Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte
Kapitel IV
hättest ... Du hast es aber nicht getan; du bist schweigend unter deinem Joche
weitergeschritten und wirst so weiterschreiten, bis du zusammenbrichst, und am
Ausgang deines Lebens so hilflos dastehst, wie du an seinem Eingang gestanden
hast.. Wessen Schuld? – Warum denkst du nicht? Warum sprichst du nicht?
Warum verschwendest du die kostbaren Kräfte deiner Jugend?... Aber es
geschieht, und ich verbrauche sie – und so wie ich tun Tausende, und so wie du
Hunderttausende ...
Noch einen Blick auf den sanft Schlafenden, und Nathanael schloß die
Augen und preßte die Hände an seine Stirn. Grell und blendend drang es auf ihn
ein, wie ein im Dunkel aufflammendes Licht. Mit Grauen und Entsetzen erfüllte
ihn das Bewußtsein: Da schläft er noch still und harmlos, und die
Hunderttausende seinesgleichen schlafen wie er. Doch werden sie erwachen –
schon weckt man sie. Zu welchen Taten? Wie werden sie hausen, die plötzlich
entfesselten Knechte?
Ein Schwindel ergriff ihn, ihm war, als wanke sein Haus.
„Noch nicht!“ rief er und stieß den Fuß heftig gegen den Boden.
Joseph erwachte, sprang auf: „Was befiehlst du, Herr?“ Das Bewußtsein
kehrte ihm nicht schneller zurück, als diese Frage auf seine Lippen trat.
„Wissen will ich, was vorgeht, hören, was euch gepredigt wird. Ich will den
Sendboten hören. Spann die Falben vor den Wagen, du wirst mich nach der
Schenke des Dornenkron fahren. Spann ein!“
IV.
Die Nacht war dunkel. Ein feiner, dichter Regen strömte unablässig, emsig
auf die Erde nieder, und ein andrer, ein kompakter Regen spritzte von ihr auf
beim energischen Gestampfe der wackeren Rößlein. „Polens fünftes Element“
umwirbelte und übersprühte das von Joseph gelenkte Gefährt, das zwischen
einer doppelten Reihe riesiger Pappeln auf der Kaiserstraße dahinrollte.
Der Doktor saß lange Zeit schweigend in seinen Mantel gehüllt. Ungeduld
verzehrte ihn.
„Wir kommen zu spät,“ sagte er endlich. „Treib die Falben an.“
„Sie laufen ja, was sie können,“ antwortete Joseph. „Wir sind schon weit.“
Er deutete nach einem großen, weißlichen Fleck im Nordwesten des bleigrauen
Horizonts, „die Weichsel und der Dunajec stecken schon ihre Fahnen aus.“
Eine Viertelstunde später war das Ziel erreicht: ein niedriges, weitläufiges
Gebäude. Vor dem standen allerlei Fuhrwerke und hinderten Joseph, sich mit
dem seinen zu nähern.
Rosenzweig hieß ihn halten, stieg ab und suchte sich einen Weg durch das
Gewirr der Wagen und Pferde zu bahnen. Es war keine leichte Aufgabe für
einen, der möglichst unbemerkt in das Haus gelangen wollte.
Die meisten Kutscher hatten ihr Gespann verlassen, die andern schliefen
auf dem Bocke oder taten so und leisteten dem Befehl des Doktors, ein wenig
Raum zu geben, keine Folge. Er hob eben den Stock, um sich ihnen deutlicher
verständlich zu machen, als Abraham Dornenkron auf der Schwelle des Hauses
erschien, einen brennenden Span in der Hand.
„Schaff mir Platz, Abraham,“ sprach der Doktor, „ich bin's, ich, Doktor
Rosenzweig.“
„Gott der Gerechte!“ stieß der Wirt erschrocken hervor, faßte sich aber
sogleich und patschte dienstwillig in den Sumpf, der die Zufahrt zu seinem
Gasthof bildete. Er schob die künstlich aufgestellte Wagenburg auseinander und
rief dabei fortwährend mit überflüssigem Stimmaufwand:
„Der Herr Doktor Rosenzweig! – Is wer krank? Wohin belieben zu reisen
der Herr Doktor?“
Sobald die Möglichkeit vorhanden war, sich ihm zu nähern, sprang
Nathanael auf ihn los und packte ihn beim Ohr:
„Sei still, Spitzbube! Du brauchst mich bei deinen Gästen nicht
anzumelden. Ich will das schon selbst besorgen.“
Und als das Männlein trotzdem nicht aufhörte, seine Verwunderung über
die Ankunft des Doktors laut auszuschreien, drückte der ihn gegen den
Türpfosten, daß ihm der Atem verging, und drang an ihm vorbei in den Flur.
„Ein Gibor![6] Schema Isroel, ein Gibor der gewaltige Doktor!“ raunte
Abraham einem mißgestalteten Wesen zu, das plötzlich im Dunkel geräuschlos
wie eine Eidechse, krummbeinig wie ein Kobold, neben ihm aufgetaucht war.
Es wiegte den unförmigen Kopf; seine nachtschwarzen Augen funkelten
klug und feurig.
„Er ist eingezogen, zu spionieren, Tateleben. Wir wollen ihm kommen
zuvor, daß uns nicht kann begegnen ein Unglück,“ flüsterte der Kleine.
