Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski
Realismus und Phantastik
alle, keiner darf keines Richter sein, jeder nur Bruder dem Bruder. Im Kosmos
Dostojewskis gibt es darum keine endgültig Verworfenen, keine „Bösewichter“,
keine Hölle und keinen untersten Kreis wie bei Dante, aus denen selbst Christus
die Verurteilten nicht zu erheben vermag. Er kennt nur Purgatorien und weiß,
daß der irrhandelnde Mensch noch immer mehr der seelisch Glühende ist und
näher dem wahren Menschen als die Stolzen, die Kalten und Korrekten, in deren
Brust er erfroren ist zu bürgerlicher Gesetzmäßigkeit. Seine wahren Menschen
haben gelitten, haben darum Ehrfurcht vor dem Leiden und damit das letzte
Geheimnis der Erde. Wer leidet, ist durch Mitleid schon Bruder, und allen seinen
Menschen ist, weil sie nur auf den innern Menschen, auf den Bruder blicken, das
Grauen fremd. Sie besitzen die erhabene Fähigkeit, die er einmal die typisch
russische nennt, nicht lange hassen zu können, und darum eine unbegrenzte
Verstehensfähigkeit alles Irdischen. Noch hadern sie oft mitsammen, noch
quälen 151 sie sich, weil sie sich ihrer eigenen Liebe schämen, weil sie die
eigene Demut für eine Schwäche halten und noch nicht ahnen, daß sie die
furchtbarste Kraft der Menschheit ist. Aber ihre innere Stimme weiß immer
schon um die Wahrheit. Während sie einander mit Worten schmähen und
befeinden, blicken die inneren Augen sich längst selig verstehend an, Lippe küßt
leidvoll den Brudermund. Der nackte, der ewige Mensch in ihnen hat sich
erkannt, und dies Mysterium der Allversöhnung in der brüderlichen Erkennung,
dieser orphische Gesang der Seelen, ist die lyrische Musik in Dostojewskis
dunklem Werk.
REALISMUS UND PHANTASTIK
„Was kann für mich phantastischer sein als die Wirklichkeit?“
Dostojewski
Wahrheit, die unmittelbare Wirklichkeit seines begrenzten Seins sucht der
Mensch bei Dostojewski: Wahrheit, die unmittelbare Wesenheit des Alls der
Künstler Dostojewski selbst. Er ist Realist und ist es so konsequent – immer geht
er ja an die äußerste Grenze, wo die Formen ihrem Widerspiel: dem Gegensatz
so geheimnisvoll ähnlich werden –, daß diese Wirklichkeit jeden an das
Mittelmaß gewöhnten täglichen Blick phantastisch anmutet. „Ich liebe den
Realismus bis dorthin, wo er an das Phantastische reicht,“ sagt er selbst, „denn
was kann für mich phantastischer und unerwarteter, ja unwahrscheinlicher sein
als die Wirklichkeit?“ Die Wahrheit – dies entdeckt man bei keinem Künstler
zwingender als bei Dostojewski – steht nicht hinter, sondern gleichsam gegen die Wahrscheinlichkeit. Sie ist über die Sehschärfe des gemeinen, des psychologisch
152 unbewehrten Blickes hinaus: wie im Wassertropfen das unbewaffnete
Auge noch klare spiegelnde Einheit, das Mikroskop aber wimmelnde Vielfalt,
myriadenhaftes Chaos von Infusorien schaut, eine Welt, wo jene nur eine
Einzelform bemerkten, so erkennt der Künstler mit dem höheren Realismus
Wahrheiten, die widersinnig scheinen gegen die offenbaren.
Diese höhere oder diese tiefere Wahrheit zu erkennen, die gleichsam tief
unter der Haut der Dinge liegt und schon nah dem Herzpunkt aller Existenz, war
Dostojewskis Leidenschaft. Er will gleichzeitig den Menschen als Einheit und
Vielfalt, im Freiblick und im geschärften gleich wahr erkennen, und darum ist
sein visionärer und wissender Realismus, der die Kraft eines Mikroskops und die
Leuchtstärke des Hellsehers vereinigt, wie durch eine Mauer geschieden von
dem, was die Franzosen als erste Wirklichkeitskunst und Naturalismus
benannten. Denn obzwar Dostojewski in seinen Analysen exakter ist und weiter
geht als irgendeiner von denen, die sich „konsequente Naturalisten“ nannten
(womit sie meinten, daß sie bis an das Ende gingen, während Dostojewski jedes
Ende noch überschreitet), ist seine Psychologie gleichsam aus einer anderen
Sphäre des schöpferischen Geistes. Der exakte Naturalismus von anno Zola
kommt geradeswegs aus der Wissenschaft her. Umgestülpte
Experimentalpsychologie, ist er irgendwie an Fleiß und Schweiß, an Studium
und Erfahrung gebunden: Flaubert destilliert in der Retorte seines Gehirns 2000
Bücher aus der Pariser Nationalbibliothek, um das Naturkolorit der „Tentation“
oder der „Salambo“ zu finden, Zola läuft drei Monate, ehe er seine Romane
schreibt, wie ein Reporter mit dem Notizbuch auf die Börse, in die Warenhäuser
und Ateliers, um Modelle abzuzeichnen, 153 Tatsachen einzufangen. Die
Wirklichkeit ist diesen Weltabzeichnern eine kalte, berechenbare, offenliegende
Substanz. Sie sehen alle Dinge mit dem wachen, wägenden, tarierenden Blick
des Photographen. Sie sammeln, ordnen, mischen und destillieren, kühle
Wissenschaftler der Kunst, die einzelnen Elemente des Lebens, und betreiben
eine Art Chemie der Bindung und Lösung.
