Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Marie von Ebner-Eschenbach · Anhang

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Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Der Kreisphysikus.

Inhalt.

 

Seite

1. Der Kreisphysikus 7

2. Der Nebenbuhler 105

3. Der Vorzugsschüler 147

4. Er laßt die Hand küssen 205

5. Fräulein Susannes Weihnachtsabend 235

Der Kreisphysikus.

 

I.

 

Doktor Nathanael Rosenzweig hatte eine entbehrungsreiche Jugend

durchlebt. Was genießen heißt, erfuhr er in der schönsten Zeit des Daseins nicht.

Heute hungern und dabei gerade genug erwerben, um morgen weiter hungern zu

können; nachts um zwei Uhr sich zusammenrollen wie ein Igel und in der Ecke

der Kellerstube den harten, traumlosen Schlaf der Erschöpfung schlafen;

erwachen bei dem Gewimmer der alten Großmutter, die sich entschuldigte, daß

sie noch nicht gestorben sei, daß sie ihm noch zur Last fallen müsse; forteilen,

um lehrend die Möglichkeit zu erringen, selbst zu lernen – so ging es jahraus,

jahrein. Erwerben, der Inbegriff all seines Dichtens und Trachtens, Geld

erwerben, Kenntnisse, Gunst, hauptsächlich die seiner Professoren (Nathanael

studierte Medizin an der Universität in Krakau), erwerben um jeden Preis, den

der Ehrlichkeit einzig ausgenommen, erwerben und nur ja nichts umsonst

hergeben, nicht den kleinsten Teil der eigenen Kraft; keine mitleidige Regung

kennen, keine hemmende Rücksicht.

Seine Großmutter und er, er und seine Großmutter machten für ihn die Welt

aus, und wie wenn seine Welt klein war, so waren seine Ziele nahe. Das erste

und am schwersten Errungene bestand in dem Ersparnisse so vieler Gulden, daß

er und die alte Frau nicht sofort verhungern mußten, wenn ein

unvorhergesehenes Unglück seine Tätigkeit für einige Zeit lähmen sollte. Als er

es erreicht hatte, da fühlte er sich als Kapitalist und tröstete die Großmutter bei

ihrer allmorgendlichen Klage mit den Worten:

„Lebe du nur ruhig fort, jetzt kann uns nicht so leicht mehr etwas

geschehen.“

Sein rastloser Fleiß verminderte sich nach dem ersten Erfolge nicht, er

wuchs vielmehr mit der Kraft dessen, der ihn anwandte.

Nathanael wurde ein starker Mann; seine kreuzspinnenartigen Extremitäten

kräftigten sich zu muskulösen Armen und Beinen, die Brust wurde breit, die Gestalt bekam etwas Reckenhaftes trotz ihrer Magerkeit. Sein Auftreten war so

sicher, sein Blick ruhig und klar, seine Rede so bestimmt, daß schon seine ersten

Patienten – gar kleine Leute – meinten:

„Das ist ein gescheiter Herr Doktor!“

Seine grüne Jugend sah ihm niemand an; er hatte sich zu lange in

Gesellschaft der Sorge befunden, und wenn er sie auch bändigte und unterwarf,

– daß sie heimlich an ihm zu nagen fortfuhr, konnte er nicht verhindern.

Allmählich kam er in Besitz eines Rufes, eines bescheidenen, aber eines

guten, und dem verdankte er es auch, daß er mit dreißig Jahren schon, von Amts

wegen, als Physikus nach einem der westlichen Kreise versetzt wurde. Ein

sicheres Brot von nun an, ein reichliches sogar nach Nathanaels Begriffen. Er

hätte bei der Einrichtung seiner Wohnung auf dem Ring der Kreishauptstadt

nicht so ängstlich zu knickern gebraucht, aber er fürchtete, übermütig zu werden,

wie die meisten Armen, wenn sie plötzlich zu Geld kommen, und gab den

Handwerkern wenig zu verdienen. Immer des Wortes eingedenk: „Die Axt im

Hause erspart den Zimmermann“, schaffte er allerlei Werkzeuge an und ließ

sich's nicht verdrießen, den Tischler und den Schlosser gleichfalls zu ersparen.