„Elend über Elend! Wie heißt ihm kommen zuvor?“
„Ich will nehmen ein Pferd, Tateleben, und reiten nach Tarnow wie ein
Windstoß, zu melden bei der Polizei, daß bei uns Versammlung halten die
rebellischen Gojim, und daß die kaiserliche Regierung soll ausschicken gegen
sie Soldaten, wenn es is gefällig der kaiserlichen Regierung.“
Abraham betrachtete seinen Sprößling mit Blicken bewundernder Liebe:
„Reit wie ein Windstoß, mein Sohnleben, daß du mit Gott bald kommst ans
Ziel. Reit,“ wiederholte er und setzte in naiver Fürsorge hinzu: „Tu dich nur
nehmen in acht, daß du nicht kommst um deine graden Glieder.“
Rosenzweig war inzwischen in die Wirtsstube getreten oder hatte sich
vielmehr hineingezwängt.
Es herrschte darinnen eine dicke, dumpfe Atmosphäre, das Produkt von
mehr als hundert, dicht aneinandergepferchten Menschen, in nassen Pelzen,
Kleidern und Stiefeln. Fuseldünste und der Qualm einer an der Decke hängenden
Naphthalampe trugen dazu bei, das Atmen in diesem Raume zu erschweren. Die
Anwesenden jedoch erfuhren unbewußt den beklemmenden Einfluß, der die
Gesichter der einen glühen machte und die andrer bis zur Todesblässe entfärbte.
Es waren Männer, den verschiedensten Altersstufen und Ständen angehörig, in
ärmlicher Kleidung, im reichen Nationalkostüm, im Priestertalar, im
Studentenrock, im schäbigen, schwarzen Gewand des Winkelschreibers. Die
keinen andern Platz mehr gefunden hatten, waren auf die Bänke gestiegen und,
zwischen die Mauern und die Menge geklemmt, bezahlten sie bei jedem neuen
Andrang den Vorteil ihrer erhöhten Stellung mit der Gefahr, erdrückt zu werden.
In der vordersten Reihe, seine Umgebung überragend, stand ein
grauhaariger, graubärtiger, breitschultriger Herr, in kostbarer Magnatentracht.
Wenn er den Kopf wandte, zeigte sich dem beobachtenden Nathanael das
ausdrucksvolle asiatische Profil eines der mächtigsten Fürsten des Landes.
– Auch du, Starosta princeps nobilitatis? dachte Rosenzweig. Aber eine
noch größere Überraschung erwartete ihn.
Der einzige in der Stube freigebliebene Raum war der vor dem Eingang in
das Nebenzimmer, dessen offene Tür von einigen jungen Leuten mit wahrhaft
wildem Eifer vor der Zudringlichkeit der Neugier oder des Fanatismus behütet
wurde. Dort schritt Dembowski im Gespräch mit einem Schlachziz auf und ab,
in dem Rosenzweig zu seinem grenzenlosen Erstaunen den vertrauten Freund
des Kreishauptmanns erkannte. Er lebte in glücklichen Familien- und geordneten
Vermögensverhältnissen, war ein harmloser, aufrichtiger Mensch, dem der
Friede über alles ging. Nie hatte er es dahin gebracht, einer politischen Debatte
seiner Gutsnachbarn bis ans Ende zu folgen, weil er regelmäßig früher
einschlief. Und dieser ruhigste und stillste aller Staatsbürger, da wandelte er nun
flammend und glühend in einem Seelenkampfe, dessen Pein sich in seinem
zuckenden Gesicht malte, neben dem Aufwiegler einher.
Der aber, leicht vorgebeugt, den Arm des Neophiten sanft berührend,
sprach eindringlich und leise zu ihm, sprach Worte, auf welche dieser keine
Erwiderung mehr zu finden schien. Ein letztes noch – und er wandte sich von
dem Erschütterten und trat zu seiner Gemeinde, die ihn mit unendlichem Jubel
empfing.
Der Sendbote war als Bauer gekleidet. Er trug einen langen, weißen Kaftan,
der am Halse durch zwei große Metallknöpfe geschlossen war, hohe Stiefel, ein Hemd aus grober Leinwand und Pluderhosen aus demselben Stoffe. Ein lederner
Riemen, an dem ein kleines Kruzifix aus schwarzem Holze hing, umgürtete
seine Lenden. Sein dichtes, dunkelblondes Haar war kurz geschoren; es wuchs in
scharfer Spitze in die Stirn und zog schön gewölbte Bogen um die mattweißen,
etwas eingedrückten Schläfen.
Ruhig ließ er den Freudensturm des Willkomms verbrausen, stand da mit
herabhängenden Armen, die Finger nur leicht gekreuzt, und schaute ins Gewühl
lässig und obenhin, wie sehr Kurzsichtige pflegen, die schauend schon im voraus
auf das Sehen verzichten.
„Freunde, Brüder,“ begann er, ohne die Stimme zu erheben, und sogleich
wurde es still bis zur Lautlosigkeit, – „ich grüße euch zum letztenmal vor dem
Kampf, vielleicht zum letztenmal vor dem Tode.“
„Sei uns gegrüßt!“ antwortete ein brauner Kumpan von martialischem
Aussehen; „im Kampf, im Tod, im Sieg!“
„Im Sieg!“ durchlief's die Menge als Seufzer der Sehnsucht, als Schrei der
Hoffnung, als Ausruf der Zuversicht.
„Sieg?“ wiederholte der Redner, „ihr habt ihn schon errungen. Ein Kampf
wie der eure ist ein Sieg und ein Sieger jeder von euch, ob er den Fuß auf seine
Feinde stellt, ob er zertreten von ihren Rossen auf dem Schlachtfelde liegt.