Dostojewskis künstlerischer Beobachtungsprozeß dagegen ist vom
Dämonischen nicht abzulösen. Ist Wissenschaft jenen anderen Kunst, so ist die
seine Schwarzkunst. Er treibt nicht experimentelle Chemie, sondern Alchimie
der Wirklichkeit, nicht Astronomie, sondern Astrologie der Seele. Er ist kein
kühler Forscher. Als heißer Halluzinant starrt er nieder in die Tiefe des Lebens
wie in einen dämonischen Angsttraum. Aber doch, seine sprunghafte Vision ist
vollkommener als jener geordnete Betrachtung. Er sammelt nicht, und hat doch
alles. Er berechnet nicht, und doch ist sein Maß unfehlbar. Seine Diagnosen, die
hellseherischen, fassen im Fieber der Erscheinung den geheimnisvollen Ursprung, ohne den Puls der Dinge nur anzutasten. Etwas von hellsichtiger
Traumerkenntnis ist in seinem Wissen, etwas von Magie in seiner Kunst.
Zauberisch durchdringt er die Rinde des Lebens und saugt von seinen süßen,
quellenden Säften. Immer kommt sein Blick nur aus der eigenen Tiefe seines
freilich allwissenden Seins, aus dem Mark und Nerv dämonischer Natur und
übertrifft doch an Wahrhaftigkeit, an Realität, alle Realisten. Mystisch erkennt er
alles von innen. Ein Zeichen bloß, und schon faßt er faustisch die Welt. Ein
Blick, und schon wird er zum Bild. Er braucht nicht viel zu zeichnen, nicht die
Kärrnerarbeit des Details zu leisten. Er zeichnet mit Magie. Man besinne einmal
die großen Gestalten dieses 154 Realisten: Raskolnikoff, Aljoscha und Fedor
Karamasoff, Myschkin, sie, die uns allen so ungeheuer gegenständlich sind im
Gefühl. Wo schildert er sie? In drei Zeilen vielleicht umreißt er ihr Antlitz mit
einer Art zeichnerischer Kurzschrift. Er sagt von ihnen gleichsam nur ein
Merkwort, umschreibt ihr Gesicht mit vier oder fünf schlichten Sätzen, und das
ist alles. Das Alter, der Beruf, der Stand, die Kleidung, die Haarfarbe, die
Physiognomik, all das scheinbar so Wesentliche der Personenbeschreibung ist in
bloß stenographischer Kürze festgehalten. Und doch, wie glüht jede dieser
Figuren uns im Blut. Man vergleiche nun mit diesem magischen Realismus die
exakte Schilderung eines konsequenten Naturalisten. Zola nimmt, ehe er zu
arbeiten anfängt, ein ganzes Bordereau von seinen Figuren auf, er verfaßt (man
kann sie heute noch nachsehen, diese merkwürdigen Dokumente) einen
regelrechten Steckbrief, einen Passierschein für jeden Menschen, der die
Schwelle des Romanes übertritt. Er mißt ihn ab, wieviel Zentimeter er hoch ist,
notiert, wieviel Zähne ihm fehlen, er zählt die Warzen auf seinen Wangen,
streicht den Bart nach, ob er rauh oder zart ist, greift jeden Pickel auf der Haut
ab, tastet die Fingernägel nach, er weiß die Stimme, den Atem seiner Menschen,
er verfolgt ihr Blut, Erbschaft und Belastung, schlägt sich ihr Konto auf in der
Bank, um ihre Einnahmen zu wissen. Er mißt, was man von außen überhaupt nur
messen kann. Und doch, kaum daß die Gestalten in Bewegung geraten,
verflüchtigt sich die Einheit der Vision, das künstliche Mosaik zerbricht in seine
tausend Scherben. Es bleibt ein seelisches Ungefähr, kein lebendiger Mensch.
Hier ist nun der Fehler jener Kunst: die französischen Naturalisten schildern
exakt die Menschen zu Anfang des 155 Romanes in ihrer Ruhe, gleichsam in
ihrem seelischen Schlaf: ihre Bilder sind darum bloß von der nutzlosen Treue der
Totenmasken. Man sieht den Toten, die Figur, nicht das Leben darin. Aber genau
wo jener Naturalismus endet, beginnt erst der unheimlich große Naturalismus
Dostojewskis. Seine Menschen werden plastisch erst in der Erregtheit, in der
Leidenschaft, im gesteigerten Zustand. Während jene versuchen, die Seele durch
den Körper darzustellen, bildet er den Körper durch die Seele: erst wenn die Leidenschaft seinen Menschen die Züge strafft und spannt, das Auge sich
feuchtet im Gefühl, wenn die Maske der bürgerlichen Stille, die Seelenstarre,
von ihnen abfällt, wird sein Bild erst bildhaft. Erst wenn seine Menschen glühen,
tritt Dostojewski, der Visionär, an das Werk, sie zu formen.
