Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Marie von Ebner-Eschenbach · Kapitel 2 von 18

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Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Kapitel III

Auf dem Gesichte Rosenzweigs malte sich ein so aufrichtiges Erstaunen,

daß der Beamte ausrief:

„Sie sind nicht eingeweiht! – Nun, ich will Ihnen Ihre politische Unschuld

nicht rauben ... Ganz scharmant, diese Konspiranten! besonders die Damen.

Übrigens haben wir uns weniger in acht vor ihnen zu nehmen, als sie sich selbst

vor – andern. Es ballt sich ein Gewitter über ihren Häuptern zusammen, von

dessen Aufsteigen sie keine Ahnung haben. Diese harmlosen Unzufriedenen, die

sich für bedrohlich halten, sind selbst von ganz anders Unzufriedenen, in ganz

anders gefährlicher Weise bedroht.“

Rosenzweig konnte eine Erklärung dieser Worte nicht mehr erbitten. Auf

der Höhe der Treppe erschien soeben die Hausfrau, strahlend vor Freundlichkeit,

und der Kreishauptmann schwebte ihr in zierlichen Schritten eiligst entgegen.

 

III.

 

Rosenzweig ließ seinem Kutscher den Befehl erteilen, anzuspannen und

ihm auf der Straße nachzufahren. Er selbst ging zu Fuße voraus und schlug bald

einen schmalen Weg ein, der, die Felder quer durchschneidend, in der Nähe eines

steinernen Kreuzes in die Landstraße ausmündete. Dort wollte er seinen Wagen

erwarten.

Er sehnte sich danach, tüchtig auszuschreiten, frische, freie Luft zu atmen

und den gesunden Erdgeruch einzuziehen, der aus den aufgerissenen Schollen

emporstieg. Nur Wunder nahm es ihn, daß er die Wonne und Wohltat, der

parfümierten Salonluft und Gesellschaft entronnen zu sein, nicht so recht zu

empfinden vermochte.

Ein tiefinnerliches Unbehagen erfüllte ihn; ein unbestimmtes Etwas ging

ihm nach, von dem er sich keine andre Rechenschaft zu geben wußte, als daß es

sehr quälend sei.

Plötzlich rief er mehrmals hintereinander laut aus: „Narr! Narr!“

Die Apostrophe galt dem, den der Kreishauptmann soeben einen Sendboten

genannt, und die Erinnerung an das unverdiente Lob, das dieser Mensch ihm

gespendet hatte, das war's, was dem Doktor die Laune verdarb. Jedes Wort, das

der „Narr“ gesprochen, jeder Zug seines durchgeistigten Apostelgesichts, der

Ausdruck der schwärmerischen Ehrfurcht, mit dem seine tiefblauen Augen auf

ihm geruht – alles hörte, alles sah er wieder, und eine zornige Beschämung

erfüllte ihn.

Er, der trockene, auf seinen Vorteil bedachte Nathanael Rosenzweig – ein

Menschenfreund und Samariter? – So einsam er da wandelte auf dem Felde, ihm

schoß das Blut in die Wangen, daß sie glühten. Er gedachte all der Hände, die sich im Verlauf seines langen Lebens flehend zu ihm ausgestreckt, und sagte

sich: „Nie hast du geholfen außer im Beruf. Und was wir dem zuliebe tun, tun

wir uns selbst zuliebe.“ Seine Schuldigkeit hatte er in ihrem ganzen Umfang

erfüllt; aber Schuldigkeit – es liegt schon im Worte – ist nur ein Tausch. Mehr als

getauscht hatte er nie. Seine Kraft, sein Talent, die Früchte seines rastlos

vermehrten Wissens gegen den Wohlstand, den er durch sie erwarb, und gegen

die Achtung der Menschen. So hatte er bisher gehalten und – Nathanael warf den

Kopf zurück in seinen breiten Nacken – so wollte er es auch ferner halten. Möge

erst jeder seinem Beispiel folgen! Möge diese, im Grunde niedere Stufe der

Moral erst von der Mehrzahl erreicht sein, dann werden sie zu Worte kommen,

die Idealisten, die Träumer von einem goldenen Zeitalter allgemeiner

Nächstenliebe. Früher – nicht!

Jetzt hatte er sich wieder zurechtgefunden und schritt rüstig und sorglos

weiter in gewohnter Seelenruhe.

