Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Marie von Ebner-Eschenbach · Kapitel 12 von 18

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Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Kapitel VII

Arnold ein braver Mensch ist, aber zugeben, daß ihre Tochter die Frau eines

Deutschen werde – o, da würde sie sich doch ebenso gern auf den Pranger

stellen und öffentlich brandmarken lassen.

Das nenn ich einen gehörigen Rassenhaß!... Etwas Gräßliches wahrhaftig

und Dummes obendrein, wie denn jeder Haß, der sich gegen Menschen wendet,

statt gegen das Unrecht, das sie tun ... Weise ist nur die Liebe – halte mir den

kühnen Übergang zugute, ich bin mir des Mangels an Folgerichtigkeit in

meinem Gedankengange sehr bewußt ... Weise ist Irina, die dafür, daß sie nicht

geliebt wurde, wie sie es erstrebt, Trost findet, indem sie sich lieben läßt. Weise

ist Madeleine, die im Vollgefühl ihrer großartigen Empfindung eine höhere

Befriedigung genießt als mancher, dessen Leben eine Kette erfolggekrönter

Liebesabenteuer war.

Unweise ist Elsbeth, unweise bin ich mit meiner Selbstüberwindung, die so

viel Verlogenheit in sich birgt.

Jede echte Liebe, sogar eine hoffnungslose, ist herrlich, erbärmlich und

töricht, aber der Kleinmut, der verzichtet.

„Wir Frauen haben nur die Liebe,“ sagt Irina. So hat denn Elsbeth – nichts.

Arme Elsbeth!

Lebe wohl und schreibe doch einmal wieder

 

Deinem treuen Edmund.

 

VII.

 

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

Wien, den 12. August 1875.

 

Mein verehrter Freund!

 

Dir schreiben, was ich vorhabe, fällt mir schwer. Es wird Dich empören, es

wird Dir weh tun. Wenn Dich dieser Brief findet, mitten in einer fesselnden

Arbeit, dann lege ihn weg und lies ihn erst am Abend, vor dem Einschlafen. Das

ist der rechte Moment. Da bist Du in der unendlich wohlwollenden und

versöhnlichen Stimmung, die jeden guten Menschen ergreift, wenn er sich,

zufrieden mit seinem Tagewerk, auf das Lager streckt und die angenehme

Müdigkeit seiner Glieder, die köstlichste Abgespanntheit seiner Nerven ihm eine vortreffliche Nacht verheißen ... Dann nimm dieses Blatt zur Hand. So sanft wie

die Traumseligkeit, die Dich umfängt, wird Dein Urteil sein; Du wirst denken:

Sieh doch, seinem Verhängnis entgeht keiner ... Ei, ei! – Nun, Gott mit ihm.

Nach Nowidworo denn ...

Ja, nach Nowidworo, das ist das Ende vom Liede.

Ich will hintreten vor meinen alten Hans und will ihm sagen: Alles war

vergeblich, die Flucht, die Trennung, der lange Kampf. Ich komme wieder als

derselbe, der ich gegangen, nur daß ich erprobt habe, daß meine Liebe

unüberwindlich ist. Habe ich nicht getan, was ich konnte? Habe ich nicht sogar

heiraten wollen? Danke ich's nicht ganz allein der Seelengröße Madeleines, daß

der lügenhafte Bund nicht geschlossen wurde?

Mache mit mir, was Du willst, wirf mich hinaus, schieß mich tot, ich

verlange nur Eins: bevor Du es tust, frage Deine Frau, ob ihr damit ein Gefallen

geschieht ... Man muß doch auch an sie denken. – Haben wir einmal Phantasie,

stellen wir uns vor, daß ich um ein Jahr früher nach Fiume gekommen wäre, sie

kennen gelernt und heimgeführt hätte ... Verzeih, verzeih, lieber Hans! Du bist

ein Engel, und ich bin nur ein gewöhnlicher Sterblicher – aber Elsbeth wäre

vielleicht mit mir glücklicher geworden als mit Dir ... Nicht wegen des

geringeren Unterschieds im Alter, – was sind die Jahre! Im Gemüte wirst Du

immer ein Jüngling bleiben. Wie oft kam ich mir, mit Dir verglichen, wie ein

Greis vor.