Und wenn es auch wirklich ein Graus war, wie die Sachen aussahen, den Doktor

beirrte das nicht; der Schönheitssinn war bei ihm entweder nicht vorhanden oder

nicht ausgebildet.

Als die Großmutter, steinalt und unbeweglich, ihre Stube nicht mehr zu

verlassen vermochte, sich aber doch noch herzlich sehnte nach dem Anblick

einer grünen Staude, einer blühenden Blume, da wurde der Herr Doktor ein

Gärtner, und bald sahen die Fenster seiner Wohnung aus wie die eines

Treibhauses.

Die Greisin litt manchmal an Rückfällen in ihre ehemalige

Schwachherzigkeit, doch äußerte sich diese jetzt in andrer Weise.

„Wenn ich nur nicht zu früh sterbe,“ sagte die Neunzigjährige. „Ein

Begräbnis ist gar zu kostspielig!“

Nathanael tröstete sie liebreich:

„Stirb ja nicht, Großmutter, du würdest mich um den Lohn aller Mühen

betrügen, die ich um deinetwillen gehabt habe.“

Der Besitz Nathanaels mehrte sich im Schranke, die Lust am Besitze stieg

und stieg. Pläne, deren Verwirklichung dem klugen Manne in seiner Jugend als

bare Unmöglichkeit erschienen wären, erwog er nun mit der Zuversicht

bevorstehender Erfüllung. Seine ärztliche Praxis war ausgedehnt und einträglich.

Nach allen Schlössern der Umgebung berief man ihn. Der trockene, wortkarge

Doktor Rosenzweig, der keinen Widerspruch duldete, der nie eine Schmeichelei

über die Lippen brachte, wurde der Vertrauensmann der Edelleute und, was viel merkwürdiger war, das Orakel ihrer liebenswürdigen und feinen Damen und der

Freund ihrer Kinder.

„– Der Kleine ist schwer krank, aber – Rosenzweig behandelt ihn.“ – „Den

ganzen Tag habe ich in Todesangst um mein Töchterlein zugebracht – aber jetzt

ist Rosenzweig gekommen.“

Wenn nur Rosenzweig da war, so war Hilfe da, und blieb sie einmal aus,

dann hatte Gott eben nicht gewollt, daß ein Mensch sie bringe.

Unter keinen Umständen erwies man sich karg gegen ihn, das hätte

niemand gewagt. – Doktor Rosenzweig baut sich ein Haus, ein Haus aus

gebrannten Ziegeln; dazu braucht er Geld. Er hat außerhalb der Stadt einen

Baugrund gepachtet, und unter seiner eigenen Leitung ist auf dem ein

viereckiger, einstöckiger Wohnkasten errichtet worden. Stolz ruht er auf

tüchtigen Kellergewölben, hat eine steinerne Treppe und ein wetterfestes

Ziegeldach. Die Fensterrahmen sind schneeweiß angestrichen, die Mauern

schneeweiß getüncht. Als einzige Zierde der Fassade prangt neben der Glocke an

der Tür das Schildchen der Feuerversicherungsgesellschaft.

Aus den Fenstern der vorderen Front – sie liegt gegen Osten, und ihr erstes

Geschoß wird von dem Doktor und seiner Großmutter bewohnt – hat man eine

weite, weite Aussicht: Himmel und Felder. Frei schweift der Blick ins

Grenzenlose. Kein Hügel hemmt ihn, kein Wald bringt einen dunklen Fleck

hervor auf der glatten, im Sommer goldig, im Winter silbern schimmernden Flur.

