Die Vögel von Verhovina
9. (Tierarzt Svantz)
Radoj verstand angeblich ein bisschen Ungarisch, er hatte es noch in Gledin, in der Besserungsanstalt, aufgeschnappt und lesen, zumindest sagte man das, konnte er, mit guter oder schlechter Aussprache, beinahe fließend. So war er an einem Freitagmorgen auf dem Weg zum Hof von Klara Burszen am Berghang, mit einem ungarischen Gedichtband in der Umhängetasche, um ihr vorzulesen. Dem Fräulein hatte die Näherin Aliwanka aus einem triefnass vollgeheulten Taschentuch bereits vor Jahren prophezeit, dass eines Tages ein ungarischer Offizier von jenseits der Berge zu ihr kommen würde, um sie zu heiraten, weshalb sie ihre Ohren bereits im Voraus an die vielen é-s, ő-s und ű-s, diese geheimnisvollen fremden Laute gewöhnen wollte. Adam von der Wasseraufsichtsbrigade war derjenige, der ihr regelmäßig vorlas, doch, wenn er etwas Wichtigeres zu tun oder gerade keine Lust hatte, schickte er Radoj. Der Junge schmuggelte dann – vereinbarungsgemäß am Freitagvormittag – ein beliebiges der zum Feueranzünden oder Heizen bestimmten Bücher aus dem Holzschuppen des öffentlichen Waschhauses, steckte es in seine Tasche, ging zum Hof und las Klara Burszen, Adams Anweisung entsprechend, eine oder zwei Stunden lang, vor, die ihm als Bezahlung einen Holundertee mit Honig kochte und, wenn ihr gerade danach war, sogar Lángos buk.
Radoj lief jetzt gerade am Zaun des Hofs entlang, als er vom unteren Ende des Grundstücks die heisere Stimme des kehlkopfkranken Balwinder, dem Faktotum der Wasseraufsichtsbrigade, hörte.
Er solle sofort umkehren. Der Wirt Edmund Pochoriles bitte ihn inständig, zur Bahnstation zu eilen, wo er auf einer Bank sitzend den Diakon Ambrozi antreffen werde. Radoj solle sich von ihm seine Fahrkarte und Tasche geben lassen, an seiner Stelle nach Nikolina fahren, dort Doc Svantz, den Tierarzt, suchen und sich von ihm so viele von den Forellen, die sie zuvor bestellt hätten, geben lassen, wie er nur tragen könne. Adam von der Brigade, zu der auch Radoj gehörte, wisse davon, er könne beruhigt sein, er fahre mit dessen Erlaubnis. Der Diakon, der die Fische eigentlich mitgebracht hätte, dürfe an dem Tag aus gewissen Gründen nicht reisen, aber die Forellen müssten am nächsten Morgen auf jeden Fall da sein. Das Eis, das der Eismann aus den kalten Bergspalten der Medwaya extra gebracht habe, um den Fisch frisch zu halten, beginne schon zu schmelzen.
Kurz gesagt, Diakon Ambrozi durfte an dem Tag nicht verreisen. Und Radoj, der beim Gastwirt als Gegenleistung für kleinere Tätigkeiten – Holz hacken, Fegen, Spülen – ein bescheidenes Mittagessen bekam, schuldete ihm bereits die Arbeit für den Preis von neun Tellern Suppe. Er musste also gehen. Seine Umhängetasche, die er vor einigen Tagen von der Näherin Aliwanka bekommen hatte, darin der Gedichtband, ließ er an einem Kleiderständer im Wirtshaus hängen, und da von den Berggipfeln buschige Wolken aufzogen und er keine Kopfbedeckung hatte, ließ er sich, bevor er losging, in der Küche noch eine Plastiktüte geben, die er sich über den Kopf ziehen konnte, falls es regnen würde.
Einen Tag zuvor, am frühen Nachmittag, in der Stunde des Todes, wenn in Jablonska Poljana weder Zug noch Bus ankommen, alle schlafen und über den Dächern nur die sulzige Stille der Siedlung wabert, hatte sich am Tresen des Gasthauses Zu den zwei Schnepfen ein Fremder gemeldet, um für zwei Tage ein Zimmer zu mieten, das auf den Platz sah. Er hatte dünne, glatte, nach hinten gekämmte Haare, unter seinem grauen Mantel trug er einen mausgrauen Anzug, der, als sei er für eine andere Statur geschneidert worden, an ihm herunterhing und Falten warf. Mit seinem eingefallenen, fahlen Gesicht und den großen, durchscheinenden, nackten Ohren sah er selbst ein wenig mausartig grau aus. Er trug nur eine schäbige Aktentasche bei sich.
