Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski

Stefan Zweig · Kapitel 9 von 14

PDF-Seiten

Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski

Die Menschen Dostojewskis

 

„O glaubet nicht an die Einheit des Menschen.“

Dostojewski

 

Vulkanisch er selbst, vulkanisch darum seine Helden, denn jeder Mensch

bezeugt im letzten nur den Gott, der 131 ihn erschuf. Sie sind nicht friedlich

eingeordnet in unsere Welt, überall reichen sie mit ihrem Empfinden bis zu den

Urproblemen hinab. Der moderne Nervenmensch in ihnen ist gepaart dem

Wesen des Anfangs, das nichts vom Leben weiß als seine Leidenschaft, und mit

den letzten Erkenntnissen stammeln sie gleichzeitig die ersten Fragen der Welt.

Ihre Formen sind noch nicht ausgekühlt, ihr Gestein nicht geschichtet, ihre

Physiognomien nicht geglättet. Ewig unvollendet sind sie und darum doppelt

lebendig. Denn der vollendete Mensch ist ja gleichzeitig schon der

abgeschlossene, und bei Dostojewski drängt alles ins Unendliche hinaus. Ihm

erscheinen Menschen nur insolange als Helden und künstlerisch gestaltungswert,

als sie mit sich entzweit sind, problematische Naturen: die Vollendeten, die

Ausgereiften schüttelt er von sich ab wie der Baum seine Frucht. Dostojewski

liebt seine Menschen nur, solange sie leiden, solange sie die gesteigerte,

zwiespältige Form seines eigenen Lebens haben, solange sie Chaos sind, das

sich in Schicksal verwandeln will.

Stellen wir seine Helden vor ein anderes Bild, um sie in ihrer wundervollen

Sonderheit besser zu verstehen. Vergleichen wir. Rufen wir einen Helden

Balzacs als den Typus französischen Romans in uns auf, so entsteht unbewußt

eine Vorstellung von Geradlinigkeit, Umgrenztheit und innerer Geschlossenheit.

Ein Begriff, deutlich wie eine geometrische Figur und gesetzvoll wie sie. Alle

Menschen Balzacs sind aus einer einzigen, durch die seelische Chemie genau

bestimmbaren Substanz gefertigt. Sie sind Elemente und haben alle wesenhaften

Eigenschaften eines solchen, also auch typische Formen der Reaktion im

Moralischen und Psychischen. Sie sind kaum Menschen mehr, sondern beinahe

schon menschgewordene Eigenschaft, 132 Präzisionsmaschinen einer

Leidenschaft. Für jeden Namen kann man bei Balzac als Korrelat eine

Eigenschaft setzen: Rastignac ist gleich Ehrgeiz, Goriot ist gleich Aufopferung,

Vautrin ist gleich Anarchie. In jedem dieser Menschen hat eine dominierende

Triebkraft alle anderen inneren Kräfte an sich gerissen und in die Richtung des

zentralen Lebenswillens gedrängt. Sie sind charakterologisch klassifizierbar,

diese Helden, denn eine einzige Feder des Antriebs ist ihrer Seele eingebaut, die

sie mit einem bestimmten Maß von Energie durch die menschliche Gesellschaft treibt: wie ein Geschoß schleudert sie jeden dieser Jünglinge mitten ins Leben

hinein. Im höchsten Sinn wäre man versucht, sie Automaten zu nennen um der

Präzision willen, mit der sie auf jeden einzelnen Lebensreiz reagieren, und

wirklich wie eine Maschine sind sie in ihrer Kraftleistung und ihrem Widerstand

für den technischen Kenner berechenbar. Ist man in Balzac einigermaßen

eingelesen, so kann man die Antwort des Charakters auf die Tatsache so

berechnen, wie die Parabel eines Steinwurfes aus der Stärke ihres Schwunges

und der Schwere des Steins. Grandet, der Harpagon, wird in dem Maße geiziger

werden, als seine Tochter opferwillig und heroisch. Und man weiß von Goriot

schon zu den Zeiten, da er noch in leidlichem Wohlstand lebt und seine Perücke

sorgfältig gepudert ist, daß er einmal seine Weste für die Töchter verkaufen wird

und das Silbergeschirr zerbrechen, seinen letzten Besitz. Er muß

notwendigerweise so handeln aus der Einheit seiner Charakteranlage, aus dem

Trieb, den sein irdisches Fleisch nur unvollkommen mit einer menschlichen

Form umkleidet. Die Charaktere Balzacs (und ebenso Victor Hugos, Scotts,

Dickens') sind alle primitiv, einfarbig, zielstrebig. Sie sind Einheiten und darum

meßbar auf der 133 Wagschale der Moral. Vielfarbig und tausendgestaltig ist

in jenem geistigen Kosmos nur der Zufall, dem sie begegnen. Bei jenen Epikern

ist das Erlebnis vielfältig, der Mensch die Einheit, und der Roman selbst der

Kampf um die Macht gegen die irdischen Mächte. Die Helden Balzacs und des

ganzen französischen Romans sind entweder stärker oder schwächer als der

Widerstand der Gesellschaft. Sie bezwingen das Leben, oder sie kommen unter

das Rad.

Der Held des deutschen Romans, als dessen Typus Wilhelm Meister oder

der Grüne Heinrich gedacht sei, ist nicht dermaßen seiner Grundrichtung gewiß.

