Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski
Architektur und Leidenschaft
„Que celui aime peu, qui aime la mesure!“
La Boetie
„Alles treibst du bis zur Leidenschaft.“ Das Wort Nastassja Philipownas
trifft alle Menschen Dostojewskis und trifft vor allem ihn, Dostojewski selbst,
mitten in die Seele. Nur leidenschaftlich kann dieser Gewaltige den Phänomenen
des Lebens entgegentreten und darum am leidenschaftlichsten seiner
leidenschaftlichsten Liebe: der Kunst. Selbstverständlich, daß der schöpferische
Prozeß, die künstlerische Bemühung, bei ihm nicht eine geruhige, ordnend
aufbauende, kühl berechnend architektonische ist. Dostojewski schreibt im
Fieber, wie er im Fieber denkt, im Fieber lebt. Unter der Hand, die die Worte in
fließenden kleinen Perlenketten (er hat die nervöse Eilschrift aller hitzigen
Menschen) über das Papier rinnen läßt, hämmert der Puls in verdoppelten
Schlägen, seine Nerven zucken im Krampf. Schöpfung ist ihm Ekstase, Qual,
Entzückung und Zerschmetterung, eine zum Schmerz 172 gesteigerte Wollust,
ein zur Wollust gesteigerter Schmerz, das ewige Spasma, der immer wiederholte
vulkanische Ausbruch seiner übermächtigen Natur. „Unter Tränen“ schreibt der
Zweiundzwanzigjährige sein erstes Werk „Arme Leute“, und seitdem ist jede
Arbeit eine Krise, eine Krankheit. „Ich arbeite nervös, unter Qual und Sorgen.
Wenn ich angestrengt arbeite, bin ich auch physisch krank.“ Und tatsächlich, die
Epilepsie, seine mystische Krankheit, dringt ein mit ihrem fiebrigen,
entzündlichen Rhythmus, mit ihren dunklen, dumpfen Hemmungen, bis in die
feinsten Vibrationen seines Werks. Immer aber schafft Dostojewski mit dem
Ganzen seines Wesens, im hysterischen Furor. Selbst die kleinsten, scheinbar
gleichgültigen Partien seines Werkes, wie die journalistischen Aufsätze, sind
gegossen und geschmolzen in der feurigen Esse seiner Leidenschaft. Nie schafft
er mit dem bloß abgelösten, frei wirkenden Teil seiner schaffenden Kraft,
gleichsam aus dem Handgelenk, aus der spielhaften Leichtigkeit der Technik,
immer ballt er seine ganze physische Erregbarkeit in das Geschehnis, bis an den
letzten Nerv seines Lebens leidend und mitleidend in seinen Gestalten. Alle
seine Werke sind gleichsam explosiv in rasenden Wetterschlägen durch einen
ungeheuren atmosphärischen Druck herausgeschwemmt. Dostojewski kann nicht
gestalten ohne inneren Anteil, und für ihn gilt das bekannte Wort über Stendhal:
„Lorsqu'il n'avait pas d'émotion, il était sans esprit.“ Wenn Dostojewski nicht
leidenschaftlich war, war er nicht Dichter.
Aber Leidenschaft in der Kunst wird ebenso zerstörendes Element, als sie bildnerisches war. Sie schafft nur das Chaos der Kräfte, dem der klare Geist erst
die ewigen Formen erlöst. Alle Kunst braucht die Unruhe als Antrieb der 173
Gestaltung, aber nicht minder eine überlegen-überlegte Ruhe der Auswägung zu
einer Vollendung. Dostojewskis mächtiger, die Wirklichkeit diamanten
durchdringender Geist weiß nun wohl um die marmorne, eherne Kühle, die das
große Kunstwerk umwittert. Er liebt, er vergöttert die große Architektonik, er
entwirft prachtvolle Maße, erhabene Ordnungen des Weltbildes. Aber immer
wieder überflutet das leidenschaftliche Gefühl die Fundamente. Der Zwiespalt,
der ewige zwischen Herz und Geist, wirkt auch im Werke und nennt sich hier
Kontrast von Architektonik und Leidenschaft. Vergebens sucht Dostojewski als
Künstler objektiv zu schaffen, außen zu bleiben, bloß zu erzählen und zu
gestalten, Epiker zu sein, Referent von Geschehnissen, Analytiker der Gefühle.