Jede Handbreit Erde kann von der lieben Sonne durch und durch getränkt

werden mit lebenweckenden Strahlen. Gibt es einen Schatten, so ist es ein

solcher, der nicht kühlt, nicht ruht, der keinem Hälmchen die Wärme entzieht,

deren es zu seinem wunderbar geheimnisvollen Reifen bedarf – der Schatten der

fliehenden Wolken. Wie oft verfolgt ihn Nathanael aufmerksamen Auges, sieht

ihn hingleiten über den wachsenden, schwellenden Reichtum, den sie zum

Herbste einheimsen und zu Schiff auf der Weichsel nach Deutschland und nach

Rußland bringen und teuer verkaufen werden. Wer sich doch beteiligen könnte

an diesem großartigen Erwerb, ein Hundertstel, ach ein Tausendstel nur von dem

Gewinn, den er abwirft, in die eigne Tasche fließen sähe! Der Doktor fängt an,

auf der unermeßlichen Ebene Luftschlösser zu erbauen, so bunt und märchenhaft

schön, daß er nicht umhin kann, während er sie baut, lächelnd zu denken:

Mahnst du auch mich einmal, nie angetretenes Vätererbe – morgenländische

Phantasie?

Er wendet sich ab von dem Anblick fremden Reichtums und will einen

Strich gezogen haben zwischen diesem und seinem bescheidenen Eigentum. Das

Doktorhaus wird in fünf Klafter breiter Entfernung von jedem Punkte seiner

Mauern mit einem Zaun aus ordentlich zugehobelten Latten umgeben; nach je ihrer zwanzig kommt ein starker, spitz zulaufender Pfahl. Aus dem Raume

zwischen Haus und Zaun wird nach und nach ein kleiner Garten werden; die

Einteilung in Blumen- und Gemüsebeete ist bereits getroffen. Kein Schachbrett

kann genauer quadriert sein.

„Im nächsten Jahre, liebe Großmutter, wirst du Rosen und Reseden unter

deinen Fenstern blühen sehen,“ versprach Nathanael der Greisin, und sie

erwiderte:

„Wenn ich es nur noch erlebe, mein Kind. Aufs Jahr werde ich

fünfundneunzig.“

„Weit über hundert mußt du werden!“ rief er eifrig. „Das bist du mir

schuldig, denke doch! Wie würde es das Vertrauen der Leute zu mir erhöhen,

wenn es hieße: Seine Großmutter hat er auf mehr als hundert Jahre gebracht.

Denn die Leute sind dumm, liebes Godele[1], sie schreiben meiner Kunst zu, was

deine gute Natur getan hat. Bleibe du nur frohen Mutes, nimm dir nur recht fest

vor, noch nicht zu sterben. Solange du es dir fest vornehmen kannst, wirst du

munter weiter leben.“

Die Greisin nahm es sich vor, aber von einer rechten Munterkeit war nicht

mehr die Rede.

