Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte
Kapitel III
des Manuskriptes, und ich müßte lügen, wenn ich behauptete, daß sie mich,
wenn auch nur gelinde, erschreckt hat. Was Du so schwungvoll die Leidenschaft
Deiner Jugend nennst (ein hübscher Ausdruck und mir durchaus neu) dürfte
derzeit wohl zur Gänze erloschen sein und Dein guter Verstand eingesehen
haben, daß auf Erwiderung niemals zu hoffen, ja, daß eine solche niemals zu
wünschen war. Eine vermählte, eine edle, heilig-zarte Frau, und zugleich die
Deines besten Freundes, der Dich liebt, wie wenn Du der Sohn wärest, den er,
leider vergeblich, ersehnt – das müßte ein andrer als mein Mundi sein, der sich
da mit unerlaubten Gedanken trüge oder getragen hätte; denn wenn sich ja
dereinst etwas Ähnliches in seiner schönen Seele begeben hat, liegt es derselben
heute ferner als uns die Sintflut.
Glück und Segen und des Himmels auserlesenste Gunst über Dich! Ich bitte
um Mitteilung des werten Namens derjenigen, die, Gott gebe es! bald den teuren
Deinen tragen wird. Wolle mich, wenn Du das Haus ihrer hochschätzbaren
Eltern besuchst, dort allerseits des Angelegentlichsten empfehlen.
In treuer Wertschätzung, Liebe, Ergebenheit
Dein alter Lehrer P. Erhard.
PS. In Deiner Wirtschaft herrscht beste Ordnung, in Deinem Schlosse
beginnt sie schon das Szepter zu schwingen. Auf Schritt und Tritt begegnet dem
Wissenden Genuß, dem Schüler Belehrung. Der Boden der Halle mit
Ausgrabungen bedeckt, darf ohne Ruhmredigkeit verglichen werden mit einem
klassischen Trümmerfeld. Aus bereits eingetretenem Mangel an Raum waren wir
genötigt, die holdig-schönen von ungemeinem antiquarischen Reiz umflossenen
Mumien in Deinem Schlafgemache unterzubringen.
III.
Graf Edmund N. an Professor Erhard.
Paris, den 22. Mai 1875.
Lieber Professor, bester Freund!
Allzubreit darf das Altertum sich in meinem Hause doch nicht machen, wer
weiß, ob wir nicht, in erwartbarer Zeit, darin Platz brauchen für eine junge Frau. Die Mumien lasse, wenn's nicht anders geht, in den Keller schaffen. Es gehört zu
meinen Marotten, daß ich lieber in meinem Bette schlafe als im Sarge einer
Pharaonentochter.
Um die Erlaubnis, das Elternhaus Madeleines – so heißt nämlich die halb
und halb Erwählte – besuchen zu dürfen, habe ich noch nicht gebeten, mich noch
nicht entschlossen zu dem entscheidenden Schritt. Keineswegs aus Angst vor
einem Korbe. Madeleine hat für mich „de l'amitié“ – nicht zu übersetzen mit
unserm deutschen „Freundschaft“; es heißt weniger und mehr und jedenfalls
etwas ganz andres. Die Mutter ist mir wohlgesinnt, und geradezu geliebt werde
ich vom Vater. Der würde Dir gefallen, den würdest Du zu erwerben suchen –
für unsre Sammlung. Denke Dir das schönste Exemplar einer Rasse, die wir für
ausgestorben hielten, einen „chasseur du roi“, wie ihn die Bretagne um 1794
nicht charakteristischer aufgestellt: Untersetzt, breitnackig, breitgestirnt, mit
funkelnden Falkenaugen, kurzer Nase, runden Nüstern, Mund und Kinn wie,
ziemlich grob, aus Stein gemeißelt. Ich wette, er schwört noch bei der heiligen
Jungfrau von Auray und trägt unter dem Hemde mehr Amulette als Ludwig XI.
