Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski

Stefan Zweig · Kapitel 3 von 14

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Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski

Balzac

 

B ALZAC ist 1799 geboren, in der Touraine, der Provinz des Überflusses, in Rabelais' heiterer Heimat. Im Juni 1799, das Datum ist wert, wiederholt zu

werden. Napoleon – die von seinen Taten schon beunruhigte Welt nannte ihn

noch Bonaparte – kam in diesem Jahre aus Ägypten heim, halb Sieger und halb

Flüchtling. Unter fremden Sternbildern, vor den steinernen Zeugen der

Pyramiden hatte er gefochten, war dann, müd, ein grandios begonnenes Werk

zäh zu vollenden, auf winzigem Schiffe durchgeschlüpft zwischen den lauernden

Korvetten Nelsons, faßte ein paar Tage nach seiner Ankunft eine Handvoll

Getreuer zusammen, fegte den widerstrebenden Konvent rein und riß mit einem

Griff die Herrschaft Frankreichs an sich. 1799, das Geburtsjahr Balzacs, ist der

Beginn des Empire. Das neue Jahrhundert kennt nicht mehr le petit général,

nicht mehr den korsischen Abenteurer, sondern nur mehr Napoleon, den Kaiser

Frankreichs. Zehn, fünfzehn Jahre noch – die Knabenjahre Balzacs – und die

machtgierigen Hände umspannen halb Europa, während seine ehrgeizigen

Träume mit Adlersflügeln schon ausgreifen über die ganze Welt von Orient zu

Okzident. Es kann für einen alles so intensiv Miterlebenden, für einen Balzac

nicht gleichgültig sein, wenn sechzehn Jahre ersten Umblicks mit den sechzehn

Jahren des Kaiserreichs, der vielleicht phantastischesten Epoche der

Weltgeschichte, glatt zusammenfallen. Denn frühes Erlebnis und Bestimmung,

sind sie nicht eigentlich nur Innen- und Außenfläche eines Gleichen? Daß einer,

irgendeiner kam, von irgendeiner Insel im blauen Mittelmeer, nach Paris kam,

ohne Freund und Geschäft, ohne Ruf und Würde, schroff die eben zügellose

Gewalt dort packte, sie herumriß und in den Zaum zwang, daß irgendeiner, ein

einzelner, ein Fremder, mit einem Paar nackter Hände Paris gewann und dann

Frankreich und dann die ganze Welt – diese Abenteurerlaune der Weltgeschichte

wird nicht aus schwarzen Lettern unglaubhaft zwischen Legenden oder Historien

ihm vermittelt, sondern farbig, durch all seine durstig aufgetanen Sinne dringt

sie ein in sein persönliches Leben, mit tausend bunten Erinnerungswirklichkeiten

die noch unbeschrittene Welt seines Innern bevölkernd. Solches Erlebnis muß

notwendigerweise zum Beispiel werden. Balzac, der Knabe, hat das Lesen

vielleicht gelernt an den Proklamationen, die stolz, schroff, mit fast römischem

Pathos die fernen Siege erzählten, der Kinderfinger zog wohl ungelenk auf der

Landkarte, von der Frankreich wie ein überströmender Fluß allmählich über

Europa schwoll, den Märschen der napoleonischen Soldaten nach, heute über

den Mont Cenis, morgen quer durch die Sierra Nevada, über die Flüsse hin nach

Deutschland, über den Schnee nach Rußland, über das Meer vor Gibraltar hin,

wo die Engländer mit glühenden Kanonenkugeln die Flottille in Brand schossen.

Tags haben vielleicht die Soldaten auf der Straße mit ihm gespielt, Soldaten, denen die Kosaken ihre Säbelhiebe ins Gesicht geschrieben hatten, nachts mag

er oft aufgewacht sein vom zornigen Rollen der Kanonen, die hinzogen nach

Österreich, um die Eisdecke unter der russischen Reiterei bei Austerlitz zu

zerschmettern. Alles Begehren seiner Jugend mußte aufgelöst sein in den

aneifernden Namen, in den Gedanken, in die Vorstellung: Napoleon. Vor dem

großen Garten, der aus Paris hinausführt in die Welt, wuchs ein Triumphbogen

auf, dem die besiegten Städtenamen der halben Welt eingemeißelt waren, und

dieses Gefühl der Herrschaft, wie mußte es umschlagen in eine ungeheure

Enttäuschung, als dann fremde Truppen mit Musik und wehenden Fahnen

durchzogen durch diese stolze Wölbung! Was außen, in der durchstürmten Welt

geschah, wuchs nach innen als Erlebnis. Früh erlebte er schon die ungeheure

Umwälzung der Werte, der geistigen ebenso wie der materiellen. Er sah die

Assignaten, auf denen 100 oder 1000 Francs mit dem Siegel der Republik

verheißen waren, als wertlose Papiere im Winde flattern. Auf dem Goldstück,

das durch seine Hand glitt, war bald des enthaupteten Königs feistes Profil, bald

die Jakobinermütze der Freiheit, bald des Konsuls Römergesicht, bald Napoleon

im kaiserlichen Ornat. In einer Zeit so ungeheurer Umwälzungen, da die Moral,

das Geld, das Land, die Gesetze, die Rangordnungen, alles, was seit

Jahrhunderten in feste Grenzen eingedämmt war, einsickerte oder

überschwemmte, in einer Epoche so nie erlebter Veränderungen mußte ihm früh

die Relativität aller Werte bewußt werden. Ein Wirbel war die Welt um ihn, und

wenn der schwindlige Blick nach Übersicht suchte, nach einem Symbol, nach

einem Sternbild über diesem gebäumten Wogen, so war es in diesem Auf und

Nieder der Ereignisse immer nur der Eine, der Wirkende, von dem diese tausend

Erschütterungen und Schwingungen ausgingen. Und ihn selbst, Napoleon, hatte

er noch erlebt. Er sah ihn zur Parade reiten mit den Geschöpfen seines Willens,

mit Rustan, dem Mamelucken, mit Josef, dem er Spanien geschenkt hatte, mit

Murat, dem er Sizilien zu eigen gegeben, mit Bernadotte, dem Verräter, mit

allen, denen er Kronen gemünzt hatte und Königreiche erobert, die er

aufgehoben aus dem Nichts ihrer Vergangenheit in den Strahl seiner Gegenwart.

In einer Sekunde war in seine Netzhaut sinnfällig und lebendig ein Bild

eingestrahlt, das größer war als alle Beispiele der Geschichte: er hatte den

großen Welteroberer gesehen! Und ist für einen Knaben, einen Welteroberer zu

sehen, nicht gleichviel mit dem Wunsche, selbst einer zu werden? Noch an zwei

anderen Stellen ruhten in diesem Augenblicke zwei Welteroberer aus, in

Königsberg, wo einer die Wirre der Welt sich auflöste in eine Übersicht, und in

Weimar, wo sie ein Dichter nicht minder in ihrer Gänze besaß als Napoleon mit

seinen Armeen. Aber dies war für lange noch unfühlbare Ferne für Balzac. Den

Trieb, immer nur das Ganze zu wollen, nie ein Einzelnes, die ganze Weltfülle gierig zu erstreben, diesen fieberhaften Ehrgeiz hat vorerst das Beispiel

Napoleons an ihm verschuldet.

Dieser ungeheure Weltwille weiß noch nicht sofort seinen Weg. Balzac

entscheidet sich zunächst für keinen Beruf. Zwei Jahre früher geboren, wäre er,

ein Achtzehnjähriger, in die Reihen Napoleons getreten, hätte vielleicht bei Belle

Alliance die Höhen gestürmt, wo die englischen Kartätschen niederfegten; aber

die Weltgeschichte liebt keine Wiederholungen. Auf den Gewitterhimmel der

napoleonischen Epoche folgen laue, weiche, erschlaffende Sommertage. Unter

Ludwig XVIII. wird der Säbel zum Zierdegen, der Soldat zur Hofschranze, der

Politiker zum Schönredner; nicht mehr die Faust der Tat, das dunkle Füllhorn

des Zufalls vergeben die hohen Staatsstellen, sondern weiche Frauenhände

schenken Gunst und Gnade, das öffentliche Leben versandet, verflacht, der

Gischt der Ereignisse glättet sich zum sanften Teich. Mit den Waffen war die

Welt nicht mehr zu erobern. Napoleon, dem einzelnen ein Beispiel, war eine

Abschreckung für die vielen. So blieb die Kunst. Balzac beginnt zu schreiben.

Aber nicht wie die anderen, um Geld zu raffen, zu amüsieren, ein Bücherregal zu

füllen, ein Boulevardgespräch zu sein: ihn lüstet nicht nach einem Marschallstab

in der Literatur, sondern nach der Kaiserkrone. In einer Mansarde fängt er an.

