Die Vögel von Verhovina
10. (Balwinder)
Drei oder vier Tage nach Ostern klopft früh am Morgen Fabritius, der aus der Kutte gesprungene Pfarrer, an mein Fenster und sagt, Polizeikommissarin Karabiberi aus Velky Lukanar warte im Gemeinschaftshaus auf mich. Ich frage, in welcher Angelegenheit, was er mir aber nicht sagt.
Doch dann fügt er noch leise hinzu: Am besten sagst du ihr gar nichts. Unser Leben geht sie doch nichts an, stimmt’s? Egal, was sie fragt, du zuckst nur mit den Schultern.
Die Polizeikommissarin sitzt im Licht der Morgendämmerung allein, den Mantel bis zum Kinn zugeknöpft, in einer Ecke des unwirtlichen Saals hinter einem kleinen Tisch. Sonst ist keine Menschenseele zu sehen, vielleicht hat sie zuvor auch schon mit anderen gesprochen, aber jetzt wartet sie offenbar nur noch auf mich. Als ich bei ihr ankomme und stehenbleibe, grüßt sie mich nicht, sondern fragt gleich, ob mir die Gegenstände, die vor ihr auf dem Tisch liegen, irgendwoher bekannt seien. Ob ich sie jemals gesehen hätte.
Eine eckige schwarze Aktentasche, schlammig, an der Seite eingedellt und zerschlissen, eine große Umhängetasche aus handgewebtem schwarzem Stoff, voller rostbrauner Flecken und ein Paar schwarzer Männerstiefel mit völlig verbrannten Sohlen.
Ich schweige. Die Kommissarin wiederholt die Frage:
Sagen Sie, Adam, aber ganz ehrlich, haben Sie diese Gegenstände schon einmal irgendwo gesehen?
Nein, antworte ich. Ich habe sie noch nie gesehen.
Sicher? Und sicher, dass Sie nicht von irgendjemandem wissen, der sie in letzter Zeit hätte sehen können?
Sicher. Ich verstehe gar nicht, warum Sie mir früh am Morgen solche Fragen stellen.
Damit Sie versuchen, sich an die vergangenen Tage zu erinnern.
Ich glaube, wir denken so ziemlich an denselben Tag.
Einer der vergangenen Tage war zum Beispiel Ostermontag.
Am Ostermontag gegen Mittag hat mich der Wirt Edmund Pochoriles gebeten, Balwinder das Mittagessen zu bringen. Damit beauftragt er sonst immer meine Cousine Danczura, doch sie erträgt neuerdings nicht einmal den Geruch von Speisen, ihr ist ständig übel, um so etwas kann man sie jetzt nicht bitten.
Balwinder geht es nicht gut, seit Jahren sagt er von sich, dass er krank sei, nur um nicht arbeiten zu müssen, er liegt den ganzen Tag im Bett und seit dem Herbst hat er nicht einmal das Haus verlassen. Offenbar bleibt ihm nicht mehr viel Zeit. Er wird am Simulieren sterben.
Pochoriles hat ein großes Herz, deshalb schickt er ihm jeden Tag einen Teller leerer Suppe. Die Suppe ist leer, weil wir zuvor die Möhren, den Gries und die Eiergraupen herausgegessen haben. An diesem Tag bekommt Balwinder Brennnesselsuppe, auch die leer, halbfertig, ungewürzt, denn die großen Nockerln, die saure Sahne zum Binden und die Schaumomelett-Würfel gibt Edmund Pochoriles erst beim Servieren in die Teller von uns vieren. Es ist der Heilige Ostermontag, an dem einige von uns, wie an anderen Festtagen, gemeinsam essen: der Wirt Edmund Pochoriles, meine Cousine Danczura und Fabritius, der aus der Kutte gesprungene Pfarrer. Es ist erst Ostern, aber an dem sonnenbeschienenen Zaun, neben dem Pfad, der zum Lokus führt, sprießen bereits Brennnesseln.