Meine Brüder! was immer uns beschieden sein mag, der Gedanke, der uns
beseelt, kann nicht mehr sterben. Er wird fortleben, sogar auf den Lippen derer,
die uns um seinetwillen verfolgen und töten. Sie selbst werden die heilige Lehre
noch verbreiten, indem sie von dem Märtyrertum erzählen, das wir erlitten
haben.“
Allmählich war die lähmende Müdigkeit von ihm gewichen, seine
geschmeidige Gestalt hatte sich emporgerichtet:
„Vielleicht ist die Erinnerung an unsern Tod das einzige, was wir denen
hinterlassen können, für die wir so gern gelebt hätten. Wir müssen dafür sorgen,
daß dieses Erbe ein glorreiches sei ... Es wird kein glorreiches sein, wenn nicht
jeder einzelne, der zu unserm Bunde geschworen hat, sich als ein Priester fühlt,
dessen Ehrgeiz Entsagung und dessen Ruhm grenzenlose Hingebung an die
Sache Gottes ist.“
Vereinzelte Laute der Zustimmung ließen sich vernehmen, aber so manches
Antlitz drückte Enttäuschung aus.
„Die Sache Gottes, meine Brüder!“ wiederholte der Redner. „Vermöchte ich
den Feuereifer, ihr zu dienen, in euern Seelen zu erwecken, den er in der meinen
erweckt hat, und euch den Abscheu und die Scham kennen zu lehren, womit ich
zurückblicke auf die einst genossenen Erdenfreuden. Mitten in der Fülle ihrer
Genüsse fand mich der Herr. Aus ihrem Taumel schrak ich auf bei seinem Ruf. Und die Stimme, mit der der Allerbarmer mich rief, war die des Mitleids, und
das Mitleid gebar den Zweifel und der Zweifel die Erkenntnis.“
Verklärung breitete sich über seine Züge; das Licht der schönsten
Liebesgedanken leuchtete auf seiner Stirn.
„Ich lebte, wie die Verwöhnten leben. Weil der Zufall mir zuviel beschert
hatte, kannt ich kein Genügen; in meiner heißen Hand zerschmolz das Gold.
Da war einer unter meinen Dienern – Jelek hieß er, ein Bauerssohn, der,
aufgeweckt und tüchtig, es bis zu dem Amte meines Güterverwalters gebracht
hatte. Er allein wagte es einmal, eine Warnung gegen mich auszusprechen, und
fiel dadurch bei mir in Ungnade.
An einem Sommermorgen ritt ich nach fröhlich durchlebter Nacht mit
meinem Anhang von einem Feste bei meiner Geliebten heim. Ihre Küsse
brannten noch auf meinen Lippen, die Klänge der Musik summten mir noch im
Ohr, liebliche Bilder gaukelten vor meinen Augen, eine beglückende Lebenslust
erfüllte mich. In meiner Seele vermählten sich die Erinnerung an genossene
Freuden mit der Erwartung künftiger, und übermütig rief ich meinen Gefährten
zu:
‚Wie heute, so morgen, und immer!‘
Wir waren am Ausgang des Waldes angelangt; vor uns lagen im
schimmernden Duft des jungen Tages die taufrischen Wiesen, das Ährenmeer
der Felder, und aus der Ferne grüßte mein bewimpeltes Schloß mit seinen
starken Türmen. Seine Fenster blinkten, auf seinem altersgrauen Gemäuer lag
der Glanz der aufgehenden Sonne wie ein Lächeln auf dem Antlitz eines
Greises. Einen schönen Anblick bot mein ehrwürdiges, gastliches Haus, und mit
Jauchzen sprengten meine Gefährten ihm zu.
Ich aber verhielt mein Roß.
Ich hatte längs des Waldsaumes einen Mann in hastender Eile
herbeikommen gesehen und Jelek, meinen Verwalter, in ihm erkannt. ‚Woher
und wohin?‘ rief ich ihn an. Er nannte einen weit entfernten Meierhof, nach dem
ihn der Intendant mit einem Auftrag schickte. – ‚Fand sich dazu kein
Geringerer? Seit wann machst du Botengänge?‘ – Auf diese meine Frage gab er
zur Antwort: ‚Seit ich bei dir in Ungnade gefallen bin. Dein Intendant hat mich
meines Amtes entsetzt und bedenkt mich dafür mit allerlei Ämtern.‘ – Er
keuchte und wischte sich den Schweiß von der Stirn, und ich sah es ihm an, daß
ihm der Boden unter den Füßen brannte. Ich sah auch, daß sich vom Dorfe aus
ein langer Zug nach der Straße hin bewegte, und daß der es war, dem er
entgegenstrebte. Ich setzte mein Pferd in Schritt, und er folgte mir. So kamen wir
zur Landstraße, auf der die Leute wanderten. Ein paar hundert Männer,
Jünglinge, Greise, ihre Sensen auf den Schultern, Säcke auf den Rücken. Sie schritten stumm, mit gesenkten Köpfen, die meisten barfuß und zerlumpt –
meine Bauern!... Und wie sie, sich bis zur Erde verneigend, an mir
vorüberschlichen, unlustig, wie eine Herde, die nach fremdem Pferch getrieben
wird, da wußt ich: die Leute sind vermietet für die Erntezeit, weithin vielleicht,
und werden den Boden, auf dem ihre eigene ärmliche Ernte reift, nicht
wiedersehen, eh der Schnee ihn bedeckt.
Jelek hatte ein Tüchlein hervorgezogen, in dem einige Münzen
eingebunden waren, und drückte es einem Alten in die Hand, der am Ende des
Zuges mühsam nachhumpelte: – ‚Damit du nicht darbst unterweges, Vater. Gott
tröste dich. Meinetwegen mußt du fort.‘
Der Alte barg das Tuch an seiner Brust, und der Haiduk, der die Schar
geleitete, stieß ihn vorwärts.
