Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Marie von Ebner-Eschenbach · Kapitel 16 von 18

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Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Er laßt die Hand küssen.

 

„So reden Sie denn in Gottes Namen“, sprach die Gräfin, „ich werde Ihnen

zuhören; glauben aber nicht ein Wort.“

Der Graf lehnte sich behaglich zurück in seinem großen Lehnsessel: „Und

warum nicht?“ fragte er.

Sie zuckte leise mit den Achseln: „Vermutlich erfinden Sie nicht

überzeugend genug.“

„Ich erfinde gar nicht, ich erinnere mich. Das Gedächtnis ist meine Muße.“

„Eine einseitige, wohldienerische Muße! Sie erinnert sich nur der Dinge,

die Ihnen in den Kram passen. Und doch gibt es auf Erden noch manches

Interessante und Schöne außer dem – Nihilismus.“ Sie hatte ihre Häkelnadel

erhoben und das letzte Wort wie einen Schuß gegen ihren alten Verehrer

abgefeuert.

Er vernahm es ohne Zucken, strich behaglich seinen weißen Bart und sah

die Gräfin beinahe dankbar aus seinen klugen Augen an. „Ich wollte Ihnen etwas

von meiner Großmutter erzählen,“ sprach er. „Auf dem Wege hierher, mitten im

Walde, ist es mir eingefallen.“

Die Gräfin beugte den Kopf über ihre Arbeit und murmelte: „Wird eine

Räubergeschichte sein.“

„O, nichts weniger! So friedlich wie das Wesen, durch dessen Anblick jene

Erinnerung in mir wachgerufen wurde, Mischka IV. nämlich, ein Urenkel des

ersten Mischka, der meiner Großmutter Anlaß zu einer kleinen Übereilung gab,

die ihr später leid getan haben soll,“ sagte der Graf mit etwas affektierter

Nachlässigkeit, und fuhr dann wieder eifrig fort: „Ein sauberer Heger, mein

Mischka, das muß man ihm lassen! er kriegte aber auch keinen geringen

Schrecken, als ich ihm unvermutet in den Weg trat – hatte ihn vorher schon eine

Weile beobachtet ... Wie ein Käfersammler schlich er herum, die Augen auf den

Boden geheftet, und was hatte er im Laufe seines Gewehres stecken? Denken

Sie: – ein Büschel Erdbeeren!“

„Sehr hübsch!“ versetzte die Gräfin. „Machen Sie sich darauf gefaßt – in

Bälde wandern Sie zu mir herüber durch die Steppe, weil man Ihnen den Wald fortgetragen haben wird.“

„Der Mischka wenigstens verhindert's nicht.“

„Und Sie sehen zu?“

„Und ich sehe zu. Ja, ja, es ist schrecklich. Die Schwäche liegt mir im Blut

– von meinen Vorfahren her.“ Er seufzte ironisch und sah die Gräfin mit einer

gewissen Tücke von der Seite an.

Sie verschluckte ihre Ungeduld, zwang sich, zu lächeln und suchte ihrer

Stimme einen möglichst gleichgültigen Ton zu geben, indem sie sprach: „Wie

wär's, wenn Sie noch eine Tasse Tee trinken und die Schatten Ihrer Ahnen heute

einmal unbeschworen lassen würden? Ich hätte mit Ihnen vor meiner Abreise

noch etwas zu besprechen.“

„Ihren Prozeß mit der Gemeinde? – Sie werden ihn gewinnen.“

„Weil ich recht habe.“

„Weil Sie vollkommen recht haben.“

„Machen Sie das den Bauern begreiflich. Raten Sie ihnen, die Klage

zurückzuziehen.“

„Das tun sie nicht.“

„Verbluten sich lieber, tragen lieber den letzten Gulden zum Advokaten.

Und zu welchem Advokaten, guter Gott!... ein ruchloser Rabulist. Dem glauben

sie, mir nicht, und wie mir scheint, Ihnen auch nicht, trotz all Ihrer

Popularitätshascherei!“

Die Gräfin richtete die hohe Gestalt empor und holte tief Atem. „Gestehen

Sie, daß es für diese Leute, die so töricht vertrauen und mißtrauen, besser wäre,

wenn ihnen die Wahl ihrer Ratgeber nicht frei stände.“

„Besser wär's natürlich! Ein bestellter Ratgeber, und – auch bestellt – der

Glaube an ihn.“

„Torheit!“ zürnte die Gräfin.

„Wie so? Sie meinen vielleicht, der Glaube lasse sich nicht bestellen?... Ich

sage Ihnen, wenn ich vor vierzig Jahren meinem Diener eine Anweisung auf ein

Dutzend Stockprügel gab und dann den Rat, aufs Amt zu gehen, um sie

einzukassieren, nicht einmal im Rausch wäre es ihm eingefallen, daß er etwas

Besseres tun könnte, als diesen meinen Rat befolgen.“

„Ach, Ihre alten Schnurren! – Und ich, die gehofft hatte, Sie heute

ausnahmsweise zu einem vernünftigen Gespräch zu bringen!“

Der alte Herr ergötzte sich eine Weile an ihrem Ärger und sprach dann:

„Verzeihen Sie, liebe Freundin. Ich bekenne, Unsinn geschwatzt zu haben. Nein,

der Glaube läßt sich nicht bestellen, aber leider der Gehorsam ohne Glauben.

Das eben war das Unglück des armen Mischka und so mancher andrer, und

deshalb bestehen heutzutage die Leute darauf, wenigstens auf ihre eigne Fasson ins Elend zu kommen.“

Die Gräfin erhob ihre nachtschwarzen, noch immer schönen Augen gegen

den Himmel, bevor sie dieselben wieder auf ihre Arbeit senkte und mit einem

Seufzer der Resignation sagte: „Die Geschichte Mischkas also!“

„Ich will sie so kurz machen als möglich,“ versetzte der Graf, „und mit dem

Augenblick beginnen, in dem meine Großmutter zum erstenmal auf ihn

aufmerksam wurde. Ein hübscher Bursche muß er gewesen sein; ich besinne

mich eines Bildes von ihm, das ein Künstler, der sich einst im Schlosse aufhielt,

gezeichnet hatte. Zu meinem Bedauern fand ich es nicht im Nachlaß meines

Vaters und weiß doch, daß er es lange aufbewahrt hat, zum Andenken an die

Zeiten, in denen wir noch das jus gladii ausübten.“

„O Gott!“ unterbrach ihn die Gräfin, „spielt das jus gladii eine Rolle in

Ihrer Geschichte?“

Der Erzähler machte eine Bewegung der höflichen Abwehr und fuhr fort:

„Es war bei einem Erntefest und Mischka einer der Kranzträger, und er

überreichte den seinen schweigend, aber nicht mit gesenkten Augen, sah

vielmehr die hohe Gebieterin ernsthaft und unbefangen an, während ein

Aufseher im Namen der Feldarbeiter die übliche Ansprache herunterleierte.