Lange vor seinem Wagen, von dem trotz allen Ausblickens keine Spur zu

entdecken war, erreichte er das steinerne Kreuz. An dessen Fuße kauerte eine

klägliche Gestalt. Ein alter Mann, die Knie heraufgezogen bis ans Kinn, eine

hohe Schafspelzmütze auf dem Kopfe, um die Schultern die Reste eines blauen

Fracks, den vermutlich dereinst in Tagen schlummernden Nationalgefühls der

verewigte Gutsherr getragen. Die mageren Beine des Greises wurden von einer

ausgefransten Leinwandhose umschlottert und befanden sich, wie sein ganzer

kleiner Körper, in einer unaufhörlich zitternden Bewegung.

Als der Doktor sich ihm näherte und ihn ansprach, erhob er langsam,

mühsam das juchtenfarbige, faltige Gesicht und blickte aus halberloschenen,

rotumränderten Augen mit dem demütigen Leidensausdrucke eines alten

Jagdhundes zu ihm empor.

„Was tust du hier?“ fragte Rosenzweig.

„Ich warte, mein gnädiger Herr, ich bete und warte,“ antwortete der

Angeredete und streckte seine knöcherne Rechte aus, an deren Fingern ein

vielgebrauchter Rosenkranz hing, „ich warte immer auf einen Brief von unserm

lieben Herrgott.“

„Was soll denn unser lieber Herrgott dir schreiben?“

„Daß ich zu ihm kommen darf, ist ja hohe, hohe Zeit.“

„Wie alt bist du?“

„Siebzig, nicht mehr. Aber wie ich aussehe, und wenn Euer Gnaden

wüßten, wie mir ist. Da –“ er klopfte auf seine eingefallene, pfeifende Brust –

„kein Atem. Jeden Tag meine ich, ich sterbe auf dem Wege, ich erreiche das

Kreuz nicht mehr.“

„Warum bleibst du nicht zu Hause?“

Der Alte öffnete die Arme mit einer unbeschreiblich hilflosen Gebärde:

„Sie jagen mich ja hinaus, die Tochter, der Schwiegersohn, die Kinder. Nun ja –

sie haben selbst keinen Platz in der kleinen Schaluppe.“

„Wem gehört die Schaluppe?“

„Der Tochter. Ja, der Tochter. Ich habe sie ihr zur Aussteuer geschenkt.“

„Ein Schürzenvermögen also!“ spöttelte der Doktor. „Und jetzt jagt sie dich

aus dem Haus, das du ihr geschenkt hast?“

„Mein Gott, was soll sie tun? Der Schwiegersohn prügelt sie ohnehin, weil

ich so lange lebe. Der Schwiegersohn sagt zu den Kindern: ‚Kinder, betet, daß

der Großvater bald stirbt.‘ – Ja!“

„Du hast da einen saubern Schwiegersohn.“

„Mein Gott, Herr, die Leute sind schon so. Solche Herren, wie du, wissen

nicht, wie die Leute sind. Es gibt noch viel, viel ärgere im Dorf. Besonders jetzt

in dieser Zeit.“ Er senkte die keuchende Stimme. „Weh allen Panowies und

Panies, die das nächste Jahr erleben!“

„Warum denn? Was meinst du damit?“

„O, die armen Herrschaften! Die Armen, Armen!“ wimmerte der Greis und

begann bitterlich zu weinen. „Alles wird man ihnen wegnehmen, und erschlagen

wird man sie auch.“

Der Doktor fuhr auf: „Du bist nicht bei Trost!“

Nun begann der andre die Hände zu ringen!

„Auch du antwortest mir so? Das ist ein Unglück! Ach, das ist ein

Unglück!... So hat der Herr Pfarrer mir geantwortet, wie ich in der Beichte

ausgesagt habe, was ich weiß; so hat der Herr Mandatar mir geantwortet, und der

Herr Verwalter hat gar gedroht, mich auf die Bank legen zu lassen, wenn ich

solche Sachen rede ...“ Er richtete seinen unsicher suchenden Blick auf den

Doktor: „Bist auch du mit ihnen einverstanden?“

„Einverstanden – ich? mit wem?... Sag alles!“ befahl Rosenzweig. „Was

wird ums neue Jahr geschehen?“

„Männer von jenseits des Meeres werden kommen und werden alle

adeligen Besitzungen unter die Bauern verteilen.“

– Auch die des Pan Theophil Kamatzki. – Wartet, Kanaillen! dachte der

Doktor und sprach: „Was wird denn die Regierung dazu sagen?“

„Die Regierung? Ach! Jesus! Von der Regierung aus ist im vorigen

Frühjahr schon alles Land vermessen worden, damit die fremden Männer

wissen, wie geteilt werden soll.“

Rosenzweig brach in ein schallendes Gelächter aus:

„O! dieses Volk!... Seit fünfzig Jahren verkehre ich mit diesem Volk, aber

die Wege seiner Dummheit habe ich noch nicht erforscht ... Alter! die Vermessungen hat der Kaiser vornehmen lassen, weil er wissen will, wie groß

sein Galizien ist, und wie viel Steuern es ihm zahlen kann.“

Ungläubig wackelte der Greis mit dem Kopfe:

„Das wissen wir besser, verzeih. Der Kaiser nimmt den Herren, die gegen

ihn sind, das Land und schenkt es den Bauern, die für ihn sind. Dann wird es gut

sein, glauben die meisten ... Ich glaube, daß es schlecht sein wird. Jeden Tag

wird Sonntag sein, und was tun die Bauern am Sonntag, als raufen und sich

betrinken?... O, mein gnädiger Herr, könnt man's doch verhüten.“

„Sei du ganz ruhig, das wird gewiß verhütet werden,“ entgegnete

Rosenzweig und lachte wieder.

Da wurde der Alte plötzlich aufgebracht:

„Wenn du gestern abend im Wirtshaus gewesen wärest und den Kommissär

hättest predigen gehört, du würdest nicht lachen.“

„Den Kommissär? Den Emissär, willst du wohl sagen! Ein Emissär, wie sie

jetzt zu Dutzenden herumziehen.“

„Nein, nein, kein solcher. Einer, der einmal ein Herr war und jetzt sagt, daß

es keine Herren mehr geben soll. Er weiß so gut, was für Zeiten kommen

werden, daß er lieber gleich von selbst ein Bauer geworden ist und hat alles

verschenkt.“

Diese Worte erweckten Nathanaels ganze Aufmerksamkeit und erhoben es

ihm zur Überzeugung, daß der Alte von demselben Manne sprach, den der

Kreishauptmann den Sendboten genannt, und vor dem er selbst eben erst Aug in

Auge gestanden hatte.

Derselbe! er war es – er gewiß, der Rätselhafte, dessen Lebensgeschichte

die Vernünftigen einander mit Hohn und Spott erzählten, die Furchtsamen mit

Haß, die Phantasten mit Begeisterung, es war – Eduard Dembowski.

Oft hatte er sagen gehört, daß von diesem Menschen ein Zauber ausgehe,

dem sich niemand zu entziehen vermöge, und dieser geheimnisvollen

Einwirkung den größten Unglauben entgegengebracht, und nun gestand er sich,

daß er doch etwas ihr Ähnliches erfahre.

Ja! der bleiche Schwärmer schritt wie ein Gespenst neben ihm her. Ja! sein

Bild verfolgte ihn mit unleidlicher Hartnäckigkeit. Vergeblich suchte er seine

Gedanken von ihm abzulenken, immer wieder tauchte es auf und trotzte dem

Willen, es zu verscheuchen.

Das Gefährt des Doktors stand schon seit geraumer Weile auf der Straße.

Eine bequeme Britzschka, bespannt mit einem Paar kugelrunder Falbenstuten, in

zierlichen Krakauergeschirren, mit glockenbehangenen Kummeten. Der

Kutscher war ein schlanker Bursche im saubern, einfach verschnürten Leibrock,

und das Ganze bildete eine hübsche Equipage, um die so mancher Edelmann den Doktor beneidete.

Dieser klopfte den Falben die starken Hälse und legte ihnen die Zöpflein

der schwarzen, eingeflochtenen Mähnen zurecht. Schon war er im Begriff, in

den Wagen zu steigen, da wandte er sich zu dem Alten am Fuße des Kreuzes

zurück:

„Du! wie heißt du?“

„Semen Plachta, Herr.“

„Hör an, Semen! Krieche heim und sage deinem Schwiegersohn, daß

Doktor Rosenzweig morgen kommen wird, dich zu besuchen. Er soll dich zu

Hause lassen. Verstehst du mich? Wenn ich komme und dich nicht zu Hause

finde, werde ich dafür sorgen, daß dein Schwiegersohn noch vor der allgemeinen

Verteilung als erste Abschlagzahlung auf das Künftige eine Tracht Prügel

erhält.“ Rosenzweig hatte seine Brieftasche gezogen und ihr eine

Fünfguldenbanknote entnommen. Sein Gesicht wurde sehr ernst, während er sie

betrachtete. Ein kurzes Zögern noch – dann reichte er sie dem Greise hin.

