Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Marie von Ebner-Eschenbach · Kapitel 10 von 18

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Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Kapitel V

„Ach, mein Neffe Wladimir, welcher Zufall!“ sagte Irina mit förmlich

herausfordernder Unbefangenheit und nahm Abschied. Ich führte sie zum

Waggon, dessen Tür bereits offen stand. Der Jüngling hatte das Handgepäck, das

der Kammerdiener hineinreichte, in Empfang genommen, stand da und hielt

selbstvergessen die Reisetasche Irinas mit leidenschaftlicher Innigkeit an seine

Brust gepreßt. Ich half der schönen Frau einsteigen. Der Duft frischer Blumen

strömte uns aus dem Wagen entgegen; in den Netzen hingen, auf den Sitzen

lagen die schönsten Teerosensträuße. – Ich hörte Irina noch sagen: „Quelle

folie!“ Dann flog die Tür zu, die Lokomotive pfiff und pustete, die Räder setzten

sich in Bewegung, ein letzter Gruß, ein Taschentuch, das man flattern sieht an

einem Fenster und – alles vorüber.

Die Tante und ich fuhren nach Hause. Sie war außerordentlich aufgeräumt.

Durch alle ihre Kosmetikes hindurch schimmerte der Glanz stiller Heiterkeit. In

einem alten Renner, vor dessen Augen ein andres Pferd durchgeht, mögen sich

ähnliche Erinnerungen regen, wie die ihren waren in diesem Augenblicke.

Ganz gegen ihre Gewohnheit, denn sie gehört zu den harmlosesten

Geschöpfen, die ich kenne, bemerkte sie nach einer kleinen Pause, während der

wir uns unsren Betrachtungen überlassen hatten:

„Früher waren es Cousins, jetzt sind es Neffen. Ich weiß nicht, ob das ein

Fortschritt oder ein Rückschritt ist.“

„Mais“, setzte sie seufzend hinzu, und ihre Stirn würde sich in

nachdenkliche Falten gelegt haben, wenn die Crême de Lys à la Ninon eine

solche Hautgymnastik erlaubt hätte – „mais je comprends ça!“

 

Dein Edmund.

 

V.

 

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

Les Ormeaux, den 25. Juni 1875.

 

Lieber verehrter Freund!

 

Bereite Dich auf eine Überraschung vor. Unsre Pläne sind umgestoßen. Ich

schrieb Dir gestern in verdrießlicher Laune. Dank der Nachlässigkeit meines

Dieners blieb der Brief liegen. Heute zerreiße ich ihn, schreibe einen neuen und

hoffe, wenn diese Zeilen in Deine Hände kommen, bin ich ganz versöhnt mit meinem Lose und habe eingesehen, „daß alles Segen war.“

Was sich begeben hat, ist folgendes:

Neulich am Abend waren wir alle auf dem Balkon. Eine Dame aus der

Nachbarschaft, die sich für eine Naturfreundin hält, hatte uns dahin beordert, um

den Aufgang des Mondes zu bewundern. Sie quittierte die Oh und Ah, die

ausgestoßen wurden, und machte die Honneurs des schönen Schauspiels, als ob

sie es erfunden hätte. Es verdroß sie, daß Madeleine sich schweigend verhielt. –

„Die jetzige Jugend lobt nichts,“ meinte sie, „nicht einmal den lieben Gott in

seinen Werken. Ein Anblick wie dieser läßt Euch kühl. Nicht wahr, liebe

Kleine?“

Die „Kleine“, von der die dicke Naturschwärmerin um einen halben Kopf

überragt wird, sah zu ihr nieder und erwiderte rasch und lebhaft: „Sie tun mir

unrecht, niemand schätzt den Mond mehr als ich, diesen liebenswürdigen Alten,

dessen Glanz schon längst erloschen ist, der sich aber in Ermangelung eigenen

Lichtes zum Spiegel fremden Lichtes macht und uns so hold die Nacht erhellt.

Ich will mir sogar ein Beispiel an ihm nehmen und bei fremdem Glücke borgen,

was man so braucht, um den Schein der Heiterkeit zu haben und zu verbreiten.“

„Welche Resignation!“ rief ich aus.

„Eine sehr bedingte, wohl gemerkt,“ erwiderte sie. „Mit dem Scheine

begnügt ein braves Herz sich erst, wenn das Wesen ihm unerreichbar bleibt ... Ja,

wenn die Wahl frei stände ...“ sie hielt inne. Es war wieder das Aufblitzen in

ihrem Gesichte, das Leuchten der Augen, das übermütig schalkhafte Lächeln. –

Plötzlich warf sie einen Blick voll Entschlossenheit auf eine junge Frau

hinüber, die ich längst im Verdachte hatte, die Vertraute aller ihrer

Mädchengeheimnisse zu sein, und fuhr fort: „Zum Beispiel Sie, meine Damen,

wenn Sie sich statt dieses Anblicks,“ den Arm ausstreckend, deutete sie nach

dem Horizont, „den eines Sonnenaufganges gönnen wollten, was so leicht

geschehen kann, und – ich wette, noch nicht geschehen ist.“

Einige widersprachen, ein kurzer Streit entspann sich. Am Ende beschloß

die ganze Gesellschaft einstimmig, morgen mit dem frühesten auszureiten und

von einem Hügel aus, der zu Pferde in zwanzig Minuten zu erreichen war, das

Erscheinen des Tagesgestirns zu erwarten.