„Meine Großmutter erkundigte sich nach dem Jungen und hörte, er sei ein

Häuslersohn, zwanzig Jahre alt, ziemlich brav, ziemlich fleißig und so still, daß

er als Kind für stumm gegolten hatte, für dummlich galt er noch jetzt. – Warum?

wollte die Herrin wissen; warum galt er für dummlich?... Die befragten

Dorfweisen senkten die Köpfe, blinzelten einander verstohlen zu und mehr als:

‚So, – ja eben so‘, und: – ‚je nun, wie's schon ist‘, war aus ihnen nicht

herauszubringen.

„Nun hatte meine Großmutter einen Kammerdiener, eine wahre Perle von

einem Menschen. Wenn er mit einem Vornehmen sprach, verklärte sich sein

Gesicht dergestalt vor Freude, daß er beinahe leuchtete. Den schickte meine

Großmutter andern Tages zu den Eltern Mischkas mit der Botschaft, ihr Sohn sei

vom Feldarbeiter zum Gartenarbeiter avanciert und habe morgen den neuen

Dienst anzutreten.

„Der eifrigste von allen Dienern flog hin und her und stand bald wieder vor

seiner Gebieterin. ‚Nun,‘ fragte diese – ‚was sagen die Alten?‘ Der

Kammerdiener schob das rechte, auswärts gedrehte Bein weit vor ...“

„Waren Sie dabei?“ fiel die Gräfin ihrem Gaste ins Wort.

„Bei dieser Referenz gerade nicht, aber bei späteren des edlen Fritz,“

erwiderte der Graf, ohne sich irre machen zu lassen. „Er schob das Bein vor,

sank aus Ehrfurcht völlig in sich zusammen und meldete, die Alten schwämmen

in Tränen der Dankbarkeit.

„‚Und der Mischka?‘

„‚O, der‘ – lautete die devote Antwort, und nun rutschte das linke Bein mit

anmutigem Schwunge vor – ‚o der – der laßt die Hand küssen.‘

„Daß es einer Tracht väterlicher Prügel bedurft hatte, um den Burschen zu

diesem Handkuß im Gedanken zu bewegen, verschwieg Fritz. Die Darlegung der

Gründe, die Mischka hatte, die Arbeit im freien Felde der im Garten

vorzuziehen, würde sich für Damenohren nicht geschickt haben. – Genug,

Mischka trat die neue Beschäftigung an und versah sie schlecht und recht. ‚Wenn

er fleißiger wäre, könnt's nicht schaden,‘ sagte der Gärtner. Dieselbe Bemerkung

machte meine Großmutter, als sie einmal vom Balkon aus zusah, wie die Wiese

vor dem Schlosse gemäht wurde. Was ihr noch auffiel, war, daß alle andern

Mäher von Zeit zu Zeit einen Schluck aus einem Fläschchen taten, das sie unter

einem Haufen abgelegter Kleider hervorzogen und wieder darin verbargen.

Mischka war der einzige, der diesen Quell der Labung verschmähend sich aus

einem irdenen, im Schatten des Gebüsches aufgestellten Krüglein erquickte.

Meine Großmutter rief den Kammerdiener. ‚Was haben die Mäher in der

Flasche?‘ fragte sie. – ‚Branntwein, hochgräfliche Gnaden.‘ – ‚Und was hat

Mischka in dem Krug?‘

„Fritz verdrehte die runden Augen, neigte den Kopf auf die Seite, ganz wie

unser alter Papagei, dem er ähnlich sah wie ein Bruder dem andern, und

antwortete schmelzenden Tones: ‚Mein Gott, hochgräfliche Gnaden – Wasser!‘

„Meine Großmutter wurde sogleich von einer mitleidigen Regung ergriffen

und befahl, allen Gartenarbeitern nach vollbrachtem Tagewerk Branntwein zu

reichen. ‚Dem Mischka auch,‘ setzte sie noch eigens hinzu.

„Diese Anordnung erregte Jubel. Daß Mischka keinen Branntwein trinken

wollte, war einer der Gründe, warum man ihn für dummlich hielt. Jetzt freilich,

nachdem die Einladung der Frau Gräfin an ihn ergangen, war's aus mit Wollen

und Nichtwollen. Als er in seiner Einfalt sich zu wehren versuchte, ward er

mores gelehrt, zur höchsten Belustigung der Alten und der Jungen. Einige rissen

ihn auf den Boden nieder, ein handfester Bursche schob ihm einen Keil zwischen

die vor Grimm zusammengebissenen Zähne, ein zweiter setzte ihm das Knie auf

die Brust und goß ihm solange Branntwein ein, bis sein Gesicht so rot und der

Ausdruck desselben so furchtbar wurde, daß die übermütigen Quäler sich selbst

davor entsetzten. Sie gaben ihm etwas Luft, und gleich hatte er sie mit einer

wütenden Anstrengung abgeschüttelt, sprang auf und ballte die Fäuste ... aber

plötzlich sanken seine Arme, er taumelte und fiel zu Boden. Da fluchte, stöhnte

er, suchte mehrmals vergeblich sich aufzuraffen und schlief endlich auf dem

Fleck ein, auf den er hingestürzt war, im Hofe, vor der Scheune, schlief bis zum

nächsten Morgen, und als er erwachte, weil ihm die aufgehende Sonne auf die Nase schien, kam just der Knecht vorbei, der ihm gestern den Branntwein

eingeschüttet hatte. Der wollte schon die Flucht ergreifen, nichts andres

erwartend, als daß Mischka für die gestrige Mißhandlung Rache üben werde.

