Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski
Sinn Seines Schicksals
Nahrung mehr haben und verlöschen. Immer drängender fluten die Massen
heran, Welle auf Welle gegen den Toten. Von ihrem Ansturm schwankt der Sarg
und will hinstürzen: mit den Händen müssen ihn die Witwe, die erschreckten
Kinder aufrecht halten. Der Polizeipräsident will das öffentliche
Leichenbegängnis verbieten, bei dem die Studenten die Ketten des Sträflings
hinter seinem Sarge zu tragen planen, aber er wagt es schließlich nicht gegen
eine Begeisterung, die sonst mit Waffen sich die Teilnahme erzwungen hätte.
Und bei dem Leichenzuge wird plötzlich Dostojewskis heiliger Traum für eine
Stunde zum Geschehnis: das einige Rußland. Wie in seinem Werk durch das
bruderselige Gefühl alle Klassen und Stände Rußlands, so sind die
Hunderttausende hinter dem Sarg durch ihren Schmerz eine einzige Masse;
junge Prinzen, prunkvolle Popen, Arbeiter, die Studenten, Offiziere, Lakaien und
Bettler, sie alle unter einem wehenden Wald von Fahnen und Bannern klagen mit
einer Stimme um den teuren Toten. Die Kirche, in der man ihn eingesegnet, ist
ein einziger Blumenhain, und vor seinem offenen Grabe vereinigen sich alle
Parteien zu einem Schwur 113 der Liebe und Bewunderung. So schenkt er
seiner Nation mit seiner letzten Stunde einen Augenblick der Versöhnung und
hält mit dämonischer Kraft noch einmal die zur Raserei gespannten Gegensätze
seiner Zeit zusammen. Und wie ein grandioser Salut für den Toten springt hinter
seinem letzten Weg die furchtbare Mine auf: die Revolution. Drei Wochen später
wird der Zar ermordet, der Donner des Aufstandes rollt, Blitze der Züchtigung
durchzucken das Land: Wie Beethoven stirbt Dostojewski im heiligen Aufruhr
der Elemente, im Gewitter.
SINN SEINES SCHICKSALS
Ein Meister bin ich worden
Zu tragen Lust und Leid,
Und meine Lust zu leiden,
Ward mir zur Seligkeit.
Gottfried Keller
Ein unaufhörlicher Kampf ist zwischen Dostojewski und seinem Schicksal,
eine Art liebevoller Feindschaft. Alle Konflikte spitzt es ihm schmerzhaft zu,
alle Kontraste dehnt es ihm zum Zerreißen schmerzhaft auseinander; es tut ihm
weh, das Leben, weil es ihn liebt, und er liebt es, weil es ihn so stark faßt, denn
im Leiden erkennt dieser Wissendste die stärkste Möglichkeit des Gefühls. Nie
gibt das Schicksal ihn frei, immer knechtet es ihn aufs neue, um diesen einen gläubigen Menschen sich zum ewigen Blutzeugen seiner Macht und Herrlichkeit
zu erschaffen. Wie Jakob ringt es mit ihm, die unendliche Nacht seines Lebens
bis zum Morgenrot des Todes und läßt ihn nicht aus der Umkrampfung, ehe er es
nicht gesegnet hat. Und Dostojewski, der „Gottesknecht“, begreift die Größe
dieser Botschaft und findet höchstes Glück darin, der ewig 114 Bezwungene
unendlicher Mächte zu sein. Mit fiebernden Lippen küßt er sein Kreuz: „Es gibt
für den Menschen kein notwendigeres Gefühl, als sich vor dem Unendlichen
beugen zu können.“ In die Knie gebrochen unter der Last seines Schicksals, hebt
er fromm die Hände und bezeugt die heilige Größe des Lebens.
In dieser Leibeigenschaft des Schicksals ist Dostojewski durch Demut und
Erkenntnis der große Überwinder alles Leidens geworden, der mächtigste
Meister und Umwerter seit den Tagen des Testaments. Nur durch die
Gewalttätigkeiten seines Schicksals ward er selbst gewaltig, und die
Hammerschläge, die auf den Amboß seiner Existenz fallen, schmieden erst seine
innere Kraft. Je tiefer sein Körper stürzt, desto höher schwingt sich sein Glaube,
je mehr er als Mensch erleidet, um so seliger erkennt er den Sinn und die
Notwendigkeit des Weltleidens. Amor fati, die hingegebene Liebe zum
Schicksal, die Nietzsche als das fruchtbarste Gesetz des Lebens preist, läßt ihn in
jeder Feindlichkeit nur die Fülle fühlen, jede Heimsuchung als Heil. Wie Bileam
verwandelt jeder Fluch sich dem Auserwählten zum Segen, jede Erniedrigung in
Erhöhung. In Sibirien, Ketten an den Füßen, verfaßt er einen Hymnus an den
Zaren, der ihn unschuldig zum Tode verurteilt, in uns unverständlicher Demut
küßt er immer wieder die Hand, die ihn züchtigt; wie Lazarus noch fahl vom
Sarge erstehend, ist er immer bereit, Zeugnis für die Schönheit des Lebens
abzulegen, und aus seinem täglichen Sterben, aus seinen Krämpfen und
epileptischen Zuckungen, noch Schaum vor dem Munde, rafft er sich auf, den
Gott zu lobpreisen, der ihm diese Prüfung gesandt. Alles Leiden zeugt in seiner
aufgetanen Seele neue Liebe zum Leiden, unersättlichen, lechzenden
flagellantischen Durst nach 115 neuen Märtyrerkronen. Schlägt ihn das
Schicksal hart, so stöhnt er, blutend zusammenstürzend, schon nach neuen
Schlägen. Jeden Blitz, der ihn trifft, fängt er auf und verwandelt, was ihn
verbrennen sollte, in seelisches Feuer und schöpferische Ekstase.