Er hat viele Stimmen in sich, er ist psychologisch differenziert, ist seelisch

polyphon. Das Gute und das Böse, das Starke und das Schwache fließen wirr in

seiner Seele durcheinander: sein Anbeginn ist Verwirrung, und die Nebel der

Frühe umwölken ihm den reinen Blick. Er spürt Kräfte in sich, aber noch

ungesammelt, noch in Widerstreit, er ist ohne Harmonie, aber doch beseelt vom

Willen zur Einheit. Das deutsche Genie zielt nun im letzten Sinne immer auf

Ordnung. Und alle Entwicklungsromane entwickeln nichts anderes in diesen

deutschen Helden als die Persönlichkeit. Die Kräfte werden gesammelt, der

Mensch zum deutschen Ideal, zur Tüchtigkeit erhoben, „im Strom der Welt

bildet sich“ nach Goethes Wort „der Charakter“. Die vom Leben

durcheinandergeschüttelten Elemente klären sich in der errungenen Ruhe zum

Kristall, aus den Lehrjahren tritt der Meister, und vom letzten Blatt all dieser

Bücher, aus dem Grünen Heinrich, dem Hyperion, dem Wilhelm Meister, dem

Ofterdingen blickt ein klares Auge tatkräftig in eine klare Welt. Das Leben versöhnt sich dem Ideal; nicht mehr verschwenderisch wirr, sondern zu

höchstem Ziel gespart wirken die nun geordneten Kräfte. Die Helden 134

Goethes und aller Deutschen verwirklichen sich zu ihrer höchsten Form, sie

werden werktätig und tüchtig: sie erlernen an Erfahrungen das Leben.

Die Helden Dostojewskis suchen aber und finden überhaupt kein Verhältnis

zum wirklichen Leben: das ist ihre Sonderheit. Sie wollen gar nicht in die

Realität hinein, sondern von allem Anfang an über sie hinaus, ins Unendliche.

Ihr Schicksal existiert für sie nicht in einem äußern, sondern nur in einem innern

Sinn. Ihr Reich ist nicht von dieser Welt. All die Scheinformen von Werten,

Titel, Macht und Geld, aller sichtbarer Besitz hat für sie Wert weder als Zweck,

wie bei Balzac, noch als Mittel, wie bei den Deutschen. Sie wollen sich in dieser

Welt gar nicht durchsetzen, nicht behaupten und nicht ordnen. Sie sparen nicht

mit sich, sondern sie verschwenden sich, sie rechnen nicht und bleiben ewig

unberechenbar. Das Untüchtige ihres Wesens läßt sie zuerst als müßige und

phantastische Träumer erscheinen, aber ihr Blick scheint nur leer, weil er nicht

nach außen starrt, er zielt mit Glut und Feuer immer nur zurück in sich selbst, in

die eigene Existenz. Der russische Mensch geht auf das Ganze. Sich selbst

wollen sie fühlen und das Leben, aber nicht dessen Schatten und Spiegelbild, die

äußere Realität, sondern das große mystische Elementare, die kosmische Macht,

das Existenzgefühl. Wo immer man tiefer sich eingräbt ins Werk Dostojewskis,

überall rauscht als unterste Quelle dieser ganz primitive, fast vegetative

fanatische Lebensdrang, das Existenzgefühl, dies ganz urhafte Gelüst, das nicht

Glück will oder Leid, die schon Einzelformen des Lebens sind, Wertungen,

Unterscheidungen, sondern die ganz einheitliche Lust, wie man sie beim Atmen

fühlt. Vom Urquell wollen sie trinken, nicht aus den Brunnen der Städte und

Straßen, die Ewigkeit, 135 die Unendlichkeit in sich fühlen und die

Zeitlichkeit abtun. Sie kennen nur eine ewige, keine soziale Welt. Sie wollen das

Leben weder erlernen, noch bezwingen, gleichsam nackt wollen sie es bloß

fühlen und fühlen als Ekstase der Existenz.

Weltfremd aus Weltliebe, unwirklich aus Leidenschaft zur Wirklichkeit,

muten Dostojewskis Gestalten vorerst etwas einfältig an. Sie haben keine

Richtung geradeaus, kein sichtbares Ziel: wie Blinde taumeln und tappen diese

doch erwachsenen Menschen in der Welt herum oder wie Trunkene. Sie bleiben

stehen, sehen sich um, fragen alle Fragen und rennen ohne Antwort weiter ins

Unbekannte: ganz frisch scheinen sie in unsere Welt eingetreten und ihr noch

nicht eingewöhnt. Und man versteht diese Menschen Dostojewskis kaum,

bedenkt man nicht, daß sie Russen sind, Kinder eines Volkes, das aus einer

jahrtausendalten barbarischen Unbewußtheit mitten in unsere europäische Kultur

hineingestürzt ist. Von der alten Kultur, vom Patriarchalischen losgerissen, der neuen noch nicht vertraut, stehen sie in der Mitte, alle an einem Wegkreuz, und

die Unsicherheit jedes einzelnen ist die eines ganzen Volkes. Wir Europäer

wohnen in unserer alten Tradition wie in einem warmen Haus. Der Russe des

neunzehnten Jahrhunderts, der Dostojewski-Zeit, hat hinter sich die Holzhütte

der barbarischen Vorzeit verbrannt, aber sein neues Haus noch nicht gebaut.

