Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski

Stefan Zweig · Kapitel 7 von 14

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Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski

Die Tragödie Seines Lebens

Marmor über den weichen Lehm des Fleisches, das wüste Dickicht des Haares.

Alles Licht strömt in diesem Antlitz nach oben, und blickt man in sein Bild, so

fühlt man immer nur sie, diese breite mächtige, königliche Stirne, sie, die immer

strahlender leuchtet und sich zu weiten scheint, je mehr das alternde Antlitz in

Krankheit vergrämt und vergeht. Wie ein Himmel steht sie hoch und

unerschütterlich über der Hinfälligkeit des gebrestigen Körpers, Glorie von Geist

über irdischer Trauer. Und auf keinem Bilde leuchtet dies heilige Gehäuse des

sieghaften Geistes glorreicher als von jenem des Totenbetts, da die Lider schlaff

über die gebrochenen Augen gefallen sind, die entfärbten Hände, fahl und doch

fest, das Kreuz gierig umfassen (jenes arme kleine Holzkruzifix, das einst eine

Bäuerin dem Zuchthäusler schenkte). Da strahlt sie wie von morgens die Sonne

über nächtiges Land nieder auf das entseelte Antlitz und kündet mit ihrem Glanz

die gleiche Botschaft wie alle seine Werke: daß der Geist und der Glaube ihn

erlösten vom dumpfen niederen und körperlichen Leben. In letzter Tiefe ist

immer Dostojewskis letzte Größe: und nie spricht sein Antlitz stärker als aus

seinem Tod.

 

DIE TRAGÖDIE SEINES LEBENS

 

„Non vi si pensa quanto sangue costa.“

Dante

 

Immer ist bei Dostojewski Grauen der erste Eindruck und der zweite dann

Größe. Auch sein Schicksal scheint anfangs dem flüchtigen Blick so grausam

und gemein, wie sein Antlitz bäuerisch und gewöhnlich. Zuerst empfindet man

es nur als eine sinnlose Marter, denn mit allen Instrumenten der Qual foltern

diese sechzig Jahre den hinfälligen Körper. Die Feile der Not reibt seiner Jugend

und seinem Alter die Süße weg, die Säge des körperlichen Schmerzes knirscht in

sein Gebein, die Schraube der Entbehrung wühlt ihm hart bis an den Lebensnerv,

die brennenden Drähte der Nerven zucken und zerren unaufhörlich durch seine

Glieder, der feine Stachel der Wollust reizt unersättlich seine Leidenschaft.

Keine Qual ist gespart, keine Marter vergessen. Eine sinnlose Grausamkeit, eine

blindwütige Feindseligkeit scheint dies Schicksal vorerst. Rückschauend nur

begreift man, daß es sich so hart zum Hammer geschmiedet, weil es Ewiges aus

ihm meißeln wollte, daß es gewaltig war, um einem Gewaltigen gemäß zu sein.

Denn nichts mißt es dem Maßlosen gemächlich zu, nirgends ähnelt sein

Lebensgang dem gut gepflasterten breiten Bürgersteig aller anderen Dichter des

neunzehnten Jahrhunderts, immer fühlt man hier eines finstern Schicksalsgottes Lust, sich stark an dem Stärksten zu versuchen. Alttestamentarisch, heroisch und

in nichts neuzeitlich und bürgerlich ist Dostojewskis Schicksal. Ewig muß er mit

dem Engel ringen wie Jakob, ewig sich gegen Gott empören und ewig sich

beugen wie Hiob. Nie läßt es ihn sicher werden, nie träge, immer muß er den

Gott spüren, der ihn straft, weil er ihn liebt. Nicht eine Minute darf er rasten im

Glück, damit sein Weg bis ins Unendliche gehe. Manchmal scheint der Dämon

seines Schicksals schon innezuhalten in seinem Zorn und ihm zu verstatten, wie

alle anderen die gemeine Straße des Lebens zu gehen, aber immer wieder reckt

sich die gewaltige Hand und stößt ihn ins Dickicht zurück, in die brennenden

Dornen. Schleudert es ihn hoch, so ists nur, um ihn in tiefere Abgründe

hinabzustürzen, ihn die ganze Weite der Ekstase und Verzweiflung zu lehren; es

hebt ihn auf in Höhen des Hoffens, wo andere schwach zerschmelzen in Wollust,

und wirft ihn in Schlünde des Leidens, wo alle andern zerschellen in Schmerz:

und eben wie Hiob zerschmettert es ihn immer in den Augenblicken der

höchsten Sicherheiten, nimmt ihm Frau und Kind, belädt ihn mit Krankheit und

schändet ihn mit Verachtung, damit er nicht innehalte, mit Gott zu rechten und

ihm durch seine unaufhörliche Empörung und seine unaufhörliche Hoffnung nur

mehr gewonnen sei. Es ist, als hätte sich diese Zeit lauer Menschen gerade

diesen einen aufgespart, um zu zeigen, welche titanischen Maße in Lust und

Qual auch unserer Welt noch möglich seien, und er, Dostojewski, scheint dumpf

den gewaltigen Willen über sich zu spüren. Denn niemals wehrt er sich gegen

sein Schicksal, niemals hebt er die Faust. Der Körper, der wunde, bäumt sich

konvulsivisch in Zuckungen empor, aus seinen Briefen bricht manchmal wie

Blutsturz ein heißer Schrei, aber der Geist, der Glaube, zwingt die Revolte

nieder. Der mystisch Wissende in Dostojewski spürt das Heilige dieser Hand,

den tragisch fruchtbaren Sinn seines Schicksals. Aus seinem Leid wird Liebe

zum Leiden, und mit der wissenden Glut seiner Qual umflammt er seine Zeit,

seine Welt.

Dreimal schwingt ihn das Leben empor, dreimal reißt es ihn nieder. Früh

schon atzt es ihn mit der süßen Speise des Ruhms: sein erstes Buch schenkt ihm

einen Namen; aber rasch faßt ihn die harte Kralle und schleudert ihn wieder

zurück ins Namenlose: ins Zuchthaus, in die Katorga, nach Sibirien. Wieder

taucht er, nur noch stärker und mutiger, empor: seine Memoiren aus dem

Totenhause reißen Rußland in einen Taumel. Der Zar selbst netzt das Buch mit

seinen Tränen, die russische Jugend steht in Flammen für ihn. Er gründet eine

Zeitschrift, seine Stimme tönt zum ganzen Volke, die ersten Romane entstehen.

Da bricht im Wettersturz seine materielle Existenz zusammen, Schulden und

Sorgen peitschen ihn aus dem Land, Krankheit beißt sich in sein Fleisch, ein

Nomade, irrt er durch ganz Europa, vergessen von seiner Nation. Aber zum drittenmal, nach Jahren der Arbeit und Entbehrung, taucht er aus den grauen

Gewässern namenloser Not: die Rede zu Puschkins Gedächtnis bezeugt ihn als

den ersten Dichter, den Propheten seines Landes. Unauslöschlich ist nun sein

Ruhm. Aber gerade jetzt schlägt ihn die eiserne Hand nieder, und die verzückte

Begeisterung seines ganzen Volkes schäumt ohnmächtig gegen einen Sarg. Das

Schicksal bedarf seiner nicht mehr, der grausam weise Wille hat alles erreicht,

aus seiner Existenz das Höchste gewonnen an geistiger Frucht: achtlos wirft es

nun die leere Hülse des Körpers hin.

Durch diese sinnvolle Grausamkeit wird Dostojewskis Leben zum

Kunstwerk, seine Biographie zur Tragödie. Und in wundervoller Symbolik

nimmt sein künstlerisches Werk die typische Form des eigenen Schicksals an. Es

gibt da geheimnisvolle Identitäten, mystische Zusammenhänge, wunderbare

Spiegelungen, die nicht zu deuten und zu erklären sind. Schon der Anbeginn

seines Lebens ist Symbol: Fedor Michailowitsch Dostojewski wird im

Armenhaus geboren. Mit der ersten Stunde ist ihm so schon die Stelle seiner

Existenz angewiesen, irgendwo im Abseits, im Verachteten, nahe dem Bodensatz

des Lebens und doch mitten im menschlichen Schicksal, nachbarlich von

Leiden, Schmerz und Tod. Niemals bis zum letzten Tage (er starb in einem

Arbeiterviertel, in einer Winkelwohnung des vierten Stocks) ist er dieser

Umgürtung entronnen, alle die sechsundfünfzig schweren Jahre seines 100

Lebens bleibt er mit Elend, Armut, Krankheit und Entbehrung im Armenhaus

des Lebens. Sein Vater, Militärarzt wie der Schillers, ist adliger Abstammung,

seine Mutter aus Bauernblut: beide Quellen des russischen Volkstums strömen so

befruchtend in seine Existenz zusammen, strenggläubige Erziehung wendet

schon früh seine Sinnlichkeit zur Ekstase. Dort im Moskauer Armenhaus, in

einem engen Verschlag, den er mit seinem Bruder teilt, hat er die ersten Jahre

seines Lebens verbracht. Die ersten Jahre: man wagt nicht zu sagen: seine

Kindheit, denn dieser Begriff ist irgendwo aus seinem Leben verschollen.

