Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski

Stefan Zweig · Kapitel 13 von 14

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Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski

Die Gottesqual

 

„Gott hat mich mein ganzes Leben lang gequält.“

Dostojewski

 

„Gibt es einen Gott oder nicht?“ fährt Iwan Karamasoff in jenem

furchtbaren Zwiegespräch seinen Doppelgänger, den Teufel, an. Der Versucher

lächelt. Er hat keine Eile zu antworten, die schwerste Frage einem gemarterten

Menschen abzunehmen. „Mit grimmiger Hartnäckigkeit“ dringt Iwan nun in

seiner Gottesraserei auf den Satan ein: er soll, er muß ihm Antwort stehen in

dieser wichtigsten Frage der Existenz. Aber der Teufel schürt nur den Rost der

Ungeduld. „Ich weiß es nicht“, antwortet er dem Verzweifelten. Nur um den

Menschen zu quälen, läßt er ihm die Frage nach Gott unbeantwortet, läßt er ihm

die Gottesqual.

Alle Menschen Dostojewskis und nicht als Letzter er selbst haben diesen

Satan in sich, der die Gottesfrage stellt und nicht beantwortet. Allen ist jenes

„höhere Herz“ gegeben, das fähig ist, sich mit diesen qualvollen Fragen zu

quälen. „Glauben Sie an Gott“, herrscht Stawrogin, ein anderer, Mensch

gewordener Teufel, plötzlich den demütigen Schatow an. Wie einen Brandstahl

stößt er ihm die Frage mörderisch ins Herz. Schatow taumelt zurück. Er zittert,

er wird bleich, denn gerade die Aufrichtigsten bei Dostojewski zittern vor

diesem letzten Bekenntnis (und er, wie hat er selbst davor gebebt in heiligen

Ängsten). Und erst wie ihn Stawrogin mehr und mehr bedrängt, 201 stammelt

er aus blassen Lippen die Ausflucht: „Ich glaube an Rußland.“ Und nur um

Rußlands willen bekennt er sich zu Gott.

Dieser verborgene Gott ist das Problem aller Werke Dostojewskis, der Gott

in uns, der Gott außer uns und seine Erweckung. Als echtem Russen, dem

größten und wesenhaftesten, den dies Millionenvolk gebildet, ist ihm nach seiner

eigenen Definition diese Frage um Gott und die Unsterblichkeit die „wichtigste

des Lebens“. Keiner seiner Menschen kann der Frage entweichen: sie ist ihm

angewachsen als Schatten seiner Tat, bald ihnen vorauslaufend, bald ihnen als

Reue im Rücken. Sie können ihr nicht entfliehen, und der einzige, der versucht,

sie zu verneinen, dieser ungeheuere Märtyrer des Gedankens, Kirillow, in den

„Dämonen“, muß sich selbst töten, um Gott zu töten – und beweist damit,

leidenschaftlicher als die anderen, seine Existenz und Unentrinnbarkeit. Man

blicke doch auf seine Gespräche, wie die Menschen vermeiden wollen, von Ihm

zu sprechen, wie sie Ihm ausweichen und ausbiegen: sie möchten immer gern

unten bleiben im niedern Gespräch, im „small talk“ des englischen Romans, sie reden von der Leibeigenschaft, von Frauen, von der Sixtinischen Madonna, von

Europa, aber die unendliche Schwerkraft der Gottesfrage hängt sich an jedes

Thema und zieht es schließlich magisch in seine Unergründlichkeit. Jede

Diskussion bei Dostojewski endet beim russischen Gedanken oder beim

Gottesgedanken – und wir sehen, daß diese beiden Ideen für ihn eine Identität

sind. Russische Menschen, seine Menschen, können so wie in ihren Gefühlen

auch in ihren Gedanken nicht haltmachen, sie müssen unvermeidlich vom

Praktischen und Tatsächlichen in das Abstrakte, vom Endlichen ins Unendliche,

immer ans 202 Ende. Und aller Fragen Ende ist die Gottesfrage. Sie ist der

innere Wirbel, der ihre Ideen rettungslos in sich reißt, der schwärende Splitter in

ihrem Fleische, der ihre Seelen mit Fieber erfüllt.

