Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Marie von Ebner-Eschenbach · Kapitel 17 von 18

PDF-Seiten

Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Fräulein Susannens Weihnachtsabend.

 

Fräulein Susette, oder wie sie sich lieber nennt, Susanne, spazierte am

Weihnachtsabend munter in ihrem Zimmer hin und her. Sie hatte viele Leute

beschenkt, versetzte sich nun im Geiste zu dem und jenem der angenehm

Überraschten und befand sich da sehr behaglich. Ihre zu kleinen, aber flinken

und geschickten Hände schlugen gleichsam den Takt zu der Freudenmusik in

ihrem Innern, indem sie die beinernen Nadeln der Strickerei rasch und lieblich

klappern ließen.

Andern Vergnügen machen ist ein Vergnügen für jeden natürlich gearteten

Menschen, dachte sie, für mich aber, die so spät dazu kam, ein berauschendes

Glück. – Wenn einem die Eltern mißraten sind, wenn man ein langes Dasein der

freudlosen Pflichterfüllung, der Unterwürfigkeit und Entbehrung hinter sich hat,

und erwacht eines Morgens selbständig, frei, wohlhabend, gar nicht mehr jung,

aber mit einem ungehobenen Schatz an Heiterkeit im Herzen, das ist zum

Übermütigwerden, und Susanne wurde übermütig und machte ausschweifenden

Gebrauch von ihrer Unabhängigkeit und von ihrem Reichtum.

Sie hatte viele Jahre mit ihrer begüterten, aber vom Geizteufel besessenen

Großmutter in einer armen Leuten abgemieteten Dachkammer gelebt. Wie

gelebt! Als geduldige und mißhandelte Magd. Dennoch vergoß sie am

Sterbebette ihrer Tyrannin ehrliche Tränen.

Nach dem Tode der alten Frau befand sich Susanne, deren einziges

Enkelkind, an der Spitze eines nach ihren Begriffen großen Vermögens. Die

Erbin bezog nun eine hübsche, aus drei Zimmern und einer Küche bestehende

Wohnung im vierten Stock eines stattlichen Hauses in der Göttweihergasse. Sie

nahm ein Dienstmädchen auf, ging oft spazieren und stieg, wenn sie müde

wurde, in einen Stellwagen, ohne weiteres – wie eine Prinzessin.

Der Luxus jedoch, den sie am maßlosesten betrieb, war der

Verschenkluxus; ihm ergab sie sich immer, besonders aber um die gesegnete

Weihnachtszeit, und ein solcher Christabend, an dem Susanne auf und ab

pendelte in ihrer guten Stube – sorgfältig vermeidend, den Rand des kleinen,

unter dem Tische liegenden Teppichs zu betreten, um ihn nicht abzunützen – und an alle die Menschen dachte, denen sie eine Freude bereitet hatte – ein solcher

Christabend ... Niemand vermag seine stillen Entzückungen zu schildern. Das

Fräulein wußte nur eins: sich die Hochgefühle, von denen sie jetzt beseelt wird,

in Permanenz versetzt denken, und sie hat eine Vorstellung dessen, was

himmlische Seligkeit ist.

Auf einmal blieb Susanne stehen und horchte. Durch die Wand, aus der

Wohnung nebenan, war das Gekreische jubelnder Stimmen zu ihr gedrungen.

Haha, die Kunzelkinder! Nur zu! Dieser Jubel macht dem Fräulein kein geringes

Vergnügen, denn sie ist dessen Urheberin. Sie hat den Christbaum gekauft und

geschmückt, der jetzt so begeistert akklamiert wird. Ohne sie hätten die

Nachbarn einen traurigen Weihnachtsabend gehabt. Sie war kürzlich dem

Haupte der Familie, dem Herrn Kürschnermeister Kunzel, und seinem ältesten

Sprößling, dem siebenjährigen Toni, auf der Treppe begegnet und hatte zu dem

Kinde gesagt: „Nun, Toni, freust du dich auf den Christbaum?“ worauf der Junge

seine kleinen, tiefliegenden Augen gesenkt, die Unterlippe vorgeschoben und

etwas Unverständliches gemurmelt, der Kürschnermeister jedoch mit einer weit

ausholenden Schwenkung des Hutes und ehrfürchtiger Verbeugung geantwortet

hatte: „Ach nein, gnädigstes Fräulein, heuer hält sich das Christkinderl bei uns

nicht auf ... Es wird ... es hat ...“ Er stockte, fuhr langsam mit seiner breiten

Hand über den Kopf und das Gesicht und setzte verlegen hinzu: „Es muß sparen

... auf eine neue Wiege – mit Zubehör ... die alte tut's durchaus nicht mehr ...“

„Mein Gott, das sechste, und ich habe schon das vierte und das fünfte aus

der Taufe gehoben!“ sagte Susanne zu sich selbst, und zu Herrn Kunzel sagte sie

nichts, sondern ging stumm und unaufhaltsam ihrer Wege, was sie später sehr

bereute. Wenn man auch keineswegs gesonnen ist, bei Nummer sechs

Taufpatenstelle zu vertreten, läuft man doch nicht mit unanständiger Eile davon,

weil einem dessen bevorstehende Ankunft angezeigt wird.