Entwurzelte, Richtungslose sind sie alle. Sie haben die Kraft ihrer Jugend, die

Kraft der Barbaren noch in den Fäusten, aber der Instinkt ist verwirrt von der

Tausendfalt der Probleme: die Hände voll Stärke, wissen sie nicht, was zuerst

anfassen. Und so greifen sie nach allem und haben nie genug. Man fühle hier die

Tragik jedes einzelnen Dostojewski-Menschen, jedes 136 einzelnen Zwiespalt

und Hemmung aus dem Schicksal des ganzen Volkes. Dieses Rußland um die

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts weiß nicht wohin: nach Westen oder nach

Osten, nach Europa oder nach Asien, nach Petersburg, der „künstlichen Stadt“,

in die Kultur oder zurück auf das Bauerngut, in die Steppe. Turgenjew stößt sie

nach vorne, Tolstoi stößt sie zurück. Alles ist Unruhe. Der Zarismus steht

unvermittelt gegenüber einer kommunistischen Anarchie, die Rechtgläubigkeit,

die altererbte, springt quer über in einen fanatischen und rasenden Atheismus.

Nichts steht fest, nichts hat seinen Wert, sein Maß in dieser Zeit: die Sterne des

Glaubens brennen nicht mehr über ihren Häuptern und das Gesetz längst nicht

mehr in ihrer Brust. Entwurzelte einer großen Tradition, sind die Dostojewski-

Menschen echte Russen, Übergangsmenschen, das Chaos des Anfangs im

Herzen, beladen mit Hemmungen und Ungewißheiten. Immer sind sie

verschreckt und verschüchtert, immer fühlen sie sich erniedrigt und beleidigt,

und dies alles aus dem einzigen Urgefühl der Nation: daß sie nicht wissen, wer

sie sind. Daß sie nicht wissen, ob sie viel sind oder wenig. Ewig stehen sie auf

der Kippe von Stolz oder Zerknirschung, von Selbstüberschätzung und

Selbstverachtung, ewig blicken sie sich um nach den anderen, und alle sind sie

verzehrt von der rasenden Angst, lächerlich zu sein. Unablässig schämen sie

sich, bald eines abgetragenen Pelzkragens, bald ihrer ganzen Nation, aber immer

schämen, schämen sie sich, sind sie beunruhigt, verwirrt. Ihr Gefühl, ihr

übermächtiges, hat keinen Halt, keinen Führer, kein einziger hat ein Maß, ein

Gesetz, den Halt einer Tradition, die Krücke einer ererbten Weltanschauung.

Alle sind sie Maßlose und Ratlose in einer unbekannten Welt. Keine Frage ist für

sie beantwortet, 137 kein Weg geebnet. Menschen des Übergangs, Menschen

des Anfangs sind sie alle. Jeder ein Cortes: hinter sich verbrannte Brücken, vor

sich das Unbekannte.

Aber dies ist das Wunderbare: daß, weil sie Menschen eines Anfangs sind,

in jedem einzelnen noch einmal die Welt beginnt. Daß alle Fragen, die bei uns

schon zu kalten Begriffen erstarrt sind, ihnen noch im Blute glühen. Daß unsere bequemen ausgetretenen Wege mit ihren moralischen Geländern und ethischen

Wegweisern ihnen nicht bekannt sind: immer und überall gehen sie durchs

Dickicht ins Grenzenlose, ins Unendliche hinein. Nirgends Kirchtürme der

Gewißheit, Brücken der Zuversicht: alles heilige Urwelt. Jeder einzelne fühlt so

wie das Rußland Lenins und Trotzkis, daß er die ganze Weltordnung neu

aufbauen müsse, und das ist der unbeschreibliche Wert des russischen Menschen

für Europa, das in seiner Kultur verkrustete, daß hier eine unverbrauchte Neugier

noch einmal alle Fragen des Lebens an die Unendlichkeit stellt. Daß, wo wir

träge wurden in unserer Bildung, andere noch glühend sind. Jeder einzelne

revidiert bei Dostojewski noch einmal alle Probleme, rückt sich selbst mit

blutenden Händen die Grenzsteine von Gut und Böse, jeder einzelne schafft sich

sein Chaos wieder um zur Welt. Jeder einzelne ist bei ihm Diener, Verkünder des

neuen Christus, Märtyrer und Verkünder eines dritten Reiches. Noch ist das

Chaos des Anfangs in ihnen, aber auch Dämmern des ersten Tages, der das Licht

auf Erden schuf, und schon Ahnung des sechsten, der den neuen Menschen

schafft. Seine Helden sind Wegebauer einer neuen Welt: der Roman

Dostojewskis ist der Mythos des neuen Menschen und seiner Geburt aus dem

Schoße der russischen Seele.

138 Ein Mythos und besonders ein nationaler aber will Gläubigkeit. Man

versuche darum nicht, diese Menschen durch das kristallene Medium der

Vernunft zu erfassen. Nur Gefühl, das allein brüderliche, kann sie verstehen.

Dem common sense, dem Engländer, dem Amerikaner, dem praktischen

Menschen müssen die vier Karamasoffs als vier verschiedene Narren erscheinen,

als Tollhaus die ganze tragische Welt Dostojewskis. Denn was sonst Alpha und

Omega der gesunden simplen, irdischen Natur war und ewig sein wird, scheint

ihnen das Gleichgültigste auf Erden, nämlich: Glücklichsein. Schlagt sie auf, die

fünfzigtausend Bücher, die Europa alljährlich produziert, wovon handeln sie?