Mit Fieber. Denn Gott – Dostojewskis Gott – ist das Prinzip aller Unruhe,

weil er, Urvater der Kontraste, zugleich das Ja und das Nein ist. Nicht wie auf

den Bildern der alten Meister, in den Schriften der Mystiker ist er die sanfte

Schwebe über den Wolken, selig-beschauliches Erhobensein – Dostojewskis

Gott ist der springende Funke zwischen den elektrischen Polen der Urkontraste,

er ist kein Wesen, sondern ein Zustand, ein Spannungszustand, ein

Verbrennungsprozeß des Gefühls, er ist Feuer, ist die Flamme, die alle Menschen

erhitzt und überkochen macht in Ekstase. Er ist die Geißel, die sie aus sich, aus

ihrem warmen ruhigen Leib, in die Unendlichkeit treibt, der sie verlockt in alle

Exzesse des Wortes und der Tat, sie hinstürzt in den brennenden Dornbusch ihrer

Laster. Er ist, wie seine Menschen, wie der Mensch, der ihn schuf, ein

ungenügsamer Gott, den keine Anstrengung bewältigt, kein Gedanke erschöpft,

keine Hingabe befriedigt. Er ist der ewig Unerreichbare, ist aller Qualen Qual,

und mitten aus Dostojewskis Brust bricht darum Kirillows Schrei: „Gott hat

mich mein ganzes Leben lang gequält.“

Das ist Dostojewskis Geheimnis: er braucht Gott und findet ihn doch nicht.

Manchmal meint er ihm schon zu gehören, und schon umfaßt ihn seine Ekstase,

da klirrt sein Verneinungsbedürfnis ihn wieder zur Erde. Keiner hat das

Gottesbedürfnis stärker erkannt. „Gott ist mir deshalb notwendig,“ sagt er

einmal, „weil er das einzige Wesen ist, das man immer lieben kann“, und ein

anderes Mal: „Es gibt keine unaufhörlichere und quälendere Angst für den

203 Menschen, als etwas zu finden, vor dem er sich beugen kann.“ Sechzig

Jahre leidet er an dieser Gottesqual und liebt Gott wie jedes seiner Leiden, liebt

ihn mehr als alles, weil er das ewigste aller Leiden ist und Leidensliebe den

tiefsten Gedanken seines Sein bedeutet. Sechzig Jahre kämpft er sich zu ihm und

lechzt „wie trockenes Gras“ nach dem Glauben. Das ewig Zersprengte will eine

Einheit, der ewig Gejagte eine Rast, der ewig Getriebene durch alle

Stromschnellen der Leidenschaft, der sich Zerströmende den Ausgang, die Ruhe, das Meer. So träumt er ihn als Beruhigung und findet ihn doch nur als Feuer. Er

möchte selbst ganz klein werden, ganz wie die Dumpfen im Geiste, um in ihn

eingehen zu können, möchte glauben können im Köhlerglauben, wie die „zehn

Pud dicke Kaufmannsfrau“, möchte es aufgeben, der Wissendste, der Bewußte

zu sein, um der Gläubige zu werden, wie Verlaine fleht er: „Donnez-moi de la

simplicité.“ Das Gehirn verbrennen im Gefühl, hinströmen in die Gottesruhe,

tierhaft dumpf, das ist sein Traum. O, wie streckt er sich ihm entgegen, er tobt

brünstig, er schreit, er wirft die Harpunen der Logik aus, ihn zu fassen, legt ihm

die verwegensten Fuchsfallen der Beweise; wie ein Pfeil schießt seine

Leidenschaft auf, ihn zu treffen, ein Lechzen nach Gott ist seine Liebe, eine „fast

unanständige Leidenschaft“, ein Paroxysmus, ein Überschwang.

