Ingeborg
Kapitel 6
ch stieg den Berg hinab. Sobald der Wind aussetzte, steckte ich
meine Pfeife in Brand. Ich schüttelte den Kopf und lachte. Gott verzeihe mir, daß
ich lachte, aber das Erlebnis da droben auf der Höhe stimmte mich heiter.
Wie das Lächeln auf ihrem Antlitze hin und her irrte, wie ihre Worte
flackerten! Und das alles meinetwegen, war es möglich? Freude und Stolz
schwellten mir die Brust.
Ich stieg den Berg hinab und watete in den Wind hinein. Pazzo zerschnitt den
Wind mit seiner spitzigen Brust. Über den schwarzen Himmel zogen Herden von
Lämmerwölkchen, die sich alle zum Monde begaben, Licht zu trinken. Sie
schimmerten vergnügt, sie schienen sich zu tummeln und aneinander zu reiben.
Der Wald wogte. Der Wind suchte sich seine Bäume aus und schüttelte sie, daß
sie mit den Spitzen den Boden berührten.
Die Funken stoben aus meiner Pfeife, und jedesmal schien es mir, als sähe ich
mein fröhliches Gesicht.
Ingeborgs Worte, diese hastigen wirren Worte, zogen hin und her in meinem
Kopfe. Sie stand vor mir, ihre Haare wehten, ihr Gesicht war bleich und voller
Demut. Schön, rührend sah sie aus, und wie ihre Augen strahlten! Bei Gott, ich
sah jetzt noch ihren Schein!
Ich schüttelte den Kopf. So sonderbar ist der Mensch, daß er sich vor einem
Fremden zu Boden wirft und sich demütigt, wenn seine Zeit gekommen ist.
Ich dachte an das junge Mädchen und seine weichen zitternden Worte und war
ergriffen. Es war der Frühling, ja, sie konnte nichts dagegen machen.
Nun war es Gottes Wille, daß sie sich an mich wendete, der gerade seine
wunschlosen Tage hatte, der müde war, zu müde für die Liebe, die ihren ganzen
Mann erfordert, viel zu müde.
Es hat Zeiten gegeben, da der Blick eines Dienstmädchens wie Feuer in
meinen Adern lief, und ich lange Nächte an diesen armseligen heißen Blick
denken mußte — nun aber waren die wunschlosen Tage des träumenden Blutes
gekommen.
Ich blieb stehen, blickte in die ziehenden Wölkchen empor, und Mitleid für
die gedemütigte Seele erfaßte mich.
Ich wollte ihr nacheilen und mit ihr sprechen. Dank, Dank, wollte ich sagen.
Ich kann Sie nicht lieben, Fräulein Ingeborg, ich habe meine wunschlosen Tage,
aber Dank für Ihre Liebe. Wenn Sie wollen, kommen Sie zu mir, Tage und
Nächte will ich mit Ihnen plaudern, ich will Ihr Freund sein, ich schäme mich ja,
ich bin arm in diesen Tagen, egoistisch, weil ich glücklich mit mir allein bin.
Aber ich eilte ihr nicht nach. Ich ging weiter.
Ich dachte: vielleicht bin ich nur so reich und glücklich, weil sie mich liebt?
Sie beschenkt mich mit ihren Gedanken, ihrer Liebe, aus der Ferne, ich werde
heiter und froh, und sie wird arm und unglücklich. Sie wirft sich auf den Boden
und weint, und im gleichen Momente durchzuckt mich die Freude, eine
unerklärliche tiefe Freude, und ich atme tief und lächle. Niemand kann es sagen.
Ich ging immer weiter und weiter die dunkle Waldgasse hinab und bei jedem
Schritte dachte ich, daß ich umkehren sollte, um mit ihr zu sprechen.
Nun wanderte sie durch den sausenden Wald, langsam, beschämt und dachte
an den Mann mit dem müden Herzen. Der Wind blies und sie hustete. Dann kam
sie nach Hause, sie legte das Kleid ab, das schöne helle Frühlingsgewand und
warf es unter das Bett. Sie wollte es nicht mehr sehen. Im Spiegel haftete noch
ihr Bild von heute Mittag. Ich werde ihm gefallen? lächelte der Mund. Und die
Augen sagten: Ja, ja, wirst ihm gefallen . . . . . . . . Sie drückte die Lider zu
. . . . . . . .
Immer weiter stieg ich die Bergstraße hinab und wollte doch eigentlich
umkehren. Die wunderlichen Worte klangen durch meinen Kopf.
Ja, ich mußte umkehren und ihr sagen, daß sie doch Geduld haben sollte mit
mir, Geduld! Sie sei schön, ja herrlich sei sie, ergreifend sei sie.
Ich ging und ging. Mein Sinn verdunkelte sich.
Da sprang mein Herz auf.
Wie eine Knospe sprang es auf, ich spürte es. Es durchzuckte mich, es war
wie ein Schrei der Freude in meinem Blute.
Ich kehrte um und stieg den Berg hinauf, zuerst zögernd, dann mit schnellen
Schritten. Der Wind trieb mich, es war ein gewaltiges Brausen im Walde, das
mich bis in die tiefste Seele erschütterte.
Ich ging und ging. Ich holte Ingeborg nicht mehr ein. Ich ging durch den
schwarzen Wald, immer zu. Plötzlich lag ein Schloß mit vielen erleuchteten
Fenstern im Walde.
Es erschien mir wie eine Festung, ich blieb stehen.