Unwiderstehlich reißt ihn seine Leidenschaft in Leiden und Mitleiden immer
wieder in die eigene Welt. Immer ist etwas vom Chaos des Anfangs selbst in den
vollendeten Werken Dostojewskis, nie die Harmonie erreicht („Ich hasse die
Harmonie“, so schreit Iwan Karamasoff, der Verräter seiner geheimsten
Gedanken). Auch hier ist zwischen Form und Wille kein Friede, kein Ausgleich,
sondern – o ewige Zweiheit seines Wesens, alle Formen durchdringend von der
kalten Schale bis zum glühendsten Kerne! – ein unablässiger Kampf zwischen
außen und innen. Der ewige Dualismus seines Wesens heißt im epischen Werke
Kampf zwischen Architektur und Leidenschaft.
Nie erreicht Dostojewski in seinen Romanen, was man fachmännisch „den
epischen Vortrag“ nennt, jenes große Geheimnis, bewegtes Geschehen in ruhiger
Darstellung zu bändigen, das von Homer bis Gottfried Keller und Tolstoi sich in
unendlicher Ahnenreihe von Meister auf Meister vererbt. Leidenschaftlich formt
er seine Welt, und nur 174 leidenschaftlich, nur erregt, kann man sie
genießen. Nie stellt sich in seinen Büchern jenes sanfte rhythmische,
einwiegende Gefühl der Behaglichkeit ein, nie fühlt man sich sicher und außen
gegenüber den Geschehnissen, gleichsam an dem sicheren Ufer, Brandung und
Tumult eines erregten Meeres schauspielhaft betrachtend. Immer ist man innen
bei ihm eingewühlt, verstrickt in die Tragödie. Wie eine Krankheit erlebt man
die Krise seiner Menschen im Blute, wie eine Entzündung brennen die Probleme
im aufgepeitschten Gefühl. Mit allen unseren Sinnen taucht er uns in seine
brennende Atmosphäre, stößt er uns an den Abgrundrand der Seele, wo wir
keuchend stehen, schwindeligen Gefühls, mit abgerissenem Atem. Und erst,
wenn unsere Pulse jagen wie die seinen, wir selbst der dämonischen
Leidenschaft verfallen sind, erst dann gehört sein Werk ganz uns, gehören wir
ihm ganz. Dostojewski will eben nur angespannte, gesteigerte Menschen als
Mitempfinder seiner Epik, so wie er sie als seine Helden wählt. Die Leihbibliothekskonsumenten, die behaglichen Flaneure des Lesens, die
Spaziergänger auf den Bürgersteigen ausgetretener Probleme, müssen auf ihn
und er auf sie verzichten. Nur der brennende Mensch, der leidenschaftlich
entzündete, der glühende im Gefühl, findet hinab in seine wahre Sphäre.