„Mir ist jetzt so oft,“ sagte sie, „als ob dein Großvater vor mich träte und zu

mir spräche wie in seiner Todesstunde: ‚Komm bald! Wir wohnen so friedlich

beisammen im Garten Eden, wie wir gehaust haben auf Erden. Komm bald nach,

Rebekka!‘ ... Damals konnte ich nicht folgen dem Rufe meines Geliebten, weil

du mich hast zurückgehalten, du armes Würmchen, du ganz verlassenes. Von

Vater und Mutter zuerst, und vom Großvater bald darauf. Ja, es war eine

schreckliche Seuche, die Gott geschickt hat über sein Volk im Kazimirz, und

nicht gewußt hätte ich, wem sagen: Sei barmherzig meinem Enkelkind, wenn ich

mich nun auch hinlege zu sterben. So habe ich damals nicht erfüllen dürfen den

Wunsch meines Geliebten. Jetzt aber, Nathanael, mein Kind, jetzt aber ist mir,

als sollte ich ihn nicht länger warten lassen.“

Solche Reden schnitten dem Doktor ins Herz. Nie hatte die zurückhaltende,

schweigsame Großmutter ähnliche geführt. Ein bedenkliches Zeichen, wenn alte

Leute etwas tun, das außerhalb ihrer Gewohnheiten liegt! Der kleinen

Veränderung folgt oft nur gar zu bald die unwiderrufliche – die letzte nach. Und

noch ein Symptom, das den Doktor beunruhigte. Die Greisin, die sonst nie

genug Einsamkeit haben konnte, war jetzt nicht mehr gern allein. So oft

Nathanael sich bei ihr verabschiedete, sprach sie:

„Geh denn in Gottes Namen, aber schicke mir den Goj[2], daß er mir

Gesellschaft leiste, und ich doch blicken könne in ein menschliches Angesicht

und nicht immer und immer nur auf die Felder und den Himmel.“

Der „Goj“ war ein Jüngling von nun achtzehn Jahren, des Doktors Famulus,

sein Diener, sein Sklave. Des Tages wußte er sich nicht zu erinnern, an dem der

„Wohltäter“ ihm ein gutes Wort gegönnt oder ein gutes Kleidungsstück

geschenkt hätte. Wenn die Röcke und Stiefel Rosenzweigs unbrauchbar wurden,

erhielt der große Junge sie zur Benutzung und die Vermahnung dazu, ihnen all

die Rücksicht zu erweisen, die man fremdem Eigentum schuldig ist. Der Doktor

ging immer mehr in die Breite, und fast schien es, als ob er kleiner würde. Sein

Famulus „verdünnte“ sich, wie Rosenzweig sagte, von Tag zu Tag und schoß

spargelmäßig in die Höhe. Wie ihm die Gewänder des Wohltäters saßen, das

kam dem selbst entweder erbärmlich oder lächerlich vor – beides mit einem

Zusatze von Verachtung.

Den Jungen konnte er einmal nicht leiden, sein Widerwillen gegen ihn war

unüberwindlich und entsprang aus dem Gedanken, daß der Findling seines Herrn

Brot umsonst oder doch fast umsonst esse.

Vor vier Jahren hatte ihn Rosenzweig von der Straße aufgelesen, in einer

eiskalten, herrlichen Winternacht. Mit dem Stolze eines Triumphators war er im

Schlitten des Grafen W. pfeilgeschwind dahingesaust. Der Graf selbst hatte ihn

bei der Abfahrt sorgsam in die Pelzdecke gehüllt, in der er sich so behaglich

fühlte, und ihm immer wieder gedankt und immer von neuem Worte gesucht für

das Unsagbare – die Glückseligkeit des Liebenden, dem sein Teuerstes, das er

schon verloren gab, wiedergeschenkt ist. Gerettet die junge Gräfin, gerettet vom

beinahe sicheren Tode durch das Genie, durch die erfinderische Sorgfalt des

unvergleichlichen Arztes, der an ihrem Krankenlager gestanden hatte wie ein

Held auf dem Schlachtfelde, fast besiegt noch den Sieg im Auge, kampfbereit

noch im Erliegen, der nicht gewichen war, bevor er sagen konnte:

„Wir haben gewonnen, sie wird leben!“

Er hatte so viele Nächte durchwacht und sich auf den guten Schlaf gefreut

während der Heimfahrt im bequemen Schlitten. Aber seine Müdigkeit mußte zu

groß sein, sie verscheuchte die ersehnte Erquickung, statt sie herbeizurufen. So

oft Nathanael die Augen schloß, unwillkürlich öffneten sie sich wieder und

schwelgten im Anblick des sternenbesäeten, mondhellen Himmels und der

schneebedeckten Ebene, die in wunderbarer Blankheit erglänzte, gleich einer

ungeheuren, neugeprägten Silbermünze ... Wieviel Gold ließe sich erwerben um

solche Münze? Die Keller des viereckigen Doktorhauses hätten nicht Raum, sie

zu fassen, die köstlichen Barren, die verehrungswürdigen! Berger und Träger

allbezwingender Kräfte, gebundene Zauber, aufgespeicherte Macht. Was läßt

sich nicht tauschen um Gold? Unschätzbares erkauft man damit, das weiß der

Mann, der denen, die ihn bezahlen, die Gesundheit wiedergibt.