Das Schlimme, ja das Abscheuliche dabei ist, daß Susanne um die Gunst,

welche sie eben in Gedanken verweigerte – nie gebeten worden ist, dieselbe

vielmehr selbst angeboten und sogar nach der Geburt von Nummer fünf

aufgedrungen, als sie gehört hatte: die Kürschnersleute finden keine Taufpatin

für ihre Jüngste.

Wie überrascht waren jene gewesen, da Susanne im Augenblick der größten

Verlegenheit als rettender Engel erschien, aber auch wie ehrlich beschämt! Der

Mann ganz rot, und die Frau ganz blaß, hatten zuerst an das großmütige

Anerbieten kaum glauben können. Sie hatten einander bestürzt angesehen und

gemurmelt: „Nein, Mutter ... das wäre zu viel.“ – „Nein, Vater, das gibt's nicht

...“

Und einmal wieder hatte Susanne was „zu viel“ ist und „was es nicht gibt“ getan und einmal wieder in den auserlesensten Hochgefühlen geschwelgt und

sich in eine neue Gelegenheit zu fortwährenden Opfern hineingestürzt mit

Mutius Scävolaischer Begeisterung.

Das der wirkliche Sachverhalt, bei dem sich die Noblesse des braven

Ehepaares so deutlich geoffenbart, und aus dem Susanne so wenig gelernt hatte,

daß sie entfloh wie vor einer Gefahr, vor der Aussicht auf ein neues Kunzelchen.

Welche Abgründe im Menschenherzen, sogar in einem ganz passablen!

klagte sie. Stille, schwarze Wässerchen, verborgene Miserabilitätsadern in einem

scheinbar leidlich gesunden Organismus.

Susanne hatte viel gelitten durch die Erinnerung an ihr schnödes Benehmen

gegen Herrn Kunzel, und das Gejauchze seiner Kinder, das sie jetzt vernahm,

wirkte unsagbar heilend auf ihre Seelenwunde. Gar lebhaft und innig regte sich

in dem Fräulein der Wunsch, ein bißchen hinüberzugehen zu den guten

Leutchen, um persönlich an ihrer Freude teilzunehmen.

Aber der Respekt der Einsamen vor der Familie, die man an einem Tage,

wie der heutige, in ihrem friedlichen Beisammensein nicht stören darf, hielt sie

davon ab, und so fuhr sie fort, ihre Besuche vergnügt in Gedanken abzustatten.

Sie flog in die Brigittenau zu ihrer Wäscherin und von da zu dem

Buchbinder Hasse in Lerchenfeld, und von Lerchenfeld in die Kumpfgasse zur

alten Blumenresel, zu lauter wackeren, schwer ringenden Menschen, die heute

aufatmen – Susanne hat sie von ihren drückenden Sorgen befreit. Von der

Kumpfgasse begibt sich das Fräulein nach der Freiung, sie tut es ein wenig

zögernd.

Ach – es kann nicht anders sein!... Wenn sie von Leuten kommt, die sich

eine Ehre aus ihr machen – jetzt naht sie einer Wohnung, die auch nur im Geiste

zu betreten eitel Ehre für sie ist, denn in dieser Wohnung residiert ihr Vetter

Joseph, der kaiserlich königliche Hofrat. Ein Pracht- und Mustermensch, der

Vetter Hofrat, angebetet von seinen Untergebenen, hochgeschätzt von seinen

Vorgesetzten, ein Beamter mit großer Zukunft. Und was für ein Ehemann! Die

Ritterlichkeit, die Liebe selbst. – Verehrter Joseph!... Ja, was für ein Ehemann!

Was für ein Vater, und – Susanne darf sagen – was für ein Vetter!

Musterhaft schon von jeher, hatte Joseph aus reinem Pflichtgefühl die

Großtante manchmal in ihrer Dachkammer besucht und auf Susanne einen

Eindruck gemacht, dessen Tiefe sie erst ermaß, als sie hörte: der Vetter heiratet

ein schönes, sehr reiches Fräulein.

Sie erschrak tödlich über diese Nachricht und dann über ihr Erschrecken.

Hatte sie denn auf ihn gehofft, den Hohen, Einzigen? – Niemals! Mit

Seelenstärke überwand sie ihren unberechtigten Schmerz; sie begeisterte sich

sogar für die Frau ihres Vetters und fuhr fort, ihn zu bewundern. Seine glänzende Heirat machte ihn nicht hochmütig, er blieb immer gleich huldvoll gegen die

arme Susanne.

In ihren schwersten Tagen – nie wird sie es ihm vergessen –, wenn sie ihn

auf der Straße traf und wegen ihres in der Auflösung begriffenen Fähnchens und

ihres ärmlichen alten Umhängetuches vor Beschämung am liebsten zu einem

Schatten auf dem Trottoir zerflossen wäre – hatte er sie nie verleugnet. Im

Gegenteil, sie immer herablassend gegrüßt mit zwei Fingern der schwedisch

behandschuhten Rechten, die er eigens zu diesem Behufe, sogar im Winter, aus

der Tasche des kostbaren, ehrfurchtgebietenden Paletots gezogen; manchmal

auch: „Gu'n Morgen, Sette,“ dazu gesagt ...

