Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski

Stefan Zweig · Kapitel 12 von 14

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Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski

Der Überschreiter der Grenzen

Vollendung gehetzt dem ewig Endlosen zu; mit ihren abgebrochenen Türmen,

den nicht zu Ende gebauten (denn die Karamasoff ebenso wie der Raskolnikoff

versprechen beide einen zweiten, nie geschriebenen Teil), ragen seine

Romanbauten in den Himmel der Religion, in das Gewölk der ewigen Fragen.

Nennen wir sie nicht Roman mehr und werten wir sie nicht mit epischem Maß:

sie sind längst nicht mehr Literatur, sondern irgendwie geheime Anfänge,

prophetische Vorklänge, Präludien und Prophetien eines Mythus vom neuen

Menschen. So sehr er die Kunst liebt, Dostojewski, sie ist ihm nicht das Letzte,

und wie alle seine erlauchten russischen Ahnen empfindet er sie nur als Brücke

des Bekenntnisses vom Menschen zu Gott. Erinnern wir uns nur: Gogol wirft

nach den „Toten Seelen“ die Literatur fort und wird Mystiker, geheimnisvoller

Bote des neuen Rußlands, Tolstoi verflucht, ein Sechzigjähriger, die Kunst, die

eigene und die fremde, und wird Evangelist der Güte und Gerechtigkeit, Gorki

verzichtet auf den Ruhm und wird Verkünder der Revolution. Dostojewski hat

bis zur letzten Stunde die Feder nicht gelassen, aber was er gestaltet, ist längst

nicht mehr ein Kunstwerk im irdischen engen Sinne, sondern das Evangelium

des Dritten Reiches, irgendein Mythus der neuen russischen Welt, eine

apokalyptische Verkündung, dunkel und rätselhaft. Kunst war dem ewig

Ungenügsamen nur ein Anfang, und sein Ende war im Endlosen. Sie war ihm

nur eine Stufe und nicht der Tempel selbst. In der Vollkommenheit seiner Werke

ist noch ein Größeres, das sich in Worte nicht mehr gestaltet, und eben weil dies

Letzte in ihnen nur geahnt und nicht in vergängliche Form gegossen ist, sind sie

Wege zur Vollendung des Menschen und der Menschheit.

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DER ÜBERSCHREITER DER GRENZEN

 

„Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß.“

Goethe

 

Tradition ist steinerne Grenze von Vergangenheiten um die Gegenwart: wer

ins Zukünftige will, muß sie überschreiten. Denn die Natur will kein Innehalten

im Erkennen. Zwar scheint sie Ordnung zu fordern und liebt doch nur den, der

sie zerstört um einer neuen Ordnung willen. Immer schafft sie sich in einzelnen

Menschen durch Übermaß ihrer eigenen Kräfte jene Konquistadoren, die von

den heimischen Ländern der Seele in die dunklen Ozeane des Unbekannten

hinausfahren zu neuen Zonen des Herzens, neuen Sphären des Geistes. Ohne

diese kühnen Überschreiter wäre die Menschheit in sich gefangen, ihre Entwicklung ein Kreisgang. Ohne diese großen Boten, in denen sie sich

gleichsam selbst vorauseilt, wäre jede Generation unkund ihres Weges. Ohne

diese großen Träumer wüßte die Menschheit nicht um ihren tiefsten Sinn. Nicht

die ruhigen Erkenner, die Geographen der Heimat, haben die Welt weit gemacht,

sondern die Desperados, die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien fuhren:

nicht die Psychologen, die Wissenschaftler, haben die moderne Seele in ihrer

Tiefe erkannt, sondern die Maßlosen unter den Dichtern, die Überschreiter der

Grenzen.

Von diesen großen Grenzüberschreitern der Literatur ist Dostojewski in

unseren Tagen der größte gewesen, und keiner hat so viel Neuland der Seele

entdeckt als dieser Ungestüme, dieser Maßlose, dem nach seinem eignen Wort

„das Unermeßliche und Unendliche so notwendig war wie die Erde selbst“.

