Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski

Stefan Zweig · Kapitel 5 von 14

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Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski

Dostojewski

 

„Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß.“

Goethe, Westöstlicher Divan

 

EINKLANG

E S ist schwer und verantwortungsvoll, von Fedor Michailowitsch Dostojewski und seiner Bedeutung für unsere innere Welt würdig zu sprechen,

denn dieses Einzigen Weite und Gewalt will ein neues Maß.

Ein umschlossenes Werk, einen Dichter vermeinte erstes Nahen zu finden

und entdeckt Grenzenloses, einen Kosmos mit eigen kreisenden Gestirnen und

anderer Musik der Sphären. Mutlos wird der Sinn, diese Welt jemals restlos zu

durchdringen: zu fremd ist erster Erkenntnis ihre Magie, zu weit ins Unendliche

verwölkt ihr Gedanke, zu fremd ihre Botschaft, als daß die Seele unvermittelt

aufschauen könnte in diesen neuen wie in heimatlichen Himmel. Dostojewski ist

nichts, wenn nicht von innen erlebt. Im tiefsten müssen wir die eigene Kraft des

Mitfühlens und Mitleidens erst prüfen und stählen zu einer neuen gesteigerten

Empfänglichkeit: bis zu den untersten geheimsten Wurzeln unseres Wesens

müssen wir graben, um die Zusammenhänge mit seiner erst phantastischen und

dann wundervoll wahren Menschlichkeit zu entdecken. Nur dort, ganz im

Untersten, im Ewigen und Unabänderlichen unseres Seins, Wurzel in Wurzel,

können wir uns Dostojewski zu verbinden hoffen; denn wie fremd scheint

äußerem Blick diese russische Landschaft, die, wie die Steppen seiner Heimat,

weglose und wie wenig Welt von unserer Welt! Nichts Freundliches umfriedet

dort lieblich den Blick, selten rät eine sanfte Stunde zur Rast. Mystische

Dämmerung des Gefühls, trächtig von Blitzen, wechselt mit einer frostigen, oft

eisigen Klarheit des Geistes, statt warmer Sonne flammt vom Himmel ein

geheimnisvoll blutendes Nordlicht. Urweltlandschaft, mystische Welt hat man

mit Dostojewskis Sphäre betreten, uralt und jungfräulich zugleich, und süßes

Grauen schlägt einem entgegen wie vor jeder Nahheit ewiger Elemente. Bald

schon sehnt sich Bewunderung gläubig zu verweilen, und doch warnt eine

Ahnung das ergriffene Herz, hier dürfe es nicht heimisch werden für immer,

müsse es doch wieder zurück in unsere wärmere, freundlichere, aber auch engere

Welt. Zu groß ist, spürt man beschämt, diese erzene Landschaft für den täglichen

Blick, zu stark, zu beklemmend diese bald eisige, bald feurige Luft für den

zitternden Atem. Und die Seele würde fliehen vor der Majestät solchen Grauens,

wäre nicht über dieser unerbittlich tragischen, entsetzlich irdischen Landschaft

ein unendlicher Himmel der Güte sternenklar ausgespannt, Himmel auch unserer

Welt, doch höher ins Unendliche gewölbt in solchem scharfen geistigen Frost,

als in unseren linden Zonen. Beruhigter Aufblick aus dieser Landschaft zu ihrem

Himmel spürt erst die unendliche Tröstung dieser unendlichen irdischen Trauer,

und ahnt im Grauen die Größe, im Dunkel den Gott.

Nur solcher Aufblick zu seinem letzten Sinne vermag unsere Ehrfurcht vor

dem Werke Dostojewskis in eine brennende Liebe zu verwandeln, nur der innerste Einblick in seine Eigenheit das Tiefbrüderliche, das Allmenschliche

dieses russischen Menschen uns klarzutun. Aber wie weit und wie labyrinthisch

ist dieser Niederstieg bis zum innersten Herzen des Gewaltigen; machtvoll in

seiner Weite, schreckhaft durch seine Ferne, wird dies einzige Werk in gleichem

Maße geheimnisvoller, als wir von seiner unendlichen Weite in seine unendliche

Tiefe zu dringen suchen. Denn überall ist es mit Geheimnis getränkt. Von jeder

seiner Gestalten führt ein Schacht hinab in die dämonischen Abgründe des

Irdischen, jeder Aufschwung ins Geistige rührt mit seiner Schwinge bis an

Gottes Antlitz. Hinter jeder Wand seines Werkes, jedem Antlitz seiner

Menschen, jeder Falte seiner Verhüllungen liegt die ewige Nacht und glänzt das

ewige Licht: denn Dostojewski ist durch Lebensbestimmung und

Schicksalsgestaltung allen Mysterien des Seins restlos verschwistert. Zwischen

Tod und Wahnsinn, Traum und brennend klarer Wirklichkeit steht seine Welt.

Überall grenzt sein persönliches Problem an ein unlösbares der Menschheit, jede

einzelne belichtete Fläche spiegelt Unendlichkeit. Als Mensch, als Dichter, als

Russe, als Politiker, als Prophet: überall strahlt sein Wesen von ewigem Sinn.

Kein Weg führt an sein Ende, keine Frage bis in den untersten Abgrund seines

Herzens. Nur Begeisterung darf ihm nahen, und auch sie nur demütig in der

Beschämung, geringer zu sein als seine eigene liebende Ehrfurcht vor dem

Mysterium des Menschen.

Er selbst, Dostojewski, hat niemals die Hand gerührt, um uns an sich

heranzuhelfen. Die anderen Baumeister des Gewaltigen in unserer Zeit

offenbarten ihren Willen. Wagner legte neben sein Werk die programmatische

Erläuterung, die polemische Verteidigung, Tolstoi riß alle Türen seines täglichen

Lebens auf, jeder Neugier Zutritt, jeder Frage Rechenschaft zu geben. Er aber,

Dostojewski, verriet seine Absicht nie anders als im vollendeten Werk, die Pläne

verbrannte er in der Glut der Schöpfung. Schweigsam und scheu war er ein

Leben lang, kaum das Äußerliche, das Körperliche seiner Existenz ist zwingend

bezeugt. Freunde besaß er nur als Jüngling, der Mann war einsam: wie

Verminderung seiner Liebe zur ganzen Menschheit schien es ihm, einzelnen sich

hinzugeben. Auch seine Briefe verraten nur Notdurft der Existenz, Qual des

gefolterten Körpers, alle haben sie verschlossene Lippen, so sehr sie Klage und

Notruf sind. Viele Jahre, seine ganze Kindheit sind von Dunkel umschattet, und

schon heute ist er, dessen Blick manche in unserer Zeit noch brennen sahen,

menschlich etwas ganz Fernes und Unsinnliches geworden, eine Legende, ein

Heros und ein Heiliger. Jenes Zwielicht von Wahrheit und Ahnung, das die

erhabenen Lebensbilder Homers, Dantes und Shakespeares umwittert,

entirdischt uns auch sein Antlitz. Nicht aus Dokumenten, sondern einzig aus

wissender Liebe läßt sich sein Schicksal gestalten.