Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Marie von Ebner-Eschenbach · Kapitel 4 von 18

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Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Kapitel V

 

Rosenzweig kutschierte nach Hause, im kurzen Trab, im Schritt – wie es

den Falben beliebte. Er hatte keine Eile. Wäre der Weg noch einmal so lang

gewesen, er würde ihm nicht zu lang geworden sein. Dem, der über ein Wunder

nachdenkt, vergeht die Zeit geschwind.

Gelogen, betrogen, einen Schurken bestochen – hatte er das wirklich getan,

er, der redliche Rosenzweig? Um eines Menschen willen getan, den er noch vor

kurzem für einen Feind der Gesellschaft, für seinen eigenen Feind gehalten?

Die widersprechendsten Empfindungen lieferten sich eine Schlacht in

Nathanaels sonst so gleichmütiger Seele. Nur die schlimmste von allen, die

Reue, war nicht unter ihnen.

Am Nachmittag kam Abraham, sein Geld zu holen. Ja, der Spitzbube

nannte es sein, das schöne, zum Ankauf eines neuen Feldes bestimmte Geld.

Finster gab der Doktor es hin.

Dann begab er sich auf das Kreisamt.

Er hatte die Absicht, seinem Chef die Ereignisse in der Schenke genau zu

berichten, fand ihn jedoch so beschäftigt und in so ungewöhnlicher Aufregung,

daß er es vorzog, zu schweigen. Auch in den folgenden Tagen ging es nicht

besser.

Auf dem Amte herrschte in dieser Zeit eine beständige Unruhe, eine

außerordentliche Tätigkeit. Der Kreishauptmann bewahrte mit Mühe den Schein

seines heitern Selbstvertrauens. Die Zuversicht war erzwungen, mit der er

beteuerte, alle Fäden des Netzes in seiner Hand zu halten, an dem Tyssowski in

Krakau, Skarzynski im Bochnier, Julian Goslar im Sandezer, Wolanski im

Jasloer und Mazurkiewicz im Sanoker Kreise knüpften. Die Untreue seines

besten Freundes, der offen zur Revolutionspartei übergetreten war, machte einen

tiefen Eindruck auf ihn. Er und der Doktor tauschten allmählich die Rollen. Der

Ängstliche wurde der Sorglose und der Sorglose der Ängstliche.

Eines Morgens überbrachte Joseph seinem Herrn einen Brief, der durch

einen Boten im Hause abgegeben worden war. Er enthielt zwei

Eintausendguldennoten in ein Blatt gefaltet, auf dem die Worte geschrieben

standen:

Meine Schuld bleibt ewig ungetilgt.

Nathanael barg das Blatt an seiner Brust und legte die Noten vor sich hin

auf den Tisch.

„Joseph,“ rief er.

„Was befiehlst du?“

„Sieh diese zwei Bilder gut an. Weißt du, was sie vorstellen?“

„Viel Geld, mein ich.“

„Geld! Geld! nun ja – aber noch etwas andres.“

„Was denn, Herr?“

„Den Lohn deiner jahrelangen Arbeit ... Nein, nicht ihren Lohn – ihren

redlich verdienten Ertrag.“

Joseph sah den Gebieter fragend an.

„ Dahin sieh, auf die Bilder, nicht auf mich,“ rief dieser. „Sie stellen noch

ein drittes vor.“

„Was denn, Herr?“ wiederholte Joseph.

„Was denn? Soll ich Lubienka rufen? Die wüßte es gleich, daß es nichts

andres sein kann als – dein Heiratsgut.“

Da rief Joseph mit einem Schrei der Wonne:

„Mein Wohltäter, mein Herr, du Gütigster!“ und wollte sich vor ihm

niederwerfen.

„Steh!“ befahl Nathanael, legte beide Hände auf seine Schultern und blickte

ernst in sein Angesicht, das sich zu ihm emporwandte wie zu einem Gott.