„Seien Sie pünktlich,“ empfahl mir Madeleine, ehe wir uns trennten, und

ich versprach's und hielt Wort. Ich war der erste beim Stelldichein im

weitläufigen, kiesbestreuten Hofe, in dessen Mitte eine Fontäne plätscherte. Ihr

einförmiges Geräusch wurde allmählich eine Art Stimme und gurgelte: „Mach

Dich gefaßt! Mach Dich gefaßt!“ Es kam sogar zu einem Vers:

Als Junggeselle reit ich aus,

 

Als Bräutigam kehr ich nach Haus.

 

Nicht sehr schön, aber was kann man von einer Fontäne verlangen?

Die Pferde wurden vorgeführt, streckten die Hälse, senkten die Köpfe; alle

schienen unzufrieden, gegen jede Gewohnheit so früh aus dem Stall zu müssen.

Und nun erschien Madeleine unter dem Portal. Im dunkeln, enganliegenden

Reitkleid nahm ihr ganzes Wesen sich so gar jung und unfertig aus ... Da hieß es:

nicht vergleichen! nicht denken an Elsbeths wundervolle Frauengestalt.

Madeleine, die Reitpeitsche unter dem Arme, knöpfte mit der bloßen

Rechten den Handschuh der Linken zu. Sie hatte mich gesehen, aber ohne zu

grüßen hastig den Kopf gesenkt, runzelte ein wenig die breiten Brauen (die hat

sie vom Vater), preßte die Lippen aufeinander ...

Ich sage Dir alles, demnach auch die Vermutungen, die mir da in den Sinn

kamen: Ah, Mademoiselle, ich zögere Ihnen wohl zu lange? Sie haben

wahrscheinlich geflunkert mit ihrer Eroberung, und nun fragen die Freundinnen:

Was ist das? will der Besiegte sich noch immer nicht ergeben?... Die

Entscheidung muß endlich herbeigeführt werden. So oder so! In der Kühlwanne

läßt sich unsereines nicht halten ... Wohlan, ich will Ihnen den Sieg nicht schwer

machen, sagte ich zu mir, trat an sie heran, und wir wünschten einander einen

guten Morgen und waren gleich einig, daß wir auf die übrige Gesellschaft nicht

warten wollten.

„Welches Pferd befehlen Mademoiselle?“ fragte der Stallmeister.

„Gleichviel, das erste beste,“ gab sie zur Antwort mit kaum unterdrückter

Ungeduld und saß im nächsten Augenblick schon im Sattel auf einem tüchtigen

Braunen, und auch ich wählte nicht lange – was mich später reute –, sondern

bestieg, weil er am nächsten bei der Hand war, einen hochbeinigen, langohrigen

Gaul, auf dem nicht einmal der Apollo von Belvedere sich gut hätte ausnehmen

können.

Wir ritten im Schritt aus dem Hofe, dann im kurzen Trabe durch den Park

und sprengten draußen in einen munteren Jagdgalopp ein. Madeleine, des Weges

kundig, führte. Es ging immer schneller vorwärts, eine gute Weile über das

Weideland, zwischen flachen grünen Hügeln dem Licht entgegen, das im Osten

emporlohte.

„Wohin denn?“ fragte ich endlich. „Wo ist das Ziel?“

Sie erwiderte: „Längst überholt,“ hielt ihr Pferd an, lauschte und spähte in

die Ferne, und ich rief:

„Bravo! Wissen Sie, wo wir sind? Da steht der Grenzpfahl – auf deutschem Boden – in der Höhle des Löwen.“

„Jawohl, und da schickt er einen Abgesandten.“

Von der flammenden Morgenröte am Himmel hob sich der Schattenriß

eines Reiters, der, wie aus dem Boden gewachsen, vor uns auftauchte. Es war ein

deutscher Offizier, ein schöner Mensch, sehr sonnverbrannt, sehr hübsch

gewachsen, vortrefflich beritten. Er legte die Hand an die Mütze, und ich dumme

gute Haut dankte ihm noch und bemerkte nicht gleich, daß der Held nur Augen

hatte für Madeleine, die er voll Ehrfurcht und frommer Anbetung begrüßte.

O Lieber! und sie senkte den Blick vor dem seinen; und ich habe mich

geirrt – sie kann das doch auch.

