Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte
Der Nebenbuhler.
I.
Graf Edmund N. an seine Hochwürden Herrn Professor Erhard.
Paris, den 10. Mai 1875.
Mein verehrter Freund!
Da bin ich, aus Marseille eingetroffen, vor vierzehn Tagen, die mir
vergangen sind wie vierzehn Stunden.
Es ist unmöglich, liebenswürdiger empfangen zu werden, als ich es wurde
von Freunden und Verwandten. Freilich begegnet man auch nicht alle Tage
einem Manne, der direkt von den Antipoden kommt, mit Menschenfressern zu
Mittag gespeist, am Salzsee gewohnt, den schwarzen Turban der Kopten
getragen, den Schrei auf Ceylon gehört und bei indischen Schlangenbändigern in
die Lehre gegangen ist.
Tante Brigitte grüßt Dich. Sie hat sich kürzlich frisch emaillieren und
perückieren lassen, und jetzt machen wir gegenseitig Staat miteinander. Von
einer Veränderung an ihr keine Spur. Sie sagt noch immer bei den unpassenden
Gelegenheiten: Ah, je comprends ça! Sie spricht noch immer mit derselben
Schwärmerei von meiner verstorbenen Mutter: ihrem Kinde mehr als ihrer
Schwester, und bricht plötzlich ab mitten in der tiefsten Rührung, wischt sich die
Augen, winkt mit dem Taschentuche und seufzt: „Va, mon enfant, va te
distraire.“
Lieber Freund, ich bilde mir ein, daß auch sie vor Zeiten nicht verschmäht
hat, kleine Zerstreuungen zu suchen in ihrem Schmerze, erst um die Schwester,
dann um den Gatten. Heil ihr! möge noch so mancher Frühling frisch gemalte
Rosen auf ihren Wangen erblühen sehen. Sie ist die gutmütigste Egoistin, die ich
kenne.
Ganz in Übereinstimmung mit Dir, will sie mich jetzt verheiraten, und gegen die junge Dame, die sie mir ausgesucht hat, ist nichts einzuwenden. Sie
stammt aus gutem Hause, von braven Eltern, ist verteufelt hübsch, hat einen
klaren, schlagfertigen Verstand, eigenes Urteil, den Mut es auszusprechen und –
was unendlich mehr: die Fähigkeit, auch ein gegenteiliges anzuhören und sogar
gelten zu lassen. Dabei gleichmäßig heiter, harmlos, unbefangen. Ich glaube, daß
sie noch nie vor einem Menschen die Augen niedergeschlagen hat; und es wäre
schade wahrlich, denn sie sind prachtvoll; dunkelgrau wie ein Gewitterhimmel,
und wenn es in ihnen aufblitzt bei irgend einem Anlaß, da gibt's einen schönen
Anblick.
Ich hoffe, du bestätigst mir heute oder morgen den Empfang meiner
Sendung aus Marseille. Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen, an Bord des
„Triomphant“, schrieb ich die Schlußworte des letzten Kapitels meines
Reisetagebuchs. Streiche fort, was Dir sentimental vorkommt, ehe Du
abschreiben lässest. Nach zweijährigem Herumbummeln in fremden Weltteilen
hat mich die Heimkehr ins alte Europa seltsam bewegt. Plötzlich ist alles vor mir
gestanden, was zu vergessen ich auf und davon gegangen ...
Aber – sei unbesorgt, es war nur eine flüchtige Erinnerung. In die Tiefen
des Ozeans versenkt, in den Sand der Wüste vergraben, in die Lüfte gestreut
habe ich die Leidenschaft meiner Jugend.
Und jetzt will ich glücklich und tätig sein, ein Landwirt werden, ein
Familienvater, ein Bürgermeister, alles, alles – nur nicht Politiker.
Vorher indessen noch eine Zeitlang: cum dignitate otium. Es ist ein
gewaltiger Strom des Lebens, der hier an einem vorüberbraust, und mit
gekreuzten Armen seinem Treiben zuzusehen, hat einen großen Reiz.
Jedenfalls, Lieber, Verehrter, dürfte der Aufenthalt in Paris mir jetzt
gesünder sein als vor zehn Jahren, da ich, ein laubfroschfarbiger Jüngling, in
dieser Stadt der Arbeit und des Genusses erschien. Damals an Deiner Hand,
mein Mentor, oder vielmehr in Deiner Hand, das reine Postpaket, aufgegeben
von meinem armen, weltentfremdeten Vater in Korin an der Wottawa, abzugeben
in Paris, Rue St. Dominique im Hotel der Tante. Sie hatte mich reklamiert, und
Ihr liefertet mich aus für ein Jahr, in dem es mir oblag, tanzen und fechten zu
lernen und mich in der Aussprache des Französischen zu vervollkommnen.
O, Ihr alten, unschuldigen Kinder!
Wir haben leicht lachen heute, aber einen zwanzig-jährigen, in einem
Privat-Trappisten-Kloster zwischen zwei greisen Gelehrten erzogenen Menschen
nach Paris schicken, zu einer langmütigen Tante, die den Bengel vergöttert – das
war ein Wagnis, das ich nicht unternehmen werde mit meinen Söhnen.
Ei, wenn er nur welche hätte! denkst Du im stillen. Nun, Freund, vielleicht
ist heute übers Jahr schon einer auf dem Wege. Sobald er sein erstes Lustrum erreicht haben wird, kommt er zu Dir in die Lehre. Du lässest einen kleinen