Absichtlich sind also und nicht zufällig bei Dostojewski die anfänglich
dunkeln und ein wenig schattenhaften Konturen der ersten Schilderung. In seine
Romane tritt man ein wie in ein dunkles Zimmer. Man sieht nur Umrisse, hört
undeutliche Stimmen, ohne recht zu fühlen, wem sie zugehören. Erst allmählich
gewöhnt sich, schärft sich das Auge: wie auf den Rembrandtschen Gemälden
beginnt aus einer tiefen Dämmerung das feine seelische Fluidum in den
Menschen zu strahlen. Erst wenn sie in die Leidenschaft geraten, treten sie ins
Licht. Bei Dostojewski muß der Mensch immer erst glühen, um sichtbar zu
werden, seine Nerven müssen gespannt sein bis zum Zerreißen, um zu klingen:
„Um eine Seele formt sich bei ihm nur der Körper, um eine Leidenschaft nur das
Bild.“ Jetzt erst, da sie gleichsam angeheizt sind, da in ihnen der merkwürdige
Fieberzustand beginnt – alle Menschen Dostojewskis sind ja wandelnde
Fieberzustände –, setzt sein dämonischer 156 Realismus ein, beginnt jene
zauberische Jagd nach den Einzelheiten, jetzt erst schleicht er der kleinsten
Bewegung nach, gräbt das Lächeln aus, kriecht in die krummen Fuchslöcher der
verworrenen Gefühle, folgt jeder Fußspur ihrer Gedanken bis in das
Schattenreich des Unbewußten. Jede Bewegung zeichnet sich plastisch ab, jeder
Gedanke wird kristallen klar, und je mehr sich die gejagten Seelen ins
Dramatische verstricken, um so mehr glühen sie von innen, um so durchsichtiger
wird ihr Wesen. Gerade die unfaßbarsten, die jenseitigsten Zustände, die
krankhaften, die hypnotischen, die ekstatischen, die epileptischen haben bei
Dostojewski die Präzision einer klinischen Diagnose, den klaren Umriß einer
geometrischen Figur. Nicht die feinste Nuance ist dann verschwommen, nicht
die kleinste Schwingung entgleitet dann seinen geschärften Sinnen: gerade dort,
wo die anderen Künstler versagen und, gleichsam geblendet vom
übernatürlichen Licht, den Blick wegwenden, dort wird Dostojewskis Realismus
am sichtbarsten. Und diese Augenblicke, wo der Mensch die äußersten Grenzen
seiner Möglichkeiten erreicht, wo Wissen schon fast Wahnwitz wird und
Leidenschaft zum Verbrechen, sie sind auch die unvergeßlichsten Visionen
seines Werkes. Rufen wir uns das Bild Raskolnikoffs in die Seele, so sehen wir
ihn nicht als schlendernde Gestalt auf der Straße oder im Zimmer, als einen
jungen Mediziner von 25 Jahren, als Menschen von diesen und jenen äußeren
Eigenheiten, sondern in uns ersteht die dramatische Vision seiner irren
Leidenschaft, wie er mit zitternden Händen, kalten Schweiß auf der Stirn,
gleichsam mit geschlossenen Augen die Treppe des Hauses hinaufschleicht, wo er gemordet hat, und in geheimnisvoller Trance, um seine Qualen noch einmal
sinnlich zu genießen, die blecherne Klingel an der Türe der 157 Ermordeten
zieht. Wir sehen Dimitri Karamasoff in den Purgatorien des Verhörs, schäumend
vor Wut, schäumend vor Leidenschaft, den Tisch zertrümmern mit seinen
rasenden Fäusten. Immer sehen wir bei Dostojewski den Menschen erst bildhaft
im Zustande der höchsten Erregtheit, am Endpunkte seines Gefühles. So wie
Leonardo in seinen grandiosen Karikaturen die Groteske des Körpers, die
Abnormität des Physischen zeichnet, dort, wo sie über die gemeine Form
hervordrängt, so faßt Dostojewski die Seele des Menschen im Augenblick des
Überschwangs, gleichsam in den Sekunden, wo sich der Mensch über den
äußersten Rand seiner Möglichkeiten vorbeugt. Der mittlere Zustand ist ihm wie
jeder Ausgleich, wie jede Harmonie, verhaßt: nur das Außerordentliche, das
Unsichtbare, das Dämonische reizt seine künstlerische Leidenschaft zum
äußersten Realismus. Er ist der unvergleichlichste Plastiker des
Ungewöhnlichen, der größte Anatom der reizbaren und kranken Seele, den die
Kunst je gekannt.
Das Instrument nun, das geheimnisvolle, mit dem Dostojewski in diese
Tiefe seiner Menschen dringt, ist das Wort. Goethe schildert alles durch den
Blick. Er ist – Wagner hat diese Unterscheidung am glücklichsten ausgesprochen
– Augenmensch, Dostojewski Ohrenmensch. Er muß seine Menschen erst
sprechen hören, sprechen lassen, damit wir sie als sichtbar empfinden, und ganz
deutlich hat Mereschkowski in seiner genialen Analyse der beiden russischen
Epiker ausgedrückt: bei Tolstoi hören wir, weil wir sehen, bei Dostojewski sehen
wir, weil wir hören. Seine Menschen sind Schatten und Lemuren, solange sie
nicht sprechen. Erst das Wort ist der feuchte Tau, der ihre Seele befruchtet: sie
tun im Gespräch, wie phantastische Blüten, ihr Inneres auf, zeigen ihre Farben,
die Pollen ihrer Fruchtbarkeit. 158 In der Diskussion erhitzen sie sich, wachen
sie auf aus ihrem Seelenschlaf, und erst gegen den wachen, gegen den
leidenschaftlichen Menschen, ich sagte es ja schon, wendet sich Dostojewskis
künstlerische Leidenschaft. Er lockt ihnen das Wort aus der Seele, um dann die
Seele selbst zu fassen. Jene dämonische psychologische Scharfsichtigkeit des
Details bei Dostojewski ist im letzten nichts anderes als eine unerhörte
Feinhörigkeit. Die Weltliteratur kennt keine vollkommeneren plastischen
Gebilde als die Aussprüche der Menschen Dostojewskis. Die Wortstellung ist
symbolisch, die Sprachbildung charakteristisch, nichts zufällig, jede
abgebrochene Silbe, jeder weggesprungene Ton die Notwendigkeit selbst. Jede
Pause, jede Wiederholung, jedes Atemholen, jedes Stottern ist wesentlich, denn
immer hört man unter dem ausgesprochenen Wort das unterdrückte
Mitschwingen: mit dem Gespräch flutet die ganze heimliche Erregung der Seele auf. Man weiß aus der Rede bei Dostojewski nicht nur, was jeder einzelne