Also bringe ich Balwinder das Mittagessen, stelle es auf den Hocker neben seinem Bett, warte im Stehen darauf, dass er die Suppe auslöffelt. Während er sie schlürft, hängen seine gelblich grauen, dreckigen, verfilzten Strähnen in die Schüssel und er sieht mich mit seinen riesigen Schielaugen argwöhnisch an. Auch heute warte ich ab, dass der Löffel zum letzten Mal gegen die Schüssel schlägt, um sie leer zurückzubringen, doch als ich losgehen will, sehe ich, dass er mir erschöpft zuwinkt. Er bittet mich, noch zu bleiben.
Wir könnten eine Runde Tabla spielen, sagt er.
Ich habe schon vorgestern Tabla mit Ihnen gespielt. Haben Sie das vergessen? Oder wollen Sie ab jetzt jeden Tag spielen? Sie hätten lesen lernen sollen. Ich könnte Ihnen ein paar von den zum Verbrennen bestimmten Büchern bringen, darin gibt es schöne Geschichten. Fräulein Burszen geht es auch nicht gut, aber sie liest. Sogar in mehreren Sprachen.
Ich dachte nur an zwei oder drei Partien. Ich habe gehört, heute ist Feiertag.
Feiertag? Na gut. Das ist etwas anderes.
Ich stelle die Schüssel vor die Tür auf den Boden, um sie nicht zu vergessen und warte, dass Balwinder die Kiste mit den Würfeln und Spielsteinen unter seinem Kopfkissen hervorholt. Ich setze mich an den Rand seines Bettes.
Gut, drei Partien. Drei, nicht mehr.
Wir spielen, doch ich blicke dabei immer wieder aus dem Fenster. Auf der anderen Straßenseite, auf dem Schornstein des Gasthofs Zu den zwei Schnepfen, sitzt schon seit zwei Tagen eine Möwe. Sie ist so groß wie eine Gans und hat einen gebogenen Schnabel wie ein Adler. Die Kinder bewerfen sie mit Steinen, manchmal treffen sie, doch sie rührt sich nicht. Meine Cousine Danczura steht an den Zaun gelehnt da, den Mund halb geöffnet starrt sie auf die Straße, ihr ist bestimmt wieder übel. Ihr Blick wandert über die Straße der Infanteristen, als würde sie auf jemanden warten. Doch über der gepflasterten Straße, die allmählich von Unkraut bewachsen wird, von Sumpfdotterblumen und Primeln, flattern nur die ersten Schmetterlinge des Frühlings.
Balwinder spielt ohne Eile, er lässt die Würfel über eine halbe Minute in der Hand klappern, bevor er sie wirft. Auch die Spielsteine schiebt er nur langsam weiter. Ich lasse ihn gewinnen, damit er nicht mehr als drei Partien spielen will. Gegen Ende der zweiten Runde sagt er plötzlich:
Ich möchte Sie um etwas bitten.
Sagen Sie es ruhig, ich höre.
Ich möchte Sie, mein Herr, freundlich darum bitten, mir einen runterzuholen.
Ich starre ihn an und er starrt blinzelnd zurück.
Ich blicke aus dem Fenster und sage:
Ich dachte, wir spielen Tabla.
Ich passe ja trotzdem auf. Nur so, während des Spiels. Also ich dachte, wir könnten dabei weiterspielen.
Das haben Sie gedacht? Sie sind ein komischer Mensch. Ich zum Beispiel, beschäftige mich gleichzeitig nur mit einer Sache.
Aber trotzdem. Wenn es möglich wäre.
Kommen Sie, Balwinder. Dafür sind Sie doch schon zu alt. Und wenn Ihnen so sehr danach ist, dann machen Sie es sich selbst. Die Partie ist gleich zu Ende. Wir können eigentlich auch schon aufhören. Ich gehe, und Sie machen mit sich, was Sie wollen.
Das ist nicht das Gleiche. Kann man Sie denn zum heiligen Fest nicht einmal darum bitten? Ich habe das Gefühl, mir bleibt nicht mehr viel Zeit, das wäre meine letzte Bitte an Sie.
