Die Vögel von Verhovina

Ádám Bodor · Kapitel 5 von 14

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Die Vögel von Verhovina

5. (Aliwanka)

 

Als Brigadier Anatol Korkodus erfuhr, dass Roswitha ihn verlassen hatte, zerriss er sein Hemd, schnitt sich den Bart ab, rasierte sich sogar, um die verbliebenen Bartstoppeln zu entfernen, und holte schließlich das Kochbuch von Eronim Mox hervor, in der Hoffnung, darin eine Erklärung für die Ereignisse zu finden. Denn nur einen kleinen Teil des Kochbuchs machten Anleitungen zur Zubereitung von Speisen aus, den Rezepten der Gerichte aus Wiesen- und Gartenpflanzen folgten meist rätselhafte Geschichten aus Verhovinas ohnehin verschwommener Vergangenheit. Und in diesen verbargen sich für den aufmerksamen Leser kluge Ratschläge für das Verständnis unerwarteter Ereignisse. Immer wenn Anatol Korkodus im Laufe seines Lebens in eine missliche Lage geriet, schloss er sich mit dem Kochbuch im Büro der Wasseraufsichtsbrigade ein, aus dem er Stunden später oder aber auch erst am nächsten Morgen erleichtert wieder heraustrat. Diesmal jedoch, nachdem er kein einziges Märchen gefunden hatte, das ihm eine Erklärung für das hätte liefern können, was geschehen war, wurde ihm bewusst, dass es genau in die Reihe der Ereignisse passte, mit denen jemand versuchte, ihn dazu zu bringen, die Wasseraufsicht, die Brigade aufzugeben und Jablonska Poljana, ja, wohl der gesamten Verhovina für immer den Rücken zu kehren.

Und wenn es sich tatsächlich so verhalten sollte, dann würde er diesem jemand den Gefallen ganz bestimmt nicht tun. Zu allererst würde er die traurigen Tage überstehen. Und dann würde er das Ende der Geschichte abwarten und hierbleiben.

Roswitha war Anatol Korkodus’ Haustierchen gewesen, ein winziges Ding, nur ein Meter sechsunddreißig groß, ein kleines Küken mit blondem Lockenkopf. Der Brigadier verbrachte täglich eine oder gar anderthalb Stunden mit ihr, fütterte sie, kleidete sie, liebkoste sie, brachte ihr abends Tric-Trac-Spielen bei und von Frühling bis Herbst unternahm er in den duftenden Gärten Spaziergänge mit ihr. Das Essen ließen sie sich zwar aus der Garküche bringen, aber wenn Anatol Korkodus dieses als zu fettig, zu fade oder eben zu würzig befand, kochte er selbst: Er bereitete ihr leichte Meldensuppen zu, mit Ahornsirup oder Schwarznessel und Bärlauch abgeschmeckten Grießbrei. An solchen Tagen gingen sie gemeinsam zur Näherin Aliwanka, um von ihr Melde oder Sirup zu holen, oder zur Czervensky-Anlegestelle, um Nesseln und Bärlauch zu pflücken. Bei längeren Spaziergängen nahm er das Mädchen auf die Schultern, umfasste ihre Knöchel, Roswitha hielt sich an seinem struppigen Haar fest, und wenn sie so am Boursin-Hof vorbei zu den Höhen des Paltin gingen, sah man von Weitem nur Roswithas blonden Engelskopf über den Zäunen wippen. Bei der strauchigen, sumpfigen Paltinsky-Wiese sammelten sie Thymian, Steinpilze und vor allem Haselnüsse, und auf dem Heimweg blieben sie stets beim Becken der Thermalquelle Nummer zwei stehen. Hier zeigte ihr Anatol Korkodus den ertrunkenen Frischling und die Lakantuskäfer. Das Wasser der Thermalquelle Nummer zwei wurde wegen der darin enthaltenen Salze nicht genutzt, es brannte, ätzte, blubberte stinkend, alles kam darin um, mit Ausnahme der Lakantuskäfer. Ja, sie waren hier die größte Sehenswürdigkeit: die klirrenden, klingenden Lakantuskäfer, die sich im Zickzack durchs Wasser bewegten. Und natürlich das wundersame Wildschwein, das in der Tiefe der Lösung lag und durch die Kupfersulfate, die sich an seinen Borsten ablagerten, von Jahr zu Jahr blauer wurde.