Aber Du kennst die Frauen nicht, hast Dich nie mit ihnen befaßt, Du bist

mit der Deinen wie der beste Vater ... Ich, mein teurer, treuer Hans, ich würde

wahrscheinlich trotz aller Anbetung weniger zart mit ihr umgehen als Du, ich

würde sie mit Eifersucht quälen, aber es gäbe nichts, was mich je von dem

Gedanken an sie ablenken könnte. Immer hätte ich in ihrer Gegenwart die

Empfindung eines reicheren, erhöhten Lebens, immer sie in der meinen das

Bewußtsein, eines andern Menschen köstlichstes Gut, sein Um und Auf, sein

Schicksal zu sein.

Ich würde sie nicht tage- und wochenlang allein lassen, und nachmittags,

wenn ich noch so müde aus der Wirtschaft nach Hause gekommen wäre, würde

ich nicht einschlafen ... und wenn ich mit ihr im Walde spazieren ginge, würde

ich noch Sinn für andres haben, als für die Anzahl Raummeter, die der

Holzschlag ergeben wird, und für den wahrscheinlichen Ertrag der Eichelmast.

Hans, mein väterlicher Freund, werfen wir einmal alles über Bord:

Vorurteil, die sogenannten Gesetze der Ehre, und fragen wir uns, ob Du Dich

nicht ebenso zufrieden fühlen würdest wie jetzt, wenn Du ... nun, das ist wirklich

schwer auszusprechen ... wenn – sagen wir, Elsbeth und ich Deine Kinder wären,

Deine dankbaren, in Dir den Schöpfer ihres Glückes verehrenden Kinder ...

Lieber Hans, was ist die Aufgabe des Menschenfreundes? Nach den

schwachen Kräften, die ihm als einzelnen gegeben sind, die Summe des auf

Erden vorhandenen Leids zu vermindern, die des Glückes zu erhöhen. –

Mathematisch, um mit Dir zu sprechen: Ich besitze etwas, das mir Freude macht

= 6; doch kenne ich einen, dem dieses selbe etwas Freude machen würde =

100.000. – Was tue ich, der Menschenfreund? Ich schenke ihm den bewußten

Gegenstand und erhöhe damit die Summe der Weltfreude um 99.994!

Ähnliches, liebster Professor, habe ich einmal getan. Ich hatte ein Bild, das

jeden Kenner entzückte. Einen mir befreundeten Maler machte der Wunsch, es

zu besitzen, halb verrückt. Er sann und träumte nichts andres; er meinte, es sein

nennen zu dürfen, würde ihn beseligen und läutern und jede in seiner

Künstlerseele noch schlummernde Kraft zur höchsten Entfaltung bringen.

Ich erwog das Glück, das ich diesem Menschen bereiten konnte, machte die

bewußte Rechnung und – schenkte ihm das Bild.

O Freund, es handelte sich um eine bemalte Leinwand, die nichts davon

wußte, ob der begeisterungstrunkene Blick eines Künstlers auf ihr ruhte, ob der

meine es streifte mit flüchtigem Wohlgefallen.

Sie aber lebt, und, ich glaube es wenigstens, ist mir gut. Eigentümlich, daß

sich meiner, je näher der Augenblick des Wiedersehens kommt, Zweifel

bemächtigen, vielleicht begründete?

Nein doch, nein! – ich brauche mich nur der Nachmittage unter den Linden

auf der Terrasse zu erinnern ... Ich las vor – „Faust“ von Turgenjew ... Wie sie da

horchte, mit welcher Spannung, wie sie mich ansah ... Am selben Abend

entstand ein Gedicht, das natürlich verbrannt wurde, und das ich vergessen habe,

bis auf die eine Strophe:

 

Zu mir erhebt mit stummem Fragen

Dein dunkles Aug sich unbewußt,

Dieselbe tiefe Sehnsucht tragen

Wir beide in verschwiegner Brust ...

 

So war es. Aber freilich, zu wem hätte sie auch die Augen erheben sollen?

Mein Hans, ihr Hans, ich will sagen: unser Hans schlief oder schlummerte

wenigstens ...

In zwei Tagen werde ich viel mehr wissen als heute. Ich schreibe Dir gleich,

noch unter dem ersten Eindruck. Was steht mir bevor?

 

Dein Edmund.