Vom Glücklichsein. Ein Weib will einen Mann, oder einer will reich werden,

mächtig und geehrt. Bei Dickens steht am Ende aller Wünsche das liebliche

Cottagehaus im Grünen mit der munteren Kinderschar, bei Balzac das Schloß

mit dem Pairstitel und den Millionen. Und blicken wir um uns, auf die Straße, in

die Butiken, in die niederen Stuben, in die hellen Säle, was wollen die Menschen

dort? Glücklich sein, zufrieden sein, reich sein, mächtig sein. Wer will es von

Dostojewskis Menschen? Keiner. Nicht ein einziger. Sie wollen nirgends

haltmachen: nicht einmal beim Glück. Sie wollen alle weiter, sie haben alle jenes

„höhere Herz“, das sich quält. Glücklichsein ist ihnen gleichgültig,

Zufriedensein ist ihnen gleichgültig, Reichsein eher verächtlich als erwünscht.

Sie wollen nichts von all dem, diese Seltsamen, was unsere ganze Menschheit

will. Sie haben den uncommon sense. Sie wollen nichts von dieser Welt.

Genügsame also, Phlegmatiker des Lebens, Indifferente oder Asketen? Im

Gegenteil. Die Menschen Dostojewskis sind, ich sagte es ja, Menschen eines

neuen Anfangs. Sie haben, bei all ihrer Genialität und ihrem diamantenen

Verstand, 139 Kinderherzen, Kindergelüste: sie wollen nicht dies oder jenes,

sondern sie wollen alles. Und alles ganz stark. Das Gute und das Böse, das

Heiße und das Kalte, das Nahe und das Ferne. Sie sind Übertreiber, sie sind

Maßlose. Ich sagte früher: sie wollen nichts von dieser Welt. Schlecht gesagt. Sie

wollen nichts einzelnes davon, sondern alles, ihr ganzes Gefühl, ihre ganze

Tiefe: das Leben. Vergessen wir nicht, sie sind keine Schwächlinge, keine

Lovelace, keine Hamlets, keine Werthers, keine Rénés – sie haben harte

Muskeln und einen brutalen Lebenshunger, diese Menschen Dostojewskis, sie

sind Karamasoffs, „Raubtiere des Gelüsts“, begabt mit jener „unanständigen

fanatischen“ Lebensgier, die sich an den letzten Tropfen des Kelches ansaugt,

ehe sie ihn zerklirrt. Von allen Dingen suchen sie den Superlativ, überall die

Rotglut des Empfindens, wo die gemeinen Legierungen des Gelegentlichen

zerschmelzen und nichts bleibt als das feuerflüssige brennende Weltgefühl; wie

die Amokläufer rennen sie ins Leben hinein, von der Begierde in die Reue, von

der Reue wieder in die Tat, vom Verbrechen ins Geständnis, vom Geständnis in

die Ekstase, aber alle Gassen ihres Schicksals lang überallhin bis zum Letzten,

bis sie niederstürzen, Schaum vor den Lippen, oder bis ein anderer sie

niederschlägt. O dieser Lebensdurst jedes einzelnen – eine ganze junge Nation,

eine neue Menschheit lechzt von ihren Lippen nach Welt, nach Wissen, nach

Wahrheit! Sucht mir doch, zeigt mir einen Menschen im Werk Dostojewskis, der

ruhig atmet, der rastet, der sein Ziel erreicht hat! Keiner, kein einziger! Alle sind

sie in diesem rasenden Wettlauf zur Höhe und zur Tiefe – denn nach Aljoschas

Formel muß, wer die erste Stufe betreten hat, bis zur letzten hinstreben – nach

allen Seiten, in Frost und Brand, greifen sie, gieren 140 sie, diese

Unersättlichen, diese Maßlosen, die ihr Maß nur suchen und finden in der

Unendlichkeit. Wie Pfeile schnellen sie sich in ewiger Spannung von der Sehne

ihrer Kraft in den Himmel hinein, immer in der Richtung des Unerreichbaren,

immer zu Sternen zielend, jeder eine Flamme, ein Feuer der Unruhe. Und

Unruhe ist Qual. Darum sind die Helden Dostojewskis alle die großen

Leidenden. Alle haben sie verzerrte Gesichter, alle leben sie im Fieber, im

Krampf, im Spasma. Ein Hospital von Nervenkranken, hat erschreckt ein großer

Franzose Dostojewskis Welt genannt, und wirklich, für den ersten, den äußeren

Anblick, welch eine trübe, welch eine phantastische Sphäre! Schankstuben voll

Branntweindunst, Gefängniszellen, Winkel in Vorstadtwohnungen,

Bordellgassen und Kneipen, und dort in Rembrandtschem Dunkel ein Gewühl

von ekstatischen Gestalten, der Mörder, das Blut seines Opfers über den erhobenen Händen, der Trunkenbold im Gelächter der Zuhörer, das Mädchen mit

dem gelben Schein im Zwielicht der Gasse, das epileptische Kind, bettelnd an

den Straßenecken, der siebenfache Mörder in der Katorga Sibiriens, der Spieler

zwischen den Fäusten der Spießgesellen, Rogoschin, wie ein Tier sich wälzend

vor dem verschlossenen Gemach seiner Frau, der ehrliche Dieb, sterbend im

schmutzigen Bette – welche Unterwelt des Gefühls, welcher Hades der

Leidenschaften! O, welche tragische Menschheit, welch russischer, grauer, ewig

dämmernder, niederer Himmel über diesen Gestalten, welche Dunkelheiten des

Herzens und der Landschaft! Gelände des Unglücks, Wüsten der Verzweiflung,

Fegefeuer ohne Gnade und Gerechtigkeit.