Unter fremdem Namen, wie um seine Kraft zu proben, schreibt er die ersten

Romane. Es ist noch nicht Krieg, sondern nur Kriegsspiel, Manöver und noch

nicht die Schlacht. Unzufrieden mit dem Erfolg, unbefriedigt vom Gelingen,

wirft er dann das Handwerk hin, dient drei, vier Jahre lang anderen Berufen, sitzt

als Schreiber in der Stube eines Notars, beobachtet, sieht, genießt, dringt mit

seinem Blick in die Welt, und dann fängt er noch einmal an. Jetzt aber mit jenem

ungeheuren Willen auf das Ganze hinzielend, mit jener gigantischen fanatischen

Gier, die das Einzelne, die Erscheinung, das Phänomen, das Losgerissene

mißachtet, um nur das in großen Schwingungen Kreisende zu umfassen, das

geheimnisvolle Räderwerk der Urtriebe zu belauschen. Aus dem Gebräu der

Geschehnisse die reinen Elemente, aus dem Zahlengewirr die Summe, aus dem

Getöse die Harmonie, aus der Lebensfülle die Essenz zu gewinnen, die ganze

Welt in seine Retorte zu drängen, sie noch einmal zu schaffen, „en raccourci“, in

der genauen Verkürzung, und die so unterjochte mit seinem eigenen Atem zu

beseelen, mit seinen eigenen Händen zu lenken: das ist nun sein Ziel. Nichts soll

verloren gehen von der Vielfalt, und um dieses Unendliche in ein Endliches, das

Unerreichbare in ein Menschenmögliches zusammenzupressen, gibt es nur einen

Prozeß: die Komprimierung. Seine ganze Kraft arbeitet dahin, die Phänomene

zusammenzudrängen, sie durch ein Sieb zu jagen, wo alles Unwesentliche

zurückbleibt und nur die reinen, wertvollen Formen durchsickern; und sie dann,

diese zerstreuten Einzelformen, in der Glut seiner Hände zusammenzupressen, ihre ungeheure Vielfalt in ein anschauliches, übersichtliches System zu bringen,

wie Linné die Milliarden Pflanzen in eine enge Übersicht, wie der Chemiker die

unzählbaren Zusammensetzungen in eine Handvoll Elemente auflöst – das ist

nun sein Ehrgeiz. Er vereinfacht die Welt, um sie dann zu beherrschen, er preßt

die Bezwungene in den grandiosen Kerker der „Comédie humaine“. Durch

diesen Prozeß der Destillation sind seine Menschen immer Typen, immer

charakteristische Zusammenfassungen einer Mehrheit, von denen ein unerhörter

Kunstwille alles Überflüssige und Unwesentliche abgeschüttelt hat. Diese

geradlinigen Leidenschaften sind die Stoßkräfte, diese reinen Typen die

Schauspieler, diese dekorativ vereinfachte Umwelt die Kulissen der „Comédie

humaine“. Er konzentriert, indem er das administrative Zentralisationssystem in

die Literatur einführt. Wie Napoleon macht er Frankreich zum Umkreis der Welt,

Paris zum Zentrum. Und innerhalb dieses Kreises, in Paris selbst, zieht er

mehrere Zirkel, den Adel, die Geistlichkeit, die Arbeiter, die Dichter, die

Künstler, die Gelehrten. Aus fünfzig aristokratischen Salons macht er einen

einzigen, den der Herzogin von Cadignan. Aus hundert Bankiers den Baron von

Nucingen, aus allen Wucherern den Gobsec, aus allen Ärzten den Horace

Bianchon. Er läßt diese Menschen enger beieinander wohnen, häufiger sich

berühren, vehementer sich bekämpfen. Wo das Leben tausend Spielarten

erzeugt, hat er nur eine. Er kennt keine Mischtypen. Seine Welt ist ärmer als die

Wirklichkeit, aber intensiver. Denn seine Menschen sind Extrakte, seine

Leidenschaften reine Elemente, seine Tragödien Kondensierungen. Wie

Napoleon beginnt er mit der Eroberung von Paris. Dann faßt er Provinz nach

Provinz – jedes Departement sendet gewissermaßen seinen Sprecher in das

Parlament Balzacs – und dann wirft er wie der siegreiche Konsul Bonaparte

seine Truppen über alle Länder. Er greift aus, sendet seine Menschen an die

Fjorde Norwegens, in die verbrannten, sandigen Ebenen Spaniens, unter den

feuerfarbenen Himmel Ägyptens, an die vereiste Brücke der Beresina, überallhin

und noch weiter greift sein Weltwille wie der seines großen Vorbildners. Und so

wie Napoleon, ausruhend zwischen zwei Feldzügen, den Code civil schuf, gibt

Balzac, ausruhend von der Eroberung der Welt in der „Comédie humaine“, einen

Code moral der Liebe, der Ehe, eine prinzipielle Abhandlung und zieht über die

erdumspannende Linie der großen Werke noch lächelnd die übermütige

Arabeske der „Contes drolatiques“. Vom tiefsten Elend, aus den Hütten der

Bauern wandert er in die Paläste von St. Germain, dringt in die Gemächer

Napoleons, überall reißt er die vierte Wand auf und mit ihr die Geheimnisse der

verschlossenen Räume, er rastet mit den Soldaten in den Zelten der Bretagne,

spielt an der Börse, sieht in die Kulissen des Theaters, überwacht die Arbeit des

Gelehrten, kein Winkel ist in der Welt, wo seine zauberische Flamme nicht hinleuchtet. Zwei- bis dreitausend Menschen bilden seine Armee, und

tatsächlich: aus dem Boden hat er sie gestampft, aus seiner flachen Hand ist sie

aufgewachsen. Nackt, aus dem Nichts sind sie gekommen, und er wirft ihnen

Kleider um, schenkt ihnen Titel und Reichtümer, wie Napoleon seinen

Marschällen, nimmt sie ihnen wieder ab, er spielt mit ihnen, hetzt sie

durcheinander. Unzählbar ist die Vielfalt der Geschehnisse, ungeheuer die

Landschaft, die hinter diese Ereignisse sich stellt. Einzig in der neuzeitlichen

Literatur, wie Napoleon einzig in der modernen Geschichte, ist diese Eroberung

der Welt in der „Comédie humaine“, dieses Zwischen-zwei-Händen-Halten des

ganzen, zusammengedrängten Lebens. Aber es war der Knabentraum Balzacs,

die Welt zu erobern, und nichts ist gewaltiger als früher Vorsatz, der Wirklichkeit

wird. Nicht umsonst hatte er unter ein Bild Napoleons geschrieben: „Ce qu'il n'a

pu achever par l'épée je l'accomplirai par la plume.“

Und so wie er, sind seine Helden. Alle haben sie das Welteroberungsgelüst.

Eine zentripetale Kraft schleudert sie aus der Provinz, aus ihrer Heimat, nach

Paris. Dort ist ihr Schlachtfeld. Fünfzigtausend junge Leute, eine Armee, strömt

heran, unversuchte keusche Kraft, entladungssüchtige, unklare Energie, und hier,

im engen Raume prallen sie aufeinander wie Geschosse, vernichten sich, treiben

sich empor, reißen sich in den Abgrund. Keinem ist ein Platz bereitet. Jeder muß

sich die Rednerbühne erobern und dies stahlharte, biegsame Metall, das Jugend

heißt, umschmieden zu einer Waffe, seine Energien konzentrieren zu einem

Explosiv. Daß dieser Kampf innerhalb der Zivilisation nicht minder erbittert ist

als der auf den Schlachtfeldern, dies als erster bewiesen zu haben, ist der Stolz

Balzacs: „Meine bürgerlichen Romane sind tragischer als eure Trauerspiele!“

ruft er den Romantikern zu. Denn das erste, was diese jungen Menschen in den

Büchern Balzacs lernen, ist das Gesetz der Unerbittlichkeit. Sie wissen, daß sie

zuviel sind, und müssen sich – das Bild gehört Vautrin, dem Liebling Balzacs –

auffressen wie die Spinnen in einem Topf. Sie müssen die Waffe, die sie aus

ihrer Jugend geschmiedet haben, noch eintauchen in das brennende Gift der

Erfahrung. Nur der Überbleibende hat recht. Aus allen zweiunddreißig

Windrichtungen kommen sie her wie die Sansculotten der „Großen Armee“,

zerreißen sich die Schuhe auf dem Wege nach Paris, der Staub der Landstraße

klebt an ihren Kleidern, und ihre Kehle ist verbrannt von einem ungeheuren

Durst nach Genuß. Und wie sie sich umsehen in dieser neuen, zauberischen

Sphäre der Eleganz, des Reichtums und der Macht, da fühlen sie, daß, um diese

Paläste, diese Frauen, diese Gewalten zu erobern, all das wenige, das sie

mitgebracht haben, wertlos sei. Daß sie ihre Fähigkeiten, um sie auszunützen,

umschmelzen müßten, Jugend in Zähigkeit, Klugheit in List, Vertrauen in

Falschheit, Schönheit in Laster, Verwegenheit in Verschlagenheit. Denn die Helden Balzacs sind starke Begehrende, sie streben nach dem Ganzen. Sie alle

haben das gleiche Abenteuer: ein Tilbury saust an ihnen vorbei, die Räder

sprühen sie an mit Kot, der Kutscher schwingt die Peitsche, aber darin sitzt eine

junge Frau, in ihrem Haar blinkt der Schmuck. Ein Blick weht rasch vorüber. Sie

ist verführerisch und schön, ein Symbol des Genusses. Und alle Helden Balzacs

haben in diesem Augenblicke nur einen Wunsch: Mir diese Frau, der Wagen, die

Diener, der Reichtum, Paris, die Welt! Das Beispiel Napoleons, daß alle Macht

auch für den Geringsten feil sei, hat sie verdorben. Nicht wie ihre Väter in der

Provinz ringen sie um einen Weinberg, um eine Präfektur, um eine Erbschaft,

sondern um Symbole schon, um die Macht, um den Aufstieg in jenen Lichtkreis,

wo die Liliensonne des Königtums glänzt und das Geld wie Wasser durch die

Finger rinnt. So werden sie ja jene großen Ehrgeizigen, denen Balzac stärkere

Muskeln, wildere Beredsamkeit, energischere Triebe, ein wenn auch rascheres,

so doch lebendigeres Leben zuschreibt, als den anderen. Sie sind Menschen,

deren Träume Taten werden, Dichter, wie er sagt, die in der Materie des Lebens

dichten. Zwiefach in ihrer Angriffsweise, ein besonderer Weg bahnt sich dem

Genie, ein anderer dem gewöhnlichen. Man muß sich eine eigene Weise finden,

um zur Macht zu gelangen, oder man muß die der anderen, die Methode der

Gesellschaft erlernen. Als Kanonenkugel muß man mörderisch hineinschmettern

in die Menge der anderen, die zwischen einem und dem Ziele stehen, oder man

muß sie schleichend vergiften wie die Pest, rät Vautrin, der Anarchist, die

grandiose Lieblingsfigur Balzacs. Im Quartier Latin, wo Balzac selbst in enger

Stube begonnen hat, treten auch seine Helden zusammen, die Urformen des

sozialen Lebens, Desplein, der Student der Medizin, Rastignac, der Streber,

Louis Lambert, der Philosoph, Bridau, der Maler, Rubempré, der Journalist – ein

Cénacle junger Menschen, die ungeformte Elemente sind, reine, rudimentäre

Charaktere, aber doch: das ganze Leben gruppiert um eine Tischplatte in der

sagenhaften Pension Vauquer. Dann aber, hineingegossen in die große Retorte

des Lebens, eingekocht in die Hitze der Leidenschaften, und wieder erkaltend,

erstarrend an den Enttäuschungen, unterworfen den vielfachen Wirkungen der

gesellschaftlichen Natur, den mechanischen Reibungen, den magnetischen

Anziehungen, den chemischen Zersetzungen, den molekularen Zerlegungen,

bilden sich diese Menschen um, verlieren sie ihr wahres Wesen. Die furchtbare

Säure, die Paris heißt, löst die einen auf, zerfrißt sie, scheidet sie aus, läßt sie