Edmund Pochoriles erzählte, dass er vom ersten Moment an ein merkwürdiges Gefühl hatte: Als wäre diese Person schon einmal bei ihm gewesen. Und als strömte aus ihrer Kleidung, wie früher, der gleiche säuerliche Geruch: wie von jemandem, der den ganzen Tag in einem mit Ölofen beheizten Büro arbeitet. Bevor der Wirt ihm das Anmeldeformular zum Ausfüllen gab, ließ er sich von ihm den Personalausweis geben, um mit einer Lupe den Stempel zu untersuchen, an dem er jedoch nichts auszusetzen fand. Der Mann war Linkshänder und verdeckte beim Schreiben das Anmeldeformular völlig, so sah Pochoriles seine Daten erst, als er ihm das Blatt unterzeichnet hinschob. Er hieß Damasskin Nikolsky und in dem Kästchen zum Beruf stand: bischöflicher Prokurator. Wer weiß, was das bedeuten sollte.
Der Wirt eilte mit der Nachricht zu Fabritius, dem evangelischen Geistlichen. Bei seinem Versuch, den Gast zu beschreiben, sprach er vor lauter Verwirrung viel zu schnell und doch stockend. Obwohl er den Namen noch gar nicht erwähnt hatte, dachte der aus der Kutte gesprungene Pfarrer schon an den früheren Gast, den Prokurator für öffentliche Gesundheit. Dieser hatte die Siedlung schon einmal besucht, als er in einem überdachten Anhänger drei Paar Füchse gebracht und sie auf der Wiese des Paltin freigelassen hatte. Angeblich, um die von der Kaninchenpest befallenen Kaninchen, die sich in der Gegend vermehrt hatten, zu töten. Bald stellte sich heraus, dass die beiden Prokuratoren sich nicht nur ähnelten, sondern auch noch den gleichen Namen trugen.
Der Fremde namens Damasskin Nikolsky stieg in das angemietete Zimmer hinauf, das er gar nicht mehr verließ, auch das Abendessen nahm er dort ein. Höchstens der sich hinter seinem Fenster leicht bewegende Vorhang zeugte davon, dass er manchmal auf den im Licht der Abenddämmerung melancholisch anmutenden Platz hinausblickte, auf die Alten, die bei dem Denkmal der Dreibeinigen Frau Tabla spielten, und auf die mit hängender Zunge hechelnden, traurigen Hunde.
Diese Person, der bischöfliche Prokurator, hatte an diesem Freitagmorgen dem Diakon Ambrozi ausrichten lassen, dass er zu ihm kommen solle. Doch zu dem Zeitpunkt war der gar nicht mehr zu Hause.
Radoj kannte den Diakon gut, er hatte ihn sogar an dem Morgen, etwas früher gesehen, wie er mit seiner riesigen grün-schwarz gestreiften Tasche durch die Schwaden des sich allmählich auflösenden Nebels auf dem Weg zur Bahnstation war. In Jablonska Poljana lebten nur Lutheraner, es gab keinen einzigen Altgläubigen unter ihnen, mit den Leuten aus dem Ort konnte der Diakon also nicht viel anfangen und hatte die Siedlung nur als vorübergehenden Wohnort gewählt. Von hier aus ging er zweimal in der Woche, am Montag und Freitag, zur nahegelegenen Nikolina-Siedlung, um den in Verbannung lebenden Frauen die Beichte abzunehmen und Exerzitien durchzuführen, wie er sagte: Um die der Verdammnis anheimgefallenen Schlampenseelen zu trösten.
Da am Oberlauf der Jablonka jemand vor Jahren das Wasser vergiftet hatte und die Fische ausgestorben waren und sich weiter unten bereits das lauwarme, schwefelig salzige Wasser der Thermalquellen in den Fluss ergoss, ließ sich der Wirt Pochoriles manchmal aus Nikolina Forellen bringen, wo es sich nahe der Mündungen der klaren Bäche noch zu fischen lohnte.
Auf dem Rückweg fuhr erst in den Morgenstunden wieder ein Zug durch Nikolina, weshalb der Diakon den größten Teil der Nacht beim Tierarzt Svantz verbrachte und mit ihm Tabla spielte. Manchmal schlugen sie die Zeit auch tot, indem sie am Ufer des Baches Jablonicka, wo der Arzt wohnte, fischten. Nach solchen Nächten brachte Ambrozi in seiner grün-schwarz gestreiften Tasche Pochoriles für seine Küche fünfzehn bis zwanzig Rotfische, Groppen und Forellen mit. Angeblich führten sie Strom in den Bach und betäubten die Fische so, woraufhin sie sie schließlich mit bloßen Händen aus dem Wasser heben konnten.