O wie dunkel, wie verworren, wie fremd, wie feindlich ist sie zuerst, diese

Menschheit, diese russische Welt! Von 141 Leiden scheint sie überflutet, und

diese Erde, wie Iwan Karamasoff so grimmig sagt, „getränkt von Tränen bis zu

ihrem innersten Kern“. Aber so wie Dostojewskis Antlitz dem ersten Blicke

düster, lehmig, gedrückt, bäurisch und gebeugt anmutet, dann aber der Glanz

seiner Stirne, aufstrahlend über die Versunkenheit, das Irdische seiner Züge,

seine Tiefe durch Glauben erleuchtet, so durchstrahlt auch im Werke das geistige

Licht die dumpfe Materie. Aus Leiden scheint Dostojewskis Welt einzig

gestaltet. Und doch ist nur scheinbar die Summe alles Leidens in seinen

Menschen größer als in jedem anderen Werke. Denn, Kinder Dostojewskis, sind

diese Menschen alle Verwandler ihres Gefühles, sie treiben es und übertreiben es

von Kontrast zu Kontrast. Und das Leiden, ihr eigenes Leiden ist oft ihre tiefste

Seligkeit. In ihnen wirkt etwas, das der Wollust, der Lust am Glück, tiefsinnig

die Wehlust, die Lust an der Qual gegenüberstellt: ihr Leiden ist zugleich ihr

Glücklichsein, sie halten es fest mit den Zähnen, wärmen es an ihrer Brust, sie

schmeicheln es mit den Händen, sie lieben es mit ihrer ganzen Seele. Und sie

wären nur dann die Unglücklichsten, liebten sie es nicht. Dieser Tausch, der

rasende frenetische Tausch des Gefühls im Innern, diese ewige Umwertung des

Dostojewskischen Menschen kann vielleicht nur ein Beispiel ganz klarmachen,

und ich wähle eines, das in tausend Formen wiederkehrt: das Leid, das einem

Menschen infolge einer Erniedrigung, einer tatsächlichen oder eingebildeten,

widerfährt. Irgendeiner, ein schlichtes sensitives Geschöpf, gleichgültig ob ein

kleiner Beamter oder eine Generalstochter, wird beleidigt. In seinem Stolz

gekränkt durch ein Wort, eine Nichtigkeit vielleicht. Diese erste Kränkung ist der

Primäraffekt, der den ganzen Organismus in Aufruhr bringt. Der Mensch 142

leidet. Er ist gekränkt, liegt auf der Lauer, spannt sich an und wartet – auf eine

neue Kränkung. Und die zweite Kränkung kommt: also eigentlich Häufung des

Leidens. Aber seltsam, sie tut nicht mehr weh. Zwar der Gekränkte klagt, er

schreit, aber seine Klage ist schon nicht mehr wahr: denn er liebt diese Kränkung. In diesem „fortwährend-sich-seiner-Schmach-bewußt-sein ist ein

unnatürlicher heimlicher Genuß“. Für den beleidigten Stolz hat er einen neuen:

den des Märtyrers. Und jetzt entsteht in ihm der Durst nach neuer Kränkung,

nach mehr und mehr. Er beginnt zu provozieren, er übertreibt, er fordert heraus:

das Leiden ist jetzt seine Sehnsucht, seine Gier, seine Lust: man hat ihn

erniedrigt, so will er (der Mensch ohne Maß) ganz niedrig sein. Und er gibt es

nicht her mehr, sein Leiden, mit verbissenen Zähnen hält er es fest: jetzt wird der

Hilfreiche sein Feind, der Liebende. So schlägt die kleine Nelly dem Arzt

dreimal das Pulver ins Gesicht, so stößt Raskolnikoff Sonja zurück, so beißt

Iljutschka den frommen Aljoscha in die Finger – aus Liebe, aus fanatischer

Liebe zu ihrem Leiden. Und alle, alle lieben sie das Leiden, weil sie darin das

Leben, das geliebte, so stark spüren, weil sie wissen, „man kann auf dieser Erde

nur durch Leiden wahrhaft lieben“, und das wollen sie, das vor allem! Es ist ihr

stärkster Existenzbeweis: statt des cogito, ergo sum, „ich denke, also bin ich“,

setzen sie das: „ich leide, also bin ich“. Und dieses „Ich bin“ ist bei Dostojewski

und allen seinen Menschen der höchste Triumph des Lebens. Der Superlativ des

Weltgefühls. Im Kerker jauchzt Dimitry die große Hymne an dieses „Ich bin“, an

die Wollust des Seins, und eben um dieser Liebe zum Leben willen ist ihnen

allen das Leiden notwendig. Nur scheinbar, sagte ich, ist darum die Summe des

Leidens größer bei Dostojewski 143 als bei allen anderen Dichtern. Denn

wenn es eine Welt gibt, wo nichts unerbittlich ist, aus jedem Abgrund noch ein

Weg führt, aus jedem Unglück noch Ekstase, aus jeder Verzweiflung noch

Hoffnung, so ist es die seine. Was ist dies Werk anderes als eine Reihe von

modernen Apostelgeschichten, Legenden der Erlösung vom Leiden durch den

Geist? Der Bekehrungen zum Lebensglauben, der Kalvariengänge zur

Erkenntnis? Der Wege nach Damaskus mitten durch unsere Welt?