verschwinden und kristallisiert, verhärtet, versteint wiederum die anderen. Alle

Wirkungen der Wandlung, Färbung und Vereinung vollziehen sich an ihnen, aus

den vereinten Elementen bilden sich neue Komplexe, und zehn Jahre später

grüßen sich die Übergebliebenen, Umgeformten mit Augurenlächeln auf den

Höhen des Lebens, Desplein, der berühmte Arzt, Rastignac, der Minister, Bridau, der große Maler, während Louis Lambert und Rubempré das

Schwungrad zermalmend faßte. Nicht umsonst hat Balzac die Chemie geliebt,

die Werke Cuviers, Lavoisiers studiert. Denn in diesem vielfältigen Prozeß der

Aktionen und Reaktionen, der Affinitäten, der Abstoßungen und Anziehungen,

Ausscheidungen und Gliederungen, Zersetzungen und Kristallisierungen, in der

atomhaften Vereinfachung des Zusammengesetzten schien ihm deutlicher als

anderswo das Bild der sozialen Zusammensetzung gespiegelt zu sein. Daß jede

Vielheit nicht minder auf die Einheit wirkte, wie die Einheit selbst wieder

bestimmend auf die Vielheit, diese seine Auffassung, die er Lamarquismus

nannte – und die Taine später zu Begriffen erstarrt hat –, daß jedes Individuum

ein Produkt sei, geformt von Klima, Milieu, Sitten, Zufall, von all dem, was

schicksalsträchtig an ihm rührt, daß jedes Individuum seine Wesenheit aus einer

Atmosphäre sauge, um selbst wieder eine neue Atmosphäre zu entstrahlen –,

dieses universelle Bedingtsein von In- und Umwelt war ihm Axiom. Und diesen

Abdruck des Organischen im Unorganischen und die Griffspuren des

Lebendigen im Begrifflichen wieder, diese Summierungen eines momentanen

geistigen Besitzes im sozialen Wesen, die Produkte ganzer Epochen

aufzuzeichnen, schien ihm höchste Aufgabe des Künstlers. Alles fließt

ineinander, alle Kräfte sind in Schwebe und keine frei. Ein so unbegrenzter

Relativismus hat jede Kontinuität, selbst die des Charakters geleugnet. Balzac

hat seine Menschen immer an den Ereignissen sich formen lassen, sich

modellieren wie Ton in der Hand des Schicksals. Selbst die Namen seiner

Menschen umspannen einen Wandel und kein Einheitliches. Durch zwanzig der

Bücher Balzacs geht der Baron von Rastignac, Pair von Frankreich. Man glaubt

ihn schon zu kennen, von der Straße her, oder vom Salon, oder von der Zeitung,

diesen rücksichtslosen Arrivierten, dies Prototyp eines brutalen pariserischen

unbarmherzigen Strebers, der aalglatt durch alle Schlupfwinkel der Gesetze sich

durchdrückt und die Moral einer verkommenen Gesellschaft meisterhaft

verkörpert. Aber da ist ein Buch, in dem lebt auch ein Rastignac, der junge arme

Edelmann, den seine Eltern nach Paris schicken mit vielen Hoffnungen und

wenig Geld, ein weicher, sanfter, bescheidener, sentimentaler Charakter. Und das

Buch erzählt, wie er in die Pension Vauquer gerät, in jenen Hexenkessel von

Gestalten, in eine jener genialen Verkürzungen, wo Balzac in vier schlecht

tapezierte Wände die ganze Lebensvielfalt der Temperamente und Charaktere

einschließt, und hier sieht er die Tragödie des ungekannten König Lear, des

Vaters Goriot, sieht, wie die Flitterprinzessinnen des Faubourg St. Germain

gierig den alten Vater bestehlen, sieht alle Niedertracht der Gesellschaft, gelöst

in eine Tragödie. Und da, wie er endlich dem Sarge des allzu Gütigen folgt,

allein mit einem Hausknecht und einer Magd, wie er in zorniger Stunde Paris schmutziggelb und trüb wie ein böses Geschwür von den Höhen des Père

Lachaise zu seinen Füßen sieht, da weiß er alle Weisheit des Lebens. In diesem

Momente hört er die Stimme Vautrins, des Sträflings, in seinem Ohr aufklingen,

seine Lehre, daß man Menschen wie Postpferde behandeln müsse, sie vor

seinem Wagen hetzen und dann krepieren lassen am Ziel, in dieser Sekunde wird

er der Baron Rastignac der anderen Bücher, der rücksichtslose, unerbittliche

Streber, der Pair von Paris. Und diese Sekunde am Kreuzweg des Lebens erleben

alle Helden Balzacs. Sie alle werden Soldaten im Kriege aller gegen alle, jeder

stürmt vorwärts, über die Leiche des einen geht der Weg des andern. Daß jeder

seinen Rubikon, sein Waterloo hat, daß die gleichen Schlachten sich in Palästen,

Hütten und Tavernen liefern, zeigt Balzac, und daß unter den abgerissenen

Kleidern Priester, Ärzte, Soldaten, Advokaten die gleichen Triebe entäußern, das

weiß sein Vautrin, der Anarchist, der die Rollen aller spielt und in zehn

Verkleidungen in den Büchern Balzacs auftritt, immer aber derselbe und bewußt

derselbe. Unter der nivellierten Oberfläche des modernen Lebens wühlen die

Kämpfe unterirdisch weiter. Denn der äußeren Egalisierung wirkt der innere

Ehrgeiz entgegen. Da keinem ein Platz reserviert ist wie einst dem König, dem

Adel, den Priestern, da jeder ein Anrecht auf alle hat, so verzehnfacht sich ihre

Anspannung. Die Verkleinerung der Möglichkeiten äußert sich im Leben als

Verdoppelung der Energie.

Gerade dieser mörderische und selbstmörderische Kampf der Energien ist

es, der Balzac reizt. Die an ein Ziel gewandte Energie als Ausdruck des

bewußten Lebenswillens nicht in ihrer Wirkung, sondern in ihrem Wesen zu

schildern, ist seine Leidenschaft. Ob sie gut oder böse, wirkungskräftig oder

verschwendet bleibt, ist ihm gleichgültig, sobald sie nur intensiv wird. Intensität,

Wille ist alles, weil dies dem Menschen gehört, Erfolg und Ruhm nichts, denn

ihn bestimmt der Zufall. Der kleine Dieb, der ängstliche, der ein Brot vom

Bäckerladentisch in den Ärmel verschwinden läßt, ist langweilig, der große

Dieb, der professionelle, der nicht nur um des Nutzens, sondern um der

Leidenschaft willen raubt, dessen ganze Existenz sich auflöst in den Begriff des

Ansichreißens, ist grandios. Die Effekte, die Tatsachen zu messen, bleibt

Aufgabe der Geschichtschreibung, die Ursachen, die Intensitäten freizulegen,

scheint für Balzac die des Dichters. Denn tragisch ist nur die Kraft, die nicht

zum Ziel gelangt. Balzac schildert die héros oubliés, für ihn gibt es in jeder

Epoche nicht nur einen Napoleon, nicht nur den der Historiker, der die Welt

erobert hat von 1796 bis 1815, sondern er kennt vier oder fünf. Der eine ist

vielleicht bei Marengo gefallen und hat Desaix geheißen, der zweite mag vom

wirklichen Napoleon nach Ägypten gesandt worden sein, fernab von den großen

Ereignissen, der dritte hat vielleicht die ungeheuerste Tragödie erlitten: er war Napoleon und ist nie an ein Schlachtfeld gelangt, hat in irgendeinem Provinznest

einsickern müssen, statt Wildbach zu werden, aber er hat nicht minder Energie

verausgabt, wenn auch an kleinere Dinge. So nennt er Frauen, die durch ihre

Hingebung und ihre Schönheit berühmt geworden wären unter den

Sonnenköniginnen, deren Namen geklungen hätten wie der der Pompadour oder

der Diane de Poitiers, er spricht von den Dichtern, die an der Ungunst des

Augenblicks zugrunde gehen, an deren Namen der Ruhm vorbeigeglitten ist und

denen der Dichter erst den Ruhm wieder schenken muß. Er weiß, daß jede

Sekunde des Lebens eine ungeheure Fülle von Energie unwirksam

verschwendet. Ihm ist bewußt, daß die Eugenie Grandet, das sentimentale

Provinzmädel, in dem Augenblicke, wo sie, erzitternd vor dem geizigen Vater,

ihrem Vetter die Geldbörse schenkt, nicht minder tapfer ist als die Jeanne d'Arc,

