Ingeborg
Kapitel 21
ngeborg sitzt auf der Veranda, ein Tuch um die Schultern
geschlungen. Sie ist bleich und man glaubt, das Blut in den Adern der Schläfen
und der Hand laufen zu sehen. Mit staunenden großen Augen blickt sie in die
Bäume, die in der Sonne eingenickt sind, auf die Wiese, die duftet und leicht
schwankt im Schlafe, hinab ins Tal. Dort stehen kleine Pferde und Wagen und
kleine Wesen sind beschäftigt, Heu auf die Wagen zu schichten. Zuweilen blitzt
etwas auf, ein Beschläge, eine Gabel, eine Sense, feine verwehte Rufe dringen
herauf.
Nach den Tagen voll ziehender Gewitter, folgten Wochen herrlicher Sonne,
jener Sonne, die flimmernd rot und gleichmäßig über der Erde liegt, wenn der
Sommer zu Ende geht.
Die Schwalben schossen schrillend in der Luft, bald schmal wie Fische, bald
wirbelnd wie kleine Turbinen. Bald schwebten sie alle auf eine Stelle zusammen,
bald verteilten sie sich blitzschnell nach allen Richtungen über das ganze Tal. Sie
schrien, sie konnten wie ein Pfeil in die Höhe schießen, sie konnten wie ein Stein
herunterfallen, um plötzlich die Flügel auszubreiten und ruhig zu schweben wie
ein Raubvogel.
Und Ingeborg hat Tränen in den Augen, sieht sie die Sonne, und Tränen in den
Augen, hört sie die Schwalben schreien.
„Ich bin ganz weich, wie ein Kind,“ sagt sie und eine Träne fällt auf ihre
Hand. „Nie war mein Herz so voller Staunen und Dankbarkeit.“
Ich sitze bei ihr, plaudere oder schweige, je nachdem Ingeborg es wünscht.
Schönere und leisere Stunden habe ich nicht erlebt als die Tage von Ingeborgs
Genesung. Ich bin still vor Glück geworden und meine Brust ist immer voll von
Tränen, ohne daß ich weinen könnte.
Ich und Karl sind bemüht, Ingeborg tausend Gefälligkeiten zu erweisen in
einer Art, die wenig auffällt. Immerfort sind Ingeborgs Zimmer mit Blumen
geschmückt und auf Teppichen weißer Rosen wandelt sie. Karl bringt von seinen
Spaziergängen den ganzen Wald ins Haus, Sträuße von roten und schwarzen Beeren, die den Saft und den Wohlgeruch des Sommers bergen.
Ja, Karl ließ sich sogar dazu herbei, Ingeborg Stellen aus seinen Büchern
vorzulesen, die sie besonders liebte. Seine ruhige Stimme, sein abgeklärtes
Wesen wirken wohltuend auf Ingeborg, sie scheint kräftiger zu sein in Karls
Nähe. Und wenn Karl lacht, so macht sie Miene herauszulachen und ihre
Wangen bekommen Farbe.
„Hast du es gehört, Axel, heute sagte Herr Karl liebe Frau Ingeborg zu mir —
haha! Er hat es noch nie gesagt.“
Ich räume die Mappen aus und bringe die herrlichsten Bilder zu Ingeborg,
Bilder von denen man träumt, sieht man sie einmal, und lege sie vor ihr auf, wie
ein Museum ist es. Oder ich spiele Klavier, alle Stücke die Ingeborg liebt, und
durch die geöffneten Fenster dringt es wie eine warme liebkosende Welle, die sie
badet wie die Sonne.
Müde ist Ingeborg vom Sehen. Sie schließt die Augen und legt den Kopf ins
Kissen zurück und sagt „Erzähle Axel.“
„Wie war die Legende von dem erfrorenen Weinstock? Und die von den
Liebenden auf dem Meere? Erzähle Axel, ersinne etwas.“
Ich blicke Ingeborg an und hundert Geschichten fallen mir ein. Und ich
erzähle. Ich erzähle ihr die Geschichte von dem Priester mit dem silbernen
Herzen, ich erzähle ihr die Geschichte von Karin, der um die halbe Erde
wanderte um zu seinem Weibe zu kommen. Ich erzähle ihr die Geschichte von
Hermann Ecke, dem Gutsherrn auf Entenweiher, den Eva verlassen hatte. Sie
lebten glücklich, Eva und er, aber Eva ging von ihm zu einem andern. Warum?