„Gu'n Morgen, Sette!“ ... Wie lange, wie süß hatte es immer in ihr

nachgehallt und sie mit einem Klange umschmeichelt, für den sie nur eine

richtige Bezeichnung fand – einem balsamischen Klange.

Jetzt, zu Geld und Gut gekommen, zeigte Susanne sich dankbar, indem sie

jede Gelegenheit ergriff, ihrem Vetter oder einem der Seinen eine

Aufmerksamkeit zu erweisen, und mit den Christgeschenken trieb sie es

großmütiger von Jahr zu Jahr. Ihr Budget wurde dadurch sehr beschwert – aber

ihre Seele bekam Flügel.

Und nicht genug ...

Mit den Wonnen des heutigen Tages fand das Glück sich noch nicht ab. Es

brachte Fortsetzung – einen unaussprechlich lieben Besuch. Morgen, Susanne

darf darauf rechnen, nach der heiligen Messe, wird der Vetter weihrauchduftend

erscheinen, in Begleitung seiner imponierend schönen Frau, seines lieben

fünfzehnjährigen Sohnes und seiner kleinen Tochter. Sein mächtiges, glatt

rasiertes Gesicht wird von dem Lichte würdevollen Wohlwollens erhellt sein,

und er wird sagen: „Wirklich, Sette, zu viel, wir bitten ...“

Die schöne Base jedoch wird ihm ins Wort fallen – spöttisch lachend, wie

sie pflegt, wahrscheinlich weil es ihr so reizend steht: „Nein, wie die gute

Susette nur jedesmal errät, was wir uns am meisten wünschen! Wie sie das nur

anfängt, die gute Susette!“

Eine große Verwirrung wird sich des Fräuleins bemächtigen. Sollte die

Kammerjungfer das geheime Einverständnis, in dem sie sich befinden, verraten

haben? – Aber nein, das wäre zu schlecht, solche Schlechtigkeit kann nicht

vorkommen in der Nähe dieser Menschen. Damit wird sie sich trösten; es

werden noch einige Reden gewechselt werden, und dann wird Joseph aufstehen

und sprechen: „Wir sind auch gekommen, um dir glückliche Feiertage und ein

glückliches neues Jahr zu wünschen, Sette. Kinder, gratuliert der Tante!“

Die wohlerzogenen artigen Kinder werden sogleich die Absicht an den Tag

legen, dem Fräulein die Hände zu küssen, was sie natürlich nicht zugeben wird. Und die schöne Cousine wird – abermals mit ihrem reizend spöttischen Lächeln,

ihre Wange derjenigen Susannes bis auf einen Zentimeter nähern und dabei die

Luft küssen ... Und dann werden sie gehen, und Susanne wird sie bis an die

Haustür begleiten, ins Zimmer zurückeilen, die Arme ausbreiten und rufen:

„Sie waren da! Sie waren da!“ und Rosi, die verdienstvolle Magd, wird ihre

Zustimmung kundgeben. „No jo. Dos sind holt Herrschoften. Do hoben's Fräul'n

auch amol an B'such von Herrschoften kriegt und nit immer nur von so Leut, die

wos wolln. No joh!“

Ach, der Vorgenuß und der Nachgenuß, das sind die rechten. Der

Augenblick selbst hat etwas Überwältigendes ... Schon das gewisse Würgen im

Halse, das sich einstellt, wenn um Zwölf die Glocke ertönt ...

Hilf Gott! just als sie es denkt, da läutet's. Was bedeutet das? Wem kann es

nur einfallen, daher zu kommen am Weihnachtsabend? Rosi erwartet allerdings

ihre Schwestern, aber die klingeln nicht, die klopfen.

Etwas Unheimliches ist's zum Glücke nicht, das Fräulein hört ihre Dienerin

auf dem Gange sehr heiter sprechen, und nun tritt die schmunzelnd ein und sagt:

„Eine Visit soll ich anmelden. Noh, Tonerl, is g'fällig?“

Es ist gefällig; der Angerufene, Toni Kunzel, erscheint. Mit ernster,

geschäftsmäßiger Miene, den großen, lichtblonden Kopf vorgebeugt, geht er

gradaus auf den Tisch zu und legt drei Pakete von verschiedener Größe darauf.

Zu grüßen hat er vergessen vor lauter Wichtigkeit. Er wickelt das Mitgebrachte

schweigend aus den vielen, nicht eben blanken Papieren, in die es eingehüllt ist,

knüllt jedes extra zusammen und steckt es in die rückwärtige Tasche seines

grünen Jäckchens, das zuletzt wegragt wie ein Pfauenschwanz.