deren Marmorbild auf jedem Marktplatze Frankreichs leuchtet. Erfolge können

den Biographen unzähliger Karrieren nicht blenden, den nicht täuschen, der alle

Schminken und Mixturen des sozialen Auftriebs chemisch zersetzt hat. Balzacs

unbestechliches Auge, einzig nach Energie ausspähend, sieht aus dem Gewühl

der Tatsachen immer nur die lebendige Anspannung, greift in jenem Gedränge

an der Beresina, wo das zersprengte Heer Napoleons über die Brücke strebt, wo

Verzweiflung und Niedertracht und Heldentum hundertfach geschilderter Szenen

zu einer Sekunde zusammengedrängt sind, die wahren, die größten Helden

heraus: die vierzig Pioniere, deren Namen niemand kennt, die drei Tage bis zur

Brust im eiskalten, schollentreibenden Wasser gestanden hatten, um jene

schwanke Brücke zu bauen, auf der die Hälfte der Armee entkam. Er weiß, daß

hinter den verhängten Scheiben von Paris in jeder Sekunde Tragödien

geschehen, die nicht geringer sind als der Tod der Julia, das Ende Wallensteins

und die Verzweiflung Lears, und immer wieder hat er das eine Wort stolz

wiederholt: „Meine bürgerlichen Romane sind tragischer als eure tragischen

Trauerspiele.“ Denn seine Romantik greift nach innen. Sein Vautrin, der

Bürgerkleidung trägt, ist nicht minder grandios als der schellenumhangene

Glöckner von Notre-Dame, der Quasimodo des Viktor Hugo, die starren felsigen

Landschaften der Seele, das Gestrüpp von Leidenschaft und Gier in der Brust

seiner großen Streber ist nicht minder schreckhaft, als die schaurige Felsenhöhle

des Han d'Islande. Balzac sucht das Grandiose nicht in der Draperie, nicht im

Fernblick auf das Historische oder Exotische, sondern im Überdimensionalen, in

der gesteigerten Intensität eines in seiner Geschlossenheit einzig werdenden

Gefühls. Er weiß, daß jedes Gefühl erst bedeutsam wird, wenn es in seiner Kraft

ungebrochen bleibt, jeder Mensch nur groß, wenn er sich konzentriert in ein

Ziel, sich nicht verschleudert, in einzelne Begierden zersplittert, wenn seine

Leidenschaft die allen anderen Gefühlen zugedachten Säfte in sich auftrinkt, durch Raub und Unnatur stark wird, so wie ein Ast mit doppelter Wucht erst

aufblüht, wenn der Gärtner die Zwillingsäste gefällt oder gedrosselt hat. Solche

Monomanen der Leidenschaft hat er geschildert, die in einem einzigen Symbol

die Welt begreifen, einen Sinn sich statuierend in dem unentwirrbaren Reigen.

Eine Art Mechanik der Leidenschaften ist das Grundaxiom seiner Energetik: der

Glaube, daß jedes Leben eine gleiche Summe von Kraft verausgabe, gleichviel,

an welche Illusionen es diese Willensbegehrungen verschwende, gleichviel, ob

es sie langsam verzettle in tausend Erregungen, oder sparsam aufbewahre für die

jähen heftigen Ekstasen, ob in Verbrennung oder Explosion das Lebensfeuer sich

verzehre. Wer rascher lebt, lebt nicht kürzer, wer einheitlich lebt, nicht minder

vielfältig. Für ein Werk, das nur Typen schildern will, die reinen Elemente

auflösen, sind solche Monomanen allein wichtig. Flaue Menschen interessieren

Balzac nicht, nur solche, die etwas ganz sind, die mit allen Nerven, mit allen

Muskeln, mit allen Gedanken an einer Illusion des Lebens hängen, sei es, an was

immer auch, an der Liebe, der Kunst, dem Geiz, der Hingebung, der Tapferkeit,

der Trägheit, der Politik, der Freundschaft. An irgendeinem beliebigen Symbol,

aber an diesem ganz. Diese hommes à passion, diese Fanatiker einer

selbstgeschaffenen Religion, sehen nicht nach rechts, nicht nach links. Sie

sprechen verschiedene Sprachen untereinander und verstehen sich nicht. Biete

dem Sammler eine Frau, die schönste der Welt – er wird sie nicht bemerken;

dem Liebenden eine Karriere – er wird sie mißachten; dem Geizigen ein anderes

als Geld – er wird nicht aufschauen von seiner Truhe. Läßt er sich aber

verlocken, verläßt er die eine geliebte Leidenschaft um der anderen willen, so ist

er verloren. Denn Muskeln, die man nicht gebraucht, zerfallen, Sehnen, die man

jahrelang nicht gespannt, verknöchern, und wer zeitlebens Virtuose einer

einzigen Leidenschaft war, Athlet eines einzigen Gefühls, ist Stümper und

Schwächling auf jedem anderen Gebiet. Jedes zur Monomanie aufgepeitschte

Gefühl vergewaltigt die anderen, gräbt ihnen das Wasser ab und läßt sie

vertrocknen: aber ihre Reizwerte saugt es in sich. Alle Graduationen und

Peripetien der Liebe, Eifersucht und Trauer, Erschöpfung und Ekstase, sind bei

dem Geizigen in der Sparsucht, beim Sammler in der Sammelwut gespiegelt,

denn jede absolute Vollkommenheit vereinigt die Summe der

Gefühlsmöglichkeiten. Die Intensität der Einseitigkeit hat in ihren Emotionen

die ganze Vielfalt der vernachlässigten Begehrungen. Hier setzen die großen

Tragödien Balzacs ein. Der Geldmensch Nucingen, der Millionen gesammelt

hat, an Klugheit überlegen allen Bankiers des Kaiserreichs, wird ein läppisches

Kind in den Händen einer Dirne, der Dichter, der sich dem Journalismus

hinwirft, wird zerrieben wie ein Korn unter dem Mühlstein. Ein Traumbild der

Welt, ein jedes Symbol ist eifersüchtig wie Jehova und duldet keine anderen Leidenschaften neben sich. Und von diesen Leidenschaften ist keine größer und

keine geringer, sie haben ebensowenig eine Rangordnung wie Landschaften oder

Träume. Keine ist zu gering. „Warum sollte man nicht die Tragödie der

Dummheit schreiben?“ sagt Balzac, „die der Verschämtheit, die der

Ängstlichkeit, die der Langeweile?“ Auch sie sind bewegende, treibende Kräfte,

auch sie bedeutsam, insofern sie nur genugsam intensiv sind, selbst die

ärmlichste Lebenslinie hat Schwung und Schönheitsgewalt, sobald sie

ungebrochen gerade fortstrebt oder ihr Schicksal ganz umkreist. Und diese

Urkräfte – oder besser, diese tausend Proteusformen der wirklichen Urkraft – aus

der Brust der Menschen zu reißen, sie zu heizen durch den Druck der

Atmosphäre, sie peitschen zu lassen durch das Gefühl, sie zu berauschen an den

Elixieren des Hasses und der Liebe, sie rasen zu lassen im Rausche, am

Prellstein des Zufalls die einen zu zerschmettern, sie zusammenzupressen und

auseinanderzureißen, Verbindungen herzustellen, Brücken zu schlagen zwischen

den Träumen, zwischen dem Geizigen und dem Sammler, dem Ehrsüchtigen und

dem Erotiker, rastlos das Parallelogramm der Kräfte zu verschieben, in jedem

Schicksal den drohenden Abgrund von Wellenberg und Wellental aufzureißen,

sie zu schleudern von unten nach oben und von oben nach unten und dabei in

dieses flackernde Spiel mit erhitzten Augen zu starren, wie Gobsec, der

Wucherer, auf die Diamanten der Gräfin Restaud, das erlöschende Feuer mit

dem Balg immer wieder aufflammen zu lassen, die Menschen wie Sklaven zu

hetzen, nie sie ruhen zu lassen, sie zu schleppen wie Napoleon seine Soldaten

durch alle Länder von Österreich wieder in die Vendée, über das Meer wieder

nach Ägypten und nach Rom, durch das Brandenburger Tor und wieder vor den

Abhang der Alhambra, über Sieg und Niederlage nach Moskau schließlich – die

Hälfte unterwegs liegen zu lassen, zerschmettert von den Granaten oder unter

dem Schnee der Steppen – die ganze Welt zuerst zu schnitzen wie Figuren, zu

malen wie eine Landschaft und dann das Puppenspiel mit erregten Fingern zu

beherrschen – das war seine, das war Balzacs Monomanie.

Denn er, Balzac, war selbst einer der großen Monomanen, wie er sie in

seinem Werke verewigt hat. Enttäuscht, in allen seinen Träumen zurückgestoßen

von einer rücksichtslosen Welt, die den Anfänger nicht mag und den Armen,

grub er sich ein in seine Stille und schuf sich selbst ein Symbol der Welt. Eine

Welt, die ihm gehörte, die er beherrschte und die mit ihm zugrunde ging.

Wirkliches stürzte an ihm vorbei, und er griff nicht danach, er lebte

eingeschlossen in seinem Zimmer, festgenagelt an den Schreibtisch, lebte in dem

Wald seiner Gestalten, wie Elie Magus, der Sammler, zwischen seinen Bildern.

Von seinem fünfundzwanzigsten Jahre an hat ihn die Wirklichkeit kaum – nur in

Ausnahmen, die dann immer zu Tragödien wurden – anders interessiert als ein Material, als Brennstoff, um das Schwungrad seiner eigenen Welt zu treiben.

