Ingeborg
Kapitel 7
ollte ich in das Schloß mit den vielen erleuchteten Fenstern
hineingehen und durch den Diener sagen lassen: es steht einer im Korridore,
einer, den Hut in der Hand?
Es war gegen Morgen, der Tag blaute. Ich blickte aus meinem Fenster, das auf
den Park hinausging, und lauschte auf den Gesang eines Vogels. Er sang in der
weiten Stille des Morgens, da alles schlief.
Die ganze Nacht hindurch sang er, bis die Sonne aufging, der Frühling ließ ihn
nicht zur Ruhe kommen. Oft hatte ich mich schon an seinem Gesange gelabt,
aber heute verstand ich den kleinen Vogel und mein Herz bebte. Ich wußte wohl
was das bedeutete. Nur die Unglücklichen und die Glücklichen zittern beim
Gesang eines Vogels. Mein Herz zuckte bei jedem Tone, und wenn er leise
zwitscherte, daß man ihn kaum noch hörte, so erschrak ich, ich öffnete die
Lippen und mein Atem stockte.
Meine Zeit war gekommen!
Ich preßte die Hände vors Gesicht und lächelte und drückte einen Kuß in
meine Hände.
Meine Zeit war gekommen! — — —
Mein Sinn ist dunkel, dunkelgolden ist mein Sinn, es kreist etwas in meinem
Hirn. Ich habe ein lautes Herz in der Brust.
Ich gehe umher, berühre die Schränke, Tische, als ob sie von Fleisch wären,
ich gehe umher und spreche mit mir selbst. Ich ziehe die Vorhänge des Zimmers
zu, so daß es ganz golden um mich wird. In einem goldenen Zimmer sitze ich
und lächle vor mich hin. Ich nehme den Stock und wandere. Mit großen
Schritten, in weiten Kreisen muß ich gehen. Mein Schritt hallt durch schlafende
Dörfer, die Hunde kläffen, ich wandere, in weiten Kreisen muß ich wandern. Ich
lächle. Die Sterne lächeln. —
Ich ließ anspannen und fuhr nach Graf Flüggens Schloß.
Ich hatte mich sorgfältig rasiert und eine weiße Binde umgebunden. Ingeborg
war nicht zu sehen.
Graf Flüggen erschöpfte sich in Liebenswürdigkeiten. Er war ein gebückter
Greis mit langem Barte, wie ein Zwerg kam er mir vor. Ich zog das Gespräch in
die Länge, erzählte von fernen Ländern und ihrer Sonne, Ingeborg war nicht zu
sehen.
Wagen liefen durch den Abend, vorüber an meinem Hause. Ich sah nicht wer
darinnen saß. Über Rote Buche stiegen bunte Leuchtkugeln in die dunkele
Nacht. Ein Fest! dachte ich. Mitten in der Nacht rollten die Wagen wieder die
Bergstraße herauf. Ingeborg saß im vordersten Wagen, ich erkannte sie an ihrem
Hute, ich erkannte sie an dem Wirbeln meines Herzens.
Harry Usedom ging zweimal im Laufe einer Woche an Edelhof vorüber, er
ging schnell den Berg hinauf, langsam und schwebend den Berg hinunter. Es
gingen Dinge vor sich.
Wie ein Knabe durch ein Astloch in eine Schaubude späht, so spähte ich in
diese Dinge. Sie huschten und zuckten an meinen Augen vorüber.
Ein leises trauriges Lied klang eines Abends durch meine Seele.
Mich fröstelte . . . . .
Eines Abends, als der Wald rot leuchtete in der untergehenden Sonne,
begegnete ich Ingeborg und Harry Usedom droben auf der Höhe. Sie kamen des
Weges daher, trugen große Sträuße von Maiglöckchen in der Hand und lachten.
Ich sah es, ich hörte es. Lächelnd kamen sie beide heran, in Ingeborgs Augen
schimmerte nicht die leiseste Erinnerung an jenen Abend.
Harry Usedoms Augen strahlten. Nie hatte ich solche Augen gesehen, sie
hingen wie Lampen in seinem Gesichte und sein Gesicht, das immer weiß und
krankhaft erschien, war von einer feinen Röte des Glückes überzogen.