Niemals hat er von ihr gesprochen, und Dostojewskis Schweigen war immer

Scham oder stolze Angst vor fremdem Mitleid. Ein grauer leerer Fleck ist dort in

seiner Biographie, wo sonst bei Dichtern bunte Bilder lächelnd aufsteigen,

zärtliche Erinnerungen und ein süßes Bedauern. Und doch meint man ihn zu

kennen, blickt man tiefer in die brennenden Augen der Kindergestalten, die er

schuf. Wie Koljä muß er gewesen sein, frühreif, phantasievoll bis zur

Halluzination, voll jener flackernden, unsicheren Glut, etwas Großes zu werden,

voll jenes gewaltsamen und knabenhaften Fanatismus, über sich selbst

hinauszuwachsen und „für die ganze Menschheit zu leiden“. Wie die kleine

Njetoscha Neswanowa muß er kelchvoll gewesen sein mit Liebe und zugleich

der hysterischen Angst, sie zu verraten. Und wie jener Iljutschka, der Sohn des betrunkenen Hauptmanns, voll Scham über häusliche Kläglichkeiten und den

Jammer der Entbehrungen, aber doch immer bereit, seine Nächsten vor der Welt

zu verteidigen.

Wie er dann, ein Jüngling, aus dieser finsteren Welt vortritt, ist die Kindheit

schon weggelöscht. In die ewige Freistatt aller Unbefriedigten, das Asyl der

Vernachlässigten 101 ist er geflohen, in die bunte und gefährliche Welt der

Bücher. Er hat unendlich viel damals mit seinem Bruder gemeinsam gelesen, Tag

um Tag und Nacht für Nacht – schon damals trieb er, der Unersättliche, jede

Neigung bis zum Laster empor –, und diese phantastische Welt entfernt ihn noch

mehr von der Wirklichkeit. Voll stärkster Begeisterung zur Menschheit ist er

doch bis ins Krankhafte menschenscheu und verschlossen, Glut und Eis

zugleich, ein Fanatiker gefährlichster Einsamkeit. Seine Leidenschaft tappt wirr

umher, geht in diesen „Kellerjahren“ alle dunklen Wege der Ausschweifung,

aber immer einsam mit Ekel in aller Lust, Schuldgefühl bei jedem Glück und

immer mit verbissenen Lippen. Aus Geldnot, nur um der paar Rubel willen, geht

er zum Militär: auch dort findet er keinen Freund. Ein paar dumpfe

Jünglingsjahre kommen. Wie die Helden aller seiner Bücher lebt er in einem

Winkel ein troglodytisches Dasein, träumend, sinnend, mit allen geheimen

Lastern des Denkens und der Sinne. Sein Ehrgeiz weiß noch keinen Weg, er

lauscht auf sich selbst und bebrütet seine Kraft. Er spürt sie mit Wollust und

Grauen tief unten gären, er liebt sie und fürchtet sie, er wagt nicht, sich zu

rühren, um dies dumpfe Werden nicht zu zerstören. Ein paar Jahre verharrt er in

diesem schwarzen, formlosen Puppenstand von Einsamkeit und Schweigen,

Hypochondrie fällt ihn an, eine mystische Angst zu sterben, ein Grauen oft vor

der Welt, oft vor sich selbst, ein urmächtiger Schauer vor dem Chaos in der

eigenen Brust. In den Nächten übersetzt er, um seinen verwirrten Finanzen

aufzuhelfen (sein Geld zerfloß, typisch genug, in den gegensätzlichen

Neigungen, in Almosen und Ausschweifungen), Balzacs Eugenie Grandet und

Schillers Don Carlos. Aus dem trüben Dunst dieser Tage ballen 102 sich

langsam eigene Formen, und endlich reift aus diesem vernebelten traumhaften

Zustand von Angst und Ekstase sein erstes dichterisches Werk, der kleine

Roman „Arme Leute“.