Nach und nach sind zum Vorschein gekommen: eine vergoldete Nuß, ein

roter Apfel und ein lebzeltener Husar, mit einem von kleinen Zähnen etwas

angenagten Federbusch. Toni legt alles schön nebeneinander, ändert die

Reihenfolge einige Male, bis sie ihm recht ist und der Husar zuerst und die Nuß

zuletzt kommt. Dann fährt er mit dem Rücken der Hand an dieser Darbringung,

sie gleichsam unterstreichend, vorbei und sagt:

„So, Fräul'n. Nimm Sie sich das. Weil heut Christabend is. Daß Sie auch

was hat;“ und sieht sie dabei so kapabel und überlegen an, aus unsagbar

ehrlichen und unschuldigen Augen, und wartet siegessicher auf die Äußerung

des Beifalls, den seine Großmut erwecken muß.

„O du Toni!“ will Susanne ausrufen, aber mitten im Satze kippt ihre

Stimme um; es schießt ihr heiß in die Augen, und ihr Näschen rötet sich. Sie

nimmt den edlen Spender beim Kopf und drückt einen Kuß auf seinen Scheitel,

und Toni, offenbar ungemein geschmeichelt und gerührt, packt ihre kleine

Rechte und küßt sie auf das allerinnigste. Dann läßt er noch eine Anpreisung und Gebrauchsanweisung seiner Gaben folgen: „'s is alles gut. Alles vom

Christkinderl. Sie kann alles essen, auch die Nuß. Aber schad wär's halt.“

Damit empfiehlt er sich.

Das Fräulein ist wieder allein. Süße, schöner denn je belebte Einsamkeit!...

„O du Toni!“ und! „Nein, das Kind!“ sagt sie unzählige Male. Da hat sie nun die

erste Christbescherung erhalten in ihrem ganzen Leben, und das macht ihr einen

Eindruck ... sie wird ganz töricht, als sie sich Rechenschaft von ihm geben will

... Es ist ein himmelblauer Eindruck, meint sie, und lacht und strickt dazu.

Himmelblau mit goldenen Sternchen, und stellenweise, wo er durchsichtig wird,

guckt ein wehmütig grauer Hintergrund heraus. Musik ist auch dabei, die

Sternchen klingen. Ein wenig verrückt diese Idee ... sei's darum! Nach einem

außerordentlichen Ereignis hat man eben andre als Werkeltagsgedanken, und –

was fährt Susannen nicht alles durch den Kopf! Viel angenehmer Unsinn, an den

sie beileibe nicht glaubt, den sie sich aber doch vorspiegeln läßt von Dame

Phantasie, weil die heute so gut bei Laune ist.

– Wenn ein Kind das Herzensbedürfnis empfand, dich zu beschenken,

spricht die alte, ewig junge Faslerin, warum sollten nicht auch Erwachsene es

empfinden? Warte nur, was heute noch alles kommt!

Susanne depreziert: Wer sollte mir etwas schenken? Der es tun könnte, der

Vetter, ein Familienvater, hat andre Sorgen – und meine übrigen Bekannten sind

arme Leute. –

Das macht nichts, auch die können geben. Die Blumenresel zum Beispiel,

die gerade jetzt, dank deiner Verwendung, dreißig Jubiläumssträuße in der

Singerstraße abzuliefern hat, könnte wohl im Vorübergehen eine schöne, frische

Rose für dich abgeben. Sie brauchte sich deiner nur zu erinnern, wie der kleine

Toni sich deiner erinnert hat ... Und der Buchbinder Hasse in Lerchenfeld, für

den du den Mietzins erlegtest, und der aus Abschnitzeln so allerliebste

Notizbüchelchen macht. Ein Dutzend davon hast du ihm abgenommen und

verschenkt bis auf eines, das du kindische alte Person gar zu gern selbst behalten

hättest, das rehbraune mit dem vierblättrigen Klee – du überwandest diese

Regung des Geizes, denn Rosi lechzte ja förmlich nach dem Büchlein, im

Interesse ihres Liebhabers, ohne Zweifel. Wenn nun dem guten Hasse einfiele,

was dem Kunzeltoni eingefallen ist, daß auch du am Christabend etwas haben

sollst, wenn der Meister ein solches Büchlein brächte, oder schickte, durch die

Post ... Es wäre noch Zeit, eben schlägt's Sieben, da kommt der Briefträger ins

Haus ...

Kling! kling! o Tag der Wunder! wird die Schwätzerin recht behalten? – Es

hat wieder geläutet: Rosi geht die Haustür öffnen und schreit so laut auf, daß

man's deutlich bis ins Zimmer hört: „Jo wos denn? Na, so wos ...“ Und schon wirbelt sie herein, und ihr auf dem Fuße folgt ein Kommissionär, dessen Gesicht

feuerfarbig und dessen Gang schwankend ist, und trägt ein mit winzigen Kerzen

bestecktes, mit dem feinsten Konfekt behangenes Christbäumchen.

Susanne starrt und starrt und bringt keine Silbe über die Lippen.