In Dostojewskis Werk ringt der Mensch um seine letzte Wahrheit, um sein

allmenschliches Ich. Ob ein Mord geschieht oder eine Frau in Liebe brennt, alles

das ist Nebensache, Außensache, Kulisse. Sein Roman spielt im innersten

Menschen, im Seelenraum, in der geistigen Welt: die Zufälle, die Ereignisse, die

Schickungen des äußeren Lebens sind nur Stichworte, Maschinerie, der

szenische Rahmen. Die Tragödie ist immer innen. Und sie heißt immer: die

Überwindung der Hemmungen, der Kampf um die Wahrheit. Jeder seiner

Helden fragt sich, wie Rußland selbst: Wer bin ich? Was bin ich wert? Er sucht

sich oder vielmehr den Superlativ seines Wesens im Haltlosen, im Raumlosen,

im Zeitlosen. Er will sich erkennen als der Mensch, der er vor Gott ist, und er

will sich bekennen. Denn jedem Dostojewski-Menschen ist die Wahrheit mehr

als Bedürfnis, sie ist ihm ein Exzeß, eine Wollust und das Geständnis seine

heiligste Lust, sein Spasma. Im Geständnis bricht bei Dostojewski der innere Mensch, der Allmensch; der Gottesmensch durch den irdischen, die Wahrheit –

und dies ist Gott – durch seine fleischliche Existenz. O die Wollust, mit der sie

darum mit dem Geständnis spielen, wie sie es verbergen und – Raskolnikoff vor

Porphyri Petrowitsch – immer heimlich zeigen und wieder 144 verstecken,

und dann wieder, wie sie sich überschreien, mehr Wahrheit bekennen als wahr

ist, wie sie in rasendem Exhibitionismus ihre Blößen aufdecken, wie sie Laster

und Tugend vermengen – hier, nur hier, im Ringen um das wahre Ich sind die

eigentlichen Spannungen Dostojewskis. Hier, ganz innen ist der große Kampf

seiner Menschen, die mächtigen Epopöen des Herzens: hier, wo das Russische,

das Fremdartige in ihnen sich aufzehrt, hier wird auch ihre Tragödie erst ganz

zur unseren, zur allmenschlichen. Da wird das typische Schicksal seiner

Menschen deutsam und erschütternd, und restlos erleben wir im Mysterium der

Selbstgeburt den Mythos Dostojewskis vom neuen Menschen, vom Allmenschen

in jedem Irdischen.

Das Mysterium der Selbstgeburt: so nenne ich in der Kosmogonie, in der

Weltschöpfung Dostojewskis die Erschaffung des neuen Menschen. Und ich

möchte versuchen, die Geschichte aller Naturen Dostojewskis in einer zu

erzählen, als seinen Mythos; denn alle diese verschiedenartigen, hundertfach

variierten Menschen haben im letzten nur ein einheitliches Schicksal. Alle leben

sie Varianten eines einzigen Erlebnisses: der Menschwerdung. Vergessen wir

nicht: die Kunst Dostojewskis zielt immer auf den Mittelpunkt und in der

Psychologie darum auf den Menschen im Menschen, den absoluten, den

abstrakten Menschen, der weit hinter allen kulturellen Schichtungen liegt. Für

die meisten Künstler sind die Schichtungen noch wesentlich, die Vorgänge der

Durchschnittsromane spielen in sozialer, gesellschaftlicher, erotischer und

konventioneller Sphäre und bleiben in diesen Schichten stecken. Dostojewski

stößt, weil er zentral gerichtet ist, immer durch zum Allmenschen im Menschen,

zu jenem Ich, das allgemeinsam ist. Immer bildet er diesen letzten Menschen

und 145 immer in verwandter Form seine Sendung. Gleich ist all seiner

Helden Anbeginn. Als echte Russen beunruhigt sie ihre eigene Lebenskraft. In

den Jahren der Pubertät, des sinnlichen und geistigen Erwachens, verdüstert sich

ihnen der heitere und freie Sinn. Dumpf fühlen sie in sich eine Kraft gären, ein

geheimnisvolles Drängen; irgend etwas Eingesperrtes, Wachsendes und

Quellendes will aus ihrem noch unmündigen Kleid. Eine geheimnisvolle

Schwangerschaft (es ist der neue Mensch, der in ihnen keimt, aber sie wissen es

nicht) macht sie träumerisch. Sie sitzen „einsam bis zur Verwilderung“ in

dumpfen Stuben, in einsamen Winkeln und denken, denken Tag und Nacht über

sich nach. Jahrelang brüten sie oft dahin in dieser seltsamen Ataraxie, sie

verharren in einem fast buddhistischen Zustand der Seelenstarre, sie beugen sich tief über den eigenen Leib, um wie die Frauen in den frühen Monaten das

Klopfen dieses zweiten Herzens in sich zu erlauschen. Alle geheimnisvollen

Zustände der Befruchteten überkommen sie: die hysterische Angst vor dem

Tode, das Grauen vor dem Leben, krankhafte, grausame Begierden, sinnliche

perverse Gelüste.