Niemand weiß es. Wird sie immer bei dem andern bleiben? Nein, sie wird wohl
zurückkommen zu Hermann Ecke.
Und er wartet, Hermann Ecke, daß sie wiederkäme. Einen Garten legt er ihr
an, eine Terrasse baut er ihr. Jahre vergehen. Wo ist Eva? Sie kommt nicht
wieder. Aber er wartet und die Jahre vergehen. Lange Jahre war er traurig und
niedergeschlagen, aber seht ihn jetzt, straff und aufgerichtet geht er einher mit
leuchtenden Augen. Es fragt der Freund: Glaubst du denn, daß Eva
wiederkommt? — Hahaha, antwortete Hermann Ecke. Sonst nichts. Hermann
Eckes Haare werden weiß. Es fragt der Freund: Was wirst du sagen, wenn Eva
wiederkommt?
Königin, werde ich sagen, erwidert Hermann Ecke, dein Thron steht bereit.
Laß uns von den kommenden Tagen reden.
Traurig lächelt der Freund, Hermann Ecke hat den Verstand verloren.
Eine Lampe brennt in Evas Zimmer, Sträuße prangen fortwährend in den
Vasen. Hermann Ecke steht jeden Abend auf dem Turm und blickt die Straße
entlang, ob kein Wagen kommt. Nein, es kommt kein Wagen.
Der Freund sieht Hermann Ecke an und denkt: Bald stirbst du jetzt. Dein Herz
ist schwach. Er sinnt.
Ja, Eva hat eine Schwester, die muß kommen, um ihm von Eva zu erzählen
und ihm zu sagen, daß sie bald käme, Eva. Die Schwester kommt und spricht mit
dem Freunde. Eva ist tot, arm und verlassen ist sie gestorben. Sagen sie ihm das
nicht, Beste, spricht der Freund, sagen sie ihm, daß sie in Glanz und Glück lebe
und viel gefeiert werde. Bald käme sie zu ihm.
Ja!
Da tritt er ein, Hermann Ecke. Und er richtet die Augen auf die Schwester —
er rückt die Brille zurecht — siehst du es —? seine Augen füllt ein überirdischer
Glanz. Er breitet die Hände aus — siehst du es? —
Evas Schwester! flüstert der Freund.
Hört es Hermann Ecke? Nein.
Er spricht: Königin, dein Thron steht bereit, laß uns von den kommenden
Tagen reden!
Hermann Eckes letzte Worte waren das. — —
„Was sagst du dazu, Ingeborg?“
Ingeborg nickt, sie lächelt und ihre Wimpern zittern und werden feucht.
„Erzähle Axel! Ersinne etwas!“
Die Stunde ist golden, die Sonne segnet die Welt. Ein Lächeln liegt auf allen
Dingen, selbst auf den Spitzen der Gräser. Die Wälder nahe und ferne sind wie
hohe Wogen flüssigen Goldes. Ein goldener Himmel, und ein goldener
Funkenregen, der zur Erde sinkt. Im Westen liegen schmale Wolken gleich
großen glühenden Scheitern, darauf verbrennt die Sonne und ihr Feuer lodert
über den Himmel. Goldene Blätter zittern im goldenen Himmel, man sieht die
Zweige nicht, an denen sie hängen. Wie eine Grotte mit goldenen Säulen, gefüllt
mit funkelndem Geschmeide ist der Wald drüben anzusehen. Dort gehen Pferde
und ein Knecht, golden sind die Pferde, golden der Knecht. Ein goldener Wind
weht und goldener Tau tropft von den Bäumen.