Fast bewußt lebte er am Lebendigen vorbei, wie im ängstlichen Gefühle, daß

eine Berührung dieser beiden Welten, der seinen und der der anderen, immer

eine schmerzhafte werden müßte. Abends um acht Uhr ging er ermattet zu Bette,

schlief vier Stunden und ließ sich um Mitternacht wecken; wenn Paris, die laute

Umwelt, ihr glühendes Auge schloß, wenn Dunkel über das Rauschen der

Gassen fiel, die Welt entschwand, begann die seine zu erstehen, und er baute sie

auf, neben der anderen, aus ihren eigenen zerstückten Elementen, lebte durch

Stunden einer fiebernden Ekstase, unablässig die ermattenden Sinne mit

schwarzem Kaffee wieder aufpeitschend. So arbeitete er zehn, zwölf, manchmal

auch achtzehn Stunden, bis ihn irgend etwas aufriß aus dieser Welt, zurück in die

eigene Wirklichkeit. In diesen Sekunden des Erwachens muß er jenen Blick

gehabt haben, den Rodin ihm gab auf seiner Statue, dieses Aufgeschrecktsein

aus tausend Himmeln und dieses Rückstürzen in eine vergessene Wirklichkeit,

diesen entsetzlich grandiosen, fast schreienden Blick, diese um die fröstelnde

Schulter das Kleid anstraffende Hand, die Gebärde eines vom Schlaf Gerüttelten,

eines Somnambulen, dem jemand roh seinen Namen zugeschrien. Bei keinem

Dichter ist die Intensität des Sichverlierens in sein Werk, der Glaube an die

eigenen Träume stärker gewesen, die Halluzination so nahe der Grenze der

Selbsttäuschung. Nicht immer wußte er die Erregung zu stoppen wie eine

Maschine, das ungeheure kreisende Schwungrad jäh aufzuhalten, Spiegelschein

und Wirklichkeit zu unterscheiden, eine scharfe Linie zu ziehen zwischen dieser

und jener Welt. Ein ganzes Buch hat man gefüllt mit Anekdoten, wie sehr er im

Rausch der Arbeit an die Existenz seiner Gestalten glaubte, ein Buch mit oft

drolligen und meist ein wenig grausigen Anekdoten. Ein Freund tritt ins Zimmer.

Balzac stürzt ihm entsetzt entgegen: „Denk dir, die Unglückliche hat sich

ermordet!“ und merkt erst an dem entsetzten Zurückprallen seines Freundes, daß

die Gestalt, von der er sprach, die Eugenie Grandet, nur in seinen Sternenkreisen

je gelebt. Und was diese so andauernde, so intensive, so vollständige

Halluzination von dem pathologischen Wahn eines Tollhäuslers unterscheidet, ist

vielleicht nur die Identität der in dem äußeren Leben und in dieser neuen

Wirklichkeit bestehenden Gesetze, die gleichen Kausalbedingungen des Seins,

nicht die Lebensform so sehr als die Lebensmöglichkeit seiner Menschen, die,

als hätten sie nur die Tür seines Arbeitszimmers überschritten, von außen in sein

Werk traten. Aber an Dauerhaftigkeit, an Zähigkeit und Abgeschlossenheit des

Wahnes war diese Versenkung die eines perfekten Monomanen, seine Arbeit war

nicht Fleiß mehr, sondern Fieber, Rausch, Traum und Ekstase. Ein Palliativmittel

der Bezauberung war sie, ein Schlafmittel, das ihn seinen Lebenshunger

vergessen lassen sollte. Er selbst, zum Genießer, zum Verschwender befähigt wie keiner, hat zugestanden, daß diese fieberhafte Arbeit ihm nichts war als ein

Mittel zum Genuß. Denn ein so zügellos Begehrender konnte, wie die

Monomanen seiner Bücher, auf jede andere Leidenschaft nur verzichten, weil er

sie ersetzte. All die Aufpeitschungen des Lebensgefühls, Liebe, Ehrsucht, Spiel,

Reichtum, Reisen, Ruhm und Siege konnte er missen, weil er siebenfaches

Surrogat in seinem Schaffen fand. Die Sinne sind töricht wie Kinder. Sie können

das Echte vom Falschen, Trug von der Wirklichkeit nicht unterscheiden. Sie

wollen nur gefüttert sein, gleichviel mit Erlebnis oder Traum. Und Balzac hat

seine Sinne ein Leben lang betrogen, indem er ihnen Genüsse vorlog, statt sie

ihnen hinzuwerfen, er sättigte ihren Hunger mit dem Duft der Gerichte, die er

ihnen versagen mußte. Sein Erlebnis war das leidenschaftliche Beteiligtsein an

den Genüssen seiner Kreaturen. Denn er war es ja, der jetzt die zehn Louis

hinwarf auf den Spieltisch, zitternd stand, während die Roulette sich drehte, der

jetzt die klingende Flut der Gewinste mit heißen Fingern einstrich, er war es, der

jetzt im Theater den großen Sieg erfocht, der jetzt mit Brigaden die Höhen

stürmte, mit Pulverminen die Börse in ihren Grundfesten erbeben ließ; alle die

Lüste seiner Kreaturen gehörten ja ihm, sie waren die Ekstasen, in denen sein

äußerlich so armes Leben sich verzehrte. Er spielte mit diesen Menschen so wie

Gobsec, der Wucherer, mit den Gequälten, die hoffnungslos zu ihm kamen, um

sich Geld auszuborgen, die er aufschnellen ließ an seiner Angel, deren Schmerz,

Lust und Qual er nur prüfend mitansah als das mehr oder minder talentvolle

Sichgebärden von Schauspielern. Und sein Herz spricht unter dem schmutzigen

Kittel Gobsecs: „Glauben Sie, daß es nichts bedeutet, wenn man so in die

verborgensten Falten des menschlichen Herzens eindringt, wenn man so tief

darin eindringt und es in seiner Nacktheit vor sich hat?“ Denn er, der Zauberer

des Willens, schmolz Fremdes zu Eigenem um, Traum zu Leben. Man erzählt

von ihm, daß er in seiner Jugend, als er in seiner Mansarde trockenes Brot, seine

ärmliche Mahlzeit, verzehrte, sich auf den Tisch mit Kreide die Randspur von

Tellern gezeichnet habe und in ihre Mitte die Namen der erlesensten

Lieblingsgerichte geschrieben, um so im trockenen Brot nur durch die

Suggestion des Willens den Geschmack der verschwenderischesten Speisen zu

spüren. Und so wie er hier den Geschmack zu schmecken meinte, wie er ihn

wirklich schmeckte, so hat er sicherlich alle Reize des Lebens in den Elixieren

seiner Bücher unbändig in sich getrunken, so eigene Armut betrogen mit dem

Reichtum und der Verschwendung seiner Knechte. Er, der ewig von Schulden

Gehetzte, von Gläubigern Gequälte, empfand sicherlich einen geradezu

sinnlichen Reiz, wenn er hinschrieb: Hunderttausend Francs Rente. Er war es,

der in den Bildern von Elie Magus wühlte, der diese beiden Gräfinnen liebte als

ihr Vater Goriot, der gipfelhoch mit Seraphitus über die niegesehenen Fjorde Norwegens aufstieg, der mit Rubempré die bewundernden Blicke der Frauen

genoß, er, er selbst war es, für den er aus all diesen Menschen die Lust wie Lava

aufschießen ließ, denen er Glück und Schmerz aus den hellen und dunklen

Kräutern der Erde braute. Kein Dichter war je mehr Mitgenießer seiner

Gestalten. Gerade an jenen Stellen, wo er den Zauber des so sehr ersehnten

Reichtums schildert, spürt man stärker als in den erotischen Abenteuern den

Rausch des Selbstbezauberten, die Haschischträume des Einsamen. Das ist seine

innerste Leidenschaft, dieses Auf- und Abströmen von Zahlen, dieses gierige

Gewinnen und Zerrinnen von Summen, dieses Schleudern von Kapitalien von

Hand zu Hand, das Schwellen der Bilanzen, der Wettersturz der Werte, diese

Stürze und Aufstiege ins Grenzenlose. Millionen läßt er wie Ungewitter über

Bettler hereinbrechen, Kapitale wieder in weichen Händen wie Quecksilber

zerrinnen, mit Wollust malt er die Paläste der Faubourgs, die Magie des Geldes.

Die Worte Millionen, Milliarden, das ist immer hingestammelt mit jenem

ohnmächtigen Nicht-mehr-sprechen-können, dem Röcheln letzten sinnlichen

Begehrens. Voluptuös wie die Frauen eines Serails sind die Prunkstücke der

Gemächer gereiht, wie wertvolle Kronjuwelen die Insignien der Macht

ausgebreitet. Bis in seine Manuskripte hat sich dieses Fieber eingebrannt. Man

kann sehen, wie die anfangs ruhigen und zierlichen Zeilen aufschwellen gleich

den Adern eines Zornigen, wie sie taumeln, rascher werden, wie sie rasend sich

überhetzen, befleckt von den Spuren des Kaffees, mit dem er die ermatteten

Nerven vorwärtspeitschte, hört fast das rastlose, ratternde Keuchen der

überhitzten Maschine, den fanatischen, maniakalischen Krampf ihres Schöpfers,

diese Gier des Don Juan du verbe, des Menschen, der alles besitzen will und

alles haben. Und sieht den nochmaligen impetuosen Ausbruch des ewig

Ungenügsamen in den Korrekturbogen, deren starres Gefüge er immer wieder

aufriß wie der Fiebernde seine Wunde, um noch einmal das rote pochende Blut

der Zeilen durch den schon starren, erkalteten Körper zu jagen.

