Ingeborg

Bernhard Kellermann · Kapitel 12 von 40

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Ingeborg

Kapitel 12

 

ote Tage! Blaue Nächte! Schön ist das Leben! Die Tage sind ein

Rausch, die Nächte ein Märchen. Die Tage sind Singen und Lachen, die Nächte

sind Küsse, die Tränen des Glückes aus zuckenden Wimpern trinken. Die Tage

sind eine große rote Sonne, die Nächte ein blaues Lichtchen Mondenglanz in

einem Auge ohne Grund.

An einem Sonntage kam ein Mann zu mir, der aus Haaren, Harz und Honig

war. Ich stand am Fenster und sah ihn die Bergstraße heraufkommen. Ein dicker

Stock ging neben dem Manne her. Dieser Stock machte noch größere Schritte als

der Mann und war immer um einiges voraus. Der Mann stand still und stieß den

Stock in den Boden.

„Ist der Herr zu Hause?“ rief er über die Wiese.

Ja, der Herr sei zu Hause.

Sofort begann der Mann wieder auszuschreiten, er steuerte auf die Türe zu,

und Mann und Stock verschwanden im Hause.

Es pochte laut, und ein bärtiger haselnußbrauner Kopf mit leuchtenden

wasserblauen Augen erschien in der Türe.

„Guten Tag auch,“ sagte der Mann und trat ein, den Stock in der Hand.

Er sei ein Holzfäller, komme aus dem Walde und heiße Fürchtegott Giselher.

„Willkommen!“ sagte ich und streckte dem Besuche die Hand hin.

„Keine Übereilung, Herr!“ sagte der Mann, der aus dem Walde kam. Er zog

sich einen Stuhl näher zur Türe, ließ sich gemächlich nieder, den Hut auf dem

Schoße und den dicken Stock über den Knien. Er blickte durch mein Zimmer,

das ein Museum auserlesener Gegenstände war, und lächelte geringschätzig.

Er hatte einen Kopf wie ein Apostel, sein Gesicht verschwand nahezu in dem

Kranze rußiger, zackiger Haare, zu dem sich Haupt- und Barthaare vereinigten.

Die Brauen, die Federn ähnlich waren, hingen halb über seine wasserblauen,

treuherzigen Augen. Der Mann hatte große Hände, Äxte waren sie gleichsam, sie

waren voller Risse und Sprünge, die Nägel abgeschabt und braun.

„Ja, ich komme aus dem Walde“, sagte der Bärtige und blickte mich an. „Ein weiter Weg hieher, ein weiter Weg. Aber es ist schön durch Gottes Natur zu

wandeln, allezeit ist es schön, etwa nicht?“

Es sei schön, durch Gottes Natur zu wandeln, da habe er recht.

Der Mann zog ein großes blaues Schnupftuch aus der Tasche und schnäuzte

sich geräuschvoll.

„Das Getreide steht gut, die Kartoffeln sehen gut aus. Ein wenig Regen noch.

Nun, der Herr über Mensch und Vieh wird es wohl einrichten.“

Er wickelte das Schnupftuch zusammen, wiegte den Kopf hin und her und

lächelte.

Also er sei Ingeborgs Vater. Ingeborg kenne ich doch, wie?

„Gewiß, gewiß!“

„Hm. Der Herr Graf ist ein biederer Mann mit einem Herzen, das Gott gefällt.

Er hat Ingeborg zu sich genommen und sie zu einer feinen Dame erzogen — das

ist alles schön und recht. Sie hat einen klaren Kopf, Ingeborg, das hat der Herr

Graf in der ersten Stunde gemerkt. Wer ist dein Vater? hat der Herr Graf sie

gefragt. Er haut Bäume um für die Schiffe und meine Mutter ist aus Dänemark,

hat sie ihm geantwortet. Sie gefiel ihm, in Sonderheit ihre Stimme hat ihm recht

gefallen — alles schön und recht, es fressen viele Mäuler aus meiner Schüssel.

Ein Mensch muß auch etwas wissen in unserer Zeit. Das haben wir nicht im

Walde. Alles schön und recht. Ich habe sie nicht gerne hergegeben, aber es war

ja viel besser für sie und Eigennutz ist nichts nutz. Nun, nun, nun, ich konnte sie

ja auch oft sehen, ich fragte, was mit dem Waldschlag am Weiher sei, ich fragte,

was mit der Streu sei, — ich hatte Holz zu fahren — ja, es gab immer dann und

wann einen Grund ins Schloß zu kommen, ja, ja, ja, gut.“

„Alles schön und gut“, sagte Fürchtegott Giselher und wiegte den Kopf auf

den breiten Schultern hin und her.

„Alles schön und gut, ja ja.“ Fürchtegott Giselher räusperte sich und nahm den

dicken Stock in die Hand und schwenkte ihn ein wenig auf und ab.

Er blickte mich an und murmelte etwas in den Bart. Dann blies er durch die

Lippen, daß der Schnurrbart flatterte.

„Alles schön und gut, aber zuweilen denke ich, daß es vielleicht besser für

Ingeborg gewesen wäre, wenn sie nicht ins Schloß gekommen wäre. Lieber arm

bleiben, aber richtig im Herzen, als eine feine Dame werden — nun nun, hm,

verstanden?“

„In den Wald, mein Herr, da kommt die Sünde nicht. Hören Sie, Herr, im

Walde — ha — dada, was ist im Walde? Was ist im Walde nicht, sage ich.

Schweigen, dunkel, grün und ein Specht klopft. So! Ich sitze vor meiner Hütte

und es wird Abend. Es gibt keinen Abend in Städten und Schlössern, nur im

Walde. Da ist er. Du kannst ihn anfassen, er sitzt neben dir auf der Bank! Es saust im Walde, es duftet im Walde, Harz tropft von den Bäumen. Herr, wie

saust der Wald! Ich höre es. Fünfzig Jahre lebe ich im Walde und nun höre ich,

wie er saust. Es saust ringsumher. Der Wald spricht! Worte gehen mir durch den

Kopf, Worte wie sie in den Büchern stehen. Ich sitze auf der Bank und klopfe

mit der Pfeife den Takt. Ich klopfe den Takt mit der Pfeife, ich will die Worte

aussprechen — — fort sind sie. Hahaha! Ich bin nur in der Dorfschule gewesen,

nur in der Dorfschule — Herr, wo ist der Feiertag so schön wie im Walde? Ich

habe ein frisches Hemd an und meine besten Kleider, ich sitze vor der Hütte und

horche auf das Rauschen der Bäume. Ah! Hört ihr es? Es säuselt. Die Wipfel

verneigen sich. — — Das ist der Herr!! Der Herr geht durch den Wald, und ich

höre es. Ich stehe auf, nehme den Hut ab und sage — — Herr?! — Ich höre ihn,

höre seine Worte, und ich strecke die Hand aus und spreche zu den Bäumen —

zu den — — — ich spreche zu ihnen —“

Der Mann aus dem Walde saß steif und mit ausgestreckter Hand und

strahlenden Augen, gerade als ob er zu den Bäumen spräche.

„Es werde Licht! sage ich. Licht! Verstehst du, Sohn des Himmels, was das

ist? Licht! Es werde Licht! Ich höre Stimmen, ganz deutlich, ich lausche. Ich

höre sie ganz deutlich. — — Ich lausche — — fort sind sie. Das ist der Wald.“

Und Fürchtegott Giselher sprach noch lange über den Wald, er sagte, daß am

Sonntag alte Männer und Frauen zu ihm kämen und er ihnen die heilige Schrift

auslegte. Woher habe er aber diese Gabe, die heilige Schrift auszulegen? Von

Gott und vom Walde! Dann rückte er auf dem Stuhle zurecht und sagte: „Ich bin

von Gott geschickt, um dir das zu sagen. Es ist noch Zeit umzukehren. Bei den

Büchern und nackten Frauen an den Wänden ist Sünde, im Walde ist Gott.

Zwischen dir und mir ein Abgrund, mein Freund!“

Seine Augen funkelten, er zog auf dem Boden einen Strich mit dem Stock.

„Hier arm, hier reich, hier Gott, hier Teufel. Jawohl!“ Er schüttelte den Kopf,

daß seine Haare flatterten, und fuhr in erregtem Tone fort: „Die reichen Leute

sind für die Hölle. Reich und gottlos ist ein Ding. Meine Tochter wurde reich,

nun, ich ließ sie nicht von mir und ihrer Mutter, auf daß sie auch gottlos werde!

Sie hat arme Eltern, die im Walde wohnen, da kann sie nicht gottlos werden,

nein!“

Hier nahm ich das Wort. Das sei sie doch wohl nicht geworden?

„Nicht!?“ Fürchtegott Giselher lachte grimmig.

„Nicht, du Sohn der Sünde? — — Ja, Gott hat seine Posten überall ausgestellt.

Ich habe einen Brief bekommen von einem Unbekannten —“

„Gewiß,“ sagte ich, „Ingeborg ist meine Braut.“

„Hahaha! Mein Freund, auch Maren war meine Braut! Braut, was sagst du,

hahaha. Freund, sage ich dir, jung und schön war Maren, aus dem fernen Dänenlande, sprach so sonderbar, sang wie ein Vogel. Oft kam der Teufel zu mir

und wollte mich verlocken. Niemand sieht es, sagte er, sieh wie es die anderen

treiben! Aber — ha, acht Jahre haben wir gewartet! — Braut, das ist etwas ganz

anderes!“

Vater Giselher lachte, rückte auf dem Stuhle hin und her und legte beide

Hände an den dicken Stock.

Ja, deshalb sei er gekommen, Gott freue sich über jedes wiedergefundene

Schäflein. Er wolle wissen — er wolle wissen —

Ich lächelte. „Wir werden uns wohl verständigen können“, sagte ich.

Ich beruhigte ihn, so gut ich konnte. Ich wolle mit Ingeborg sprechen.

Alles was er wünsche solle geschehen.

Vater Giselher nickte mit dem Kopfe.

„Ich sehe mit dir läßt sich reden, mein Sohn, gut!“ Er stellte den Stock in die

Ecke.

„Ein schöner Tag!“ sagte er, tief aufatmend. „Kostbare Dinge in diesem

Zimmer da!“

Nun könne er mir wohl die Hand geben? „Nun schon!“ Vater Giselher drückte

mir die Hand.

Wir verlebten einen schönen Nachmittag und Abend zusammen, Vater

Giselher und ich. Vater Giselher wollte nicht bleiben, aber ich verstand es ihm

zuzureden. So blieb er bis zum Abend und schließlich bis Mitternacht.

Ich liebte ihn. Wäre er nicht Ingeborgs Vater gewesen, so hätte ich allein

schon diese Eiche aus dem Walde lieb gewonnen, aber so war er noch dazu

Ingeborgs Vater. Und Ingeborgs Vater hätte ich unter allen Umständen geliebt, er

hätte ein zwölffacher Raubmörder sein können, ja sogar ein Taschendieb.

Wir plauderten, aßen und tranken. Vater Giselher lehnte jeden Wein zuerst mit

einer schroffen Handbewegung ab, aber als ich ihm sagte, daß sogar Jesus

Christus nichts gegen das Weintrinken gehabt habe — habe er nicht auf der

Hochzeit zu Kana Wasser in feinsten Wein verwandelt? — ließ er sich bewegen.

Er trank den stärksten Wein wie Wasser und ich hatte meine Freude an ihm.

Er sprach, sprach von Ingeborg und wie sehr er sie liebe, mit feuchten Augen

sprach er. Er sprach von der Welt und wie schlecht sie geworden sei. Er spie

voller Verachtung auf den Boden.

„Nun, du mußt wissen, daß ich ein Blatt lese, der Weinstock und die Reben

heißt es, der Pfarrer von Heiligenbrunn schickt es mir immer zu, da steht es

drinnen, wie schlecht und gottlos die Welt geworden ist. Eieiei — eiei! — Sollte

man es für möglich halten? Ein unglaublich verrückter Mann hat behauptet, daß

Gott gestorben ist! Gott ist gestorben — wie — aber dieser Narr lebt noch! Er

hat es gesehen, daß Gott gestorben ist, er hat ihm die Augen zugedrückt, natürlich! hahaha! Und dabei steht doch schon in der Bibel: ewig, ewig, ewig ist

der Herr Zebaoth! Dada! —“

Zum Beispiel sei wiederum so ein falscher eitler Schriftgelehrter und

Pharisäer aufgestanden und habe behauptet, jenes Wunder auf der Hochzeit von

Kana sei erfunden. Haha! Aber ein Mensch, der Tote auferwecken könne, könne

doch auch Wasser in Wein verwandeln? Jedes Kind begreife das!

Wie klug diese Pharisäer doch seien! „Der Herr aber ist allmächtig, er kann

meinen Stock in ein Huhn, uns zwei in Gerstenkörner verwandeln, und das Huhn

frißt die Gerstenkörner auf. Niemand wird glauben, daß der Stock uns gefressen

hat, und doch ist es so. Ja, bei ihm ist kein Ding unmöglich!“

Vater Giselher sprach und sprach, aß und trank. Immer wieder sprach er vom

Walde und daß Worte durch seinen Kopf klängen, sodaß er sie fast greifen und

festhalten könne. Allmählich nannte er eine Menge von Namen, die mir

natürlich fremd waren, er fragte dies und jenes, fragte mich auch, ob ich glaube,

daß Peter von der Gaschmühle das Mehl gestohlen habe, oder nicht.

Nein, ich glaube es nicht.

Auch Vater Giselher glaubte es nicht. Nein, nie und nimmermehr, denn er

hätte doch Peters Vater gekannt, den ein Baum erschlagen habe in jener

Sturmnacht vom 3. November 1867. Ob ich je wieder einen solchen Sturm erlebt

hätte?

„Haha! Was für ein Wetter, eiei!“

Vater Giselher ahmte das Brüllen des Sturmes nach, das Krachen der Bäume,

das Pfeifen der Zweige, das Schwanken der Tannen. Die Zweige der Bäume

stellte er durch die ausgespreizten Finger dar, er ließ sie auf und abschwanken

und stieß einige Gläser dabei um.

„Was aber nun das Sonderbare ist, dieser Peter hat das Mehl doch gestohlen,

Tatsache! Er hat es selbst eingestanden, zwei Monate hat er bekommen!“

Plötzlich hob Vater Giselher den Finger in die Höhe. Der Wald sauste.

Ein Lächeln verklärte sein bärtiges braunes Gesicht und er bewegte die

Lippen und klopfte mit der Pfeife den Takt auf dem Tische.

„Jaja, es leben viele Wunder im Walde“, sagte er dann vor sich hin. „Niemand

weiß, weshalb die Eiche knorrig sein muß und die Tanne schlank, weshalb das

Rotkehlchen eine rote Kehle hat, niemand weiß das. Warum sind die Leute im

Walde gottesfürchtig und gottlos die in den Städten? Antwort? haha!“

Um Mitternacht brach Vater Giselher auf. Ich bot ihm den Wagen an, ich

wollte ihn selbst nach Hause fahren.

Nein nein!

„Wenn mir Gott Füße gemacht hat, weshalb soll ich denn fahren? Das ist

wider den Sinn. — Nun also, wie es ausgemacht ist: vor Gott und dem Gesetze.“

„Ich werde mit Ingeborg sprechen.“

Vater Giselher ging mit großen Schritten den Berg hinunter und schwang den

Stock, daß Funken aus der Straße fuhren. Dann begann er mit lauter Stimme

einen Choral anzustimmen. Der Wald hallte. — — —

Am andern Tage traf ich mit Ingeborg im Walde zusammen und ich sprach mit

ihr. Mein Herz zitterte, wollte sie doch ja sagen!

Ingeborg senkte den Kopf und blickte auf den Weg.

Daran habe sie nicht gedacht, nein.

Sie zuckte zusammen. „Ja, wer hat ihm denn den Brief geschrieben?“

Unsere Blicke begegneten sich.

Ingeborg erblaßte. — „O,“ rief sie aus und schlug die Hände vor das Gesicht,

„welch ehrlose Menschen es doch gibt, pfui, pfui!“

„Sein Unglück hat ihm den Verstand verwirrt,“ sagte ich. „Er wäre gewiß nie

einer solchen Schlechtigkeit fähig gewesen. Denke daran, wie tief du ihn

getroffen hast.“

„O, wie schlecht, wie schlecht!“

„Die Verzweiflung macht sinnlos, Ingeborg. Schlecht ist er erst geworden.“

Ingeborg sah mich an und ihre Augen strahlten. „Du, du, du bist gut, Axel! Er

ist dein Rivale und doch verteidigst du ihn. Du bist gerecht. — Ja, Axel denke

nicht, daß ich dich nicht liebe, weil ich nicht gleich ja sagte. Ich wollte deine

Geliebte sein, deine wilde Geliebte, die aus dem Walde kommt. So schön war es.

—“

„Du kannst es ja bleiben, trotzdem.“

„Du sollst mich immer als deine Geliebte betrachten, Axel. Als nichts

anderes!“

„Ja, Ingeborg.“