Es läßt sich nicht verleugnen, nicht verbergen, nicht verschönern: das
Verhältnis Dostojewskis zum Leser ist weder ein freundschaftliches noch ein
behagliches, sondern eine Zwietracht voll gefährlicher, grausamer, wollüstiger
Instinkte. Es ist eine leidenschaftliche Beziehung wie zwischen Mann und Weib,
nicht wie bei den andern Dichtern ein Verhältnis der Freundschaft und des
Vertrauens. Dickens oder Gottfried Keller, seine Zeitgenossen, 175 führen mit
sanfter Überredung, mit musikalischer Lockung den Leser in ihre Welt, sie
plaudern ihn freundlich ins Geschehnis hinein, sie reizen nur die Neugier, die
Phantasie, nicht aber wie Dostojewski das ganze aufschäumende Herz. Er, der
Leidenschaftliche, will uns ganz haben, nicht bloß unsere Neugier, unser
Interesse, er begehrt unsere ganze Seele, selbst unsere Körperlichkeit. Zuerst lädt
er die innere Atmosphäre mit Elektrizität, raffiniert steigert er unsere
Reizbarkeit. Eine Art Hypnose setzt ein, ein Willensverlust in seinen
leidenschaftlichen Willen: wie das dumpfe Murmeln des Beschwörenden, endlos
und sinnlos umtut er den Sinn mit breiten Gesprächen, reizt mit Geheimnis und
Andeutungen die Anteilnahme bis tief nach innen. Er duldet nicht, daß wir zu
früh uns hingeben, er dehnt in wollüstigem Wissen die Marter der Vorbereitung,
Unruhe beginnt in einem leise zu kochen, aber immer wieder verzögert er, neue
Figuren vorschiebend, neue Bilder entrollend, den Einblick in das Geschehnis.
Ein wissender, ein wollüstiger Erotiker, hält er seine, hält er unsere Hingebung
mit teuflischer Willenskraft zurück und steigert damit den innern Druck, die
Gereiztheit der Atmosphäre ins Unendliche. Schicksalsträchtig fühlt man über
sich ein Gewölk von Tragik (wie lange dauert es in Raskolnikoff, ehe man weiß,
daß all diese sinnlosen seelischen Zustände Vorbereitungen zu seinem Morde
sind, und doch spürt man längst in den Nerven Furchtbares voraus!), auf dem
Himmel der Seele wetterleuchtet schaurige Ahnung. Aber Dostojewskis
sinnliche Wollüstigkeit berauscht sich im Raffinement der Verzögerung, sie
prickelt wie Nadelstiche kleine Andeutungen in die Haut des Empfindens. Mit
satanischer Verlangsamung stellt Dostojewski vor seinen großen Szenen noch
Seiten und Seiten mystischer und 176 dämonischer Langweile, bis er in dem
Reizmenschen (ein anderer fühlt ja nichts von diesen Dingen) ein geistiges
Fieber, eine physische Qual erzeugt. Auch das Lustgefühl der Spannung treibt
dieser Fanatiker des Kontrastes bis in den Schmerz hinein, und erst dann, wenn
im überheizten Kessel der Brust das Gefühl schon brodelt und die Wände
sprengen will, dann erst schlägt er einem mit dem Hammer auf das Herz, dann zuckt eine jener sublimen Sekunden nieder, wo wie ein Blitz die Erlösung aus
dem Himmel seines Werkes in die Tiefe unserer Herzen fährt. Erst wenn die
Spannung unerträglich geworden ist, zerreißt Dostojewski das epische
Geheimnis und löst das zerspannte Gefühl in weiche, flutende, tränenfeuchte
Empfindung.
So feindlich, so wollüstig, so raffiniert leidenschaftlich umstellt, umfaßt
Dostojewski seine Leser. Nicht im Ringkampf zwingt er sie nieder, sondern wie
ein Mörder, der stundenlang und stundenlang sein Opfer umkreist, durchstößt er
einem dann plötzlich mit einer spitzen Sekunde das Herz. So leidenschaftlich ist
er im eigenen Aufruhr, daß man zweifelt, ihn noch einen Epiker nennen zu
dürfen. Seine Technik ist eine explosive: er höhlt nicht kärrnerhaft, Schaufel um
Schaufel, die Straße in sein Werk hinein, sondern von innen herauf mit einer ins
kleinste geballten Kraft sprengt er die Welt auf und die erlöste Brust. Ganz
unterirdisch sind seine Vorbereitungen, gleichsam eine Verschwörung, eine
blitzartige Überraschung für den Leser. Nie weiß man, obwohl man fühlt, daß
man einer Katastrophe entgegengeht, in welchen Menschen er die Stollen seiner
Minengänge eingräbt, von welcher Seite, in welcher Stunde die furchtbare
Entladung erfolgt. Von jedem einzelnen führt ein Schacht in den Mittelpunkt des
Geschehens, jeder einzelne ist geladen mit dem Zündstoff 177 der
Leidenschaft. Wer aber den Kontakt zündet (zum Beispiel, wer von den vielen,
die alle innerlich von den Gedanken vergiftet sind, den Fedor Karamasoff tötet),
das ist mit einer unerhörten Kunst verborgen bis zum letzten Augenblick, denn
Dostojewski, der alles ahnen läßt, verrät nichts von seinem Geheimnis. Man
fühlt nur immer das Schicksal wie einen Maulwurf unter der Fläche des Lebens
wühlen, fühlt, wie sich bis hart unter unser Herz die Mine vorschiebt, und
vergeht, verzehrt sich in unendlicher Spannung bis zu den kleinen Sekunden, die
wie ein Blitz die Schwüle der Atmosphäre zerschneiden.