Mensch sagt und sagen will, sondern auch, was er verschweigt. Und dieser
geniale Realismus des seelischen Hörens geht restlos mit in die
geheimnisvollsten Zustände des Wortes, in die sumpfige, stockende Fläche des
trunkenen Irreredens, in die beflügelte, keuchende Ekstase des epileptischen
Anfalles, in das Dickicht der lügnerischen Verworrenheit. Aus dem Dampf der
erhitzten Rede ersteht die Seele, aus der Seele kristallisiert sich allmählich der
Körper. Ohne daß man es selbst weiß, beginnt durch den Dunst des Wortes,
durch den Haschischrauch der Rede bei Dostojewski die Vision des Sprechenden
im körperlichen Bild aufzusteigen. Was die anderen durch fleißiges Mosaik
erzielen, durch die Farbe, Zeichnung und Beschränkung, dieses Bild ballt sich
bei ihm visionär aus dem Wort. Man träumt bei Dostojewski 159
hellseherisch seine Menschen, sobald man sie sprechen hört. Dostojewski kann
es sich ersparen, sie graphisch zu zeichnen, denn wir selber werden in der
Hypnose ihrer Rede zum Visionär. Ich will ein Beispiel wählen. Im „Idioten“
geht der alte General, der pathologische Lügner, neben dem Fürsten Myschkin
her und erzählt ihm Erinnerungen. Er beginnt zu lügen, gleitet immer tiefer in
seine Lügen hinein und verstrickt sich gänzlich darin. Er redet, redet, redet. Über
Seiten flutet seine Lüge hin.
Mit keiner Zeile nun schildert Dostojewski seine Haltung, aber aus seinem
Wort, aus seinem Stolpern, seinem Stocken, seiner nervösen Hast spüre ich, wie
er neben Myschkin hergeht, wie er sich verstrickt hat, sehe, wie er aufschaut,
von der Seite den Fürsten vorsichtig anblickt, ob er ihm nicht mißtraue, wie er
stehen bleibt, hoffend, der Fürst würde ihn unterbrechen. Ich sehe, wie der
Schweiß auf seiner Stirne perlt, sehe, wie sein Gesicht, das zuerst begeisterte,
nun sich immer mehr verkrampft in Angst, sehe, wie er in sich
zusammenkriecht, ein Hund, der fürchtet, Prügel zu bekommen, und ich sehe
den Fürsten, der selbst alle Anstrengungen des Lügners in sich fühlt und
niederhält. Wo ist dies beschrieben bei Dostojewski? Nirgends, nicht in einer
einzelnen Zeile, und doch sehe ich jedes Fältchen in seinem Gesicht mit
leidenschaftlicher Klarheit. Irgendwo ist da das Arkanum des Visionären in der
Rede, im Tonfall, in der Stellung der Silben, und so magisch ist diese Kunst der
Wiedergabe, daß selbst durch die unumgängliche Verdickung, die ja jede
Übertragung in eine fremde Sprache darstellt, noch die ganze Seele seiner
Menschen schwingt. Der ganze Charakter des Menschen ist bei Dostojewski im
Rhythmus seiner Rede. Und diese Komprimierung gelingt seiner genialen
Intuition oft in 160 einer winzigen Einzelheit, durch eine Silbe fast. Wenn
Fedor Karamasoff auf das Briefkuvert der Gruschenka zu ihrem Namen schreibt:
„Mein Küchelchen!“ so sieht man das Antlitz des senilen Wüstlings, sieht die schlechten Zähne, durch die ihm der Speichel über die schmunzelnden Lippen
rinnt. Und wenn in den „Erinnerungen aus dem Totenhaus“ der sadistische
Major beim Stockprügeln „Hie-be, Hie-be“ schreit, so ist in diesem winzigen
Apostroph sein ganzer Charakter, ein brennendes Bild, ein Keuchen von Gier,
flackernde Augen, das gerötete Gesicht, das Keuchen der bösen Lust. Diese
kleinen realistischen Details bei Dostojewski, die sich wie spitze Angelhaken ins
Gefühl einbohren und widerstandslos mit ins fremde Erleben reißen, sie sind
sein erlesenstes Kunstmittel und gleichzeitig der höchste Triumph des intuitiven
Realismus über den programmatischen Naturalismus. Dostojewski verschwendet
durchaus nicht diese seine Details. Er setzt ein einziges ein, wo andere Hunderte
applizieren, aber er spart sich diese kleinen grausamen Einzelheiten der letzten
Wahrheit mit einem wollüstigen Raffinement auf, er überrascht mit ihnen gerade
im Augenblick der höchsten Ekstase, wo man sie am wenigsten erwartet. Immer
gießt er mit unerbittlicher Hand den Galletropfen Irdischkeit in den Kelch der
Ekstase, denn für ihn heißt wirklich und wahrhaftig sein: antiromantisch und
antisentimental wirken. Dostojewski ist, nie darf man es eine Sekunde vergessen,
nicht nur der Gefangene seines Kontrastes, sondern auch sein Prediger. Es ist
seine Leidenschaft, auch in der Kunst die beiden Enden des Lebens, die
grausamste, nackteste, kälteste, schmutzigste Wirklichkeit mit den edelsten
sublimsten Träumen zu gatten. Er will, daß wir in allem Irdischen das Göttliche
fühlen, im Realistischen das Phantastische, 161 im Erhabenen das Gemeine,
im lautern Geist das bittere Salz der Erde und immer all dies gleichzeitig. Er
will, daß wir zwiespältig genießen, wie er selber zwiespältig empfindet, er will
auch hier keine Harmonie, keinen Ausgleich. Immer in allen seinen Werken sind
diese schneidenden Zerrissenheiten, wo er mit satanischem Detail die sublimsten
Sekunden aufsprengt und dem Heiligsten des Lebens seine Banalität
entgegengrinst. Ich erinnere nur an die Tragödie des „Idioten“, um einen solchen
Augenblick des Kontrastes sichtlich zu machen. Rogoschin hat Nastassja
Philipowna ermordet, nun sucht er Myschkin, den Bruder. Er findet ihn auf der
Straße, er rührt ihn an mit der Hand. Sie brauchen nicht miteinander zu sprechen,
furchtbare Ahnung weiß alles voraus. Sie gehen über die Straße in das Haus, wo
die Ermordete liegt: irgendein ungeheueres Vorempfinden von Größe und
Feierlichkeit hebt sich in einem auf, alle Sphären erklingen. Die beiden Feinde
eines Lebens, Brüder im Gefühl, schreiten in das Zimmer zur Ermordeten.