In die Augen Jeleks traten Tränen des Schmerzes und der Wut.
‚Warum sagtest du,‘ fragte ich ihn, ‚dein Vater müsse um deinetwillen fort?‘
‚Weil es so ist. Der Intendant hätte sich nicht getraut, ihn zu vermieten,
wenn du mir noch gnädig wärest wie sonst.‘
Ein paar Tage später traf ich meinen Jelek, wie er einen Arbeiter auf dem
Felde, einen hochbejahrten Mann, der Faulheit anklagte und erbärmlich schlug.
‚Siehst du nicht, daß der Mann erschöpft ist und nicht mehr arbeiten kann?‘
sagte ich, und er erwiderte:
‚So werden sie es in der Fremde auch meinem Vater tun. Warum soll es
dem einen besser gehen als dem andern?‘
Was ich ihm antworten sollte, wußte ich nicht, aber zu dem Alten sagte ich:
‚Tun dir die Schläge nicht weh, daß du dastehst und nicht einmal klagst?‘
‚O, mein gnädiger Herr!‘ entgegnete er, ‚was würde das Klagen mir
nützen?‘
Und auch darauf mußte ich schweigen ...
Heimkehrend fand ich das Haus zum Empfang meiner Geliebten
geschmückt, und alle, die um meine Gunst buhlten, waren versammelt, um ihr zu
huldigen. Sie erschien in ihrer königlichen Schönheit, und ihr Anblick und der
Anblick der Pracht, die mich umgab, und der kriechenden Dienstfertigkeit
meines Anhangs – Grauen, meine Brüder! Grauen erweckten sie mir ... Ein
Dämon, meint ich, habe tückisch mein Auge zu furchtbarem Hellsehen geschärft
... All der Glanz, alle die Pracht und Herrlichkeit und die Liebe des Weibes und
die Treue der Freunde – sie hatten einen Preis, und bezahlt hatte ihn das Elend.
Die hatten ihn bezahlt, die zum Frondienst vermietet hingezogen waren in die
Fremde.. Das Gewühl vor mir, die Wände des Saales wurden durchsichtig. Wie
durch schimmernde Schleier sah ich eine wandernde Schar, deutlich jede Linien
der Gestalten, jeden Zug der Gesichter, die mein Auge an jenem Morgen nur flüchtig gestreift hatte. Ergebung auf allen! Nicht schöne, männliche – nein! die
trost- und hoffnungslose Ergebung des Stumpfsinns. Was jenes Opfer der
ungerechten Vergeltung, die mein Diener übte, gesprochen hatte, das sprachen
auch sie in ihrem Schweigen. ‚Was würden Klagen uns nützen?‘
Brüder! in dieser Stunde habe ich meiner Macht geflucht und mein Glück
gerichtet ... Meine Macht war zum Unheil andrer ausgeübt worden, mein Glück
wuchs nicht wie eine Blume aus dem gesunden Mutterschoß der Erde, es war ein
Wuchergebilde, ihrer Krankheit Frucht, und nährte sich parasitisch von
kostbaren Lebenssäften.“
Der Redner bog den Kopf zurück; seine Lider schlossen sich, einem
Gepeinigten gleich zog er den Atem ein.
„Da ergoß sich in meine Brust ein Strom der Schmerzen ... Die Schmerzen
jedes einzelnen, der um meinetwillen gelitten hatte, ergossen sich in meine
Brust!... Und jede Schuld und jedes Unrecht, das die begangen hatten, die mir
dienten, als meine Schuld empfand ich sie und vernahm schaudernd, wie ihr
Schrei gegen mich zum Himmel stieg.
Die Luft im Saale lastete wie Blei, aus den Augen meiner Geliebten blickte
die Sünde, die Töne der Musik girrten sinnverwirrende Melodien, und – fort
trieb es mich, hinweg von dem durchschauten Trug in die kühle, klare Nacht. Ich
wanderte unter ihren schimmernden Sternen, soweit meine Füße mich trugen,
und wie auch mein Herz blutete und rang, mir war, als lebte ich auf. In der
herben Qual, die ich litt, fühlte ich die Hand meines Herrn, verstand die
Mahnung, deren er mich gewürdigt hatte. Und während sie mich suchten im
Schlosse und in den Gärten, lag ich im Waldesgrund auf dem Angesicht vor
meinem Gott und flehte um Kraft zur Buße und Sühne, und bot mich ihm dar
zum Werkzeug seines Willens, zum Verkünder seiner Lehre, und flehte den
Urquell des Lichtes um Erleuchtung auf meinem Wege an.