Um so beredter ist Rosi, die spricht ohne Aufhören: „Von der Freiung

Nummer sechzehn is er geschickt, sogt er. No joh, vom Herrn Vetter, no i sog's

holt – die Herrschoften ... 's is lang nix kommen, ober wenn emol was kommt,

kommt was Rechts. Do stellen's es her auf'n Tisch, 's Christbäumerl.“

Merkwürdigerweise zögert der Kommissionär, er sieht sowohl Rosi wie

Susanne betroffen an, und sagt, er habe den Auftrag, das Präsent dem Fräulein

persönlich zu übergeben. Die Versicherung Rosis, das Fräulein stehe vor ihm,

will ihm nicht recht einleuchten. Fräulein Rainer mit einem A sei ihm gesagt

worden.

„Reiner mit E,“ berichtigt Susanne, und er wiederholt:

„Mit E?“ und stellt das Bäumchen auf den Tisch, um in seiner Tasche nach

dem Adreßzettel zu suchen, den ihm sein Auftraggeber eingehändigt hat. Rosis

Geduld jedoch ist erschöpft. Sie nimmt den Mann bei den Schultern und schiebt

ihn mit kräftigen Armen aus dem Zimmer. Der Angetrunkene sucht Widerstand

zu leisten, es ist aber vergeblich. „Gib ihm einen Gulden!“ ruft Susanne ihrer

Dienerin nach, und das kommt mit einem Jauchzen heraus, glückseliger als das

der Kunzelkinder. Die Jugend ist die Zeit der Freude, sagen die Leute. Irrtum!

Irrtum! alt muß man sein und eine Freude kaum mehr erwartet haben, um sie zu

begrüßen, wenn sie kommt, wie Frühlingsodem an einem Wintertag.

Unwillkürlich hat Susanne vor dem Bäumchen die Hände gefaltet. Ich lasse

einen Glassturz darüber machen, beschließt sie, an meinem Sterbebette soll es

stehen. Mein letzter Blick soll darauf fallen und Gott danken, daß er seine

Menschen so gut gegen mich sein ließ.

Wie Susanne das Bäumchen immer aufmerksamer betrachtet, entdeckt sie

halb verborgen im Moose, das den zierlichen Stamm umgibt, ein Päckchen in

schneeweißem Papier. Sie entfaltet es: sein Inhalt besteht in einem mit

rosafarbigem Atlas überzogenen Etui. Auf dem Deckel ist ein Papierstreifen

angesteckt, der eine in der mikroskopischen Schrift des Vetters ausgeführte

Widmung trägt. Sie lautet:

 

Es zeigt Dir dieser Stein hier,

Was immer ist ohne Dir:

 

Dein Seppel.

Ohne „Dir“ und – „Seppel!“ O verehrter Joseph! – Nun, ein Scherz, aber,

Susanne kann sich nicht helfen, er hat etwas Verletzendes für sie, und geradezu

von Schwindel wird sie ergriffen, als sie das Etui öffnet und ... Gott! was blinkt

und blitzt ihr entgegen in allen Farben des Regenbogens? – ein wundervoll

gefaßter Solitär ...

Wahrlich, das übersteigt das Maß, innerhalb dessen eine freudige

Überraschung noch angenehm ist; das geht in das Gebiet des beunruhigend

Unbegreiflichen über.

Am liebsten würde Susanne die Widmung von dem Etui herabnehmen,

dasselbe sorgfältig zusammenpacken und sogleich mit einigen dankend

ablehnenden Zeilen an den Vetter zurückschicken. Doch fürchtet sie, ihn dadurch

zu verletzen, und beschließt, die delikate Angelegenheit morgen mündlich

abzumachen. Halb im Scherz, halb im Ernst wird sie den Vetter fragen, ob er sie

für eine Person hält, die man ohne weiteres grausam beschämen darf? und den

Solitär an das Herz legen, an dem er seine Heimstätte zu suchen und zu finden

hat, das Herz der Gemahlin.

Susanne hat sich in Gedanken alles zurecht gelegt, aber schlafen wird sie

heute kaum. Die Sorge um den wertvollen Schmuckgegenstand, den sie gegen

ihren Willen in Verwahrung hat, wird ihr die Ruhe rauben. Noch ist sie

unentschieden, in welchem ihrer Schränke sie ihn bergen soll, als derbe Schritte

das Nahen Rosis anzeigen, und Susanne nichts übrig bleibt, als das Päckchen

einstweilen wieder im Moose zu verstecken. Mit einem brennenden Wachsstock

in der Hand tritt die Magd ein, ist sehr unwirsch und brummt: „Nit zum

Wegbringen der Mensch. Betrunken wie a Kanon am heilgen Weihnachtsabend.

Steht noch auf der Stieg'n und studiert sei schmierige Adreß. ‚Nummer fünf

heißt's,‘ sogt er, Nummer drei heißt's, sog i, kennen's nit lesen?“

„Nummer fünf?“ fragt das Fräulein beunruhigt, „liebe Rosi, wenn es

wirklich fünf hieße und nicht drei?“

Ihr Bedenken wird mit Überlegenheit belächelt, die ihr wohltut; dabei

zündet die Magd Kerzlein um Kerzlein an. Das reich geputzte Bäumchen

erstrahlt in magischem Glanze, und dieser Glanz dringt in alle Seelentiefen

Susannens und leuchtet jeden Zweifel, jede leise auftauchende Sorge hinaus.