Der einzige Zug am Tag, der vor allem aus Güterwagen bestand, in denen Erz und Baumstämme transportiert wurden, und der nur einen dreckigen Großraumwagen mit sich führte, fuhr nicht nach genauem Fahrplan, sondern, sobald man bei den Silos der Halde mit dem Beladen fertig war. Wer verreisen wollte, stieg also am besten bereits am frühen Morgen ein, machte sich auf den Sitzplätzen lang und wartete so ab, dass der Zug losfuhr.
Wie ihm gesagt wurde, traf Radoj den Diakon an der Bahnstation auf einer Bank sitzend an, neben ihm lag die grün-schwarz gestreifte, nach Fisch riechende Tasche. Noch während er auf ihn zuging, ratterte er seinen Spruch herunter, er sei gekommen, um den Diakon abzulösen, da der an dem Tag nicht nach Nikolina fahren dürfe. Ambrozi hörte ihm erstarrt zu, aber als der Junge in seine Nähe kam, sprang er auf.
Haben Sie ihn auch gesehen? Wie sieht er aus? Ist es sicher, dass er mich sucht? Was im Namen von Gottes Schniedel will er?
Radoj grinste und sagte: Beeilen Sie sich, er sieht nach einer wichtigen Person aus. Und er erwartet Sie schon.
Er ließ sich die Fahrkarte geben, nahm ihm die Tasche ab und stieg in den Zug ein.
Ambrozi rief ihm noch hinterher:
Sie sollten aber auch auf sich aufpassen. Vergessen Sie nicht, der Zug hält in Nikolina nicht.
Nikolina war die zweite Station entlang der Jablonka, eine gute halbe Stunde von Jablonska Poljana entfernt. Seitdem das Straflager für Frauen dort eingerichtet worden war, hielt der Zug gar nicht, fuhr an der Station nur langsamer. Doch der Lokomotivführer bremste hier meist so sehr, dass ein Passagier, der aussteigen wollte, von der hinteren Treppe des letzten Waggons auf den mit Unkraut reichlich bewachsenen Bahnsteig springen konnte.
Es war der erste milde Frühlingstag. Das Sonnenlicht flackerte über die dreckigen Wände des Wagens und eine Weile drang sogar durch die geschlossenen Fenster der betörende Duft von Seidelbast, doch später, als der Zug den Gebirgspass verließ, zwischen sanftere Hügel kam und sich allmählich der tiefer gelegenen Siedlung näherte, verfinsterte sich der Himmel und Graupelschauer schlugen gegen die Fenster. Unter den düsteren Wolken tauchten braune Rauchschwaden auf und der Wagen war bald von deren säuerlich scharfem Geruch erfüllt. Als würde man irgendwo Mist verbrennen.
In Nikolina hielt man Tiere, neben den Kühen kümmerten sich die in Verbannung lebenden Frauen um eine kleine Schafherde, um Ziegen und ein paar Schweine. Die Siedlung bestand aus ungefähr einem Dutzend Hütten, einem Pferch, zwei Baracken und vor allem aus Ställen voller dampfenden Dungs, über dem Tal hing Sommer wie Winter Rauch und ein von Muhen und Blöken erfüllter, von Fliegen grauer, dichter Dunst. Nikolina war der Hort von tumbem Vieh und sündigen Frauen. Sündigen Frauen, die ihr ungezügelter Lebenswandel, ihre unstillbare Lust, ihre grenzenlose sündige Lüsternheit hierhergebracht hatten.
Als Radoj in Nikolina ankam, sah es aus, als regnete es schon seit einer Woche, vollkommen durchnässt glänzte alles unter einer grauen Schicht. Der Tierarzt Svantz, ein Mann mit Kugelkopf und breiten Schultern, einem zurechtgetrimmten schwarzen Schnurrbart und einer kleinen Brille mit Drahtrahmen, saß am Bachufer, auf seinem mit Weidenzaun abgegrenzten Hof unter einer Zeltplane und arbeitete in Hemdsärmeln, blutig bis zum Handgelenk.
Da der Pferch voller Tiere war, konnte man nicht hineingehen, also rief ihm Radoj zu, dass er aus Jablonska Poljana komme und ihn im Auftrag des Wirtes Pochoriles wegen der Fische sprechen wolle. Der Tierarzt fuhr mit seiner Arbeit fort, wandte sich jedoch mehrmals um und musterte Radoj mit der Plastiktüte auf dem Kopf. Um den Arzt drängten sich vor Aufregung blökende, meckernde Ziegen und Schafe, die von einer Frau mit breitkrempigem Hut, wie man ihn sonst, jedoch nicht ganz so zerschlissen, an Damen aus der Stadt sah, und in bodenlangem grauem Strickkleid mit einem Stock unter das Messer von Doc Svantz getrieben wurden. Nachdem dieser fertig war, wurde das taumelnde Tier von einem Mädchen, das nur ein kurzes Hemd trug, in den benachbarten Pferch geführt. Der regennasse Viehweg war überall voller Blutspuren.