Sie wurde mir. Wie das Auge des Blindgeborenen, als der Finger des
Heilands es berührte, sich der alten, vertrauten und ihm doch unbekannten Welt
erschloß, so erschloß sich meine Erkenntnis der Offenbarung, in deren Licht ich
gewandelt war von Jugend an – ein Blinder. Und je tiefer ich in den Geist des
göttlichen Wortes eindrang, desto klarer wird es mir: Inbegriff seiner Weisheit ist
die Liebe. Für uns Menschen – die Nächstenliebe!“
Die hochgehenden Wogen der Begeisterung, mit der der Sendbote
empfangen worden, waren allmählich verebbt. Ein Gemurmel der Mißbilligung,
in das sich nur vereinzelt warme Zurufe mischten, erhob sich jetzt. Aus der
Gruppe, die den Fürsten umdrängte, scholl rauh die Mahnung:
„Laß den Pfarrer von Nächstenliebe sprechen, sprich du von der Befreiung
des Vaterlands!“
„Eines, die beiden!“ antwortete der Redner. „Keine Befreiung ohne die
Liebe des Nächsten. Sie ist der unermeßlich reiche Schatz, der uns an dem Tag
erlöst, an dem wir uns entschließen, ihn zu heben. Nur verstehen müßt ihr ihr
Gesetz. Für euch, ihr Mächtigen und Reichen, lauten seine ersten Worte:
Entsagung, Entbehrung, Sühne!“
Die Lippen des Fürsten kräuselte ein Lächeln, aber mit immer mächtiger
werdender Stimme fuhr der Redner fort:
„Es gibt nur einen Herrn, den König der Himmel und der Welten, und nur
ein Menschenvolk gleichgeborener Brüder. Der sich Herrschaft anmaßt über
seine Brüder, säet und erntet Unheil; die Seele des Knechtenden wie die des
Geknechteten verdirbt.“
Mit einem raschen Schritte trat er auf den Fürsten zu:
„Rette deine Seele, demütige dich! Gedenke der Sünden deiner Väter,
gedenke der Flüche, die auf deinem Haupte lasten. Wie? – Befreiung von
fremder Tyrannei verlangt ihr? Was habt denn ihr jemals ausgeübt an dem
bejammernswerten Volke, als Tyrannei? Ihr, der Adel, ihr wart der Staat.
Niemals ist in Polen ein andrer Stand zu Wort gekommen, als der eure, und
wohin habt ihr das Land gebracht?... Euer Eigennutz hat es ausgebeutet, eure
Zwietracht es zerrissen, euer Verrat es den Feinden ausgeliefert!“
„Du lügst! Schweig! Wir wollen dich nicht mehr hören!“ tönte es ihm
zurück.
Ein rasender Tumult erhob sich.
„Platz da! Platz für den Fürsten!“ riefen die Begleiter des Magnaten, der
sich schweigend und verächtlich umgewandt hatte, und dem die Seinen mit
Stoßen und Drängen einen Weg zum Ausgang zu bahnen suchten.
Nathanael, in der Nähe stehend, erwies sich ihnen hilfreich. Die Menge war
wie eingekeilt unter der Tür, aber sein eiserner Arm teilte sie, um den
Fortstürmenden Raum zu schaffen, und ein allgemeines Aufatmen gab es, als der
Fürst mit seiner Schar das Freie gewonnen hatte.
Von draußen vernahm man ihr Schreien, Fluchen und Lachen. Die Herren
pfiffen ihren Kutschern und ihren Hunden, Peitschen knallten, Fuhrwerke setzten
sich in Bewegung.
Der Blick des Sendboten glitt schwermütig über die gelichteten Reihen
seiner Jünger.
„Auf die Großen dieser Erde habe ich nicht gezählt; wohl uns, wenn wir
keine andern Gegner hätten als sie,“ sprach er ruhig. „Der Bedrücker sind
wenige, der Bedrückten viele. Wenn die Bedrückten sich erheben und im Namen
des Allgerechten ihren Anteil am Besitz der Erde fordern würden, dann wäre die
Macht der Mächtigen wie Spreu. Aber der Koloß, der sich nur zu regen brauchte, um seine Bande zu sprengen – er regt sich nicht. Er duldet und front und wird
ewig dulden und fronen. Durch das unwürdige Leben, das er seit Jahrhunderten
führt, ist das Bewußtsein seines Menschentums, seines freien Willens in ihm
erstickt worden. Sie aber, die ihm dieses Bewußtsein raubten, haben nicht nur
gegen das elende, von ihnen verachtete Volk, sie haben – und dessen gedenken
sie nicht! – sie haben gegen Gott gefrevelt, indem sie Tausende seiner Geschöpfe
unfähig machten, sein Bild widerzuspiegeln.“
Er hielt inne, und die jungen Leute jubelten ihm Beifall zu. Die älteren
Männer schwiegen. Einige Geistliche hatten sich in die Nähe der Tür begeben.
Der treulose Freund des Kreishauptmanns war samt den Edelleuten
verschwunden, nachdem er mit staunendem Schrecken den großen Kopf
Rosenzweigs aus dem Gedränge hervorragen gesehen hatte. Der Doktor jedoch,
mit der Wucht eines Pfeilers auf seinem Vordermann lastend, brachte jeden
allmählich zum Weichen und stand nun auf demselben Fleck, auf dem früher der
Fürst gestanden hatte, dicht vor dem Sendboten.
Eine freudige Röte stieg diesem in die Wangen, als er Nathanaels ansichtig
wurde.