„Das aber gehört dir. Ich will morgen hören, ob das Geld für dich

verwendet worden ist.“

Semen streckte die Hand nach dem fabelhaften Reichtum aus; – zu

sprechen, zu danken vermochte er nicht. Auch der Kutscher auf dem Bocke blieb

starr, riß die Augen auf, ließ vor Erstaunen beinah die Zügel fallen. Was sollte

das heißen, um Gottes willen? Sein Herr verschenkte fünf Gulden an einen

Straßenbettler?!

„Herr,“ sagte er, als der Doktor in den Wagen stieg, „du hast ihm fünf

Gulden gegeben. Hast du dich nicht geirrt?“

„Schweig und fahr zu!“ befahl Rosenzweig, und die Peitsche knallte, und

die Falben griffen aus.

Bald kam auf der weiten Ebene das Doktorhaus in Sicht. Es stand jetzt nicht

mehr so allein da wie ein Grenzstein; sehr nette Stallungen und Schuppen

erhoben sich hufeisenförmig im Hintergrund, und eine wohlgepflegte

Baumschule füllte den Raum zwischen den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden.

Die letzteren waren wirklich nach einem Plane des Chamers, dem der

Architekt seine Sanktion gegeben hatte, ausgeführt worden und gut ausgefallen,

das mußte man gelten lassen.

Ob Rosenzweig zu seinem Daheim zurückkehrte aus dem Gehöft eines

Schlachziz, aus dem Hause eines Grundherrn oder aus dem Schlosse eines

Magnaten – sein geliebtes Besitztum begrüßte er stets mit der gleichen Freude.

„Den andern das ihre, das meine mir!“ – Aufrichtig gesagt, getauscht hätte er,

wenn auch noch so gewinnreich, mit keinem. Er hatte ja nie ein lebendes Wesen

(seine Großmutter ausgenommen) so geliebt, wie er sein kleines Gut liebte. Und

wie es da so schmuck vor ihm lag, das langsam und mühsam Erworbene, die Verkörperung seiner Kraft und Tüchtigkeit, ein so wahrhaft zu Recht

bestehendes Eigentum, wie es wenige gab, da ballten sich seine Fäuste, und er

vollzog einen imaginären Totschlag an dem imaginären ersten, der es wagen

würde, ihm seinen Besitz anzutasten.

Am Abend noch besuchte er den Kreishauptmann und berichtete ihm Wort

für Wort sein Gespräch mit Semen Plachta.

Der Beamte ließ sich in eine ausführliche Erörterung der kommunistischen

Umtriebe im Lande ein; die eigentlichen Absichten ihres Urhebers jedoch, das

Wesen des seltsamen Mannes überhaupt, wußte er nicht zu erklären, so genaue

Kenntnis er auch von dessen ganzem Lebenslaufe besaß.

Der Sendbote, der das Land rastlos durchpilgerte und in den Palästen und

den Hütten das Evangelium der Gleichberechtigung aller Menschen und der

Gleichteilung allen Grund und Bodens verkündete, gehörte, als Sohn des

Senatorkastellans von Polen und Herrn der Herrschaft Rudy im Warschauer

Gouvernement, dem hohen Adel an. Auch er war wie seine Standesgenossen

aufgewachsen und erzogen worden im Bewußtsein überkommener Rechte,

ererbter Macht und der Pflicht, sie zu wahren und sie auszuüben.

Kaum jedoch in ihren Besitz gelangt, hatte er sich ihrer freiwillig entäußert.

Die Erträgnisse seiner Güter flossen in die Bettelsäcke der Güterlosen oder

wurden zu Revolutionszwecken verwendet. Er aber zog umher und warb Jünger

für seine Lehre und fand ihrer in den Reihen seiner eigenen Standesgenossen.