Der Doktor wurde in seinem Gedankengange plötzlich unterbrochen. Das Gefährt stand dicht am Straßengraben still, und der Kutscher rief:

„Herr Doktor! Herr Doktor!“ ...

„Was gibt es, mein Sohn?“

„Herr Doktor, da liegen zwei Betrunkene.“

„Steig ab und prügele sie ein wenig durch, damit sie nicht erfrieren.“

Indes der Kutscher abstieg und die Zügel am Bocke verknotete, hatte

Nathanael sich aufgerichtet und vorgebeugt und sah einer der auf dem Boden

liegenden Gestalten mit gespannter Aufmerksamkeit in das vom Mondenlicht

hell erleuchtete Gesicht. Kein Säufergesicht, wahrlich! sondern eines, das

Zeugnis gab von ehrlichem Darben und Dulden bis an die Grenze der

menschlichen Kraft.

Der arme Teufel hatte, in dem Augenblick wenigstens, kein Bewußtsein

seines Elends, er schien fest zu schlafen. Als aber der Kutscher ihn packte und

emporzerrte, fiel er sofort, steif wie ein Eisblock, in den Schnee zurück. Jener

sprach:

„Der eine ist schon erfroren, Herr Doktor!“

Rosenzweig sprang mit beiden Füßen aus dem Schlitten und überzeugte

sich bald, daß die Behauptung des Dieners richtig sei. Grimm erfüllte ihn. Da

war ihm einmal wieder der Tod zuvorgekommen, den er am meisten haßte, der

nicht durch Krankheit bedingte, durch das Alter herbeigeführte, der Tod, dem

der Zufall in die Hand gearbeitet hat, der Tod, der seine Beute umsonst gewinnt,

dem sie dumm und töricht zuteil wird, ohne triftigen Grund.

„Sehen mir nach dem andern,“ sagte der Doktor zwischen den Zähnen.

Der andre schlief auch, aber weniger tief.

Es war ein Knabe von etwa vierzehn Jahren, dem Toten offenbar nahe

verwandt, sein viel jüngerer Bruder oder sein Sohn.

Mit dem Feuereifer des Berufs begann der Doktor

Wiederbelebungsversuche anzustellen, und nach langen Mühen krönte sie ein

schwacher Erfolg. Ein kaum spürbares Rieseln war durch des Knaben starre

Pulse geglitten, und wenn es auch sofort wieder staute, dennoch erklärte der

Doktor voll Siegesgewißheit:

„Jetzt hab ich ihn!“

Und er hüllte ihn in seinen Pelz, hob ihn in den Schlitten, brachte ihn heim

und legte ihn in sein eigenes Bett, an dem er das Kind des Elends mit derselben

Hingebung bewachte, die er der Herrin im Grafenschloß gewidmet hatte. Am

Morgen war der Patient außer Lebensgefahr, und Rosenzweig konnte nicht

umhin, zu sich selbst zu sagen: Auch der gerettet, zwischen zweimaligem

Sonnenaufgang zwei!

Schmunzelnd streichelte er seinen langen Mosesbart und freute sich seines mächtigen Vermögens.

Sein Patient aber erhielt noch am selben Tage die Weisung:

„Steh auf und geh.“

„Wohin? Gnädiger Herr Doktor, wohin? Wer nimmt mich ohne meinen

Bruder?“ antwortete der Knabe verzweifelnd, und nun trat die Frage heran: Was

mit ihm beginnen?