„Gott wird die Schuldigen richten!“ nahm er wieder das Wort. „Was uns
zukommt, ist die Erlösung der Armen, deren Jammer zu ermessen wir besser
vermögen, als sie selbst. Was ich von euch fordere, ihr Herren, ihr wißt es,
besprochen und wieder besprochen haben wir's in langen Stunden. Ihr aber,
Studenten und Männer der Wissenschaft, die ihr dem Volke nahe steht wie
euerm Vater, betreut es, als wäre es euer Kind. Lehrt es euch lieben und
vertrauen, verwendet zu seinen Gunsten euer Wissen, euer Können, eure
Erfahrung, Kraft und Zeit. Vergeßt euch selbst in seinem Dienst. Keiner von
euch pflege mehr seinen Geist in kaltsinniger Abgeschlossenheit ... Mit welchem
Rechte vertieft ihr euch in die Erforschung der schwierigsten Welt- und
Daseinsrätsel, während um euch her noch Menschen leben, mit dem gleichen
Anspruch auf Erkenntnis ausgestattet wie ihr – und unfähig, die einfachsten
Gedankenreihen zu bilden?... Ihr sucht nach Zielen in euern Wissenschaften und
werdet immer nur Grenzen finden. Ich nenne euch ein Ziel, das sich erreichen
läßt: die Verminderung des Irrtums, des Wahns, des Aberglaubens unter euern
Brüdern ... Dem Zug einer ungeheuern Heersäule, die nachts aufbricht, um zum
Kampfplatz zu eilen, gleicht das Wandeln des Menschengeschlechts über die
Erde. Die, denen Kraft gegeben ward, die andern zu überholen, haben sich an die
Spitze gestellt. Sie schreiten schon im rosigen Morgenlicht, die Schatten fliehen,
ein Wunderland öffnet sich vor ihnen. Unaufhaltsam jagen sie ihm zu, auf
sonnenbeglänzter Bahn, unbekümmert um die Nachhut, die hinter ihnen im
Dunkel tappt und sich verirrt, und keinen Steg mehr findet, der zu den Glücklichen hinüberführt, an deren Seite auch sie den Kampf des Lebens zu
kämpfen berufen waren ... Deshalb, ihr Führer, macht halt! Öffnet eure Reihen,
laßt die Nachhut herankommen. Einen breiten Weg für die Nachhut! Zu ihrem
Heil, meine Brüder! aber auch zu dem eurigen, denn aus jedem bisher blöden
Auge, das sich dank eurer fürsorgenden Liebe einem Strahl der Wahrheit öffnet,
wird euch der Himmel grüßen ...“
Einige Schulmänner in der Nähe Rosenzweigs wechselten bedeutungsvolle
Blicke: „Ich bin sehr enttäuscht,“ flüsterte ein Advokatenschreiber den gelehrten
Herren zu: „Das ist ja gar nichts.“
Der Doktor stand nach und nach ganz bequem, von einem Gedränge war
keine Rede mehr. Das Auditorium machte sich langsam und geräuschlos fort.
Wagen um Wagen rollte, Reiter trabten davon.
Die Zurückbleibenden widersetzten sich endlich dieser Flucht. Die
Verwünschungen, mit denen die Abtrünnigen begleitet wurden, begannen in
Tätlichkeiten auszuarten.
Gebieterisch erhob der Redner seinen Arm.
„Laßt jeden unbehelligt ziehen,“ befahl er. „Wer von euch kann sagen, ob
das Samenkörnlein Wahrheit, das jetzt von der Brust dieser Männer abzuprallen
schien, nicht, ohne daß sie selbst es ahnen, in ihr Wurzel geschlagen hat?
Vielleicht tritt mancher von denen, die uns jetzt verlassen, noch dereinst in unsre
Reihen ein. Mir aber, meine Brüder, mir ist es ein Segen zu fühlen: was mich in
dieser Abschiedsstunde umgibt, ist Treue, was mich vernimmt – Verständnis.
Den tiefsten Inhalt meiner Lehre, in eure Herzen darf ich ihn gießen wie in
köstliche Schalen, die ihn rein und lauter bewahren, und ihn andern Herzen also
mitteilen werden.
Brüder, wir müssen immer hören, ohne Kampf der Menschen untereinander
könne die Welt nicht bestehen; in einem allgemeinen Frieden würden unsre
Kräfte einrosten und unsre Geister erschlaffen. Das ist falsch. Friede zwischen
den Menschen bedeutet ja nicht das Ende aller Kämpfe, es bedeutet vielmehr
den Beginn eines neuen, eines herrlichen Kampfes. Während der Haß der
Urheber aller bisherigen Kämpfe gewesen ist, wird die Liebe die Mutter der
künftigen sein. Die Streiter, die sie aufruft, werden nicht etwa ein leichtes Spiel
haben, denn die Feinde, denen sie gegenüberstehen, gönnen ihren Überwindern
nicht Ruhe, nicht Rast; täglich besiegt, erheben sie sich täglich wieder. Leiden
und Leidenschaft sind ihre Namen. Faßt sie nur einmal scharf ins Auge, und ihr
werdet euch fragen müssen: Ist es möglich, daß wir jemals einen andern Streit
unternommen haben als den gegen sie, als den gegen die Leiden der andern und
gegen die Leidenschaft in unsrer eigenen Brust? Wie? es gibt in der Welt diese
fürchterlichen Gewalten, und wir haben mit ihnen einen faulen Frieden geschlossen? Wir haben sie hingenommen wie das Notwendige und
Unentrinnbare, wir haben schläfrig und lau den Vampyr an unserm Marke zehren
lassen und unsre Streitlust nicht an ihm gebüßt, nein, an unsern Brüdern, unsern
mitleidenden Brüdern! Wir haben Beladenen neue Lasten auferlegt, wir haben
Verwundete verletzt.
O, des Wahnsinns! Oder – des Verbrechens – oder vielmehr der beiden!