Und für diese kleinen Sekunden, für die unerhörte Konzentration des
Zustandes benötigt der Epiker Dostojewski eine bisher ungekannte Wucht und
Breite der Darstellung. Nur eine monumentale Kunst kann solch eine Intensität,
eine solche Konzentration erzielen, nur eine Kunst urweltlicher Größe und
mythischer Wucht. Hier ist Breite nicht Geschwätzigkeit, sondern Architektur:
wie für die Spitzen der Pyramiden riesige Fundamente, sind für die spitzen
Höhepunkte bei Dostojewski die gewaltigen Dimensionen seiner Romane
notwendig. Und wirklich, wie die Wolga, der Dnjepr, die großen Ströme seiner
Heimat, rollen diese Romane dahin. Etwas Stromhaftes ist ihnen allen zu eigen,
langsam wogend rollen sie ungeheuere Mengen des Lebens heran. Auf ihren
Tausenden und Tausenden Seiten schwemmen sie, gelegentlich die Ufer des
künstlerischen Gestaltens übertretend, viel politisches Geröll und polemisches Gestein mit sich fort. Manchmal, wo die Inspiration nachläßt, haben sie auch
breite, sandige Stellen. Schon scheinen sie zu versiegen. In stockendem Lauf
winden sich mühsam durch Krümmungen und Wirrungen die Geschehnisse
weiter, die Flut stagniert an den Sandbänken der Gespräche 178 für Stunden,
bis sie wieder dann die eigene Tiefe und den Schwung ihrer Leidenschaft findet.
Aber dann, in der Nähe des Meeres, der Unendlichkeit, kommen plötzlich
jene unerhörten Stellen der Stromschnelle, wo sich die breite Erzählung zum
Wirbel zusammenballt, die Seiten gleichsam fliegen, das Tempo beängstigend
wird, die Seele mitgerissen in den Abgrund des Gefühls hinpfeilt. Schon fühlt
man die nahe Tiefe, schon donnert der Wassersturz her, die ganze breite schwere
Masse ist plötzlich in schäumende Geschwindigkeit verwandelt, und wie die
Strömung der Erzählung, gleichsam magnetisch vom Katarakt angezogen, der
Katharsis zuschäumt, so sausen wir selbst unwillkürlich rascher durch diese
Seiten und stürzen dann plötzlich in den Abgrund des Geschehens, gleichsam
mit zerschmetterten Gefühlen.