Nirgends hat er innegehalten, „überall habe ich die Grenze überschritten,“

schreibt er stolz und selbstanklagend in einem Briefe, „überall“. Und unmöglich

188 ist es fast, alle seine Taten aufzuzählen, die Wanderungen über die eisigen

Grate des Gedankens, die Niederstiege zu den verborgensten Quellen des

Unbewußten, die Aufstiege, die gleichsam traumwandlerischen Aufstiege zu den

schwindelnden Gipfeln des Selbsterkennens. Wo kein gewöhnlicher Weg war, er

hat ihn beschritten, wo Labyrinth und Wirrnis war, am liebsten gelebt. Nie hat

die Menschheit zuvor so tief den Mechanismus und die Mystik ihres seelischen

Wesens erkannt, sie ist wacher und bewußter geworden in seinem Blick und

gleichzeitig geheimnisvoller und göttlicher in seinem Gefühl. Ohne ihn, den

großen Überschreiter alles Maßes, wüßte die Menschheit weniger um ihr

eingeborenes Geheimnis, weiter als je blicken wir von der Höhe seines Werkes

in das Zukünftige hinein.

Die erste Grenze, die Dostojewski durchstieß, die erste Ferne, die er uns

auftat, war Rußland. Er hat seine Nation für die Welt entdeckt, unser

europäisches Bewußtsein erweitert, als erster die Seele des Russen uns als

Fragment und als ein Kostbarstes der Weltseele erkennen lassen. Vor ihm

bedeutete Rußland für Europa eine Grenze: den Übergang gegen Asien, einen

Fleck Landkarte, ein Stück Vergangenheit unserer eigenen barbarischen,

überwundenen Kulturkindheit. Er aber zeigte als erster uns die zukünftige Kraft

in dieser Öde, seit ihm fühlen wir Rußland als eine Möglichkeit neuer

Religiosität, als ein kommendes Wort im großen Gedichte der Menschheit. Er

hat das Herz der Welt so reicher gemacht um eine Erkenntnis und um eine

Erwartung. Puschkin (der uns ja schlecht zugänglich ist, weil sein poetisches

Medium in jeder Übertragung die elektrische Kraft verliert) hat uns nur die

russische Aristokratie gezeigt, Tolstoi wiederum den einfachen, 189

patriarchalischen bäurischen Menschen, die Wesen der alten, abgeteilten, abgelebten Welt. Erst er entzündet uns die Seele mit der Verkündung neuer

Möglichkeiten, erst er entflammt den Genius dieser neuen Nation und läßt uns

fast sehnsüchtig werden, daß dieser glühende Tropfen Weltkindheit und

Seelenanfang seines Russenvolkes in die müde, stagnierende Welt des alten

Europa einglühe. Und gerade in diesem Kriege haben wir gefühlt, daß wir alles,

was wir von Rußland wußten, nur durch ihn wußten und daß er es uns möglich

gemacht, dieses Feindesland auch als Bruderland der Seele zu empfinden.

Aber tiefer noch und bedeutsamer als diese kulturelle Erweiterung des

Weltwissens um die Idee Rußlands (denn diese hätte vielleicht schon Puschkin

erreicht, wäre ihm nicht im 37. Jahre die Duellkugel durch die Brust gefahren)

ist jene ungeheure Erweiterung unseres seelischen Selbstwissens, die ohne

Beispiel ist in der Literatur. Dostojewski ist der Psychologe der Psychologen.

Die Tiefe des menschlichen Herzens zieht ihn magisch an, das Unbewußte, das

Unterbewußte, das Unergründliche ist seine wahre Welt. Seit Shakespeare haben

wir nicht soviel vom Geheimnis des Gefühls und den magischen Gesetzen seiner

Verschränkung gelernt, und wie Odysseus, der einzige, der vom Hades

wiederkehrte, von der unterirdischen Welt, erzählt er von der Unterwelt der

Seele. Denn auch er, wie Odysseus, war begleitet von einem Gotte, von einem

Dämon. Seine Krankheit, ihn aufreißend zu Höhen des Gefühls, die der gemeine

Sterbliche nicht erreicht, ihn niederschmetternd in Zustände der Angst und des

Grauens, die schon jenseits des Lebens liegen, ließen ihn erst atmen in dieser

bald frostigen, bald feurigen Atmosphäre des Unbelebten und Überlebendigen.