In seinen Augen ist jedes Mißgeschick, von dem Frankreich seit dem
Zusammentreten der Nationalversammlung betroffen wurde, eine Sühne für die
Zertrümmerung des Königtums. Mit dem letzten Kriege ließ Gott die schwerste
Geißel über das abtrünnige Reich des Heiligen Ludwig niedersausen. Die
Deutschen sind ihm nur Werkzeuge der Rache des Allgerechten, und als solche
dürfte er sie eigentlich nicht hassen, aber er haßt sie doch und ingrimmig. Mich,
als den Sohn eines „Tschèche“ und einer Französin, hält er für einen geborenen
Widersacher seiner Feinde und zieht in meiner Gegenwart mit besonderem
Schwung gegen sie los.
Da habe ich denn schon oft bemerkt, wie peinlich solche Ausbrüche des
Zornes gegen uns – welch ein Schnitzer! ich sage uns, ich „Tschèche“, – auf
Madeleine wirken.
Sie schweigt zwar, aber sie kämpft entschieden mit innerster Empörung;
wechselt die Farbe, und gestern sah ich, wie ihre schönen Hände, die einen so
ausgesprochen festen und braven Charakter haben, krampfhaft zitterten auf
ihrem Schoße.
Vielleicht ahnt sie etwas von meiner wahren Gesinnung, dachte ich, und
fürchtet, ich könnte mich durch die Ausfälle ihres Vaters verletzt fühlen. In der
Absicht, sie darüber zu beruhigen, sagte ich ihr, daß ich Kosmopolit bin aus
ganzem Herzen. Ich wiederholte, was ich so oft von Dir gehört, und was sich mir
überzeugend eingeprägt hat: daß unsre Nation nur unsre erweiterte Familie ist,
und daß der rechte und gute Mensch seine Familie nicht auf Kosten andrer liebt,
lobt und fördert. Indessen vermöge ich doch, mich in die Empfindungen eines, in seinem Stolze gekränkten Patrioten hineinzudenken, und sie, trotz ihrer
Verschiedenheit von den meinen, zu ehren.
Sie hörte mich aufmerksam an und nickte zustimmend, freilich auch etwas
spöttisch, und lächelte, wie sie pflegt, wenn ich ihr gegenüber einmal einen
warmen, vertrauensvollen Ton anschlage ... Es ist eine ungute Art zu lächeln, die
mich aus der Fassung bringt, mich immer unvorbereitet findet und peinlich
überrascht.
Das war anders dereinst! Elsbeth konnte mich nie überraschen; sie konnte
mich nur stets von neuem in der hohen Meinung, die ich von ihr hatte, bestärken.
Bei zahlreichen Gelegenheiten fragte ich mich: was würde jetzt das Prototyp
dieser Frau tun? dachte mir das Schönste und Schwerste aus – und das war dann,
was sie tat, so natürlich und einfach, wie wenn es das Selbstverständliche wäre.
Ja, diese Frau! Ich habe dem Geschick für vieles zu danken, für nichts aber
so heiß, als daß ich drei Jahre in ihrer Nähe leben und mit ihr verkehren durfte,
fast wie ein Hausgenosse. Ohne sie wäre ich untergegangen, war auf dem besten
Wege ... Sehr unrecht hast Du, es zu bezweifeln! Erinnere Dich, wie ich Euch
heimkehrte, nach jenem ersten lehrreichen Aufenthalt in Paris. Ich sehe noch den
Ausdruck des Schreckens im Angesicht meines armen, damals schon todkranken
Vaters bei unserm ersten Tischgespräche, da ich meine neuerworbenen
Ansichten vom Leben auskramte, mit meinen Erfahrungen prahlte und mich
erhaben dünkte über Euch, wie ein aus dem Kriege kommender Soldat über ein
paar alte Ofenhocker.
Und später – das Eis war gebrochen, es hatte schon begonnen zu tauen in
meiner erwachenden Seele ... weißt Du noch? – lag ich auf den Knien vor dem
Sterbenden, und er segnete mich und sprach leise mit seinem allgütigen Lächeln:
„Verliebe Dich, mein Sohn.“
Wahrlich, ein väterlicher Rat ist nie treuer befolgt worden. Ich habe geliebt,
wie man nicht mehr liebt im neunzehnten Jahrhundert, und wie vielleicht auch in
den vorigen Jahrhunderten nur wenig Frauen geliebt worden sind.
Die Frau Deines väterlichen Freundes, sagst Du vorwurfsvoll. – Aber dieses
Bewußtsein verschärfte nur die Qual und änderte nichts an der Empfindung.
Niemand vermag mir den Glauben zu nehmen, daß sie für mich, und daß
ich für sie geboren war, daß wir Eins gewesen sein mußten in einem früheren
Leben und nun zueinander strebten mit derselben Urgewalt, wie die Fluten des
durch Klippen getrennten Bergstroms, der zu Tale stürzt.
Und dennoch, so zuversichtlich ich hoffte, daß jede sehnsüchtige
Empfindung meiner Seele einen Widerhall in der ihren fände, so fest war meine
Überzeugung, daß Elsbeth lieber sterben würde und lieber mich sterben ließe, als
ein Unrecht tun. Ich aber hatte Augenblicke – Dir, alter Mensch, darf ich's sagen, unsre Schuljungen würden mich verhöhnen – in denen alle meine Wünsche
schwiegen vor dem einen, ihrer würdig, ihr Freund, ihr geistiger Genosse zu
bleiben. Die ich wie eine Göttin verehrte, sollte nicht niedersteigen, um in
meinen Armen eine Erdenfrau zu werden. Aber diese Augenblicke wurden
immer seltener, die Selbstbeherrschung wurde mir immer schwerer, um so mehr,
als Elsbeth ihr Benehmen änderte, ihre Unbefangenheit zu verlieren, jedes
Alleinsein mit mir ängstlich zu vermeiden schien —
Unwandelbar derselbe blieb nur Er, der Lustspielgatte, der arglose, alberne
– anbetungswürdige. Er hielt mich mit Gewalt fest, wenn ich fort wollte, er
plagte mich, um mir mein kroatisches Gut zu erhalten, das ihm das seine so
schön arrondiert hätte, und das schon zu Zeiten meines Vaters losgeschlagen
werden sollte, weil wir Geld brauchten für die arg zurückgegangene Wirtschaft
in Korin.
Aber er weigerte sich zu kaufen. Im Anfang zögernd, dann immer
entschiedener. – „Es ist halt schwer, es ist halt schwer. Mir würde der Krempel
passen. Du gehst mathematisch darauf zu Grund. Kennst Dich ja bei uns gar
nicht aus.“
„So kaufe! kaufe! zahle, was du recht findest.“
„Was ich recht fände, kann ich nicht zahlen, und weniger mag ich nicht
zahlen; ich mache keinen Handel mit einem Menschen, der wie Du in
Geschäften ein Mondkalb ist. Das darf nicht sein. Was meinst, Elsbeth?“
Sie lachte. Es gibt nichts, das lieblicher wäre als ihr Lachen. Um so lachen
zu können, muß man eine großartige und milde Seele haben. Gar wenige Frauen
lachen schön. „Was soll ich nur antworten, ohne entweder unhöflich oder
gewissenlos zu sein?“ fragte sie, und er schmunzelte und begann seinen
graublonden Knebelbart um den Zeigefinger zu wickeln: „Ja, wenn ich Kinder
hätte, Gott weiß, welcher Schandtat ich fähig wäre, – aber so!“
Und später hieß es dann: „Weil ich keine Kinder habe und mathematisch
keine bekommen werde, will ich Deine lang vernachlässigten Interessen
vertreten, Du Junge Du, wie wenn es die meiner Kinder wären.“
Nein, einen solchen Mann betrügt man nicht: „Das darf nicht sein,“ wie er
sagt.
Aber so schwer als möglich hat er mir's gemacht, ein ehrlicher Kerl zu
bleiben. Ich mußte am Ende heraus mit einem halben Geständnis. Da murmelte
er etwas von Unsinn und wurde ein wenig rot. „Du weißt nicht mehr, was Du
erfinden sollst, damit man Dich nur fortläßt,“ sagte er und – ließ mich ziehen.
Kommst halt wieder, wenn Du mathematisch sicher bist: ich darf mit gutem
Gewissen!
Und ich darf! Ich werde mit meiner jungen Frau den ersten Winter in meinem, durch den fürsorgenden Freund bewohnbar gemachten Hause in der