Und dieses Gefühl, wo gleichsam die ungeheuere Summe des Lebens in
einer einzigen Ziffer gezogen ist, dieses Gefühl äußerster Konzentration,
qualvoll und schwindlig zugleich, das er selbst einmal das „Turmgefühl“ nennt,
– den göttlichen Wahnsinn, sich über die eigene Tiefe zu beugen und die
Seligkeit des tödlichen Niedersturzes vorempfindend zu genießen – dieses
äußerste Gefühl, in dem man mit dem ganzen Leben auch noch den Tod
empfindet, es ist immer auch die unsichtbare Spitze der großen epischen
Pyramiden Dostojewskis. Alle Romane sind vielleicht nur geschrieben um dieser
Augenblicke der weißglühenden Empfindung willen. Zwanzig oder dreißig
solcher grandioser Stellen hat Dostojewski geschaffen, und alle sind sie von so
unvergleichlicher Vehemenz der leidenschaftlichen Zusammenballung, daß sie
einem nicht nur beim ersten Lesen, da sie einen gleichsam noch wehrlos
überfallen, sondern noch beim vierten oder fünften Wiederholen 179 wie eine
Stichflamme durch das Herz fahren. Immer sind in diesem Augenblick plötzlich
alle Menschen des ganzen Buches in einem Zimmer versammelt, immer alle in
der äußersten Intensität ihres Eigenwillens. Alle Straßen, alle Ströme, alle Kräfte
laufen magisch zusammen, lösen sich auf in einer einzigen Geste, einer einzigen
Gebärde, einem einzigen Wort. Ich erinnere nur an die Szene in den „Dämonen“,
wo die Ohrfeige Schatows mit ihrem „trockenen Schlag“ das Spinnweb des
Geheimnisses zerreißt, wie im „Idioten“ Nastassja Philipowna die 100 000 Rubel
ins Feuer wirft, oder die Geständnisszene in „Raskolnikoff“ und den
„Karamasoff“. In diesen höchsten, schon nicht mehr stofflichen, in diesen ganz
elementaren Momenten seiner Kunst gattet sich restlos Architektur und
Leidenschaft. Nur in der Ekstase ist Dostojewski der einheitliche Mensch, nur in diesen kurzen Augenblicken der vollendete Künstler. Aber diese Szenen sind
rein künstlerisch ein Triumph der Kunst über den Menschen ohnegleichen, denn
erst rücklesend wird man gewahr, mit einer wie genialen Berechnung alle
Anstiege zu diesem Höhepunkt geführt sind, mit welch wissender Verteilung
hier Menschen und Umstände sich magisch ergänzen, wie die ungeheure
Gleichung, die tausendstellige und verschränkte, sich plötzlich auflöst in die
kleinste Zahl, die letzte, restlose Einheit des Gefühls: die Ekstase. Das ist das
größte künstlerische Geheimnis Dostojewskis, alle seine Romane zu solchen
Spitzen hinaufzubauen, in denen sich die ganze elektrische Atmosphäre des
Gefühls sammelt und die den Blitz des Schicksals mit unfehlbarer Sicherheit in
sich auffangen.
Muß noch besonders auf den Ursprung dieser einzigartigen Kunstform
hingewiesen sein, die vor Dostojewski keiner besessen und vielleicht nie ein
Künstler in gleichem 180 Maße besitzen wird? Muß es noch gesagt sein, daß
dieses Aufzucken der gesamten Lebenskräfte zu einzigen Sekunden nichts
anderes ist, als in Kunst verwandelte, sinnfällige Form seines eigenen Lebens,
seiner dämonischen Krankheit? Nie ist das Leiden eines Künstlers fruchtbarer
gewesen als diese künstlerische Verwandlung der Epilepsie, denn nie hat sich
vor Dostojewski in der Kunst eine ähnliche Konzentration von Lebensfülle in
das engste Maß von Raum und Zeit gebannt. Er, der am Semenowskiplatz
gestanden, die Augen verschnürt, und in zwei Minuten sein ganzes vergangenes
Leben noch einmal durchlebte, der bei jedem epileptischen Anfall in der