Ich sehe auf Ingeborg, deren Antlitz und Hände die Sonne durchleuchtet. Von
der Farbe des alten Goldes ist das Haar und ein feines Gespinst von Feuer zittert
darüber. Sie hat die Lider geschlossen, aber sie erscheinen so dünn, daß man die
Augen darunter zu sehen vermeint. Ein müdes glückliches Lächeln schwebt auf
ihrem schmalen Gesichte, wie es nur die Genesenden und die Wöchnerinnen
haben und die Liebenden am Morgen einer trauten Nacht.
Pazzo liegt zu ihren Füßen und sie hat die Füße auf seine atmenden Flanken
gestellt.
Und ich blicke auf Ingeborg und beginne mit leiser Stimme:
„Diesmal erzähle ich dir von einer schönen Königin, weil ich gerade an eine schöne Königin denke. Es ist die Königin, die sie „goldenes Herz“ nannten.
Silvia hieß sie. Sie war Nicolo Dandoldis Weib, jung, Nicolo alt. Nicolo hieß der
Einäugige mit dem siegreichen Schwert, im Volke der Schlaflose. Später der
Wortbrüchige. Du wirst gleich hören weshalb. Er war sehr grausam, wie alle
Könige in den Legenden und man sagte, wenn er soviele Ellen tief in die Hölle
käme, als er Menschen getötet habe, würde er vom Lichte nicht mehr sehen, als
eine Nadelspitze ausmacht.
Natürlich kommt auch ein Page darin vor, du wirst es gleich hören, Ingeborg.
Der Page hieß „Auge“, denn schöne Augen hatte er, das wußten alle Frauen.
Schön sind deine Augen, sagte Silvia, als sie ihn zum erstenmal sah. Wie im
Traume sprach sie. Goldenes Herz liebte Auge, und Auge liebte goldenes Herz.
Sie trafen sich im Garten der Frauen und saßen die Nächte hindurch unter den
Büschen, im verschwiegenen Schatten, den der Palast über den Garten warf. Da
saßen sie und plauderten, und ich wußte alles was sie einander sagten. Auch
Ingeborg wußte es und sie lächelte. Wieviele Nächte saßen sie da! Aber der
Priester umschlich sie und in einer Nacht, die herrlich und duftend war wie
keine, da geschah es. Zur Zeit der ersten Kirschenblüte hatten sie sich zuerst
gesehen, als die Kirschen sich röteten, war es schon geschehen um sie.
Sie sollten sterben.
Der König lud allen Adel ein, wie zu einem Feste, und sie saßen gekleidet in
den Glanz eines vielhundertjährigen Reichtums in den Galerien. Von weitem
mochten sie wohl erscheinen wie Körbe voller Blumen, die die Gärtner zum
Verkaufe ausstellten.
Silvia und der Page wurden hereingeführt, da erbleichten alle und ihre
Gesichter wurden so weiß wie die Kerzen, die die Mönche trugen. Als die
beiden niederknieten und die Henker hinter sie traten, da wurde es so still, daß
jeder sein eigenes Herz klopfen hörte.
Der König sah aus wie eine Reliquie aus gelbem Wachse, wie sie in den
Kirchen zu sehen sind. Silvia sah so schön und rührend aus, daß im Herzen des
Königs ein Kampf zwischen Liebe und Rachedurst entstand.
Und er rief: „Der Königin steht eine Bitte frei! Doch das Leben des Buhlen
bleibt in meiner Hand“.
Es war stille und die süße Mädchenstimme der Königin sprach: „Ich bitte, daß
man den Sklaven, der des Nachts so traurig am Lido singt, in seine Heimat
sendet“.
Der König lachte heiser.
„Der Königin steht eine Bitte frei“, rief er abermals und seine Stimme
keuchte.
Da bat goldenes Herz, daß man sie vor dem Geliebten töte. Sie wollte nicht hören, wie sein Haupt fiel.
Aber der Geliebte widersprach. Sie solle den Himmel länger sehen als er,
sagte er. Lange Zeit stritten sie hin und her, jeder wollte zuerst sterben. Die
Frauen in der Galerie weinten. Und abermals machte sich Silvia bereit zu
sterben.
Da erhob sich der König und beugte sich über die Galerie und keuchte und
rief: „Der Königin steht noch eine Bitte frei!“ Und er bohrte seine Blicke in
Silvias Augen.