Gegen eine solche dämonische Verwandlungskraft des Erlebnisses verliert
das äußere Schicksal gänzlich seine Herrschaft. Was Strafe und Prüfung scheint,
wird dem Wissenden Hilfe, was den Menschen in die Knie stürzen soll, richtet
den Dichter erst eigentlich auf. Was einen Schwächeren zermalmt hätte, stählt
diesem Ekstatiker nur die Kraft. Das Jahrhundert, das gern mit Sinnbildern
spielt, gibt eine Probe solcher Doppelwirkung gleichen Erlebnisses. Einen
anderen Dichter unserer Welt, Oscar Wilde, streift ähnlicher Blitz. Beide stürzen sie, Schriftsteller von Namen, Adelige von Rang, eines Tages aus der
bürgerlichen Sphäre ihrer Existenz ins Zuchthaus hinab. Aber der Dichter Wilde
wird in dieser Prüfung zermalmt wie in einem Mörser, der Dichter Dostojewski
aus ihr erst geformt wie Erz in feurigem Tiegel. Denn Wilde, der noch sozial
empfindet, mit dem äußeren Instinkt des Gesellschaftsmenschen, fühlt sich
geschändet durch das bürgerliche Brandmal, und das Furchtbarste an
Erniedrigung wird ihm jenes Bad in Reading Gaol, wo sein gepflegter
Edelmannsleib in das von zehn anderen Sträflingen schon beschmutzte Wasser
hinab muß. Eine ganz privilegierte Klasse, die Kultur der Gentlemen, schauert in
seinem Grauen vor der physischen Vermengung mit dem Gemeinen.
Dostojewski, der neue Mensch über allen Ständen, brennt dieser Gemeinsamkeit
entgegen mit schicksalstrunkener Seele, zum Purgatorium seines Stolzes wird
ihm das gleiche schmutzige Bad. Und in der demütigen Hilfeleistung 116
eines schmierigen Tartaren erlebt er ekstatisch das christliche Mysterium der
Fußwaschung. Wilde, in dem der Lord den Menschen überlebt, leidet bei den
Sträflingen unter der Furcht, sie möchten ihn für ihresgleichen nehmen,
Dostojewski leidet nur so lange, als Diebe und Mörder ihm noch die
Bruderschaft verweigern, denn er fühlt jeden Abstand, jede Nicht-Bruderschaft
als Makel, als Unzulänglichkeit seiner Menschlichkeit. Wie Kohle und Diamant
gleiches Element, so ist dies Doppelschicksal eines und doch ein anderes für
diese beiden Dichter. Wilde ist fertig, wie er aus dem Zuchthaus kommt,
Dostojewski beginnt erst, Wilde verbrennt zur wertlosen Schlacke in gleicher
Glut, die Dostojewski zu funkelnder Härte formt. Wilde wird gezüchtigt wie ein
Knecht, weil er sich wehrt, Dostojewski triumphiert über sein Schicksal durch
Liebe zu seinem Schicksal.
Solch ein Umwandler seiner Heimsuchungen ist Dostojewski, solch ein
Umwerter aller Erniedrigungen, daß nur ein härtestes Schicksal ihm gemäß war.
Denn gerade aus den äußeren Gefahren seiner Existenz hat er die höchsten
inneren Sicherheiten gewonnen, seine Qualen werden ihm Gewinn, seine Laster
Steigerungen, seine Hemmungen Auftriebe. Sibirien, die Katorga, die Epilepsie,
die Armut, die Spielwut, die Wollüstigkeit, all diese Krisen seiner Existenz
werden durch eine dämonische Umwertungskraft fruchtbar in seiner Kunst, denn
wie die Menschen ihre kostbarsten Metalle aus den schwärzesten Tiefen der
Bergwerke, zwischen den Gefahren schlagender Wetter, tief unter der
spaziergängerischen Fläche des gesicherten Lebens, so gewinnt der Künstler
seine flammendsten Wahrheiten, seine letzten Erkenntnisse immer nur aus den
gefährlichsten Abgründen seiner Natur. Künstlerisch gesehen 117 eine
Tragödie, ist das Leben Dostojewskis moralisch eine Errungenschaft
ohnegleichen, weil Triumph des Menschen über sein Schicksal, eine Umwertung der äußeren Existenz durch die innere Magie.