Sekunde zwischen dem wankenden Taumel und dem harten Niedersturz vom
Sessel auf den Boden Welten visionär durchirrt, nur er konnte diese Kunst
erreichen, in eine Nußschale von Zeit einen Kosmos von Geschehnissen
einzubetten. Nur er das Unwahrscheinliche solcher explosiver Sekunden so
dämonisch ins Wirkliche zwingen, daß wir dieser Fähigkeit der Überwindung
von Raum und Zeit kaum gewahr werden. Wahre Wunder der Konzentration
sind seine Werke. Ich erinnere nur an ein Beispiel: Man liest den ersten Band des
„Idioten“, der über 500 Seiten umfaßt. Ein Tumult von Schicksal hat sich
erhoben, ein Chaos von Seelen ist durchflogen, eine Vielzahl von Menschen
innerlich belebt. Man hat mit ihnen Straßen durchwandert, in Häusern gesessen,
und plötzlich, bei zufälligem Besinnen, entdeckt man, daß diese ganze
ungeheure Fülle von Geschehnissen in einem Ablauf von kaum zwölf Stunden
vor sich ging, von Morgen bis Mitternacht. Ebenso ist die phantastische Welt der
Karamasoff in bloß ein paar Tage, die Raskolnikoffs in eine Woche
zusammengeballt, – Meisterstücke der Gedrängtheit, wie sie ein Epiker noch nie
und selbst 181 das Leben nur in den seltensten Augenblicken erreicht. Einzig
die antike Tragödie des Ödipus etwa, der in der engen Spanne von Mittag bis Abend ein ganzes Leben und das vergangener Generationen zusammendrängt,
kennt diesen rasenden Niedersturz von Höhe zu Tiefe, von Tiefe zu Höhe, diese
erbarmungslosen Wetterstürze des Geschicks, aber auch diese reinigende Kraft
der seelischen Gewitter. Mit keinem epischen Werk läßt sich diese Kunst
vergleichen, und darum wirkt Dostojewski immer in seinen großen
Augenblicken als Tragiker, seine Romane gleichsam wie umhüllte, verwandelte
Dramen; im letzten sind die Karamasoff Geist vom Geiste der griechischen
Tragödie, Fleisch vom Fleische Shakespeares. Nackt steht in ihnen, wehrlos und
klein, der riesige Mensch unter dem tragischen Himmel des Schicksals.
Und seltsam, in diesen leidenschaftlichen Augenblicken der Niederstürze
verliert plötzlich der Roman Dostojewskis auch seinen erzählerischen Charakter.
Die dünne epische Umschalung schmilzt ab in der Hitze des Gefühls und
verdunstet; nichts bleibt als der blasse weißglühende Dialog. Die großen Szenen
in Dostojewskis Romanen sind nackte dramatische Dialoge. Man kann sie, ohne
ein Wort beizufügen oder fortzulassen, auf die Bühne pflanzen, so festgezimmert
ist jede einzelne Figur, so zur dramatischen Sekunde verdichtet sich in ihnen der
breite strömende Gehalt der großen Romane. Das tragische Gefühl in
Dostojewski, das immer zu Endgültigem drängt, zur gewaltsamen Spannung, zur
blitzartigen Entladung, schafft in diesen Höhepunkten sein episches Kunstwerk
scheinbar restlos zum dramatischen um.
Was in diesen Szenen an dramatischer, ja theatralischer Schlagkraft
enthalten ist, haben selbstverständlich die eilfertigen 182 Theaterhandwerker
und Boulevarddramatiker zuerst erkannt, lang vor den Philologen, und rasch
einige robuste Theaterstücke aus dem „Raskolnikoff“, dem „Idioten“, den
„Karamasoff“ gezimmert. Aber hier hat sich erwiesen, wie kläglich solche
Versuche scheitern, Figuren Dostojewskis von außen, von ihrer Körperlichkeit
und ihrem Schicksal zu fassen, sie aus ihrer Sphäre, der Seelenwelt, zu heben
und von der gewitternden Atmosphäre der rhythmischen Reizbarkeit abzulösen.