Aber Silvia sprach nicht die Bitte aus, die er erwartete.
„Ich bitte meine Schuld bekennen zu dürfen“ sagt sie.
Der König fiel in den Sessel zurück und nickte.
Es war ein eigentümliches Sündenbekenntnis, Ingeborg, du wirst es hören.
Silvia begann und sagte, daß sie jung wäre und die Muttergottes bäte, ihr zu
vergeben, daß sie erst siebzehn Jahre alt wäre.
„Lieber hätte ich siebzig Jahre alt sein wollen, als ich Königin würde. Aber
möge mir die Muttergottes gnädig sein, daß ich jauchzte, so jung zu sein, als ich
den Geliebten erblickte. Denn bei den Wunden des Erlösers, wäre ich alt
gewesen, aus Gram darüber wäre ich in derselben Nacht gestorben.“
Und sie erzählte, wie sie den Geliebten zum erstenmal sah.
„Er stand im Saale der gewebten Wände, wo so viele Herren und Frauen
lautlos tafeln und lachen, daß man glaubt zwischen Gespenstern zu gehen und
einem bange wird. Da sah ich ihn und er verneigte sich vor mir, und ich
erschrak. Weiß nicht weshalb.
Schöne Augen hast du! sagte ich zu ihm. Bei Gott ich wußte nicht, was ich tat.
Erst später fiel mir ein, was ich gesagt hatte.
Ziemt es sich für eine Königin, stehen zu bleiben und solche Worte zu
sprechen? Gewiß nicht. Ich tat es.
Ich konnte nicht von der Stelle gehen, zitterte und lachte. Ziemt es sich für
eine Königin zu lachen wie ein Kind? Aber ich tat es.
Ich traf ihn wieder an der silbernen Treppe, er legte Kissen in die Barke des
Königs. Er war sehr blaß.
Weshalb bist du so blaß? fragte ich.
Und er erwiderte: Ich bin so blaß, weil ich ein Mädchen liebe und es ihr
nimmermehr sagen kann.
Ich erschrak nicht — Haha — nein, denn ich wußte wohl, wer das Mädchen
war.
Würdest du das Mädchen küssen, wenn du könntest?
Das würde ich bei Gott tun.
So küsse mich.
Er küßte mich. Freunde, es war am Tage, es war angesichts des Palastes, die
Möven haben es gesehen, die Fische im Meer und Gottes tausend strahlende
Augen, nur euch hat Gott die Augen versiegelt.“
Und ich erzählte, daß goldenes Herz fortwährend von dem Geliebten und ihrer
Liebe gesprochen habe und nicht müde geworden sei, die Schönheit des
Geliebten, seine Augen, seine Lippen, seine Hände, seine Stimme zu preisen und
die Süßigkeit ihrer Liebe zu besingen. Ja, so sprach sie, daß die Mönche und
Nonnen sich abwendeten.
„O, ihr Frauen dort oben!“ rief sie. „Seht mich Gefallene! Aber ich sage euch,
nimmermehr möchte ich mit euch tauschen. Gerne würde ich sterben für jedes
seiner Worte und für jede Wimper seiner Lider. Wie glücklich wäre wohl jede
von euch, könnte sie diese Worte sprechen! Haha! Ihr würdet keine Reue
empfinden, hätte er einmal nur seinen Arm um euern Nacken gelegt, die tiefste
Hölle würdet ihr lieber ertragen, als daß ihr einen seiner Küsse entbehrtet. Ich
weiß es, ja, ja, ja!“
Also sprach Silvia und sie konnte nicht aufhören von dem Geliebten zu
sprechen und den Herrlichkeiten ihrer Liebe.
Sie sprach nicht, nein, sie jauchzte. Sie lachte und weinte während sie sprach
und ihre Wangen rötete das Glück.
Auge aber weinte vor Seligkeit hinter der Kapuze, die sie ihm über den Kopf
gezogen hatten, und er weinte so sehr, daß die Steine zu seinen Füßen dunkel
wurden, trotzdem die Sonne brannte.
Die Gäste zitterten. Der König krümmte sich unter Silvias Worten und
erstarrte, immer mehr.
