Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Marie von Ebner-Eschenbach · Kapitel 11 von 18

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Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Kapitel VI

Dein Edmund.

 

VI.

 

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

Les Ormeaux, den 5. Juli 1875.

 

Bester Freund!

 

Glaubst Du, daß es heutzutage einen Romancier gibt, kühn genug, um

seinem Publikum ein Liebespaar wie Madeleine und Arnold vorzuführen? – Er

müßte sich darauf gefaßt machen, ein lächerlicher Idealist genannt zu werden,

der faden Brei rührt für literarische Kinderstuben und Menschen schildert, die es

nie und nirgends gibt.

Und doch wäre der Mann ein so treuer Darsteller der Wirklichkeit, wie nur

irgendein orthodoxer Naturalist. – Allerdings würde diese Wirklichkeit

niemanden mehr interessieren.

Ich bin veraltet, mich interessiert sie. Madeleine und ich haben ein

Freundschaftsbündnis geschlossen.

„Konnte ich Ihnen,“ sagte sie, „einen größeren Beweis von Vertrauen

geben, als den, Sie zum Zeugen meiner Zusammenkunft mit Arnold zu machen?

Auf Gnade und Ungnade habe ich Ihnen mein Geheimnis ausgeliefert.“

Was ich vor drei Tagen miterlebte, war ein Abschied. Das Regiment

Arnolds, das im Elsaß stand, hat Marschbefehl bekommen und kehrt zurück

nach Bayern. Die Trennung der Liebenden wird dadurch räumlich erweitert,

tatsächlich bleibt sie dieselbe. Sie sehen einander nicht, sie stehen nur in freilich

sehr eifrigem, schriftlichem Verkehr. Als Briefbote fungiert die Freundin – wie

mir scheint, nicht ohne Wissen der Eltern. Die denken wohl: Schwärmt Euch

aus, in solcher Art ist's ungefährlich; man wird ihrer müd.

Meine Meinung aber ist, daß diese beiden tun werden, wie sie sagen, und

einander treu bleiben bis ans Ende. Gestern machte ich mich in denkbarst

vorsichtiger Weise zu ihrem Anwalt – bei der Mutter; an den alten Chouan

wollte ich erst später heran. Aber ich traf auf den unbeugsamsten Widerstand; –

so einen sanften, wohlüberlegten, gegen jeden Angriff gefeiten. Welche Kraft

von Fanatismus in dieser schmächtigen, blassen Frau, deren Stimme sich nie

über den Konversationston erhebt, deren Lippen ohne Beben dem Glück der armen Madeleine das Todesurteil sprechen! Sie liebt ihr Kind, sie weiß, daß