Wie die Nachttiere in der Finsternis 190 sehen, sieht er in den

Dämmerzuständen klarer wie andere am lichten Tag. In den feurigen Elementen,

wo andere verbrennen, wird ihm erst wahre, wohlige Wärme des Gefühls; er ist

weit über die gesunde Seele hinaus gewachsen und hat in der kranken gehaust

und damit im tiefsten Geheimnis des Lebens. Atemnah hat er dem Wahnsinn ins

Gesicht geleuchtet, wie ein Mondsüchtiger ist er sicher über die Spitzen des

Gefühls geschritten, von denen die Wachenden und Wissenden in Ohnmacht

abstürzen. Dostojewski ist tiefer in die Unterwelt des Unbewußten gedrungen als

die Ärzte, die Juristen, die Kriminalisten und Psychopathen. Alles was die

Wissenschaft erst später entdeckte und benannte, was sie in Experimenten

gleichsam wie mit einem Skalpell von toter Erfahrung losschabte, alle die

telepathischen, hysterischen, halluzinativen, perversen Phänomene, hat er voraus

geschildert aus jener mystischen Fähigkeit des hellseherischen Mitwissens und

Mitleidens. Bis an den Rand des Wahnsinns (den Exzeß des Geistes), bis an die

Klippe des Verbrechens (den Exzeß des Gefühls) hat er den Phänomenen der

Seele nachgespürt und unendliche Strecken seelischen Neulandes damit

durchschritten. Eine alte Wissenschaft schlägt mit ihm das letzte Blatt zu in ihrem Buch, Dostojewski beginnt in der Kunst eine neue Psychologie.

Eine neue Psychologie: denn auch die Wissenschaft der Seele hat ihre

Methoden, auch die Kunst, die vorerst durch die Zeiten eine unendliche Einheit

scheint, ewig neue Gesetze. Auch hier gibt es Wandlungen des Wissens,

Fortschritte des Erkennens durch immer neue Auflösung und Determinierung,

und so wie etwa die Chemie durch Experimente die Anzahl der Urelemente, der

anscheinend unteilbaren, immer mehr verringert hat und im scheinbar 191

Einfachen noch die Zusammensetzungen erkennt, so löst die Psychologie durch

immer weiter schreitende Differenzierung die Einheit des Gefühls in eine

Unendlichkeit von Trieb und Widertrieb auf. Trotz aller vorausschauenden

Genialität einiger einzelner Menschen ist eine Grenzlinie zwischen der alten

Psychologie und der neuen nicht zu verkennen. Von Homer und weit bis nach

Shakespeare gibt es eigentlich nur die Psychologie der Einlinigkeit. Der Mensch

ist noch Formel, eine Eigenschaft in Fleisch und Knochen: Odysseus ist listig,

Achilles mutig, Ajax zornvoll, Nestor weise ... jede Entschließung, jede Tat

dieser Menschen liegt klar und offen in der Schußfläche ihres Willens. Und noch

Shakespeare, der Dichter an der Wende der alten und der neuen Kunst, zeichnet

seine Menschen so, daß immer eine Dominante die widerstreitende Melodik

ihres Wesens auffängt. Aber gerade er ist es auch, der den ersten Menschen aus

dem seelischen Mittelalter in unsere neuzeitliche Welt voraussendet. In seinem

Hamlet erschafft er die erste problematische Natur, den Ahnherrn des modernen

differenzierten Menschen. Hier ist zum ersten Male im Sinne der neuen

Psychologie der Wille durch Hemmungen gebrochen, der Spiegel der

Selbstbetrachtung in die Seele selbst gestellt, der um sich selbst wissende

Mensch gestaltet, der zwiefach lebt, außen und innen zugleich, im Handeln

denkend, im Denken sich verwirklichend. Hier lebt der Mensch zum erstenmal

sein Leben, wie wir es fühlen, fühlt, wie wir Gegenwärtigen fühlen, freilich noch

aus einer Dämmerung des Bewußtseins heraus: noch ist er, der Dänenprinz,

umwoben vom Requisit einer abergläubischen Welt, noch wirken Zaubertränke

und Geister auf seinen beunruhigten Sinn, statt bloß Wahn und Ahnung. Aber

doch, hier ist 192 er schon vollendet, das ungeheuere psychologische

Geschehnis der Verzweifachung des Gefühls. Der neue Kontinent der Seele ist

entdeckt, die zukünftigen Forscher haben freie Bahn. Der romantische Mensch

Byrons, Goethes, Shelleys, Child Harold und Werther, den leidenschaftlichen

Widerspruch seines Wesens zur nüchternen Welt im ewigen Gegensatz

empfindend, fördert durch seine Unruhe die chemische Zersetzung der Gefühle.