Ist er aber darum schon gläubig, weil er so fanatisch glauben will? War

Dostojewski, der beredteste Anwalt der Rechtgläubigkeit, der Pravoslavie selbst

ein Bekenner, ein poeta christianissimus? Sicherlich in Sekunden: da zuckt sein

Spasma ins Unendliche hinein, da krampft er sich ein in Gott, da hält er die

Harmonie, die irdisch versagte, in Händen, da ist er, der Gekreuzigte seines

Zwiespaltes, auferstanden 204 in den alleinigen Himmeln. Aber doch: irgend

etwas bleibt auch dann noch wach in ihm und schmilzt nicht hin im Seelenbrand.

Während er schon ganz aufgelöst scheint, ganz überirdische Trunkenheit, bleibt

jener grausame Geist der Analyse mißtrauisch auf der Lauer und mißt das Meer

aus, in das er versinken will. Der unerbittliche Doppelgänger wehrt sich gegen

die Aufgabe der Persönlichkeit. Auch im Gottesproblem klafft der unheilbare

Zwiespalt, der in jedem von uns eingeboren ist, aber den kein Irdischer bisher zu

solcher Spannweite des Abgrunds aufgerissen wie Dostojewski. Er ist der

Gläubigste aller und der äußerste Atheist in einer Seele, er hat in seinen

Menschen die polarsten Möglichkeiten beider Formen gleich überzeugend

dargestellt (ohne sich selbst zu überzeugen, ohne sich selbst zu entscheiden), die

Demut, sich hinzugeben, sich, ein Staubkorn, aufzulösen in Gott, und

andererseits das grandioseste Extrem, selber Gott zu werden: „Erkennen, daß ein

Gott ist, und gleichzeitig erkennen, daß man nicht zum Gott geworden ist, wäre

ein Unsinn, durch den man zum Selbstmord getrieben wird.“ Und sein Herz ist

bei beiden, beim Gottesknecht und beim Gottesleugner, bei Aljoscha und bei

Iwan Karamasoff. Er entscheidet sich nicht in dem unablässigen Konzil seiner

Werke, bleibt bei den Bekennern und den Häretikern. Seine Gläubigkeit ist

feuriger Wechselstrom zwischen dem Ja und Nein, den beiden Polen der Welt.

Auch vor Gott bleibt Dostojewski der große Ausgestoßene der Einheit.

So bleibt er Sisyphus, der ewige Wälzer des Steins zur Höhe der

Erkenntnis, der er immer wieder entrollt. Der ewig Bemühte zu Gott, den er nie

erreicht. Aber irre ich denn nicht: ist Dostojewski nicht den Menschen der große Prediger des Glaubens? Geht nicht durch seine Werke der 205 große orgelnde

Hymnus an Gott? Bezeugen nicht alle seine politischen, seine literarischen

Schriften einhellig diktatorisch, unzweifelhaft seine Notwendigkeit, seine

Existenz, dekretieren sie denn nicht die Rechtgläubigkeit, verwerfen sie nicht

den Atheismus als das äußerste Verbrechen? Aber man verwechsle hier nicht

Wille mit Wahrheit, nicht den Glauben mit dem Postulat des Glaubens.

Dostojewski, der Dichter der ewigen Umkehrung, dieser fleischgewordene

Kontrast, predigt den Glauben als Notwendigkeit, predigt ihn um so inbrünstiger

den anderen als – er selbst nicht glaubt (im Sinne eines ständigen, sicheren,

ruhenden, vertrauenden Glaubens, der „geklärte Begeisterung“ als höchste

Pflicht formuliert). Von Sibirien schreibt er an eine Frau: „Ich will Ihnen von mir