Nastassja Philipowna liegt tot. Man spürt, diese Menschen werden sich nun das
Letzte sagen, wie sie einander gegenüberstehen an der Leiche der Frau, die sie
entzweite. Und dann kommt das Gespräch – und alle Himmel sind zerschlagen
von der nackten, brutalen, brennend irdischen, teuflisch geistigen Sachlichkeit.
Sie sprechen davon als erstes, als einziges – ob die Leiche riechen wird. Und Rogoschin erzählt mit schneidender Sachlichkeit, er habe „gute amerikanische
Wachsleinwand“ gekauft und „vier Fläschchen einer desinfizierenden
Flüssigkeit“ darauf gegossen.
Solche Details sind es, die ich bei Dostojewski die sadistischen, die
satanischen nenne, weil hier der Realismus mehr ist als ein bloßer Kunstgriff der
Technik, weil er 162 eine metaphysische Rache ist, Ausbruch geheimnisvoller
Wollust, einer gewaltsamen ironischen Enttäuschung. „Vier Fläschchen!“ das
Mathematische der Zahl, „amerikanische Wachsleinwand!“ die grauenhafte
Präzision des Details – das sind absichtliche Zerstörungen der seelischen
Harmonie, grausame Revolten gegen die Einheit des Gefühls. Hier wird
Wahrheit über sich selbst hinaus schon Exzeß, Laster und Marter, und diese
entsetzlichen Niederstürze aus den Himmeln des Gefühls in die schmutzigen
Steinbrüche der Wirklichkeit würden Dostojewski unerträglich machen, wäre die
gleiche Gewalt des Kontrastes nicht auch im Gegenspiel vorhanden, entstünde
nicht immer wieder auch die ungeheuere seelische Ekstase bei ihm aus den
schmutzigsten Winkeln der Wirklichkeit. Man erinnere sich nur an die Welt
Dostojewskis. Sie ist, rein sozial genommen, ein Wurmloch, knapp an der Gosse
des Lebens, immer in den dumpfesten Sphären der Armut und Kläglichkeit. Mit
absichtlicher Bewußtheit (er ist der Antiromantiker, wie er der Antisentimentale
ist) stellt er seine Szenerie mitten in die Banalität hinein. Schmutzige
Kellerlokale, stinkend von Bier und Schnaps, dumpfe enge „Särge“ von
Zimmern, nur abgetrennt durch Holzwände, nie Salons, Hotels, Paläste, Kontore.
Und mit Absicht sind seine Menschen äußerlich „uninteressant“,
schwindsüchtige Frauen, verlumpte Studenten, Nichtstuer, Verschwender,
Tagediebe, niemals aber soziale Persönlichkeiten. Aber gerade in diese dumpfe
Alltäglichkeit stellt er die größten Tragödien der Zeit. Aus dem Erbärmlichen
steigt das Erhabene phantastisch auf. Nichts wirkt dämonischer bei ihm als
dieser Kontrast äußerer Nüchternheit und seelischer Trunkenheit, räumlicher
Armut und Verschwendung des Herzens. In Schnapszimmern verkünden
trunkene 163 Menschen die Wiederkehr des Dritten Reiches, sein Heiliger
Aljoscha erzählt die tiefste Legende, während ihm eine Dirne auf dem Schoße
sitzt, in Bordellen und Spielhäusern entfalten sich die Apostolate der Güte und
Verkündung, und die erhabenste Szene Raskolnikoffs, wo der Mörder sich
niederwirft und vor dem Leiden der ganzen Menschheit sich beugt, sie spielt im
Zimmerwinkel einer Dirne bei dem stotternden Schneider Kapernaumow.
Ein ununterbrochener Wechselstrom, kalt oder warm, warm oder kalt, aber
nie lau, ganz im Sinne der Apokalypse, durchblutet seine Leidenschaft das
Leben. In einer Phrenesie von Kontrasten stellt der Dichter hier das Erhabene
mit dem Banalen stetig Stirn an Stirn, von Unruhe zu Unruhe wirft er die aufgereizten Gefühle. Nie gerät man darum bei den Romanen Dostojewskis zur
Rast, nie in die sanfte, musikalische Rhythmik des Lesens, nie läßt er einem
ruhig den Atem rinnen, immer zuckt man wie unter elektrischen Schlägen
beunruhigt auf, heißer, brennender, unruhiger, neugieriger von Seite zu Seite.