Ohne Beispiel vor allem der Triumph geistiger Lebenskraft über einen
siechen, gebrestigen Körper. Vergessen wir nicht, daß Dostojewski ein Kranker
war, daß dieses eherne unvergängliche Werk aus geborstenen hinfälligen
Gliedern, aus zuckenden und glühend flackernden Nerven gewonnen ist. Mitten
durch seinen Körper war gefährlichstes Leiden gepfählt, ewig gegenwärtiges
grauenhaftes Sinnbild des Todes: die Fallsucht. Dostojewski war Epileptiker die
ganzen dreißig Jahre seiner Künstlerschaft. Mitten im Werk, auf der Straße, im
Gespräch, selbst im Schlaf krallt sich plötzlich die Hand des „würgenden
Dämons“ um seine Kehle und schmettert ihn so jäh, Schaum vor dem Munde, zu
Boden, daß der überraschte Körper sich im Falle blutig schlägt. Das nervöse
Kind spürt schon in seltsamen Halluzinationen, in grauenhaften psychischen
Anspannungen das Wetterleuchten der Gefahr, zum Blitz wird aber „die heilige
Krankheit“ erst im Zuchthaus geschmiedet. Dort preßt sie die ungeheuere
Überspannung der Nerven urmächtig heraus, und wie jedes Unglück, wie Armut
und Entbehrung, bleibt die Körpernot Dostojewski treu bis in die letzte Stunde.
Seltsam aber: niemals lehnt sich der Gemarterte mit einem Wort gegen die
Prüfung auf. Nie klagt er über sein Gebrechen wie Beethoven über seine
Taubheit, Byron über seinen verkürzten Fuß, Rousseau über sein Blasenleiden, ja
nirgends ist bezeugt, daß er jemals ernstlich dagegen Heilung gesucht habe.
Getrost darf man das Unwahrscheinliche als gewiß nehmen, daß er mit jener
unendlichen Amor 118 fati diese seine Krankheit liebte, als Schicksal liebte
wie jedes seiner Laster und Gefahren. Die Spürsucht des Dichters bändigt das
Leiden des Menschen: Dostojewski wird Herr seines Leidens, indem er es
belauscht. Die äußerste Gefahr seines Lebens, die Epilepsie, er verwandelt sie in
ein höchstes Geheimnis seiner Kunst: eine nie gekannte geheimnisvolle
Schönheit saugt er aus diesen Zuständen, die wundervoll in den Augenblicken
taumelnden Vorgefühls gesammelte Ichekstase. In ungeheuerlichster Abbreviatur
ist hier der Tod mitten im Leben erlebt und in dieser einen Sekunde vor dem
jedesmaligen Sterben, die stärkste, berauschendste Essenz des Seins, die
pathologisch gesteigerte Anspannung des „Sichselbstempfindens“. Wie ein
magisches Symbol bringt ihm das Schicksal immer wieder seinen intensivsten
Lebensaugenblick, die Minute am Semenowski-Platz ins Blut zurück, als sollte
er niemals den grausigen Kontrast zwischen dem All und dem Nichts in seinem
Gefühl verlernen. Auch hier schnürt immer Dunkel den Blick, auch hier stürzt
wie Wasser aus übervoller, gebeugter Schale die Seele dem Körper aus, schon
zittert sie mit gespannten Flügeln zu Gott empor, schon spürt sie überirdisches
Licht auf den entkörperten Schwingen, Strahl und Gnade einer anderen Welt,
schon sinkt die Erde, schon tönen die Sphären – da stürzt ihn der Donner des Erwachens wieder zerbrochen ins gemeine Leben hinab. Immer wenn
Dostojewski diese eine Minute beschreibt, das traumhafte Glücksgefühl, das
seine unerhörte Scharfsichtigkeit beobachtend beseelt, wird seine Stimme
leidenschaftlich in Rückerinnerung und der Augenblick des Grauens zum
Hymnus: „Ihr gesunden Menschen, ihr ahnt nicht,“ predigt er begeistert,
„welches Wonnegefühl den Epileptiker eine Sekunde vor dem Anfall 119
durchdringt. Mohammed erzählt im Koran, er sei im Paradies gewesen in der
kurzen Frist, da sein Krug umstürzte und das Wasser ausrann, und alle klugen
Narrenköpfe behaupten, er sei ein Lügner und Betrüger. Das ist aber nicht wahr,
er lügt nicht. Sicher war er im Paradies während eines epileptischen Anfalls,
einer Krankheit, an der er wie ich selber litt. Ich weiß nie, ob diese
Wonnesekunde Stunden dauert, aber glaubt mir, alle Freude des Lebens möchte
ich nicht dafür eintauschen.“
In dieser glühenden Sekunde geht Dostojewskis Blick über das Einzelne der
Welt hinaus und umfaßt in loderndem Allgefühl die Unendlichkeit. Aber was er
verschweigt, ist die bittere Züchtigung, mit der er jede dieser krampfhaften
Annäherungen an Gott bezahlt. Ein grauenhafter Zusammenbruch klirrt die
kristallenen Sekunden in reißende Scherben, mit zerbrochenen Gliedern und
stumpfen Sinnen stürzt er, ein anderer Ikarus, in die irdische Nacht zurück. Das
Gefühl, noch geblendet vom unendlichen Licht, tastet sich mühsam im
Gefängnis des Körpers zurecht, wie Würmer kriechen die Sinne blind am Boden
des Seins, die eben mit seligen Schwingen Gottes Antlitz umfingen.