Das ist gut und schön. Trotzdem nicht. Nein, Balwinder, Feiertag oder nicht, meine Antwort ist nein. Was hat denn Ostern überhaupt mit Ihren geheimen Wünschen zu tun? Ich habe gesagt, nein. Sie wissen, was Sie mögen, ich werde Sie nicht anrühren.
Balwinder beugt sich nach vorn und seufzt.
Ich bin vollkommen erschöpft. Nicht einmal dafür habe ich genug Kraft in der Hand. Stellen Sie sich vor, vorhin, bevor Sie mir das Essen gebracht haben, bin ich eingeschlummert und habe von Zsedu Buba geträumt. Dass wir zusammen waren. Ich will, dass es mir noch ein letztes Mal gut geht. Während der Herr es für mich macht, denke ich an Zsedu Buba.
Nicht Buba, sondern Baba. Zsedu Baba. Sie wissen ja nicht einmal, wie sie heißt. Wenigstens Ihren Namen sollten Sie kennen, wenn Sie schon von ihr träumen.
Gut, dann eben Baba.
Sie und Zsedu Baba? Das höre ich zum ersten Mal. Das wundert mich wirklich, denn soweit ich weiß, hat sie nie für Sie geschwärmt. Sie wissen, was Zsedu Baba und Sie in Ihrem Traum gemacht haben. Streicheln Sie sich ruhig, wie Sie es gewohnt sind. Eins ist sicher, ich rühre Sie nicht an. Außerdem reicht es mir. Ich bleibe auch nicht mehr hier sitzen.
Sie gehen?
Ja. Sie regen mich auf. Und wissen Sie was? Ich an Ihrer Stelle würde einen Pfarrer bitten, mich zu besuchen. Sie hätten da einiges zu erzählen. Sie waren ein schlechter Mensch, Balwinder, und jetzt, am Ende Ihrer Angelegenheiten, kümmern Sie sich auch nur um Ihren Schwanz. Statt einem Pfarrer zu erzählen, was Sie so alles getrieben haben.
Denken Sie, das würde mir mehr helfen?
Nein, er versteht es nicht. Ich lasse ihn lieber. Dabei wäre das sein letzter Wunsch gewesen.
Ostern, gleißendes Licht, wenn der Wind den Schwefelgeruch der Thermalwässer vertreibt, strömt der erwachende Duft der Wiesen in Wellen die Hänge des Paltin hinab. Und von Pochoriles’ Küche strömt der Duft von Brennnesselsuppe.
Zur Mittagszeit kommt Fabritius, der aus der Kutte gesprungene evangelische Pfarrer, ins Zwei Schnepfen und bringt den jungen Diakon mit, der erst vor ein paar Tagen in Jablonska Poljana aufgetaucht ist. Er kam mit einer schwarzen Aktentasche, einem schwarzen Beutel aus handgewebtem Stoff, in dem er wohl seine muffigen, nach Käfer riechenden Sachen aufbewahrte. Er behauptete, Anatol Korkodus habe ihn früher in der Besserungsanstalt ausgewählt und ins Seminar geschickt, damit er als Missionar nach Verhovina kommen würde. Er hat ganz offensichtlich gelogen, denn Anatol Korkodus war Adventist und mied Menschen mit gelben Augen. Eines war sicher: Diesen Kerl hatte niemand hierherholen wollen. Eine Weile stand er beim moosbewachsenen Denkmal der Dreibeinigen Frau herum, dann tauchte er bei Fabritius auf. Ein dünner Mann mit schütterem Bart und großen gelben Augen. Er trägt klobige schwarze Stiefel.