Es war Frühling, die Zeit des Gelzens. Die Hoden, die er aus dem Hodensack gelöffelt hatte, warf er, ohne hinzusehen, einen nach dem anderen hinter sich, auf die andere Seite des Zauns, wo mit glänzenden Schnurrhaaren dicke Katzen warteten. Ein paar Kugeln, die vom Zaun zurückgeprallt waren, schimmerten im Schlamm. Von den ansehnlicheren behielt Doc Svantz einige für sich, die er in einer kleinen Blechschüssel sammelte. Als er mit allen fertig war, und der Pferch sich geleert hatte, stand er auf, und da bemerkte Radoj, dass der Arzt ein grobgeschnitztes Holzbein hatte. Er war blutig bis zum Ellbogen und wurde von einem grauen Schleier Fliegen umschwärmt. Er musterte Radoj mit düsterer Miene, ohne Eile.
Sag doch noch einmal, wer du bist.
Ich bin Radoj aus Jablonska Poljana. Früher habe ich für den Brigadier gearbeitet, der umgebracht wurde. Jetzt hat mich der Wirt Pochoriles geschickt, um die Fische abzuholen.
Der Diakon konnte nicht kommen?
Nein. Ich bin statt seiner da.
Doc Svantz humpelte über den vom Blut rostfarbenen, schlammigen Hof. Auf dem Weidenzaun hockten bereits einige Katzen und schielten auf die im Schlamm feststeckenden Kugeln. An der Wand war Brennholz gestapelt und in einem anderen Haufen gepresster Dung. In der Ecke des Hofs stand neben einem mit Wasser gefüllten Blechfass die Frau, auf dem Kopf der breitkrempige Hut, sie goss mit einer Schöpfkelle Wasser über die blutigen Arme des Arztes und wischte sie dann mit einem Lappen, der ebenfalls schon recht rostfleckig war, trocken. Währenddessen wandte sich der Arzt mehrmals zu Radoj und musterte ihn.
Was zur Hölle hast du da auf dem Kopf?
Es regnet.
Sicher, dass du nur die Fische abholen willst?
Das habe ich doch gesagt. Der Wirt braucht sie schnell, das Eis, das er extra für die Fische hat aus den Bergen bringen lassen, schmilzt schon. Und der Diakon konnte nicht kommen.
Falls es noch einen anderen Grund gibt, ist es nämlich besser, wenn du es mir gleich sagst. Die Tasche kommt mir bekannt vor, aber über dich weiß ich nichts. Würdest du das nicht verdächtig finden?
Radoj zuckte mit den Schultern. Ich weiß nicht.
Wir leben in seltsamen Zeiten. Irgendetwas um uns ist in Bewegung geraten. Sollte sich später doch noch etwas über dich herausstellen, würde es mich nicht freuen.
Ich soll nur die Fische abholen. Ich hätte auch etwas anderes zu tun gehabt. Außerdem wurde mir gesagt, dass ich Sie, nachdem ich mich vorgestellt habe, einfach nur Doc nennen soll.
Das hat man dir gesagt? Die sind ja lustig. Dann sehen wir uns gegen Abend mal an, ob wir im Wasser etwas finden.
Am Nachmittag band sich Doc Svantz eine Schürze um, würfelte Zwiebeln und hackte Knoblauch, gab alles, zusammen mit etwas Fett, in einen verrußten Messingtopf und stellte ihn an den Rand der Herdplatte. Als die Zwiebeln allmählich glasig wurden, nahm er die Schüssel mit den in blutigem Saft schwimmenden Schafshoden, die er zuvor stundenlang in einer Essig-Salz-Lake mariniert hatte, würzte sie gut mit Pfeffer, goss sie in den Topf, streute etwas Bohnenkraut darüber und deckte es ab.
Wenn man es nur kurz anbraten will, reichen zwei bis drei Minuten. Wenn du aber etwas essen willst, das wirklich gut schmeckt, musst du mit drei bis vier Stunden rechnen, dann sind sie weich, sagte er.
Während das Abendessen fertig wurde, holte Doc Svantz die Holzkassette mit dem Tabla-Spiel, oder, wie man es dort nannte, Sesh Besh. Er öffnete sie und kippte die Spielsteine und Würfel auf den Tisch.
Kennst du es?
Radoj zuckte mit den Schultern.