Solange wir in seiner dichterischen Gewalt sind, werden wir ihm selber ähnlich.
Wie in sich selbst, dem ewigen Dualisten, dem Menschen am Kreuzholz des
Zwiespalts, wie in seinen Gestalten, zersprengt Dostojewski auch dem Leser die
Einheit des Gefühls.
Das ist ewige Eigenart seiner Darstellung, und es wäre Herabwürdigung, sie
mit dem Handwerkerwort „Technik“ zu benennen, denn diese Kunst kommt
mitten aus Dostojewskis Persönlichkeit, aus dem brennenden Urzwiespalt seines
Gefühls. Seine Welt ist offenbare Wahrheit und Geheimnis, zugleich
hellseherische Erkenntnis der Wirklichkeit, Wissen und Magie. Das Unfaßbarste
scheint verständlich, das Verständlichste unfaßbar: beugen sich die 164
Probleme schon über den äußersten Rand der Möglichkeiten hinaus, so stürzen
sie doch nie ins Gestaltlose hinab. Mit unerhörtester Kraft klemmen die visionär-
realen Einzelheiten seine Figuren im Irdischen fest, nie gleitet eine ins
Schattenhafte hinüber. Wen Dostojewski schildert, dessen Wesen hat er visionär
inne bis in die letzte Wirrnis seiner Nervenstränge, er tastet ihm nach bis in den
Meeresgrund seiner Träume, durchfiebert seine Leidenschaft, durchsiebt seine
Trunkenheit, nie geht ein Atemzug seelischer Substanz bei ihm verloren, wird
ein Gedanke übersprungen. Glied um Glied hämmert er die psychologische
Kette um die in der Kunst Gefangenen. Es gibt bei ihm keine psychologischen
Irrtümer, keine Verknotung, die sein visionärer Intellekt, seine hellseherische
Logik nicht durchleuchtete. Nie einen Fehler, einen Verstoß gegen die innere
Wahrheit. Welche Kunstbauten des Geistes und der Vision sind da errichtet,
unübersehbar und unzerstörbar! Der dialektische Zweikampf des Porphyri
Petrowitsch mit Raskolnikoff, die Architektonik der Verbrechen, das logische
Labyrinth der Karamasoff, das ist geistige Architektonik ohnegleichen, fehllos
wie Mathematik und doch berauschend wie Musik. Sie vereinigen die höchsten
Kräfte des Geistes mit den seherischen der Seele zu einer neuen, tieferen
Wahrheit, als die Menschheit sie vordem gekannt.
Aber doch – die Frage muß beantwortet sein –, warum wirkt trotz solcher
dämonischer Vollendung der Wahrheit Dostojewskis Werk, dieses irdischeste
aller Werke, doch wiederum unirdisch auf uns, als Welt zwar, aber doch wie eine
neben oder über unserer Welt, nur nicht sie selbst? Warum stehen wir innen mit
unserem tiefsten Gefühl und sind doch irgendwie befremdet? Warum brennt in
allen seinen Romanen etwas wie künstliches Licht und 165 ist Raum darinnen
wie aus Halluzinationen und Träumen? Warum empfinden wir ihn, diesen äußersten Realisten, immer mehr als Somnambulen denn als Darsteller der
Wirklichkeit? Warum ist trotz aller Feurigkeit, ja Überhitztheit doch nicht
fruchtbare Sonnenwärme darin, sondern irgendein schmerzhaftes Nordlicht,
blutig und blendend, warum empfinden wir diese wahrste Darstellung des
Lebens, die je gegeben wurde, doch irgendwie nicht als das Leben selbst? Als
unser eigenes Leben?
Ich versuche zu antworten. Das höchste Maß der Vergleiche ist für
Dostojewski nicht zu gering, und am Erhabensten, am Unvergänglichsten der
Weltliteratur können sie gewertet werden. Für mich ist die Tragödie der
Karamasoffs nicht geringer als die Verstrickungen der Orestie, die Epik Homers,
der erhabene Umriß von Goethes Werk. Sie alle, diese Werke, sind sogar
einfältiger, schlichter, weniger erkenntnisreich, weniger zukunftsträchtig als die
Dostojewskis. Aber sie sind doch irgendwie weicher und freundsamer für die
Seele, sie geben Erlösung des Gefühls, während Dostojewski nur Erkenntnis
gibt. Ich glaube: diese ihre Entspannung danken sie, daß sie nicht so menschlich,
nur menschlich sind. Sie haben um sich einen heiligen Rahmen von strahlendem
Himmel, von Welt, einen Atem von Wiesen und Feldern, einen Sternblick von
Himmel, wo sich das Gefühl, das verschreckte, entspannt hinflüchtet und befreit.
Im Homer, mitten in den Schlachten, im blutigsten Gemetzel der Menschen
stehen ein paar Zeilen der Schilderung, und man atmet salzigen Wind vom Meer,
das silberne Licht Griechenlands glänzt über die Blutstatt, beseligt erkennt das
Gefühl den schmetternden Kampf der Menschen als einen kleinen nichtigen
Wahn gegen das Ewige der Dinge. Und man atmet auf, man ist 166 erlöst von
der menschlichen Trübe. Auch Faust hat seinen Ostersonntag, schwingt die
eigene Qual in die zerklüftete Natur, wirft seinen Jubel in den Frühling der Welt.