sagen, daß ich ein Kind dieser Zeit bin, ein Kind des Unglaubens und des

Zweifels, und es ist wahrscheinlich, ja, ich weiß es bestimmt, daß ich es bis an

mein Lebensende bleiben werde. Wie entsetzlich quälte mich und quält mich

auch jetzt die Sehnsucht nach dem Glauben, die um so stärker ist, je mehr ich

Gegenbeweise habe.“ Nie hat er es klarer gesagt: er hat Sehnsucht nach dem

Glauben aus Glaubenslosigkeit. Und hier ist eine jener erhabenen Umwertungen

Dostojewskis: eben weil er nicht glaubt und die Qual dieses Unglaubens kennt,

weil, nach seinem eigenen Worte, er die Qual immer nur für sich liebt und

Mitleid hat mit den andern – darum predigt er den andern den Glauben an einen

Gott, den er selbst nicht glaubt. Der Gottgequälte will eine gottselige

Menschheit, der schmerzlich Glaubenslose die glücklich Gläubigen. An das

Kreuz seines Unglaubens genagelt, predigt er dem Volke die Orthodoxie, er

vergewaltigt seine Erkenntnis, weil er weiß, daß sie zerreißt und verbrennt, und

predigt die Lüge, die Glück gibt, den strikten, textlichen 206 Bauernglauben.

Er, der „kein Senfkorn Glauben hat“, der gegen Gott revoltierte und, wie er

selbst stolz sagte, „den Atheismus mit ähnlicher Kraft ausgedrückt hat, wie

niemand in Europa“, er verlangt die Unterwürfigkeit unter das Popentum. Um

die Menschen vor der Gottesqual zu behüten, die er wie keiner im eigenen

Fleische erlebt, verkündet er die Gottesliebe. Denn er weiß: „Das Schwanken,

die Unruhe des Glaubens – das ist für einen gewissenhaften Menschen eine

solche Qual, daß es besser ist, sich zu erhängen.“ Er selbst ist ihr nicht

ausgewichen, als Märtyrer hat er den Zweifel auf sich genommen. Aber der

Menschheit, der unendlich geliebten, will er ihn ersparen, wie sein

Großinquisitor will er der Menschheit die Qual der Gewissensfreiheit sparen und

sie einwiegen in den toten Rhythmus der Autorität. So schafft er, statt hochmütig

die Wahrheit seines Wissens zu verkünden, die demütige Lüge eines Glaubens.

Er verschiebt das religiöse Problem ins Nationale, dem er den Fanatismus des

göttlichen gibt. Und wie sein getreuester Knecht antwortet er auf die Frage: „Glauben Sie an Gott?“ in der aufrichtigsten Konfession seines Lebens: „Ich

glaube an Rußland.“

Denn das ist seine Flucht, seine Ausflucht, seine Rettung: Rußland. Hier ist

sein Wort nicht mehr Zwiespalt, hier wird es Dogma. Gott hat ihm geschwiegen:

so schafft er sich als Mittler zwischen sich und dem Gewissen selbst einen

Christus, den neuen Verkünder einer neuen Menschheit, den russischen Christus.

Aus der Wirklichkeit, aus der Zeit stürzt er sein ungeheueres Glaubensbedürfnis

einem Unbestimmten entgegen – denn nur einem Unbestimmten, einem

Grenzenlosen kann dieser Maßlose sich ganz hingeben – in die ungeheuere Idee

Rußland, in dieses 207 Wort, das er anfüllt mit allem Unmaß seiner

Gläubigkeit. Ein anderer Johannes, verkündigt er diesen neuen Christus, ohne

ihn geschaut zu haben. Aber er spricht in seinem Namen, in Rußlands Namen für

die Welt.

Diese seine messianischen Schriften – es sind die politischen Aufsätze und

manche Ausbrüche der Karamasoff – sind dunkel. Verworren enttaucht ihnen

dieses neue Christusantlitz, der neue Erlösungs- und Allversöhnungsgedanke,

ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen, strengen Falten. Wie von den alten