Sie setzen sich an einen Tisch in der Nähe des Tresens. Auf der Jacke des Diakons, in Brusthöhe, leuchtet, als wäre es nur durch den Lichteinfall, groß und silbern der Buchstabe N. Er betrachtet die Flaschen mit den verschiedenen Etiketten im Regal, als fiele es ihm schwer zu entscheiden, was er bestellen soll. Dabei ist in den Flaschen schon seit Langem nur Tee, in verschiedenen Farben. Bei Pochoriles bekommen die Gäste schon seit Jahren nur bitteren rosa Wein, den ihm die fliegenden Händler aus Velky Lukanar in Plastikfässern mitbringen und manchmal, wenn man den Wirt gut bezahlt, schenkt er einem auch etwas von seinem eigenen Pálinka ein. Die alten Weine von der guten Sorte trinkt er nur noch selbst.
Als würde Pochoriles riechen, dass sich im Saal ein Fremder aufhält, kommt er aus der Küche hervor. Er geht um den Tisch herum, an dem der aus der Kutte gesprungene Pfarrer, Fabritius, mit dem Diakon sitzt.
Sie könnten sich ja mal vorstellen, sagt er im Vorbeigehen.
Der Diakon lehnt sich auf seinem Stuhl lässig nach hinten und sagt:
Ich bin Gottes Diener.
Darauf hält Pochoriles plötzlich inne, dreht sich um und spricht Fabritius an:
Du kennst ja vielleicht auch seinen richtigen Namen. Außerdem habe ich heute nur für vier Personen gekocht.
Er sagt, er heiße Kotzofan, erwidert Fabritius leise.
Pochoriles bleibt stehen, verschränkt die Arme vor der Brust.
Kotzofan? Das fängt mit einem K an. Mit einem großen K. Aber ich sehe da auf seiner Jacke ein großes N.
Ein N, an mir? Das habe ich gar nicht bemerkt.
So ist es. N steht für Nikita. Und Nikita ist in unserer Gegend der Name für den Tod. Ich muss sagen, schade, dass Sie das Kochbuch von Eronim Mox nicht gelesen haben. Wenn an einem in Brusthöhe oder über den Schulterblättern ein großes N erscheint, nur schwach, als wäre es aus Vogelfedern oder aus silbernen Schäfchenwolken, dann ist es der letzte Tag im Leben dieser Person.
Der Diakon rutscht unruhig hin und her, hebt abwehrend die Hand, die Finger gespreizt, seine langen, dreckigen Fingernägel vibrieren im Licht.
Aber ich sterbe noch nicht. Ich bin erst siebenundzwanzig Jahre alt.
Ach, das hätte ich gar nicht gedacht, sagt der Wirt kopfschüttelnd und stößt Fabritius in die Rippen. Sag ihm, dass das ein schönes Alter ist. Und wenn du dich noch mit ihm unterhältst, kannst du ihm sagen, dass hier keine Altgläubigen leben, weil alle Lutheraner geworden sind. Sag es ihm, damit er auch weiß, wo er seine Zeit vergeudet.
Ich werde für sie beten und dann kehren sie zu uns zurück, antwortet der Diakon.
Auf einmal duzt Pochoriles ihn:
Kann sein, wer weiß. Aber dann bist du schon längst nicht mehr hier.
Edmund Pochoriles tritt gegen die Schwingtür und verschwindet in der Küche. Nach einer Weile folgt ihm Fabritius. Aus der Küche ist die gedämpfte Stimme des Wirts zu hören.
Nein, ich würde ihm nicht gerne etwas davon geben. Wenn du ihn schon mitgebracht hast, und dich aus einem Grund, den nur du kennst, mit ihm anfreundest, dann könnt ihr ruhig vom Wein der fliegenden Händler aus Velky Lukanar trinken. Ich meine, wenn du wirklich Lust hast, mit ihm hier zu sitzen. Hast du etwa seinen Geruch nicht bemerkt? Man mag gar nicht daran denken, wo er den herhat, seine ganze Kleidung strömt ihn aus. Und seine Haut. Es würde nicht schaden, wenn du auch etwas mehr schnüffeln würdest.
Trotzdem kommt Fabritius schließlich mit vorsichtigen Schritten mit zwei bis zum Rand gefüllten Gläsern Pálinka aus der Küche zurück.