Verbrechen ist Wahnsinn, die Torheit ist die Quelle jedes Unrechts.“
Ja, und tausendmal ja! dachte Rosenzweig, Tränen in den Augen,
erschüttert in allen Fugen seines Wesens. Ein unermeßliches Glück durchdrang
ihn, er empfand die höchste aller Wonnen – die Wonne, aus den beengenden
Schranken der Selbstsucht aufzusteigen wie aus einem Grabe. Was er bisher am
meisten geschätzt hatte, erschien ihm wertlos, die Arbeit vergeudet, die er auf
die Erwerbung seines Reichtums verwandt, verächtlich seine engherzige Freude
an ihm, der, ein toter Staub, in seinen Händen gelegen. Beschämung erfüllte
seine Seele, aber mit Entzücken gab er sich ihr hin als dem Wahrzeichen seiner
Wandlung, dem Beginn seines inneren Wachsens und Klärens. Nur ein Gedanke
trübte die reine Seligkeit dieses Augenblicks; er galt dem Apostel des Mitleids
und der Liebe und wurde schmerzlicher und sorgenvoller, als dieser die Zukunft,
die er träumte, als eine erreichbare zu schildern begann. – Täusche dich nicht!
hätte er ihm zurufen mögen. Das Land deiner Verheißung hat auf Erden keine
Stätte. Begnüge dich damit, unsre Sehnsucht nach ihm erweckt zu haben. Schon
das ist Befreiung.
Aber der Sendbote sprach ... Der Klang seiner Stimme füllte wie etwas
Körperliches den Raum, der Glutstrom seiner Beredsamkeit trieb seine kühnsten,
prächtigsten Wogen, und endlich schloß er:
„Zweck und Ziel unsres Bundes ist das Wohl des Volks, das Wohl eines
jeden Bewohners der polnischen Erde; schwört Treue unserm Bunde!“ Da riefen
alle, da tönte es mit der Stimme einer Begeisterung aus der Brust von jung und
alt, von Besonnenen und Schwärmern:
„Wir schwören!“
Sie fielen vor ihm nieder und küßten seine Hände, seine Knie, seine Füße.
„Wir schwören dir Gehorsam bis in den Tod!“ überschrie einer aus der Menge
alle übrigen. Der Sendbote wehrte ab:
„Nicht mir Gehorsam – der Sache schwört, die Armen und Bedrückten zu
lieben, wie euch selbst, und das Vaterland mehr, als euch selbst.“
Die Beteuerungen wiederholten sich.
„So geht denn hin. Werbt im Volke, werbt Werber für das Volk. Entsendet
keinen, der nicht auf das Kruzifix geschworen hat. Ich bringe euch die
Eidesformel und den Katechismus,“ sprach der Agitator, und Stille trat während der Verteilung der Schriften ein.
Plötzlich wurde sie durch ein so angstvolles Gekreisch unterbrochen, daß
alle zusammenfuhren. Abraham Dornenkron stürzte herein, schreckensbleich,
mit aufgelösten Locken:
„Rette sich, wer kann sich retten! Mein Sohnleben ist gewesen in Tarnow,
hat gesehen steigen auf die Husaren, gleich werden sie sein hier, mein Sohnleben
is geritten ihnen voraus.“
Die Warnung Abrahams erweckte Hohn, Trotz, Bestürzung. Einige
stammelten ein leises Abschiedswort und eilten rasch davon. Was Waffen trug,
scharte sich um Dembowski und schickte sich zu seiner Verteidigung an. Er aber
wies seine Getreuen hinweg.
„Fort! Ihr, ich, wir alle. Noch ist es nicht Zeit zum Kampfe. Ein
Hochverräter jeder, der den Kampf zu früh beginnt. Fort! Alle fort!“
Die Stube leerte sich. Der letzte, der hinaustrat, war der Sendbote, knapp
vor ihm schritt Nathanael. In tiefer Stille bestiegen die Verschworenen ihre
Wagen und stoben auseinander wie Schatten. Das Pferd des Redners wurde
vorgeführt, er schwang sich hinauf und gab ihm die Fersen. Das Tier bäumte
sich, fiel schwer auf einen Vorderfuß zurück und zog den andern mit
schmerzvollem Zucken in die Höhe.
Eilends sprang Rosenzweig herbei. „Ihr Pferd lahmt,“ sagte er, „auf dem
Pferde kommen Sie nicht weit.“
Der Wirt näherte sich, eine Flasche tragend, in deren Hals eine tropfende
Unschlittkerze stak, hockte am Boden nieder und bestätigte jammernd den
Ausspruch des Doktors. Diesen ergriff ein Verdacht, er hielt dem Juden die
geballte Faust vors Gesicht:
„Wart, Kerl, wenn du das getan hast!“
Abraham brach sofort in Wehklagen und Unschuldsbeteuerungen aus. Der
Emissär war vom Pferde gestiegen, stand regungslos und horchte.
Deutlich vernahm man schon das Heransprengen der Reiter auf der Straße.
Sie ritten mit dem scharf herüber pfeifenden Wind. Gelblichgrau begann der
Horizont zu schimmern. Der fahle Schein der ersten Dämmerung verbreitete sich
über die Ebene. Nathanael fröstelte und glühte. Kalter Schweiß rann ihm über
die Stirn, eine eiserne Kralle schnürte ihm die Kehle zu. Das war Furcht, deren
Symptome er so oft an andern beobachtet, die er an sich selbst nie erfahren hatte.
„Verbergen Sie sich im Haus,“ sprach er zum Emissär.
„Was würde mir das nützen, wenn der Wirt falsch ist – und er ist es,“
antwortete jener. „Ich will meinen Beinen vertrauen. So viel Klugheit wie das
gehetzte Wild habe auch ich. Irgendwo findet sich ein Hohlweg, ein Baum, ein
mitleidiger Strauch, der mich verbirgt.“
Er schickte sich zur Flucht an.
Da faßte ihn der Doktor mit überlegener Kraft und drängte ihn zu seinem
Wagen hin.
„Herunter, Joseph!“ befahl er, „und sieh zu, wie du nach Hause kommst.