Solche titanische Arbeit bliebe unverständlich, wäre sie nicht Wollust

gewesen und noch mehr: der einzige Lebenswille eines asketisch allen anderen

Machtformen entsagenden Menschen, eines Leidenschaftlichen, dem die Kunst

die einzige Möglichkeit der Entäußerung war. Einmal, zweimal hatte er ja

flüchtig in anderem Material geträumt. Er hatte sich im praktischen Leben

versucht, zum erstenmal, als er, verzweifelnd am Schaffen, die wirkliche

Geldgewalt wollte, Spekulant wurde, eine Druckerei gründete und eine Zeitung;

aber mit jener Ironie, die das Schicksal immer für Abtrünnige bereit hat, hat er,

der in seinen Büchern alles kannte, die Coups der Börsenleute, die Raffinements

der kleinen und der großen Geschäfte, die Schliche der Wucherer, der jedem

Ding seinen Wert wußte, der Hunderten von Menschen in seinen Werken die Existenz errichtet, ein Vermögen mit richtigem, logischem Aufbau gewonnen

hatte, er selbst, der Grandet, Popinot, Crevel, Goriot, Bridau, Nucingen,

Wehrbrust und Gobsec reich gemacht hat, er selbst hat sein Kapital verloren, ist

schmählich zugrunde gegangen, und nichts blieb ihm als jenes furchtbare

Bleigewicht von Schulden, die er dann stöhnend auf seinen breiten

Lastträgerschultern das halbe Jahrhundert seines Lebens weiterschleppte, Helote

der unerhörtesten Arbeit, unter der er eines Tages mit zersprengten Adern lautlos

zusammenbrach. Die Eifersucht der verlassenen Leidenschaft, der einzigen, der

er sich hingegeben hatte, der Kunst, hat sich furchtbar an ihm gerächt. Selbst die

Liebe, den andern ein wunderbarer Traum über ein Erlebtes und Wirkliches,

wurde bei ihm erst Erlebnis aus einem Traum. Frau von Hanska, seine spätere

Gattin, die étrangère, der jene berühmten Briefe galten, war von ihm

leidenschaftlich schon geliebt, ehe er in ihre Augen gesehen, war damals schon

geliebt von ihm, als sie noch Unwirklichkeit war, wie die fille aux yeux d'or, wie

die Delphine und die Eugenie Grandet. Für den wahrhaften Schriftsteller ist jede

andere Leidenschaft als die des Schaffens, des Erträumens eine Abirrung.

„L'homme des lettres doit s'abstenir des femmes, elles font perdre son temps, on

doit se borner à leur écrire, cela forme le style“, sagte er zu Theophile Gautier.

Im Innersten liebte er auch nicht Frau von Hanska, sondern die Liebe zu ihr,

liebte nicht die Situationen, die ihm begegneten, sondern die er sich erschuf, er

fütterte den Hunger nach Wirklichkeit so lange mit Illusionen, spielte so lange in

Bildern und Kostümen, bis er, wie die Schauspieler in den erregtesten

Momenten, selbst an seine Leidenschaft glaubte. Unermüdlich hat er dieser

Leidenschaft des Schaffens gefrönt, den inneren Verbrennungsprozeß so lange

beschleunigt, bis die Flamme aufschlug und nach außen brach, bis er zugrunde

ging. Mit jedem neuen Buch schrumpfte, wie die magische Elentiershaut seiner

mystischen Novelle, bei jedem so betätigten Wunsch sein Leben zusammen, und

er unterlag seiner Monomanie wie der Spieler den Karten, der Trinker den

Weinen, der Haschischträumer der verhängnisvollen Pfeife und der Wollüstling

den Frauen. Er ging an der überreichen Erfüllung seiner Wünsche zugrunde.

Es ist ein nur Selbstverständliches, daß ein dermaßen kolossalischer Wille,

der Träume so mit Blut und Lebendigkeit erfüllte, der sie so anspannte, bis ihre

Erregungen nicht minder stark waren wie die Phänomene der Wirklichkeit, daß

ein solch ungeheuer zauberkräftiger Wille in seiner eigenen Magie das

Geheimnis des Lebens sah und sich selbst zum Weltgesetz erhob. Eine

eigentliche Philosophie konnte der nicht haben, der nichts von sich verriet,

vielleicht nichts mehr war als ein Wandelhaftes, der keine Gestalt hatte wie

Proteus, weil er alle in sich verkörperte, der wie ein Derwisch, ein flüchtiger

Geist, in die Körper von tausend Gestalten unterschlüpfte und sich verlor in den Irrgängen ihres Lebens, jetzt mit dem einen Optimist, jetzt Altruist, jetzt

Pessimist und Relativist, der alle Meinungen und Werte in sich ein- und

ausschalten konnte wie elektrische Ströme. Er gibt keinem unrecht und gibt

keinem recht. Balzac hat immer nur épousé les opinions des autres – wir haben

kein deutsches Wort für dieses spontane Aufnehmen einer Meinung ohne

dauernde Identifizierung –, er war eingefangen im Augenblick, in der Brusthöhle

seiner Menschen, trieb mit im Schwall ihrer Leidenschaften und Laster.

Wahrhaft und unabänderlich mußte ihm nur der ungeheure Wille sein, dieses

Zauberwort Sesam, das ihm, dem Fremden, die Felsen vor der unbekannten

Menschenbrust aufsprengte, ihn hinabführte in die finsteren Abgründe ihres

Gefühls und ihn von dort, beladen mit dem Edelsten ihres Erlebens, wieder

aufsteigen ließ. Er mußte mehr als ein anderer geneigt sein, dem Willen eine

über das Geistige ins Materielle hinüberwirkende Gewalt zuzuschreiben, ihn als

Lebensprinzip und Weltgebot zu empfinden. Ihm war bewußt, daß der Wille,

dieses Fluidum, das, ausstrahlend von einem Napoleon, die Welt erschütterte,

das Reiche stürzte, Fürsten erhob, Millionen Schicksale verwirrte, daß diese

immaterielle Schwingung, dieser reine atmosphärische Druck eines Geistigen

nach außen sich auch im Materiellen manifestieren müßte, die Physiognomie

modellieren, einströmen in die Physis des ganzen Körpers. Denn so wie eine

momentane Erregung bei jedem Menschen den Ausdruck fördert, brutale und

selbst stumpfsinnige Züge verschönt und charakterisiert, um wie viel mehr

mußte ein andauernder Wille, eine chronische Leidenschaft das Material der

Züge herausmeißeln. Ein Gesicht war für Balzac ein versteinerter Lebenswille,

eine in Erz gegossene Charakteristik, und so wie der Archäologe aus den

versteinerten Resten eine ganze Kultur zu erkennen hat, so schien es ihm

Erfordernis des Dichters, aus einem Antlitz und aus der um einen Menschen

lagernden Atmosphäre seine innere Kultur zu erkennen. Diese Physiognomik

ließ ihn die Lehre Galls lieben, seine Topographie der im Gehirn gelagerten

Fähigkeiten, ließ ihn Lavater studieren, der ebenfalls im Gesichte nichts anderes

sah als den Fleisch und Bein gewordenen Lebenswillen, den nach außen

gestülpten Charakter. Alles, was diese Magie, die geheimnisvolle

Wechselwirkung des Innerlichen und Äußerlichen betonte, war ihm erwünscht.

Er glaubte an Mesmers Lehre der magnetischen Übertragung des Willens von

einem Medium in das andere, glaubte daran, daß die Finger Feuernetze seien, die

den Willen ausstrahlten, verkettete diese Anschauung mit den mystischen

Vergeistigungen Svedenborgs, und all diese nicht ganz zur Theorie verdichteten

Liebhabereien faßte er in der Lehre seines Lieblings, des Louis Lambert,

zusammen, des chimiste de la volonté, jener seltsamen Gestalt eines früh

Verstorbenen, die Selbstporträt und Sehnsucht nach innerer Vollendung sonderbar vereint, öfter als jede andere Figur Balzacs in sein eigenes Leben

hinabgreift. Ihm war jedes Gesicht eine zu enträtselnde Scharade. Er behauptete,

in jedem Antlitz eine Tierphysiognomie zu erkennen, glaubte, den Todgeweihten

an geheimen Zeichen bestimmen zu können, rühmte sich, jedem

Vorübergehenden auf der Straße die Profession von seinem Antlitz, seinen

Bewegungen, seiner Kleidung ablesen zu können. Diese intuitive Erkenntnis

schien ihm aber noch nicht die höchste Magie des Blicks. Denn all dies

umschloß nur das Seiende, das Gegenwärtige. Und seine tiefste Sehnsucht war,

zu sein wie jene, die mit konzentrierten Kräften nicht nur das Momentane,

sondern auch aus den Spuren das Vergangene, das Zukünftige aus den

vorgestreckten Wurzeln aufspüren können, Bruder zu sein der Chiromanten, der

Wahrsager, der Steller von Horoskopen, der „voyants“, all derer, die mit dem

tieferen Blick der „seconde vue“ begabt, das Innerlichste aus dem Äußerlichen,

das Unbegrenzte aus den bestimmten Linien zu erkennen sich erboten, die aus

den dünnen Streifen der Handfläche den kurzen Weg des zurückgelegten Lebens

und den dunklen Pfad in das Zukünftige hinein weiterzuführen vermochten. Ein

solcher magischer Blick ist nach Balzac nur jenem gegeben, der seine Intelligenz

nicht in tausend Richtungen zersplittert hat, sondern – die Idee der

Konzentrierung ist bei Balzac in ewiger Wiederkehr – in sich aufgespart einem

einzigen Ziele entgegenwendet. Die Gabe der „seconde vue“ ist nicht nur die des

Zauberers und Sehers allein; „seconde vue“, spontane visionäre Erkenntnis, dies

unbezweifelbare Merkmal des Genies, haben die Mütter gegenüber ihren

Kindern, Desplein hat sie, der Arzt, der aus der verworrenen Qual eines Kranken

sofort die Ursache seines Leidens und die vermutliche Grenze seiner

Lebensdauer bestimmt, der geniale Feldherr Napoleon, der die Stelle sofort

erkennt, wo er die Brigaden hinschleudern muß, um das Schicksal der Schlacht

zu entscheiden; Marsay, der Verführer, besitzt sie, der die flüchtige Sekunde

aufgreift, in der er eine Frau zu Fall bringen kann, Nucingen, der Börsenspieler,

der den großen Börsencoup im richtigen Momente zur Explosion bringt; alle

diese Astrologen des Himmels der Seele haben ihre Wissenschaft dank des nach

innen dringenden Blicks, der wie durch ein Perspektiv Horizonte sieht, wo das

unbewaffnete Auge nur ein graues Chaos unterscheidet. Hierin schlummert die

Affinität zwischen der Vision des Dichters und der Deduktion des Gelehrten,

dem rapiden, spontanen Begreifen und dem langsamen, logischen Erkennen.