Sie spielten, dabei trank Doc Svantz Stachelbeerwein. Er bot auch Radoj etwas an, doch der lehnte ab. Ich kenne das, es hat so einen Mäusegeschmack, sagte er.
Der Doktor stand einige Male auf, humpelte bis zum Ofen, warf ein Holzscheit oder ein bis zwei Stück gepressten Dung ins Feuer, goss immer ein wenig Wasser im Topf nach und rührte das Essen um. Er roch nach alter Gummischürze.
Ambrozi konnte also nicht kommen.
Nein.
Ist er krank?
Ist er nicht. Nur bin ich eben diesmal gekommen.
Ja, da waren wir stehengeblieben, das hast du schon gesagt. Und weißt du nicht, warum?
Er hatte keine Zeit. Hatte etwas Wichtigeres zu tun.
Schade. Ich hätte Neuigkeiten für ihn gehabt.
Er war schon auf dem Weg zu Ihnen, aber man hat ihn davon abgebracht.
Wenn du ihn triffst, sag ihm auf jeden Fall, dass vor Kurzem einige Leute hier waren. Madame Karabiberi von der Polizei und noch ein paar andere Personen. Sie haben sich mit den Frauen unterhalten. Den Frauen von der Siedlung. Du weißt, der Diakon hat sie immer besucht, um ihnen die Beichte abzunehmen. Und so.
Gut, ich werde es ihm sagen.
Wer weiß, was die wollten. Vielleicht ist es besser, wenn der Diakon sich freistellen lässt und eine Weile nicht herkommt.
Am Abend regnete es nicht mehr. Sie aßen ein wenig und gingen dann ans Ufer des Baches Jablonicka. Doc Svantz hing eine Taschenlampe um den Hals und er schob eine aus Blech zusammengebaute, stark klappernde Schubkarre durch den Schlamm. Darin lag ein schäbiger, verdreckter kleiner Generator, den er, sobald sie am Ufer ankamen, in Gang brachte, indem er heftig an einer Schnur zerrte. Er zog Drähte heraus, deren Enden er festband oder einfach nur ins Wasser hängen ließ, dann ging er schweigend am Ufer auf und ab. Eine Weile ließ er den Motor laufen, dann schaltete er ihn aus und setzte sich. Er winkte Radoj zu sich. Es waren zwei dicke Pflöcke in den Boden gerammt, darauf lag ein grob gehobeltes Brett, diese Konstruktion diente als Bank. Sie saßen lange da, ohne ein Wort zu sagen. Radoj stand manchmal auf, verließ den Lichtkegel von Doc Svantz’ Taschenlampe und spazierte, wie in einen geschlossenen, intimen kleinen Raum, in die Dunkelheit. Und übergab sich jedes Mal.
Am besten steckst du den Finger in den Hals, dann hast du alles auf einmal los. Du hast nichts gesagt, kein Wort, dass es dir nicht bekommt. Vielleicht hätte es mehr Pfeffer gebraucht.
Ich habe so etwas noch nie gegessen. Aber ich habe es nicht bereut. Mein Brigadier hat gesagt, dass man im Leben alles einmal ausprobieren muss.
Ich habe den Brigadier nicht gekannt.
Man hat ihn abgeholt. Dann ist er auch gestorben, man hat ihn ja umgebracht. Eines Tages haben wir ihn vor dem Haus auf einem Wagen, im Stroh gefunden. Er war schon ganz ausgekühlt.
Na, so etwas. Ich habe den Mann nicht gekannt.
Und ob Sie ihn gekannt haben. Sie wissen genau, um wen es sich handelt. Wollen nur nicht über ihn sprechen.
Sie gingen zurück ins Haus und setzten sich zum Sesh-Besh-Spiel. Im Schein einer Öllampe schoben sie die Spielsteine hin und her.
Vergiss den Namen nicht: Madame Karabiberi von der Polizei. Es reicht, wenn du ihm das sagst. Da wird er schon wissen, was sie im Schilde führen.
Ein schwieriger Name. Es wäre mir ganz recht, wenn Sie ihn noch ein paar Mal wiederholen würden, bevor ich gehe.
Kara-bibe-ri. Damit er weiß, woran er sich halten soll. Einige von den Frauen wurden vor Kurzem verhört. Zehn oder fünfzehn. Es war Madame Karabiberi von der Polizei persönlich. Und jede der Nutten hat ihr das Gleiche gesagt.
Im Ernst? Sie denken, dass der Diakon, wenn ich ihm das sage, wissen wird, was die Frauen gesagt haben?
So ist es. Er wird es ganz genau wissen. Er ist nicht dumm und wird auch wissen, womit er nun zu rechnen hat.