rauchgeschwärzten Ikonen starren fremde stechende Augen uns an, Inbrunst,

unendliche Inbrunst in sich, aber auch Haß und Härte. Und furchtbar ist

Dostojewski selbst, wenn er diese russische Erlösungsbotschaft uns Europäern

wie verlorenen Heiden kündet. Ein böser, fanatischer, mittelalterlicher Mönch,

das byzantinische Kreuz wie eine Geißel in der Hand, so steht der Politiker, der

religiöse Fanatiker uns gegenüber. Wie ein Delirant, ein Heimgesuchter in

mystischen Krämpfen, nicht in sanfter Predigt kündet er seine Lehre, in

dämonischen Zornausbrüchen entlädt sich seine maßlose Leidenschaft. Mit

Keulen schlägt er jeden Einwand nieder, ein Fiebernder, gegürtet mit Hochmut,

funkelnd von Haß, stürmt er die Tribüne der Zeit. Schaum steht vor seinem

Munde, und mit zitternden Händen schleudert er den Exorzismus über unsere

Welt.

Ein Bilderstürmer, ein rasender Ikonoklast, fällt er her über die Heiligtümer

der europäischen Kultur. Alles stampft er nieder, der große Tobsüchtige, von

unseren Idealen, um seinem neuen, dem russischen Christus, den Weg zu

bereiten. Bis zum Irrwitz schäumt seine moskowitische Unduldsamkeit. Europa,

was ist es? Ein Kirchhof, mit teuern Gräbern vielleicht, aber jetzt stinkend von

208 Fäulnis, nicht einmal Dünger mehr für die neue Saat. Die blüht einzig aus

russischer Erde. Die Franzosen – eitle Laffen, die Deutschen – ein niedriges

Wurstmachervolk, die Engländer – Krämer der Vernünftelei, die Juden –

stinkender Hochmut. Der Katholizismus – eine Teufelslehre, eine Verhöhnung

Christi, der Protestantismus – ein vernünftlerischer Staatsglaube, alles Hohnbilder des einzig wahren Gottesglaubens: der russischen Kirche. Der Papst

– der Satan in der Tiara, unsere Städte – Babylon, die große Hure der

Apokalypse, unsere Wissenschaft – ein eitles Blendwerk, Demokratie – die

dünne Brühe weicher Gehirne, Revolution – ein loses Bubenstück von Narren

und Genarrten, Pazifismus – ein Altweibergeschwätz. Alle Ideen Europas ein

verblühter, verwelkter Blumenstrauß, gut genug, in die Jauche geschmissen zu

werden. Nur die russische Idee ist die einzig wahre, einzig große, einzig richtige.

Im Amoklauf stürmt der rasende Übertreiber weiter, jeden Einwand mit dem

Dolche niederstoßend: „Wir verstehen euch, aber ihr versteht nicht uns“ – schon

bricht jede Diskussion blutend zusammen. „Wir Russen sind die

Allverstehenden, ihr seid die Begrenzten“, dekretiert er. Rußland allein ist richtig

und alles in Rußland, der Zar und die Knute, der Pope und der Bauer, die Troika

und die Ikone, und um so richtiger, je mehr es antieuropäisch, asiatisch,

mongolisch, tatarisch, um so richtiger, als es konservativ, rückständig,

unfortschrittlich, ungeistig, byzantinisch ist. O, wie tobt er sich hier aus, der

große Übertreiber! „Seien wir Asiaten, seien wir Sarmaten“, jauchzt er auf.

„Weg von Petersburg, dem europäischen, zurück zu Moskau, hinüber nach

Sibirien, das neue Rußland ist das Dritte Reich.“ Diskussion darüber duldet

dieser gotttrunkene mittelalterliche Mönch nicht. Nieder die Vernunft! 209

Rußland ist das Dogma, das widerspruchslos zu bekennen ist. „Man versteht

Rußland nicht mit der Vernunft, sondern mit dem Glauben.“ Wer ihm nicht in die

Knie stürzt, ist der Feind, der Antichrist: Kreuzzug wider ihn! Hell schmettert er

in die Fanfare des Krieges. Zerstampft muß Österreich werden, der Halbmond

von der Hagia Sofia Konstantinopels gerissen, Deutschland gedemütigt, England

besiegt – ein wahnwitziger Imperialismus hüllt seinen Hochmut in mönchische

Kutte und ruft: ‚Dieu le veut.‘ Um des Gottesreiches willen die ganze Welt für

Rußland.