Endlich wissen sie, daß sie befruchtet sind von irgendeiner neuen Idee: und

nun suchen sie das Geheimnis zu entdecken. Sie schärfen ihre Gedanken, bis sie

spitz und schneidend werden wie chirurgische Instrumente, sie sezieren ihren

Zustand, sie zerreden ihre Bedrückung in fanatischen Gesprächen, sie zerdenken

ihr Gehirn, bis es sich in Wahnsinn zu entflammen droht, sie schmieden alle ihre

Gedanken in eine einzige fixe Idee, die sie bis ans letzte Ende denken, in eine

gefährliche Spitze, die sich in ihrer Hand gegen sie selbst wendet. Kirillow,

Schatow, Raskolnikoff, Iwan Karamasoff, alle diese Einsamen haben „ihre“

Idee, 146 die des Nihilismus, die des Altruismus, die des napoleonischen

Weltwahns, und alle haben sie ausgebrütet in dieser krankhaften Einsamkeit. Sie

wollen eine Waffe gegen den neuen Menschen, der aus ihnen werden soll, denn

ihr Stolz will sich gegen ihn wehren, ihn unterdrücken. Andere wieder suchen

dieses geheimnisvolle Keimen, diesen drängenden gärenden Lebensschmerz mit

aufgepeitschten Sinnen zu überrasen. Um im Bilde zu bleiben: sie suchen die

Frucht abzutreiben, wie Frauen von Treppen springen oder durch Tanz und Gifte

sich vom Unerwünschten zu befreien trachten. Sie toben, um dies leise Quellen

in sich zu übertönen, sie zerstören manchmal sich selbst, nur um diesen Keim zu

zerstören. Sie verlieren sich mit Absicht in diesen Jahren. Sie trinken, sie

spielen, sie werden ausschweifend und all dies (sie wären sonst nicht Menschen

Dostojewskis) fanatisch bis zur letzten Raserei. Schmerz treibt sie in ihre Laster,

nicht eine lässige Begierde. Es ist nicht ein Trinken um Zufriedenheit und

Schlaf, nicht das deutsche Trinken um die Bettschwere, sondern um den Rausch,

um das Vergessen ihres Wahnes, ein Spielen nicht um Geld, sondern um die Zeit

zu ermorden, ein Ausschweifen nicht um der Lust willen, sondern um in der

Übertreibung ihr wahres Maß zu verlieren. Sie wollen wissen, wer sie sind;

darum suchen sie die Grenze. Den äußersten Rand ihres Ich wollen sie in

Überhitzung und Abkaltung kennen und vor allem die eigene Tiefe. Sie glühen

in diesen Lüsten bis zum Gott empor, sie sinken bis zum Tier hinab, aber immer,

um den Menschen in sich zu fixieren. Oder sie versuchen, da sie sich nicht

kennen, sich wenigstens zu beweisen. Kolja wirft sich unter einen Eisenbahnzug,

um sich zu „beweisen“, daß er mutig ist, Raskolnikoff ermordet die alte Frau,

um seine Napoleonstheorie 147 zu beweisen, sie tun alle mehr, als sie

eigentlich wollen, nur um an die äußerste Grenze des Gefühls zu gelangen. Um

ihre eigene Tiefe zu kennen, das Maß ihrer Menschheit, werfen sie sich in jeden Abgrund hinab: von der Sinnlichkeit stürzen sie in die Ausschweifung, von der

Ausschweifung in die Grausamkeit und hinab bis zu ihrem untersten Ende, der

kalten, der seelenlosen, der berechneten Bosheit, aber all dies aus einer

verwandelten Liebe, einer Gier nach Erkenntnis des eigenen Wesens, einer

verwandelten Art von religiösem Wahn. Aus weiser Wachheit stürzen sie sich in

die Kreisel des Irrsinns, ihre geistige Neugier wird zur Perversion der Sinne, ihre

Verbrechen glühen bis zur Kinderschändung und zum Mord, aber typisch ist für

sie alle die gesteigerte Unlust in der gesteigerten Lust: bis in den untersten

Abgrund ihrer Raserei zuckt die Flamme des Bewußtseins der fanatischen Reue

nach.

Aber je weiter hinein sie in der Übertreibung der Sinnlichkeit und des

Denkens rasen, um so näher sind sie schon sich selbst, und je mehr sie sich

vernichten wollen, um so eher sind sie zurückgewonnen. Ihre traurigen

Bacchanale sind nur Zuckungen, ihre Verbrechen die Krämpfe der Selbstgeburt.

Ihre Selbstzerstörung zerstört nur die Schale um den innern Menschen und ist

Selbstrettung im höchsten Sinn. Je mehr sie sich anspannen, je mehr sie sich

krümmen und winden, um so mehr befördern sie unbewußt die Geburt. Denn nur

im brennendsten Schmerz kann das neue Wesen zur Welt kommen. Ein

Ungeheures, ein Fremdes muß dazu treten, muß sie befreien, irgendeine Macht

Wehmutter werden in ihrer schwersten Stunde, die Güte muß ihnen helfen, die

allmenschliche Liebe. Eine äußerste Tat, ein Verbrechen, das all ihre Sinne zur

Verzweiflung spannt, ist nötig, um die Reinheit zu gebären, 148 und hier wie

im Leben ist jede Geburt umschattet von tödlichster Gefahr. Die beiden

äußersten Kräfte des menschlichen Vermögens, Tod und Leben, sind in dieser

Sekunde innig verschränkt.

