Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte
Er laßt die Hand küssen.
„So reden Sie denn in Gottes Namen“, sprach die Gräfin, „ich werde Ihnen
zuhören; glauben aber nicht ein Wort.“
Der Graf lehnte sich behaglich zurück in seinem großen Lehnsessel: „Und
warum nicht?“ fragte er.
Sie zuckte leise mit den Achseln: „Vermutlich erfinden Sie nicht
überzeugend genug.“
„Ich erfinde gar nicht, ich erinnere mich. Das Gedächtnis ist meine Muße.“
„Eine einseitige, wohldienerische Muße! Sie erinnert sich nur der Dinge,
die Ihnen in den Kram passen. Und doch gibt es auf Erden noch manches
Interessante und Schöne außer dem – Nihilismus.“ Sie hatte ihre Häkelnadel
erhoben und das letzte Wort wie einen Schuß gegen ihren alten Verehrer
abgefeuert.
Er vernahm es ohne Zucken, strich behaglich seinen weißen Bart und sah
die Gräfin beinahe dankbar aus seinen klugen Augen an. „Ich wollte Ihnen etwas
von meiner Großmutter erzählen,“ sprach er. „Auf dem Wege hierher, mitten im
Walde, ist es mir eingefallen.“
Die Gräfin beugte den Kopf über ihre Arbeit und murmelte: „Wird eine
Räubergeschichte sein.“
„O, nichts weniger! So friedlich wie das Wesen, durch dessen Anblick jene
Erinnerung in mir wachgerufen wurde, Mischka IV. nämlich, ein Urenkel des
ersten Mischka, der meiner Großmutter Anlaß zu einer kleinen Übereilung gab,
die ihr später leid getan haben soll,“ sagte der Graf mit etwas affektierter
Nachlässigkeit, und fuhr dann wieder eifrig fort: „Ein sauberer Heger, mein
Mischka, das muß man ihm lassen! er kriegte aber auch keinen geringen
Schrecken, als ich ihm unvermutet in den Weg trat – hatte ihn vorher schon eine
Weile beobachtet ... Wie ein Käfersammler schlich er herum, die Augen auf den
Boden geheftet, und was hatte er im Laufe seines Gewehres stecken? Denken
Sie: – ein Büschel Erdbeeren!“
„Sehr hübsch!“ versetzte die Gräfin. „Machen Sie sich darauf gefaßt – in
Bälde wandern Sie zu mir herüber durch die Steppe, weil man Ihnen den Wald fortgetragen haben wird.“
„Der Mischka wenigstens verhindert's nicht.“
„Und Sie sehen zu?“
„Und ich sehe zu. Ja, ja, es ist schrecklich. Die Schwäche liegt mir im Blut
– von meinen Vorfahren her.“ Er seufzte ironisch und sah die Gräfin mit einer
gewissen Tücke von der Seite an.
Sie verschluckte ihre Ungeduld, zwang sich, zu lächeln und suchte ihrer
Stimme einen möglichst gleichgültigen Ton zu geben, indem sie sprach: „Wie
wär's, wenn Sie noch eine Tasse Tee trinken und die Schatten Ihrer Ahnen heute
einmal unbeschworen lassen würden? Ich hätte mit Ihnen vor meiner Abreise
noch etwas zu besprechen.“
„Ihren Prozeß mit der Gemeinde? – Sie werden ihn gewinnen.“
„Weil ich recht habe.“
„Weil Sie vollkommen recht haben.“
„Machen Sie das den Bauern begreiflich. Raten Sie ihnen, die Klage
zurückzuziehen.“
„Das tun sie nicht.“
„Verbluten sich lieber, tragen lieber den letzten Gulden zum Advokaten.
Und zu welchem Advokaten, guter Gott!... ein ruchloser Rabulist. Dem glauben
sie, mir nicht, und wie mir scheint, Ihnen auch nicht, trotz all Ihrer
Popularitätshascherei!“
Die Gräfin richtete die hohe Gestalt empor und holte tief Atem. „Gestehen
Sie, daß es für diese Leute, die so töricht vertrauen und mißtrauen, besser wäre,
wenn ihnen die Wahl ihrer Ratgeber nicht frei stände.“
„Besser wär's natürlich! Ein bestellter Ratgeber, und – auch bestellt – der
Glaube an ihn.“
„Torheit!“ zürnte die Gräfin.
„Wie so? Sie meinen vielleicht, der Glaube lasse sich nicht bestellen?... Ich
sage Ihnen, wenn ich vor vierzig Jahren meinem Diener eine Anweisung auf ein
Dutzend Stockprügel gab und dann den Rat, aufs Amt zu gehen, um sie
einzukassieren, nicht einmal im Rausch wäre es ihm eingefallen, daß er etwas
Besseres tun könnte, als diesen meinen Rat befolgen.“
„Ach, Ihre alten Schnurren! – Und ich, die gehofft hatte, Sie heute
ausnahmsweise zu einem vernünftigen Gespräch zu bringen!“
Der alte Herr ergötzte sich eine Weile an ihrem Ärger und sprach dann:
„Verzeihen Sie, liebe Freundin. Ich bekenne, Unsinn geschwatzt zu haben. Nein,
der Glaube läßt sich nicht bestellen, aber leider der Gehorsam ohne Glauben.
Das eben war das Unglück des armen Mischka und so mancher andrer, und
deshalb bestehen heutzutage die Leute darauf, wenigstens auf ihre eigne Fasson ins Elend zu kommen.“
Die Gräfin erhob ihre nachtschwarzen, noch immer schönen Augen gegen
den Himmel, bevor sie dieselben wieder auf ihre Arbeit senkte und mit einem
Seufzer der Resignation sagte: „Die Geschichte Mischkas also!“
„Ich will sie so kurz machen als möglich,“ versetzte der Graf, „und mit dem
Augenblick beginnen, in dem meine Großmutter zum erstenmal auf ihn
aufmerksam wurde. Ein hübscher Bursche muß er gewesen sein; ich besinne
mich eines Bildes von ihm, das ein Künstler, der sich einst im Schlosse aufhielt,
gezeichnet hatte. Zu meinem Bedauern fand ich es nicht im Nachlaß meines
Vaters und weiß doch, daß er es lange aufbewahrt hat, zum Andenken an die
Zeiten, in denen wir noch das jus gladii ausübten.“
„O Gott!“ unterbrach ihn die Gräfin, „spielt das jus gladii eine Rolle in
Ihrer Geschichte?“
Der Erzähler machte eine Bewegung der höflichen Abwehr und fuhr fort:
„Es war bei einem Erntefest und Mischka einer der Kranzträger, und er
überreichte den seinen schweigend, aber nicht mit gesenkten Augen, sah
vielmehr die hohe Gebieterin ernsthaft und unbefangen an, während ein
Aufseher im Namen der Feldarbeiter die übliche Ansprache herunterleierte.
„Meine Großmutter erkundigte sich nach dem Jungen und hörte, er sei ein
Häuslersohn, zwanzig Jahre alt, ziemlich brav, ziemlich fleißig und so still, daß
er als Kind für stumm gegolten hatte, für dummlich galt er noch jetzt. – Warum?
wollte die Herrin wissen; warum galt er für dummlich?... Die befragten
Dorfweisen senkten die Köpfe, blinzelten einander verstohlen zu und mehr als:
‚So, – ja eben so‘, und: – ‚je nun, wie's schon ist‘, war aus ihnen nicht
herauszubringen.
„Nun hatte meine Großmutter einen Kammerdiener, eine wahre Perle von
einem Menschen. Wenn er mit einem Vornehmen sprach, verklärte sich sein
Gesicht dergestalt vor Freude, daß er beinahe leuchtete. Den schickte meine
Großmutter andern Tages zu den Eltern Mischkas mit der Botschaft, ihr Sohn sei
vom Feldarbeiter zum Gartenarbeiter avanciert und habe morgen den neuen
Dienst anzutreten.
„Der eifrigste von allen Dienern flog hin und her und stand bald wieder vor
seiner Gebieterin. ‚Nun,‘ fragte diese – ‚was sagen die Alten?‘ Der
Kammerdiener schob das rechte, auswärts gedrehte Bein weit vor ...“
„Waren Sie dabei?“ fiel die Gräfin ihrem Gaste ins Wort.
„Bei dieser Referenz gerade nicht, aber bei späteren des edlen Fritz,“
erwiderte der Graf, ohne sich irre machen zu lassen. „Er schob das Bein vor,
sank aus Ehrfurcht völlig in sich zusammen und meldete, die Alten schwämmen
in Tränen der Dankbarkeit.
„‚Und der Mischka?‘
„‚O, der‘ – lautete die devote Antwort, und nun rutschte das linke Bein mit
anmutigem Schwunge vor – ‚o der – der laßt die Hand küssen.‘
„Daß es einer Tracht väterlicher Prügel bedurft hatte, um den Burschen zu
diesem Handkuß im Gedanken zu bewegen, verschwieg Fritz. Die Darlegung der
Gründe, die Mischka hatte, die Arbeit im freien Felde der im Garten
vorzuziehen, würde sich für Damenohren nicht geschickt haben. – Genug,
Mischka trat die neue Beschäftigung an und versah sie schlecht und recht. ‚Wenn
er fleißiger wäre, könnt's nicht schaden,‘ sagte der Gärtner. Dieselbe Bemerkung
machte meine Großmutter, als sie einmal vom Balkon aus zusah, wie die Wiese
vor dem Schlosse gemäht wurde. Was ihr noch auffiel, war, daß alle andern
Mäher von Zeit zu Zeit einen Schluck aus einem Fläschchen taten, das sie unter
einem Haufen abgelegter Kleider hervorzogen und wieder darin verbargen.
Mischka war der einzige, der diesen Quell der Labung verschmähend sich aus
einem irdenen, im Schatten des Gebüsches aufgestellten Krüglein erquickte.
Meine Großmutter rief den Kammerdiener. ‚Was haben die Mäher in der
Flasche?‘ fragte sie. – ‚Branntwein, hochgräfliche Gnaden.‘ – ‚Und was hat
Mischka in dem Krug?‘
„Fritz verdrehte die runden Augen, neigte den Kopf auf die Seite, ganz wie
unser alter Papagei, dem er ähnlich sah wie ein Bruder dem andern, und
antwortete schmelzenden Tones: ‚Mein Gott, hochgräfliche Gnaden – Wasser!‘
„Meine Großmutter wurde sogleich von einer mitleidigen Regung ergriffen
und befahl, allen Gartenarbeitern nach vollbrachtem Tagewerk Branntwein zu
reichen. ‚Dem Mischka auch,‘ setzte sie noch eigens hinzu.
„Diese Anordnung erregte Jubel. Daß Mischka keinen Branntwein trinken
wollte, war einer der Gründe, warum man ihn für dummlich hielt. Jetzt freilich,
nachdem die Einladung der Frau Gräfin an ihn ergangen, war's aus mit Wollen
und Nichtwollen. Als er in seiner Einfalt sich zu wehren versuchte, ward er
mores gelehrt, zur höchsten Belustigung der Alten und der Jungen. Einige rissen
ihn auf den Boden nieder, ein handfester Bursche schob ihm einen Keil zwischen
die vor Grimm zusammengebissenen Zähne, ein zweiter setzte ihm das Knie auf
die Brust und goß ihm solange Branntwein ein, bis sein Gesicht so rot und der
Ausdruck desselben so furchtbar wurde, daß die übermütigen Quäler sich selbst
davor entsetzten. Sie gaben ihm etwas Luft, und gleich hatte er sie mit einer
wütenden Anstrengung abgeschüttelt, sprang auf und ballte die Fäuste ... aber
plötzlich sanken seine Arme, er taumelte und fiel zu Boden. Da fluchte, stöhnte
er, suchte mehrmals vergeblich sich aufzuraffen und schlief endlich auf dem
Fleck ein, auf den er hingestürzt war, im Hofe, vor der Scheune, schlief bis zum
nächsten Morgen, und als er erwachte, weil ihm die aufgehende Sonne auf die Nase schien, kam just der Knecht vorbei, der ihm gestern den Branntwein
eingeschüttet hatte. Der wollte schon die Flucht ergreifen, nichts andres
erwartend, als daß Mischka für die gestrige Mißhandlung Rache üben werde.
Statt dessen reckt sich der Bursche, sieht den andern traumselig an und lallt:
‚Noch einen Schluck!‘
„Sein Abscheu vor dem Branntwein war überwunden.
„Bald darauf, an einem Sonntag nachmittag, begab es sich, daß meine
Großmutter auf ihrer Spazierfahrt, von einem hübschen Feldweg gelockt,
ausstieg und bei Gelegenheit dieser Wanderung eine idyllische Szene belauschte.
Sie sah Mischka unter einem Apfelbaum am Feldrain sitzen, ein Kindlein in
seinen Armen. Wie er selbst, hatte auch das Kind den Kopf voll dunkelbrauner
Löckchen, der wohlgebildete kleine Körper hingegen war von lichtbrauner Farbe
und das armselige Hemdchen, das denselben notdürftig bedeckte, hielt die Mitte
zwischen den beiden Schattierungen. Der kleine Balg krähte förmlich vor
Vergnügen, so oft ihn Mischka in die Höhe schnellte, stieß mit den Füßchen
gegen dessen Brust, und suchte ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger in die
Augen zu fahren. Und Mischka lachte und schien sich mindestens ebensogut zu
unterhalten wie das Bübchen. Dem Treiben der beiden sah ein junges Mädchen
zu, auch ein braunes Ding und so zart und zierlich, als ob ihre Wiege am Ganges
gestanden hätte. Sie trug über dem geflickten kurzen Rocke eine ebenfalls
geflickte Schürze und darin einen kleinen Vorrat aufgelesener Ähren. Nun brach
sie eine derselben vom Stiele, schlich sich an Mischka heran und ließ ihm die
Ähre zwischen der Haut und dem Hemd ins Genick gleiten. Er schüttelte sich,
setzte das Kind auf den Boden und sprang dem Mädchen nach, das leicht und
hurtig und ordentlich wie im Tanze vor ihm floh; einmal pfeilgerade, dann
wieder einen Garbenschober umkreisend, voll Ängstlichkeit und dabei doch
neckend und immer höchst anmutig. Allerdings ist bei unsren Landleuten eine
gewisse angeborene Grazie nichts Seltenes, aber diese beiden jungen Geschöpfe
gewährten in ihrer harmlosen Lustigkeit ein so angenehmes Schauspiel, daß
meine Großmutter es mit wahrem Wohlgefallen genoß. Einen andern Eindruck
brachte hingegen ihr Erscheinen auf Mischka und das Mädchen hervor. Wie
versteinert standen beide beim Anblick der Gutsherrin. Er, zuerst gefaßt, neigte
sich beinahe bis zur Erde, sie ließ die Schürze samt den Ähren sinken und
verbarg das Gesicht in den Händen.
„Beim Souper, an dem, wie an jeder Mahlzeit, der Hofstaat, bestehend aus
einigen armen Verwandten und aus den Spitzen der gräflichen Behörden,
teilnahm, sagte meine Großmutter zum Herrn Direktor, der neben ihr saß: ‚Die
Schwester des Mischka, des neuen Gartenarbeiters, scheint mir ein nettes,
flinkes Mädchen zu sein, und ich wünsche, es möge für die Kleine ein Posten ausgemittelt werden, an dem sie sich etwas verdienen kann.‘ Der Direktor
erwiderte: ‚Zu Befehl, hochgräfliche Gnaden, sogleich ... obwohl der Mischka
meines Wissens eine Schwester eigentlich gar nicht hat.‘
„‚Ihres Wissens,‘ versetzte meine Großmutter, ‚das ist auch etwas, Ihr
Wissen!... Eine Schwester hat Mischka und ein Brüderchen. Ich habe heute alle
drei auf dem Felde gesehen.‘
„‚Hm, hm,‘ lautete die ehrerbietige Entgegnung, und der Direktor hielt die
Serviette vor den Mund, um den Ton seiner Stimme zu dämpfen, ‚es wird wohl –
ich bitte um Verzeihung des obszönen Ausdrucks, die Geliebte Mischkas und,
mit Respekt zu sagen, ihr Kind gewesen sein.‘“
Der unwilligen Zuhörerin dieser Erzählung wurde es immer schwerer, an
sich zu halten, und sie rief nun: „Sie behaupten, daß Sie nicht dabei waren, als
diese denkwürdigen Reden gewechselt wurden? Woher wissen Sie denn nicht
nur über jedes Wort, sondern auch über jede Miene und Gebärde zu berichten?“
„Ich habe die meisten der Beteiligten gekannt, und weiß – ein bißchen
Maler, ein bißchen Dichter, wie ich nun einmal bin – weiß aufs Haar genau, wie
sie sich in einer bestimmten Lage benommen und ausgedrückt haben müssen.
Glauben Sie Ihrem treuen Berichterstatter, daß meine Großmutter nach der
Mitteilung, welche der Direktor ihr gemacht, eine Wallung des Zornes und der
Menschenverachtung hatte. Wie gut und fürsorglich für ihre Untertanen sie war,
darüber können Sie nach dem bisher Gehörten nicht in Zweifel sein. Im Punkte
der Moral jedoch verstand sie nur äußerste Strenge, gegen sich selbst nicht
minder als gegen andre. Sie hatte oft erfahren, daß sie bei Männern und Frauen
der Sittenverderbnis nicht zu steuern vermöge, der Sittenverderbnis bei
halbreifen Geschöpfen jedoch, der mußte ein Zügel angelegt werden können. –
Meine Großmutter schickte ihren Kammerdiener wieder zu den Eltern Mischkas.
Mit der Liebschaft des Burschen habe es aus zu sein. Das sei eine Schande für so
einen Buben, ließ sie sagen, ein solcher Bub habe an andre Dinge zu denken.
„Der Mischka, der zu Hause war, als die Botschaft kam, schämte sich in
seine Haut hinein ...“
„Es ist doch stark, daß Sie jetzt gar in der Haut Mischkas stecken wollen!“
fuhr die Gräfin höhnisch auf.
„Bis über die Ohren!“ entgegnete der Graf, „bis über die Ohren steck ich
darin! Ich fühle, als wäre ich es selbst, die Bestürzung und Beschämung, die ihn
ergriff. Ich sehe ihn, wie er sich windet in Angst und Verlegenheit, einen scheuen
Blick auf Vater und Mutter wirft, die auch nicht wissen, wo ein und aus vor
Schrecken, ich höre sein jammervoll klingendes Lachen bei den Worten des
Vaters: ‚Erbarmen Sie sich, Herr Kammerdiener! Er wird ein Ende machen, das
versteht sich, gleich wird er ein Ende machen!‘“
„Diese Versicherung genügte dem edlen Fritz, er kehrte ins Schloß zurück
und berichtete, glücklich über die treffliche Erfüllung seiner Mission, mit den
gewohnten Kniebeugungen und dem gewohnten demütigen und
freudestrahlenden Ausdruck in seiner Vogelphysiognomie: ‚Er laßt die Hand
küssen, er wird ein Ende machen.‘“
„Lächerlich!“ sagte die Gräfin.
„Höchst lächerlich!“ bestätigte der Graf. „Meine gute, vertrauensselige
Großmutter hielt die Sache damit für abgetan, dachte auch nicht weiter darüber
nach. Sie war sehr in Anspruch genommen durch die Vorbereitungen zu den
großen Festen, die alljährlich am zehnten September, ihrem Geburtstage, im
Schlosse gefeiert wurden, und einen Vor- und Nachtrab von kleinen Festen
hatten. Da kam die ganze Nachbarschaft zusammen, und Dejeuners, auf dem
grünen Teppich der Wiesen, Jagden, Pirutschaden, Soupers bei schönster
Waldbeleuchtung, Bälle – und so weiter folgten einander in fröhlicher Reihe ...
Man muß gestehen, unsre Alten verstanden Platz einzunehmen und Lärm zu
machen in der Welt. Gott weiß, wie langweilig und öde unser heutiges Leben auf
dem Schlosse ihnen erscheinen müßte.“
„Sie waren eben große Herren,“ entgegnete die Gräfin bitter, „wir sind auf
das Land zurückgezogene Armenväter.“
„Und – Armenmütter,“ versetzte der Graf mit einer galanten Verneigung,
die von derjenigen, der sie galt, nicht eben gnädig aufgenommen wurde. Der
Graf aber nahm sich das Mißfallen, das er erregt hatte, keineswegs zu Herzen,
sondern spann mit hellem Erzählerbehagen den Faden seiner Geschichte fort:
„So groß der Dienertroß im Schlosse auch war, während der Dauer der
Festlichkeiten genügte er doch nicht, und es mußten da immer Leute aus dem
Dorfe zur Aushilfe requiriert werden. Wie es kam, daß sich gerade dieses Mal
auch Mischkas Geliebte unter ihnen befand, weiß ich nicht, genug, es war der
Fall, und die beiden Menschen, die einander hätten meiden sollen, wurden im
Dienste der Gebieterin noch öfter zusammengeführt, als dies in früheren Tagen
bei der gemeinsamen Feldarbeit geschehen war. Er, mit einem Botengang
betraut, lief vom Garten in die Küche, sie von der Küche in den Garten –
manchmal trafen sie sich auch unterwegs und verweilten plaudernd ein
Viertelstündchen ...“
„Äußerst interessant!“ spottete die Gräfin – „wenn man doch nur wüßte,
was sie einander gesagt haben.“
„O, wie Sie schon neugierig geworden sind! – aber ich verrate Ihnen nur,
was unumgänglich zu meiner Geschichte gehört. – Eines Morgens lustwandelte
die Schloßfrau mit ihren Gästen im Garten. Zufällig lenkte die Gesellschaft ihre
Schritte nach einem selten betretenen Laubgang und gewahrte am Ende desselben ein junges Pärchen, das, aus verschiedenen Richtungen kommend, wie
freudig überrascht stehen blieb. Der Bursche, kein andrer als Mischka, nahm das
Mädchen rasch in die Arme und küßte es, was es sich ruhig gefallen ließ. Ein
schallendes Gelächter brach los – von den Herren und, ich fürchte, auch von
einigen der Damen ausgestoßen, die der Zufall zu Zeugen dieses kleinen
Auftritts gemacht hatte. Nur meine Großmutter nahm nicht teil an der
allgemeinen Heiterkeit. Mischka und seine Geliebte stoben natürlich davon. Der
Bursche – man hat es mir erzählt“ – kam der Graf scherzend einer
voraussichtlichen Einwendung der Gräfin entgegen, „glaubte in dem Augenblick
sein armes Mädchen zu hassen. Am selben Abend jedoch überzeugte er sich des
Gegenteils, als er nämlich erfuhr, die Kleine werde mit ihrem Kinde nach einer
andern Herrschaft der Frau Gräfin geschickt; zwei Tagereisen weit für einen
Mann, für eine Frau, die noch dazu ein anderthalb Jahre altes Kind mitschleppen
mußte, wohl noch einmal so viel. – Mehr als: ‚Herrgott! Herrgott! o du lieber
Herrgott!‘ sprach Mischka nicht, gebärdete sich wie ein Träumender, begriff
nicht, was man von ihm wolle, als es hieß an die Arbeit gehen – warf plötzlich
den Rechen, den ein Gehilfe ihm samt einem erweckenden Rippenstoß
verabfolgte, auf den Boden, und rannte ins Dorf, nach dem Hüttchen, in dem
seine Geliebte bei ihrer kranken Mutter wohnte, das heißt, gewohnt hatte, denn
nun war es damit vorbei. Die Kleine stand reisefertig am Lager der völlig
gelähmten Alten, die ihr nicht einmal zum Abschiedsegen die Hand aufs Haupt
legen konnte, und die bitterlich weinte. ‚Hört jetzt auf zu weinen,‘ sprach die
Tochter, ‚hört auf, liebe Mutter. Wer soll euch denn die Tränen abwischen, wenn
ich einmal fort bin?‘
„Sie trocknete die Wangen ihrer Mutter und dann auch ihre eigenen mit der
Schürze, nahm ihr Kind an die Hand und das Bündel mit ihren wenigen
Habseligkeiten auf den Rücken und ging ihres Weges an Mischka vorbei, und
wagte nicht einmal, ihn anzusehen. Er aber folgte ihr von weitem, und als der
Knecht, der dafür zu sorgen hatte, daß sie ihre Wanderung auch richtig antrete,
sie auf der Straße hinter dem Dorfe verließ, war Mischka bald an ihrer Seite,
nahm ihr das Bündel ab, hob das Kind auf den Arm und schritt so neben ihr her.
„Die Feldarbeiter, die in der Nähe waren, wunderten sich: – ‚Was tut er
denn, der Tropf?... Geht er mit? Glaubt er, weil er so dumm ist, daß er nur so
mitgehen kann?‘
„Bald nachher kam keuchend und schreiend der Vater Mischkas gerannt:
‚O, ihr lieben Heiligen! Heilige Mutter Gottes! hab ich mir's doch gedacht –
seiner Dirne läuft er nach, bringt uns noch alle ins Unglück ... Mischka! Sohn –
mein Junge!... Nichtsnutz! Teufelsbrut!‘ – jammerte und fluchte er abwechselnd.
„Als Mischka die Stimme seines Vaters hörte und ihn mit drohend geschwungenem Stocke immer näher herankommen sah, ergriff er die Flucht,
zur größten Freude des Knäbleins, das ‚Hott! hott!‘ jauchzte. Bald jedoch besann
er sich, daß er seine Gefährtin, die ihm nicht so rasch folgen konnte, im Stich
gelassen, wandte sich und lief zu ihr zurück. Sie war bereits von seinem Vater
erreicht und zu Boden geschlagen worden. Wie wahnsinnig raste der Zornige,
schlug drein mit den Füßen und mit dem Stocke, und ließ seinen ganzen Grimm
über den Sohn an dem wehrlosen Geschöpfe aus.
„Mischka warf sich dem Vater entgegen, und ein furchtbares Ringen
zwischen den beiden begann, das mit der völligen Niederlage des Schwächeren,
des Jüngeren, endete. Windelweich geprügelt, aus einer Stirnwunde blutend, gab
er den Kampf und den Widerstand auf. Der Häusler faßte ihn am Hemdkragen
und zerrte ihn mit sich; der armen kleinen Frau aber, die sich inzwischen
mühsam aufgerafft hatte, rief er zu: ‚Mach fort!‘
„Sie gehorchte lautlos, und selbst die Arbeiter auf dem Felde, stumpfes,
gleichgültiges Volk, fühlten Mitleid und sahen ihr lange nach, wie sie so
dahinwankte mit ihrem Kinde, so hilfsbedürftig und so völlig verlassen.
„In der Nähe des Schlosses trafen Mischka und sein Vater den Gärtner, den
der Häusler sogleich als ‚gnädiger Herr‘ ansprach und flehentlich ersuchte, nur
eine Stunde Geduld zu haben mit seinem Sohne. In einer Stunde werde Mischka
gewiß wieder bei der Arbeit sein; jetzt müsse er nur geschwind heimgehen und
sich waschen und sein Hemd auch. Der Gärtner fragte: ‚Was ist ihm denn? er ist
ja ganz blutig.‘ – ‚Nichts ist ihm,‘ lautete die Antwort, ‚er ist nur von der Leiter
gefallen.‘
„Mischka hielt das Wort, das sein Vater für ihn gegeben, und war eine
Stunde später richtig wieder bei der Arbeit. Am Abend aber ging er ins
Wirtshaus und trank sich einen Rausch an, den ersten freiwilligen, war überhaupt
seit dem Tage wie verwandelt. Mit dem Vater, der ihn gern versöhnt hätte, denn
Mischka war, seitdem er im Schloßgarten Beschäftigung gefunden, ein Kapital
geworden, das Zinsen trug, sprach er kein Wort, und von dem Gelde, das er
verdiente, brachte er keinen Kreuzer nach Hause. Es wurde teils für Branntwein
verausgabt, teils für Unterstützungen, die Mischka der Mutter seiner Geliebten
angedeihen ließ – und diese zweite Verwendung des von dem Burschen
Erworbenen erschien dem Häusler als der ärgste Frevel, den sein Sohn an ihm
begehen konnte. Daß der arme Teufel, der arme Eltern hatte, etwas wegschenkte,
an eine Fremde wegschenkte, der Gedanke wurde der Alp des Alten, sein
nagender Wurm. Je wütender der Vater sich gebärdete, desto verstockter zeigte
sich der Sohn. Er kam zuletzt gar nicht mehr nach Hause, oder höchstens einmal
im geheimen, wenn er den Vater auswärts mußte, um die Mutter zu sehen, an der
ihm das Herz hing. Diese Mutter ...“ der Graf machte eine Pause – „Sie, liebe Freundin, kennen sie, wie ich sie kenne.“
„Ich soll sie kennen?... Sie lebt noch?“ fragte die Gräfin ungläubig.
„Sie lebt; nicht im Urbilde zwar, aber in vielfachen Abbildern. Das kleine,
schwächliche, immer bebende Weiblein mit dem sanften, vor der Zeit gealterten
Gesicht, mit den Bewegungen des verprügelten Hundes, das untertänigst in sich
zusammensinkt und zu lächeln versucht, wenn eine so hohe Dame, wie Sie sind,
oder ein so guter Herr, wie ich bin, ihm einmal zuruft: ‚Wie geht's?‘ und in
demütigster Freundlichkeit antwortet: ‚Vergelt's Gott – wie's eben kann.‘ – Gut
genug für unsereins, ist seine Meinung, für ein Lasttier in Menschengestalt. Was
dürfte man anders verlangen, und wenn man's verlangte, wer gäbe es einem? –
Du nicht, hohe Frau, und du nicht, guter Herr ...“
„Weiter, weiter!“ sprach die Gräfin. „Sind Sie bald zu Ende?“
„Bald. – Der Vater Mischkas kam einst zu ungewohnter Stunde nach der
Hütte und fand da seinen Jungen. ‚Zur Mutter also kann er kommen, zu mir
nicht,‘ schrie er, schimpfte beide Verräter und Verschwörer und begann Mischka
zu mißhandeln, was sich der gefallen ließ. Als der Häusler sich jedoch
anschickte, auch sein Weib zu züchtigen, fiel der Bursche ihm in den Arm.
Merkwürdig genug, warum just damals? Wenn man ihn gefragt hätte, wie oft er
den Vater die Mutter schlagen sah, hätte er sagen müssen: ‚Soviel Jahre, als ich
ihrer gedenke, mit dreihundertfünfundsechzig multipliziert, das gibt die Zahl.‘ –
Und die ganze Zeit hindurch hatte er dazu geschwiegen, und heute loderte beim
längst gewohnten Anblick plötzlich ein unbezwinglicher Zorn in ihm empor.
Zum zweiten Male nahm er gegen den Vater Partei für das schwächere
Geschlecht, und dieses Mal blieb er Sieger. Er scheint aber mehr Entsetzen als
Freude über seinen Triumph empfunden zu haben. Mit einem heftigen
Aufschluchzen rief er dem Vater, der nun klein beigeben wollte, rief er der
weinenden Mutter zu: ‚Lebt wohl, mich seht ihr nie wieder!‘ und stürmte davon.
Vierzehn Tage lang hofften die Eltern umsonst auf seine Rückkehr, er war und
blieb verschwunden. Bis ins Schloß gelangte die Kunde seiner Flucht; meiner
Großmutter wurde angezeigt, Mischka habe seinen Vater halbtot geschlagen und
sich dann davon gemacht. Nun aber war es nach der Verletzung des sechsten
Gebotes diejenige des vierten, die von meiner Großmutter am schärfsten
verdammt wurde; gegen schlechte und undankbare Kinder kannte sie keine
Nachsicht ... Sie befahl, auf den Mischka zu fahnden, sie befahl, seiner habhaft
zu werden und ihn heimzubringen zu exemplarischer Bestrafung.
„Ein paarmal war die Sonne auf- und untergegangen, da stand eines
Morgens Herr Fritz an der Gartenpforte und blickte auf die Landstraße hinaus.
Lau und leise wehte der Wind über die Stoppelfelder, die Atmosphäre war voll
feinen Staubes, den die Allverklärerin Sonne durchleuchtete und goldig
schimmern ließ. Ihre Strahlen bildeten in dem beweglichen Element reizende kleine Milchstraßen, in denen Milliarden von winzigen Sternchen aufblitzten.
Und nun kam durch das flimmernde, tanzende Atomengewimmel eine schwere,
graue Wolkensäule, bewegte sich immer näher und rollte endlich so nahe an der
Pforte vorbei, daß Fritz deutlich unterscheiden konnte, wen sie umhüllte. Zwei
Heiducken waren es und Mischka. Er sah aus blaß und hohläugig wie der Tod
und wankte beim Gehen. In den Armen trug er sein Kind, das die Händchen um
seinen Hals geschlungen, den Kopf auf seine Schulter gelegt hatte und schlief.
Fritz öffnete das Tor, schloß sich der kleinen Karawane an, holte rasch einige
Erkundigungen ein und schwebte dann, ein Papagei im Taubenfluge, ins Haus,
über die Treppe, in den Saal hinein, in dem meine Großmutter eben die
sonnabendliche Ratsversammlung hielt. Der Kammerdiener, von dem
Glücksgefühl getragen, das Bedientenseelen beim Überbringen einer neuesten
Nachricht zu empfinden pflegen, rundete ausdrucksvoll seine Arme und sprach,
vor Wonne fast platzend: ‚Der Mischka laßt die Hand küssen. Er ist wieder da.‘
„‚Wo war er?‘ fragte meine Großmutter.
„‚Mein Gott, hochgräfliche Gnaden‘ – lispelte Fritz, schlug mehrmals
schnell nacheinander mit der Zunge an den Gaumen und blickte die Gebieterin
so zärtlich an, als die tiefste, unterwürfigste Knechtschaft es ihm nur irgend
erlaubte. ‚Wo wird er gewesen sein ... Bei seiner Geliebten. Ja,‘ bestätigte er,
während die Herrin, empört über diesen frechen Ungehorsam, die Stirn runzelte,
‚ja, und gewehrt hat er sich gegen die Heiducken, und dem Janko hat er, ja,
beinahe ein Auge ausgeschlagen.‘
„Meine Großmutter fuhr auf: ‚Ich hätte wirklich Lust, ihn henken zu
lassen.‘
„Alle Beamten verneigten sich stumm; nur der Oberförster warf nach
einigem Zagen die Behauptung hin: ‚Hochgräfliche Gnaden werden es aber nicht
tun.‘
„‚Woher weiß er das?‘ fragte meine Großmutter mit der strengen
Herrschermiene, die so vortrefflich wiedergegeben ist auf ihrem Bilde und die
mich gruseln macht, wenn ich im Ahnensaal an ihm vorübergehe. ‚Daß ich mein
Recht über Leben und Tod noch nie ausgeübt habe, bürgt nicht dafür, daß ich es
nie ausüben werde.‘
„Wieder verneigten sich alle Beamten, wieder trat Schweigen ein, das der
Inspektor unterbrach, indem er die Entscheidung der Gebieterin in einer
wichtigen Angelegenheit erbat. Erst nach beendigter Konferenz erkundigte er
sich, gleichsam privatim, nach der hohen Verfügung betreffs Mischkas.
„Und nun beging meine Großmutter jene Übereilung, von der ich im
Anfang sprach.
„‚Fünfzig Stockprügel,‘ lautete ihr rasch gefällter Urteilsspruch; ‚gleich heute, es ist ohnehin Samstag.‘
„Der Samstag war nämlich zu jener Zeit, deren Sie,“ diesem Worte gab der
Graf eine besondere, sehr schalkhafte Betonung – „sich unmöglich besinnen
können, der Tag der Exekutionen. Da wurde die Bank vor das Amtshaus gestellt
...“
„Weiter, weiter!“ sagte die Gräfin, „halten Sie sich nicht auf mit unnötigen
Details.“
„Zur Sache denn! – An demselben Samstag sollten die letzten Gäste
abreisen, es herrschte große Bewegung im Schlosse; meine Großmutter, mit den
Vorbereitungen zu einer Abschiedsüberraschung, die sie den Scheidenden
bereiten ließ, beschäftigt, kam spät dazu, Toilette zum Diner zu machen, und
trieb ihre Kammerzofen zur Eile an. In diesem allerungünstigsten Momente ließ
der Doktor sich anmelden. Er war unter allen Dignitären der Herrin derjenige,
der am wenigsten in Gnaden bei ihr stand, verdiente es auch nicht besser, denn
einen langweiligeren, schwerfälligeren Pedanten hat es nie gegeben.
„Meine Großmutter befahl, ihn abzuweisen, er aber kehrte sich nicht daran,
sondern schickte ein zweites Mal und ließ die hochgeborene Frau Gräfin
untertänigst um Gehör bitten, er hätte nur ein paar Worte über den Mischka zu
sprechen.
„‚Was will man denn noch mit dem?‘ rief die Gebieterin; ‚gebt mir Ruhe,
ich habe andre Sorgen.‘
„Der zudringliche Arzt entfernte sich murrend.
„Die Sorgen aber, von denen meine Großmutter gesprochen hatte, waren
nicht etwa frivole, sondern solche, die zu den peinvollsten gehören – Sorgen, für
die Ihnen, liebe Freundin, allerdings das Verständnis und infolgedessen auch das
Mitleid fehlt – Poetensorgen.“
„O mein Gott!“ sagte die Gräfin unbeschreiblich wegwerfend, und der
Erzähler entgegnete:
„Verachten Sie's, soviel Sie wollen, meine Großmutter besaß poetisches
Talent, und es manifestierte sich deutlich in dem Schäferspiel „Les adieux de
Chloë“, das sie gedichtet und den Darstellern selbst einstudiert hatte. Das
Stückchen sollte nach der Tafel, die man im Freien abhielt, aufgeführt werden,
und der Dichterin, obwohl sie ihres Erfolges ziemlich sicher war, bemächtigte
sich, je näher der entscheidende Augenblick kam, eine desto weniger angenehme
Unruhe. Beim Dessert, nach einem feierlichen, auf die Frau des Hauses
ausgebrachten Toast, gab jene ein Zeichen. Die mit Laub überflochtenen Wände,
welche den Einblick in ein aus beschnittenen Buchenhecken gebildetes Halbrund
verdeckt hatten, rollten auseinander, und eine improvisierte Bühne wurde
sichtbar. Man erblickte die Wohnung der Hirtin Chloë, die mit Rosenblättern bestreute Moosbank, auf der sie schlief, den mit Tragant überzogenen Hausaltar,
an dem sie betete, und den mit einem rosafarbigen Band umwundenen Rocken,
an dem sie die schneeig weiße Wolle ihrer Lämmchen spann. Als idyllische
Schäferin besaß Chloë das Geheimnis dieser Kunst. Nun trat sie selbst aus einem
Taxusgange, und hinter ihr schritt ihr Gefolge, darunter ihr Liebling, der Schäfer
Myrtill. Alle trugen Blumen, und in vortrefflichen Alexandrinern teilte nun die
zarte Chloë dem aufmerksam lauschenden Publikum mit, dies seien die Blumen
der Erinnerung, gepflückt auf dem Felde der Treue, und bestimmt, dargebracht
zu werden auf dem Altar der Freundschaft. Gleich nach dieser Eröffnung brach
ungemessener Jubel im Auditorium los und steigerte sich von Vers zu Vers.
Einige Damen, die Racine kannten, erklärten, er könne sich vor meiner
Großmutter verstecken, und einige Herren, die ihn nicht kannten, bestätigten es.
Sie aber konnte über die Echtheit des Enthusiasmus, den ihre Dichtung
erweckte, nicht in Zweifel sein. Die Ovationen dauerten noch fort, als die
Herrschaften schon ihre Wagen oder ihre Pferde bestiegen hatten und teils in
stattlichen Equipagen, teils in leichten Fuhrwerken, teils auf flinken Rossen aus
dem Hoftor rollten oder sprengten.
„Die Herrin stand unter dem Portal des Schlosses und winkte den
Scheidenden grüßend und für ihre Hochrufe dankend zu. Sie war so friedlich
und fröhlich gestimmt, wie dies einem Selbstherrscher, auch des kleinsten
Reiches, selten zuteil wird. Da – eben im Begriff, sich ins Haus
zurückzuwenden, gewahrte sie ein altes Weiblein, das in respektvoller
Entfernung vor den Stufen des Portals kniete. Es hatte den günstigen Augenblick
wahrgenommen und sich durch das offenstehende Tor im Gewirr und Gedränge
unbemerkt hereingeschlichen. Jetzt erst wurde es von einigen Lakaien erblickt.
Sogleich rannten sie, Herrn Fritz an der Spitze, auf das Weiblein zu, um es
gröblich hinwegzuschaffen. Zum allgemeinen Erstaunen jedoch winkte meine
Großmutter die dienstfertige Meute ab und befahl zu fragen, wer die Alte sei und
was sie wolle. Im nämlichen Moment räusperte sich's hinter der Gebieterin und
nießte, und, den breitkrempigen Hut in der einen Hand und mit der andern die
Tabaksdose im Busen verbergend, trat der Herr Doktor bedächtig heran. ‚Es ist,
hm, hm, hochgräfliche Gnaden werden entschuldigen,‘ sprach er, ‚es ist die
Mutter des Mischka.‘
„‚Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem
Mischka?... Und was will die Alte!‘“
„‚Was wird sie wollen, hochgräfliche Gnaden? Bitten wird sie für ihn
wollen, nichts andres.‘
„‚Was denn bitten? Da gibt's nichts zu bitten.‘
„‚Freilich nicht, ich habe es ihr ohnehin gesagt, aber was nutzt's? Sie will doch bitten, hm, hm.‘
„‚Ganz umsonst, sagen Sie ihr das. Soll ich nicht mehr aus dem Hause
treten können, ohne zu sehen, wie die Gartenarbeiter ihre Geliebten
embrassieren?‘
„Der Doktor räusperte sich, und meine Großmutter fuhr fort: ‚Auch hat er
seinen Vater halbtot geschlagen.‘
„‚Hm, hm, er hat ihm eigentlich nichts getan, auch nichts tun wollen, nur
abhalten, die Mutter nicht ganz totzuschlagen.‘
„‚So?‘
„‚Ja, hochgräfliche Gnaden. Der Vater, hochgräfliche Gnaden, ist ein
Mistvieh, hat einen Zahn auf den Mischka, weil der der Mutter seiner Geliebten
manchmal ein paar Kreuzer zukommen läßt.‘
„‚Wem?‘
„‚Der Mutter seiner Geliebten, hochgräfliche Gnaden, ein erwerbsunfähiges
Weib, dem sozusagen die Quellen der Subsistenzmittel abgeschnitten worden
sind ... dadurch, daß man die Tochter fortgeschickt hat.‘
„‚Schon gut, schon gut!... Mit den häuslichen Angelegenheiten der Leute
verschonen Sie mich, Doktor, da mische ich mich nicht hinein.‘
„Der Doktor schob mit einer breiten Gebärde den Hut unter den Arm, zog
das Taschentuch und schneuzte sich diskret. ‚So werde ich also der Alten sagen,
daß es nichts ist.‘ Er machte, was die Franzosen une fausse sortie nennen, und
setzte hinzu: ‚Freilich, hochgräfliche Gnaden, wenn es nur wegen des Vaters
wäre ...‘
„‚Nicht bloß wegen des Vaters, er hat auch dem Janko ein Auge
ausgeschlagen.‘
„Der Doktor nahm eine wichtige Miene an, zog die Augenbrauen so hoch
in die Höhe, daß seine dicke Stirnhaut förmliche Wülste bildete, und sprach:
‚Was dieses Auge betrifft, das sitzt fest und wird dem Janko noch gute Dienste
leisten, sobald die Sugillation, die sich durch den erhaltenen Faustschlag gebildet
hat, aufgesaugt sein wird. Hätte mich auch gewundert, wenn der Mischka
imstande gewesen wäre, einen kräftigen Hieb zu führen nach der Behandlung,
die er von den Heiducken erfahren hat. Die Heiducken, hochgräfliche Gnaden,
haben ihn übel zugerichtet.‘
„‚Seine Schuld; warum wollte er ihnen nicht gutwillig folgen.‘
„‚Freilich, freilich, warum wollte er nicht? Vermutlich, weil sie ihn vom
Sterbebette seiner Geliebten abgeholt haben – da hat er sich schwer getrennt ...
Das Mädchen, hm, hm, war in andern Umständen, soll vom Vater des Mischka
sehr geprügelt worden sein, bevor sie die Wanderung angetreten hat. Und dann –
die Wanderung, die weit ist, und die Person, hm, hm, die immer schwach gewesen ist ... kein Wunder, wenn sie am Ziele zusammengebrochen ist.‘
„Meine Großmutter vernahm jedes Wort dieser abgebrochenen Sätze, wenn
sie sich auch den Anschein zu geben suchte, daß sie ihnen nur eine
oberflächliche Aufmerksamkeit schenkte. ‚Eine merkwürdige Verkettung von
Fatalitäten,‘ sprach sie, ‚vielleicht eine Strafe des Himmels.‘
„‚Wohl, wohl,‘ nickte der Doktor, dessen Gesicht zwar immer seinen
gleichmütigen Ausdruck behielt, sich aber allmählich purpurrot gefärbt hatte.
‚Wohl, wohl, des Himmels, und wenn der Himmel sich bereits dreingelegt hat,
dürfen hochgräfliche Gnaden ihm vielleicht auch das Weitere in der Sache
überlassen ... ich meine nur so!‘ schaltete er, seine vorlaute Schlußfolgerung
entschuldigend, ein – ‚und dieser Bettlerin‘, er deutete nachlässig auf die Mutter
Mischkas, ‚huldvollst ihre flehentliche Bitte erfüllen.‘
„Die kniende Alte hatte dem Gespräch zu folgen gesucht, sich aber mit
keinem Laut daran beteiligt. Ihre Zähne schlugen vor Angst aneinander, und sie
sank immer tiefer in sich zusammen.
„‚Was will sie denn eigentlich?‘ fragte meine Großmutter.
„‚Um acht Tage Aufschub, hochgräfliche Gnaden, der ihrem Sohne
diktierten Strafe, untersteht sie sich zu bitten, und ich, hochgräfliche Gnaden,
unterstütze das Gesuch, durch dessen Genehmigung der Gerechtigkeit besser
Genüge geschähe, als heute der Fall sein kann.‘
„‚Warum?‘
„‚Weil der Delinquent in seinem gegenwärtigen Zustande den Vollzug der
ganzen Strafe schwerlich aushalten würde.‘
„Meine Großmutter machte eine unwillige Bewegung und begann langsam
die Stufen des Portals niederzusteigen. Fritz sprang hinzu und wollte sie dabei
unterstützen. Sie aber winkte ihn hinweg: ‚Geh aufs Amt,‘ befahl sie, ‚Mischka
ist begnadigt.‘
„‚Ah!‘ stieß der treue Knecht bewundernd hervor und enteilte, während der
Doktor bedächtig die Uhr aus der Tasche zog und leise vor sich hinbrummte:
‚Hm, hm, es wird noch Zeit sein, die Exekution dürfte eben begonnen haben.‘
„Das Wort ‚begnadigt‘ war von der Alten verstanden worden; ein Gewinsel
der Rührung, des Entzückens drang von ihren Lippen, sie fiel nieder und
drückte, als die Herrin näher trat, das Gesicht auf die Erde, als ob sie sich vor so
viel Größe und Hoheit dem Boden förmlich gleichzumachen suche.
„Der Blick meiner Großmutter glitt mit einer gewissen Scheu über dieses
Bild verkörperter Demut: ‚Steh auf‘, sagte sie und – zuckte zusammen und
horchte ... und alle Anwesenden horchten erschaudernd, die einen starr, die
andern mit dem albernen Lachen des Entsetzens. Aus der Gegend des
Amtshauses hatten die Lüfte einen gräßlichen Schrei herübergetragen. Er schien ein Echo geweckt zu haben in der Brust des alten Weibleins, denn es erhob
stöhnend den Kopf und murmelte ein Gebet ...
„‚Nun?‘ fragte einige Minuten später meine Großmutter den atemlos
herbeistürzenden Fritz: ‚Hast du's bestellt?‘
„‚Zu dienen,‘ antwortete Fritz und brachte es diesmal statt zu seinem süßen
Lächeln nur zu einem kläglichen Grinsen: ‚Er laßt die Hand küssen, er ist schon
tot.‘“ –
„Fürchterlich!“ rief die Gräfin aus, „und das nennen Sie eine friedliche
Geschichte?“
„Verzeihen Sie die Kriegslist, Sie hätten mich ja sonst nicht angehört,“
erwiderte der Graf. „Aber vielleicht begreifen Sie jetzt, warum ich den
sanftmütigen Nachkommen Mischkas nicht aus dem Dienst jage, obwohl er
meine Interessen eigentlich recht nachlässig vertritt.“