Dostojewskis Zustand nach jedem Anfall ist ein fast idiotisches Dämmern,
dessen ganzes Grauen er sich selbst im Fürsten Myschkin mit flagellantischer
Deutlichkeit ausgemalt hat. Er liegt im Bett mit zerschlagenen, oft zerstoßenen
Gliedern, die Zunge gehorcht nicht dem Laut, die Hand nicht der Feder,
mürrisch und niedergeschlagen wehrt er sich gegen alle Gemeinschaft. Die
Helligkeit des Gehirns, das tausend Einzelheiten eben in harmonischer
Verkürzung umfaßte, ist zerschellt, er weiß sich der nächsten Dinge nicht mehr
zu erinnern, der Lebensfaden, der ihn der Umwelt, der ihn seinem Werk
verbindet, 120 ist zerrissen. Einmal, nach einem Anfall während der
Niederschrift der „Dämonen“, fühlt er mit Grauen, daß ihm nichts mehr bewußt
ist von all den Geschehnissen der eigenen Erfindung, selbst den Namen des
Helden hat er vergessen. Erst mühsam lebt er sich wieder in die Gestaltung
hinein, treibt die erschlaffenden Visionen mit drängendem Willen wieder zu
voller Glut auf, bis – bis ihn eben ein neuer Anfall hinschmettert. So, das Grauen
der Fallsucht im Rücken, den bitteren Nachgeschmack des Todes auf den
Lippen, gehetzt von Not und Entbehrung, sind seine letzten, die gewaltigsten
Romane entstanden. Auf der Kippe zwischen Tod und Wahnsinn, nachtwandlerisch sicher, steigt sein Schaffen noch gewaltig empor, und aus
diesem ständigen Sterben erwächst dem ewig Auferstandenen jene dämonische
Kraft, das Leben gierig zu umklammern, um ihm sein Höchstes an Gewalt und
Leidenschaft zu entpressen.
Dieser Krankheit, diesem dämonischen Verhängnis dankt Dostojewskis
Genie so viel (Mereschkowski hat die Antithese blendend durchgeführt) als
Tolstoi seiner Gesundheit. Sie hat ihn emporgeschwungen zu konzentrierten
Gefühlszuständen, wie sie dem normalen Empfinden nicht gegeben sind, hat ihm
geheimnisvollen Blick verliehen in die Unterwelt des Gefühles und die
Zwischenreiche der Seele. Das grandios Doppelgängerische seines Wesens, dies
Wachsein im hitzigsten Traum, das Nachschleichen des Intellekts in die letzten
Labyrinthe des Gefühls, hat ihn befähigt, zum ersten Male den pathologischen
Geschehnissen ihre Metaphysik zu geben, und voll zu schildern, was sonst das
analytische Skalpell der Wissenschaft nur unvollkommen am abgestorbenen
klinischen Fall ertastet. Wie Odysseus, der Vielgewanderte, Botschaft vom
Hades, so 121 bringt er, der einzig wach Wiederkehrende, peinlichste
Beschreibung aus dem Land der Schatten und Flammen und bezeugt mit seinem
Blut und dem kalten Schauer seiner Lippen die Existenz ungeahnter Zustände
zwischen Leben und Tod. Dank seiner Krankheit gelingt ihm das Höchste der
Kunst, das Stendhal einmal formulierte, „d'inventer des sensations inédites“,
Gefühle, die bei uns alle im Keim vorhanden sind und nur infolge der kühlen
Klimatik unseres Blutes nicht zu voller Reife kommen, in voller tropischer
Entfaltung darzustellen. Die Feinhörigkeit des Kranken läßt ihn die letzten Worte
der Seele erlauschen, ehe sie ins Delirium sinkt, die gesteigerte Feinfühligkeit
mißt mit stärkstem Ausschlag die zartesten Vibrationen der Sinne, und eine
mystische Scharfsichtigkeit in den Sekunden des Vorgefühls zeugt bei ihm
seherische Gabe des zweiten Gesichts, die Magie des Zusammenhangs. O
wunderbare Verwandlung, fruchtbar in allen Krisen des Herzens! Der Künstler
Dostojewski zwingt sich alle Gefahr in Besitz um, und auch der Mensch gewinnt
nur neue Größe aus neuem Maß. Denn für ihn bedeuten Glück und Leid, die
Endpunkte des Gefühls, eine ungleich gesteigerte Intensität, er mißt nicht mit
den gemeinen Werten des durchschnittlichen Lebens, sondern mit den siedenden
Graden seiner eigenen Phrenesie. Das Maximum an Glück, einem andern ist es
Genuß einer Landschaft, Besitz einer Frau, Gefühl der Harmonie, immer aber