Statt dessen reckt sich der Bursche, sieht den andern traumselig an und lallt:

‚Noch einen Schluck!‘

„Sein Abscheu vor dem Branntwein war überwunden.

„Bald darauf, an einem Sonntag nachmittag, begab es sich, daß meine

Großmutter auf ihrer Spazierfahrt, von einem hübschen Feldweg gelockt,

ausstieg und bei Gelegenheit dieser Wanderung eine idyllische Szene belauschte.

Sie sah Mischka unter einem Apfelbaum am Feldrain sitzen, ein Kindlein in

seinen Armen. Wie er selbst, hatte auch das Kind den Kopf voll dunkelbrauner

Löckchen, der wohlgebildete kleine Körper hingegen war von lichtbrauner Farbe

und das armselige Hemdchen, das denselben notdürftig bedeckte, hielt die Mitte

zwischen den beiden Schattierungen. Der kleine Balg krähte förmlich vor

Vergnügen, so oft ihn Mischka in die Höhe schnellte, stieß mit den Füßchen

gegen dessen Brust, und suchte ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger in die

Augen zu fahren. Und Mischka lachte und schien sich mindestens ebensogut zu

unterhalten wie das Bübchen. Dem Treiben der beiden sah ein junges Mädchen

zu, auch ein braunes Ding und so zart und zierlich, als ob ihre Wiege am Ganges

gestanden hätte. Sie trug über dem geflickten kurzen Rocke eine ebenfalls

geflickte Schürze und darin einen kleinen Vorrat aufgelesener Ähren. Nun brach

sie eine derselben vom Stiele, schlich sich an Mischka heran und ließ ihm die

Ähre zwischen der Haut und dem Hemd ins Genick gleiten. Er schüttelte sich,

setzte das Kind auf den Boden und sprang dem Mädchen nach, das leicht und

hurtig und ordentlich wie im Tanze vor ihm floh; einmal pfeilgerade, dann

wieder einen Garbenschober umkreisend, voll Ängstlichkeit und dabei doch

neckend und immer höchst anmutig. Allerdings ist bei unsren Landleuten eine

gewisse angeborene Grazie nichts Seltenes, aber diese beiden jungen Geschöpfe

gewährten in ihrer harmlosen Lustigkeit ein so angenehmes Schauspiel, daß

meine Großmutter es mit wahrem Wohlgefallen genoß. Einen andern Eindruck

brachte hingegen ihr Erscheinen auf Mischka und das Mädchen hervor. Wie

versteinert standen beide beim Anblick der Gutsherrin. Er, zuerst gefaßt, neigte

sich beinahe bis zur Erde, sie ließ die Schürze samt den Ähren sinken und

verbarg das Gesicht in den Händen.

„Beim Souper, an dem, wie an jeder Mahlzeit, der Hofstaat, bestehend aus

einigen armen Verwandten und aus den Spitzen der gräflichen Behörden,

teilnahm, sagte meine Großmutter zum Herrn Direktor, der neben ihr saß: ‚Die

Schwester des Mischka, des neuen Gartenarbeiters, scheint mir ein nettes,

flinkes Mädchen zu sein, und ich wünsche, es möge für die Kleine ein Posten ausgemittelt werden, an dem sie sich etwas verdienen kann.‘ Der Direktor

erwiderte: ‚Zu Befehl, hochgräfliche Gnaden, sogleich ... obwohl der Mischka

meines Wissens eine Schwester eigentlich gar nicht hat.‘

„‚Ihres Wissens,‘ versetzte meine Großmutter, ‚das ist auch etwas, Ihr

Wissen!... Eine Schwester hat Mischka und ein Brüderchen. Ich habe heute alle

drei auf dem Felde gesehen.‘

„‚Hm, hm,‘ lautete die ehrerbietige Entgegnung, und der Direktor hielt die

Serviette vor den Mund, um den Ton seiner Stimme zu dämpfen, ‚es wird wohl –

ich bitte um Verzeihung des obszönen Ausdrucks, die Geliebte Mischkas und,

mit Respekt zu sagen, ihr Kind gewesen sein.‘“

Der unwilligen Zuhörerin dieser Erzählung wurde es immer schwerer, an

sich zu halten, und sie rief nun: „Sie behaupten, daß Sie nicht dabei waren, als

diese denkwürdigen Reden gewechselt wurden? Woher wissen Sie denn nicht

nur über jedes Wort, sondern auch über jede Miene und Gebärde zu berichten?“

„Ich habe die meisten der Beteiligten gekannt, und weiß – ein bißchen

Maler, ein bißchen Dichter, wie ich nun einmal bin – weiß aufs Haar genau, wie

sie sich in einer bestimmten Lage benommen und ausgedrückt haben müssen.

Glauben Sie Ihrem treuen Berichterstatter, daß meine Großmutter nach der

Mitteilung, welche der Direktor ihr gemacht, eine Wallung des Zornes und der

Menschenverachtung hatte. Wie gut und fürsorglich für ihre Untertanen sie war,

darüber können Sie nach dem bisher Gehörten nicht in Zweifel sein. Im Punkte

der Moral jedoch verstand sie nur äußerste Strenge, gegen sich selbst nicht

minder als gegen andre. Sie hatte oft erfahren, daß sie bei Männern und Frauen

der Sittenverderbnis nicht zu steuern vermöge, der Sittenverderbnis bei

halbreifen Geschöpfen jedoch, der mußte ein Zügel angelegt werden können. –

Meine Großmutter schickte ihren Kammerdiener wieder zu den Eltern Mischkas.

Mit der Liebschaft des Burschen habe es aus zu sein. Das sei eine Schande für so

einen Buben, ließ sie sagen, ein solcher Bub habe an andre Dinge zu denken.

„Der Mischka, der zu Hause war, als die Botschaft kam, schämte sich in

seine Haut hinein ...“

„Es ist doch stark, daß Sie jetzt gar in der Haut Mischkas stecken wollen!“

fuhr die Gräfin höhnisch auf.

