Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski

Stefan Zweig · Kapitel 2 von 14

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Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski

Drei Meister

 

B A L Z A C * D I C K E N S

 

D O S TO J E W S K I

 

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I M I N S E L - V E R L A G Z U L E I P Z I G

ROMAIN ROLLAND

als Dank

für seine unerschütterliche Freundschaft

in lichten und dunklen Jahren

O BWOHL in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden, bindet doch kein Zufall diese drei Versuche über Balzac, Dickens und Dostojewski zu einem

Buche zusammen. Einheitliche Absicht versucht die drei großen und in meinem

Sinne einzigen Romanschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts als Typen zu

zeigen, die eben durch den Kontrast ihrer Persönlichkeiten einander ergänzen

und vielleicht den Begriff des epischen Weltbildners, des Romanciers, zu einer

deutlichen Form erheben.

Nenne ich Balzac, Dickens und Dostojewski hier die einzigen großen

Romanschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts, so verkenne ich in dieser

Voranstellung keineswegs die Größe einzelner Werke Goethes, Gottfried Kellers,

Stendhals, Flauberts, Tolstois, Victor Hugos und anderer, von denen mancher

einzelne Roman oftmals das abgesonderte Werk insbesondere Balzacs und

Dickens' weitaus übertrifft. Und ich glaube, meinen innerlichen und

unerschütterlichen Unterschied zwischen dem Verfasser eines Romanes und dem

Romancier darum ausdrücklich feststellen zu müssen. Romanschriftsteller im

letzten, im höchsten Sinne ist nur das enzyklopädische Genie, der universale

Künstler, der – hier wird Breite des Werkes und Fülle der Figuren zum

Argument – einen ganzen Kosmos baut, der eine eigene Welt mit eigenen Typen,

eigenen Gravitationsgesetzen und einem eigenen Sternenhimmel neben die

irdische stellt. Der jede Figur, jedes Geschehnis so sehr mit seinem Wesen

imprägniert, daß sie nicht nur für ihn typisch werden, sondern auch für uns selbst

mit jener Eindringlichkeit bildkräftig, die uns dann oft verlockt, Geschehnisse

und Personen nach ihnen zu benennen, so daß wir von Menschen im lebendigen

Leben etwa sagen: eine balzacsche Figur, eine Dickensgestalt, eine

Dostojewskinatur. Jeder dieser Künstler bildet ein Lebensgesetz, eine

Lebensauffassung durch die Fülle seiner Gestalten so einheitlich hervor, daß es

durch ihn eine neue Form der Welt wird. Und dieses innerste Gesetz, diese

Charakterformation in ihrer verborgenen Einheit darzustellen ist der wesentliche

Versuch meines Buches, dessen ungeschriebener Untertitel lauten könnte:

Psychologie des Romanciers.

Jeder dieser drei Romanschriftsteller hat seine eigene Sphäre. Balzac die

Welt der Gesellschaft, Dickens die Welt der Familie, Dostojewski die Welt des

Einen und des Alls. Vergleiche dieser Sphären zeigen ihre Unterschiede, niemals

aber ist unternommen, diese Unterschiede in Werturteile umzudeuten oder die

nationalen Elemente eines Künstlers in Neigung oder Abwehr zu betonen. Jeder

große Schöpfer ist eine Einheit, die ihre Grenzen und ihr Gewicht in eigenen

Maßen in sich schließt: es gibt nur ein spezifisches Gewicht innerhalb eines

Werkes, kein absolutes in der Wagschale der Gerechtigkeit.

Alle drei Aufsätze setzen Kenntnis der Werke voraus: sie wollen keine

Einführung sein, sondern Sublimierung, Kondensierung, Extrakt. Sie können

darum, weil sie zusammendrängen, nur das persönlich als wesentlich

Empfundene zur Erkenntnis bringen; am meisten bedaure ich diese notwendige

Unzulänglichkeit bei dem Aufsatz über Dostojewski, dessen unendliches Maß

ebensowenig wie das Goethes jemals auch von breitester Formel wird umfaßt

werden können.

Gern wäre diesen großen Gestalten eines Franzosen, eines Engländers,

eines Russen auch das Bildnis eines repräsentativen deutschen

Romanschriftstellers, eines epischen Weltbildners in jenem hohen Sinne, wie ich

ihn für das Wort Romancier anspreche, beigefügt worden. Doch ich finde keinen

einzigen jenes höchsten Ranges in Gegenwart und Vergangenheit. Und es ist

vielleicht der Sinn dieses Buches, ihn für die Zukunft zu fordern und den noch

Fernen zu grüßen.

SALZBURG 1919.