„Die Herren kennen sich? Natürlich — — natürlich —“ sagte Ingeborg und
lächelte. Dann sprach sie mit Pazzo, und ich wechselte einige Worte mit Harry
Usedom. Ob es ihm auf Rote Buche gefalle. Sehr schöne Wälder, nicht wahr?
Prachtvolle Wälder! Und den See habe er auch noch!
Es gefalle ihm sehr gut auf Rote Buche! Seine Augen strahlten, sie waren wie
dunkle Höhlen voller Geschmeide. Ich mußte immerfort diese strahlenden
Augen ansehen.
Er schreibe gegenwärtig eine Oper. Die Konzertreisen wolle er aufgeben.
Harry Usedoms Lippen waren breit, in den Mundwinkeln gekräuselt. Sie
erinnerten an Orangenschnitten. Sie waren rot.
Die Herren zogen den Hut, Ingeborg nickte und verneigte sich leicht, wir
trennten uns.
Ich bog in den nächsten Seitenweg ein und zündete mir die Pfeife an. Viele
Dinge wirbelten im Rauch der Pfeife vor meinen Augen herum.
Pazzo sah mich an. Er kannte mich genau, und als ich ihn ansprach, sprang er an mir empor, um mich zu liebkosen. Ich streichelte ihm den Rücken mit sanfter
Hand — immer auf und ab.
Einige Tage darauf. Ich ging mit Ingeborg oben auf der Höhe, am
Waldesrande entlang. Die Sonne stand schräg und schon etwas rot über dem
Walde und warf einen schattigen, dunkelen Spitzenkragen über den Hügel. Auf
diesem Spitzenkragen schritten wir dahin, hoch über dem Tale und seinen
kleinen Dörfern und blitzenden Bächen. Sonnenflecken zuckten über Ingeborgs
Kleid und Gesicht, wir sprachen nichts. Pazzo schritt neben uns her, er tauchte
mit Behagen die schlanken Füße in das hohe, saftige Gras.
Ingeborgs Gesicht erschien grün im Widerschein des Grases und des Waldes,
zuweilen kam die Sonne, dann glühte es für einen Augenblick.
Ingeborgs Stirn war voller Gedanken.
Wir kamen an eine Bank und Ingeborg sagte: „Wollen wir uns ein wenig
niederlassen?“ Sie blickte mich kurz an, während sie die Frage stellte. Ich war
ihr dankbar für den Blick und für die nichtssagenden Worte. Sie fühlte es, denn
sie blickte mich nochmals an und prüfte meine Mienen. Ich merkte es sehr gut.
Ich stellte das Gewehr an einen Baum, Pazzo bewachte es.
Hinter der Bank sang ein Vogel. Ich lauschte, was für ein Vogel war es doch?
Es war ein Vogel, den ich noch nicht gehört hatte. Vielleicht hatte er sich
verflogen.
Es hatte sich manches geändert, das sah ich wohl ein. Ich saß neben Ingeborg
und mein Herz klopfte. Ingeborg saß mit gleichgültigem, verschlossenem
Gesicht da, das Kinn in die Hand gestützt und interessierte sich für die jungen
Heupferdchen, die im Grase herumschnellten.
Eine feine Falte zog zwischen Ingeborgs Brauen, ich wagte es nicht, zu
sprechen. Wenn sie bei schlechter Laune war, weshalb ging sie dann nicht?
Sie saß so nahe, daß ich meine Hand nicht neben mich legen konnte, ohne sie
zu berühren, und plötzlich stieg mir das Blut in den Kopf, so nahe saß sie. Ich
fühlte ihre Wärme.
Ich saß still, ich regte mich nicht, ich dachte an die feine Falte zwischen
Ingeborgs Brauen. Sie konnte über mich befehlen, ja, das konnte sie. Ein Wink
und ich verschwand, und ich trat ihr nie wieder unter die Augen. Ich verließ die
Gegend, wenn sie es verlangte, meine Gegenwart sollte ihr nicht die Laune
verderben.