„Bis über die Ohren!“ entgegnete der Graf, „bis über die Ohren steck ich

darin! Ich fühle, als wäre ich es selbst, die Bestürzung und Beschämung, die ihn

ergriff. Ich sehe ihn, wie er sich windet in Angst und Verlegenheit, einen scheuen

Blick auf Vater und Mutter wirft, die auch nicht wissen, wo ein und aus vor

Schrecken, ich höre sein jammervoll klingendes Lachen bei den Worten des

Vaters: ‚Erbarmen Sie sich, Herr Kammerdiener! Er wird ein Ende machen, das

versteht sich, gleich wird er ein Ende machen!‘“

„Diese Versicherung genügte dem edlen Fritz, er kehrte ins Schloß zurück

und berichtete, glücklich über die treffliche Erfüllung seiner Mission, mit den

gewohnten Kniebeugungen und dem gewohnten demütigen und

freudestrahlenden Ausdruck in seiner Vogelphysiognomie: ‚Er laßt die Hand

küssen, er wird ein Ende machen.‘“

„Lächerlich!“ sagte die Gräfin.

„Höchst lächerlich!“ bestätigte der Graf. „Meine gute, vertrauensselige

Großmutter hielt die Sache damit für abgetan, dachte auch nicht weiter darüber

nach. Sie war sehr in Anspruch genommen durch die Vorbereitungen zu den

großen Festen, die alljährlich am zehnten September, ihrem Geburtstage, im

Schlosse gefeiert wurden, und einen Vor- und Nachtrab von kleinen Festen

hatten. Da kam die ganze Nachbarschaft zusammen, und Dejeuners, auf dem

grünen Teppich der Wiesen, Jagden, Pirutschaden, Soupers bei schönster

Waldbeleuchtung, Bälle – und so weiter folgten einander in fröhlicher Reihe ...

Man muß gestehen, unsre Alten verstanden Platz einzunehmen und Lärm zu

machen in der Welt. Gott weiß, wie langweilig und öde unser heutiges Leben auf

dem Schlosse ihnen erscheinen müßte.“

„Sie waren eben große Herren,“ entgegnete die Gräfin bitter, „wir sind auf

das Land zurückgezogene Armenväter.“

„Und – Armenmütter,“ versetzte der Graf mit einer galanten Verneigung,

die von derjenigen, der sie galt, nicht eben gnädig aufgenommen wurde. Der

Graf aber nahm sich das Mißfallen, das er erregt hatte, keineswegs zu Herzen,

sondern spann mit hellem Erzählerbehagen den Faden seiner Geschichte fort:

„So groß der Dienertroß im Schlosse auch war, während der Dauer der

Festlichkeiten genügte er doch nicht, und es mußten da immer Leute aus dem

Dorfe zur Aushilfe requiriert werden. Wie es kam, daß sich gerade dieses Mal

auch Mischkas Geliebte unter ihnen befand, weiß ich nicht, genug, es war der

Fall, und die beiden Menschen, die einander hätten meiden sollen, wurden im

Dienste der Gebieterin noch öfter zusammengeführt, als dies in früheren Tagen

bei der gemeinsamen Feldarbeit geschehen war. Er, mit einem Botengang

betraut, lief vom Garten in die Küche, sie von der Küche in den Garten –

manchmal trafen sie sich auch unterwegs und verweilten plaudernd ein

Viertelstündchen ...“

„Äußerst interessant!“ spottete die Gräfin – „wenn man doch nur wüßte,

was sie einander gesagt haben.“

„O, wie Sie schon neugierig geworden sind! – aber ich verrate Ihnen nur,

was unumgänglich zu meiner Geschichte gehört. – Eines Morgens lustwandelte

die Schloßfrau mit ihren Gästen im Garten. Zufällig lenkte die Gesellschaft ihre

Schritte nach einem selten betretenen Laubgang und gewahrte am Ende desselben ein junges Pärchen, das, aus verschiedenen Richtungen kommend, wie

freudig überrascht stehen blieb. Der Bursche, kein andrer als Mischka, nahm das

Mädchen rasch in die Arme und küßte es, was es sich ruhig gefallen ließ. Ein

schallendes Gelächter brach los – von den Herren und, ich fürchte, auch von

einigen der Damen ausgestoßen, die der Zufall zu Zeugen dieses kleinen

Auftritts gemacht hatte. Nur meine Großmutter nahm nicht teil an der

allgemeinen Heiterkeit. Mischka und seine Geliebte stoben natürlich davon. Der

Bursche – man hat es mir erzählt“ – kam der Graf scherzend einer

voraussichtlichen Einwendung der Gräfin entgegen, „glaubte in dem Augenblick

sein armes Mädchen zu hassen. Am selben Abend jedoch überzeugte er sich des

Gegenteils, als er nämlich erfuhr, die Kleine werde mit ihrem Kinde nach einer

andern Herrschaft der Frau Gräfin geschickt; zwei Tagereisen weit für einen

Mann, für eine Frau, die noch dazu ein anderthalb Jahre altes Kind mitschleppen

mußte, wohl noch einmal so viel. – Mehr als: ‚Herrgott! Herrgott! o du lieber

Herrgott!‘ sprach Mischka nicht, gebärdete sich wie ein Träumender, begriff

nicht, was man von ihm wolle, als es hieß an die Arbeit gehen – warf plötzlich

den Rechen, den ein Gehilfe ihm samt einem erweckenden Rippenstoß

verabfolgte, auf den Boden, und rannte ins Dorf, nach dem Hüttchen, in dem

seine Geliebte bei ihrer kranken Mutter wohnte, das heißt, gewohnt hatte, denn

nun war es damit vorbei. Die Kleine stand reisefertig am Lager der völlig

gelähmten Alten, die ihr nicht einmal zum Abschiedsegen die Hand aufs Haupt

legen konnte, und die bitterlich weinte. ‚Hört jetzt auf zu weinen,‘ sprach die

Tochter, ‚hört auf, liebe Mutter. Wer soll euch denn die Tränen abwischen, wenn

ich einmal fort bin?‘

„Sie trocknete die Wangen ihrer Mutter und dann auch ihre eigenen mit der

Schürze, nahm ihr Kind an die Hand und das Bündel mit ihren wenigen

Habseligkeiten auf den Rücken und ging ihres Weges an Mischka vorbei, und

wagte nicht einmal, ihn anzusehen. Er aber folgte ihr von weitem, und als der

Knecht, der dafür zu sorgen hatte, daß sie ihre Wanderung auch richtig antrete,

sie auf der Straße hinter dem Dorfe verließ, war Mischka bald an ihrer Seite,

nahm ihr das Bündel ab, hob das Kind auf den Arm und schritt so neben ihr her.

