bis Einbruch der Dunkelheit Salz an die Schleusentore. Morgen früh komme ich wieder und wir versuchen es noch einmal. Merk dir gut, solange es taut und die Bäche anschwellen, müsst ihr dafür sorgen, dass die Schleusen geöffnet sind.
Die Frau sah ihn an. Wie rostrote Alpenrosen blühten die Pickel auf ihrer Stirn.
Bleiben Sie im Wald? Denn schlafen kann man auch hier. Ich mache Feuer und gehe mich waschen.
Ich schlafe bei den Sappeuren. Herr Korkodus schickt heute Abend jemanden mit Salami, etwas zu trinken und Brot dahin.
Die ganze Nacht über regnete es, und Hanku erwachte bereits vor der Morgendämmerung. Den Esel brauchte er nicht, ließ ihn also im Stall der Sappeure, nahm die Plastiktüte mit dem, was ihm Anatol Korkodus geschickt hatte, Brot, Salami, eine Flasche Brombeerwein, und machte sich auf den Weg. Diesmal beeilte er sich nicht, statt des steilen und rutschigen Pfades nahm er den alten Fuhrweg am linken Bachufer. Am violetten Himmel flackerten noch einige dicke Sterne, während in der Ferne, jenseits der Medwaya-Lichtungen bereits die Vögel erwachten. Zuerst waren die Hähne zu hören, wie in einer leeren Kirche hallte ihr Kuckern zwischen den Baumstämmen, und dann legten sich die Fäden des frühen Drosselgesangs über die Lichtungen. Doch wer weiß, woher diese Laute kamen, vielleicht aus einem anderen Land. Es war aber auch möglich, dass Hanku sich alles nur einbildete.
Er war bereits in der Nähe des Dammes, wo der Fuhrweg etwas breiter wurde, als die Stille des Waldes von Krächzen gebrochen wurde. Eine Gruppe Krähen kreiste in eigenwilligem Zickzack, sie flatterten als lebendes Sargtuch zwischen den Bäumen. Inmitten der Kiefer stand ein einsamer Ahorn mit nackten Ästen, am untersten hing, am Ende eines dünnen Drahtseils, der Dammmeister Duhovnik. Immer, wenn eine Krähe von ihm aufflog, drehte er sich mal in die eine, mal in die andere Richtung. Wie eine putzige Vogelscheuche, vor der sich nicht einmal die Vögel fürchten müssen. Er drehte sich hierhin, drehte sich dahin, als würde er sich umsehen. Dabei hatte er schon längst keine Augen mehr. Man erkannte ihn nur an seiner offiziellen Uniform, denn er selbst war schon sehr, wirklich sehr zerpickt. Der grobe Stoff hing in Fetzen an ihm, hie und da lugten die blanken Rippen hervor, zwischen denen der Wind hindurchpfiff. Am selben Ast, an einem zweiten dünnen Drahtseil hing, wie eine geplünderte Umhängetasche, der Kadaver eines gescheckten Hundes. Dammmeister Duhovnik und sein Hund. Kein Zweifel, das waren sie.
Delfina Duhovnik starrte, die Nase gegen die Fensterscheibe gedrückt, aus der Hütte des Dammwärters. Sie hatte riesige schwarze Kugelaugen, wie die Heiligen auf alten, auf Glas gemalten Bildern. Hanku winkte der Frau zu.
Komm. Ein oder zwei Schleusen werden wir bestimmt öffnen können.
Delfina kam heraus, sie trug jetzt kurze Lederstiefel, einen knielangen Bauernrock aus blau-schwarz gestreiftem, handgewebtem Stoff, ein frisch gewaschenes kurzärmliges weißes Leinenhemd, in dessen Ausschnitt kleine weiße Hügel bebten. Sie sah aus, als hätte sie in der vergangenen Nacht abgenommen, die Polster und Wülste waren verschwunden, sie roch kein bisschen nach ranzigem Fett, sondern duftete nach Eichenblättern und ihr Haar war im Nacken zu einem bläulich schwarzen lockeren Knoten zusammengebunden. Auf ihrer Stirn glühten die purpurnen Pickel der Leidenschaft. Während sie zum Damm gingen, sah Hanku sie mehrmals an.
Ich sehe, du hast auf mich gewartet. Womit färbst du dir die Haare?
Mit Heidelbeeren. Sonst nehme ich Holunderbeeren, aber wenn ich keine mehr habe, tun es auch Heidelbeeren.
Sie ergriffen die Kurbelstange. Sie sahen sich an, damit einer das Zeichen zum Anfangen gab. Sie drehten an der Winde, so lange, bis sie hörten, wie die Schleusenplatte in der Tiefe knackte, sich bewegte, aus der Umklammerung des Eises rutschte und das Wasser, zusammen mit einer Menge Geröll brausend ins Bachbett stürzte.