„Du hast eine harte Jugend gehabt, mein Joseph.“

„Ich? – Was sagst du, Herr? – Warst du nicht immer wie ein Vater gegen

mich?“

„Nein, nein, mein Junge, wirklich nicht. Aber du bist gegen mich immer

wie ein Sohn gewesen,“ antwortete der Doktor und setzte die für Joseph

unverständlichen Worte hinzu: „Gäb es viele deinesgleichen, dann wäre der

himmlische Sendbote – kein Tor.“

Von nun an hatte Joseph glückliche Tage, und noch viel glücklicher wären

sie gewesen, wenn die große Veränderung, die mit seinem Herrn vorgegangen

war, ihn nicht bekümmert hätte. Sie fiel jedem auf und erregte das Befremden

aller Freunde des Doktors. Er, der emsige Sparer, wurde oft von großmütigen

Regungen ergriffen. Er, für den der Bettler und der Dieb bisher in eine Kategorie

gehört hatten, begann zwischen ihnen einen großen Unterschied zu entdecken.

Er, auf den bisher die Reichen und der Reichtum eine starke Anziehungskraft

ausgeübt, betrat nur noch gerufen die Schlösser, ungerufen aber die Hütten der

Armen. Die Unruhe, die ihn umhergejagt hatte, war verschwunden. Mit stillem,

hartnäckigem Eifer ging er seinem Beruf nach. Als die Revolution ausbrach und

ihre ersten blutigen Opfer forderte, verstand er es, immer da zu sein, wo man

seiner am meisten bedurfte. Nie, auch nicht in den schlimmsten Tagen, verließ

ihn die kaltblütige Zuversicht: von der Revolution ist nichts zu fürchten.

Andrer Ansicht war der Kreishauptmann.

Alle Mutigen wandten sich schon der Überzeugung zu, der Aufstand müsse

in kurzem beendet sein, als er noch davon sprach, die Provinz sei verloren, wenn

nicht in höchster Eile eine Armee einrücke, die tausendköpfige Hyder der

„verwüstenden Insurrektion“ zu bekämpfen. Er meinte, Rosenzweig habe den

Verstand verloren, als er eines Tages erwiderte:

„Die Insurrektion ist keine tausendköpfige Hyder, sondern ein hilfloses

Kind. Mit Blumen in den Händen kommt es heran, mit einem Herzen voll Liebe,

und mit Worten der Erlösung auf den Lippen. So kommt es zu uns. Aber wir sind

Wölfe, Bären, Tiger, aber wir sind reißende Bestien. Wir verstehen die Sprache

dieses Kindes nicht. Es predigt Erbarmen, Gerechtigkeit und Güte, und wir

wollen von alledem nichts wissen, wir wollen mit niemand Erbarmen haben, als

mit uns selbst, wir wollen bleiben, was wir sind, behalten, was wir haben,

womöglich noch andern etwas wegnehmen, um uns zu bereichern. Und so wird

es immer sein, und ein Narr, der daran zweifelt! Und wir, reißende Tiere, wir

werden das Kind zerfleischen und fressen, und uns zufrieden schlafen legen nach

dieser Heldentat.“

„Phantasterei! Das ist ja pure Phantasterei!“ rief der Beamte voll

Bestürzung aus. „Was ist mit Ihnen vorgegangen! Welcher Teufel hat Ihre

gesunden Sinne verwirrt?“

„Wissen Sie,“ nahm er nach kurzem Schweigen wieder das Wort, „daß mir

berichtet wurde, Sie hätten einer Zusammenkunft beigewohnt, in der der

gefährlichste Kommunistenführer eine seiner berüchtigten Ansprachen hielt?

Wissen Sie, daß schlechte Spötter behaupten, seine Beredsamkeit habe Sie zum

Schwärmer gemacht?“

Nathanael ließ sich durch diese Anklage nicht außer Fassung bringen.