Rußland also ist Christus, der neue Erlöser, und wir sind die Heiden. Nichts

errettet uns Verworfene aus dem Fegefeuer unserer Schuld: wir haben die

Erbsünde begangen, keine Russen zu sein. Unserer Welt ist kein Raum in diesem

neuen Dritten Reich: erst muß unsere europäische Welt untergehen im russischen

Weltreiche, im neuen Gottesreiche, dann erst kann sie erlöst werden. Wörtlich

sagt er: „Jeder Mensch muß vorerst Russe werden.“ Dann erst beginnt die neue

Welt. Rußland ist das Gottträgervolk: erst muß es noch mit dem Schwerte die

Erde erobern, dann erst wird es sein „letztes Wort“ der Menschheit sagen. Und

dieses letzte Wort heißt für Dostojewski: Versöhnung. Für ihn besteht das

russische Genie in der Fähigkeit, alles zu verstehen, alle Gegensätze zu lösen.

Der Russe ist der Allversteher und darum der Nachgiebige im höchsten Sinn.

Und sein Staat, der Zukunftsstaat, wird die Kirche sein, die Form der brüderlichen Gemeinschaft, der Durchdringung statt der Unterordnung. Und es

klingt wie ein Prolog zu den Ereignissen dieses Krieges (der in seinem Anbeginn

so genährt war von seinen Ideen, wie in seinem Ende von jenen Tolstois), wenn

er sagt: „Wir 210 werden die ersten sein, die der Welt verkünden, daß wir

nicht durch Unterdrückung der Persönlichkeit und fremder Nationalitäten das

eigene Gedeihen erreichen wollen, sondern im Gegenteil letzteres nur in der

freiesten und selbständigsten Entwicklung aller Nationen und in der brüderlichen

Vereinigung suchen.“ Lenin und Trotzky sind in dieser Verheißung, gleichzeitig

aber auch der Krieg, den er, der ewige Anwalt des Anspannens aller Gegensätze,

so leidenschaftlich gepriesen. Allversöhnung als Ziel, aber Rußland als der

einzige Weg – „von Osten her wird die Erde erschaffen“. Über die Berge des

Ural wird das ewige Licht aufsteigen und das schlichte Volk, nicht der wissende

Geist, nicht die europäische Kultur, mit seinen dunklen Geheimnissen der Erde

verbundenen Kräften unsere Welt erlösen. Statt der Macht wird die werktätige

Liebe sein, statt des Widerstreits der Persönlichkeiten das allmenschliche

Gefühl, der neue, der russische Christus wird die Allversöhnung bringen, die

Auflösung der Gegensätze. Und der Tiger wird neben dem Lamme weiden und

der Rehbock neben dem Löwen – wie zittert Dostojewskis Stimme, wenn er vom

Dritten Reich spricht, vom Allrußland der Erde, wie bebt er selbst in der Ekstase

der Gläubigkeit, wie wunderbar ist er, der Wissendste aller Wirklichkeiten, in

seinem messianischen Traum.

Denn in das Wort Rußland, in die Idee Rußland hinein träumt Dostojewski

diesen Christustraum, die Idee der Versöhnung der Gegensätze, die er in seinem

Leben, in der Kunst und selbst in Gott durch sechzig Jahre vergeblich gesucht.

Aber dieses Rußland, welches ist es, das reale oder das mystische, das politische

oder das prophetische? Wie immer bei Dostojewski: beides zugleich. Vergeblich,

von einem Leidenschaftlichen Logik zu verlangen und von einem 211 Dogma

seine Begründung. In den messianischen Schriften Dostojewskis, den

politischen, den literarischen Werken, taumeln die Begriffe wie rasend

durcheinander. Bald ist Rußland Christus, bald Gott, bald das Reich Peters des

Großen, bald das neue Rom, die Vereinigung des Geistes und der Macht, Tiara

und Kaiserkrone, seine Hauptstadt bald Moskau, bald Konstantinopel, bald das

neue Jerusalem. Die demütigsten allmenschlichsten Ideale wechseln brüsk mit

machtgierigen slawophilen Eroberungsgelüsten, politische Horoskope von

verblüffender Treffsicherheit mit phantastischen apokalyptischen Verheißungen.