Delfina band die Pleuelstange mit einer Kette, an deren Ende sich ein Haken befand, an, damit die Winde nicht zurückrutschte, dann fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen, als wollte sie etwas sagen und sah Hanku fest in die Augen. Doch dann war es Hanku, der zuerst sprach:
Sag mal, aber ganz ehrlich, wann ist Duhovnik weggegangen?
Noch im vergangenen Herbst.
Hat er etwas gesagt?
Nur, dass er eine Runde im Wald gehen will. Dass es Spazierwetter sei und es ihm guttun würde, sich ein bisschen zu bewegen. Ein netter junger Mann war vorbeigekommen und lud ihn ein, mit ihm spazieren zu gehen.
Du hättest ihn wenigstens abschneiden können.
Ich habe den Ast nicht erreicht.
Nun würde ich etwas von dem Pálinka trinken, den ich für ihn mitgebracht habe. Er würde es mir sicherlich auch gönnen. Herr Korkodus hat mir eine Stange Salami geschickt, wenn du Feuer machst, bevor ich zu den Sappeuren zurückgehe, könntest du ein paar Scheiben braten.
Ich möchte, dass Sie nicht zu den Sappeuren gehen.
Sondern?
Sondern hierbleiben.
Delfina ging in die Hütte, holte die Flasche mit dem Pálinka heraus, dazu zwei Blechbecher.
Bis Mittag saßen sie im Schatten des Holzhaufens und tranken, dann machte Delfina Feuer. Sie briet in einer Pfanne dicke Salamischeiben und bedeckte sie mit Polentastücken. Hanku saß gegenüber vom Eingang auf einem Baumstumpf und warf hin und wieder einen Blick in die Hütte. Er sah, dass Delfina, wenn sie nicht gerade die Salamistücke in der Pfanne hin-und herschob, sich im Spiegel des offenen Fensters betrachtete und ihre Stirn mit der Ölbaumpilz-Tinktur behandelte. Hanku sagte zu ihr:
Du hast im Winter nicht geschlafen.
Nein. Aus irgendeinem Grund war ich unruhig. Und hatte Hunger, immer Hunger.
Hast du auf ihn gewartet, dass er vielleicht doch heimkommt?
Nein, habe ich nicht.
Nachdem sie gegessen hatten, blieb Delfina im Haus, Hanku setzte sich wieder vor die Hütte, goss sich von dem Brombeerwein ein, den ihm Anatol Korkodus geschickt hatte und trank. Nach einer Weile nickte er, an den Holzhaufen gelehnt, ein.
Als er viel später die Augen öffnete, blickte er direkt in Delfinas Augen. Sie stand, als wäre es schon Sommer, barfuß an der Türschwelle und sah ihn an. Ihr Mund war rot angemalt, die Zähne glänzten vom Speichel, um ihre Augen lagen schlehenfarbene Schatten. Sie hielt die Arme verschränkt, damit ihre Hügel sichtbarer wurden und blickte Hanku an. Hanku blickte sie auch an, sah auch durch ihr Kleid hindurch. Aber vielleicht nicht ausreichend, denn nach einer Weile sagte Delfina:
Kommen Sie rein, ich zeige Ihnen etwas. Bringen Sie auch Ihr Glas mit.
Hanku rührte sich nicht. Er starrte Delfina an. Sie stand immer noch mit verschränkten Armen da, starrte zurück.
Dürfte ich erfahren, wie Sie heißen?
Hanku.
Kommen Sie rein, Hanku, ich habe doch gesagt, ich zeige Ihnen etwas.
Hanku stand von dem Baumstumpf auf, während er Delfina in die Hütte folgte, befühlte er seine Hose.
Ich habe das gar nicht gemerkt. Sie ist ganz feucht geworden.
Wir ziehen sie aus, jetzt gleich, nicht, dass Sie sich noch erkälten.
Delfina schloss die Tür und löste gleich Hankus Gürtel. Sie nestelte eine Weile an den Knöpfen, dann zog sie ihm die Hose aus.
So. Und nun sehen Sie, warum ich Sie gerufen habe.
Sie leckte sich wieder über die Lippen, atmete tief ein, ergriff ihren Rocksaum oberhalb der Knie und hob ihn ganz langsam, wie einen Vorhang, hinter dem sich eine geheime Überraschung verbirgt. Zuerst nur bis zur Mitte des Oberschenkels, dann wartete sie ein wenig, blickte dabei Hanku unverhohlen in die Augen, schließlich entblößte sie sich bis zum Nabel. Unter dem Rock trug sie keinerlei Unterwäsche. Über ihre prallen weißen Oberschenkel lief ein Geflecht von lila Adern und unter ihrem Nabel rannten, fliehenden Käfern gleich, in alle Richtungen Muttermale. In der Tiefe des Moosnestchens glänzte, wie eine kleine rosa Schnecke, ihr lebendiges Fleisch.