„Ein Schwärmer wäre ich,“ entgegnete er, „wenn ich an die Verwirklichung

der Utopien glaubte, für die dieser ‚Kommunistenführer‘, wie Sie ihn nennen,

lebt, und für die er sterben wird. Nun, nicht einmal unter dem Einfluß seiner

Nähe, beim Wohllaut seines Wortes, unter den Blitzen seines Auges ist es mir

auch nur durch den Sinn geflogen: Wer weiß? vielleicht doch!... Vielleicht

vermag ein Beispiel, wie das deine, uns Selbstlosigkeit zu lehren und allgemeine

Erfüllung der einfachsten Pflichten. O nein, nein! dazu kenne ich uns Menschen

zu gut. Aber gedacht habe ich mir: du wirst zu Boden geworfen, zertreten, ein

Narr geheißen und – vergessen werden. Kaum gibt es in zehn Jahren noch einen

unter allen, die du liebtest, der deinen Namen nennt. Trotzdem ist der mächtige

Fürst, den die Neugier oder der Wunsch, sich populär zu machen, in deine

Versammlung trieb, ein Bettler gegen dich. Reich bleibt ewig nur der

Schenkende, und die Größe des Mannes mißt sich nach der seiner Idee und der

Opfer, die er ihr bringt. Die deine hat das Maß überschritten, das sich in unsrer kleinen Welt verwirklichen läßt. Ihre Größe macht sie zum Irrtum, und dich zum

Irrenden. So dachte ich; und ich, der Arzt, der eingefleischte Hasser und

Verfolger alles Krankhaften, Überspannten, Wahnbefangenen, ich tat ein Gebet

für ihn zu meinem Gott:“

„Laß ihn sterben, umringt von allen Gebilden seiner Torheit, laß ihn

ungeheilt sterben, o Herr!“

 

Dieses Gebet schien bald im vollkommensten Maße erhört.

Die Erhebung war am Widerstand der Landbevölkerung gescheitert; das

Korps, das die Insurgenten aufgebracht hatten, war durch dreihundert Mann

kaiserlicher Truppen und eine zehnfache Anzahl Bauern, die sich ihnen

anschlossen, unter Benedeks energischer Führung, bei Gdow geschlagen

worden.

Von der erlittenen Niederlage erhielt die Revolutionsregierung in Krakau

entstellte Kunde.

Die Freiheitshelden waren, so lautete sie, nicht durch reguläre Truppen,

sondern durch fanatisierte Bauernhorden überwältigt worden, die, bis Wieliczka

vorgedrungen, sich jetzt im Anmarsche auf die Stadt befanden.

Ein Schrei der Rache erhob sich und – verstummte vor der Beredsamkeit

eines Mannes, der Schonung des verblendeten und irregeführten Volkes forderte

und verlangte, ihm als Bekehrer entgegengesendet zu werden.

Dieser Mann war Eduard Dembowski, und sein Wille geschah.

Vertrauend auf die Gewalt seines Wortes verließ er Krakau, von Priestern

im reichen Ornate, von Fahnen und Kreuze tragenden Mönchen begleitet. Eine

große Menschenmasse folgte; dreißig Scharfschützen deckten den Zug. Er

überschritt die Weichselbrücke und bewegte sich durch die Vorstadt Podgorze

auf der Straße nach Wieliczka.

Sie lag still und öde; so weit das Auge reichte, keine Spur von

herannahenden Bauernrotten. Von Podgorze aus kam jedoch eine

Schreckenskunde, der Nachhut durch eilende Boten zugetragen; sie durchfiel

den Zug wie ein Blitz:

Österreichische Truppen marschieren gegen Podgorze.

Ein rascher Befehl seines Führers, und der Zug trat den Rückweg an in der

Hoffnung, die Stadt vor den Kaiserlichen erreichen und die Brücke noch

gewinnen zu können.

Auf den Anhöhen rechts von Podgorze angelangt, konnte der Sendbote schon den Sturm auf die Stadt und das siegreiche Vordringen der Truppen

überblicken.

Die Kaserne war genommen, die Kirche besetzt; die polnischen Schützen,

aus den Häusern vertrieben, jagten in ungeordneter Flucht der Brücke zu.

Grimm und Schmerz erfüllten bei diesem Anblick die Seele des Emissärs.

„Vorwärts! Mit Gott vorwärts, wir schlagen uns durch, wir erreichen noch

die Brücke. Mut!“ rief er den zögernden Priestern zu. „Ihr habt nichts zu

fürchten. Die man zum Sturme zwingt, folgen widerwillig. Es sind Galizier, sie

schießen nicht auf ihre Landsleute, schießen nicht auf geweihte Priester!“

Er befahl, ein geistliches Lied anzustimmen, und in majestätischer

Ordnung, langsam und feierlich, kam die Prozession die Anhöhe herab. Der

Emissär schritt voran im Bauernkleide, sein heller Kaftan schimmerte in der

anbrechenden Dämmerung; in der Hand hielt er ein kleines schwarzes Kreuz.

Ungehindert gelangte der Zug durch den noch unbesetzten Stadtteil bis zur

Kirche. Hierher aber war schon eine Kompanie vorgedrungen, die den Weg zur

Brücke versperrte.

Der Emissär machte halt.

„Seht eure Brüder!“ sprach er die Soldaten an und deutete auf die Scharen,

die ihm folgten. „Auch ihr seid Polen. Keinen Kampf, Brüder – gebt Raum!“

Schweigen antwortete ihm. Noch einmal begann er die Soldaten zu

beschwören – da ertönte das Kommando:

„Fällt das Bajonett!“

Mit einem Blick der Verzweiflung sah Dembowski sich um.

Die Geistlichen und Mönche waren zurückgewichen. Seine Getreuen

jedoch und die Schützen drängten sich um ihn.

„Kein Ausweg ... Schießt – und vorwärts!“ rief er plötzlich mit wilder

Entschlossenheit und drang auf die Soldaten ein.

Zwei Dechargen erwiderten den unerwarteten Angriff.

Nach der ersten sah man Dembowski noch aufrecht stehen, das Kreuz hoch

über seinem Haupte schwingend. Nach der zweiten sank er, in den Kopf

getroffen.

Rosenzweig erfuhr den Tod des Sendboten durch den Kreishauptmann, der

seinen Bericht mit den Worten schloß: „So mußte ein Wahnsinniger enden.“

Die Prophezeiung Nathanaels traf ein; der idealste Vertreter der Revolution

erfuhr den einstimmigen Tadel und Hohn aller Parteien; sein Andenken erlosch

auch bald im Volke.

Seine Leiche war unter denen der in Podgorze Gefallenen nicht

aufgefunden worden, und eine Zeit lang erhielt sich das Gerücht, er sei nicht tot,

er lebe versteckt als Bauer und werde beim Ausbruch neuer Freiheitskämpfe auf

ihrem Schauplatz erscheinen.

Als jedoch die Stürme des Jahres 1848 aufstiegen und verbrausten, ohne ihn

aus seiner vermeintlichen Verborgenheit gelockt zu haben, erlosch auch in

denen, die sie am längsten genährt hatten, die Hoffnung auf seine Wiederkehr.

 

Es war zu Ende der fünfziger Jahre, an einem milden Septemberabend, in

einem Dorfe unweit der schlesischen Grenze. Vor der Schenke hielt eine

gedeckte Britschka, der ein paar tüchtige Braune vorgespannt waren. Behaglich,

ohne Eile, wie es guten Fressern geziemt, ließen sie sich den Inhalt einer vor

ihnen aufgestellten Futterkrippe schmecken. Der Kutscher, ein ältlicher Mann, so

wohlgenährt wie seine Pferde, hatte sich auf die Bank vor dem Hause gesetzt,

dampfte aus einer kurzen Pfeife und machte sich ein Vergnügen daraus, die

Fragen der hübschen Wirtsmagd mit einer schelmischen Zurückhaltung zu

beantworten, die darauf abzielte, ihre durch die Ankunft völlig fremder Gäste

ohnehin erregte Neugier noch zu spannen.

„Ihr fahrt wohl recht weit über Land?“ fragte sie.

„Weiter, als du denken kannst,“ erwiderte er.

„Vielleicht gar ins Ungarn hinein?“

„Pah! Das wäre ja nur ein Katzensprung!“

Das Mädchen stemmte den Arm in die Seite und lachte:

„Die möcht ich sehen, die Katz, die so springen könnt!“

„Bei uns zu Haus gibt's ihrer genug. Komm du nur hin, dann wirst sie

sehen.“

„Ei, so was!... Aber wo ist denn Euer zu Haus?“

„Wo?“ Er deutete mit der Hand nach drei verschiedenen Richtungen: „Da –

und da, und dort.“

„Geh weg, du spaßest.“

„Frag meinen Herrn, wenn du mir nicht glaubst.“

„Ja, just,“ spottete sie, „fragen – so einen Herrn!“

„Fürcht'st dich?“ – er zwinkerte sie verschmitzt an. „Hast es schon weg, daß

er ein Hexenmeister ist?“

Sie schlug rasch und verstohlen ein Kreuz:

„So? Das hätt ich ihm nicht angesehen.“

„Ja, ein gar großer Hexenmeister. Macht die Kranken gesund, macht die

Toten lebendig.“

„Die Toten?“ ... Das Mädchen schauerte.

„Die Halbtoten also. Zu so einem sind wir g'rad auf dem Weg.“

„Da kommt ihr ja zu spät, wenn ihr noch lang zu fahren habt.“

„Wir kommen nie zu spät. Der Herr sagt nur: Wart! – und der Tod wartet.“

„So? Hat dein Herr auch eine Frau?“

„Eine Frau hat er nicht, aber mehr als hundert Kinder.“

„Was du sagst?“ und wieder lachte sie hellaut auf.

Der Gegenstand dieses Gespräches war ein Greis von kräftiger Gestalt. Er

trug eine Reisekappe und einen langen, auf der Brust leicht verschnürten Rock.

Den untern Teil des markigen, dunkelfarbigen Gesichtes bedeckte der Bart, der,

weiß und dicht wie die Haare, in zwei mächtige Strähne geteilt, fast bis zum

Gürtel herabwallte. Der Alte, die Hände auf dem Rücken, stand am jenseitigen

Ufer des Teiches, der sich auf eines Steinwurfs Entfernung vom Wirtshaus

befand und ein lang gestrecktes Oval bildete, an dessen einem schmalen Ende

knorrige, ganz schief gewachsene Weiden ihre Zweige zu seinem trüben Spiegel

niedersenkten, während das andre sich sanft gegen die ansteigende Dorfstraße

verflachte.

Der Teich war alles in allem: Badeort für die Jugend, Waschanstalt für die

Hausfrauen, See für das schwimmtüchtige Geflügel, Schwemme für die Pferde.

Am Werktagabend ging es in seiner Umgebung lebendig zu. Große und kleine

Knaben, barfüßig, die Hosen übers Knie gezogen, ritten ihre Pferde ins Wasser,

bewundert und beneidet von den Kindern, die am Ufer standen oder saßen, die meisten als ziemlich lässige Hüter jüngerer Geschwister. Männer und Weiber

kehrten vom Felde heim, und, von weitem schon angekündigt durch die Töne

eines schallenden Gesanges, kam eine Mädchenschar, Rechen und Sicheln

tragend, ins Dorf gezogen.

Unter den am Teiche spielenden Kindern war eines, das die besondere

Aufmerksamkeit des Fremden erregte. Ein Bürschlein von etwa sechs Jahren,

mit sehr lieblichem, aber blassem Gesichtchen. Seine schlichten, blonden Haare,

im Nacken lang, über der Stirn gerade geschnitten, quollen reich unter dem

Mützchen hervor. Er hatte tiefliegende, blaue Augen, eine schmale, leicht

gebogene Nase und einen feinen, ausdrucksvollen Mund. Nach der

Beschaffenheit seines Kaftans und seiner Stiefel zu schließen, gehörte er

wohlhabenden Eltern an.

In der offenen Tür eines der nächstgelegenen Häuser war ein junges,

hübsches Weib mit einem Kinde auf dem Arm erschienen und rief dem Knaben

zu:

„Jasiu, der Vater kommt.“

Da machte das Bübchen einen Luftsprung und lief von seinen

Spielgefährten fort, dem Angekündigten entgegen. Der blieb stehen, beugte sich

und lachte, als sein Junge im vollen Lauf an ihn anprallte. Er rückte ihm die

verschobene Mütze zurecht, nahm seine Hand und schritt mit ihm weiter.

