Ingeborg

Bernhard Kellermann · Kapitel 20 von 40

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Ingeborg

Kapitel 20

 

 

emand rüttelte meinen Arm und ich hatte das Gefühl, als sei ich ein

Baum, der geschüttelt werde.

Ich schlug die Augen auf, so gut es ging, aber sie fielen mir sofort wieder zu.

Eine tiefe Stimme sprach, ich hörte meinen Namen und etwas von Ingeborg.

Es war mir aber alles einerlei, nur Ruhe wollte ich haben, und ich sank wieder in

eine wohltuende Finsternis und Erstarrung zurück. Man schüttelte mich nach

langer Zeit wieder am Arm und diesmal hörte ich Karls Stimme. Karl sagte, daß

es gut stünde mit Ingeborg. Es sei Zeit aufzuwachen. Ich öffnete die Augen und

sah einen rothaarigen lachenden Kopf dicht vor mir. Es war Karl. Ich hatte

wiederum vergessen, daß Karl eben zu mir sprach. Da schlief ich schon wieder.

Wasser plätscherte und etwas Kaltes und Nasses fuhr über mein Gesicht. Ich

duckte mich zusammen, aber das Nasse verfolgte mich, und ich schlief und

dachte, daß das keine Neuigkeit sei, daß es gut stünde mit Ingeborg. Die

Sperlinge pfiffen es am Dache. Doch war irgend ein Schrecken in mir, als ob

etwas Furchtbares geschehen wäre. Dieser Schrecken weckte mich plötzlich auf.

„Wie geht es Ingeborg?“ fragte ich.

Es ginge vorzüglich. Sie schlafe ruhig.

Weshalb erschrak ich doch? dachte ich. Etwas Furchtbares muß geschehen

sein, aber wenn es gut mit Ingeborg geht, was sollte dann noch Furchtbares

möglich sein?

„Du hast drei Tage geschlafen, Axel,“ sagte Karl und lächelte gütig. Sein

Lächeln war so schön und fein, daß es mir wie eine Liebkosung erschien.

Ich erhob mich mühsam. Ich war sehr müde und mein Kopf war wie mit Blei

ausgegossen. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen.

Aber Ingeborg war ja gerettet!

Ich saß auf dem Bettrande und lächelte. Ich vermochte das Glück nicht zu

fassen.

Und Karl zog mir die Strümpfe an, der Dichter Karl Bluthaupt half mir in die

Strümpfe! — — —

Freudenfeuer auf den Bergen! Tanz, Spiel und Gesang! Gold in die Hütten der

Armen!

Zwei Tage und zwei Nächte brennt lichterloh ein Wald auf der Höhe, mein

Wald. Die Feuerwehren aller Dörfer sind ausgerückt mit vielem Getute und

Gerumpel. Laßt ihn brennen! Laßt ihn brennen! Lichterloh flammt der Wald

durch die Nacht. Weithin muß man es sehen.