Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski
Der Überschreiter der Grenzen
Vollendung gehetzt dem ewig Endlosen zu; mit ihren abgebrochenen Türmen,
den nicht zu Ende gebauten (denn die Karamasoff ebenso wie der Raskolnikoff
versprechen beide einen zweiten, nie geschriebenen Teil), ragen seine
Romanbauten in den Himmel der Religion, in das Gewölk der ewigen Fragen.
Nennen wir sie nicht Roman mehr und werten wir sie nicht mit epischem Maß:
sie sind längst nicht mehr Literatur, sondern irgendwie geheime Anfänge,
prophetische Vorklänge, Präludien und Prophetien eines Mythus vom neuen
Menschen. So sehr er die Kunst liebt, Dostojewski, sie ist ihm nicht das Letzte,
und wie alle seine erlauchten russischen Ahnen empfindet er sie nur als Brücke
des Bekenntnisses vom Menschen zu Gott. Erinnern wir uns nur: Gogol wirft
nach den „Toten Seelen“ die Literatur fort und wird Mystiker, geheimnisvoller
Bote des neuen Rußlands, Tolstoi verflucht, ein Sechzigjähriger, die Kunst, die
eigene und die fremde, und wird Evangelist der Güte und Gerechtigkeit, Gorki
verzichtet auf den Ruhm und wird Verkünder der Revolution. Dostojewski hat
bis zur letzten Stunde die Feder nicht gelassen, aber was er gestaltet, ist längst
nicht mehr ein Kunstwerk im irdischen engen Sinne, sondern das Evangelium
des Dritten Reiches, irgendein Mythus der neuen russischen Welt, eine
apokalyptische Verkündung, dunkel und rätselhaft. Kunst war dem ewig
Ungenügsamen nur ein Anfang, und sein Ende war im Endlosen. Sie war ihm
nur eine Stufe und nicht der Tempel selbst. In der Vollkommenheit seiner Werke
ist noch ein Größeres, das sich in Worte nicht mehr gestaltet, und eben weil dies
Letzte in ihnen nur geahnt und nicht in vergängliche Form gegossen ist, sind sie
Wege zur Vollendung des Menschen und der Menschheit.
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DER ÜBERSCHREITER DER GRENZEN
„Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß.“
Goethe
Tradition ist steinerne Grenze von Vergangenheiten um die Gegenwart: wer
ins Zukünftige will, muß sie überschreiten. Denn die Natur will kein Innehalten
im Erkennen. Zwar scheint sie Ordnung zu fordern und liebt doch nur den, der
sie zerstört um einer neuen Ordnung willen. Immer schafft sie sich in einzelnen
Menschen durch Übermaß ihrer eigenen Kräfte jene Konquistadoren, die von
den heimischen Ländern der Seele in die dunklen Ozeane des Unbekannten
hinausfahren zu neuen Zonen des Herzens, neuen Sphären des Geistes. Ohne
diese kühnen Überschreiter wäre die Menschheit in sich gefangen, ihre Entwicklung ein Kreisgang. Ohne diese großen Boten, in denen sie sich
gleichsam selbst vorauseilt, wäre jede Generation unkund ihres Weges. Ohne
diese großen Träumer wüßte die Menschheit nicht um ihren tiefsten Sinn. Nicht
die ruhigen Erkenner, die Geographen der Heimat, haben die Welt weit gemacht,
sondern die Desperados, die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien fuhren:
nicht die Psychologen, die Wissenschaftler, haben die moderne Seele in ihrer
Tiefe erkannt, sondern die Maßlosen unter den Dichtern, die Überschreiter der
Grenzen.
Von diesen großen Grenzüberschreitern der Literatur ist Dostojewski in
unseren Tagen der größte gewesen, und keiner hat so viel Neuland der Seele
entdeckt als dieser Ungestüme, dieser Maßlose, dem nach seinem eignen Wort
„das Unermeßliche und Unendliche so notwendig war wie die Erde selbst“.