Bald jagt er den Begriff Rußland in die Enge der politischen Stunde, bald

schnellt er ihn in das Grenzenlose empor – auch hier wie im Kunstwerk die

gleiche zischende Mischung von Wasser und Feuer, von Realismus und

Phantastik offenbarend. Der Dämonische in ihm, der rasende Übertreiber, in ein Maß gezwungen sonst in seinen Romanen, hier lebt er sich aus in pythischen

Krämpfen: mit der ganzen Inbrunst seiner glühenden Leidenschaft predigt er

Rußland als das Heil der Welt, die alleinmachende Seligkeit. Nie ward eine

Nationalidee hochmütiger, genialer, werbender, verführender, berauschender,

ekstatischer Europa als Weltidee verkündet, wie die russische in den Büchern

Dostojewskis.

Ein unorganischer Auswuchs der großen Gestalt scheint dieser Fanatiker

seiner Rasse zuerst, dieser mitleidlose ekstatische russische Mönch, dieser

hochmütige Pamphletist, dieser unwahrhaftige Bekenner. Aber gerade er ist

notwendig für die Einheit von Dostojewskis Persönlichkeit. Wo immer wir bei

Dostojewski ein Phänomen nicht verstehen, müssen wir seine Notwendigkeit im

Kontrast suchen. Vergessen wir nicht: Dostojewski ist immer ein Ja und Nein,

212 die Selbstvernichtung und Selbstüberhebung, der zur Spitze getriebene

Kontrast. Und dieser übertriebene Hochmut ist nur das Widerspiel einer

übertriebenen Demut, sein gesteigertes Volksbewußtsein nur das polare

Empfinden seines überreizten persönlichen Nichtigkeitsempfindens. Er spaltet

sich gleichsam selbst in zwei Hälften: in Stolz und in Demut. Seine

Persönlichkeit erniedrigt er: man durchsuche die zwanzig Bände seines Werks

nach einem einzigen Worte der Eitelkeit, des Stolzes, der Überhebung! Nur

Selbstverkleinerung findet man darin, Ekel, Anklage, Erniedrigung. Und alles,

was er an Stolz besitzt, gießt er aus in die Rasse, in die Idee seines Volkes. Alles

was seiner isolierten Persönlichkeit gilt, vernichtet er, alles was dem

Unpersönlichen in ihm, dem Russen, dem Allmenschen gilt, erhebt er zur

Vergötterung. Aus dem Unglauben an Gott wird er Gottesprediger, aus dem

Unglauben an sich der Verkünder seiner Nation und der Menschheit. Auch im

Ideellen ist er der Märtyrer, der sich selbst an das Kreuz schlägt, um die Idee zu

erlösen.

Das ist sein großes Geheimnis: durch Gegensatz fruchtbar zu werden. Ihn

ausspannen ins Unendliche, damit er die ganze Welt umfasse, und dann die ihm

entspringende Kraft zur Zukunft wenden. Die andern Dichter schaffen ihr Ideal

gewöhnlich aus der Steigerung ihrer Persönlichkeit, indem sie sich selbst

nachbilden, gereinigt, verklärt, verbessert, erhoben, indem sie den zukünftigen

Menschen gewissermaßen als den geläuterten Typus ihrer selbst betrachten.

