Ingeborg

Bernhard Kellermann · Kapitel 39 von 40

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Ingeborg

Kapitel 39

 

 

er Frühling kommt. Der Sommer kommt.

Wohnt denn niemand in diesem Hause? — Nein!

Scheiben sind zersprungen, die Dachrinne hängt über das Dach, viele Läden

sind geschlossen und Sperlinge nisten darin.

Der Sommer geht. Es kommt der Herbst.

Wohnt denn niemand in diesem Hause? Nein!

Der Winter kommt. Still liegt das Haus im Walde.

Es kommen Leute, pochen, pochen —

Es wohnt niemand in diesem Hause.

Nein!

Wie dieses Jahr verging? Ich sage es nicht. Nein, ich sage es keinem

Menschen, selbst Freund Karl nicht, nicht einmal mir. Es ist ausgelöscht, dieses

Jahr. Ich habe alles, alles vergessen, ich weiß nichts mehr. Ich weiß, daß ich

herum ging, sorgfältig gekleidet und rasiert, daß ich immer über Büchern saß.

Was tat ich in den Nächten? Das habe ich vergessen. Ich legte ein Rosenbeet an

im Parke, das kann ich gestehen, ich kann auch gestehen, daß in den weißen

Zimmern des Nachts eine Lampe brannte. Zuweilen. Nicht in jeder Nacht. Ich

kann auch gestehen, daß ich zuweilen des Abends zu den Giebelfenstern

hinausspähte, die Straße hinunter und wartete, übrigens nicht jeden Tag. Es

standen auch dann und wann frische Sträuße in den weißen Zimmern.

Ich kann auch gestehen, daß am 25. Mai Tag und Nacht eine Kerze in meinem

dunklen Zimmer brannte und ich — nein!

Ich bin nicht über den Park hinaus gekommen, nicht aus dem Hause. Ich hatte

keine Lust.

Die Türe des Hauses war abgeschlossen, niemand kam herein. Der alten

Maria und dem Mönche hatte ich meine Befehle gegeben und sie gehorchten!

Ich sah alles, was die Bergstraße herauf kam. Nichts konnte mir entgehen.

Eines Tages kamen ein Herr in Reisekleidern und eine Dame mit brennend

roten Haaren die Bergstraße herauf. Sie war ebenfalls in Reisekleidern. Ich sah sie kommen, stand hinter der Türe, Angst erfüllte mich. Sie pochten, pochten.

Die Angst in mir wuchs, mein Herz stand still, ich hielt den Atem an. Nein, ich

habe nichts mehr mit den Menschen gemein, ich kann nie mehr offen mit einem

Menschen reden, selbst mit Freund Karl nicht, nie mehr.

Der Herr sagte: „Ist er doch verreist?“ Die Dame sagte: „Bestimmt nicht!“

Dann sagte der Herr: „Wir wollen es unter der Türe durchschieben. Er wird

sich freuen darüber.“

Eine Weile verging, dann schoben sich Zeitungen herein. Die Spitzen dünner,

weißer Finger erschienen. Die Dame sagte leise: „Er tut mir leid!“

Sie meinte mich . . . . Ich atmete wieder.

Es waren große englische Zeitungen. Eine Visitenkarte lag dazwischen. Wir

kommen eben von London! Herzlichen Gruß!

Ich las diese Zeitungen: „Tristan und Isolde“ — „Merlin“ von Holger Hunt —

— Ingeborg Hunt-Giselher.

Triumphe, Triumphe! —

Sonst geschah nichts in diesem Jahre. Doch, es kam ein Buch von Karl.

Karls neues Buch. Es hieß „Sturm“. Es waren knorrige Eichen, die brausten

und knarrten, sich schüttelten und lachten. — Seht!

Das Jahr verging. Ich habe vergessen, wie. Dann sah ich wieder mit andern

Augen in die Welt.

Der Frühling kam wieder! Abermals kam er.