Ingeborg

Bernhard Kellermann · Kapitel 23 von 40

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Ingeborg

Kapitel 23

 

 

ngeborg sang und plauderte. Es war Ingeborgs alte Stimme. Ich hörte

einen Schritt über den Korridor eilen, es war Ingeborgs alter Schritt. Ingeborg

ging über die Wiese, ich rief sie an, sie wandte sich um, es war Ingeborgs alte

Bewegung.

Ich war glücklich, wie im Sommer, ja, aber doch überfiel es mich mitunter,

eine leise grundlose Angst, ein Gefühl des Schwindels. Ich dachte, es käme noch

von jener Nacht her — ich war nicht mehr so gesund wie zuvor. Dann ereignete

sich etwas. Es war an einem Nachmittag.

Ich ging durch den Park, Karl und Ingeborg zu suchen. Sie wollten ein wenig

rudern auf dem See. Karl war mit seiner Arbeit fertig, er war unermüdlich im

Vergnügen wie in der Arbeit, es mußte immer etwas geschehen. Immerzu war er

unterwegs, sein Lachen klang herzlich und laut. Das Kind, das im Dichter steckt,

beherrschte ihn in diesen Tagen.

Ich ging durch den Park, ja. Ich war nicht fröhlich, ich wußte nicht weshalb.

Aber ich entdeckte, daß der Herbst kommen wollte. Welke Blätter hingen da und

dort, die Wipfel waren so dicht, daß man nur kleine, schimmernde, helle

Sternchen des Himmels sah, die Bäume hatten alle Kraft entfaltet.

Ein süßer, schwerer, welker Geruch fiel aus den Wipfeln, es roch fast wie in

einem Sterbehause. Und es sauste immerzu im Parke. Das war das Sausen des

Herbstes, so leise, so müde, so gleichmäßig.

Ein Vogel pipste in seinem Neste. Er wetzte den Schnabel hin und her. Das

gab einen leisen, rührenden Ton, es klang als sei der Vogel allein und verlassen

im Parke. Der Herbst war im Blute des kleinen Vogels, er wußte nicht, wovon er

singen sollte.

Ich kam an den See, Ingeborg und Karl waren nicht zu sehen, der Kahn lag

trocken am Ufer. Ich bog in einen schmalen Pfad ein, der mit Moos überzogen

war, und überlegte, wo die beiden wohl stecken möchten, da sah ich unerwartet

Ingeborgs Gewand durch die dichten Gebüsche schimmern. Ich freute mich. Sie

sitzen in der Grotte, dachte ich und beschleunigte meinen Schritt.

Im Park gab es eine Grotte, ein überhängender Fels, ein kleiner klarer Tümpel

darunter, in den von Zeit zu Zeit, in gleichen Zwischenräumen ein Tropfen fiel.

Der Tropfen rief im Wasser und in der Grotte ein feines Klingen hervor. Das war

eine schöne, geheimnisvolle Musik, die man nicht hören konnte, ohne

schwermütig zu werden und über die Rätsel der Welt nachzudenken.

Ich freute mich, dort würde ich sie treffen, diese zwei, die ich so sehr liebte.

Weshalb schlug mein Herz so sehr?

Ich hörte Ingeborgs Stimme, die einige Worte sprach. Das war unsagbar

schön, die Stimme der Geliebten durch die Stille des Parkes zu hören.

Ich ging leise, vielleicht würde sie wieder sprechen.

Sie sprach wieder und es klang als spräche sie in bittendem Tone.

Ich hörte meinen Namen. Mein Herz begann laut zu pochen. Ich lächelte. Ich

stand nicht weit von ihnen entfernt und sie wußten nicht, daß ich da stand. Wie

schön würde es sein, ihre Worte zu vernehmen und gar, was sie über mich

sagten. Dann wollte ich aus dem Gebüsche hervortreten, wie die Zauberer in den

Märchen, und sagen: ganz dasselbe denke ich auch, Ingeborg, oder irgendetwas.

Und ich freute mich auf ihre überraschten Gesichter und ihr Lachen.

Ich hörte den Wassertropfen in den Tümpel fallen und dann sprach Ingeborg,

und es erschien mir plötzlich, als spräche sie ferne. Und doch stand ich nur

wenige Schritte hinter ihnen. Ich sah Ingeborgs Nacken, einige Korallenperlen

darauf, ich sah einen Hut, Karls Hut und daneben eine knochige, schmale Hand,

die das Gras niederdrückte, Karls Hand.

„Was denkst du aber?“ sagte Ingeborg. „Liebst du mich denn nicht?“

Peng — fiel der Tropfen.

Und Karl antwortete mit ernster, gleichtönender Stimme:

„Ich denke an Axels vornehmes Herz und an die schwere Arbeit meines

Lebens.“

Die Lider fielen mir zu und meine Arme wurden steif.

Es verging eine endlose Zeit, dann sprach Ingeborg wieder, noch leiser, noch

ferner: „Aber was soll ich tun? Karl, Karl, rate mir doch! Ich ertrage es nicht

länger. Ich liebe Axel, ja, gewiß, aber —“

Da gelang es mir, die gelähmten Hände an die Ohren zu pressen. Es wetterte

dumpf in meinen Ohren, wie in der Nähe eines Dampfkessels. Leise und

vorsichtig schlich ich fort, ich tänzelte fast auf dem glatten Moose. Meine Zähne

schlugen aufeinander, der Schmerz fiel wie ein Beil in mein Herz.

Aber was soll ich tun? Karl, Karl, rate mir doch —

Ich eilte schneller, erreichte die breite Allee, es wehte zwischen den Bäumen.

Huh, wie blies der Wind so kalt!

Aber was soll ich tun? Karl, Karl —

Ich wünschte, dem Tode zu begegnen. Ich lief, ich taumelte, ich stöhnte —

immer noch hielt ich mir die Ohren zu. — — —

Es liegt ein Mann in der Nacht und findet keinen Schlaf. Er wartet, ob sich

nicht eine Türe rührt. Daran dachte ich. Nun wußte ich es.

Lange Zeit verging, dann kamen sie, Ingeborg und Karl.

„Wir haben einen wunderschönen Spaziergang gemacht,“ sagte Ingeborg

hastig, „nicht, Karl?“

Karl erwiderte nichts.

Eine Lüge flackerte in Ingeborgs Stimme, ein Geheimnis schwieg in Karls

Schweigen.

Ich lächelte, ich beherrschte mich.

„Hungrig werdet ihr sein, Freunde. Kommt!“ sagte ich.

Und ich ging voran und sie folgten mir, Ingeborg und Karl.