Edmund Pochoriles bleibt in der Küche, ich höre, wie er das Eiweiß fürs Schaumomelett aufschlägt. Wie ich schon gesagt habe, für den Ostermontag kocht er Brennnesselsuppe mit Knoblauch, wozu nur das passt. Wir alle lieben es, können diesen Tag kaum erwarten. Die ersten, zarten Triebe der Brennnessel schmecken am besten.
Die beiden Priester, also Kotzofan, der Diakon und der aus der Kutte gesprungene Pfarrer Fabritius, sitzen an einem Tisch in der Nähe des Tresens und trinken, währenddessen deckt meine Cousine Danczura einen anderen Tisch. Für den Diakon gibt es kein Gedeck.
Danczura bringt die Suppenschüssel aus der Küche, gefolgt von Pochoriles, der serviert und die Nockerln und Schaumomelett-Würfel, die zur Brennnesselsuppe gehören, auf die Teller verteilt und in jeden noch einen großen Löffel mit Knoblauch und Mehl vermischte saure Sahne gibt.
Bevor wir mit dem Essen beginnen, stehe ich auf und gehe zu dem Tisch, an dem der Pfarrer mit dem Diakon sitzt und trinkt. Ich wende mich an den Diakon:
Wie ich sehe, essen Sie nicht zu Mittag. Ich weiß, zum Feiertag ist es nicht üblich, aber es gäbe jetzt trotzdem etwas für Sie zu tun. Gehen Sie bei Balwinder vorbei, wenn Sie Zeit haben. Er will mit Ihnen sprechen. Ihm geht es schlecht, wirklich schlecht.
Balwinder? Wer ist das? Ich glaube, ich kenne ihn noch nicht.
Jetzt können Sie ihn kennenlernen. Er wohnt hier gegenüber, auf dem Hof des öffentlichen Waschhauses. Früher war er das Faktotum der Behörde. Und was seine Religion betrifft, ist er, soweit ich weiß, ein Altgläubiger. Oder etwas in der Art. Er will mit Ihnen sprechen.
Gerade mit mir? Wissen Sie, worüber?
Wie gesagt, ihm geht es schlecht, er ist sehr schwach und will bestimmt sein Gewissen erleichtern. Es handelt sich um einen sehr sündhaften Menschen, und auch wenn heute Feiertag ist, muss man ihn auch verstehen.
Gut, ich gehe hin. Aber wie ich sehe, wissen auch Sie, dass wir an Feiertagen keine Beichte abnehmen.
Der Diakon macht sich, zwar etwas zögerlich, dennoch auf den Weg. Während er sich den schwarzen Mantel überwirft und den runden, spitzen Hut zurechtrückt, sieht er mich mehrmals argwöhnisch an. Schließlich geht er. Ich folge ihm mit meinem Blick, wie er mit dem neblig silbernen großen Buchstaben N auf dem Rücken über die Straße geht, immer langsamer, stehenbleibt, zurückschaut, als wollte er fragen, ob er in die richtige Richtung gehe. Ich lasse ihn nicht aus den Augen, bis er auf dem Hof des öffentlichen Waschhauses verschwindet.
Stumm schlürfen wir Pochoriles’ Brennnesselsuppe, manchmal sehen wir uns zufrieden an, ohne ein Wort zu sagen. Zum Schluss wendet sich der Wirt streng an Fabritius:
Du hast einen Spion aufgenommen. Mach irgendetwas mit ihm, damit ich ihn nie wieder sehe. Das hätte ich nicht von dir gedacht.
Fabritius, das Gesicht dicht über der Suppe, atmet den duftenden Dampf ein und sagt:
Jeden Morgen sage ich ihm, er solle gehen und uns in Ruhe lassen, denn er habe hier nichts zu suchen, heute nicht und auch in Zukunft nicht. Aber er weigert sich. Ein Spion soll er sein, sagst du? Daran habe ich nicht gedacht. Ich werde beten, dass er sobald wie möglich von hier verschwindet.