Sie ist völlig verzückt. Ihr gutes, kleines Mopsgesicht gewinnt einen

Ausdruck rührend reiner Freude, und sie sagt glückselig bewegt: „Mein erster

Christbaum, Rosi, mein erster Christbaum, Ro —“

Die zweite Silbe bleibt ihr in der Kehle stecken ... Es hat wieder geläutet,

hastig, ja wild. Susannens Augen richten sich erschrocken auf ihre Magd. Die

jedoch ist ganz übermütig: „Heut geht's ober zu. No jo, vielleicht schickt Seine

Majestät der Kaiser wos.“

Sie enteilt, um die Tür aufzureißen vor der neuen Überraschung, und eine

Überraschung ist's, aber was für eine!

Draußen läßt das Drohen und Fluchen einer rauhen Männerstimme sich

vernehmen. Ohne anzuklopfen, ohne die Mütze zu rücken, poltert der

Kommissionär ins Zimmer, schimpft fürchterlich, als er die angezündeten

Kerzchen am Christbaum erblickt, bläst gleich drei, vier auf einmal aus und fährt

Rosi, die ihm auf dem Fuße gefolgt ist, mit unglaublicher Grobheit an. Er hat es

ja gesagt, hinüber auf Nummer fünf gehört das Bäumerl, zur Rainer mit A, und

nicht zu einer alten Schachtel mit E. Den Guldenzettel, den sie ihm gespendet

hat, wirft er auf den Tisch. Da hat sie das Ihrige, und jetzt hofft er nur, daß ihm

nichts weggekommen ist, sonst – den Weg zur Polizei kennt er, den braucht ihm

niemand weisen.

Kurz, nachdem er sich benommen wie in einer Diebeshöhle, nimmt er das

Bäumchen unter den Arm, trampelt davon und schlägt hinter sich die Tür zu, daß

alles dröhnt.

Susanne ließ sich auf einen Sessel, nicht wie sie sonst pflegte aus Rücksicht

für den Überzug, nieder gleiten, sonder nieder fallen, Rosi stand vor ihr, nahm

einen Zipfel der blanken Schürze, und steckte ihn in den Gürtel. Ihre Augen

funkelten vor Entrüstung, ihre Lippen wurden dick und scharlachrot. Sie kreuzte

die nackten Arme und sprach erregt:

„Na, dos is aber doch!“

Das Fräulein hat indessen ein stilles Gebet verrichtet: Lieber Gott, gib mir

Kraft, vor diesem braven, aber der höchsten Politur ermangelnden Mädchen die

Würde des Familienlebens meines tiefgesunkenen Vetters zu wahren. Gib mir

Kraft, ich brauche sie; ich glaube, ich habe keinen Puls, und meine Füße sind

ganz steif. Wie mir jetzt ist, so dürfte es der Erde sein, wenn sie dereinst in die

Eisperiode tritt. O meine Sonne, mein Prachtmenschenexemplar – wie siehst du

aus!

„Die Rainer,“ nimmt Rosi wieder das Wort, „dos is die Lokalsängerin, wo

neulich so viel in der Zeitung g'standen is. Doß die daneben wohnt, weiß freilich

die ganze Straß'n. Daß aber der Herr Vetter zu der ihrer Bekonntschoft g'hört,

hätt i mer nit denkt. Hot so e scheene Frau und lauft der schiechen Astel nach.“

Susannens Zähne klappern aneinander, die Zunge klebt ihr am Gaumen,

doch gelingt es ihr, dank ihrer heroischen Anstrengung, in ziemlich natürlichem

Tone zu sagen: „Ja, meine liebe Rosi, die Rainer ist eben eine große Künstlerin.“

„So? und drum schickt er ihr wos zu Weihnachten, und vielleicht gar

hinterm Rucken der gnädigen Frau?“

„Liebe Rosi,“ erwidert Susanna zurechtweisend und setzt ihre

Wahrheitsliebe hintan, um die Familienehre zu schützen, „dieses Geschenk, es wird von ihm und von ihr sein. Es ist so Sitte bei den Herrschaften, daß sie

großen Künstlerinnen zu passenden Gelegenheiten Blumen schicken oder –

Christbäume.“

„Meinen's Fräulein? – No jo,“ spricht Rosi mit ihrem gewohnten

überlegenen Lächeln und geht, das Abendessen anzurichten, das heute aus Fisch

und Gugelhupf besteht. Dazu braut sie einen guten Punsch für sich und ihre

Schwestern. Es geschieht ohne Wissen der Gebieterin, die nicht ahnen darf, daß

in ihrem Hause Spirituosen, diese Mörder der Intelligenz, genossen werden.

Während der kleine Betrug an ihr verübt wird, bleibt Susanne ihren

traurigen Betrachtungen überlassen.

– Solitär, wenn er nicht bei Fräulein Rainer ist! Ein Ehegatte und

Familienvater? – „Ohne Dir ...“ Sie sind also auf dem Du-Fuße, – „Ohne Dir,“

schauderhaft. Wenn er noch gesagt hätte: „Ohne Dich!“ – Gott, wie tief sinkt

man sofort in jeder Hinsicht, wenn man in einer das Gleichgewicht verloren hat.