durch irdische Zustände verstatteter Besitz. Bei Dostojewski sind die
Siedepunkte des Empfindens schon im Unerträglichen, im Tödlichen. Sein
Glück ist Spasma, der schäumende Krampf, seine Qual die Zerschmetterung, der
Kollaps, der Zusammenbruch: immer aber blitzartig komprimierte essentielle
Zustände, die im Irdischen keine 122 Dauer haben können, die solche Hitzegrade erreichen, daß kaum eine Sekunde sie in ihren Händen halten kann
und schmerzhaft sinken lassen muß. Wer im Leben ständig den Tod erlebt, kennt
ein urmächtigeres Grauen als der Normale, wer die körperlose Schwebe gefühlt,
eine höhere Lust als ein Körper, der nie die harte Erde ließ. Sein Begriff von
Glück meint die Verzückung, sein Begriff von Qual die Vernichtung. Darum hat
auch das Glück seiner Menschen nichts von einer gesteigerten Heiterkeit,
sondern es flimmert und brennt wie Feuer, es zittert von verhaltenen Tränen und
schwült von Gefahr, es ist ein unerträglicher, undauerhafter Zustand, ein Leiden
mehr als ein Genießen. Seine Qual wiederum hat etwas, das den gemeinen
Zustand von dumpfer würgender Angst, von Last und Grauen schon überbrückt
hat, eine eiskalte, beinahe lächelnde Klarheit, eine teuflische Gier der Bitterkeit,
die keine Träne kennt, ein trockenes kollerndes Lachen und ein dämonisches
Grinsen, in dem wiederum beinahe schon Lust ist. Nie war vor ihm die
Gegensätzlichkeit des Gefühles ähnlich weit aufgerissen, nie die Welt so
schmerzhaft weit gespannt als zwischen diesem neuen Pol der Ekstase und
Zernichtung, die er jenseits aller gewohnten Maße von Glück und Leiden gestellt
hat.
In dieser Polarität, die ihm das Schicksal aufgeprägt hat, und nur aus ihr ist
Dostojewski zu verstehen. Er ist das Opfer eines zwiespältigen Lebens und – als
leidenschaftlicher Bejaher seines Schicksals – darum Fanatiker seines
Kontrastes. Die Heißglut seines künstlerischen Temperaments entsteht einzig aus
der fortwährenden Reibung dieser Gegensätze und, statt sie zu vereinen, reißt
der Maßlose in ihm den eingeborenen Zwiespalt immer weiter auseinander zu
Himmel und Hölle: nie verheilt die klaffende 123 Wunde im brennenden
geistigen Fieber des Schaffens. Dostojewski, der Künstler, ist das
vollkommenste Gegensatzprodukt, der größte Dualist der Kunst und vielleicht
der Menschheit. Symbolisch bringt eins seiner Laster diesen Urwillen seiner
Existenz in sichtbare Form: seine krankhafte Liebe zum Glücksspiel. Der Knabe
schon ist leidenschaftlicher Kartenspieler, aber erst in Europa lernt er den
Teufelsspiegel seiner Nerven kennen: das Rouge et Noir, das Roulett, dieses in
seinem primitiven Dualismus so grausam gefährliche Spiel. Der grüne Tisch in
Baden-Baden, die Spielbank in Monte Carlo sind seine stärksten Ekstasen in
Europa: mehr als die Sixtinische Madonna, die Plastiken Michelangelos, die
Landschaften des Südens, Kunst und Kultur aller Welt hypnotisieren sie seinen
Nerv. Denn hier ist Spannung, Entscheidung – Schwarz oder Rot, gerad oder
ungerad, Glück oder Vernichtung, Gewinn oder Verlust – in eine einzige
Sekunde des rollenden Rades gepreßt, Spannung konzentriert zu jener
schmerzhaft-lustvollen Blitzform des springenden Gegensatzes, die einzig
seinem Charakter entspricht. Die sanften Übergänge, die Ausgleiche, die matten Steigerungen sind seiner fiebrischen Ungeduld unerträglich, er mag nicht Geld
verdienen auf deutsche, auf „Wurstmacherart“, durch Umsicht, Sparsamkeit und
Berechnung, ihn reizt der Zufall, die Hingabe an das Ganze. Die Form seines
äußern Schicksals ahmt vor dem grünen Tische der Wille in steter
Herausforderung bewußt-unbewußt nach: die Abbreviatur der Entscheidungen in
eine einzige Sekunde, die zur Spitze geschärfte Sensation, die ihre glühende