Dostojewski, der Gegensatzmensch, der schöpferische Dualist, bildet sein Ideal,

seinen Gott, durch die Antithese zu sich selbst: er erniedrigt sich, den

Lebendigen, zum Negativ. Er will nur der Ton, der Lehm sein, aus dem die neue

Form gegossen wird, seinem Links entspricht 213 ein Rechts im zukünftigen

Bilde, seiner Tiefe eine Erhebung, seinem Zweifel eine Gläubigkeit, seinem

Zwiespalt eine Einheit. „Möge ich selbst untergehen, wenn nur die andern glücklich sind“ – das Wort seines Staretz verwandelt er in Geist. Er vernichtet

sich, um in dem zukünftigen Menschen aufzuerstehen.

Das Ideal Dostojewskis ist darum: Zu sein, wie er nicht ist. Zu fühlen, wie

er nicht fühlt. Zu denken, wie er nicht denkt. Zu leben, wie er nicht lebt. Bis in

das Kleinste, Zug um Zug, ist der neue Mensch seiner individuellen Form

entgegengesetzt, aus jedem Schatten seines eigenen Wesens ein Licht gebildet,

aus jedem Dunkel ein Glanz. Aus dem Nein zu sich selbst schafft er das Ja, das

leidenschaftliche zur neuen Menschheit. Bis ins Körperliche hinein setzt sich

diese beispiellose moralische Verurteilung seines Selbst zugunsten des

zukünftigen Wesens fort, die Vernichtung des Ichmenschen um des Allmenschen

willen. Man nehme sein Bild, seine Photographie, seine Totenmaske und lege sie

neben die Bilder jener Menschen, in denen er sein Ideal geformt: neben Aljoscha

Karamasoff, neben den Staretz Sossima, den Fürsten Myschkin, diese drei

Skizzen zum russischen Christus, zum Heiland, die er entworfen. Und bis ins

Kleinste wird hier jede Linie Gegensatz sagen und Kontrast zu ihm selbst.

Dostojewskis Gesicht ist düster, erfüllt von Geheimnissen und Dunkelheit, jener

Antlitz ist heiter und von friedlicher Offenheit, seine Stimme heiser und abrupt,

die jener Menschen sanft und leise. Sein Haar ist wirr und dunkel, seine Augen

tief und unruhig – jener Antlitz ist hell und umrahmt von sanften Strähnen, ihr

Auge glänzt ohne Unruhe und Angst. Ausdrücklich sagt er von ihnen, daß sie

geradeaus schauen und ihr Blick das süße Lächeln von Kindern hat. Seine 214

Lippen sind schmal umkräuselt von den raschen Falten des Hohnes und der

Leidenschaft, sie verstehen nicht zu lachen – Aljoscha, Sossima haben das freie

Lächeln des selbstsichern Menschen über den weißen Zähnen blinken. Zug um

Zug setzt er so sein eigenes Bild als Negativ gegen die neue Form. Sein Antlitz

ist das eines gebundenen Menschen, des Knechtes aller Leidenschaften, bebürdet

von Gedanken – das ihre drückt die innere Freiheit aus, die Hemmungslosigkeit,

die Schwebe. Er ist Zerrissenheit, Dualismus, sie die Harmonie, die Einheit. Er

der Ichmensch, der in sich Eingekerkerte, sie der Allmensch, der von allen

Enden seines Wesens in Gott überströmt.

Diese Schaffung eines moralischen Ideals aus Selbstvernichtung – nie war

sie vollkommener in allen Sphären des Geistigen und des Sittlichen. Aus

Selbstverurteilung, gleichsam, indem er sich die Adern seines Wesens

aufschneidet, mit dem eigenen Blute malt er das Bild des zukünftigen Menschen.

Er war noch der Leidenschaftliche, der Krampfige, der Mensch der kurzen

tigerhaften Ansprünge, seine Begeisterung eine aus der Explosion der Sinne oder

der Nerven aufschießende Stichflamme – jene sind die sanft, aber stetig

bewegte, keusche Glut. Sie haben die stille Beharrlichkeit, die weiter reicht als

die wilden Sprünge der Ekstase, sie haben die echte Demut, die nicht die Lächerlichkeit fürchtet, sie sind nicht wie er die ewig Erniedrigten und