1844, mit vierundzwanzig Jahren, hat er diese meisterhafte Menschenstudie

geschrieben, er, der Einsamste, „mit leidenschaftlicher Glut, ja fast unter

Tränen“. Seine tiefste Demütigung, die Armut, hat es gezeugt, seine höchste

Gewalt, die Liebe zum Leid, das unendliche Mitleiden es gesegnet. Mißtrauisch

betrachtet er die beschriebenen Blätter. Er ahnt darin eine Frage an das

Schicksal, die Entscheidung, und nur mühsam entschließt er sich, Nekrasoff,

dem Dichter, das Manuskript zur Prüfung anzuvertrauen. Zwei Tage vergehen ohne Antwort. Einsam grüblerisch sitzt er nachts zu Hause, arbeitet, bis die

Lampe verqualmt. Plötzlich um vier Uhr morgens wird heftig an der Klingel

gerissen, und Dostojewski, dem erstaunt Öffnenden, stürzt Nekrasoff in die

Arme, umhalst, küßt ihn und jubelt ihm zu. Er und ein Freund hatten gemeinsam

das Manuskript gelesen, die ganze Nacht gehorcht, gejubelt und geweint, und am

Ende hielt es beide nicht: sie mußten ihn umarmen. Es ist Dostojewskis erste

Lebenssekunde, diese Klingel nachts, die ihn zum Ruhm ruft. Bis in den hellen

Morgen tauschen die Freunde Glück und Ekstase in heißen Worten. Dann eilt

Nekrasoff zu Bjelinski, dem allmächtigen Kritiker Rußlands. „Ein neuer Gogol

ist erstanden“, ruft er schon an der Türe, das Manuskript wie eine Fahne

schwingend. „Bei euch wachsen die Gogols wie die Pilze“, brummt der

Mißtrauische, durch so viel Begeisterung verärgert. Aber als Dostojewski ihn am

nächsten Tag besucht, ist er verwandelt. „Ja, begreifen Sie denn selbst, was Sie

da geschaffen haben“, schreit er 103 voll Erregung den verwirrten jungen

Menschen an. Grauen überfällt Dostojewski, ein süßer Schauer vor diesem

neuen plötzlichen Ruhm. Wie im Traum geht er die Treppe hinab, an der

Straßenecke bleibt er taumelnd stehen. Zum erstenmal fühlt er und wagt doch

nicht, es zu glauben, daß all dies Dunkle und Gefährliche, das ihm das Herz

auftrieb, ein Gewaltiges ist und vielleicht das „Große“, von dem seine Kindheit

wirr geträumt, die Unsterblichkeit, das Leiden für die ganze Welt. Erhebung und

Zerknirschung, Stolz und Demut schwanken wirr durch seine Brust, er weiß

nicht, welcher Stimme er glauben soll. Trunken taumelt er über die Straße, und

in seine Tränen mischen sich Glück und Schmerz.

So melodramatisch geschieht Dostojewskis Entdeckung zum Dichter. Auch

hier ahmt die Form seines Lebens die seiner Werke geheimnisvoll nach. Hier wie

dort haben die rohen Konturen etwas von der banalen Romantik eines

Schauerromans, die Schicksalsschläge etwas Kindlich-Primitives, und nur die

innere Größe und Wahrheit reißt sie empor zum Grandiosen. In Dostojewskis

Leben ist oft der Ansatz Melodram, aber immer wird es zur Tragödie. Es ist ganz

auf Spannung gestellt: in einzelne Sekunden, ohne Übergang, sind die

Entscheidungen komprimiert, mit zehn oder zwanzig solcher Sekunden der

Ekstase oder des Niedersturzes sein ganzes Schicksal fixiert. Epileptische

Ausbrüche des Lebens – eine Sekunde Ekstase und ohnmächtiger

Zusammenbruch – könnte man sie nennen. Hinter jeder Ekstase steht schon

drohend die graue Dämmerung des erschlaffenden Gefühls, und aus langem

Gewölk ballt sich behutsam der neue mörderische Lebensblitz. Jeder

Aufschwung ist bezahlt durch Niedersturz und diese eine Sekunde der

Begnadung mit 104 vielen hoffnungslosen Stunden des Robots und der

Verzweiflung. Der Ruhm, dieser funkelnde Reif, den ihm Bjelinski in jener Stunde aufs Haupt drückt, ist auch gleichzeitig schon der erste Ring einer

Fußkette, an der Dostojewski klirrend sein Leben lang die schwere Kugel der

Arbeit schleppt. Die „Hellen Nächte“, sein erstes Buch, bleibt auch das letzte,

das er als freier Mann einzig um der schöpferischen Freude willen schuf.