Nadel tief in den Nerv bohrt, geheimnisvoll ähnlich der Sekunde im Vorgefühl
und Niederbruch des epileptischen Blitzes, und jener unvergeßlichen Sekunde
vom Semenowski-Platz. 124 Wie das Schicksal mit ihm spielte, so spielt er
nun mit dem Schicksal: er reizt den Zufall zu künstlichen Spannungen, und
gerade wenn er gesichert ist, wirft er immer mit zitternder Hand seine ganze
Existenz auf den grünen Tisch. Dostojewski ist nicht Spieler aus Geldhunger,
sondern aus unerhörtem „unanständigem“, aus Karamasoffschem Lebensdurst,
der alles in den stärksten Essenzen will, aus krankhafter Sehnsucht nach
Schwindligkeit, aus jenem „Turmgefühl“, der Lust, sich über den Abgrund zu
beugen. Denn er liebt den Abgrund, die Tiefe des Lebens, das Dämonische des
Zufalls, er liebt in fanatischer Demut die Mächte, die stärker sind als seine
Eigenmacht, und lockt mit ewiger Reizung immer wieder ihren mörderischen
Blitz auf sein Haupt. Dostojewski provoziert im Glücksspiel das Schicksal: was
er einsetzt, ist nicht Geld und immer sein letztes Geld, sondern damit seine
ganze Existenz; was er ihm abgewinnt, ist äußerster Nervenrausch, tödliche
Schauer, Urangst, das dämonische Weltgefühl. Selbst im goldenen Gift hat
Dostojewski nur neuen Durst nach dem Göttlichen getrunken.
Selbstverständlich, daß er diese Leidenschaft wie jede andere über alles
Maß hinaus bis zum Äußersten, bis hinein in das Laster trieb. Haltzumachen,
Vorsicht, Bedenklichkeit waren diesem Titanentemperament fremd: „Überall und
in allem mein ganzes Leben lang habe ich die Grenze überschritten.“ Und dies,
Grenzen zu überschreiten, ist künstlerisch seine Größe wie menschlich seine
Gefahr: er macht nicht halt vor den Zäunen der bürgerlichen Moral, und niemand
weiß genau zu sagen, wie weit sein Leben die juridische Grenze überschritten
hat, wieviel von den verbrecherischen Instinkten seiner Helden in ihm selbst Tat
geworden ist. Einzelnes ist bezeugt, 125 doch wohl das Geringere nur. Als
Kind hat er betrogen im Kartenspiel, und wie sein tragischer Narr Marmeladow
in „Schuld und Sühne“ aus Gier nach Branntwein die Strümpfe seiner Frau, so
stiehlt auch Dostojewski der seinen Geld und ein Kleid aus dem Schrank, um es
im Roulett zu verspielen. Wie weit seine sinnlichen Ausschweifungen aus den
„Kellerjahren“ ins Perverse hinüberzittern, wieviel von den „Spinnen der
Wollust“ Swidrigailow, Stawrogin und Fedor Karamasow sich auch bei ihm in
sexuellen Verstörungen auslebte, wagen die Biographen nicht zu erörtern. Seine Neigungen und Perversitäten, auch sie wurzeln jedenfalls in der geheimnisvollen
Kontrastgier von Verderbtheit und Unschuld, aber es ist nicht wesenhaft, diese
Legenden und Konjekturen (so deutsam sie sind) zu erörtern. Wichtig ist nur,
nicht zu verkennen, daß dem Heiland, dem Heiligen, dem Aljoscha in
Dostojewski-Karamasow der Gegenspieler des Wollüstlings, des überreizten
Sexualmenschen, der schmutzige Fedor im Blute verschwistert war.
Nur dies ist gewiß: Dostojewski war auch in seiner Sinnlichkeit
Überschreiter des bürgerlichen Maßes und dies nicht im linden Sinn Goethes,
der einst in dem berühmten Worte sagte, daß er die Anlagen zu allen
Schändlichkeiten und Verbrechen lebendig in sich empfände. Denn Goethes
ganze gewaltige Entwicklung bedeutet nichts als eine einzige, ungeheuere
Anstrengung, diese gefährlich wuchernden Keime in sich auszuroden. Der
Olympier will zur Harmonie, seine höchste Sehnsucht ist Zerstörung alles
Gegensatzes, Erkältung des Blutes, die ruhevolle Schwebe der Kräfte. Er
verschneidet die Sinnlichkeit in sich, er rottet unter stärksten Blutverlusten für
seine Kunst alle gefährlichen Keime allmählich um der Sittlichkeit willen aus,
allerdings mit dem 126 Gemeinen auch viel von seiner Kraft vernichtend.