Die Papiere, die der Verstorbene bei sich gehabt hatte, wiesen ihn aus als

den Maschinenschlosser Julian Mierski, der viele Jahre hindurch als Werkführer

in einer Fabrik in Lemberg gedient hatte. In seinem Zeugnisse hieß es, der

vorzügliche Arbeiter habe, zum Bedauern seines Dienstherrn, infolge schwerer

Erkrankung entlassen werden müssen. Seitdem konnte er nichts mehr verdienen,

sein Bruder aber, den er nach dem Tode der Eltern – arme Häusler in einem

Dorfe bei Lemberg – zu sich genommen, nur gar wenig. So gingen, erzählte der

Knabe, in Monaten die Ersparnisse von Jahren hin und wurden aufgezehrt bis

auf einige Gulden, deren Anzahl er genau angab, und die sich auch richtig im

Ranzen des Verunglückten vorgefunden hatten.

Die Großmutter hörte dem unter Tränen erstatteten Berichte aufmerksam

zu.

„Horch, Nathanael, mein Kind,“ sagte sie. „Es ist nicht recht gewesen von

dem Goj in Lemberg, zu verlassen den Mann in seiner Krankheit, der ihm in

Gesundheit gedient hat viele Jahre.“

„Eine Fabrik ist keine Versorgungsanstalt,“ erwiderte Rosenzweig und

befahl seinem Geretteten: „Sprich weiter.“

Dieser fuhr fort:

„Vor acht Tagen ist ein Bekannter von meinem Bruder gekommen und hat

erzählt, daß es in Krakau eine Fabrik gibt, wie die unsre, und daß sie uns dort

gewiß nehmen werden. Mein Bruder war sehr froh: ‚Komm, Joseph, wir

wandern‘, hat er gesagt und hat auf der Reise immer gemeint, der lange

Müßiggang ist es gewesen, der ihn nicht hat gesund werden lassen, beim

Marschieren wird ihm besser. Auf einmal hat er aber nicht weiter gekonnt und

hat sich in den Schnee gelegt, um ein wenig zu schlafen.“

„Und du hast das zugegeben?“ schrie der Doktor ihn an. „Weißt du nicht,

was einem geschieht, wenn man sich bei solchem Frost in den Schnee legt?“

Der Knabe senkte seine großen Augen, aus denen unaufhörlich Tränen

flossen, und schwieg.

„Was soll man anfangen mit einem solchen Chamer[3]?“ fragte Rosenzweig

die Großmutter.

Die Greisin entgegnete:

„Laß ihn heute noch ruhen unter deinem Dache. Sei ihm barmherzig. Er ist eine Waise wie du.“

Am nächsten Tage lautete ihr Rat:

„Behalte ihn. Unsre Magd wird ohnehin alt und wackelig und kann eine

Hilfe brauchen. Behalte ihn und richte ihn ab zu deinem Dienst. Wer wird es

verargen einem großen Mann wie dir, wenn er tut sich halten einen Famulus?“

So wurde der Findling ein Genosse des Doktorhauses und zwar, obwohl

Rosenzweig das nicht gelten ließ, ein ungemein nützlicher. In den Augen seines

Herrn blieb Joseph ein „Chamer“, der aus Büchern nichts lernte, nichts zu lernen

vermochte. Mit achtzehn Jahren noch las er nicht ohne Schwierigkeit die

einfachsten Kindergeschichten. Ihn zur Schule zu zwingen, hatte der Doktor

schon nach den ersten Monaten aufgegeben, weil er nur mit Schlägen dahin zu

bringen war, und weil sein Wohltäter nicht immer Muße hatte, ihm die zu

spenden. Seine mechanischen Fertigkeiten hingegen waren groß und groß der

Fleiß, mit dem er sie ausübte. Auch er pfuschte in jedes Handwerk, aber mit

besserem Erfolg als dereinst der Doktor.