Die Hütte war bis zur Decke vom Duft aufgehenden Sauerteigs erfüllt. Hanku kniete sich vor Delfina und umarmte mit geschlossenen Augen die weißen Kissen ihres Hinterns, als hätte er in seinem gesamten bisherigen Leben nur auf diesen Moment gewartet.
Bis zur Morgendämmerung fiel kein Wort zwischen ihnen, nur das Knistern einer Maus in dem herumliegenden Plunder war hin und wieder zu hören, das seidene Rascheln der sich aneinanderschmiegenden Oberschenkel und saftige Schmatzgeräusche. Über ihnen leuchtete die ganze Nacht lang, als Mond der Liebenden, mit dumpfem, irrlichterndem Dämmern die Flasche mit der Ölbaumpilztinktur. Und auf Delfinas Stirn leuchteten die Sterne der Seuche.
Sobald es hell wurde, kroch Hanku unter der Decke hervor, aß die kalten gebratenen Salamischeiben, die sie in der Pfanne vergessen hatten, tunkte die eiskalten Polentastückchen in das gestockte Fett. Er zog Hose und Stiefel an. Da stieg auch Delfina aus dem Bett und öffnete das Fenster. Sie hörten, wie das Wasser aus den Schleusentoren strömte.
Wir haben ordentliche Arbeit geleistet.
Das war von Anfang an klar. Das stand Ihnen ins Gesicht geschrieben.
Hanku betrachtete sich in der Scheibe des geöffneten Fensters. In seinem Gesicht waren hier und da Flecken, es war etwas verschmiert und glänzte von den irisierenden Schuppen getrockneten Speichels. Er wandte sich an Delfina.
Was ich immer noch nicht verstehe: Wenn du den Ast nicht erreichen kannst, wie hast du ihn dann hinaufziehen können?
Es war nicht einfach.
Und den Hund ja auch.
So ist es.
Hanku ging zum Damm, blickte hinunter, starrte eine Weile in das hinausströmende dreckige Wasser. In dem Blechschrank, wo das Salz, die Asche und die Werkzeuge aufbewahrt wurden, lagen abgeschnittene Stücke geflochtener Drahtseile. Solche wie die, an denen schon seit dem Herbst Duhovnik und sein Hund hingen. Er musterte sie, nahm manche in die Hand, schließlich entschied er sich für ein längeres Stück, schätzte dessen Länge und band es sich um den Bauch.
Delfina erwartete ihn angezogen in der Hütte. Sie saß am Bettrand, Hanku stand in der Tür und sie sahen sich eine Weile schweigend an.
Nimm ein paar Sachen mit, die dir lieb sind.
Ich habe nichts.
Denn du musst jetzt mit mir kommen.
Ich weiß.
Dann komm, lass uns gehen.
Sie wählten die bequemere Strecke, den Fuhrweg. Sie gingen Hand in Hand wie Frischverlobte. Als sie unten, am Birtz Sappeurhaus ankamen, holte Hanku den Esel aus dem Stall, band ihn an und betrat dann, Delfina vor sich schiebend, den Saal. Dragila schlief in einer Ecke. Hanku rüttelte ihn wach.
Nun bräuchte ich doch die Kette mit dem Karabiner, die ich letztens hiergelassen habe. Wenn Sie sie noch haben. Und die Kiste auch.
Es ist alles da, wo du es hingeworfen hast, kannst du dir nehmen. Da draußen, an der Mauer.
Ich gebe dir auch das Geld zurück, das ich von dir bekommen habe. Und du sollst mir das Madezit geben. Der Dammwärter konnte nicht unterschreiben, dass er es entgegengenommen hat.
Es tut mir leid. Ich habe es schon längst nicht mehr. Noch am selben Tag habe ich es verkauft.
Schade. Ich bräuchte es nämlich sehr.
Auf dem Hof löste sich Hanku das Drahtseil vom Bauch. Er stellte sich gegenüber von Delfina und band es nun ihr um. Als er das Ende, damit es nicht aufging, unter die Schlaufe steckte, musste er sie umarmen.
Sag, wenn es zu eng ist, ich kann es lockern.
Er nahm die Kette und fädelte sie unter dem Drahtseilgürtel hindurch. Den Karabiner am anderen Ende hakte er an seinem eigenen Gürtel ein. Dabei betrachtete er die rostroten Alpenrosen der zügellosen Liebe auf der Stirn der Frau.
Siehst du, du hast vergessen, deine Tinktur mitzunehmen.
Stimmt. Ich war ein bisschen zerstreut.
Dabei hat sie Herr Korkodus extra für dich geschickt.
Ich habe es irgendwie vergessen.
Siehst du, siehst du. Das nächste Mal musst du besser aufpassen.
Ja, das nächste Mal. Aber Sie könnten es, wenn Sie irgendwann Zeit haben, holen.
Wenn ich es nicht vergesse.
Es steht bestimmt noch im Regal. Behalten Sie es nur. Ab jetzt werden Sie es auch brauchen.
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