Nach einer Weile gingen sie wieder hinaus, Doc Svantz zündete den Motor und ließ ihn diesmal etwas länger laufen. Danach saßen sie erneut eine Weile schweigend auf der Bank. Als die Zeit gekommen war, zog sich Doc Svantz über den einen Fuß einen Gummistiefel, krempelte die Hose bis über die Knie und watete mit der Werkstattlampe um den Hals ins Wasser. Er musste die Stelle kennen, denn er bewegte sich auch mit dem Holzbein geschickt zwischen den Steinen. Mit der Lampe, die ihm um den Hals hing, beleuchtete er alle Ecken. Zuerst griff er unter den Uferrand, dann tastete er dort, wo das Wasser schneller rauschte, auch die Unterseite der Steine ab. Manchmal richtete er sich auf und hielt einen reglosen Fisch in der Hand. Er betrachtete ihn von allen Seiten und warf ihn dann ans Ufer. Der Fisch war starr, als wäre er gefroren. Das dauerte keine Viertelstunde, da hörte Doc Svantz plötzlich auf, kletterte ans Ufer hinaus und humpelte zu den Fischen. Sie würden kaum ein Viertel der Tasche füllen.
Es gibt nicht mehr, das war ein schwacher Tag. Dabei mögen sie Regen. Und trotzdem waren es heute nur so wenige.
In seinem Holzbein war eine kleine Schublade eingebaut, die er jetzt herauszog. Sie war voll von kleinem mörderischem Werkzeug, Scheren, Skalpellen, spitzen Eisenstücken. Er holte eine lange Nadel heraus und bevor er die Fische in die Tasche warf, stach er jedem in den Kopf. Die meisten waren Forellen, aber es gab auch ein paar mürrische Groppen.
So. Ansonsten kommen sie zu sich und verstehen nicht, was passiert ist. Sie fangen an, sich hin- und herzuwerfen und wollen auf jeden Fall aus der Tasche springen. Auf dem Rückweg hättest du keine ruhige Minute. Sterben ist nicht einfach, und es ist ein Arzt, der dir das sagt.
Sie gingen ins Haus. Doc Svantz goss sich noch etwas Stachelbeerwein ein und trank ihn langsam.
Du hast noch reichlich Zeit, bis der Zug fährt. Wenn du nicht mehr spielen möchtest, kannst du dich gerne hinlegen. Ambrozi hat sich nie zusammenreißen können und ging um diese Zeit noch einmal zu den Frauen.
Er hat sie einfach geweckt?
Doc Svantz blickte in die Dunkelheit hinaus, wo einige Katzenaugen glühten. Der Geruch des vielen Blutes und der Fische hatte sie angelockt.
Diejenige, die der Diakon besuchen wollte, war wach und wartete auf ihn. Er ging auch nachts zu ihnen, um ihnen die Beichte abzunehmen. Du kannst ihm sagen, er solle sich immer vor Augen halten, dass die Frauen alle gegen ihn ausgesagt haben.
Wenn ich es richtig verstehe, ist mit ihm irgendetwas nicht in Ordnung.
Ist es nicht, so wie du sagst. Dafür kann nur er etwas. Er war wie eine Maschine, wenn er einmal in Fahrt war, konnte er nicht aufhören. Du verstehst, was ich meine.
Nein, Doc.
Wirklich nicht? Dann sollst du es erfahren. Der Diakon hat vier Hoden.
Radoj hob den Kopf und stieß auf. Dann stand er plötzlich auf und ging vors Haus. Als er zurückkam, wischte er sich den Mund ab.
So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gehört.
Vier. Findest du nicht, das ist ein bisschen viel?
Vier! Das glaube ich gar nicht. Wissen Sie, man sieht es ihm gar nicht an. Aber er kommt sicherlich irgendwie klar damit.
Also ich weiß nicht. Er hat eine enorme Samenproduktion. Er kann sich nicht zusammenreißen. Dadurch hat er sich das alles eingebrockt.
Soll ich raten? Diese Leute waren also deshalb hier?
Du bist klug. Jemand hat ihn verpfiffen. Hat erzählt, was der im Beichtstuhl so treibt. Denn du musst wissen, die Trennwand war unten herausgesägt worden.
Und ich habe ihn noch für schwul gehalten, ich schwöre, ich habe gedacht, er sei eine Schwuchtel. In Jablonska Poljana sieht der Diakon die Frauen nicht einmal an. Wobei die meisten dort alt und schlaff sind.
Die hier sind auch nicht jung. Aber die Hitze der ständigen Lust, die in ihren Blicken lodert, springt auf einen über und ohne es zu merken, verzehrt man sich schon nach ihnen. Denn die sind immer heiß, immer, das hat Ambrozi gewittert und von da an konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Nun gut, lassen wir das. Wenn du willst, kannst du dich noch ein bisschen hinlegen, bis der Zug kommt.