Am Nachmittag kommen die zwei Schnepfen in den Saal: Zsedu Baba und Brigitta Konuvalov. Früher einmal waren sie beide die Geliebten von Brigadier Anatol Korkodus, doch schließlich verliebten die beiden Frauen sich ineinander. Obwohl sie schon etwas welk sind, stecken sie sich in die weichen Achselhöhlen immer noch duftendes Bohnenkraut oder wohlriechendes Labkraut, tragen in den Haaren aus Schokoladenschachteln ausgeschnittene Kunststoffmargeriten und laufen Arm in Arm umher wie Verlobte. Weiß der Teufel, woher sie Geld haben, aber sie trinken jeden Nachmittag einige Gläser von Pochoriles’ Schlehdornpálinka, während sie am Ecktisch Rummikub spielen, bis die Lampen angeschaltet werden.
Jetzt laden sie mich und Fabritius zu ihrem Tisch ein. Es sei Feiertag, sagen sie, wir sollten zu viert spielen. Zsedu Baba wiederholt mehrmals:
Heute sind Sie unsere Gäste! Bestellen Sie von Pochoriles geheimen Reserven, was Sie wollen.
Fabritius sagt leicht nervös:
Ich bin nicht allein. Wissen Sie, ich habe noch jemanden dabei.
Ach so. Dann sagen wir: Nein, danke. Kommt gar nicht in Frage. Wir haben Sie beide eingeladen, weil heute Feiertag ist. Rummikub kann man sowieso höchstens zu viert spielen.
Pochoriles Vorrat ist allmählich aufgebraucht, außer seinem eigenen Pálinka, den er jedes Jahr brennt, und dem Gesöff in den Plastikfässern hat er nur noch ein paar Dutzend Weinflaschen im Keller. Er sagt, wenn die auch alle sind, schließt er den Laden. Dann zeigt er uns, wo er begraben werden will. Als würde er den Tag erwarten.
Jetzt bleibt Pochoriles an unserem Tisch stehen, dreht eine Runde und wirft einen Blick in jedes Blatt. Er setzt sich nicht, steht an eine Säule gelehnt und verfolgt so das Spiel. Bis plötzlich Diakon Kotzofan zurückkehrt.
Ähm, sagt er. Ich möchte den Herren etwas sagen.
Pochoriles zeigt auf uns, bedeutet ihm, nicht zu stören, weil wir spielen. Er legt den Zeigefinger auf den Mund: Pst, nachher, wenn sie fertig sind.
Es ist aber wichtig!
Ich habe gesagt: Pst!
Aber ich muss den Herren jetzt gleich etwas zeigen. Sie müssen sofort mitkommen. Die Person, die mir hat ausrichten lassen, dass sie mich sprechen will, lebt, glaube ich, nicht mehr.
Balwinder ist bis zum Kinn zugedeckt, seine Stirn glänzt, über seinen Mund, der offen steht, kreisen Osterfliegen. Auf dem Hocker neben dem Bett steht das Tabla-Brett. Stille und der Geruch des toten Menschen.
Pochoriles beugt sich über ihn.
Sie haben ihn schon so gefunden?
Nicht wirklich. Er hat mich noch darum gebeten, eine Partie Tabla mit ihm zu spielen.
Pochoriles sieht sich Balwinders ausgebreitete Arme an, mustert eingehend die Decke, die über der Brust gar keine Falten wirft und so den Eindruck erweckt, als habe man sie auf dem leblosen Körper sorgsam zurechtgezogen, glattgestrichen. Dann schlägt er sie plötzlich zurück. Der graue Unterkörper des leblosen Faktotums ist vollkommen nackt und voller trockener schuppenartiger Flecken.
Sie haben ihn angefasst.
Ich? Ich doch nicht.
Doch, das haben Sie. Ich sehe, was ich sehe.
Er hat mich darum gebeten.
Ach so. Na, kommen Sie, gehen wir.