Damit niemandes Gedanken auf falsche Fährten kommen, muss eines festgehalten werden: Obwohl sie gemeinsam im breiten Ehebett schliefen, hätte Anatol Korkodus Roswitha nicht einmal aus Versehen an ihren empfindlicheren Stellen berührt, beim Ankleiden bewunderte er zwar manchmal ihre kleinen Hügel, die mondartig erhabenen, pfirsichflaumigen Brüste, begnügte sich jedoch wie bei einem Schmuckstück damit, sie zu betrachten. Seine Geliebten waren von normaler Größe. Abends, bevor er zu Zsedu Baba oder Brigitta Konuvalov mit den Spiegelzähnen ging, einer der beiden Schnepfen, oder eben gleich beiden, um eine lustvolle Nacht mit ihnen zu verbringen, brachte er Roswitha zu Bett und las ihr ein Rezept aus dem Kochbuch von Eronim Mox vor. Er las ihr vor, obwohl er wusste, dass Roswitha taub war und kein Wort verstand. Dennoch fand er das Mädchen am nächsten Tag am Herd, wie es in einem Topf mit den Zutaten des in der letzten Lektüre beschriebenen Gerichts rührte. Aus solchen und ähnlichen kleinen Glücksmomenten bestand ihr Leben.

Alles schön und gut, aber irgendetwas musste wohl doch nicht gestimmt haben, wenn Roswitha ihn verlassen hatte.

Das geschah an dem Tag, an dem der Prokurist Damasskin Nikolsky Jablonska Poljana wieder einmal besucht hatte. Obwohl Sonntag war, hatte Anatol Korkodus bereits seit dem frühen Morgen mit einer riesigen Drahtbürste aus einer geöffneten Wasserleitung, aus der das Thermalwasser in die öffentliche Waschanstalt kam, die Salzablagerungen entfernt, als Adam, sein Gehilfe, aufgeregt zu ihm kam und berichtete, dass in Edmund Pochoriles’ Gasthof Zu den zwei Schnepfen ein Fremder Tee trinke, ein grauer Mann mit Eierkopf und glattgekämmten Haaren, derselbe, der schon einmal hier gewesen sei: Damasskin Nikolsky. Er sei mit einem Geländemotorrad gekommen, an das ein als Käfig ausgebauter Anhänger gekoppelt sei, in dem Füchse heulten. Der Brigadier nahm die Nachricht zur Kenntnis, seine Arbeit unterbrach er jedoch nicht. Auch nicht, als der Amtsdiener Balwinder meldete, dass es sich vielmehr um kräftige Schakalfüchse handle, die bereits wild an dem Drahtgitter des Käfigs nagten. Erst später ging er los, um sich die Sache näher anzusehen, als Adam bereits erzählte, dass der Fremde den Gasthof verlassen, sich auf das Geländemotorrad gesetzt habe, auf dem Weg zur Paltinsky-Wiese losgefahren sei, bis der Motor nicht mehr mitgespielt habe, dort sei er abgestiegen, habe die Käfigtür geöffnet und die Füchse freigelassen. Da war es natürlich schon zu spät. Die Füchse – ungefähr sechs an der Zahl – zerstreuten sich schnell. Als Anatol Korkodus auf der Hochebene ankam, um sich anzusehen, was geschehen war, entdeckte er keinen einzigen von ihnen mehr, nur der unverkennbar stechende Geruch ihres Urins verriet, dass sie tatsächlich dagewesen waren.

Auf dem Rückweg traf er die Näherin Aliwanka, die sich vor ihn stellte und sagte:

Korkodus, immer kümmern Sie sich nur um Ihre Gewässer und Berghänge, die wirklich wichtigen Dinge des Lebens scheren Sie gar nicht. Denn während Sie sich an Ihrer Wasserleitung zu schaffen gemacht haben und den Füchsen hinterhergerannt sind, hat Sie Ihr Lieblingstierchen Roswitha für immer verlassen.

Anatol Korkodus fuhr sie an:

Warum lassen Sie mich eigentlich nicht in Frieden? Was soll dieser Blödsinn? Was soll das schon wieder bedeuten?

Der Brigadier Anatol Korkodus glaubte Aliwanka nicht. Die Näherin hatte fortwährend Visionen, sie weissagte zum Vergnügen, prophezeite und verkündete, mal diesem, mal jenem, mal auf Anfrage oder so wie jetzt, als sie den Brigadier einfach anhielt. Die Zukunft las sie vor allem aus Wasser und Regen, aus Tau, Reif oder Eisblumen. Oder aus den wirbelnden Strudeln des Flusses, der Feuchtigkeit, die sich an Fenstern niederschlug, aus den vorbeiziehenden Wolken. Und wenn es sich um einen geliebten Angehörigen in der Ferne handelte, bei dem einen Gedanken der Verunsicherung überkamen, tat es auch eine Träne, Speichel, ein wenig Schweiß oder der Dunst des verdampfenden Atems. In diesem Fall war es Letzterer, der Aliwanka dazu brachte, sich zu äußern.

Was soll das schon wieder bedeuten?, wiederholte Anatol Korkodus seine Frage in einem entschlosseneren Ton. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass Sie mich mit Ihren Hirngespinsten verschonen sollen.

Aliwanka ließ sich jedoch nicht beirren:

Roswitha hat Sie für immer verlassen, Korkodus. Unterpräfektin Vaneliza hat sie entführt, denn die beiden lieben sich. Sie haben sich jeweils eine Wasserflasche unter den Arm geklemmt und sind inzwischen über alle Berge. Auf dem Weg nach Norwegen. Besser, Sie denken nicht mehr an sie.

Lächerlich. Anatol Korkodus blickte Aliwanka tief in die Augen und klopfte sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. Dann bewegte er die Handfläche schnell vor der Stirn hin und her, winkte schließlich ab und ließ sie stehen.

Das geschah am Sonntag, in den Mittagsstunden. Auf dem Heimweg kehrte Anatol Korkodus noch in Edmund Pochoriles’ Gasthof ein und trank am Schanktresen im Stehen einen mit Wasser reichlich verdünnten Enzian. Dann ging er nach Hause, erst in sein Büro, das durch eine dünne Wand und eine Tür vom restlichen Teil der Wohnung getrennt war, um den Tag festzuhalten, an dem der Fremde mit den glattgekämmten Haaren in Jablonska Poljana gewesen war und auf der Paltinsky-Wiese Füchse freigelassen hatte.

Als er so, ein wenig ermattet, im Büro saß, wurde ihm die Sache doch verdächtig. Denn anders klingt die Stille, wenn jemand in ihr ist und anders, wenn sich niemand zwischen den Wänden aufhält, wenn selbst der Atem mit einem Echo von diesen öden Wänden zurückprallt, da es kein menschliches Wesen gibt, auf dessen Seele er treffen könnte.

Sollte Aliwanka dieses eine Mal die Wahrheit gesprochen haben?

Als er von seinem Tisch aufstand und die Tür öffnete, um ins Zimmer zu gehen, schlug ihm mit dem metallenen Geruch der Leere ein grimmig kalter Luftzug entgegen. Keine Spur vom Duft des Mittagessens, dabei war die Garküche sonntags geschlossen, und da kochte Roswitha sonst doch Klettenwurzelsuppe und buk für sie beide Ofenkartoffeln in der Schale. Statt dass der Topfdeckel über den heißen Dämpfen von Waldkräutern, Meerrettichblättern, Wiesensauerampfer und Lauchzwiebeln gezittert hätte, tropfte in der Küche jetzt nur eintönig Wasser aus dem Hahn, als Zeichen des Vergehens der Zeit, und über dem Tisch mit der Wachstuchdecke spukte lediglich der schale Knoblauchgeruch des letzten Abendessens. Das Haus war so leer, als hätten sogar die Zeichnungen, die Fotografien, die Statistiken von der Wand gefehlt, die Blumen aus den Vasen, vielleicht sogar die Luft vor seiner Nase, dabei war alles an seinem Platz. Außer einer Sache. Einer Person.

Im Bett, wo Roswitha am Morgen, als Anatol Korkodus das Haus verlassen hatte, in süßem Traum gelegen hatte, fand er nur noch ihren Kopfabdruck auf dem Kissen. Dieses Kissen nahm auch später nie wieder seine ursprüngliche Gestalt an. Das war das ungeheuerlichste Zeichen dafür, dass jemand von dort für immer verschwunden war.

Aliwanka hatte die Wahrheit gesprochen.

Da riss sich Anatol Korkodus mit einer einzigen Bewegung das Hemd vom Leib, trat wütend nach den herumfliegenden Knöpfen und stampfte sie mit der Ferse in den Teppich. Er öffnete das Fenster, spuckte hinaus, fuhr sich durchs Haar. Dann stutzte er sich, damit es schmerzte, mit einer Gartenschere den Bart. Das reichte ihm noch nicht, er holte das Rasiermesser hervor und rasierte sich, wobei er sich das Gesicht nur mit etwas Wasser benetzte. Da fiel ihm nichts mehr ein, so blieb er vor dem Spiegel stehen und starrte sein von Blutstreifen durchzogenes, plötzlich gealtertes nacktes Gesicht an. Die Ohnmacht legte sich langsam, er erschlaffte und kam allmählich wieder zu sich.

Norwegen. Nun war also etwas zweifellos zu Ende. Aber vielleicht noch nicht alles.

Wie so oft schon, holte er das Kochbuch von Eronim Mox hervor. Nachdem er vergeblich darin geblättert hatte, da er keine Geschichte fand, die ihm in seinem Schmerz Linderung oder Trost hätte verschaffen können, verlor er sich nach einer Weile im Dickicht der Rezepte. Ihm war, als gäbe es irgendwo ein kurzes Kapitel, das er bisher stets selbstsicher übersprungen hatte, schonende Eintopfgerichte für lange, betrübte Tage, so oder so ähnlich lautete der Titel. Dieses suchte er nun.

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