In allem, was er unternahm, offenbarte sich ein Schick, eine Leichtigkeit, ja

sogar ein Geschmack, der den Pillenschächtelchen des Doktors ebensosehr

zugute kam, wie den Blumenbeeten im Gärtlein vor dem Hause. Immer nur mit

Verdruß hörte Nathanael ihn loben, „den Tagedieb, der nichts kann und nie etwas

andres können wird als spielen.“

Er hatte einmal wieder diesen Vorwurf ausgesprochen, da entgegnete

Joseph:

„Wenn du dich entschließen könntest, deine Felder in deine eigene

Verwaltung zu nehmen, würde ich dir beweisen, daß ich kein Tagedieb bin.“

Der Doktor fuhr fort:

„Was sprichst du von meinen Feldern? Weißt du nicht, daß ich ein Jude bin

und als solcher Grundeigentum nicht besitzen darf? Weißt du nicht, daß sogar

mein Haus auf fremdem Boden steht?“ –

Joseph wurde rot vor Verlegenheit, sah jedoch dem Doktor vertrauensvoll

und offen ins Gesicht und erwiderte:

„Du hast die Felder auf den Namen des Theophil von Kamatzki gekauft,

aber sie sind doch dein.“

„Sag einmal, mein Junge, woher hast du diese Nachricht?“ fragte

Rosenzweig, und höchst verdächtig war die Gebärde, mit der er dabei sein

spanisches Rohr zu schwenken begann.

Gelassen antwortete Joseph:

„Das ist kein Geheimnis. Alle Leute wissen es und gönnen dir die Felder.“

Während dieses Gespräches standen die beiden mitten auf dem Wege, der

schnurgerade von der Haustür zum Gartenpförtlein führte, zwischen zwei säuberlich mit Reseden eingefaßten Rosenbeeten. An den Stachelbeerhecken, die

Joseph längs des Lattenzaunes gezogen hatte, reiften die ersten Früchte. Was

man überblicken konnte an zart entfalteten Salatstauden, an Rüben mit kühnen

Federbüschen, an gelblich zwischen gekräuselten Blättern hervorleuchtendem

Blumenkohl, an schier kriegerisch behelmtem Zwiebelnachwuchs, an zierlichem

Majoran und – dulce cum utile – als Begrenzung jeglichen Gemüsekarrees an

duftendem Lavendel, dessen kleine Knospen zu schwellen anfingen, das war

alles so kraftstrotzend und kerngesund, daß bei dem Anblick jedem Menschen,

besonders aber einem Arzte, das Herz im Leibe lachen mußte. Mit geheimem

Wohlgefallen betrachtete Rosenzweig die freundlichen Himmelsgaben und

sagte:

„Weil du ein leidlicher Gärtner bist, bildest du dir ein, auch ein Landwirt

sein zu können.“ Damit wollte er abbrechen, besann sich aber und fügte hinzu,

indem er die Spitze seines Stockes mit großer Hartnäckigkeit in die Erde bohrte

und diese Operation scheinbar höchst aufmerksam verfolgte:

„Ich hätte die Felder nicht – eigentlich mit einem gewissen Unrecht – in

meinen Besitz gebracht, wenn ich nicht hoffen dürfte, sie bald zu Recht besitzen

zu dürfen. Du wirst wohl wissen, daß eine Veränderung der Landesgesetze

bevorsteht, und daß an den größeren Freiheiten, die sie dem Volke Galiziens

gewähren werden, auch die Juden teilnehmen sollen.“

Joseph wußte das und hoffte, der Doktor werde die Felder, wenn sie einmal

vor Gott und der Welt sein Eigentum sein würden, nicht mehr in Pacht geben,

sondern selbst bewirtschaften.

„Dann wirst du Ställe und Scheuern bauen müssen,“ schloß der Jüngling.

„Ich habe dem Architekten in der Stadt etwas abgesehen und die Pläne schon

fertig.“

„Bist ein Narr,“ sprach der Doktor, verlangte aber nach einigen Tagen doch

die Pläne zu sehen.