Balzac, dem sein eigener intuitiver Überblick selbst unbegreiflich werden und

der oft erschreckt mit fast irrem Blick sein Werk überschauen mußte wie ein

Unbegreifliches, war gezwungen zu einer Philosophie des Inkommensurablen,

einer Mystik, der der landläufige Katholizismus eines de Maistre nicht mehr

genügte. Und dieses Korn Magie, das seinem innersten Wesen beigemengt war, diese Unbegreiflichkeit, die seine Kunst nicht nur Chemie des Lebens sein läßt,

sondern Alchimie, ist sein Grenzwert gegen die Späteren, gegen die Nachahmer,

gegen Zola besonders, der Stein um Stein zusammenraffte, wo Balzac nur den

Zauberring drehte, und schon ein Palast mit tausend Fenstern sich aufbaute. So

ungeheuer die Energie seines Werkes ist, der erste Eindruck bleibt doch immer

der von Zauberei und nicht von Arbeit, nicht der eines Ausborgens vom Leben,

sondern eines Beschenkens und Bereicherns.

Denn Balzac – und dies schwebt wie eine undurchdringliche Wolke von

Geheimnis um seine Gestalt – hat in den Jahren seines Schaffens nicht mehr

studiert und experimentiert, nicht mehr das Leben beobachtet wie etwa Zola, der

sich, ehe er einen Roman schrieb, ein Bordereau für jede einzelne Figur anlegte,

nicht wie Flaubert, der Bibliotheken durchstöberte für ein fingerschmales Buch.

Balzac kam selten wieder zurück in jene Welt, die außer der seinen lag, er war

eingeschlossen in seine Halluzination wie in ein Gefängnis, angenagelt an den

Marterstuhl der Arbeit, und was er mitbrachte, wenn er einen jener flüchtigen

Ausflüge in die Wirklichkeit unternahm, wenn er ging, mit seinem Verleger zu

kämpfen oder die Korrekturbogen in eine Druckerei zu bringen, bei einem

Freunde zu speisen, oder die Bric-à-brac-Läden von Paris zu durchstöbern, war

immer eher Bestätigung als Informierung. Denn damals, als er zu schreiben

begann, war schon auf irgendeine geheimnisvolle Weise das Wissen des ganzen

Lebens in ihn eingedrungen, lag gesammelt und aufgespeichert, und es ist

vielleicht mit der fast mythischen Erscheinung Shakespeares das größte Rätsel

der Weltliteratur, wie, wann und woher all diese ungeheuerlichen, aus allen

Berufsklassen, Materien, Temperamenten und Phänomenen herbeigeholten

Vorräte von Kenntnissen in ihn eingewachsen sind. Drei, vier Jahre,

Jünglingsjahre, war er in Berufen gestanden, bei einem Advokaten als Schreiber,

dann als Verleger, als Student, aber in diesen paar Jahren muß er alles

eingeschöpft haben, diese ganz unerklärliche, unübersehbare Fülle von

Tatsachen, die Kenntnis aller Charaktere und Phänomene. Er muß unglaublich

beobachtet haben in diesen Jahren. Sein Blick muß ein furchtbar saugender

gewesen sein, ein gieriger, der alles, was ihm begegnete, vampirhaft nach innen

riß, in ein Inneres, ein Gedächtnis, wo nichts vergilbte, nichts zerrann, nichts

sich mischte oder verdarb, wo alles geordnet, gespart, getürmt lag, immer bereit

und stets nach seiner wesentlichen Seite hin gekehrt, alles federnd und

aufspringend, sobald er nur leise mit seinem Willen und Wunsche daran rührte.

Alles hat Balzac gewußt, die Prozesse, die Schlachten, die Börsenmanöver, die

Grundstückspekulationen, die Geheimnisse der Chemie, die Schliche der

Parfumeure, die Kunstgriffe der Künstler, die Diskussionen der Theologen, den

Betrieb der Zeitung, den Trug des Theaters und jener anderen Bühne, der Politik. Er hat die Provinz gekannt, Paris und die Welt, er, der connaisseur en flânerie,

las wie in einem Buch in den krausen Zügen der Straßen, wußte bei jedem

Hause, wann es gebaut war und von wem und für wen, enträtselte die Heraldik

des Wappens über der Tür, eine ganze Epoche aus der Bauart und wußte

gleichzeitig den Preis der Mieten, bevölkerte jedes Stockwerk mit Menschen,

stellte Möbel in die Zimmer, füllte sie an mit einer Atmosphäre von Glück und

Unglück und ließ vom ersten zum zweiten, vom zweiten zum dritten Stockwerk

das unsichtbare Netz des Schicksals sich spinnen. Er hat eine enzyklopädische

Kenntnis gehabt, wußte, wieviel ein Bild des Palma Vecchio wert ist, wieviel ein

Hektar Weideland kostet, was eine Spitzenmasche, was ein Tilbury und ein

Diener, er hat das Leben der Elegants gekannt, die, zwischen Schulden

vegetierend, in einem Jahr zwanzigtausend Francs anbringen; und schlägt man

zwei Seiten weiter, so ist es wieder die Existenz eines armseligen Rentiers, in

dessen peinlich ausgetüfteltem Leben ein zerrissener Schirm, eine zerbrochene

Fensterscheibe zur Katastrophe wird. Wieder ein paar Seiten, und nun ist er unter

den ganz Armen, er geht ihnen nach, wie jeder seine paar Sous verdient, der

arme Auvergnate, der Wasserträger, dessen Sehnsucht es ist, das Faß nicht selbst

ziehen zu müssen, sondern ein kleines, kleines Pferd zu haben, der Student und

die Näherin, alle diese fast vegetabilischen Existenzen der Großstadt. Tausend

Landschaften stehen auf, jede ist bereit, hinter seine Schicksale zu treten, sie zu

formen, und alle sind deutlicher in ihm nach einem Augenblick des Schauens,

als anderen nach den Jahren, die sie darin lebten. Alles hat er gewußt, was er

einmal flüchtig mit dem Blick angerührt hat, und – merkwürdiges Paradoxon des

Künstlers – er hat selbst das gewußt, was er gar nicht kannte, er hat die Fjorde

Norwegens und die Wälle von Saragossa aus seinen Träumen wachsen lassen,

und sie waren wie die Wirklichkeit. Ungeheuer ist diese Rapidität der Vision. Es

war, als ob er nackt und klar das erkennen könnte, was die anderen umhängt und

unter tausend Bekleidungen erblickten. Ihm war an allem ein Zeichen, zu allem

ein Schlüssel, daß er die Außenfläche abtun konnte von den Dingen und sie ihm

ihr Inneres zeigten. Die Physiognomien taten sich ihm auf, alles fiel in seine

Sinne wie der Kern aus einer Frucht. Mit einem Ruck reißt er das Essentielle aus

dem Faltenwerk des Unwesentlichen, aber nicht, daß er es freigräbt, langsam

wühlend von Schicht zu Schicht, sondern wie mit Pulver sprengt er die goldenen

Minen des Lebens auf. Und zugleich mit diesen wirklichen Formen faßt er auch

das Unfaßbare, die gasförmig über ihnen schwebende Atmosphäre von Glück

und Unglück, die zwischen Himmel und Erde schwebenden Erschütterungen, die

nahen Explosionen, die Wetterstürze der Luft. Was den anderen eben nur Umriß

ist, was sie sehen, kalt und ruhig wie unter einer gläsernen Vitrine, das fühlt

seine magische Sensibilität wie in der Hülse des Thermometers als atmosphärischen Zustand.

Dieses ungeheure, unvergleichlich intuitive Wissen ist das Genie Balzacs.

Was man dann noch den Künstler nennt, den Verteiler der Kräfte, den Ordner

und Gestalter, den Zusammenhaltenden und Lösenden, den spürt man nicht so

deutlich bei Balzac. Man wäre versucht zu sagen, er war gar nicht das, was man

Künstler nennt, so sehr war er Genie. „Une telle force n'a pas besoin d'art.“ Das

Wort gilt auch von ihm. Denn wirklich, hier ist eine Kraft, so grandios und so

groß, daß sie wie die freiesten Tiere des Urwaldes der Zähmung widerstrebt, sie

ist schön wie ein Gestrüpp, ein Sturzbach, ein Gewitter, wie alle jene Dinge,

deren ästhetischer Wert einzig in der Intensität ihres Ausdrucks besteht. Ihre

Schönheit bedarf nicht der Symmetrie, der Dekoration, der nachhelfenden,

sorglichen Verteilung, sie wirkt durch die ungezügelte Vielfalt ihrer Kräfte.