Es war ergötzlich, sie daher kommen zu sehen, den Bauern und das

Bäuerlein, das zweite in Haltung, Gang, Gestalt und Kleidung das verkleinerte

Ebenbild des ersten.

Sie näherten sich, und der Fremde bemerkte auf dem Gesicht des Bauern

die entstellenden Spuren einer schweren Verwundung. Die rechte Wange war

eingefallen und von Narben zerrissen, das rechte Auge geschlossen.

Auch ein Veteran der letzten Kämpfe, dachte der Greis und heftete den

Blick immer aufmerksamer auf den Herankommenden. Ein märchenhaft-

wunderlicher Einfall durchzuckte ihn. Plötzlich machte er ein paar rasche

Schritte, stand dicht vor dem Bauern, starrte ihn an und rief:

„Ist es möglich?“

Überrascht wich jener zurück, aber nur, um schon im nächsten Augenblick

auf ihn zuzustürzen.

„Sie! O Gott, Sie – Doktor Rosenzweig!“ sagte er mit einer Stimme, deren

Wohllaut unvergessen in der Erinnerung des Alten gelebt hatte. Früher als dieser

gewann er seine Fassung wieder: „So habe ich Sie nicht umsonst erwartet, nicht

vergeblich gehofft, daß Sie auf einem Ihrer Samariterzüge den Weg durch unser

Dorf nehmen würden, um –“ fügte er mit Rücksicht auf das Publikum, das sie

umgab, hinzu – „Ihren Diener Hawryl zu besuchen.“

„Hawryl –“ stammelte Rosenzweig, „Hawryl also ... Wie geht's, Hawryl?“

„Überzeugen Sie sich selbst. Erweisen Sie mir die Ehre, in mein Haus

einzutreten, ruhen Sie ein wenig aus unter meinem Dache.“

Schweigend, noch ganz betäubt, folgte der Doktor dieser Einladung und

ließ sich zu dem Hause geleiten, auf dessen Schwelle die junge Frau stehen

geblieben war und sich bemühte, das kräftige Kind in ihren Armen, das dem

Vater jauchzend und mit ausgestreckten Händchen entgegenstrebte, festzuhalten.

„Mein liebes Weib, Herr Doktor,“ sprach Hawryl, und zu ihr gewandt:

„Heiße ihn willkommen, Magdusia, einen werteren Gast kann uns der Himmel

nicht schicken.“

Ihr Gesicht spiegelte die Freude, die sich auf dem ihres Mannes malte, rein

und innig wider: „Seien Sie schön gegrüßt, Herr,“ sagte sie und lachte ihn mit

ihren großen Augen treuherzig an.

Nathanael war wie im Traum. Erst in der Stube, allein mit Hawryl, begann

er sich von seinem Staunen zu erholen:

„Sie leben! – Mensch, Sie leben! Ist das auch wahr, daß Sie leben? Aber

wenn es wahr ist, so stehen Sie doch nicht so gleichgültig da –“

„Gleichgültig?“ rief Hawryl.

„So reichen Sie mir doch die Hand!“

Zum zweitenmal hielt er sie in der seinen – eine andre als damals, eine derb

gewordene Hand, deren Besitzer den Bauern nicht nur spielte.

Sie nahmen Platz am Tische, der mitten in der freundlichen Stube stand,

und lange dauerte es, bevor Hawryl, immer von neuem durch die verwunderten

Ausrufungen des Doktors unterbrochen, die seltsame und doch so einfache

Geschichte seiner Rettung beenden konnte.

Zunächst schrieb er sie der Kleidung zu, die er trug, als er bei der Kirche in

Podgorze verwundet wurde und für tot liegen blieb. Er war, da sich noch Leben

in ihm fand, mit andern Landleuten und Soldaten ins Spital nach Krakau

gebracht worden. Dort hatte er das Bewußtsein wieder erlangt, bald aber auch

die Überzeugung, daß der Arzt, der ihn behandelte, ihn keineswegs für einen

Bauern hielt. Später verrieten ihm einige, wie absichtslos hingeworfene Worte

des Doktors, daß er von ihm erkannt worden war.