Dichten besagt für ihn von nun ab auch: erwerben, zurückerstatten, abzahlen,

denn jedes Werk, das er seither beginnt, ist vor der ersten Zeile schon mit

Vorschuß verpfändet, das noch ungeborene Kind in die Sklaverei des Gewerbes

verkauft. Für immer ist er jetzt in das Bagno der Literatur gemauert, ein Leben

lang gellen die verzweifelten Schreie des Eingesperrten nach Freiheit, aber erst

der Tod bricht seine Ketten. Noch ahnt der Beginner nicht die Qual in der ersten

Lust. Ein paar Novellen sind rasch vollendet, und schon plant er einen neuen

Roman.

Da hebt das Schicksal warnend den Finger. Er will nicht, sein wachsamer

Dämon, daß ihm das Leben zu leicht werde. Und damit er es erkennen lerne in

allen seinen Tiefen, sendet ihm der Gott, der ihn liebt, seine Prüfung.

Wieder wie damals in der Nacht gellt die Klingel, Dostojewski öffnet

erstaunt, aber diesmal ists nicht die Stimme des Lebens, ein jubelnder Freund,

Botschaft des Ruhms, sondern Ruf des Todes. Offiziere und Kosaken dringen in

sein Zimmer, der Aufgestörte wird verhaftet, seine Papiere versiegelt. Vier

Monate schmachtet er in einer Zelle der Sankt-Pauls-Festung, ohne das

Verbrechen zu ahnen, dessen man ihn beschuldigt: Teilnahme an den

Diskussionen einiger aufgeregter Freunde, die man übertrieben 105 die

Petraschewskysche Verschwörung genannt hat, ist sein ganzes Delikt, seine

Verhaftung zweifellos ein Mißverständnis. Dennoch blitzt plötzlich die

Verurteilung nieder zur härtesten Strafe, zum Tode durch Pulver und Blei.

Wieder drängt sich sein Schicksal in eine neue Sekunde, die engste und

reichste seiner Existenz, eine unendliche Sekunde, in der sich Tod und Leben die

Lippen reichen zum brennenden Kuß. Im Morgengrauen wird er mit neun

Gefährten aus dem Gefängnis geholt, ein Sterbehemd ihm umgeworfen, die

Glieder an den Pfahl geschnürt und die Augen verbunden. Er hört sein

Todesurteil lesen und die Trommeln knattern – sein ganzes Schicksal ist

zusammengepreßt in eine Handvoll Erwartung, unendliche Verzweiflung und

unendliche Lebensgier in ein einziges Molekül Zeit. Da hebt der Offizier die

Hand, winkt mit dem weißen Tuche und verliest die Begnadigung, das

Todesurteil in sibirisches Gefängnis verwandelnd.

In einen Abgrund ohne Namen stürzt er jetzt hinab aus seinem ersten

jungen Ruhm. Vier Jahre lang umgrenzen fünfzehnhundert eichene Pfähle seinen

ganzen Horizont. An ihnen zählt er mit Kerben und mit Tränen Tag um Tag die

viermal dreihundertfünfundsechzig Tage ab. Seine Genossen sind Verbrecher, Diebe und Mörder, seine Arbeit Alabasterschleifen, Ziegeltragen,

Schneeschaufeln. Die Bibel wird das einzig verstattete Buch, ein räudiger Hund

und ein flügellahmer Adler seine einzigen Freunde. Vier Jahre weilt er im

„Totenhaus“, in der Unterwelt, Schatten zwischen Schatten, namenlos und

vergessen. Als sie ihm dann die Kette von den wunden Füßen abschmieden und

die Pfähle hinter ihm liegen, eine braune morsche Mauer, ist er ein anderer: seine

Gesundheit zerstört, sein Ruhm zerstäubt, seine Existenz vernichtet. Nur seine

Lebenslust 106 bleibt unversehrt und unversehrbar: heller als je flammt aus

dem schmelzenden Wachs seines zerkneteten Körpers die heiße Flamme der

Ekstase. Ein paar Jahre noch muß er in Sibirien verbleiben, halbfrei und ohne die

Verstattung, eine Zeile zu veröffentlichen. Dort in der Verbannung, in bitterster

Verzweiflung und Einsamkeit geht er jene seltsame Ehe mit seiner ersten Frau

ein, einer kranken und eigenartigen, die seine mitleidige Liebe unwillig erwidert.