In allen diesen Werken erlöst die Natur von der Menschenwelt. Dostojewski aber
fehlt die Landschaft, fehlt die Entspannung. Sein Kosmos ist nicht die Welt,
sondern nur der Mensch. Er ist taub für Musik, blind für Bilder, stumpf für
Landschaft: mit einer ungeheueren Gleichgültigkeit gegen die Natur, gegen die
Kunst ist sein unergründliches, sein unvergleichliches Wissen um den Menschen
bezahlt. Und alles Nur-Menschliche hat eine Trübe von Unzulänglichkeit. Sein
Gott wohnt nur in der Seele, nicht auch in den Dingen, ihm fehlt jenes kostbare
Korn Pantheismus, das die deutschen, das die hellenischen Werke so selig und so
befreiend macht. Seine, Dostojewskis, Werke, sie spielen alle irgendwie in
ungelüfteten Stuben, in rußigen Straßen, in dunstigen Kneipen, eine dumpfe
menschliche, allzu menschliche Luft ist darinnen, die nicht klärend durchwühlt
wird vom Wind aus den Himmeln und dem Sturz der Jahreszeiten. Man versuche
doch einmal sich zu entsinnen bei seinen großen Werken, bei „Raskolnikoff“,
dem „Idioten“, bei den „Karamasoffs“, dem „Jüngling“, in welcher Jahreszeit, in welcher Landschaft sie spielen. Ist es Sommer, Frühling oder Herbst? Vielleicht
ist es irgendwo gesagt. Aber man fühlt es nicht. Man atmet es, man schmeckt es,
man spürt, man erlebt es nicht. Sie spielen alle nur irgendwo im Dunkel des
Herzens, das die Blitzschläge der Erkenntnis sprunghaft erhellen, im luftleeren
Hohlraum des Hirnes, ohne Sterne und Blumen, ohne Stille und Schweigen.
Großstadtrauch verdunkelt den Himmel ihrer Seele. Es fehlen ihnen die
Ruhepunkte der Erlösung vom Menschlichen, jene seligsten Entspannungen,
167 die besten des Menschen, wenn er den Blick von sich selbst und seinen
Leiden gegen die fühllose, leidenschaftslose Welt kehrt. Das ist das
Schattenhafte in seinen Büchern: wie von einer grauen Wand von Elend und
Dunkelheit heben sich seine Gestalten ab, sie stehen nicht frei und klar in einer
wirklichen Welt, sondern in einer Unendlichkeit bloß des Gefühls. Seine Sphäre
ist Seelenwelt und nicht Natur, seine Welt nur die Menschheit.
Aber auch seine Menschheit selbst, so wunderbar wahrhaftig jeder einzelne
ist, so fehllos ihr logischer Organismus, auch sie ist in ihrer Gesamtheit in einem
gewissen Sinne unwirklich: etwas von Gestalten aus Träumen haftet ihnen an,
und ihr Schritt geht im Raumlosen wie der von Schatten. Damit sei nicht gesagt,
daß sie irgendwie unwahr wären. Im Gegenteil: sie sind überwahr. Denn
Dostojewskis Psychologie ist eine fehllose, aber seine Menschen sind nicht
plastisch, sondern sublim gesehen und durchfühlt, weil sie einzig aus Seele
gestaltet sind und nicht aus Körperlichkeit. Dostojewskis Menschen kennen wir
alle nur als wandelndes und gewandeltes Gefühl, Wesen aus Nerven und Seelen,
bei denen man es fast vergißt, daß dieses Blut durch Fleisch rinnt. Nie rührt man
sie gewissermaßen körperlich an. Auf den zwanzigtausend Seiten seines Werkes
ist nie geschildert, daß einer seiner Menschen sitzt, daß er ißt, daß er trinkt,
immer fühlen, sprechen oder kämpfen sie nur. Sie schlafen nicht (es sei denn,
daß sie hellseherisch träumen), sie ruhen nicht, immer sind sie im Fieber, immer
denken sie. Nie sind sie vegetativ, pflanzlich, tierisch, stumpf, immer nur
bewegt, erregt, gespannt, und immer, immer wach. Wach und sogar überwach.
Immer im Superlativ ihres Seins. Alle haben sie die seelische Übersichtigkeit
Dostojewskis, alle sind sie Hellseher, 168 Telepathen, Halluzinanten, alle
pythische Menschen, und alle durchtränkt bis in die letzten Tiefen ihres Wesens
von psychologischer Wissenschaft. Im gemeinen, im banalen Leben stehen –
erinnern wir uns nur – die meisten Menschen im Konflikt miteinander und dem
Schicksal einzig darum, weil sie sich nicht verstehen, weil sie einen bloß
irdischen Verstand haben. Shakespeare, der andere große Psychologe der
Menschheit, baut die Hälfte seiner Tragödien auf diese eingeborene
Unwissenheit, auf dieses Fundament von Dunkel, das zwischen Mensch und
Mensch als Verhängnis, als Stein des Anstoßes liegt. Lear mißtraut seiner Tochter, denn er ahnt ihren Edelmut nicht, die Größe der Liebe, die sich hier in
Schamhaftigkeit verschanzt, Othello wiederum nimmt sich Jago als Einflüsterer,
Cäsar liebt Brutus, seinen Mörder, alle sind sie dem wahren Wesen der irdischen
Welt, der Täuschung verfallen. Bei Shakespeare wird wie im realen Leben das
Mißverständnis, die irdische Unzulänglichkeit, zeugende tragische Kraft, die
Quelle aller Konflikte. Die Menschen Dostojewskis aber, diese Überwissenden,
sie kennen kein Mißverstehen. Jeder ahnt immer prophetisch den anderen, sie
verstehen einander restlos bis in die letzten Tiefen, sie saugen sich das Wort aus
dem Munde, noch ehe es gesagt ist, und den Gedanken noch aus dem Mutterleib
der Empfindung. Sie wittern, sie ahnen einander alle im voraus, nie enttäuschen
sie sich, nie staunen sie, jedes einzelnen Seele umfaßt in geheimnisvoller
Witterung schon der anderen Sinn. Das Unbewußte, das Unterbewußte ist bei
ihnen überentwickelt, alle sind sie Propheten, alle Ahnende und Visionäre,
überladen von Dostojewski mit seiner eigenen mystischen Durchdringung des
Seins und des Wissens. Ich will ein Beispiel wählen, um deutlicher zu sein.