Balzac hat seine Romane nie genau komponiert, er hat sich in ihnen verloren wie

in einer Leidenschaft, in den Schilderungen, im Wort gewühlt wie in Stoffen

oder nacktem blühenden Fleisch. Er reißt Gestalten auf, hebt sie von allen

Ständen, Familien, von allen Provinzen Frankreichs aus, wie Napoleon seine

Soldaten, teilt sie in Brigaden, macht den einen zum Reiter, stellt den anderen zu

den Kanonen und den dritten zum Train, schüttet Pulver auf die Pfannen ihrer

Gewehre und überläßt sie dann ihrer inneren ungebändigten Kraft. Die

„Comédie humaine“ hat trotz der schönen – aber nachträglichen! – Vorrede

keinen inneren Plan. Sie ist planlos, wie das Leben ihm selbst planlos erschien,

sie zielt nicht auf eine Moral hin und nicht auf eine Übersicht, sie will als

Wandelndes das ewig sich Wandelnde zeigen; in all diesem Ebben und Fluten ist

keine dauernde Kraft, sondern nur ein momentaner Zug wie die geheimnisvolle

Anziehung des Mondes, jene unkörperliche, wie aus Wolken und Licht gewebte

Atmosphäre, die man Epoche nennt. Dieses neuen Kosmos einziges Gesetz

wäre, daß alles, was gleichzeitig aufeinander wirkt, auch sich selbst verändert,

daß nichts frei wie ein Gott, der nur von außen stieße, wirkt, sondern daß alle die

Menschen, deren unbeständige Vereinung erst die Epoche ausmacht, ebenso von

der Epoche geschaffen werden, daß ihre Moral, ihre Gefühle ebenso Produkte

sind wie sie selbst. Daß alles Relativitäten sind, daß, was in Paris Tugend

genannt wird, hinter den Azoren ein Laster sei, daß für nichts feste Werte

vorhanden seien und daß leidenschaftliche Menschen die Welt so werten

müssen, wie Balzac sie die Frau werten läßt: daß sie immer wert sei, was sie ihn

koste. Aufgabe des Dichters, dem – schon weil er selbst nur Produkt, Kreatur

seiner Zeit ist – versagt ist, das Bleibende aus diesem Wandel zu gewinnen, kann

nur sein, den atmosphärischen Druck, den geistigen Zustand seiner Epoche zu

schildern, das Wechselspiel der gemeinsamen Kräfte, die die Millionen

Moleküle beseelten, zusammenfügten und wieder zerteilten. Meteorologe der sozialen Luftströmungen, Mathematiker des Willens, Chemiker der

Leidenschaften, Geologe der nationalen Urformen – ein vielfältiger Gelehrter zu

sein, der mit allen Instrumenten den Körper seiner Zeit durchdringt und

behorcht, und gleichzeitig ein Sammler aller Tatsachen, ein Maler ihrer

Landschaften, ein Soldat ihrer Ideen, das zu sein ist Balzacs Ehrgeiz, und darum

war er so unermüdlich im Verzeichnen ebenso der grandiosen wie der

infinitesimalen Dinge. Und so ist sein Werk nach dem Dauerwort Taines das

größte Magazin menschlicher Dokumente seit Shakespeare geworden. Seinen

Zeitgenossen und vielen der heutigen ist Balzac freilich nur der Verfasser von

Romanen. So betrachtet, durch das ästhetische Glas visiert, erscheint er nicht so

überlebensgroß. Denn er hat eigentlich wenige standard works. Balzac will nicht

am Einzelwerk gemessen werden, sondern am Ganzen, will betrachtet sein wie

eine Landschaft mit Berg und Tal, unbegrenzter Ferne, verräterischen Klüften

und raschen Strömen. Mit ihm beginnt – man könnte fast sagen, hört auch auf,

wäre nicht Dostojewski gekommen – der Gedanke des Romans als Enzyklopädie

der inneren Welt. Die Dichter vor ihm wußten nur zweierlei, um den schläfrigen

Motor der Handlung nach vorne zu treiben: sie statuierten entweder den von

außen wirkenden Zufall, der wie ein scharfer Wind sich in die Segel legte und

das Fahrzeug nach vorne trieb, oder sie wählten als die von innen treibende Kraft

einzig den erotischen Trieb, die Peripetien der Liebe. Balzac nun hat eine

Transponierung des Erotischen vorgenommen. Für ihn gab es zweierlei

Begehrende (und wie gesagt, nur die Begehrenden, die Ambitiösen haben ihn

interessiert): die Erotiker im eigentlichen Sinne, ein paar Männer also und fast

alle Frauen, deren Sternbild einzig die Liebe ist, die unter ihm geboren werden

und zugrunde gehen. Daß aber alle diese in der Erotik ausgelösten Kräfte nicht

die einzigen seien, daß die Peripetien der Leidenschaft auch bei anderen

Menschen nicht um ein Gran vermindert und, ohne daß die treibende Urkraft

zerstäube oder zersplittere, in anderen Formen, in anderen Symbolen erhalten

seien, durch diese tätige Erkenntnis hat der Roman Balzacs eine ungeheuerliche

Vielfalt gewonnen.

Aber noch aus einer zweiten Quelle hat Balzac ihn mit Wirklichkeit

gespeist: er hat das Geld in den Roman gebracht. Er, der keine absoluten Werte

anerkannte, beobachtete als Sekretär seiner Zeitgenossen, als Statistiker des

Relativen genau die äußeren, die moralischen, politischen, ästhetischen Werte

der Dinge und vor allem jenen allgemein gültigen Wert der Objekte, der sich in

unseren Tagen bei jedem Dinge fast dem absoluten nähert: den Geldwert. Seit

die Vorrechte der Aristokratie gefallen sind, seit der Nivellierung der

Unterschiede ist das Geld zum Blute, zur treibenden Kraft des sozialen Lebens

geworden. Jedes Ding ist durch seinen Wert, jede Leidenschaft durch ihre materiellen Opfer, jeder Mensch durch sein äußeres Einkommen bestimmt.

Zahlen sind die Gradmesser für gewisse, atmosphärische Zustände des

Gewissens, die Balzac zu erforschen sich zur Aufgabe gesetzt hat. Und Geld

kreist in seinen Romanen. Nicht nur das Anwachsen und Hinstürzen der großen

Vermögen, die wilden Spekulationen der Börse sind geschildert, nicht nur die

großen Schlachten, in denen ebensoviel Energie verausgabt wird wie bei Leipzig

und Waterloo, nicht nur diese zwanzig Typen der Gelderraffer aus Geiz, Haß,

Verschwendungslust, Ambition, nicht nur jene Menschen, die das Geld um des

Geldes willen lieben, und die, welche es um des Symbols willen lieben, und die

wieder, denen es nur Mittel zu ihren Zwecken ist, sondern Balzac hat als der

erste und kühnste an tausend Beispielen gezeigt, wie das Geld selbst in die

edelsten, feinsten und immateriellsten Empfindungen eingesickert ist. Alle seine

Menschen rechnen, wie wir es unwillkürlich im Leben tun. Seine Anfänger, die

nach Paris kommen, wissen rasch, was ein Besuch der guten Gesellschaft kostet,

eine elegante Gewandung, blanke Schuhe, ein neuer Wagen, eine Wohnung, ein

Diener, tausend Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten, die alle bezahlt und erlernt

sein wollen. Sie kennen die Katastrophen, verachtet zu werden um einer

unmodischen Weste willen, sie haben bald heraus, daß nur Geld oder der Schein

des Geldes die Türen sprengt, und aus diesen kleinen unablässigen

Demütigungen wachsen dann die großen Leidenschaften und die zähe Ambition.

Und Balzac geht mit ihnen. Er rechnet den Verschwendern ihre Ausgaben nach,

den Wucherern ihre Prozente, den Kaufmännern ihre Verdienste, den Dandys

ihre Schulden, den Politikern ihre Bestechungen. Die Summen sind die

Gradziffern der aufsteigenden Unruhegefühle, der Barometerdruck der nahenden

Katastrophen. Da Geld der materielle Niederschlag des universellen Ehrgeizes

war, da es eindrang in alle Gefühle, so mußte er, der Pathologe des sozialen

Lebens, um die Krisen des kranken Leibes zu erkennen, die Mikroskopie des

Blutes unternehmen, den Geldgehalt desselben gewissermaßen feststellen. Denn

aller Leben ist damit gesättigt, es ist Sauerstoff für die gehetzten Lungen, keiner

kann es entbehren, der Ehrgeizige nicht für seinen Ehrgeiz, der Liebende nicht

für sein Glück und am wenigsten der Künstler, das hat er selbst am besten

gewußt, auf dessen Schultern die Schuld von hunderttausend Francs sich türmte,

dieses furchtbare Gewicht, das er oft flüchtig – in der Ekstase der Arbeit –

wegschleuderte von seinen Schultern und das schließlich zerschmetternd auf ihn

niederfiel.

Unübersehbar ist sein Werk. In den achtzig Bänden steht eine Zeit, eine

Welt, eine Generation. Nie vorher ist bewußt ein so Gewaltiges versucht worden,

nie wurde die Vermessenheit eines übergroßen Willens besser belohnt. Den

Genießenden, den Ausruhenden, die am Abend, aus ihrer engen Welt flüchtend, neue Bilder und neue Menschen wollen, ist Erregung und ein wandelnd Spiel

gegeben, den Dramatikern Stoff für hundert Tragödien, den Gelehrten – lässig

hingeworfen wie Brocken vom Tisch eines Übersättigten – eine Fülle von

Problemen und Anregungen, den Liebenden eine geradezu vorbildliche Glut der

Ekstase. Am gewaltigsten aber ist die Erbschaft für die Dichter. In dem Entwurf

der „Comédie humaine“ stehen nebst den vollendeten noch vierzig unvollendete,

ungeschriebene Romane, Moskau heißt der eine, jener die Ebene von Wagram,

ein anderer gilt dem Kampf um Wien und wieder einer dem Leben der Passion.

Fast ist es ein Glück, daß nicht alle diese zu Ende gelangt sind. Balzac hat

einmal gesagt: „Genie ist derjenige, der jederzeit seine Gedanken in Tat

umsetzen kann. Aber das ganz große Genie entfaltet nicht unablässig diese

Tätigkeit, sonst würde es Gott zu sehr gleichen.“ Denn hätte er alle diese

vollenden dürfen, den Kreis der Leidenschaften und Geschehnisse ganz in sich

zurückführen, sein Werk wäre ins Unbegreifliche gewachsen. Es wäre ein

Ungeheures geworden, eine Abschreckung für alle Späteren durch seine

Unerreichbarkeit, während es so – ein Torso ohnegleichen – die ungeheuerste

Aneiferung, das grandioseste Beispiel ist für jeden schöpferischen Willen zum

Unerreichbaren.