Irgendeine dunkle Tragödie der Aufopferung ist in diesem seinen Entschluß für

immer der Neugier und Ehrfurcht verborgen, nur aus einigen Andeutungen in

den „Erniedrigten und Beleidigten“ vermag man den schweigsamen Heroismus

dieser phantastischen Opfertat zu ahnen.

Ein Vergessener, kehrt er nach Petersburg zurück. Seine literarischen

Gönner haben ihn fallen gelassen, seine Freunde sich verloren. Aber mutig und

kraftvoll ringt er sich aus der Welle, die ihn niederwarf, wieder ans Licht. Seine

„Erinnerungen aus dem Totenhause“, diese unvergängliche Schilderung einer

Sträflingszeit, reißen Rußland aus der Lethargie gleichgültigen Miterlebens. Mit

Grauen entdeckt die ganze Nation, daß ganz atemnah unter der flachen Schicht

ihrer ruhigen Welt eine andere waltet, ein Purgatorium aller Qualen. Bis in den

Kreml empor schlägt die Flamme der Anklage, der Zar schluchzt über dem

Buche, von tausend Lippen klingt Dostojewskis Name. In einem einzigen Jahr

ist sein Ruhm wieder erbaut, höher und dauerhafter als je. Gemeinsam mit

seinem Bruder gründet der Auferstandene eine Zeitschrift, die er selbst fast

allein schreibt, dem Dichter gesellt sich der Prediger, der Politiker, der

„Praeceptor Russiae“. Stürmisch tönt der Widerhall, die Zeitschrift hat weiteste

Verbreitung, 107 ein Roman wird vollendet, heimtückisch, mit vielen

blinzelnden Blicken lockt ihn das Glück. Dostojewskis Schicksal scheint für

immer gesichert.

Aber noch einmal sagt der dunkle Wille, der über seinem Leben waltet: Es

ist zu früh. Denn eine irdische Qual ist ihm noch fremd, die Marter des Exils und

die fressende Angst der täglichen, erbärmlichen Nahrungssorgen. Sibirien und

die Katorga, die grauenhafteste Verzerrung Rußlands, sie war immerhin noch

Heimat gewesen, nun soll er noch die Sehnsucht des Nomaden nach dem Zelte

kennen lernen um der urmächtigen Liebe zum eigenen Volk willen. Noch einmal muß er zurück ins Namenlose, noch tiefer hinab in das Dunkel, ehe er der

Dichter, der Herold seiner Nation sein darf. Wieder zuckt ein Blitz nieder, eine

Sekunde der Vernichtung: die Zeitschrift wird verboten. Wieder ist es ein

Mißverständnis und gleich mörderisch wie das erste. Und nun fällt, Wetterschlag

auf Wetterschlag, das Grauen mitten in sein Leben. Seine Frau stirbt, kurz nach

ihr sein Bruder und gleichzeitig sein bester Freund und Helfer. Zweier Familien

Schulden hängen sich bleiern an ihn und krümmen sein Rückgrat unter

unerträglicher Last. Noch wehrt er sich verzweifelt, arbeitet Tag und Nacht wie

im Fieber, schreibt, redigiert, druckt selbst, nur um Geld zu ersparen, die Ehre,

die Existenz zu retten, aber das Schicksal ist stärker als er. Wie ein Verbrecher

flüchtet er vor seinen Gläubigern eines Nachts hinaus in die Welt.