Nirgends hat er innegehalten, „überall habe ich die Grenze überschritten,“
schreibt er stolz und selbstanklagend in einem Briefe, „überall“. Und unmöglich
188 ist es fast, alle seine Taten aufzuzählen, die Wanderungen über die eisigen
Grate des Gedankens, die Niederstiege zu den verborgensten Quellen des
Unbewußten, die Aufstiege, die gleichsam traumwandlerischen Aufstiege zu den
schwindelnden Gipfeln des Selbsterkennens. Wo kein gewöhnlicher Weg war, er
hat ihn beschritten, wo Labyrinth und Wirrnis war, am liebsten gelebt. Nie hat
die Menschheit zuvor so tief den Mechanismus und die Mystik ihres seelischen
Wesens erkannt, sie ist wacher und bewußter geworden in seinem Blick und
gleichzeitig geheimnisvoller und göttlicher in seinem Gefühl. Ohne ihn, den
großen Überschreiter alles Maßes, wüßte die Menschheit weniger um ihr
eingeborenes Geheimnis, weiter als je blicken wir von der Höhe seines Werkes
in das Zukünftige hinein.
Die erste Grenze, die Dostojewski durchstieß, die erste Ferne, die er uns
auftat, war Rußland. Er hat seine Nation für die Welt entdeckt, unser
europäisches Bewußtsein erweitert, als erster die Seele des Russen uns als
Fragment und als ein Kostbarstes der Weltseele erkennen lassen. Vor ihm
bedeutete Rußland für Europa eine Grenze: den Übergang gegen Asien, einen
Fleck Landkarte, ein Stück Vergangenheit unserer eigenen barbarischen,
überwundenen Kulturkindheit. Er aber zeigte als erster uns die zukünftige Kraft
in dieser Öde, seit ihm fühlen wir Rußland als eine Möglichkeit neuer
Religiosität, als ein kommendes Wort im großen Gedichte der Menschheit. Er
hat das Herz der Welt so reicher gemacht um eine Erkenntnis und um eine
Erwartung. Puschkin (der uns ja schlecht zugänglich ist, weil sein poetisches
Medium in jeder Übertragung die elektrische Kraft verliert) hat uns nur die
russische Aristokratie gezeigt, Tolstoi wiederum den einfachen, 189
patriarchalischen bäurischen Menschen, die Wesen der alten, abgeteilten, abgelebten Welt. Erst er entzündet uns die Seele mit der Verkündung neuer
Möglichkeiten, erst er entflammt den Genius dieser neuen Nation und läßt uns
fast sehnsüchtig werden, daß dieser glühende Tropfen Weltkindheit und
Seelenanfang seines Russenvolkes in die müde, stagnierende Welt des alten
Europa einglühe. Und gerade in diesem Kriege haben wir gefühlt, daß wir alles,
was wir von Rußland wußten, nur durch ihn wußten und daß er es uns möglich
gemacht, dieses Feindesland auch als Bruderland der Seele zu empfinden.
Aber tiefer noch und bedeutsamer als diese kulturelle Erweiterung des
Weltwissens um die Idee Rußlands (denn diese hätte vielleicht schon Puschkin
erreicht, wäre ihm nicht im 37. Jahre die Duellkugel durch die Brust gefahren)
ist jene ungeheure Erweiterung unseres seelischen Selbstwissens, die ohne
Beispiel ist in der Literatur. Dostojewski ist der Psychologe der Psychologen.
Die Tiefe des menschlichen Herzens zieht ihn magisch an, das Unbewußte, das
Unterbewußte, das Unergründliche ist seine wahre Welt. Seit Shakespeare haben
wir nicht soviel vom Geheimnis des Gefühls und den magischen Gesetzen seiner
Verschränkung gelernt, und wie Odysseus, der einzige, der vom Hades
wiederkehrte, von der unterirdischen Welt, erzählt er von der Unterwelt der
Seele. Denn auch er, wie Odysseus, war begleitet von einem Gotte, von einem
Dämon. Seine Krankheit, ihn aufreißend zu Höhen des Gefühls, die der gemeine
Sterbliche nicht erreicht, ihn niederschmetternd in Zustände der Angst und des
Grauens, die schon jenseits des Lebens liegen, ließen ihn erst atmen in dieser
bald frostigen, bald feurigen Atmosphäre des Unbelebten und Überlebendigen.