Ich bin nicht müde.
Du hast das Abendessen erbrochen. Etwas anderes kann ich dir nicht geben. Dann ruh dich jetzt lieber aus, denn du wirst neben dem Zug herrennen müssen. Zum Glück gibt es hier bereits eine Steigung, der Zug ist langsam, sogar ein Kind könnte hinaufspringen. Wirf zuerst die Tasche auf die Treppe und spring dann nach. Und versuch es nur bei der allerletzten Treppe. Damit hinter dir auf keinen Fall Räder sind. Ich werde dich hinbringen.
Währenddessen war durch die geöffnete Tür eine große gelbe Katze hereingekommen und nachdem sie die Tasche beschnuppert und um sie herumgegangen war, legte sie sich daneben. Doc Svantz zeigte mit seinem Holzbein auf sie und sagte:
Das ist Paraszkíva. Sie ist an einem verregneten Tag hier eingezogen. Jemand hat mir mal gesagt, er erkenne sie, sie sei aus Jablonska Poljana ausgerissen. Aber ich denke, sie ist geradewegs aus der Wildnis gekommen. Wenn du dir die Ohren und den Schwanz ansiehst, wirst du mir recht geben. Sie wiegt neuneinhalb Kilo, ich habe sie gewogen. Nebenbei gesagt ist sie ein scheußliches Tier, ein seelenloses Mistvieh. Ich habe sie schon mehrmals fortgejagt, aber das ist ihr egal. Sie tut so, als würde sie es nicht verstehen. Ich kann nichts machen. Ich bin Arzt, mein Eid verpflichtet mich, ich kann ihr nichts antun.
Ist das Ihr Ernst? Paraszkíva, sagen Sie? Ich würde sie eher Charlotte nennen.
Das ist ein Scherz. Wie kommst du denn darauf?
Weil sie so gelblich, rund und weich ist.
Was für ein Blödsinn. Wäre sie nicht etwas für dich? Wenn du willst, schenke ich sie dir. Ich werde ihr im Leben nie verzeihen. Du musst nur einmal vorbeikommen, dann gebe ich sie dir gleich mit. Jetzt kannst du sie nicht mitnehmen, wegen der Fische.
Wie versprochen, brachte Doc Svantz Radoj zu den Bahngleisen. Es war eine klare, mondlose Nacht, unter den Sternen glänzte die regendurchnässte Landschaft pechschwarz. Obwohl er noch weit entfernt war, hörte man ab und an den Zug, manchmal aber auch nur ein Surren, das von den Schienen ausging. Irgendwo, in einem fernen Hain kollerten die Auerhähne. Und dann war in der Nähe plötzlich auch der Amselschlag zu hören. Sie spürten den nahenden Tagesanbruch und trällerten leise in den nackten Kronen des Waldes.
Bei Ihnen gibt es Vögel?
Du stellst ja kluge Fragen. Als ob es bei euch keine gäbe.
Keinen einzigen. Sie sind noch im vorletzten Jahr, vielleicht sogar noch davor, mitten im Sommer alle fortgeflogen. Die hier fliegen auch noch fort, Sie werden schon sehen.
Du kannst ja ganz schön viel Blödsinn erzählen. Also merk dir gut, ich sage es noch einmal: Madame Karabiberi. Ihn, den Diakon, wird sie bestimmt auch aufsuchen.
Radoj neigte den Kopf zur Seite, blinzelte und sagte: Der Diakon ist schlau, wenn er ihnen erzählt, wie viele Eier er hat, haben sie vielleicht Nachsehen mit ihm.
Nie, die nicht. Jetzt ist es an ihm, etwas zu tun. Will er etwa bis zum Ende aller Tage mit vier Hoden leben? Wie ich ihn kenne, würde ihm inzwischen ein einziger reichen.
Ihm sollte nur noch ein einziger bleiben? Sie meinen, er würde sich damit zufriedengeben, wenn ihm nur noch einer bleiben würde?
Ich sehe, du verstehst, wovon ich spreche. Ein einziger, wie du sagst. Oder keiner. Ich könnte ihm helfen. Es wäre höchste Zeit, etwas vorzuweisen, damit sie seine guten Absichten erkennen.
Wie gesagt, ich habe bisher an ihm nichts bemerkt. Und über so etwas kann ich mich auch gar nicht mit ihm unterhalten.
Dabei wirst du es müssen. Er steckt in Schwierigkeiten. Sag ihm, auf mich kann er zählen, ich helfe ihm jederzeit gerne. Du hast es selbst gesehen, ich habe geschickte Hände, arbeite sauber und schnell.
Also ich weiß nicht.