Im Wirtshaus Zu den zwei Schnepfen gibt es keine Gäste, trotzdem sieht sich Edmund Pochoriles um, bevor er hinter den Tresen geht. Er stellt zwei Schnapsgläser vor sich hin, greift unter den Tresen und holt seinen wohlbehüteten, kostbaren Enzian hervor. Er füllt die Gläser und schiebt eins dem Diakon hin.
Sie sind jetzt wahrscheinlich sehr nervös. Schlucken Sie das schnell hinunter, dann bekommen Sie noch einen. Sie dreckige Schwuchtel. Sie haben es fertiggebracht, unter seine Decke zu greifen.
Ich sage doch, dass er mich darum gebeten hat. Zuerst hat er mich nur darum gebeten, dass wir Tabla spielen und dann wollte er, dass ich etwas mit ihm mache. Damit es ihm ein bisschen gut geht.
Dreckige Schwuchtel, habe ich gesagt! Was zählt das Leben eines Menschen schon für Sie! Wusste ich es doch, vom ersten Augenblick an, was für ein Mensch Sie sind. Sobald ich diesen Käfergeruch an Ihnen gerochen habe. Alle drei Männer, die wir hier sind, ekeln uns vor Ihnen.
Er hat gesagt, ich solle es als seinen letzten Wunsch auffassen.
Klar, die letzte Ölung, was? Nun gut. Ich habe Ihnen noch ein Gläschen versprochen. Sie trinken es aus und dann gehen Sie und packen Ihr Zeug zusammen. Bei Sonnenuntergang sind Sie fort.
Pochoriles will bereits in die Küche gehen, aber der Diakon stellt sich ihm, wie ein bettelndes Kind, voller Hoffnung in den Weg.
Wenn mir deshalb irgendjemand eine Strafe auferlegen wird, möchte ich diese, egal, was es sein sollte, hier, bei Ihnen abbüßen.
Das glaube ich Ihnen. Werden Sie aber nicht. Gehen Sie ruhig zu denen zurück, die Sie fortgejagt haben. Die werden schon wissen, was sie mit Ihnen anfangen sollen. Als erstes werden Sie ihnen alles erzählen.
Der Diakon wendet sich jetzt an Fabritius, der stumm vor dem Tresen steht.
Ich bitte Sie, sagen Sie etwas. Reden Sie mit ihm, damit ich nicht weggehen muss.
Daraufhin sagt Pochoriles:
Herr Fabritius soll mit mir reden? Sie sind ja lustig. Und was soll er mir sagen? Na, gehen Sie. Dieser Junge, und damit deutet er auf mich, begleitet Sie bis zum Rand der Siedlung. Gehen Sie und werfen Sie keinen einzigen Blick zurück.
Kommen Sie, gehen wir, sagt Fabritius leise zu ihm.
Sie machen sich auf den Weg.
Fabritius wohnt in der Nähe. Trotzdem vergeht bestimmt eine Stunde und es dämmert tatsächlich schon, als ich sie erblicke, wie sie langsam zum Gasthof gehen. Der Diakon trägt klobige schwarze Stiefel, über seiner Schulter hängt eine Tasche aus schwarzem handgewebtem Stoff, in der Hand hält er eine schwarze Aktentasche. Als sie beim Gasthof ankommen, klopft ihm Fabritius kräftig auf den Rücken und ich gehe zu ihm.
Wir laufen die Straße der Infanteristen entlang. Der Diakon dreht den Kopf immer wieder zu mir und sieht mich beharrlich an, aber ich tue so, als würde ich es nicht bemerken. Schließlich spricht er mich leise an:
Gibt es hier nicht vielleicht doch einen Ort, wo ich übernachten könnte?
Nein.
Ganz sicher? Aber es wird gleich Nacht.
Gottes Diener fürchtet sich nicht.
Tut er doch.
Das tut mir leid. Seien Sie froh, dass Sie frei sind und gehen können. Sie haben Balwinder umgebracht.
Mit ihren kaputten Fenstern und vollgekritzelten Wänden ist die alte, verlassene Bahnstation das letzte Gebäude in Jablonska Poljana. Darin wohnen nur noch ein paar alte Steinkauze. Das ist der Rand der Siedlung. Bis hierhin musste ich ihn begleiten. Jetzt könnte ich auch umkehren.