Dostojewski aber, leidenschaftlich in seinem Dualismus wie in allem, was ihm
vom Leben zugefallen, will nicht empor zur Harmonie, die für ihn Starre ist, er
bindet nicht seine Gegensätze ins Göttlich-Harmonische, sondern spannt sie
auseinander zu Gott und Teufel und hat dazwischen die Welt. Er will
unendliches Leben. Und Leben ist ihm einzig elektrische Entladung zwischen
den Polen des Kontrastes. Was Keim in ihm war, das Gute und das Schlechte,
das Gefährliche und das Fördernde, muß empor, alles wird an seiner tropischen
Leidenschaft Blüte und Frucht. Wild läßt er sein Laster aufwuchern, ungehemmt
seine Instinkte, selbst die verbrecherischen, hinein ins Leben jagen. Er liebt seine
Laster, seine Krankheit, das Spiel, seine Bosheit und selbst die Wollust, weil sie
eine Metaphysik des Fleisches ist, ein Wille des Genusses ins Unendliche hinein.
Goethe will zum Antikisch-Apollinischen, Dostojewski zum Bacchantischen. Er
will nicht Olympier, nicht gottähnlich, sondern nur starker Mensch sein. Seine
Moral geht nicht auf Klassizität, auf eine Norm, sondern einzig auf Intensität.
Richtig leben heißt für ihn: stark leben und alles leben, beides zugleich, das Gute
und das Schlechte, und beides in seinen stärksten, berauschendsten Formen.
Deshalb hat Dostojewski nie eine Norm gesucht, sondern immer nur die Fülle.
Neben ihm steht Tolstoi inmitten seines Werkes beunruhigt auf, hält inne, läßt
die Kunst und quält sich ein Leben lang, was gut sei, was böse, ob er richtig lebe
oder falsch. Tolstois Leben ist darum didaktisch, ein Lehrbuch, ein Pamphlet,
das Dostojewskis ein Kunstwerk, eine Tragödie, ein Schicksal. Er handelt nicht
zweckmäßig, nicht bewußt, er prüft sich nicht, er verstärkt sich nur. Tolstoi klagt
127 sich aller Todsünden an, laut und vor allem Volke. Dostojewski schweigt,
aber sein Schweigen sagt mehr von Sodom, als alle Anklagen Tolstois.
Dostojewski will sich nicht beurteilen, nicht verändern, nicht verbessern, nur
immer eines: sich verstärken. Gegen das Böse, gegen das Gefährliche seiner
Natur leistet er keinen Widerstand, im Gegenteil, er liebt seine Gefahr als
Antrieb, er vergöttert seine Schuld um der Reue willen, seinen Stolz für die
Demut. Kindlich wäre es darum, das Dämonische seines Wesens zu
verschweigen (das dem Göttlichen so nahe verschwistert ist), ihn moralisch zu
„entschuldigen“ und für die kleine Harmonie des bürgerlichen Maßes zu retten,
was die elementare Schönheit des Maßlosen hat.
Wer den Karamasoff schuf, die Gestalt des Studenten aus der „Jugend“, den
Stawrogin der „Dämonen“, den Swidrigailow des „Raskolnikoff“, diese
Fanatiker des Fleisches, diese großen Besessenen der Wollust, diese wissenden
Meister der Unzucht, dem waren im Leben auch die niedrigsten Formen der
Sinnlichkeit persönlich bewußt, denn eine geistige Liebe zur Ausschweifung ist
vonnöten, um diesen Gestalten ihre grausame Realität zu geben. Seine
unvergleichliche Reizbarkeit kannte die Erotik in ihrem doppelten Sinn, kannte
die der fleischlichen Trunkenheit, wo sie in den Schlamm taumelt und Unzucht
wird, bis zu ihren feinsten geistigen Abstiegen, wo sie zur Bosheit, zum
Verbrechen erstarrt, er kannte sie unter allen ihren Masken, und mit wissendstem
Blick lächelt er in ihre Raserei. Und er kennt sie in ihren edelsten Formen, wo
die Liebe fleischlos wird, Mitleid, seliges Erbarmen, Weltbruderschaft und
stürzende Träne. All diese geheimnisvollen Essenzen waren in ihm und nicht nur
in flüchtigen chemischen Spuren, wie bei jedem wahrhaften Dichter, 128
sondern in den reinsten, kräftigsten Extrakten. Mit sexueller Erregung und einer
fühlbaren Vibration der Sinne ist jede Ausschweifung bei ihm geschildert und
vieles wohl mit Lust erlebt. Damit meine ich aber nicht (Blutfremde mögen es so
verstehen), daß Dostojewski ein Wüstling war, einer, der sich freute am
Fleischlichen, ein Lebemann. Er war nur lustsüchtig, wie er qualsüchtig war, ein
Leibeigener des Triebes, Sklave einer herrischen geistigen und körperlichen
Neugier, die ihn mit Ruten ins Gefährliche hineinpeitschte, ins Dornendickicht
der abseitigen Wege. Seine Lust, auch sie ist nicht banales Genießen, sondern
Spiel und Einsatz der ganzen sinnlichen Lebenskraft, das immer wieder und
wieder Empfindenwollen der geheimnisvollen gewitterigen Schwüle der
Epilepsie, Konzentration des Gefühles in ein paar gespannte Sekunden
gefährlicher Vorlust und dann der dumpfe Niedersturz in die Reue. Er liebt in der
Lust nur das Flimmern von Gefahr, das Spiel der Nerven, dies Naturhafte
innerhalb des eigenen Körpers, er sucht in einer seltsamen Mischung von
Bewußtheit und dumpfer Scham in jeder Lust das Gegenspiel, den Bodensatz der Reue, in der Schändung die Unschuld, im Verbrechen die Gefahr. Dostojewskis
Sinnlichkeit ist ein Labyrinth, in dem sich alle Wege verschlingen, Gott und das
Tier sind nachbarlich in einem Fleische, und man verstehe in diesem Sinn das
Symbol der Karamasoff, daß Aljoscha, der Engel, der Heilige gerade der Sohn
Fedors, der grausamen „Spinne der Wollust“ ist. Wollust zeugt die Reinheit, das
Verbrechen die Größe, Lust das Leiden und das Leiden wieder Lust. Ewig
berühren sich die Gegensätze: zwischen Himmel und Hölle, Gott und Teufel
spannt sich seine Welt.