Tiefbekümmert fragt sich Susanne, ob sie dem ahnungslosen Vetter, hinter

dessen tiefstes Geheimnis sie gekommen ist, je wieder unter die Augen wird

treten können, und gar seiner betrogenen Gattin und seinen armen Kindern,

deren Vater, statt für sie zu sparen, Solitäre kauft für Fräulein Rainer.

Zu Tode schämen muß sie sich vor ihnen allen ... sie, die Mitwisserin einer

großen Schuld. Es wird ihr aufs Herz fallen, verdammende Stimmen werden ihr

zurufen: Mitwisserin! – Ach, gar zu gern hätte sie sich den morgigen Besuch,

vor dem ihr schaudert, erspart, sich krank melden, sich entschuldigen lassen.

Doch nein! Sie hat leider schon gelogen am heiligen Abend, sie wird nicht

wieder lügen am heiligen Tage. Durch! sagt sie mit Strafford, mitten durch die

gehäuften Trümmer ihres schönsten Wahngebildes.

Nun sitzt sie da, die Hände im Schoße, wie sie nicht mehr gesessen, seitdem

sie Totenwache gehalten hat an der Bahre ihrer Großmutter.

Rosi läßt sich wieder sehen, deckt den Tisch, stellt mit berechtigtem Stolze

das Souper auf und wünscht guten Appetit. Sie wird für heute des weiteren

Dienstes enthoben und kehrt zu ihren Schwestern zurück, die bereits eingetroffen

sind.

In der Küche geht es munter zu. Man schmaust, man plaudert, man findet

des Kicherns kein Ende.

Susanne nickt zustimmend mit dem Kopfe, so oft sie lachen hört: „Freut

euch des Lebens, ihr Armen, euch glüht ja noch das Lämpchen des Glaubens an

die Menschen,“ sagt sie leise und würgt einige Stückchen Fisch hinunter.

Sie tut es nur, um Rosi, wenn die am nächsten Tage fragen sollte: „Hat's

geschmeckt?“ erwidern zu können: „Es war so gut, daß ich nicht alles auf einmal

verspeisen wollte, und mir etwas aufgehoben habe für heute.“ – Ach Gott ja, morgen ist wieder ein Heute, und übermorgen auch, und so geht es fort und

dürfte noch lange fortgehen, denn Susanne hat eine eiserne Gesundheit. Vor ihr

liegt ein weiter, ein einsamer Weg. Die Menschen, denen sie Gutes tut, was ist

sie ihnen? Eine unermeßlich reiche Person, die einen Teil ihres Überflusses dazu

verwendet, sie aus drückender Not zu befreien. Mit der Erinnerung an diese

schwindet auch die Erinnerung an die Befreierin.

Stunden verfließen. Im Hause ist alles still geworden. Das Fräulein geht

sich überzeugen, ob die Wohnungstür versperrt und verriegelt und die

Sicherheitskette vorgelegt ist. Ja wohl, so müde und schläfrig Rosi gewesen sein

mag, sie hat alles in Ordnung gebracht, ehe sie zur Ruhe ging. Brave Person!

Eine brave Dienerin zu haben ist ein Glück, das ein einzeln stehendes weibliches

Wesen nicht hoch genug schätzen kann. Als Susanne in ihrem Schlafzimmer

niederkniet zum Abendgebet, dankt sie dem Himmel ganz besonders für diese

Gnade; sie betet überhaupt sehr lange, gibt immer wieder einige Vaterunser zu

für einen vom rechten Wege weit Abgeirrten.

Endlich legt sie sich zu Bette und will schlafen. Aber der Wille gebietet

dem Schlaf nicht, verscheucht ihn im Gegenteil durch energisches Herbeirufen.

Schweige denn, Wille, weichet hinweg, Gedanken! Ein tiefer, gesunder Schlaf

wird Susannen heute schwerlich erquicken, doch vielleicht gelingt es ihr, in

einen ihre Traurigkeit abstumpfenden Dusel zu kommen. So dämmert sie hin in

der Finsternis, die rings um sie, die in ihr herrscht, schließt die Augen und rührt

sich nicht.

Nach einer Weile, was sieht sie mit ihren geschlossenen Augen? Gerade vor

sich das Erglimmen eines schwachen Lichtscheins. Er wird immer heller und

geht von einer vergoldeten Nuß aus, die langsam über den Rand des Bettes

aufsteigt, wie ein kleinwinziger Mond. Das Licht, das er verbreitet, ist warm wie

das Leben und rosig wie junge Liebe. Allmählich nimmt er eine noch schönere

Färbung an, und darüber braucht man sich nicht zu wundern, denn die

Morgenröte ist dazu gekommen, eine herrlich strahlende Morgenröte, die das

Nahen der Sonne verkündet, und da flammt sie auch schon empor in Gestalt

eines feuerfarbigen Apfels. Als Herold, mit etwas defektem Federbusch, sprengt

ein gelber Reiter vor ihr her. Er gibt seinem Rosse die Sporen, ein mächtiger

Satz, und da steht er salutierend auf dem Federbette des Fräuleins.