Nun, brauchbar waren sie gewiß nicht, doch als merkwürdig mußte man es

gelten lassen, daß der Findling, dessen Schrift die eines siebenjährigen Kindes

war, doch so nett und ordentlich und vielleicht auch in den Maßen richtig, einen

Plan zu zeichnen vermochte. Das ist eben einer von denen, die tanzen können,

bevor sie das Gehen erlernt haben. Es gibt solche Käuze. Sie setzen uns

allerdings manchmal in Erstaunen; gewöhnlich wird aber nichts aus ihnen.

Nathanael, der einen Gedanken, der sein eigenes Wohl und Weh betraf, nie

lange verfolgte, ohne die Großmutter zu seiner Vertrauten zu machen, fragte bald

darauf bei ihr an, was sie zu einer Selbstverwaltung seiner Gründe sagen würde.

Da zeigte es sich, daß dieser Gegenstand zwischen der Greisin und dem Findling

schon erörtert worden war.

„Du wirst reich werden wie Laban,“ prophezeite die alte Frau. „Über dir ist

des Herrn sichtbarer Segen.“

In diesem Frühjahr hatte es sich erwiesen, in diesem für Tausende unseligen

Frühjahr 1845, als die Weichsel aus ihren Ufern trat und in einen schlammigen

See verwandelte, was üppig und verheißungsvoll grünende Saat gewesen war.

Unaufhaltsam wie ein Gottesgericht waren die Fluten hereingebrochen, hatten

die ernährende Scholle hinweggespült und mit ihr das Hab und Gut und die

Hoffnung derer, die sie bebauten.

Bis dicht an die Grenze der Felder Nathanaels erstreckte sich die

Verheerung – vor ihnen zerrannen die Wellen. Vor ihnen waren die Wasser

hinweggefahren und hatten sich auseinander geteilt, wie einstens die Wasser des

Roten Meeres, als Moses gegen sie den Stab erhob und die Hand reckte auf

Gottes Gebot.

Und als der Herbst kam, herrschte ringsum Hungersnot. Hunderte verließen

mit ihren Weibern und Kindern die Heimat und wanderten als Bettler, als

Tagelöhner, Brot und Arbeit suchend, aus.

Die Großmutter aber fragte täglich:

„Wann beginnt die Ernte? In diesem Jahre hat der Weizen hundertfachen

Wert. Wann kommen die Schnitter?“

Nathanael erwiderte lächelnd:

„Bald, sehr bald. Sie wetzen schon die Sensen!“

Indessen erlebte die Greisin die Zeit der Ernte nicht mehr. Sie fiel selbst als

überreifes Körnlein in den Mutterschoß der Erde zurück, bevor ihr Enkel zu ihr

hatte sprechen können:

„Die Schnitter kommen!“

Unerhört spät und doch zu früh war plötzlich ihr Leben erloschen.

Da lag sie nun in ihrem schmalen Sarge, die alte Rebekka, ein wundersam

ergreifender Anblick. Der Tod hatte ihre gekrümmte Gestalt gestreckt, und

weinend und staunend fragte Joseph:

„So groß war sie?“

Er fragte aber auch:

„So schön war sie?“

Erlöst von allen Gebresten, befreit von der Hilflosigkeit des Alters, wie

majestätisch erschien sie nun, in ihrer unendlichen Ruhe, in ihrem untrübbaren

Frieden! Das Lächeln auf dem Angesicht so vieler, die überwunden haben,

umschwebte diese Lippen nicht. Steinerne Kälte sprach aus den Zügen, die ein

Schimmer der begeisterten Liebe und Bewunderung, welche die Gegenwart des

Enkels stets auf ihnen hervorgezaubert, noch in der Sterbestunde erhellt hatte.

Du bist es nicht mehr! dachte Nathanael, und mit grauser Gewalt ergriff ihn das Bewußtsein des erlittenen Verlustes.