„Madeleine,“ sagte er, und seine Stimme war tief und wohlklingend und

hätte mir in jedem andern Augenblick einen angenehmen Eindruck gemacht.

„Arnold,“ sagte sie. Das D tönte so zärtlich nach, so liebevoll: Arnolde. Sie

reichten einander die Hände.

„Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind.“

Ihre ablehnende Gebärde drückte deutlich aus: Dafür keinen Dank! –

„Morgen also?“ fragte sie nach einer langen Pause ernster, schweigender

Seligkeit.

„Morgen. Vergessen Sie mich nicht, Sie wissen, wovon ich lebe.“

„Und ich? – Als neulich Ihr Brief nicht kam am bestimmten Tage und auch

am nächsten nicht – ich wäre fast gestorben.“

„Wie voreilig!“ sprach er und wurde rot vor Bestürzung und Wonne und

drückte ihre Hand fester, „liebe Madeleine ...“

„Mein edler, mein treuer Freund.“

„Treu, ja, aber das ist mein Schicksal, nicht mein Verdienst.“

„Ich lobe Sie auch nicht, ich sage nur, Sie sind es.“

„Wie Sie.“

„Das heißt: bis ans Ende.“

„Bis ans Ende.“

„Gott behüte Sie, Arnold.“

„Sie wollen mich schon verlassen?“

„Ich will nicht – ich muß.“

„Madeleine!“

„Noch einmal, noch tausendmal: Gott behüte Sie! Ich bete zu ihm für Ihr

Glück.“

„– Dann beten Sie für sich.“

Das war, glaube ich, ihr ganzes Gespräch. Möglich, daß ich einiges

überhörte. Mein Untier von einem Rotschimmel hatte einen Anfall von

Heimweh bekommen und kehrte ganz entschlossen um; ich wandte ihn und er wieder sich; wir waren einer hartköpfiger als der andre und führten, indem wir

uns kaffeemühlenartig auf dem Fleck herumdrehten, ein sonderbares

accompagnement auf zu der Liebesszene, die sich zehn Schritte von uns

abspielte.

Nachdem der Offizier (der mich gewiß für irgendeine untergeordnete

Vertrauensperson gehalten hat) sich empfohlen, ritten wir in entgegengesetzter

Richtung dem Aussichtshügel zu und erblickten, an dessen Fuß angelangt, die

vom Schlosse her trabende Kavalkade.

„Fräulein,“ sagte ich mit verachtungswürdiger Plumpheit zu Madeleine,

„wissen Ihre Eltern?...“

„Das versteht sich,“ fiel sie mir ins Wort und hatte ein gar rührendes

Lächeln, „sie wissen es, aber sie glauben es nicht.“

„Was nicht?“

„Daß meine Neigung alles überdauert, ihren Widerstand, die

immerwährende Trennung. Sie meinen, endlich wird diese Liebe doch erlöschen.

Nur Zeit lassen, nur Geduld haben. Ein andrer wird kommen und das Bild des

Abwesenden aus ihrem Herzen verdrängen. Da stellen sie von Zeit zu Zeit

Proben an ...“

„Und Bewerber auf,“ rief ich ungemein beleidigt.

Sie aber erzählte in wenig Worten, das Schloß ihrer Eltern sei im

Kriegsjahre zu einem Spitale gemacht worden. Mit andren Verwundeten wurde

‚Er‘ gebracht, sterbend, der Arzt gab ihn auf. – „Meine Mutter aber,“ sagte

Madeleine, „pflegte ihn gesund. Ich bin ihr kaum mehr Dank schuldig für mein

Leben, als er ihr für das seine. Das verpflichtet, Sie begreifen. Wir werden meine

Eltern nie betrügen ... Er hat mir einmal die Hand geküßt, in Gegenwart meines

Vaters ... Er ist einmal aus seiner Heimat nach Falaise gekommen, zwei Nächte

und einen Tag gereist, um mich zu sehen, an der Seite meiner Mutter, um auf der

Straße an mir vorüberzugehen und stumm zu grüßen. – Ich war krank gewesen,

er hatte durch meine Freundin davon gehört ...“

„Sublim!“ spöttelte ich. „Es muß ihre Eltern rühren, sie werden endlich

nachgeben.“

„Sie werden nie nachgeben und wir auch nicht.“

„In einem solchen Kampfe siegen die Überlebenden. Nach dem

gewöhnlichen Lauf der Dinge also – die Jüngeren.“

Wir waren nicht mehr allein, die Reiter hatten uns eingeholt.

Madeleine sprach mit gesenkter Stimme: „Gott erhalte mir meine Eltern!“

Oben auf dem Hügel war es herrlich. Ein feuriger Glutball, stieg sie empor,

die Lichtspenderin, die Urheberin alles Lebens ... Lieber Freund, die Schilderung

des Sonnenaufganges wirst Du mir wohl erlassen.