Nastassja 169 Philipowna wird von Rogoschin ermordet. Sie weiß es vom
ersten Tage, da sie ihn erblickt, weiß es in jeder Stunde, in der sie ihm angehört,
daß er sie ermorden wird, sie flieht vor ihm, weil sie es weiß, und flüchtet
zurück, weil sie ihr eigenes Schicksal begehrt. Sie kennt das Messer sogar
Monate voraus, das ihr die Brust durchstößt. Und Rogoschin weiß es, auch er
kennt das Messer und ebenso Myschkin. Seine Lippen zittern, wenn er einmal
im Gespräch zufällig Rogoschin mit diesem Messer spielen sieht. Und
gleicherweise beim Morde Fedor Karamasoffs ist das Wissensunmögliche allen
bewußt. Der Staretz fällt in die Knie, weil er das Verbrechen wittert, selbst der
Spötter Rakitin weiß diese Zeichen zu deuten. Aljoscha küßt seines Vaters
Schulter, wie er von ihm Abschied nimmt, auch sein Gefühl weiß es, daß er ihn
nicht mehr sieht. Iwan fährt nach Tchermaschnjä, um nicht Zeuge des
Verbrechens zu sein. Der Schmutzfink Smerdjakoff sagt es ihm lächelnd voraus.
Alle, alle wissen sie es, und den Tag und die Stunde und den Ort aus einer
Überladenheit mit prophetischer Erkenntnis, die unwahrscheinlich ist in ihrer
Zuvielfältigkeit. Alle sind sie Propheten, Erkenner, alle Allesversteher.
Hier wieder in der Psychologie erkennt man jene zwiefache Form aller
Wahrheit für den Künstler. Obwohl Dostojewski den Menschen tiefer kennt als
irgendeiner vor ihm, so ist ihm doch Shakespeare überlegen als Kenner der
Menschheit. Er hat das Gemischte des Daseins erkannt, das Gemeine und
Gleichgültige neben das Grandiose gestellt, wo Dostojewski einen jeden ins
Unendliche steigert. Shakespeare hat die Welt im Fleisch erkannt, Dostojewski
im Geist. Seine Welt ist vielleicht die vollkommenste Halluzination der Welt, ein
tiefer und prophetischer 170 Traum von der Seele, ein Traum, der die Wirklichkeit noch überflügelt: aber Realismus, der über sich selbst hinaus ins
Phantastische reicht. Der Überrealist Dostojewski, der Überschreiter aller
Grenzen, er hat die Wirklichkeit nicht geschildert: er hat sie über sich selbst
hinaus gesteigert.
Von innen also, von der Seele allein, ist hier die Welt in Kunst gestaltet, von
innen gebunden, von innen erlöst. Diese Art von Kunst, die tiefste und
menschlichste aller, hat keine Vorfahren in der Literatur, weder in Rußland noch
irgendwo in der Welt. Dieses Werk hat nur Brüder in der Ferne. An die
griechischen Tragiker gemahnt manchmal der Krampf und die Not, dieses
Übermaß von Qual in den Menschen, die unter dem Griff des übermächtigen
Schicksales sich krümmen, an Michelangelo manchmal durch die mystische,
steinerne, unerlösbare Traurigkeit der Seele. Aber der wahre Bruder
Dostojewskis durch die Zeiten ist Rembrandt. Beide stammen sie aus einem
Leben von Mühsal, Entbehrung, Verachtung, Ausgestoßene der Irdischkeit,
gepeitscht von den Bütteln des Geldes in die tiefste Tiefe des menschlichen
Seins hinab. Beide wissen sie um den schöpferischen Sinn der Kontraste, den
ewigen Streit von Dunkel und Licht, und wissen, daß keine Schönheit tiefer ist
als die heilige der Seele, die aus der Nüchternheit des Seins gewonnen ist. Wie
Dostojewski seine Heiligen aus russischen Bauern, Verbrechern und Spielern,
gestaltet sich Rembrandt seine biblischen Figuren von den Modellen der
Hafengassen; beiden ist in den niedersten Formen des Lebens irgendeine
geheimnisvolle, neue Schönheit verborgen, beide finden sie ihren Christus im
Abhub des Volks. Beide wissen sie von dem ständigen Spiel und Widerspiel der
Erdenkräfte, von Licht und 171 Dunkel, das gleich mächtig im Lebendigen
wie im Beseelten waltet, und hier wie dort ist alles Licht aus dem letzten Dunkel
des Lebens genommen. Je mehr man in die Tiefe der Bilder Rembrandts, der
Bücher Dostojewskis blickt, sieht man das letzte Geheimnis der weltlichen und
geistigen Formen sich entringen: Allmenschlichkeit. Und wo die Seele zuerst
nur schattenhafte Form, nur trübe Wirklichkeit zu schauen meint, erkennt sie,
tiefer blickend, mit erkennender Lust entrungenes Licht: jenen heiligen Glanz,
der als Märtyrerkrone über den letzten Dingen des Lebens liegt.