Schön lag das Tal zu unsern Füßen, und bis auf die kleine Falte Ingeborgs
wäre alles herrlich gewesen. Ein Bauer mähte mit einer blitzenden Sense tief
unten, er war nicht größer als eine Ameise. Über dem Tale flimmerte es in einer
grünen Wiese wie von einem Edelsteine, aber es war nur ein Stück Glas, eine
zerbrochene Flasche, die dort blitzte. Drüben lagen zerstreute Häuschen, still, sie schienen unbewohnt zu sein.
Da tauchte plötzlich aus dem nahen Kornfelde ein Spaten auf, dann ein Hut,
ein Kopf, der Kopf hüpfte auf und ab und verschwand wieder im Korn und auch
der Spaten tauchte unter.
Dieser hüpfende Kopf scheuchte mich aus meiner Versunkenheit auf. Ein
wahnsinnig kühner Gedanke schoß durch meinen Kopf. Wie, wenn ich einfach
meinen Arm um Ingeborg legte und sagte: Nun —? Es ist schön hier neben
Ihnen zu sitzen und das Tal zu betrachten. Stundenlang könnte ich hier neben
Ihnen sitzen, wenn Sie auch nichts sprechen.
Ich bewegte die Lippen, feuchtete sie an, dann sagte ich: „Es ist schön hier zu
sitzen und das Tal zu betrachten.“
Ingeborg nickte. „Ja,“ sagte sie.
Im Tal ging der Mann mit dem Spaten, klein, blau. Mein Herz krampfte sich
zusammen. Die Glasscherbe drüben im Felde hörte auf zu blitzen, die Schatten
stiegen. Ich heftete die Augen auf die Häuschen uns gegenüber. Sie waren
bewohnt, vorhin war eine Tür offen gestanden, jetzt hatte man sie geschlossen.
Aus dem Walde, der den Hügel oberhalb der Häuschen bedeckte, kam etwas
hervorgekrochen. Es sah aus wie ein Kärrchen, das von weißen Mäusen gezogen
wurde. Etwas Weißes ging nebenher, etwas Weißes lag auf dem Kärrchen. Er
war ein Müller, der Säcke auf einem Karren fuhr, den zwei Schimmel zogen. Die
Beine der Schimmel verschwanden im Getreide. Das Kärrchen fuhr bis zu den
kleinen Bauernhäuschen. Dort machte es Halt, und einige Leute kamen aus den
Türen. Eine Magd schlug auf die Säcke und Mehl stieb heraus, ein rundes
Wölkchen, als habe sie geschossen.
Das alles sah ich ganz genau, während sich mein Herz zusammenzog.
Ingeborg bewegte einen Fuß, ich erschrak. Sie bewegte wieder einen Fuß, ich
erschrak. Ja, nun stand sie auf. Wir gingen. Im Walde war es dunkeler geworden,
immer dämmeriger wurde es. Der Himmel leuchtete rot wie Wein durch die
düsteren Wipfel. Lang war unser Weg, wir sprachen nichts.
Ein Vogel zwitscherte. Ich lächelte. Ingeborg sah mich an.
„Ich muß an einen Traum denken, Fräulein Giselher,“ sagte ich. Ich sprach
sehr schnell, ich wußte, daß ich nun sprechen konnte und die Freude durchrann
mich. Ich fuhr fort. „Ich muß an einen Traum denken. Ich denke oft, was es doch
für eine sonderbare Sache mit der Seele des Menschen ist. Heute denke ich nicht
daran zu stehlen, aber morgen habe ich den Wunsch es zu tun und übermorgen
tue ich es. Aber vor drei Tagen, da dachte ich noch nicht daran. Nun sitze ich im
Gefängnis und denke über mich nach. Plötzlich fällt mir ein, daß ich schon
zuweilen vom Stehlen geträumt habe. Ja, was sage ich da. Es paßt nicht hierher,
ich wollte es auch nicht sagen, ich wollte sagen, unsere Seele hat ihre besonderen Wünsche, aber wir kennen sie nicht. Was wollte ich sagen? Ich
wollte Ihnen von einem Traume erzählen, den ich hatte. Ich träume die
sonderbarsten Dinge der Welt zusammen. Nun hören Sie, vor einigen Wochen
träumte ich von einer Stimme. Welch eine Stimme war es doch! Berückend
schön war sie. Ich liege im Bette und träume, daß ich im Bette liege und eine
Stimme spricht zu mir. Sie sollen hören, wie sonderbar wir uns unterhielten,
diese Stimme und ich. Diese Stimme sagte, daß sie nur mich wolle und
keineswegs den Leuchter aus Bernstein und die Schuhe aus Perlmutter. Nein,
nein, nur dich, sagte sie. Und ich lag und lächelte und verlor fast die Besinnung,
so herrlich und berückend klang die Stimme. Dann sagte sie, daß wir eine Hütte
am Strande haben würden, eine kleine Hütte. Du bist ja ein Fischer, sagte sie.