Die exakte Wissenschaft gibt inzwischen noch manche wertvolle

Einzelerkenntnis. Dann kommt Stendhal. Er weiß schon mehr als alle früheren

von der kristallinischen Bildung der Gefühle, der Vieldeutigkeit und Verwandlungsfähigkeit der Empfindungen. Er ahnt den geheimnisvollen

Widerstreit der Brust um jeden einzelnen ihrer Entschlüsse. Aber die seelische

Trägheit seines Genies, die spaziergängerische Lässigkeit seines Charakters

vermögen noch nicht die ganze Dynamik des Unbewußten zu erhellen.

Erst Dostojewski, der große Zerstörer der Einheit, der ewige Dualist, dringt

ein in das Geheimnis. Er oder keiner schafft die vollkommene Analyse des

Gefühls. Bei Dostojewski ist die Einheit des Gefühls in eine Masse zerrissen, als

wäre seinen Menschen eine andere Seele eingebaut wie all den früheren. Die

kühnsten Seelenanalysen aller Dichter vor ihm scheinen irgendwie

oberflächenhaft neben seinen Differenzierungen, sie wirken, wie etwa ein

Lehrbuch der Elektrotechnik wirken mag, das 30 Jahre alt ist, in dem eben nur

die Anfangsgründe angedeutet und das Wesentliche noch nicht einmal geahnt ist.

Nichts ist in seiner Seelensphäre einfaches Gefühl, unteilbares Element – alles

Konglomerat, Zwischengangsform, Durchgangsform, Übergangsform. In

unendlicher Verkehrung und Verwirrung taumelt und schwankt die Empfindung

zur Tat, ein 193 rasender Tausch von Wille und Wahrheit schüttelt die

Gefühle durcheinander. Immer meint man, schon am letzten Grunde eines

Entschlusses, eines Begehrens angelangt zu sein, und immer wieder deutet es

wieder weiter zurück in ein anderes. Haß, Liebe, Wollust, Schwäche, Eitelkeit,

Stolz, Herrschgier, Demut, Ehrfurcht, alle Triebe sind ineinander verschlungen

in ewigen Verwandlungen. Die Seele ist eine Wirrnis, ein heiliges Chaos in

Dostojewskis Werk. Es gibt bei ihm Trunkenbolde aus Sehnsucht nach Reinheit,

Verbrecher aus Gier nach der Reue, Mädchenschänder aus Verehrung der

Unschuld, Gotteslästerer aus religiösem Bedürfnis. Wenn seine Menschen

begehren, tun sie es ebenso aus Hoffnung auf Zurückgestoßensein wie auf

Erfüllung. Ihr Trotz, faltet man ihn ganz auf, ist nichts anderes als eine

verborgene Scham, ihre Liebe ein verkümmerter Haß, ihr Haß eine verborgene

Liebe. Gegensatz befruchtet den Gegensatz. Es gibt bei ihm Lüstlinge aus Gier

nach dem Leiden und wieder Selbstquäler aus Gier nach der Lust, in rasendem

Kreislauf dreht sich der Wirbel ihres Wollens. In der Begierde genießen sie

schon den Genuß, im Genuß schon den Ekel, in der Tat genießen sie die Reue

und in der Reue wieder, rückfühlend, die Tat. Es gibt gleichsam ein Oben und

Unten, eine Vervielfachung der Empfindungen bei ihnen. Die Taten ihrer Hände

sind nicht die ihrer Herzen, die Sprache ihrer Herzen wieder nicht die ihrer

Lippen, jedes einzelne Gefühl ist so Zerspaltenheit, Vielfalt und Vieldeutigkeit.

Nie wird es gelingen, bei Dostojewski eine Einheit des Gefühls zu fassen, nie

einen Menschen im Netz eines Sprachbegriffes zu fangen. Man nenne Fedor

Karamasoff einen Wüstling: der Begriff scheint ihn zu erschöpfen, aber doch, ist

nicht Swidrigailoff auch einer und jener 194 namenlose Student in den „Werdenden“, und doch: welche Welt zwischen ihnen und ihren Gefühlen! Bei

Swidrigailoff ist die Wollust eine kalte, seelenlose Ausschweifung, er ist der

berechnende Taktiker seiner Unzucht. Karamasoffs Wollust wieder ist

Lebenslust, Ausschweifung bis zur Selbstbeschmutzung betrieben, ein tiefer

Trieb, sich in das Niederste des Lebens noch einzumengen, nur weil es Leben ist,

sein Unterstes, seinen Absud noch zu genießen aus einer Ekstase der Vitalität.

Jener ist Wollüstling aus Mangel, der andere aus Exzeß des Gefühls, was bei

diesem kranke Erregung des Geistes, ist bei jenem eine chronische Entzündung.

Swidrigailoff wieder ist der Mittelmensch der Wollust, der „Lasterchen“ hat statt

der Laster, ein kleines schmutziges Tierchen, ein Insekt der Sinne, und jener, der

namenlose Student der „Werdenden“, wiederum ist Perversion geistiger Bosheit

ins Sexuelle. Man sieht, Welten des Gefühls stehen zwischen diesen Menschen,

die sonst ein einziger Begriff zusammenfaßt, und so wie hier die Wollust

differenziert ist und aufgelöst in ihre geheimnisvollen Verwurzlungen und

Komponenten, so ist bei Dostojewski jedes Gefühl, jeder Trieb immer

zurückgeführt in die letzte Tiefe, in den Ursprung aller Kraftströmung, in jenen

letzten Gegensatz zwischen Ich und Welt, Behauptung und Hingabe, Stolz und

Demut, Verschwendung und Sparsamkeit, Vereinzelung und Gemeinschaft,

zentripetale und zentrifugale Kraft, Selbststeigerung oder Selbstvernichtung, Ich

oder Gott. Man mag die Gegensatzpaare nennen, wie es der Augenblick fordert,

immer sind es letzte, sind es Urgefühle jener Welt zwischen Geist und Fleisch.

Nie haben wir vor ihm von dieser wimmelnden Vielfalt des Gefühls, von unserer

seelischen Gemengtheit so viel gewußt.

195 Am überraschendsten aber wird diese Auflösung des Gefühls bei

Dostojewski in der Liebe. Es ist die Tat seiner Taten, daß er den Roman, ja die

ganze Literatur, die seit Hunderten von Jahren, seit der Antike, immer nur in

diesem Zentralgefühl zwischen Mann und Weib, als in den Urquell alles Seins

gemündet hatte, noch tiefer hinab, noch höher hinauf, in letzte Erkenntnisse

geführt hat. Liebe, anderen Dichtern der Endzweck des Lebens, das

Erzählungsziel des Kunstwerkes, ihm ist sie nicht Urelement, sondern nur Stufe

des Lebens. Für die anderen dröhnt die glorreiche Sekunde der Versöhnung, der

Ausgleich aller Widerstreite im Augenblicke, wo Seele und Sinne, Geschlecht

und Geschlecht sich restlos in himmlische Gefühle lösen. Im letzten Grunde ist

bei ihnen, den anderen Dichtern, der Lebenskonflikt lächerlich primitiv im

Vergleich zu Dostojewski. Liebe rührt den Menschen an, ein Zauberstab aus

göttlicher Wolke, Geheimnis, die große Magie, unerklärbar, unerläuterbar, letztes

Mysterium des Lebens. Und der Liebende liebt: er ist glücklich, erlangt er die

Begehrte, er ist unglücklich, erlangt er sie nicht. Wiedergeliebt sein ist der

Himmel der Menschheit bei allen Dichtern. Aber Dostojewskis Himmel sind höher. Umarmung ist bei ihm noch nicht Vereinigung, Harmonie noch nicht die

Einheit. Für ihn ist Liebe nicht ein Glückszustand, ein Ausgleich, sondern

erhobener Streit, intensiveres Schmerzen der ewigen Wunde und darum ein

Leidensmoment, ein stärkeres Am-Leben-leiden als in den gemeinen

Augenblicken. Wenn Dostojewskis Menschen einander lieben, so ruhen sie

nicht. Im Gegenteil, nie sind seine Menschen mehr durchschüttelt von allem

Widerstreit ihres Wesens als im Augenblick, da Liebe sich von Liebe erwidert

fühlt, denn sie lassen sich nicht versinken 196 in ihrem Überschwang,

sondern suchen ihn zu übersteigern. Sie machen, echte Kinder seiner

Entzweiung, nicht halt in dieser letzten Sekunde. Sie verachten die sanfte

Gleichung des Augenblicks (den alle anderen als den schönsten ersehnen), daß

Geliebter und Geliebte sich gleich stark lieben und geliebt werden, weil dies

Harmonie wäre, ein Ende, eine Grenze, und sie leben nur für das Grenzenlose.

Dostojewskis Menschen wollen nicht ebenso lieben wie sie geliebt werden: sie

wollen immer nur lieben und wollen das Opfer sein, derjenige, der mehr gibt,

derjenige, der weniger empfängt, und sie steigern einander in wahnsinnigen

Lizitationen des Gefühls, bis es gleichsam ein Keuchen, ein Stöhnen, ein Kampf,

eine Qual wird, was als sanftes Spiel begann. In rasender Verwandlung sind sie

dann glücklich, wenn sie zurückgestoßen, wenn sie verhöhnt, wenn sie verachtet

werden, denn dann sind sie es ja, die geben, unendlich geben und nichts dafür

verlangen, und darum ist bei ihm, dem Meister der Gegensätze, der Haß immer

so ähnlich der Liebe und die Liebe immer so ähnlich dem Haß. Aber auch in den

kurzen Intervallen, da sie einander gleichsam konzentriert lieben, ist die Einheit

des Gefühls noch einmal gesprengt, denn nie können Dostojewskis Menschen

gleichzeitig mit den geschlossenen Kräften ihrer Sinne und Seele einander

lieben. Sie lieben mit der einen oder mit der anderen, nie ist Fleisch und Geist

bei ihnen in Harmonie. Man sehe nur auf seine Frauen: alle sind sie Kundrys,

gleichzeitig in zwei Welten des Gefühles lebend, mit ihrer Seele dem heiligen

Gral dienend und gleichzeitig wollüstig ihren Leib verbrennend in den

Blumenhainen Titurels. Das Phänomen der Doppelliebe, eines der

kompliziertesten bei anderen Dichtern, ist ein alltägliches, ein

selbstverständliches bei Dostojewski. Nastassja Philipowna 197 liebt in ihrem

spirituellen Wesen Myschkin, den sanften Engel, und liebt gleichzeitig mit

geschlechtlicher Leidenschaft Rogoschin, seinen Feind. Vor der Kirchentür reißt

sie sich von dem Fürsten los in das Bett des anderen, vom Gelage des Trunkenen

stürzt sie zurück zu ihrem Heiland. Ihr Geist steht gleichsam oben und sieht

erschreckt zu, was unten ihr Körper treibt, ihr Körper schläft gleichsam im

hypnotischen Schlaf, während ihre Seele sich in Ekstase dem anderen zuwendet.

Und ebenso Gruschenka, sie liebt gleichzeitig und haßt ihren ersten Verführer, liebt in Leidenschaft ihren Dimitri und mit ihrer Verehrung schon ganz

unkörperlich Aljoscha. Die Mutter des „Jünglings“ liebt aus Dankbarkeit ihren

ersten Mann und gleichzeitig aus Sklaverei, aus übersteigerter Demut Wersiloff.

Unendlich, unermeßlich sind die Verwandlungen des Begriffes, den die anderen

Psychologen unter dem Namen „Liebe“ leichtfertig zusammenfaßten, so wie

Ärzte vergangener Zeiten ganze Gruppen von Krankheiten in einen Namen

drängten, für die wir heute hundert Namen und hundert Methoden haben. Liebe

kann bei Dostojewski verwandelter Haß sein (Alexandra), Mitleid (Dunia), Trotz

(Rogoschin), Sinnlichkeit (Fedor Karamasoff), Selbstvergewaltigung, immer

aber steht hinter der Liebe noch ein anderes Gefühl, ein Urgefühl. Nie ist Liebe

bei ihm elementar, unteilbar, unerklärbar, Urphänomen, Wunder: immer erklärt,

zerlegt er das leidenschaftlichste Gefühl. O, unendlich, unendlich diese

Verwandlungen, und jede einzelne wieder in allen Farben schillernd, von Kälte

zu Frost erstarrend und wieder erglühend, unendlich und undurchdringlich wie

die Vielfalt des Lebens. Ich will nur erinnern an Katerina Iwanowna. Sie sieht

Dimitri auf einem Ball, er läßt sich ihr vorstellen, er beleidigt 198 sie, und sie

haßt ihn. Er nimmt Rache, er erniedrigt sie, – und sie liebt ihn, oder eigentlich

sie liebt nicht ihn, sondern die Erniedrigung, die er ihr zugefügt. Sie opfert sich

ihm auf und meint ihn zu lieben, aber sie liebt nur ihre eigene Aufopferung, liebt

ihre eigene Pose der Liebe, und je mehr sie ihn so zu lieben scheint, um so mehr

haßt sie ihn wieder. Und dieser Haß fährt los auf sein Leben und zerstört es, und

in dem Augenblick, wo sie es zerstört hat, wo gleichsam ihre Aufopferung sich

als Lüge offenbart, ihre Erniedrigung gerächt ist, – liebt sie ihn wieder! So

kompliziert ist bei Dostojewski ein Liebesverhältnis. Wie es vergleichen mit den

Büchern, die schon bei der letzten Seite sind, wenn die beiden einander lieben

und durch alle Fährnisse des Lebens sich gefunden haben? Wo die anderen

enden, beginnen erst die Tragödien Dostojewskis, denn er will nicht Liebe, nicht

laue Aussöhnung der Geschlechter als Sinn und Triumph der Welt. Er knüpft

wieder an die große Tradition der Antike an, wo nicht ein Weib zu erringen,

sondern die Welt und alle Götter zu bestehen, Sinn und Größe eines Schicksals

war. Bei ihm hebt sich der Mensch wieder auf, nicht mit dem Blick zu den

Frauen, sondern mit der offenen Stirne zu seinem Gott. Seine Tragödie ist größer

als die von Geschlecht zu Geschlecht und vom Mann zum Weib.

Hat man nun Dostojewski in dieser Tiefe der Erkenntnis, in dieser restlosen

Auflösung der Empfindung erkannt, so weiß man: es gibt von ihm keinen Weg

wieder zurück ins Vergangene. Will eine Kunst wahrhaft sein, so darf sie von

nun an nicht die kleinen Heiligenbilder des Gefühls aufstellen, die er

zerschlagen, nie mehr den Roman in die kleinen Kreise der Gesellschaft und

Gefühle sperren, nie mehr das geheimnisvolle Zwischenreich der Seele verschatten 199 wollen, das er durchleuchtet. Als erster hat er uns die Ahnung

des Menschen gegeben, die Wir als erste selbst sind, im Gegensatz zu der

Vergangenheit, differenzierter im Gefühl, weil beladener mit mehr Erkenntnis als

alle früheren. Niemand kann ermessen, um wie viel wir in den fünfzig Jahren

seit seinen Büchern den Dostojewskischen Menschen schon ähnlicher geworden

sind, wie viele Prophezeiungen sich schon in unserem Blute, in unserem Geiste

von seiner Ahnung erfüllen. Das Neuland, das er als erster beschritten, ist

vielleicht schon unser Land, die Grenzen, die er überwunden, unsere sichere

Heimat.

Unendliches aus unserer letzten Wahrheit, die wir jetzt erleben, hat er uns

prophetisch aufgetan. Er hat der Tiefe des Menschen ein neues Maß gegeben: nie

hat ein Sterblicher vor ihm so viel vom unsterblichen Geheimnis der Seele

gewußt. Aber wunderbar: so sehr er unser Wissen um uns selbst erweitert, so

viel wir an ihm gelernt, nie verlernen wir an seiner Erkenntnis das hohe Gefühl,

demütig zu sein und das Leben als etwas Dämonisches zu empfinden. Daß wir

bewußter wurden durch ihn, hat uns nicht freier gemacht, sondern nur

gebundener. Denn so wenig die modernen Menschen den Blitz, seit sie ihn als

elektrisches Phänomen, als Spannung und Entladung der Atmosphäre erkennen

und benennen, als minder gewaltig empfinden wie die vorherigen Geschlechter,

so wenig kann unsere erhöhte Erkenntnis des seelischen Mechanismus im

Menschen die Ehrfurcht vor der Menschheit vermindern. Gerade Dostojewski,

der alle Einzelheiten der Seele uns wissend zeigte, dieser große Zerleger, dieser

Anatom des Gefühles, gibt gleichzeitig tieferes, universaleres Weltgefühl als alle

Dichter unserer Zeit. Und der so tief den 200 Menschen gekannt wie keiner

vor ihm, hat wie keiner Ehrfürchtigkeit vor dem Unbegreiflichen, das ihn

gestaltet: vor dem Göttlichen, vor Gott.