An die eindrucksfähigen Herzen der Jugend wandte er sich, und je reiner und

unschuldiger diese Herzen waren, desto feuriger erglühten sie in Verehrung für

ihn, und in Sehnsucht, seinem opfermutigen Beispiel zu folgen. Boten des

Sendboten tauchten auf im Königreiche Polen, im westlichen Rußland, in Posen,

in Galizien. Die Worte ihres Abgottes auf den Lippen, riefen sie dem Adel zu: –

Wirf deine Reichtümer und deine zu lang genossenen Vorrechte von dir. Vorrecht

ist Unrecht. Und dem Volke: – Kommt, ihr Armen! Nehmt euern Anteil an dem

Boden, den seit Jahrhunderten euer Schweiß, und wie oft! auch euer Blut

gedüngt hat. – Zu allen aber sprachen sie: Erhebt euch, schüttelt das Joch der

Fremden ab! Wir wollen ein Reich gründen, darin es weder Überfluß noch

Armut, nicht Herrschaft noch Knechtschaft gibt, das Reich – das Christus

gepredigt hat.

Der geistige Leiter dieser Missionen hatte sich inzwischen an dem gegen

Rußland geplanten und fast im Augenblick des Losbruchs gescheiterten

Aufstande des Jahres 1843 beteiligt. Als Flüchtling entkam er nach Posen, wurde

dort binnen kurzem wegen Verbreitung kommunistischer Grundsätze zur

Rechenschaft gezogen, in Haft genommen, endlich verbannt. Er begab sich nach

Brüssel, wo Lelewel die Verirrungen seiner allzuheißen Freiheits- und Vaterlandsliebe in den Qualen bittersten Heimwehs verbüßte. Der Umgang mit

diesem „Großmeister der Revolutionäre“ steigerte die Begeisterung

Dembowskis zum Fanatismus. Was seine Seele fortan erfüllte, war nicht mehr

Mitleid allein mit den Elenden und Armen, es war auch Haß gegen die Starken

und Reichen, hießen sie nun die Beherrscher der Teilungsmächte oder die

Inhaber der polnischen Zentralgewalt in Paris und Usurpatoren des Königreichs,

das sie wiederherstellen wollten.

Der Apostel der Nächstenliebe kehrte als ein politischer Agitator nach der

Heimat zurück. Er, den bisher nur seine eigenen Eingebungen geleitet hatten,

übernahm die Ausführung fremder Pläne und die Aufgabe, Galizien zur

Empörung reif zu machen. In dieser Aufgabe wirkte er nun. Wußten die, die ihn

mit ihr betrauten, was sie taten? Sahen sie ihn und seine Lehre nur als das

Ferment an, das die stumpfsinnige Menge in Gärung bringen, in eine Bewegung

setzen sollte, der die Richtung vorzuschreiben sie sich anmaßten? –

Die Sympathie und Bewunderung, die jeder echte Pole für den empfindet,

der im Kampfe gegen die Fremdherrschaft gelitten hat, bewährte sich von

neuem. Der Adel nahm den Geächteten in Schutz, obwohl er einen Gegner

seiner Interessen in ihm erkannte. Mochte er welcher Partei immer angehören,

die Befreiung Polens war auch sein Ziel, auf dem Wege traf man zusammen und

drückte einander die Hand.

„Und sehen Sie,“ schloß der Kreishauptmann, „so sehr ist der Mensch in

mir im Beamten doch nicht aufgegangen, daß ich diese Polen um solcher Züge

ihres oft unbesonnenen, blinden, stets aber hochherzigen Patriotismus willen

nicht lieben und zugleich – beneiden müßte.“

„Euer Gnaden!“ rief Nathanael mißbilligend aus, und beide Männer

schwiegen. Nach geraumer Zeit erst nahm der Doktor wieder das Wort:

„Ich glaube, Euer Gnaden, es wäre Sache der Regierung, vor allem sich und

den Adel vor dem verderblichen Einfluß des kommunistischen großen Herrn zu

schützen.“ Hier flocht er das ruthenische Sprichwort ein: ‚Ein schlechter Vogel,

der sein eigenes Nest beschmutzt.‘ – „Ich begreife nicht, warum man so lange

untätig zusieht. Warum man ihn nicht hindert gleichsam unter den Augen der

gesetzlichen Macht sein tödliches Gift auszustreuen.“

Unangenehm berührt durch die Entschiedenheit, mit der Rosenzweig

sprach, entgegnete der Kreishauptmann mit kühler Überlegenheit:

„Es geschieht schwerlich ohne Grund. Übrigens – unter uns! – wir haben

Weisung, auf ihn zu fahnden – in unauffälliger Weise.“

„O – dann!“ rief Nathanael übereifrig – „dann beschwöre ich Euer Gnaden,

meine Dienste in Anspruch zu nehmen. Unauffälliger wäre nichts, als einen

Kranken dem Arzte anzuvertrauen. Und daß Ihr ‚Sendbote‘ krank ist – hier,“ er deutete auf die Stirn, „und in das Beobachtungszimmer des Kreisphysikus

gehört, darauf schwöre ich!“

Der Ausdruck im Gesichte des Beamten wurde immer kälter; er richtete

plötzlich eine gleichgültige Frage an den Doktor und entließ ihn, indem er beim

Abschied warnend Talleyrands berühmtes „Surtout pas trop de zèle!“ zitierte.

Die Warnung blieb fruchtlos. Des Doktors ein mal entfesselter Eifer für die

Sache der Ordnung und des Gesetzes war nicht mehr zu bändigen. Er hätte die

Friedlosigkeit, die ihn umherjagte, auch den andern mitteilen mögen, legte einen

Abscheu ohnegleichen gegen die zuwartende Geduld an den Tag, deren man sich

in maßgebenden Kreisen befliß, und nannte sie verbrecherischen Leichtsinn und

unverzeihliche Lauheit.

Sein politisches Glaubensbekenntnis hatte sich bisher in dem Satze

zusammenfassen lassen:

„Unsre Regierung wird die denkbar beste sein, sobald sie sich nur noch

herbeiläßt, den Juden das Recht zu geben, Grund und Boden zu besitzen.“ Jetzt

aber war ihm der Glaube an die Weisheit dieser Regierung erschüttert, und er

begann sich als ihr Belehrer und Ratgeber zu gebärden. Auf dem Kreisamt hatte

man wenig Ruhe vor ihm, er brachte täglich neue, immer bedenklicher lautende

Nachrichten von dem Umsichgreifen der kommunistischen Propaganda, und riet

immer dringender, man möge sich doch entschließen, energische

Sicherheitsmaßregeln zu ergreifen.

Die genaue Bekanntschaft des Schwiegersohnes Semen Plachtas, die er

gemacht hatte, gab ihm viel zu denken. Er hatte sich bisher niemals mit dem

Studium einer Bauernseele beschäftigt. Ein Bauer war in seinen Augen der

uninteressanteste von allen mit einer Menschenhaut überzogenen Bipedes. Jetzt

nahm er einen von der Sorte aufs Korn, beobachtete ihn genau, ging sogar mit

ihm ins Wirtshaus, ließ sich mit ihm in Gespräche ein und wußte am dritten

Tage, was er schon im ersten Augenblick gewußt hatte, daß der Mann faul,

trunksüchtig und einfältig war. Wie einfältig, das kam erst zum Vorschein, wenn

ihm der Branntwein die schwere Zunge löste und es nur weniger Fragen

bedurfte, um sich zu überzeugen, daß ihm sogar die Kardinalerkenntnis der

Unterscheidung zwischen mein und dein fehlte.

Der Doktor fuhr zur Gräfin Aniela und hielt ihr einen Vortrag über den

Zustand der Landbevölkerung. „Ja,“ schloß er, „der Bauer ist dumm, aber

wodurch soll er denn gescheit werden, wenn er es nicht zufällig von Natur ist?

Ja, der Bauer ist faul, aber was würde die Arbeitsamkeit ihm nützen, sie brächte

ihn doch nimmer auf einen grünen Zweig. Seine Arbeitsamkeit käme mehr dem

Herrn zugute als ihm. Ja, der Bauer trägt den heute verdienten Groschen heute

noch in die Schenke, aber diese Verschwendung kommt von seinem Elend. Das Elend ist nicht sparsam, das Elend vermag einen so gesunden und

fruchtbringenden Gedanken, wie den der Sparsamkeit, gar nicht zu fassen.“

Gräfin Aniela streckte das zierliche Hälschen in die Höhe, ihre lieblichen

Lippen verzogen sich spöttisch.

„Verehrter Lebensretter, Sie sprechen ja ganz wie der ‚Sendbote‘,“ sagte

sie, „man glaubt ihn zu hören.“

Der Doktor schwieg; der scherzhaft gemeinte Vorwurf traf ihn tief.