Wie die Nachttiere in der Finsternis 190 sehen, sieht er in den
Dämmerzuständen klarer wie andere am lichten Tag. In den feurigen Elementen,
wo andere verbrennen, wird ihm erst wahre, wohlige Wärme des Gefühls; er ist
weit über die gesunde Seele hinaus gewachsen und hat in der kranken gehaust
und damit im tiefsten Geheimnis des Lebens. Atemnah hat er dem Wahnsinn ins
Gesicht geleuchtet, wie ein Mondsüchtiger ist er sicher über die Spitzen des
Gefühls geschritten, von denen die Wachenden und Wissenden in Ohnmacht
abstürzen. Dostojewski ist tiefer in die Unterwelt des Unbewußten gedrungen als
die Ärzte, die Juristen, die Kriminalisten und Psychopathen. Alles was die
Wissenschaft erst später entdeckte und benannte, was sie in Experimenten
gleichsam wie mit einem Skalpell von toter Erfahrung losschabte, alle die
telepathischen, hysterischen, halluzinativen, perversen Phänomene, hat er voraus
geschildert aus jener mystischen Fähigkeit des hellseherischen Mitwissens und
Mitleidens. Bis an den Rand des Wahnsinns (den Exzeß des Geistes), bis an die
Klippe des Verbrechens (den Exzeß des Gefühls) hat er den Phänomenen der
Seele nachgespürt und unendliche Strecken seelischen Neulandes damit
durchschritten. Eine alte Wissenschaft schlägt mit ihm das letzte Blatt zu in ihrem Buch, Dostojewski beginnt in der Kunst eine neue Psychologie.
Eine neue Psychologie: denn auch die Wissenschaft der Seele hat ihre
Methoden, auch die Kunst, die vorerst durch die Zeiten eine unendliche Einheit
scheint, ewig neue Gesetze. Auch hier gibt es Wandlungen des Wissens,
Fortschritte des Erkennens durch immer neue Auflösung und Determinierung,
und so wie etwa die Chemie durch Experimente die Anzahl der Urelemente, der
anscheinend unteilbaren, immer mehr verringert hat und im scheinbar 191
Einfachen noch die Zusammensetzungen erkennt, so löst die Psychologie durch
immer weiter schreitende Differenzierung die Einheit des Gefühls in eine
Unendlichkeit von Trieb und Widertrieb auf. Trotz aller vorausschauenden
Genialität einiger einzelner Menschen ist eine Grenzlinie zwischen der alten
Psychologie und der neuen nicht zu verkennen. Von Homer und weit bis nach
Shakespeare gibt es eigentlich nur die Psychologie der Einlinigkeit. Der Mensch
ist noch Formel, eine Eigenschaft in Fleisch und Knochen: Odysseus ist listig,
Achilles mutig, Ajax zornvoll, Nestor weise ... jede Entschließung, jede Tat
dieser Menschen liegt klar und offen in der Schußfläche ihres Willens. Und noch
Shakespeare, der Dichter an der Wende der alten und der neuen Kunst, zeichnet
seine Menschen so, daß immer eine Dominante die widerstreitende Melodik
ihres Wesens auffängt. Aber gerade er ist es auch, der den ersten Menschen aus
dem seelischen Mittelalter in unsere neuzeitliche Welt voraussendet. In seinem
Hamlet erschafft er die erste problematische Natur, den Ahnherrn des modernen
differenzierten Menschen. Hier ist zum ersten Male im Sinne der neuen
Psychologie der Wille durch Hemmungen gebrochen, der Spiegel der
Selbstbetrachtung in die Seele selbst gestellt, der um sich selbst wissende
Mensch gestaltet, der zwiefach lebt, außen und innen zugleich, im Handeln
denkend, im Denken sich verwirklichend. Hier lebt der Mensch zum erstenmal
sein Leben, wie wir es fühlen, fühlt, wie wir Gegenwärtigen fühlen, freilich noch
aus einer Dämmerung des Bewußtseins heraus: noch ist er, der Dänenprinz,
umwoben vom Requisit einer abergläubischen Welt, noch wirken Zaubertränke
und Geister auf seinen beunruhigten Sinn, statt bloß Wahn und Ahnung. Aber
doch, hier ist 192 er schon vollendet, das ungeheuere psychologische
Geschehnis der Verzweifachung des Gefühls. Der neue Kontinent der Seele ist
entdeckt, die zukünftigen Forscher haben freie Bahn. Der romantische Mensch
Byrons, Goethes, Shelleys, Child Harold und Werther, den leidenschaftlichen
Widerspruch seines Wesens zur nüchternen Welt im ewigen Gegensatz
empfindend, fördert durch seine Unruhe die chemische Zersetzung der Gefühle.