Sie fährt auf, schlägt sich vor die Stirn, hat im Nu Licht gemacht, schlüpft

in ihre Pantoffelchen und eilt ins Nebenzimmer.

Da liegt auf dem Tische vergessen ihre Christbescherung, der sichtbare

Beweis, daß es doch ein Wesen gibt, das sich ihrer am heiligen Abende erinnert

und das – selbst ein Kind, die Geschenke des Christkindleins mit ihr geteilt hat.

Dieses wunderbare Erlebnis ist ihr aufgespart worden, ihr, der alten Jungfer, die gar keinen Anspruch machen darf auf die Liebe von Kindern. Kürzlich erst

hat sie ein solches Glück erfahren, und statt sich seiner innigst zu freuen, setzt

sie sich hin, die undankbare Kröte! und melancholisiert und überläßt sich feigem

Selbstbedauern!

Beschämt und reuig, aber mit einer sozusagen wonnegetränkten Seele

ergriff Susanne ihren Husaren, ihren Apfel, ihre Nuß, und begab sich zurück ins

Schlafgemach. Bevor sie ihr Lager wieder aufsuchte, legte sie die Geschenke

Tonis auf das Nachtkästchen in derselben Reihenfolge, die er ihnen mit

Ordnungssinn und seinem Gefühle für Rangunterschiede angewiesen hatte.

Sie blieb hellmunter und überließ sich heiteren Vorstellungen.

Den Mittelpunkt derselben bildete Toni. Was für treuherzige Augen er hat,

und treuherzig ist er und warmherzig dazu, das sprach sich gar deutlich in

seinem Handkuß aus. Welch ein Unterschied zwischen diesem und den pro

forma-Handküssen des höflichen Neffen und der zierlichen Nichte. Susanne

erinnert sich vieler kleiner Züge, die ihr im Benehmen Tonis angenehm

aufgefallen sind; des Ernstes, den sie so oft an ihm bewundert hat, des Buckels

voll Sorgen, den er macht, wenn ihm die Obhut über seine jüngeren Geschwister

anvertraut wird. Er nimmt seinen Teil der häuslichen Sorgenlast auf seine jungen

Schultern. Und wie brav und verläßlich er ist! er vergißt nie einen Auftrag, den

man ihm gibt.

Zum Pfadfinder und Genie scheint Toni – wohl ihm! – keine Anlage zu

haben, aber ein vortrefflicher Mann, geschickt in seinem Fache, ein Muster für

seine Standesgenossen, die Vorsehung seiner Gehilfen könnte er werden, wenn

er eine tüchtige Erziehung, wenn er Bildung bekäme, die echte Bildung, die von

innen heraus kommt, die den Wert des Menschen erhöht und den Stolz auf

seinen Wert verringert.

– Wenn er die bekommen könnte? wiederholt Susanne und ruft auf einmal

laut aus: „Er soll sie bekommen!“

Ein Gedanke über alle Gedanken ist raketenartig in ihr emporgeschossen;

sie setzt sich auf in ihrem Bette, sie lacht und weint. Es vergeht eine lange Zeit,

bevor die hochgehenden Fluten ihrer Empfindungen sanft und selig verebben.

Endlich liegt der Kopf wieder auf dem Kissen, sie atmet leicht und wird gut

schlafen.

Vorher aber komme noch einmal, Freundin Phantasie, und male ihr die am

morgigen Tage bevorstehenden Ereignisse deutlich aus.

Sie sieht sich, bereits um acht Uhr früh, in größter Parade und mit der

Spitzencoiffe, federnden Ganges hinüberwandeln zu Kunzel. Die Bedienerin läßt

sie ein, und sie findet die Familie, wie immer zu dieser Stunde an einem

Feiertage, um den Frühstückstisch versammelt.

Beim Eintreten des verehrten und unerwarteten Gastes springen alle auf.

Sie aber spricht: „Sitzen bleiben! Ich allein stehe, wie sich's gehört für eine

Bittende.

„Lieber Meister, liebe Meisterin, erlauben Sie mir, den Toni zu adoptieren.

Er bleibt Ihr Sohn und wird auch der meine, und im nächsten Jahre nehme ich

als Familienglied teil an Ihrem Weihnachtsfeste.“

Verlag von Gebrüder Paetel (Dr. Georg Paetel) in Berlin W.

 

Ein Buch für die Jugend.

 

Aus meinen Schriften.

Von

Marie von Ebner-Eschenbach.

Dritte Auflage.

(Elftes bis fünfzehntes Tausend.)

Quart; 6 Bogen.

In Originalleinenband 1 Mark.

Inhalt:

Zum Geleite. – Erzählungen: Der Fink; Die Spitzin; Der Muff;

Krambambuli; Aus „Meine Kinderjahre“. – Märchen und Parabeln:

Brautwahl; Die Begegnung; Das Blatt; Die Siegerin; Doppelfreude;

Wertbestimmung; Die Nachbarn. – Spruchverse. – Die Erdbeerfrau.

– Zwanzig Aphorismen.

 

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen.