Die Vögel von Verhovina
3. (Nika Karanika)
Am Morgen von Christi Himmelfahrt, nach dem Religionsunterricht, wählte Pfarrer Lorenz Fabritius sieben Schülerinnen aus, die er auf die Wiese des Paltin schickte, um für das Fest am Nachmittag Margeriten zu pflücken, Federnelken und Kornblumen, jede von jeder Blume einen Strauß. Es waren die beiden Nyegrutz-Mädchen, die beiden Töchter des Ehepaars Augustin und die drei Gleznár-Cousinen, die acht, neun und elf Jahre alt waren. Alle kamen sie um, als am Nachmittag in die Waldkapelle der Heiligen Vaneliza, die provozierend einsam auf dem Feld stand, der Blitz einschlug.
Der Medardustag fiel in diesem Jahr auf Pfingsten, doch über den Medwaya-Bergen waren die ersten düsteren Wolken bereits eine Woche zuvor angekommen. Zunächst trieben sie nur an den Gipfeln vorbei, doch an diesem Donnerstag stießen sie aufeinander und zogen zornig grollend in Richtung Jablonska Poljana los.
Als die Kinder sahen, dass das Tal plötzlich in einem dunklen Dämmerlicht versank, das von baumstammdicken Blitzen zerrissen wurde, aus denen grell leuchtende Arme abzweigten und Feuerkugeln über die Hänge des Paltin rollten, ganz bis zu den ersten Steinzäunen, wo sie mit einem ohrenbetäubenden Heulen explodierten, suchten sie in der verfallenen Waldkapelle Schutz, deren Dach fehlte, im Grunde standen nur noch die Wände. Dort wurden sie vom Blitz getroffen.
Unten in der Siedlung ahnten viele, dass etwas Schlimmes passiert war, die Felder strömten den unheilverheißenden Schierlingsgeruch des Hagelschlags aus, also eilten bereits mehrere zur Waldkapelle, während es noch regnete. Die Gleznárs waren da, die Nyegrutz-Eltern, einige andere besorgte Leute und die Pflegerin Nika Karanika.
Augustin und seine Frau kamen etwas später. Sie waren tüchtige Schlosser, auch Klempnerarbeiten nahmen nur sie an, auch die Frau, wegen irgendwelchen Gerüchten hätten sie ihre Arbeit nie unterbrochen. Sie störte auch nicht, dass aus ihrem Gemüsebeet der starke Duft der von Hagel geschlagenen Zwiebeln, Petersilie, Dill und Pfefferkraut in den Keller strömte, wo sie das Eisen bearbeiteten. Zuerst wollten sie gar nicht hinausgehen, sie schickten Adam hinaus, sich umzusehen, den Gelegenheitsgehilfen, der früher aus der Besserungsanstalt gekommen war und den Anatol Korkodus ihnen für zwei Wochen ausgeliehen hatte, damit er ihnen half, eine dringende Dachdeckerarbeit vorzubereiten. Sie rannten, ja, stürzten erst hinaus, als der Gehilfe mit der Nachricht zurückkam, dass alle Kinder reglos am Boden lägen und über ihnen in der Luft, wie ein Grabtuch, eine eisige Dunstwolke hänge. Und dabei hatte zu dem Zeitpunkt noch niemand die Kinder von Nahem ansehen können.
Durch das Fenster hatten sie zwar die auf dem Steinboden, zwischen den Margeriten- und Kornblumensträußen reglos liegenden Kinder gesehen, doch eine ganze Weile konnten sie nicht in deren Nähe gehen. Das kleine Kreuz an der Spitze des Giebels war geschmolzen, rann über die Wände hinunter und tropfte auf die Treppe vor dem Eingang. Auch die Klinke und das Schloss in der Eichentür waren geschmolzen, an deren Stelle steckte nun eine große Eisenkugel in der Tür. Diese musste, nachdem selbst das Schlosserehepaar Augustin sie nicht hatte öffnen können, mit spitzen Steinen aufgebrochen werden.
Die sieben Kinder lagen auf dem Boden, man sah von Weitem, dass sie leblos waren. Um die dünnen kleinen Körper rannten bereits Käfer herum, Totengräber. Falls vor ihren halb geöffneten Mündern noch die eine oder andere kleine weiße Dunstwolke schwebte, konnte das nur die entweichende Seele sein, denn drinnen, hinter den blutlosen Lippen lag bereits die ewige Nacht des Jenseits.
Die Pflegerin Nika Karanika ging um die toten Kinder herum, beugte sich schließlich über sie und berührte, wie eine Leichenbeschauerin, die Stirn eines jeden. Dabei fiel auf die Stirn zweier Mädchen jeweils ein Tränentropfen – das eine war eine Tochter des Ehepaars Nyegrutz, das andere eine Tochter der Gleznárs – diese durchfuhr nach einer Weile ein leichtes Zucken, sie holten plötzlich tief Luft und bewegten sich, ächzten leise und setzten sich auf, während die anderen, darunter auch die beiden Töchter des Ehepaars Augustin, liegen blieben.
Augustin drängte auf sie ein fortzufahren, doch Nika Karanika verstand nicht, was er wollte.
Die Tränen? Schon möglich, aber sie hatte nur diese beiden Tropfen.
Das Nyegrutz-Mädchen brachte man zusammen mit dem Gleznár-Mädchen zur Beobachtung ins Spitalhaus und die beiden Töchter der Augustins, die zwei anderen Kinder der Gleznárs und das andere Nyegrutz-Mädchen in die Leichenhalle.
Am Nachmittag, als das Unwetter vorbei war, ließ der Brigadier Anatol Korkodus, auf Drängen des ehrenamtlichen Schutzmanns Hamilcar Nikonuk, Nika Karanika ins Gemeinschaftshaus kommen.
Man sagt, Sie haben zwei wiederauferstehen lassen. Wie zur Hölle haben Sie das gemacht?
Nika Karanika zuckte mit den Schultern. Sie antwortete nicht, blickte aus dem Fenster.
Warum wollten Sie die anderen nicht wiedererwecken?
Sie blickte weiterhin nur hinaus, zuckte noch einmal mit den Schultern, als wollte sie sagen: Offenbar sei das alles gewesen, wozu sie fähig war, niemand sei perfekt.
Anatol Korkodus entließ sie mit den Worten:
So etwas darf bei mir nur einmal vorkommen. Versprechen Sie, dass Sie das nie wieder tun.
Nika Karanika verstand vielleicht gar nicht, was man sie fragte und wozu. Auf jeden Fall wurde sie in der Nacht von hinten mit einem Messer angegriffen. Das geschah auf dem Hof, zwischen dem Lokus und dem Spitalhaus, in völliger Dunkelheit, weil es nach der Reihe von Blitzeinschlägen in ganz Verhovina keinen Strom gab. Die Klinge verursachte keine tiefe Wunde, sie rutschte an den Rippen ab und die Spitze brach vielleicht sogar ab und blieb in Nika Karanikas Körper stecken. Sie taumelte zurück in ihr Zimmer, strich die ganze Nacht über immer wieder mit einem Holzlöffel Honig auf die Wunde, weshalb sie am nächsten Morgen sogar schon aufstehen konnte. Als es wieder Strom gab, hinkte sie ins Krankenzimmer, um nach den Kindern zu sehen, zu schauen, wie ihre Nacht gewesen war.
Doch lebten diese zu dem Zeitpunkt wieder nicht mehr. Ihre Körper waren mit Draht umwickelt, an den Knöcheln und am Hals, und das andere Ende hatte man in die Steckdose geführt. Derjenige, der das getan hatte, wusste, was er tat und wie er es anzustellen hatte.
Jeden Freitagmorgen, kaufe ich, bevor ich zu Fräulein Klara Burszen gehe, für Nika Karanika bei Nyegrutz einen Lángos mit saurer Sahne und da es in Jablonska Poljana keine Vögel mehr gibt, die davon kosten würden, klopfe ich nur an die Fensterscheibe und lasse ihn auf dem Fensterbrett liegen. Wenn ich sie manchmal zu sehen bekomme oder durch den Fensterspalt ihren Duft einatmen kann, macht es mich glücklich, aber wenn nicht, gehe ich einfach weiter.
Während ich an diesem Morgen die dicken Blutstropfen auf ihrer Treppe entdeckte und darauf achtete, auf keinen zu treten, wartete sie bereits hinter dem geöffneten Fenster auf mich und unterhielt sich dann kurz mit mir.
Sie sagte, offenbar sei schon die Tatsache, dass man überhaupt existierte, Grund genug, um sich nächtlichen Angriffen ausgeliefert zu sehen. Doch würde man sie vergebens ausfragen wollen, sie wisse nichts, nachdem man sie in den Rücken gestochen habe, sei sie die ganze Nacht über damit beschäftigt gewesen, ihre Wunde einzuschmieren. Aber eines gebe es doch, worauf sie schwören könnte, nämlich, dass in dem Krankenzimmer, um die Betten der beiden toten Kinder, ein schwerer Metallgeruch in der Luft gelegen habe, wie in Räumen, in denen man Eisen bearbeite. Ein solcher Geruch setze sich in der Kleidung, ja, sogar in der Haut fest. Egal, wohin die Person gehe, überall hinterlasse sie ihre Spuren, die erst verschwinden, wenn sie von einem Luftzug fortgeweht würden.
Es war nicht gerade schwierig zu erraten, wen sie wohl meinte.
Als mich Anatol Korkodus, vor sich das Märchenbuch von Eronim Mox und ein Blatt Papier voller Namen, dann bat, zu tippen, wer es sein sollte, auf den wir, aufgrund schwerwiegender Gründe den Verdacht lenken würden, sagte ich also ohne zu zögern, dass er sich gar keine weiteren Mühen machen sollte: Es war das Ehepaar Augustin.
Er nickte, als hätte er genau diese Antwort erwartet. Nun, dann wehe ihnen.
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