Die exakte Wissenschaft gibt inzwischen noch manche wertvolle
Einzelerkenntnis. Dann kommt Stendhal. Er weiß schon mehr als alle früheren
von der kristallinischen Bildung der Gefühle, der Vieldeutigkeit und Verwandlungsfähigkeit der Empfindungen. Er ahnt den geheimnisvollen
Widerstreit der Brust um jeden einzelnen ihrer Entschlüsse. Aber die seelische
Trägheit seines Genies, die spaziergängerische Lässigkeit seines Charakters
vermögen noch nicht die ganze Dynamik des Unbewußten zu erhellen.
Erst Dostojewski, der große Zerstörer der Einheit, der ewige Dualist, dringt
ein in das Geheimnis. Er oder keiner schafft die vollkommene Analyse des
Gefühls. Bei Dostojewski ist die Einheit des Gefühls in eine Masse zerrissen, als
wäre seinen Menschen eine andere Seele eingebaut wie all den früheren. Die
kühnsten Seelenanalysen aller Dichter vor ihm scheinen irgendwie
oberflächenhaft neben seinen Differenzierungen, sie wirken, wie etwa ein
Lehrbuch der Elektrotechnik wirken mag, das 30 Jahre alt ist, in dem eben nur
die Anfangsgründe angedeutet und das Wesentliche noch nicht einmal geahnt ist.
Nichts ist in seiner Seelensphäre einfaches Gefühl, unteilbares Element – alles
Konglomerat, Zwischengangsform, Durchgangsform, Übergangsform. In
unendlicher Verkehrung und Verwirrung taumelt und schwankt die Empfindung
zur Tat, ein 193 rasender Tausch von Wille und Wahrheit schüttelt die
Gefühle durcheinander. Immer meint man, schon am letzten Grunde eines
Entschlusses, eines Begehrens angelangt zu sein, und immer wieder deutet es
wieder weiter zurück in ein anderes. Haß, Liebe, Wollust, Schwäche, Eitelkeit,
Stolz, Herrschgier, Demut, Ehrfurcht, alle Triebe sind ineinander verschlungen
in ewigen Verwandlungen. Die Seele ist eine Wirrnis, ein heiliges Chaos in
Dostojewskis Werk. Es gibt bei ihm Trunkenbolde aus Sehnsucht nach Reinheit,
Verbrecher aus Gier nach der Reue, Mädchenschänder aus Verehrung der
Unschuld, Gotteslästerer aus religiösem Bedürfnis. Wenn seine Menschen
begehren, tun sie es ebenso aus Hoffnung auf Zurückgestoßensein wie auf
Erfüllung. Ihr Trotz, faltet man ihn ganz auf, ist nichts anderes als eine
verborgene Scham, ihre Liebe ein verkümmerter Haß, ihr Haß eine verborgene
Liebe. Gegensatz befruchtet den Gegensatz. Es gibt bei ihm Lüstlinge aus Gier
nach dem Leiden und wieder Selbstquäler aus Gier nach der Lust, in rasendem
Kreislauf dreht sich der Wirbel ihres Wollens. In der Begierde genießen sie
schon den Genuß, im Genuß schon den Ekel, in der Tat genießen sie die Reue
und in der Reue wieder, rückfühlend, die Tat. Es gibt gleichsam ein Oben und
Unten, eine Vervielfachung der Empfindungen bei ihnen. Die Taten ihrer Hände
sind nicht die ihrer Herzen, die Sprache ihrer Herzen wieder nicht die ihrer
Lippen, jedes einzelne Gefühl ist so Zerspaltenheit, Vielfalt und Vieldeutigkeit.
Nie wird es gelingen, bei Dostojewski eine Einheit des Gefühls zu fassen, nie
einen Menschen im Netz eines Sprachbegriffes zu fangen. Man nenne Fedor
Karamasoff einen Wüstling: der Begriff scheint ihn zu erschöpfen, aber doch, ist
nicht Swidrigailoff auch einer und jener 194 namenlose Student in den „Werdenden“, und doch: welche Welt zwischen ihnen und ihren Gefühlen! Bei
Swidrigailoff ist die Wollust eine kalte, seelenlose Ausschweifung, er ist der
berechnende Taktiker seiner Unzucht. Karamasoffs Wollust wieder ist
Lebenslust, Ausschweifung bis zur Selbstbeschmutzung betrieben, ein tiefer
Trieb, sich in das Niederste des Lebens noch einzumengen, nur weil es Leben ist,
sein Unterstes, seinen Absud noch zu genießen aus einer Ekstase der Vitalität.