Sie aber, nehmen Sie seinen Platz ein. Rasch!“
Der Widerstrebende war auf den Wagen hinaufgehoben, bevor er sich's
versah. Der Doktor warf ihm seinen im Wagen zurückgebliebenen Mantel über
die Schultern, Joseph legte die Zügel in seine Hand und trat sofort im Eilschritt
den Heimweg an.
„Du!“ sprach Nathanael, und Abraham beugte sich beinahe bis zur Erde
unter dem Blitz, der aus den Augen des Doktors auf ihn niederfuhr, „du sollst
mich kennen lernen, wenn du den Verräter weiter spielst!“ Einige
Verwünschungen folgten, die ihm leicht von den Lippen flossen. Schwerer
wurde es ihm, hinzuzusetzen: „Wenn du aber dein Maul hältst – dann kriegst du
von mir für dein Schweigen das Doppelte von dem, was deine Angeberei dir
eingetragen hätte.“
Er machte eine rasche Wendung den immer näherkommenden Reitern
entgegen.
„Hallo ho!“ rief er, die Hände vor dem Munde zum Sprachrohr geformt, „zu
spät! zu spät!“
Ein Pikett Husaren mit einem blutjungen Kadetten an der Spitze kam
angaloppiert. Der Kadett riß sein Pferd dicht vor Nathanael zusammen:
„Gottes Donner! der Herr Doktor! Was führt Sie her?“
„Beim Zeus! die Neugier, mein Gräflein. Aber Sie – warum just Sie? Ein
heißer Ritt in kalter Morgenstunde, das gibt, so wahr ich Sie kenne, eine
Halsentzündung.“
„Gottes Donner! scherzen Sie nicht! komm ich wirklich zu spät? Ist das
Nest leer? War der Emissär wirklich da? Haben Sie ihn gesehen?“ fragte der
Jüngling in überstürzter Hast.
„Gesehen, gehört, ihn als unschädlichen Schwärmer diagnostiziert.“
„Unschädlich? Dann war er's nicht.“
„Er war's!“
„Es is gewesen er!“ fiel Abraham geläufig ein. „Der Herr Kadett können
noch sehn stehn hier sein Pferd, das ich hab vernagelt, damit er nicht kann reiten
davon.“
„Was ihn zwang,“ bemerkte Rosenzweig, „im Wagen eines seiner Freunde
davon zu fahren!“
Der Jüngling nahm das Pferd in Augenschein, ließ ihm das Eisen abreißen
und befahl einem Soldaten, es am Zügel mit zu führen.
„Ich nehm es mit, als Pfand,“ sagte er. „Und nun – in welcher Richtung ist
er davongefahren, Doktor?“
„Das verrate ich Ihnen um keinen Preis.“
„In welcher Richtung? Die Sache ist ernst. Ich bin ein gemachter Mann,
wenn ich ihn fange. Wir haben verschärfte Order erhalten, heute nachmittag. – In
welcher Richtung, Doktor?... Gottes Donner! sprechen Sie!“
Rosenzweig entgegnete mürrisch: „Ich weiß nichts. Vielleicht sind Sie ihm
selbst begegnet auf der Straße.“
„Niemandem bin ich begegnet außer einigen guten Bekannten ... Übrigens“
– er hielt inne und schlug sich vor die Stirn. „Auch die sind ja verdächtig ...
Rechts um!“ kommandierte er seinen Leuten, und die Husaren machten kehrt.
„Adieu, Doktor. Und du, Jude, merk auf! Es soll ein Preis auf den Kopf des
Emissärs gesetzt sein, heißt es, ein Preis von tausend Gulden. Dein wäre er
gewesen, hätt ich den Kerl hier erwischt.“
Abraham zuckte zusammen, wand sich wie ein Wurm und kreischte laut.
Der Fuß des Doktors stand auf dem seinen und trat ihn unbarmherzig.
„Was gibt's?“ rief der Husar.
„Er weint um die tausend Gulden, die ihm an der Nase vorbei geflogen
sind,“ entgegnete Rosenzweig.
Der Kadett setzte sich wieder an die Spitze seiner Mannschaft: „Ich reite
zurück. Die Wagen holen wir noch ein ... Gottes Donner! die wollen wir jetzt
aufs Korn nehmen ... In Galopp, Marsch!“ Und das Pikett rasselte davon.
Abraham hüpfte kläglich auf einem Fuße und hielt den andern,
zurückgekrümmten, wie in einer Schlinge in der Hand.
„Zweitausend Gulden!“ winselte er. „Sie haben mir zerquetscht, Herr
Doktor, Sie Gibor, zwei Zehen.. Aber sie sollen gehen drein, ich verlang kein
Schmerzensgeld, wenn Sie mir auszahlen morgen meine zweitausend Gulden,
die Sie sind mir schuldig, so wahr Gott lebt!“
Rosenzweig antwortete dumpf: „Komm nur, Halunke. Was ich verspreche,
halte ich – auch einem Halunken.“
Er trat an den Wagen und sprach, auf den Rücksitz deutend, zu seinem
Fahrgast:
„Da hinüber steigen Sie, überlassen Sie mir Ihren Platz. Ich bringe Sie in
Sicherheit.“
Der Sendbote stand mit einem Satze neben ihm und drückte kräftig seine
Hand:
„Haben Sie Dank. Sorgen Sie nicht weiter um mich; ich finde Freunde
überall.“
Vergeblich suchte der Doktor ihn zurückzuhalten, er entwand sich ihm und war bald den Augen seines Retters im verhüllenden Zwielicht entschwunden.