An dem Tage, an dem man ihn für geheilt erklärte, kam der Direktor, ein

Pole – man hatte die Spitalsleitung noch nicht gewechselt – in die

Rekonvaleszentenstube.

Der Agitator sah diesen Mann damals zum ersten- und letztenmal in seinem

Leben.

„Du heißest Hawryl Koska,“ sagte er zu ihm, „bist ein aus dem Königreich

zugereister Untertan des Grafen Branski, der dich nach seiner galizischen Herrschaft, auf ein Bauerngut, übersiedelt. So lese ich in deinem Passe. Ist das

richtig?“

Und ohne die Antwort abzuwarten, reichte er ihm einen auf den Namen

Hawryl Koska lautenden, mit einer auf ihn passenden Personalbeschreibung

versehenen Paß, wandte sich an seinen Nachbar und ließ den Umgetauften

stehen.

„In der verworrensten Gemütsstimmung, Freund,“ rief Hawryl, „in der ein

Mensch sich befinden kann. Ich hatte zuversichtlich erwartet, nach meiner

Genesung vor Gericht gebracht und als einer der Unruhstifter erschossen zu

werden, und hatte mich auf den Tod vorbereitet, wie ein gläubiger Christ. Und

nun sollte ich leben. – Mein erstes Gefühl war das der Enttäuschung, mein erster

Gedanke ein Gedanke schon des Hochmuts: Gott spart dich auf. Er will nicht

deinen Tod, er will deinen Dienst. Das Werk, das zu beginnen du ausersehen

warst, du sollst es auch vollenden.

Von diesem stolzen Glauben erfüllt, trat ich ins Volk und wurde sein

Genosse: scheinbar ein Gleicher unter Gleichen, in meinen eigenen, eitlen

Augen – ein verkleideter Prophet. O Freund! ein einziges Jahr dieses Lebens,

und der vermeinte Prophet war ein demütiger Mensch geworden. Das für

erreichbar gehaltene Ziel rückte in unabsehbare Fernen. Zu der Kirche, die ich

mit einer herrlichen Kuppel krönen wollte, war der Grundstein noch nicht gelegt,

ja, der Boden für ihn noch nicht ausgehoben! Nicht die Arbeit des Künstlers war

zu tun, sondern die des bescheidenen Taglöhners.

Das erkannte ich.

Und nun – wäre ich nicht ein elender Wortheld gewesen, wenn ich es

verschmäht hätte, mich an dieser Arbeit, dieser allerwichtigsten, zu beteiligen?...

So griff ich denn zu Schaufel und Spaten, nicht bloß im bildlichen Sinn. Das

Kruzifix, in dessen Zeichen ich dereinst zum Kampfe schritt – da hängt es über

dem Bette meiner Kinder. O sehen Sie die ausgebreiteten Arme der Liebe, die

verwundete Brust, das geneigte, edelste Haupt ... Wer darf sich vermessen, in

dieses Versöhners Namen aufzurufen zu Kampf und Streit?“

Er seufzte, aber sein Angesicht bewahrte den Ausdruck tiefsten, klarsten

Friedens, und mit einem heiteren Lächeln fuhr er fort:

„So finden Sie den gefährlichen Agitator wieder. Ach, wenn ich an meinen

Ausgang denke, an alles, was ich gehofft, was ich mir zugetraut habe – und jetzt!

Vergnügt lege ich mich zur Ruhe und preise den Tag, an dem es mir gelungen ist,

den Jan abzuhalten, sein Weib zu prügeln, den Martin, in die Schenke zu gehen,

oder den Basil dahin zu bringen, seinen alten Pflug in den Winkel zu werfen und

mit dem neuen auf den Acker zu fahren.“

„Ihr Geheimnis aber,“ fragte Nathanael, den Gang des Gespräches unterbrechend, „war das nie in Gefahr, verraten zu werden?“