Jener ist Wollüstling aus Mangel, der andere aus Exzeß des Gefühls, was bei
diesem kranke Erregung des Geistes, ist bei jenem eine chronische Entzündung.
Swidrigailoff wieder ist der Mittelmensch der Wollust, der „Lasterchen“ hat statt
der Laster, ein kleines schmutziges Tierchen, ein Insekt der Sinne, und jener, der
namenlose Student der „Werdenden“, wiederum ist Perversion geistiger Bosheit
ins Sexuelle. Man sieht, Welten des Gefühls stehen zwischen diesen Menschen,
die sonst ein einziger Begriff zusammenfaßt, und so wie hier die Wollust
differenziert ist und aufgelöst in ihre geheimnisvollen Verwurzlungen und
Komponenten, so ist bei Dostojewski jedes Gefühl, jeder Trieb immer
zurückgeführt in die letzte Tiefe, in den Ursprung aller Kraftströmung, in jenen
letzten Gegensatz zwischen Ich und Welt, Behauptung und Hingabe, Stolz und
Demut, Verschwendung und Sparsamkeit, Vereinzelung und Gemeinschaft,
zentripetale und zentrifugale Kraft, Selbststeigerung oder Selbstvernichtung, Ich
oder Gott. Man mag die Gegensatzpaare nennen, wie es der Augenblick fordert,
immer sind es letzte, sind es Urgefühle jener Welt zwischen Geist und Fleisch.
Nie haben wir vor ihm von dieser wimmelnden Vielfalt des Gefühls, von unserer
seelischen Gemengtheit so viel gewußt.
195 Am überraschendsten aber wird diese Auflösung des Gefühls bei
Dostojewski in der Liebe. Es ist die Tat seiner Taten, daß er den Roman, ja die
ganze Literatur, die seit Hunderten von Jahren, seit der Antike, immer nur in
diesem Zentralgefühl zwischen Mann und Weib, als in den Urquell alles Seins
gemündet hatte, noch tiefer hinab, noch höher hinauf, in letzte Erkenntnisse
geführt hat. Liebe, anderen Dichtern der Endzweck des Lebens, das
Erzählungsziel des Kunstwerkes, ihm ist sie nicht Urelement, sondern nur Stufe
des Lebens. Für die anderen dröhnt die glorreiche Sekunde der Versöhnung, der
Ausgleich aller Widerstreite im Augenblicke, wo Seele und Sinne, Geschlecht
und Geschlecht sich restlos in himmlische Gefühle lösen. Im letzten Grunde ist
bei ihnen, den anderen Dichtern, der Lebenskonflikt lächerlich primitiv im
Vergleich zu Dostojewski. Liebe rührt den Menschen an, ein Zauberstab aus
göttlicher Wolke, Geheimnis, die große Magie, unerklärbar, unerläuterbar, letztes
Mysterium des Lebens. Und der Liebende liebt: er ist glücklich, erlangt er die
Begehrte, er ist unglücklich, erlangt er sie nicht. Wiedergeliebt sein ist der
Himmel der Menschheit bei allen Dichtern. Aber Dostojewskis Himmel sind höher. Umarmung ist bei ihm noch nicht Vereinigung, Harmonie noch nicht die
Einheit. Für ihn ist Liebe nicht ein Glückszustand, ein Ausgleich, sondern
erhobener Streit, intensiveres Schmerzen der ewigen Wunde und darum ein
Leidensmoment, ein stärkeres Am-Leben-leiden als in den gemeinen
Augenblicken. Wenn Dostojewskis Menschen einander lieben, so ruhen sie
nicht. Im Gegenteil, nie sind seine Menschen mehr durchschüttelt von allem
Widerstreit ihres Wesens als im Augenblick, da Liebe sich von Liebe erwidert
fühlt, denn sie lassen sich nicht versinken 196 in ihrem Überschwang,
sondern suchen ihn zu übersteigern. Sie machen, echte Kinder seiner
Entzweiung, nicht halt in dieser letzten Sekunde. Sie verachten die sanfte
Gleichung des Augenblicks (den alle anderen als den schönsten ersehnen), daß
Geliebter und Geliebte sich gleich stark lieben und geliebt werden, weil dies
Harmonie wäre, ein Ende, eine Grenze, und sie leben nur für das Grenzenlose.