Ein Feuer wird auf unserm Herde brennen und du wirst mir die Schuhe mit
Fischschuppen bekleben. — Darauf antwortete ich ihr: ja! Ich werde am blauen
Grunde des Meeres herumwandern und nach schönen Dingen für dich suchen.
Vielleicht finde ich auch ein hübsches Messerchen für dich, sagte ich.“
Ich lächelte und fuhr ebenso hastig fort: „Die Stimme sagte darauf, ich solle
mich vor den Sägefischen in acht nehmen, da drunten im Meere. — Haha! —
Ich aber fuhr fort: einmal wird auch eine Kiste an den Strand geworfen und
wenn wir sie aufbrechen, so fallen lauter alte Kronen heraus, goldene Reifen mit
grünen und roten Steinen, Zepter und Spangen. Auch ein Haarpfeil ist für dich
dabei. Darauf jubelte die Stimme und begann zu singen: ich erwachte und im
Garten sang eine Nachtigall.“
Ich blickte auf Ingeborg und wartete darauf, daß sie etwas sagte. Aber
Ingeborg bewegte keine Miene, schmal, gleichsam erfroren sah ihr Gesicht aus.
Sie schüttelte den Kopf.
„Es sang eben ein Vogel im Walde, da mußte ich an die Stimme und den
Traum denken,“ sagte ich.
„Ja, aber — ich verstehe den Zusammenhang nicht,“ entgegnete Ingeborg.
Die Falte zwischen ihren Brauen war tiefer geworden.
Zusammenhang? War kein Zusammenhang da?
„Ich mußte doch mein Lächeln begründen, Sie blickten mich an, dann glaubte
ich Ihnen sagen zu müssen, weshalb ich lächelte. Es war vielleicht ungeschickt
von mir.“ — —
Wir kamen an Graf Flüggens Schloß. Die Pfeiler des Gitters trugen Löwen aus
Stein, die zwei Wappen vorhielten. Mit Moos bedeckt waren die Löwen, als habe
man Kübel von Schlamm über sie gestülpt.
Ingeborg bot mir die Hand. Ich blickte sie an. Sie verstand meinen Blick recht
gut. Sie senkte die Augen, dann sagte sie: „Ich habe Harry Usedom mein Wort
gegeben.“
Ich verneigte mich. Ich verneigte mich tief, mein Unglück drückte mich
nieder. Ich war voller Demut.
„Ich wünsche Ihnen Glück!“ sagte ich mit ruhiger, tiefer Stimme und nahm
den Hut ab.
Ich ging . . . . .
Ich ging hinein in den Wald, stolperte hin und her, wußte nicht, ob ich nach
rechts gehen sollte oder nach links. Es war auch einerlei.
Ich lachte leicht auf, wie einer der friert. Hahaha, lachte ich, hahaha!
Aber gleichzeitig hatte ich den Drang in mir, mich auf den Boden zu werfen
und liegen zu bleiben.
Dann besann ich mich auf den Weg und steuerte meinem Hause zu.
Es war spät, die Sterne tauchten am Himmel auf.
Etwas Weißes saß auf der Treppe meines Hauses. Es war Ingeborg.
Sie erhob sich und eilte auf mich zu.
„Nein! Nein!“ rief sie.
Sie kam zu mir her, faßte leicht meinen Arm und blickte mir von unten herauf
in die Augen. Wie war der Blick? Voller Suchen, voller Staunen, voller Glanz.
Sie lächelte und schmiegte sich an mich.
Ich legte meinen Arm um sie und küßte sie auf den Mund.