Eine Stunde später stand er in seiner Baumschule vor einem Stämmchen,

nicht viel dicker als ein Finger, und doch trug es schon unter seiner kleinen

Blätterkrone drei herrliche Äpfel, völlig reif beinah, mit gelblich glänzender

Schale. Zu jeder andern Zeit hätte der Doktor an dem Anblick seine Freude

gehabt, heute vermehrte sich durch ihn nur sein Mißmut. Joseph kam aus dem

Hause, sein Arbeitsgerät auf der Schulter, und wollte den Wohltäter noch zu

andern Bäumchen führen, die ein ebenso kräftiges Streben, brave Bäume zu

werden, an den Tag legten, wie das, welches er staunend betrachtete.

Er erhielt keine Antwort. Mit finsterer Strenge funkelten die schwarzen

Augen Rosenzweigs unter ihren buschigen Brauen den Jüngling an, und

plötzlich sprach er:

„Sag einmal, hast du nie etwas von einem Freiheitshelden, so eine Art

Narren gehört, der sich hier in der Gegend aufhält, und, wie man behauptet, den

Bauern in den Wirtshäusern Revolution predigt?“

Joseph sah offenbar betroffen aus und schwieg.

„Gesteh! Gesteh!“ befahl Rosenzweig, und sein drohendes, zornrotes

Gesicht näherte sich dem des Jünglings.

„Ich weiß nicht, Herr,“ stammelte dieser, „ob du den meinst, den sie den

Sendboten nennen.“

„Den eben meine ich!“

„Der predigt aber nicht Revolution, der predigt Fleiß und Nüchternheit.“

„Fleiß im Stehlen, Nüchternheit beim Totschlagen – was?“ höhnte der

Doktor.

Ungewohnterweise ließ sich Joseph nicht aus der Fassung bringen. Noch

mehr! Er erlaubte sich einen Widerspruch:

„Du bist im Irrtum. Ich kenne ihn.“

Rosenzweig prallte mit einem unartikulierten Ausruf zurück, und Joseph

fuhr fort:

„Ich habe lange mit ihm gesprochen.“

„Wo? und wann? und was?“

„Auf dem Felde, in der vorigen Woche; und von dir ist die Rede gewesen.“

„– Von mir?“

Aus dem Munde des Chamers hat er seine Nachrichten über mich? dachte

der Doktor. – Nun, sie sind danach!

„Ich habe ihn nie predigen gehört,“ nahm Joseph wieder das Wort.

„Möchtest aber wohl?“

„O ja! – ich möchte wohl. Kein Pfarrer kann es ihm gleichtun, heißt es. Es

heißt auch, daß er heute nacht zum letztenmal in unsrer Gegend sprechen wird,

in der Schenke des Abraham Dornenkron, eine Meile von hier, auf der Straße

nach Dolego.“

Eine lange Pause entstand, der der Doktor ein Ende machte, indem er

Joseph befahl, an die Arbeit zu gehen; er selbst begab sich zum Kreishauptmann,

meldete, was er soeben in bezug auf den Emissär in Erfahrung gebracht hatte,

und fragte an, ob es nicht geraten wäre, ein Pikett Husaren nach der Schenke zu

schicken und den Aufwiegler gefangen nehmen zu lassen.

„Was nötig ist, wird geschehen, mein lieber Rosenzweig!“ antwortete der

Beamte. „Wir sind von allem, was vorgeht, auf das genaueste unterrichtet und

finden darin keinen Grund zur Sorge. Wovor fürchten denn Sie sich? Sie gehören

zu uns. Ich wollte, ich könnte etwas von Ihrer Vorsicht denen einflößen, die ihrer

bedürftiger wären als Sie und wir.“

Rosenzweig machte noch einige Krankenbesuche und kam erst spät am

Abend heim. Vor dem Gartentor fand er Joseph, der ihn erwartete.

„Was hast du dazustehen? Geh schlafen!“ herrschte er ihm zu.

Auch er hätte gern Ruhe gefunden, aber sie floh ihn in dieser Nacht, wie in

den vorhergehenden Nächten.

Auf einmal fiel es ihm ein, ob es nicht möglich wäre, daß Joseph sich jetzt

aus dem Hause schliche, um nach der Schenke zu rennen und die Abschiedsrede

des Agitators zu hören. Der Weg ist freilich weit, und die Nacht schon

vorgeschritten, aber der Bursch hat junge Beine ... Übrigens – wer weiß? Wenn

er fürchtet, zu spät zu kommen, nimmt er am Ende gar ein Pferd aus dem Stall ...