Dostojewskis Menschen wollen nicht ebenso lieben wie sie geliebt werden: sie
wollen immer nur lieben und wollen das Opfer sein, derjenige, der mehr gibt,
derjenige, der weniger empfängt, und sie steigern einander in wahnsinnigen
Lizitationen des Gefühls, bis es gleichsam ein Keuchen, ein Stöhnen, ein Kampf,
eine Qual wird, was als sanftes Spiel begann. In rasender Verwandlung sind sie
dann glücklich, wenn sie zurückgestoßen, wenn sie verhöhnt, wenn sie verachtet
werden, denn dann sind sie es ja, die geben, unendlich geben und nichts dafür
verlangen, und darum ist bei ihm, dem Meister der Gegensätze, der Haß immer
so ähnlich der Liebe und die Liebe immer so ähnlich dem Haß. Aber auch in den
kurzen Intervallen, da sie einander gleichsam konzentriert lieben, ist die Einheit
des Gefühls noch einmal gesprengt, denn nie können Dostojewskis Menschen
gleichzeitig mit den geschlossenen Kräften ihrer Sinne und Seele einander
lieben. Sie lieben mit der einen oder mit der anderen, nie ist Fleisch und Geist
bei ihnen in Harmonie. Man sehe nur auf seine Frauen: alle sind sie Kundrys,
gleichzeitig in zwei Welten des Gefühles lebend, mit ihrer Seele dem heiligen
Gral dienend und gleichzeitig wollüstig ihren Leib verbrennend in den
Blumenhainen Titurels. Das Phänomen der Doppelliebe, eines der
kompliziertesten bei anderen Dichtern, ist ein alltägliches, ein
selbstverständliches bei Dostojewski. Nastassja Philipowna 197 liebt in ihrem
spirituellen Wesen Myschkin, den sanften Engel, und liebt gleichzeitig mit
geschlechtlicher Leidenschaft Rogoschin, seinen Feind. Vor der Kirchentür reißt
sie sich von dem Fürsten los in das Bett des anderen, vom Gelage des Trunkenen
stürzt sie zurück zu ihrem Heiland. Ihr Geist steht gleichsam oben und sieht
erschreckt zu, was unten ihr Körper treibt, ihr Körper schläft gleichsam im
hypnotischen Schlaf, während ihre Seele sich in Ekstase dem anderen zuwendet.
Und ebenso Gruschenka, sie liebt gleichzeitig und haßt ihren ersten Verführer, liebt in Leidenschaft ihren Dimitri und mit ihrer Verehrung schon ganz
unkörperlich Aljoscha. Die Mutter des „Jünglings“ liebt aus Dankbarkeit ihren
ersten Mann und gleichzeitig aus Sklaverei, aus übersteigerter Demut Wersiloff.
Unendlich, unermeßlich sind die Verwandlungen des Begriffes, den die anderen
Psychologen unter dem Namen „Liebe“ leichtfertig zusammenfaßten, so wie
Ärzte vergangener Zeiten ganze Gruppen von Krankheiten in einen Namen
drängten, für die wir heute hundert Namen und hundert Methoden haben. Liebe
kann bei Dostojewski verwandelter Haß sein (Alexandra), Mitleid (Dunia), Trotz
(Rogoschin), Sinnlichkeit (Fedor Karamasoff), Selbstvergewaltigung, immer
aber steht hinter der Liebe noch ein anderes Gefühl, ein Urgefühl. Nie ist Liebe
bei ihm elementar, unteilbar, unerklärbar, Urphänomen, Wunder: immer erklärt,
zerlegt er das leidenschaftlichste Gefühl. O, unendlich, unendlich diese
Verwandlungen, und jede einzelne wieder in allen Farben schillernd, von Kälte
zu Frost erstarrend und wieder erglühend, unendlich und undurchdringlich wie
die Vielfalt des Lebens. Ich will nur erinnern an Katerina Iwanowna. Sie sieht
Dimitri auf einem Ball, er läßt sich ihr vorstellen, er beleidigt 198 sie, und sie
haßt ihn. Er nimmt Rache, er erniedrigt sie, – und sie liebt ihn, oder eigentlich
sie liebt nicht ihn, sondern die Erniedrigung, die er ihr zugefügt. Sie opfert sich
ihm auf und meint ihn zu lieben, aber sie liebt nur ihre eigene Aufopferung, liebt