Wie abgeschälte Baumstämme, nackt und leblos, wirken diese Figuren
dramatisch im Vergleich zu ihrer lebendigen, raunenden, rauschenden
Wipfelhaftigkeit, die an die Himmel rührt und jede doch mit tausend geheimen
Nervenfäden im epischen Erdreich wurzelt. Ihr Aderwerk, breitfältig verästelt
auf Hunderten von Seiten, zieht seine stärkste bildnerische Kraft aus dem
Dunkel, aus Andeutung und Ahnung. Die Psychologie Dostojewskis ist keine für
grelles Lampenlicht, sie spottet ihrer „Bearbeiter“ und Vereinfacher. Denn in
dieser epischen Unterwelt gibt es geheimnisvolle psychische Kontakte,
Unterströmungen und Nuancierungen. Nicht aus sichtbaren Gesten, sondern aus
tausend und tausend einzelnen Andeutungen bildet und formt sich bei ihm eine
Gestalt, nichts Spinnwebzarteres kennt die Literatur, als dies seelische Netzwerk. Um einmal die Durchgängigkeit dieser subkutanen, gleichsam unter der Haut
fließenden Unterströmungen der Erzählung zu empfinden, versuche man zur
Probe einen Roman Dostojewskis in einer der gekürzten französischen
Ausgaben zu lesen. Es fehlt anscheinend nichts darin: der Film der Geschehnisse
rollt geschwinder ab, die Figuren erscheinen sogar agiler, geschlossener,
leidenschaftlicher. Aber doch, sie sind irgendwo verarmt, ihrer Seele fehlt jener
wunderbare irisierende 183 Glanz, ihrer Atmosphäre die funkelnde
Elektrizität, jene Schwüle der Spannung, die erst die Entladung so furchtbar und
so wohltätig macht. Irgend etwas ist zerstört, das nicht wieder zu ersetzen ist, ein
Zauberkreis gebrochen. Und gerade aus diesen Versuchen von Kürzungen und
Dramatisierung erkennt man den Sinn der Breite bei Dostojewski, die
Zweckhaftigkeit seiner scheinbaren Weitschweifigkeit. Denn die kleinen,
flüchtigen, gelegentlichen Andeutungen, die ganz zufällig und überflüssig
scheinen, sie haben Erwiderung hundert und hundert Seiten später. Unter der
Oberfläche der Erzählung laufen solche Leitungen verborgener Kontakte, die
Meldungen weitertragen, geheimnisvolle Reflexe tauschen. Es gibt bei ihm
seelische Chiffrierungen, ganz winzige physische und psychische Zeichen, deren
Sinn erst beim zweiten, beim dritten Lesen offenbar wird. Kein Epiker hat ein
gleichsam so durchnervtes System des Erzählens, ein so unterirdisches Gewirr
der Begebenheit unter dem Knochenwerk des Geschehnisses, unter der Haut des
Dialogs. Und doch, System kann man es kaum nennen: nur mit der scheinbaren
Willkürlichkeit und doch geheimnisvollen Ordnung des Menschen selbst läßt
sich dieser psychologische Prozeß vergleichen. Während die anderen epischen
Künstler, insbesondere Goethe, mehr die Natur als den Menschen nachzuahmen
scheinen und das Geschehnis organisch wie eine Pflanze, bildhaft wie eine
Landschaft genießen lassen, erlebt man einen Roman Dostojewskis wie die
Begegnung mit einem sonderbar tiefen und leidenschaftlichen Menschen.
Dostojewskis Kunstwerk ist urirdisch bei aller Ewigkeit, ein zweispältiges,
wissendes, erregt leidenschaftliches Nervenwesen, immer gegorenes Fleisch und
Hirn, nie ehernes Metall, reines ausgeglühtes Element. Es ist unberechenbar und
unergründbar, wie die 184 Seele es in den Grenzen ihrer Körperlichkeit ist,
und unvergleichbar innerhalb der Formen der Kunst.