Nun beginnt jene jahrelange ziellose Wanderung durch das europäische

Exil, jene grauenhafte Abschnürung von Rußland, dem Blutquell seines Lebens,

die ärger seine Seele beengte als die Pfähle der Katorga. Furchtbar ist es

auszudenken, wie der größte russische Dichter, der Genius 108 seiner

Generation, der Bote einer Unendlichkeit, mittellos, heimatlos, ziellos von Land

zu Land irrt. Mit Mühe findet er Herbergen in kleinen niederen Zimmern, die der

Dunst der Armut füllt, der Dämon der Epilepsie krallt sich an seine Nerven,

Schulden, Wechsel, Verpflichtungen peitschen ihn von Arbeit zu Arbeit,

Verlegenheit und Scham jagt ihn von Stadt zu Stadt. Blinkt ein Strahl Glück in

sein Leben, so schiebt das Schicksal sogleich neue dunkle Wolken vor. Ein

junges Mädchen, seine Stenographin, war seine zweite Frau geworden, aber das

erste Kind, das sie ihm schenkt, rafft die Entkräftung, die Not des Exils schon

nach wenigen Tagen fort. War Sibirien das Purgatorium, der Vorhof seines

Leidens, so ist Frankreich, Deutschland, Italien sicherlich seine Hölle. Kaum

wagt man sich diese tragische Existenz zu vergegenwärtigen. Aber immer in

Dresden, wenn ich durch die Straßen gehe, vorbei an irgendeinem niederen und

schmutzigen Haus, so faßt michs an, ob er da nicht irgendwo wohnte, zwischen

kleinen sächsischen Krämern und Handlangern, oben im vierten Stock, einsam,

unendlich einsam in dieser fremden Geschäftigkeit. Keiner hat ihn gekannt in all

diesen Jahren. Eine Stunde weit in Naumburg wohnt Friedrich Nietzsche, der

einzige, der ihn verstehen könnte, Richard Wagner, Hebbel, Flaubert, Gottfried

Keller, die Zeitgenossen sind da, aber er weiß von ihnen nichts und sie nichts

von ihm. Wie ein großes gefährliches Tier, struppig und in abgetragenen

Kleidern, schleicht er aus seiner Arbeitshöhle scheu auf die Straße, immer den

gleichen Weg, in Dresden, in Genf, in Paris: ins Café, in einen Klub, um nur

russische Zeitungen zu lesen. Rußland will er spüren, Heimat, den bloßen

Anblick der cyrillischen Lettern, den flüchtigen Atem des heimischen Wortes.

Manchmal setzt 109 er sich, nicht aus Liebe zur Kunst (ewig blieb er der byzantinische Barbar, der Bilderstürmer), sondern um sich zu wärmen, in die

Galerie. Er weiß nichts von den Menschen, die um ihn sind, er haßt sie nur, weil

sie nicht Russen sind, haßt die Deutschen in Deutschland, die Franzosen in

Frankreich. Sein Herz horcht nach Rußland, nur sein Körper vegetiert

teilnahmslos in dieser fremden Welt. Kein Gespräch, keine Begegnung hat

irgendeiner der deutschen, französischen oder italienischen Dichter bezeugt. Nur

im Bankhaus kennen sie ihn, wo er bleich tagtäglich an den Schalter kommt und

mit vor Erregung zitternder Stimme fragt, ob nicht endlich der Wechsel aus

Rußland gekommen sei, die hundert Rubel, für die er sich tausendfach in Worten

vor niedrigen und fremden Menschen in die Knie gestürzt. Schon lachen die

Angestellten über den armen Narren und seine ewige Erwartung. Auch im

Pfandleihhaus ist er steter Gast: alles hat er dort versetzt, einmal sogar seine

letzte Hose, um nur ein Telegramm nach Petersburg senden zu können, einen

jener markerschütternden Schreie, wie sie immer wieder gellend in seinem

Briefe wiederkehren. Das Herz krampft sich zusammen, liest man die

speichelleckerisch, hündisch demütigenden Briefe dieses Gewaltigen, in denen

er um zehn erbetener Rubel willen fünfmal den Heiland anruft, diese

entsetzlichen Briefe, die keuchen, heulen und winseln für eine erbärmliche

Handvoll Geld. Die Nächte hindurch arbeitet er und schreibt, während seine

Frau nebenan in den Wehen stöhnt, während die Epilepsie schon die Kralle

spannt, ihm das Leben aus der Kehle zu pressen, während die Hausfrau mit der

Polizei um ihre Miete droht und die Hebamme um ihre Bezahlung keift –

schreibt er „Raskolnikoff“, den „Idioten“, die „Dämonen“, den „Spieler“, diese

monumentalen 110 Werke des neunzehnten Jahrhunderts, diese universellen

Gestaltungen unserer ganzen seelischen Welt. Die Arbeit ist seine Rettung und

seine Qual. In ihr lebt er in Rußland, in der Heimat. In der Ruhe schmachtet er in

Europa, in der Katorga. Immer tiefer stürzt er sich darum in seine Werke hinein.