ihre eigene Pose der Liebe, und je mehr sie ihn so zu lieben scheint, um so mehr
haßt sie ihn wieder. Und dieser Haß fährt los auf sein Leben und zerstört es, und
in dem Augenblick, wo sie es zerstört hat, wo gleichsam ihre Aufopferung sich
als Lüge offenbart, ihre Erniedrigung gerächt ist, – liebt sie ihn wieder! So
kompliziert ist bei Dostojewski ein Liebesverhältnis. Wie es vergleichen mit den
Büchern, die schon bei der letzten Seite sind, wenn die beiden einander lieben
und durch alle Fährnisse des Lebens sich gefunden haben? Wo die anderen
enden, beginnen erst die Tragödien Dostojewskis, denn er will nicht Liebe, nicht
laue Aussöhnung der Geschlechter als Sinn und Triumph der Welt. Er knüpft
wieder an die große Tradition der Antike an, wo nicht ein Weib zu erringen,
sondern die Welt und alle Götter zu bestehen, Sinn und Größe eines Schicksals
war. Bei ihm hebt sich der Mensch wieder auf, nicht mit dem Blick zu den
Frauen, sondern mit der offenen Stirne zu seinem Gott. Seine Tragödie ist größer
als die von Geschlecht zu Geschlecht und vom Mann zum Weib.
Hat man nun Dostojewski in dieser Tiefe der Erkenntnis, in dieser restlosen
Auflösung der Empfindung erkannt, so weiß man: es gibt von ihm keinen Weg
wieder zurück ins Vergangene. Will eine Kunst wahrhaft sein, so darf sie von
nun an nicht die kleinen Heiligenbilder des Gefühls aufstellen, die er
zerschlagen, nie mehr den Roman in die kleinen Kreise der Gesellschaft und
Gefühle sperren, nie mehr das geheimnisvolle Zwischenreich der Seele verschatten 199 wollen, das er durchleuchtet. Als erster hat er uns die Ahnung
des Menschen gegeben, die Wir als erste selbst sind, im Gegensatz zu der
Vergangenheit, differenzierter im Gefühl, weil beladener mit mehr Erkenntnis als
alle früheren. Niemand kann ermessen, um wie viel wir in den fünfzig Jahren
seit seinen Büchern den Dostojewskischen Menschen schon ähnlicher geworden
sind, wie viele Prophezeiungen sich schon in unserem Blute, in unserem Geiste
von seiner Ahnung erfüllen. Das Neuland, das er als erster beschritten, ist
vielleicht schon unser Land, die Grenzen, die er überwunden, unsere sichere
Heimat.
Unendliches aus unserer letzten Wahrheit, die wir jetzt erleben, hat er uns
prophetisch aufgetan. Er hat der Tiefe des Menschen ein neues Maß gegeben: nie
hat ein Sterblicher vor ihm so viel vom unsterblichen Geheimnis der Seele
gewußt. Aber wunderbar: so sehr er unser Wissen um uns selbst erweitert, so
viel wir an ihm gelernt, nie verlernen wir an seiner Erkenntnis das hohe Gefühl,
demütig zu sein und das Leben als etwas Dämonisches zu empfinden. Daß wir
bewußter wurden durch ihn, hat uns nicht freier gemacht, sondern nur
gebundener. Denn so wenig die modernen Menschen den Blitz, seit sie ihn als
elektrisches Phänomen, als Spannung und Entladung der Atmosphäre erkennen
und benennen, als minder gewaltig empfinden wie die vorherigen Geschlechter,
so wenig kann unsere erhöhte Erkenntnis des seelischen Mechanismus im
Menschen die Ehrfurcht vor der Menschheit vermindern. Gerade Dostojewski,
der alle Einzelheiten der Seele uns wissend zeigte, dieser große Zerleger, dieser
Anatom des Gefühles, gibt gleichzeitig tieferes, universaleres Weltgefühl als alle
Dichter unserer Zeit. Und der so tief den 200 Menschen gekannt wie keiner
vor ihm, hat wie keiner Ehrfürchtigkeit vor dem Unbegreiflichen, das ihn
gestaltet: vor dem Göttlichen, vor Gott.