Dies also ist der menschliche Mythos Dostojewskis, daß das gemischte,

dumpfe, vielfältige Ich jedes einzelnen befruchtet ist mit dem Keim des wahren

Menschen (jenes Urmenschen der mittelalterlichen Weltanschauung, der frei ist

von der Erbsünde), des elementaren, rein göttlichen Wesens. Diesen urewigen

Menschen aus dem vergänglichen Leib des Kulturmenschen in uns zum Austrag

zu bringen, ist höchste Aufgabe und die wahrste irdische Pflicht. Befruchtet ist

jeder, denn keinen verstößt das Leben, jeden Irdischen hat es in einer seligen

Sekunde mit Liebe empfangen, doch nicht jeder gebiert seine Frucht. Bei

manchem verfault sie in einer seelischen Lässigkeit, sie stirbt ab und vergiftet

ihn. Andere wieder sterben in den Wehen, und nur das Kind, die Idee, kommt

zur Welt. Kirillow ist einer, der sich ermorden muß, um ganz wahr bleiben zu

können, Schatow ist einer, der ermordet wird, um seine Wahrheit zu bezeugen.

Aber die anderen, die heroischen Helden Dostojewskis, der Staretz

Sossima, Raskolnikoff, Stepanowitsch, Rogoschin, Dmitrij Karamasoff vernichten ihr soziales Ich, den dunklen Raupenstand ihres inneren Wesens, um

wie Schmetterlinge sich der abgestorbenen Form zu entschwingen, das

Beflügelte aus dem Kriechenden, das Erhobene aus dem Erdschweren. Die

Umkrustung der seelischen Hemmung zerbricht, die Seele, die

Allmenschenseele strömt aus, strömt ins Unendliche zurück. Alles Persönliche,

alles Individuelle ist in ihnen abgetan, daher auch die absolute Ähnlichkeit all

dieser Gestalten im Augenblick 149 ihrer Vollendung. Aljoscha ist kaum von

dem Staretz, Karamasoff kaum von Raskolnikoff zu unterscheiden, wie sie aus

ihren Verbrechen mit tränengebadetem Gesicht in das Licht des neuen Lebens

treten. Am Ende aller Romane Dostojewskis ist die Katharsis der griechischen

Tragödie, die große Entsühnung: über den verdonnernden Gewittern und der

gereinigten Atmosphäre flammt die erhabene Glorie des Regenbogens, das

höchste russische Symbol der Versöhnung.

Erst wenn die Helden Dostojewskis den reinen Menschen aus sich geboren

haben, treten sie in die wahre Gemeinschaft. Bei Balzac triumphiert der Held,

wenn er die Gesellschaft bezwingt, bei Dickens, wenn er sich in die soziale

Schicht, in das bürgerliche Leben, in die Familie, in den Beruf friedlich

einordnet. Die Gemeinschaft, die der Held Dostojewskis anstrebt, ist keine

soziale mehr, sondern schon eine religiöse, er sucht nicht Gesellschaft, sondern

Weltbruderschaft. Und dies Hingelangen zur eigenen Innerlichkeit und damit zur

mystischen Gemeinsamkeit ist die einzige Hierarchie in seinem Werk. Einzig

von diesem letzten Menschen handeln alle seine Romane: das Soziale, die

Zwischenstadien der Gesellschaft mit ihrem halben Stolz und schiefen Haß sind

überwunden, der Ichmensch ist zum Allmenschen geworden, seine Einsamkeit,

seine Absonderung, die nur Stolz war, hat jeder zerbrochen, und in unendlicher

Demut und glühender Liebe grüßt sein Herz den Bruder, den reinen Menschen in

jedem anderen. Dieser letzte, gereinigte Mensch kennt keine Unterschiede mehr,

kein soziales Standesbewußtsein: nackt, wie im Paradies, hat seine Seele keine

Scham, keinen Stolz, keinen Haß und keine Verachtung. Verbrecher und Dirne,

Mörder und Heilige, Fürsten und Trunkenbolde, sie halten 150 Zwiesprache

in jenem untersten und eigentlichsten Ich ihres Lebens, alle Schichten fließen

ineinander, Herz zu Herz, Seele in Seele. Nur das entscheidet bei Dostojewski:

wie weit einer wahr wird und zum wirklichen Menschentum gelangt. Wie diese

Entsühnung, diese Selbstgewinnung zustande kam, ist gleichgültig. Keine

Ausschweifung beschmutzt, kein Verbrechen verdirbt, es gibt kein Tribunal vor

Gott als das Gewissen. Recht und Unrecht, Gut und Böse, diese Worte zerfließen

im Leidensfeuer. Wer wahr ist im Willen, der ist entsühnt: denn wer wahr ist, ist

demütig. Wer erkannt hat, versteht alles und weiß, „daß die Gesetze des

Menschengeistes noch so unerforscht und geheimnisvoll sind, daß es weder gründliche Ärzte noch endgültige Richter gibt“, weiß, es ist keiner schuldig oder