Nun, der Zweifel wenigstens sollte ihn nicht lange quälen. Rasch nahm er

den Leuchter vom Tisch und eilte über die Treppe, den Gang, nach der von

Joseph bewohnten Stube.

In Jahren hatte er sie nicht betreten; sie war die einzige schlechte im Hause

und ärgerte ihn, so oft er sie sah. Ein länglicher, schmaler Raum, einfenstrig, mit

Ziegeln gepflastert. Wäre Rosenzweig nicht der Wohltäter, sondern der Arzt

Josephs gewesen, er hätte ihm verboten, da zu schlafen auf dem Strohsack, im

Winkel zwischen der Drehbank und der Mauer, die förmlich troff von

Feuchtigkeit.

Er sagte sich das, als er eintretend den Menschen, den er auf dem Wege

nach Dolego vermutete, lang ausgestreckt fand auf seiner mehr als bescheidenen Lagerstätte, tief und selig schlafend.

Als Rosenzweig sich über ihn beugte und ihm ins Gesicht leuchtete,

zuckten seine Augenlider, sein roter, frischer Mund zog sich trotzig zusammen,

aber nur um gleich wieder mit leicht aufeinander ruhenden Lippen ungestört

weiter zu atmen. Hätte er tausend Zungen gehabt, sie würden nicht vermocht

haben, kräftigere Fürsprache für die Lauterkeit seines Herzens einzulegen, als es

der Ausdruck des bewußtlosen, schweigenden Friedens auf seinem Antlitz tat.

Der Doktor stellte den Leuchter auf die Drehbank und begann sich in der

Kammer umzusehen. Was es da gab an begonnenen, an halb und fast beendeten

Arbeiten, das alles war die Frucht des Fleißes emsig schaffender und geschickter

Hände. Und es mußte doch kein so übler Verstand sein, der ihr Tun leitete, denn

nirgend fand sich die Spur verwüsteten Materials oder kindischer Spielerei. Und

worauf sich das ganze Sinnen und Denken dieses Verstandes richtete, das war

das Wohl und Gedeihen des Doktorhauses, ihm kam all sein Streben zugute, das

förderte er nach bester Kraft und Einsicht. Ein Beispiel für hundert fiel dem

Doktor auf und – fast rührte es ihn.

Er hatte unlängst das hölzerne Gartenpförtlein durch ein eisernes ersetzen

lassen und war zufrieden gewesen mit der vom Stadtschlosser gelieferten Arbeit,

aber Joseph meinte: „Sie ist nicht schön genug, ich will eine Verzierung

anbringen.“ Rosenzweig verhöhnte ihn damals, und nun war das Werk schon

unternommen, war schon mit unsäglicher Mühe aus starkem Eisenblech

herausgesägt und gefeilt, und inmitten schmucker Arabesken zeichnete sich, gar

künstlich verschlungen, der Namenszug Rosenzweigs.

Dieser lächelte, kreuzte die Hände und versank in eine, zum erstenmal

wohlwollende und mitleidige Betrachtung des bescheidenen Tausendkünstlers.

Zu Häupten seines Lagers bemerkte er ein Bild des heiligen Joseph, mit vier

Nägeln an der Wand befestigt, und darunter stand in ungefügiger Schrift:

„Von meiner Lubienka.“

– Die deine, du armer Junge, der auf der weiten Erde nichts besitzt? Hab

erst festen Boden unter deinen eigenen Füßen, eh du es wagst, einem

schwächeren Menschenkinde zuzurufen: Tritt zu mir! Du hast dir noch nichts

erworben, noch nichts verdient trotz deiner Arbeitsfreudigkeit und Treue, nichts

– keinen Lohn, keinen Dank, kein Recht. Was du mir leistest und nützest, gilt

nur als Zahlung einer dereinst – unfreiwillig eingegangenen Schuld.

Wann wird diese Schuld endlich getilgt sein, armer Geselle?... Ist sie es

denn im Grunde nicht längst? Besäßest du Klugheit genug, um abzurechnen und

abzuwägen, vor Jahren schon hättest du gesagt: Wir sind quitt! Von nun an

bezahle mich, Herr! Ich will auch für mich erwerben. – Ich sei ein harter Mann,

heißt es, aber ungerecht darf mich niemand schelten. Wenn du gefordert hättest, ich hätte dir gegeben, ich hätte dich gelten lassen, wenn du dich geltend gemacht