Ein Lichtstrahl streifte plötzlich Doc Svantz’ Gesicht und ließ die Brillengläser aufblitzen.
Du kannst erzählen, was du gesehen hast. Also mich, bei der Arbeit, verstehst du? Für ihn würde ich es aus Gefälligkeit erledigen, kostenlos. Vergiss nicht, ihm das zu sagen.
Radoj rannte neben dem Zug her, zog sich hinauf und stand bereits oben, als Doc Svantz ihm noch einmal hinterherrief:
Und vergiss nicht, irgendwann mal deine Katze abzuholen.
Früh am Morgen, als Radoj ankam, war Zu den zwei Schnepfen, der Gasthof von Edmund Pochoriles, noch geschlossen. Er ging ums Gebäude herum, über den Hof in die Küche. Pochoriles stand vor dem Gasherd und verrührte in einer Schüssel die Zutaten für Eierfladen. Die Durchreiche zum Saal war geöffnet, Radoj erblickte an einem Tisch den Gast namens Damasskin Nikolsky, ihm gegenüber saß Diakon Ambrozi. Sie schwiegen.
Radoj stellte die Tasche mit den Fischen auf einen Stuhl, räusperte sich, nun wandte sich der Wirt ihm zu.
Das hast du gut gemacht. Von nun an werde ich immer dich darum bitten. Und erinnere mich daran, dass ich den Preis von zwei Suppen von deinen Schulden streiche.
In Ordnung.
Ich koche gerade einen Tee für sie, du kannst auch etwas bekommen. Und bist du nicht müde? Wenn du nichts anderes zu tun hast, könntest du dich draußen in der Kammer ein bisschen hinlegen.
Danke. Ich bin auf dem Weg zum Fräulein, um ihr vorzulesen. Ich werde bei ihr eine Kleinigkeit essen.
Radoj ging in den Saal, um seine Umhängetasche mit dem Gedichtband vom Kleiderständer zu holen, wo er sie gelassen hatte, fand sie dort aber nicht vor. An einem der Tische saß der blasse Mann, der wie eine Maus aussah, der bischöfliche Prokurator Damasskin Nikolsky, ihm gegenüber der Diakon Ambrozi. Sie schwiegen mit düsterer, erschöpfter Miene. Beider Gesichter waren so farblos, als hätten sie die ganze Nacht nicht geschlafen.
Radoj ging zurück in die Küche. Er setzte sich auf einen Hocker und beobachtete Pochoriles, wie er mit einer Gabel den Eierfladenteig im heißen Fett verteilte.
Dabei habe ich sie dorthin gehängt. Das Buch, aus dem ich lesen sollte, ist auch darin.
Wer zur Hölle sie wohl weggenommen hat? Pochoriles zuckte nur mit den Schultern. Er blickte durch die Durchreiche in den Saal. Adam hat dieses Märchenbuch von Mox, wenn du nichts anderes findest, dann lass dir das von ihm geben.
Radoj fuhr sich durchs Haar, dann winkte er ab und sagte:
Er meint, da steckt die ganze Weisheit von Verhovina drin, das gibt er mir sowieso nicht.
Ich habe einen Kalender vom letzten Jahr, den kann ich dir geben, wenn du willst.
Ein Buch ist so gut wie das andere. Bücher gibt es auch beim Fräulein. Egal, was ich ihr vorlese, sie versteht es sowieso nicht. Aber um die Tasche tut es mir leid. Sie war aus wasserdichter Plane.
Pochoriles trat an Radoj heran und sagte:
Ich lasse dir von Aliwanka eine andere nähen. Aber sag mal: Hat Doc Ambrozi nichts ausrichten lassen?
Dem Diakon, meinen Sie? Was hätte er ihm denn ausrichten lassen sollen? Es ging doch nur um die Fische, nicht? Hier sind sie, ich habe sie mitgebracht.
Nichts, wirklich gar nichts?
Ich sage doch, und das wissen Sie auch selbst, dass Sie mich nach Nikolina geschickt haben, um die Fische zu holen. Alle, die er gefangen hat, habe ich mitgebracht.
Leicht benommen, leicht taumelnd, ungeschickt hastig machte sich Radoj nun doch auf den Weg. Er ging vorbei an den Gärten, über den verschlungenen Pfad direkt zum Hof von Fräulein Klara Burszen. Unterwegs pflückte er einige Krokusse, knospende Kuhschellen und neben dem Zaun des Hofs fand er sogar noch duftenden Seidelbast. Er schüttelte die Wassertropfen ab. Gleich würde er sich beim Fräulein entschuldigen, denn diesmal war er zu dem üblichen wöchentlichen Vorlesen einen ganzen Tag zu spät gekommen.
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