129 Grenzenlose, restlose wissend-wehrlose Hingabe an sein
zwiespältiges Schicksal, amor fati ist darum Dostojewskis letztes und einziges
Geheimnis, der schöpferische Feuerquell seiner Ekstase. Eben weil das Leben
ihm so gewaltig zugemessen war, weil es ihm Unermeßlichkeiten des Gefühles
im Leiden auftat, hat er das grausam-gütige, göttlich-unverständliche, ewig
unerlernbare, ewig mystische Leben geliebt. Denn sein Maß ist die Fülle, die
Unendlichkeit. Nie wollte er seinen Lebensgang milderen Wellenschlags, einzig
sich selbst noch konzentrierter, intensiver, und darum biegt er nie inneren und
äußeren Gefahren aus, sind sie doch Möglichkeiten der Sensation, Entzündungen
des Nervs. Was Keim war in ihm, Keim des Guten und des Bösen, jede
Leidenschaft, jedes Laster hat er aufgesteigert durch Begeisterung und
Selbstekstase, nichts ausgerodet an Gefahr in seinem wissenden Blut. Restlos
gibt sich der Spieler in ihm als Einsatz an das leidenschaftliche Spiel der
Mächte, denn nur im Rollen von Schwarz und Rot, Tod oder Leben, spürt er
taumlig-süß die ganze Wollust seiner Existenz. „Du hast mich hineingestellt, du
wirst mich wieder hinausführen“, ist mit Goethe seine Antwort an die Natur.
„Corriger la fortune“, das Schicksal zu verbessern, auszubiegen, abzuschwächen,
fällt ihm nicht bei. Nie sucht er Vollendung, Abschluß, Ende in einer Ruhe, nur
Steigerung des Lebens im Leiden, immer höher lizitiert er sein Gefühl zu neuen
Spannungen, denn nicht sich will er gewinnen, sondern die höchste Summe des
Gefühls. Er will nicht wie Goethe zum Kristall erstarren, kalt mit hundert
Flächen das bewegte Chaos spiegelnd, sondern Flamme bleiben,
selbstzerstörend, täglich sich vernichtend, um täglich sich neu aufzubauen, ewig
sich wiederholend, aber immer mit gesteigerter Kraft und aus gespannterem
Gegensatz. 130 Er will nicht das Leben meistern, sondern das Leben fühlen.
Nicht der Herr sein, sondern der fanatische Leibeigene seines Schicksals. Und
nur so, als der „Gottesknecht“, der Hingebendste aller, konnte er der Wissendste
alles Menschlichen werden.
Dostojewski hat die Herrschaft über sein Schicksal an das Schicksal
zurückgegeben: dadurch wird sein Leben gewaltig über die zufällige Zeit. Er ist
der dämonische Mensch, untertan den ewigen Mächten, und in seiner Gestalt ersteht mitten im klaren dokumentarischen Licht unserer Epoche noch einmal
der schon vergangen geglaubte Dichter mystischer Zeiten, der Seher, der große
Rasende, der Schicksalsmensch. Etwas Urzeitliches und Heroisches liegt in
dieser titanischen Gestalt. Steigen die anderen literarischen Werke wie beblümte
Berge aus den Niederungen der Zeit, Zeugen einer gestaltenden Urkraft zwar
noch, aber schon gesänftigt in Dauer und zugänglich selbst in ihren Höhen, wo
sie mit weißer Schneekrone ins Unendliche reichen, so scheint die Kuppe seiner
Schöpfung, phantastisch und grau, ein vulkanisches unfruchtbares Gestein. Aber
aus dem Krater seiner zerrissenen Brust reicht Glut bis zum untersten feurig-
flüssigen Kern unserer Welt: hier sind noch Zusammenhänge mit aller Anfänge
Anfang, mit dem Elementaren der Urkraft, und schaudernd spüren wir in seinem
Schicksal und Werk die geheimnisvolle Tiefe aller Menschlichkeit.