„Die Feldarbeiter, die in der Nähe waren, wunderten sich: – ‚Was tut er

denn, der Tropf?... Geht er mit? Glaubt er, weil er so dumm ist, daß er nur so

mitgehen kann?‘

„Bald nachher kam keuchend und schreiend der Vater Mischkas gerannt:

‚O, ihr lieben Heiligen! Heilige Mutter Gottes! hab ich mir's doch gedacht –

seiner Dirne läuft er nach, bringt uns noch alle ins Unglück ... Mischka! Sohn –

mein Junge!... Nichtsnutz! Teufelsbrut!‘ – jammerte und fluchte er abwechselnd.

„Als Mischka die Stimme seines Vaters hörte und ihn mit drohend geschwungenem Stocke immer näher herankommen sah, ergriff er die Flucht,

zur größten Freude des Knäbleins, das ‚Hott! hott!‘ jauchzte. Bald jedoch besann

er sich, daß er seine Gefährtin, die ihm nicht so rasch folgen konnte, im Stich

gelassen, wandte sich und lief zu ihr zurück. Sie war bereits von seinem Vater

erreicht und zu Boden geschlagen worden. Wie wahnsinnig raste der Zornige,

schlug drein mit den Füßen und mit dem Stocke, und ließ seinen ganzen Grimm

über den Sohn an dem wehrlosen Geschöpfe aus.

„Mischka warf sich dem Vater entgegen, und ein furchtbares Ringen

zwischen den beiden begann, das mit der völligen Niederlage des Schwächeren,

des Jüngeren, endete. Windelweich geprügelt, aus einer Stirnwunde blutend, gab

er den Kampf und den Widerstand auf. Der Häusler faßte ihn am Hemdkragen

und zerrte ihn mit sich; der armen kleinen Frau aber, die sich inzwischen

mühsam aufgerafft hatte, rief er zu: ‚Mach fort!‘

„Sie gehorchte lautlos, und selbst die Arbeiter auf dem Felde, stumpfes,

gleichgültiges Volk, fühlten Mitleid und sahen ihr lange nach, wie sie so

dahinwankte mit ihrem Kinde, so hilfsbedürftig und so völlig verlassen.

„In der Nähe des Schlosses trafen Mischka und sein Vater den Gärtner, den

der Häusler sogleich als ‚gnädiger Herr‘ ansprach und flehentlich ersuchte, nur

eine Stunde Geduld zu haben mit seinem Sohne. In einer Stunde werde Mischka

gewiß wieder bei der Arbeit sein; jetzt müsse er nur geschwind heimgehen und

sich waschen und sein Hemd auch. Der Gärtner fragte: ‚Was ist ihm denn? er ist

ja ganz blutig.‘ – ‚Nichts ist ihm,‘ lautete die Antwort, ‚er ist nur von der Leiter

gefallen.‘

„Mischka hielt das Wort, das sein Vater für ihn gegeben, und war eine

Stunde später richtig wieder bei der Arbeit. Am Abend aber ging er ins

Wirtshaus und trank sich einen Rausch an, den ersten freiwilligen, war überhaupt

seit dem Tage wie verwandelt. Mit dem Vater, der ihn gern versöhnt hätte, denn

Mischka war, seitdem er im Schloßgarten Beschäftigung gefunden, ein Kapital

geworden, das Zinsen trug, sprach er kein Wort, und von dem Gelde, das er

verdiente, brachte er keinen Kreuzer nach Hause. Es wurde teils für Branntwein

verausgabt, teils für Unterstützungen, die Mischka der Mutter seiner Geliebten

angedeihen ließ – und diese zweite Verwendung des von dem Burschen

Erworbenen erschien dem Häusler als der ärgste Frevel, den sein Sohn an ihm

begehen konnte. Daß der arme Teufel, der arme Eltern hatte, etwas wegschenkte,

an eine Fremde wegschenkte, der Gedanke wurde der Alp des Alten, sein

nagender Wurm. Je wütender der Vater sich gebärdete, desto verstockter zeigte

sich der Sohn. Er kam zuletzt gar nicht mehr nach Hause, oder höchstens einmal

im geheimen, wenn er den Vater auswärts mußte, um die Mutter zu sehen, an der

ihm das Herz hing. Diese Mutter ...“ der Graf machte eine Pause – „Sie, liebe Freundin, kennen sie, wie ich sie kenne.“

„Ich soll sie kennen?... Sie lebt noch?“ fragte die Gräfin ungläubig.

„Sie lebt; nicht im Urbilde zwar, aber in vielfachen Abbildern. Das kleine,

schwächliche, immer bebende Weiblein mit dem sanften, vor der Zeit gealterten

Gesicht, mit den Bewegungen des verprügelten Hundes, das untertänigst in sich

zusammensinkt und zu lächeln versucht, wenn eine so hohe Dame, wie Sie sind,

oder ein so guter Herr, wie ich bin, ihm einmal zuruft: ‚Wie geht's?‘ und in

demütigster Freundlichkeit antwortet: ‚Vergelt's Gott – wie's eben kann.‘ – Gut

genug für unsereins, ist seine Meinung, für ein Lasttier in Menschengestalt. Was

dürfte man anders verlangen, und wenn man's verlangte, wer gäbe es einem? –

Du nicht, hohe Frau, und du nicht, guter Herr ...“

„Weiter, weiter!“ sprach die Gräfin. „Sind Sie bald zu Ende?“

„Bald. – Der Vater Mischkas kam einst zu ungewohnter Stunde nach der

Hütte und fand da seinen Jungen. ‚Zur Mutter also kann er kommen, zu mir

nicht,‘ schrie er, schimpfte beide Verräter und Verschwörer und begann Mischka

zu mißhandeln, was sich der gefallen ließ. Als der Häusler sich jedoch

anschickte, auch sein Weib zu züchtigen, fiel der Bursche ihm in den Arm.

Merkwürdig genug, warum just damals? Wenn man ihn gefragt hätte, wie oft er

den Vater die Mutter schlagen sah, hätte er sagen müssen: ‚Soviel Jahre, als ich

ihrer gedenke, mit dreihundertfünfundsechzig multipliziert, das gibt die Zahl.‘ –

Und die ganze Zeit hindurch hatte er dazu geschwiegen, und heute loderte beim

längst gewohnten Anblick plötzlich ein unbezwinglicher Zorn in ihm empor.

Zum zweiten Male nahm er gegen den Vater Partei für das schwächere

Geschlecht, und dieses Mal blieb er Sieger. Er scheint aber mehr Entsetzen als

Freude über seinen Triumph empfunden zu haben. Mit einem heftigen

Aufschluchzen rief er dem Vater, der nun klein beigeben wollte, rief er der

weinenden Mutter zu: ‚Lebt wohl, mich seht ihr nie wieder!‘ und stürmte davon.

Vierzehn Tage lang hofften die Eltern umsonst auf seine Rückkehr, er war und

blieb verschwunden. Bis ins Schloß gelangte die Kunde seiner Flucht; meiner

Großmutter wurde angezeigt, Mischka habe seinen Vater halbtot geschlagen und

sich dann davon gemacht. Nun aber war es nach der Verletzung des sechsten

Gebotes diejenige des vierten, die von meiner Großmutter am schärfsten

verdammt wurde; gegen schlechte und undankbare Kinder kannte sie keine

Nachsicht ... Sie befahl, auf den Mischka zu fahnden, sie befahl, seiner habhaft

zu werden und ihn heimzubringen zu exemplarischer Bestrafung.

„Ein paarmal war die Sonne auf- und untergegangen, da stand eines

Morgens Herr Fritz an der Gartenpforte und blickte auf die Landstraße hinaus.

Lau und leise wehte der Wind über die Stoppelfelder, die Atmosphäre war voll

feinen Staubes, den die Allverklärerin Sonne durchleuchtete und goldig

schimmern ließ. Ihre Strahlen bildeten in dem beweglichen Element reizende kleine Milchstraßen, in denen Milliarden von winzigen Sternchen aufblitzten.

Und nun kam durch das flimmernde, tanzende Atomengewimmel eine schwere,

graue Wolkensäule, bewegte sich immer näher und rollte endlich so nahe an der

Pforte vorbei, daß Fritz deutlich unterscheiden konnte, wen sie umhüllte. Zwei

Heiducken waren es und Mischka. Er sah aus blaß und hohläugig wie der Tod

und wankte beim Gehen. In den Armen trug er sein Kind, das die Händchen um

seinen Hals geschlungen, den Kopf auf seine Schulter gelegt hatte und schlief.

Fritz öffnete das Tor, schloß sich der kleinen Karawane an, holte rasch einige

Erkundigungen ein und schwebte dann, ein Papagei im Taubenfluge, ins Haus,

über die Treppe, in den Saal hinein, in dem meine Großmutter eben die

sonnabendliche Ratsversammlung hielt. Der Kammerdiener, von dem

Glücksgefühl getragen, das Bedientenseelen beim Überbringen einer neuesten

Nachricht zu empfinden pflegen, rundete ausdrucksvoll seine Arme und sprach,

vor Wonne fast platzend: ‚Der Mischka laßt die Hand küssen. Er ist wieder da.‘

„‚Wo war er?‘ fragte meine Großmutter.

„‚Mein Gott, hochgräfliche Gnaden‘ – lispelte Fritz, schlug mehrmals

schnell nacheinander mit der Zunge an den Gaumen und blickte die Gebieterin

so zärtlich an, als die tiefste, unterwürfigste Knechtschaft es ihm nur irgend

erlaubte. ‚Wo wird er gewesen sein ... Bei seiner Geliebten. Ja,‘ bestätigte er,

während die Herrin, empört über diesen frechen Ungehorsam, die Stirn runzelte,

‚ja, und gewehrt hat er sich gegen die Heiducken, und dem Janko hat er, ja,

beinahe ein Auge ausgeschlagen.‘

„Meine Großmutter fuhr auf: ‚Ich hätte wirklich Lust, ihn henken zu

lassen.‘

„Alle Beamten verneigten sich stumm; nur der Oberförster warf nach

einigem Zagen die Behauptung hin: ‚Hochgräfliche Gnaden werden es aber nicht

tun.‘

„‚Woher weiß er das?‘ fragte meine Großmutter mit der strengen

Herrschermiene, die so vortrefflich wiedergegeben ist auf ihrem Bilde und die

mich gruseln macht, wenn ich im Ahnensaal an ihm vorübergehe. ‚Daß ich mein

Recht über Leben und Tod noch nie ausgeübt habe, bürgt nicht dafür, daß ich es

nie ausüben werde.‘

„Wieder verneigten sich alle Beamten, wieder trat Schweigen ein, das der

Inspektor unterbrach, indem er die Entscheidung der Gebieterin in einer

wichtigen Angelegenheit erbat. Erst nach beendigter Konferenz erkundigte er

sich, gleichsam privatim, nach der hohen Verfügung betreffs Mischkas.

„Und nun beging meine Großmutter jene Übereilung, von der ich im

Anfang sprach.

„‚Fünfzig Stockprügel,‘ lautete ihr rasch gefällter Urteilsspruch; ‚gleich heute, es ist ohnehin Samstag.‘

„Der Samstag war nämlich zu jener Zeit, deren Sie,“ diesem Worte gab der

Graf eine besondere, sehr schalkhafte Betonung – „sich unmöglich besinnen

können, der Tag der Exekutionen. Da wurde die Bank vor das Amtshaus gestellt

...“

„Weiter, weiter!“ sagte die Gräfin, „halten Sie sich nicht auf mit unnötigen

Details.“

„Zur Sache denn! – An demselben Samstag sollten die letzten Gäste

abreisen, es herrschte große Bewegung im Schlosse; meine Großmutter, mit den

Vorbereitungen zu einer Abschiedsüberraschung, die sie den Scheidenden

bereiten ließ, beschäftigt, kam spät dazu, Toilette zum Diner zu machen, und

trieb ihre Kammerzofen zur Eile an. In diesem allerungünstigsten Momente ließ

der Doktor sich anmelden. Er war unter allen Dignitären der Herrin derjenige,

der am wenigsten in Gnaden bei ihr stand, verdiente es auch nicht besser, denn

einen langweiligeren, schwerfälligeren Pedanten hat es nie gegeben.

„Meine Großmutter befahl, ihn abzuweisen, er aber kehrte sich nicht daran,

sondern schickte ein zweites Mal und ließ die hochgeborene Frau Gräfin

untertänigst um Gehör bitten, er hätte nur ein paar Worte über den Mischka zu

sprechen.

„‚Was will man denn noch mit dem?‘ rief die Gebieterin; ‚gebt mir Ruhe,

ich habe andre Sorgen.‘

„Der zudringliche Arzt entfernte sich murrend.

„Die Sorgen aber, von denen meine Großmutter gesprochen hatte, waren

nicht etwa frivole, sondern solche, die zu den peinvollsten gehören – Sorgen, für

die Ihnen, liebe Freundin, allerdings das Verständnis und infolgedessen auch das

Mitleid fehlt – Poetensorgen.“

„O mein Gott!“ sagte die Gräfin unbeschreiblich wegwerfend, und der

Erzähler entgegnete:

„Verachten Sie's, soviel Sie wollen, meine Großmutter besaß poetisches

Talent, und es manifestierte sich deutlich in dem Schäferspiel „Les adieux de

Chloë“, das sie gedichtet und den Darstellern selbst einstudiert hatte. Das

Stückchen sollte nach der Tafel, die man im Freien abhielt, aufgeführt werden,

und der Dichterin, obwohl sie ihres Erfolges ziemlich sicher war, bemächtigte

sich, je näher der entscheidende Augenblick kam, eine desto weniger angenehme

Unruhe. Beim Dessert, nach einem feierlichen, auf die Frau des Hauses

ausgebrachten Toast, gab jene ein Zeichen. Die mit Laub überflochtenen Wände,

welche den Einblick in ein aus beschnittenen Buchenhecken gebildetes Halbrund

verdeckt hatten, rollten auseinander, und eine improvisierte Bühne wurde

sichtbar. Man erblickte die Wohnung der Hirtin Chloë, die mit Rosenblättern bestreute Moosbank, auf der sie schlief, den mit Tragant überzogenen Hausaltar,

an dem sie betete, und den mit einem rosafarbigen Band umwundenen Rocken,

an dem sie die schneeig weiße Wolle ihrer Lämmchen spann. Als idyllische

Schäferin besaß Chloë das Geheimnis dieser Kunst. Nun trat sie selbst aus einem

Taxusgange, und hinter ihr schritt ihr Gefolge, darunter ihr Liebling, der Schäfer

Myrtill. Alle trugen Blumen, und in vortrefflichen Alexandrinern teilte nun die

zarte Chloë dem aufmerksam lauschenden Publikum mit, dies seien die Blumen

der Erinnerung, gepflückt auf dem Felde der Treue, und bestimmt, dargebracht

zu werden auf dem Altar der Freundschaft. Gleich nach dieser Eröffnung brach

ungemessener Jubel im Auditorium los und steigerte sich von Vers zu Vers.

Einige Damen, die Racine kannten, erklärten, er könne sich vor meiner

Großmutter verstecken, und einige Herren, die ihn nicht kannten, bestätigten es.

Sie aber konnte über die Echtheit des Enthusiasmus, den ihre Dichtung

erweckte, nicht in Zweifel sein. Die Ovationen dauerten noch fort, als die

Herrschaften schon ihre Wagen oder ihre Pferde bestiegen hatten und teils in

stattlichen Equipagen, teils in leichten Fuhrwerken, teils auf flinken Rossen aus

dem Hoftor rollten oder sprengten.

„Die Herrin stand unter dem Portal des Schlosses und winkte den

Scheidenden grüßend und für ihre Hochrufe dankend zu. Sie war so friedlich

und fröhlich gestimmt, wie dies einem Selbstherrscher, auch des kleinsten

Reiches, selten zuteil wird. Da – eben im Begriff, sich ins Haus

zurückzuwenden, gewahrte sie ein altes Weiblein, das in respektvoller

Entfernung vor den Stufen des Portals kniete. Es hatte den günstigen Augenblick

wahrgenommen und sich durch das offenstehende Tor im Gewirr und Gedränge

unbemerkt hereingeschlichen. Jetzt erst wurde es von einigen Lakaien erblickt.

Sogleich rannten sie, Herrn Fritz an der Spitze, auf das Weiblein zu, um es

gröblich hinwegzuschaffen. Zum allgemeinen Erstaunen jedoch winkte meine

Großmutter die dienstfertige Meute ab und befahl zu fragen, wer die Alte sei und

was sie wolle. Im nämlichen Moment räusperte sich's hinter der Gebieterin und

nießte, und, den breitkrempigen Hut in der einen Hand und mit der andern die

Tabaksdose im Busen verbergend, trat der Herr Doktor bedächtig heran. ‚Es ist,

hm, hm, hochgräfliche Gnaden werden entschuldigen,‘ sprach er, ‚es ist die

Mutter des Mischka.‘

„‚Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem

Mischka?... Und was will die Alte!‘“

„‚Was wird sie wollen, hochgräfliche Gnaden? Bitten wird sie für ihn

wollen, nichts andres.‘

„‚Was denn bitten? Da gibt's nichts zu bitten.‘

„‚Freilich nicht, ich habe es ihr ohnehin gesagt, aber was nutzt's? Sie will doch bitten, hm, hm.‘

„‚Ganz umsonst, sagen Sie ihr das. Soll ich nicht mehr aus dem Hause

treten können, ohne zu sehen, wie die Gartenarbeiter ihre Geliebten

embrassieren?‘

„Der Doktor räusperte sich, und meine Großmutter fuhr fort: ‚Auch hat er

seinen Vater halbtot geschlagen.‘

„‚Hm, hm, er hat ihm eigentlich nichts getan, auch nichts tun wollen, nur

abhalten, die Mutter nicht ganz totzuschlagen.‘

„‚So?‘

„‚Ja, hochgräfliche Gnaden. Der Vater, hochgräfliche Gnaden, ist ein

Mistvieh, hat einen Zahn auf den Mischka, weil der der Mutter seiner Geliebten

manchmal ein paar Kreuzer zukommen läßt.‘

„‚Wem?‘

„‚Der Mutter seiner Geliebten, hochgräfliche Gnaden, ein erwerbsunfähiges

Weib, dem sozusagen die Quellen der Subsistenzmittel abgeschnitten worden

sind ... dadurch, daß man die Tochter fortgeschickt hat.‘

„‚Schon gut, schon gut!... Mit den häuslichen Angelegenheiten der Leute

verschonen Sie mich, Doktor, da mische ich mich nicht hinein.‘

„Der Doktor schob mit einer breiten Gebärde den Hut unter den Arm, zog

das Taschentuch und schneuzte sich diskret. ‚So werde ich also der Alten sagen,

daß es nichts ist.‘ Er machte, was die Franzosen une fausse sortie nennen, und

setzte hinzu: ‚Freilich, hochgräfliche Gnaden, wenn es nur wegen des Vaters

wäre ...‘

„‚Nicht bloß wegen des Vaters, er hat auch dem Janko ein Auge

ausgeschlagen.‘

„Der Doktor nahm eine wichtige Miene an, zog die Augenbrauen so hoch

in die Höhe, daß seine dicke Stirnhaut förmliche Wülste bildete, und sprach:

‚Was dieses Auge betrifft, das sitzt fest und wird dem Janko noch gute Dienste

leisten, sobald die Sugillation, die sich durch den erhaltenen Faustschlag gebildet

hat, aufgesaugt sein wird. Hätte mich auch gewundert, wenn der Mischka

imstande gewesen wäre, einen kräftigen Hieb zu führen nach der Behandlung,

die er von den Heiducken erfahren hat. Die Heiducken, hochgräfliche Gnaden,

haben ihn übel zugerichtet.‘

„‚Seine Schuld; warum wollte er ihnen nicht gutwillig folgen.‘

„‚Freilich, freilich, warum wollte er nicht? Vermutlich, weil sie ihn vom

Sterbebette seiner Geliebten abgeholt haben – da hat er sich schwer getrennt ...

Das Mädchen, hm, hm, war in andern Umständen, soll vom Vater des Mischka

sehr geprügelt worden sein, bevor sie die Wanderung angetreten hat. Und dann –

die Wanderung, die weit ist, und die Person, hm, hm, die immer schwach gewesen ist ... kein Wunder, wenn sie am Ziele zusammengebrochen ist.‘

„Meine Großmutter vernahm jedes Wort dieser abgebrochenen Sätze, wenn

sie sich auch den Anschein zu geben suchte, daß sie ihnen nur eine

oberflächliche Aufmerksamkeit schenkte. ‚Eine merkwürdige Verkettung von

Fatalitäten,‘ sprach sie, ‚vielleicht eine Strafe des Himmels.‘

„‚Wohl, wohl,‘ nickte der Doktor, dessen Gesicht zwar immer seinen

gleichmütigen Ausdruck behielt, sich aber allmählich purpurrot gefärbt hatte.

‚Wohl, wohl, des Himmels, und wenn der Himmel sich bereits dreingelegt hat,

dürfen hochgräfliche Gnaden ihm vielleicht auch das Weitere in der Sache

überlassen ... ich meine nur so!‘ schaltete er, seine vorlaute Schlußfolgerung

entschuldigend, ein – ‚und dieser Bettlerin‘, er deutete nachlässig auf die Mutter

Mischkas, ‚huldvollst ihre flehentliche Bitte erfüllen.‘

„Die kniende Alte hatte dem Gespräch zu folgen gesucht, sich aber mit

keinem Laut daran beteiligt. Ihre Zähne schlugen vor Angst aneinander, und sie

sank immer tiefer in sich zusammen.

„‚Was will sie denn eigentlich?‘ fragte meine Großmutter.

„‚Um acht Tage Aufschub, hochgräfliche Gnaden, der ihrem Sohne

diktierten Strafe, untersteht sie sich zu bitten, und ich, hochgräfliche Gnaden,

unterstütze das Gesuch, durch dessen Genehmigung der Gerechtigkeit besser

Genüge geschähe, als heute der Fall sein kann.‘

„‚Warum?‘

„‚Weil der Delinquent in seinem gegenwärtigen Zustande den Vollzug der

ganzen Strafe schwerlich aushalten würde.‘

„Meine Großmutter machte eine unwillige Bewegung und begann langsam

die Stufen des Portals niederzusteigen. Fritz sprang hinzu und wollte sie dabei

unterstützen. Sie aber winkte ihn hinweg: ‚Geh aufs Amt,‘ befahl sie, ‚Mischka

ist begnadigt.‘

„‚Ah!‘ stieß der treue Knecht bewundernd hervor und enteilte, während der

Doktor bedächtig die Uhr aus der Tasche zog und leise vor sich hinbrummte:

‚Hm, hm, es wird noch Zeit sein, die Exekution dürfte eben begonnen haben.‘

„Das Wort ‚begnadigt‘ war von der Alten verstanden worden; ein Gewinsel

der Rührung, des Entzückens drang von ihren Lippen, sie fiel nieder und

drückte, als die Herrin näher trat, das Gesicht auf die Erde, als ob sie sich vor so

viel Größe und Hoheit dem Boden förmlich gleichzumachen suche.

„Der Blick meiner Großmutter glitt mit einer gewissen Scheu über dieses

Bild verkörperter Demut: ‚Steh auf‘, sagte sie und – zuckte zusammen und

horchte ... und alle Anwesenden horchten erschaudernd, die einen starr, die

andern mit dem albernen Lachen des Entsetzens. Aus der Gegend des

Amtshauses hatten die Lüfte einen gräßlichen Schrei herübergetragen. Er schien ein Echo geweckt zu haben in der Brust des alten Weibleins, denn es erhob

stöhnend den Kopf und murmelte ein Gebet ...

„‚Nun?‘ fragte einige Minuten später meine Großmutter den atemlos

herbeistürzenden Fritz: ‚Hast du's bestellt?‘

„‚Zu dienen,‘ antwortete Fritz und brachte es diesmal statt zu seinem süßen

Lächeln nur zu einem kläglichen Grinsen: ‚Er laßt die Hand küssen, er ist schon

tot.‘“ –

„Fürchterlich!“ rief die Gräfin aus, „und das nennen Sie eine friedliche

Geschichte?“

„Verzeihen Sie die Kriegslist, Sie hätten mich ja sonst nicht angehört,“

erwiderte der Graf. „Aber vielleicht begreifen Sie jetzt, warum ich den

sanftmütigen Nachkommen Mischkas nicht aus dem Dienst jage, obwohl er

meine Interessen eigentlich recht nachlässig vertritt.“