Kommen Sie, sage ich zu ihm.
Ich führe ihn zu den mit Unkraut und Disteln bewachsenen Gleisen. Neben der Rampe des Lagers stehen leere Grubenwagen und kaum größere Kipper. Früher, als es den Bergbau noch gab, wurde der taube Steinsand hier in die Breitspurwaggons umgeladen.
Hören Sie, Kotzofan. Sie sehen doch diese kleinen Waggons. Die braucht kein Mensch mehr, Sie können ruhig einen abkoppeln, wenn Sie wollen. Schmierfett finden Sie in einem Eimer hinter dem Gebäude, da gibt es auch einen Spachtel zum Auftragen. Nachdem Sie die Achsen gründlich eingeschmiert haben, setzen Sie sich in den Wagen und da die Bahn eine ordentliche Neigung hat, können Sie damit fast bis Velky Lukanar fahren. Um nicht zu schnell zu werden, müssen Sie bremsen, da haben Sie zwei Möglichkeiten: Entweder Sie stellen sich direkt auf die Achse, noch günstiger ist es aber, die Füße zwischen Rad und Fahrgestell zu stecken und dort zu lassen. Am besten bis zum Schluss, bis Sie am Ende des Hanges ankommen. Dort werden Sie von allein stehenbleiben.
Ich warte, bis er einen kleinen Grubenwagen von den anderen abkoppelt, die Achsen mit Fett einschmiert und hinaufklettert. Zum Reisen ist ein solcher Wagen nicht besonders geeignet, Kotzofan weiß auch nicht so recht, wie er darin Platz nehmen soll. Er hält sich ungeschickt mit beiden Händen fest, während er versucht, die Beine zwischen Rad und Fahrgestell zu stecken. Da sich der Wagen von allein nicht rührt, stoße ich ihn an. Ich stemme mich dagegen und schiebe, bis er endlich quietschend losrollt.
Hör auf! Noch nicht! Bitte, noch nicht!
Was soll das denn? Jetzt duzt er mich auch noch, aber ich muss mich so anstrengen und die Räder quietschen so laut, dass ich ihn kaum höre, nur immer weiter schiebe und schiebe. Ich schiebe den Wagen über die unkrautbewachsenen, verrosteten Weichen, dann im Laufschritt bis zur offenen Bahn, wo der Abhang beginnt. Dort gebe ich ihm noch einen letzten kräftigen Stoß. Nun rollt er schon von selbst. Er wird immer schneller, verschwindet bald wie in einem Tunnel im Nebel des nahenden Abends und um mich herum erklingen, surren und dröhnen die Gleise. Das Blechdach auf dem Bahnhofsgebäude erzittert ebenfalls, ein Ton, der auch später nicht verhallt, und während ich die Straße der Infanteristen entlanggehe, schwebt die Glocke eines Orgelklanges über mir.
Am Abend spielen wir im Gasthof Rummikub. Der Wirt Pochoriles, meine Cousine Danczura, Fabritius, der ehemalige Pfarrer, und ich. Es ist Feiertag, wir trinken mit Quellwasser verlängerten Enzian. Als würde ein Wind aufkommen, pfeift der Orgelklang immer wieder die Fenster entlang. Oder ich bilde es mir nur ein.
Die Polizeikommissarin Karabiberi fragt:
Was war nochmal Ihr Name?
Adam.
Adam, ich frage Sie ein letztes Mal: Haben Sie diese Gegenstände schon einmal gesehen? Wem sie gehört haben, den kann ich Ihnen nicht zeigen.
Die Stiefel mit den verkohlten Sohlen, die nach Käfer riechende Umhängetasche, voller rötlicher Flecken, die zerschlissene, dreckige schwarze Aktentasche. Ich gehe um den Tisch herum, besehe mir die Gegenstände und zucke mit den Schultern.
Und was wäre, wenn ich sie gesehen hätte?
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