Sie sind das Elixier, das ihn trunken macht, sie sind das Spiel, das seine Nerven,

die gepeinigten, zu höchster Lust anspannt. Und zwischendurch zählt er, wie

einst die Pfähle des Zuchthauses, gierig die Tage: Heimkehren können als

Bettler, aber nur heimkehren! Rußland, Rußland, Rußland ist der ewige Schrei

seiner Not. Aber noch darf er nicht zurück, noch muß er der Namenlose bleiben

um des Werkes willen, der Märtyrer all dieser fremden Straßen, der einsame

Dulder ohne Schrei und Klage. Noch muß er beim Gewürm des Lebens wohnen,

ehe er aufsteigt in die große Herrlichkeit des ewigen Ruhms. Schon ist sein

Körper ausgehöhlt von den Entbehrungen, immer häufiger schmettern die

Keulenschläge der Krankheit auf sein Gehirn, daß er tagelang betäubt liegen

bleibt, mit verdunkelten Sinnen, um sich mit erster Kraft taumelnd wieder an den

Schreibtisch zu schleppen. Fünfzig Jahre ist Dostojewski alt: aber er hat die Qual von Jahrtausenden erlebt.

Da sagt endlich, im letzten, drängendsten Augenblick sein Schicksal: Es ist

genug. Gott wendet Hiob wieder sein Antlitz zu: Mit zweiundfünfzig Jahren darf

Dostojewski wieder zurück nach Rußland. Seine Bücher haben für ihn

geworben, Turgenjeff, Tolstoi sind verschattet. Rußland blickt nur mehr auf ihn.

Das „Tagebuch eines Schriftstellers“ macht ihn zum Herold seines Volkes, und

mit letzter Kraft und höchster Kunst vollendet er sein Testament an die Zukunft

der Nation: „Die Karamasoff“. 111 Und nun entschleiert sein Schicksal

endgültig ihm den Sinn und schenkt dem Geprüften eine Sekunde höchsten

Glücks, die ihm weisen soll, daß der Same seines Lebens in unendlicher Saat

aufgegangen ist. Endlich ist in einem Augenblick Dostojewskis sein Triumph so

zusammengedrängt wie einst seine Qual, einen Blitz schickt ihm sein Gott, aber

diesmal nicht einen, der ihn niederschlägt, sondern einen, der ihn wie seine

Propheten mit feurigem Wagen ins Ewige entrückt. Zum hundertsten Geburtstag

Puschkins sind die großen Dichter Rußlands entboten, die Festrede zu halten.

Turgenjeff, der Westler, der Dichter, der ein Leben lang ihm den Ruhm

usurpierte, hat den Vorrang und spricht unter lauer und freundlicher

Zustimmung. Am nächsten Tag ist das Wort Dostojewski gegeben, und er faßt es

in dämonischer Trunkenheit wie einen Donnerkeil. Mit Flammen der Ekstase,

die aus seiner leisen, heiseren Stimme plötzlich wie ein Gewitter bricht,

verkündet er die heilige Mission der russischen Allversöhnung, wie hingemäht

stürzen die Zuhörer an seine Knie. Der Saal erbebt unter der Explosion des

Jubels, Frauen küssen ihm die Hände, ein Student bricht ohnmächtig vor ihm

zusammen, alle anderen Redner verzichten auf das Wort. Ins Unendliche wächst

die Begeisterung und feurig entbrennt die Glorie über dem Haupt mit der

Dornenkrone.

Dies wollte sein Schicksal noch: in einer glühenden Minute die Erfüllung

seiner Mission, den Triumph des Werkes zeigen. Dann wirft es – die reine Frucht

ist gerettet – die verdorrte Hülse seines Körpers hin. Am 10. Februar 1881 stirbt

Dostojewski. Ein Schauer geht durch Rußland. Ein Augenblick wortloser Trauer.

Aber dann flutets heran, aus den fernsten Städten reisen gleichzeitig und doch

ohne Vereinbarung Deputationen, ihm die letzte 112 Ehre zu erweisen. Aus

allen Winkeln der tausendhäuserigen Stadt schäumt jetzt – zu spät! zu spät! – die

ekstatische Liebe der Menge heran, alles will den Toten sehen, den sie ein Leben

lang vergessen. Die Schmiedestraße, in der er aufgebahrt ist, braust schwarz von

Menschen, finstere Massen schwemmen in schauerndem Schweigen die Stiegen

des Arbeiterhauses empor und füllen die engen Räume bis hart an den Sarg.

Nach ein paar Stunden ist der Blumenschmuck verschwunden, unter den man

ihn gebettet, weil hundert Hände sich einzelne Blüten als kostbare Reliquie mitnehmen. So stickig wird die Luft des engen Raumes, daß die Kerzen keine