Unvergleichbar: Bewunderung seiner Kunst, seiner seelischen
Meisterschaft, sie ist jenseitig allen Maßes, und je tiefer man sich in sein Werk
versenkt, desto unwahrscheinlicher und gewaltiger scheint ihre Größe. Damit
soll keineswegs gesagt sein, daß diese Romane an sich alle vollendete
Kunstwerke wären, ja sie sind es viel weniger als manche ärmere Werke, die
engere Kreise ziehen und sich mit Schlichterem bescheiden. Der Maßlose kann
das Ewige erreichen, aber nicht nachbilden. Viel ihrer unerhörten Architektonik ist von Leidenschaft verschwemmt, manche heroische Konzeption von
Ungeduld zerstört. Aber diese Ungeduld Dostojewskis, sie führt von der
Tragödie seiner Kunst in die seines Lebens zurück. Denn dies war äußeres
Schicksal und nicht innere Leichtfertigkeit bei ihm ebenso wie bei Balzac, daß er
getrieben war vom Leben zur Eiligkeit und zu sehr gehetzt, um die Werke
vollendet zu gestalten. Man vergesse nicht, wie diese Werke entstanden sind.
Immer war schon der ganze Roman verkauft, während Dostojewski noch das
erste Kapitel schrieb, jede Arbeit eine Hetzjagd von Vorschuß zu neuem
Vorschuß. „Wie ein alter Postgaul“ arbeitend, auf der Flucht durch die Welt, fehlt
es ihm manchmal an Zeit und Ruhe, die letzte Feile anzulegen, und er weiß es
selbst, der Wissendste aller, und empfindet es wie Schuld! „Mögen sie doch
sehen, in welchem Zustande ich arbeite. Sie verlangen von mir schlackenlose
Meisterwerke, und aus bitterster, elendster Not bin ich zur Eile gezwungen“,
schreit er erbittert auf. Er flucht Tolstoi und Turgenjew, die, gemächlich auf
ihren Gütern sitzend, die Zeilen runden und ordnen können, und denen er um
nichts sonst neidisch 185 ist. Keine Armut scheut er persönlich, aber der
Künstler, erniedrigt zum Proletarier der Arbeit, schäumt gegen die
„Gutsherrnliteratur“ aus der unbändigen Sehnsucht des Artisten, einmal in Ruhe,
einmal in Vollendung gestalten zu können. Jeden Fehler in seinen Werken kennt
er, er weiß, daß nach seinen epileptischen Anfällen die Spannung nachläßt, die
straffe Hülle des Kunstwerks gleichsam undicht wird und Gleichgültiges
einströmen läßt. Oft müssen ihn Freunde oder seine Frau auf grobe
Vergeßlichkeiten aufmerksam machen, die er in jener Verdunklung der Sinne
nach dem Anfall begeht, wenn er die Manuskripte liest. Dieser Proletarier, dieser
Taglöhner der Arbeit, dieser Sklave des Vorschusses, der in der Zeit seiner
ärgsten Not drei gigantische Romane hintereinander schreibt, ist innerlich der
bewußteste Artist. Er liebt fanatisch die Goldschmiedearbeit, den Filigran der
Vollendung. Noch unter der Peitsche der Not feilt und bosselt er stundenlang an
einzelnen Seiten, zweimal vernichtet er den „Idioten“, obzwar seine Frau
hungert und die Hebamme noch nicht bezahlt ist. Unendlich ist sein Wille zur
Vollendung, aber auch die Not ist unendlich. Wieder ringen die beiden
gewaltigsten Mächte um seine Seele, der äußere Zwang und der innere. Auch als
Künstler bleibt er der große Zerspaltene der Zweiheit. Wie der Mensch in ihm
ewig nach Harmonie und Ruhe, so dürstet der Künstler in ihm ewig nach
Vollendung. Hier wie dort hängt er mit zerrissenen Armen am Kreuze seines
Schicksals.
Auch die Kunst also, auch sie, die Einzig-Eine, ist nicht Erlösung dem
Gekreuzigten des Zwiespalts, auch sie Qual, Unruhe, Hast und Flucht, auch sie
nicht Heimat dem Heimatlosen. Und die Leidenschaft, die ihn in die Gestaltung treibt, sie jagt ihn über die Vollendung hinaus. 186 Auch hier wird er über die