Tiefe graue Furchen entstanden in seinen Wangen und an den Schläfen.
Dann machte sich Silvia wieder bereit zu sterben. Sie war so schön und ihr
Antlitz so heiter, so strahlend, als würde sie dem Geliebten vermählt und ginge
es nicht in den Tod.
Die Henker lauerten des Winkes, aber da hob der König wiederum die Hand.
„Halt! halt!“ rief er keuchend und sann nach. Und er wandte sich zu den
Gästen. „Seht! Seht! Seht doch wie lieblich sie ist! Wie schön sie ist! Wer sah je
ein solch schönes Weib?“
Und er beugte sich weit über die Brüstung und flüsterte: „Noch eine Bitte
steht dir frei, herrlichste Silvia, jede Bitte, welche es auch sei — bei meiner
Ehre!“
Die Gäste jubelten.
Was denkst du nun, daß Silvia bat? Ja, was gab es auch anderes zu bitten, wie?
Aber als sie die Lippen zu diesem Wunsche öffnete, überfiel den König
plötzlich der alte Grimm.
„Tötet sie, tötet sie!“ keuchte er und bewegte die Arme, als schleudere er
Steine auf sie.
Silvias Haupt sprang über das Schwert.
Und als sie Auges Haupt abschlagen wollten, da fanden sie, daß er schon tot
war.
„Er ist schon tot, Herr!“ schrie der Henker. „Die Furcht hat ihn getötet.“
Die Furcht — —
„Was sagst Du dazu Ingeborg?“
Ingeborg schwieg. Ingeborg schüttelte den Kopf.
„Du mußt sie entkommen lassen, Axel, willst du?“
„Ja!“
Und ich erzählte von der Stelle an: die Gäste jubelten. Und Silvia sprach:
„Bist du so gnädig, Herr, so lohne es dir Gott. Schenke uns beiden Leben und
Freiheit“.
Der König lächelte und nickte.
Da schmetterten Posaunen und die Gäste jubelten, daß die Dächer der
Galerien in die Höhe flogen, und alles ging zum Mahle. —
Ingeborg lächelte.
Es war eine goldene Stunde und die ganze Welt, die Wälder, das Tal, das
Schloß, Ingeborg und ich und Pazzo zu Ingeborgs Füßen, alles war aus Gold,
und der goldene Regen fiel immer noch langsam vom Himmel. Ich fühlte, daß
mein Herz golden war und es begann leise zu klingen wie eine Glocke.
Ingeborg lächelte. Sie lächelte noch nicht wie früher.
„Schöner als all deine Legenden ist die von Axel und Ingeborg. Ingeborg war
dem Tode nahe, aber Axel pflegte sie mit solcher Hingabe, daß sie genas und
nicht sterben konnte. Gibt es eine schönere Geschichte? Nein, nein . . . . . .“
Diese Stunde war golden und meine schönste Stunde war es.
Schöner als deine Legenden ist die von Axel und Ingeborg . . . . .
O, Ingeborg. — — — — — — — — — — —
Die Tage gingen und Ingeborg wurde mit jedem Tage kräftiger und gesunder.
Aber doch sprach sie noch nicht wie früher, aber doch lachte sie noch wie früher.
Müde war Ingeborg noch.
Ingeborg ging umher und sann. Stundenweit ging sie in den Wald und sann.
Ihr Antlitz war gebräunt wie im Sommer, da die Sonne brannte.
Was sann Ingeborg doch?
Ich lag viele Nächte und schlief nicht.
Ingeborg war noch nicht die alte.
Die Vögel sangen nicht mehr wie früher. Die Felder waren gemäht.
Ich lag viele Nächte und schlief nicht. Aber am Tage überfiel mich oft die Müdigkeit und ich mußte schlafen. Ich fuhr oft aus dem Schlafe empor, Träume
marterten mich. Ich träumte immer wieder und wieder von jener Nacht, da ich
um Ingeborgs Leben kämpfte. Schrecken jagten durch meine Seele. Es erhoben
sich Fäuste und schlugen mich nieder — und ich erwachte.
Ich vernahm Stimmen, drohende Stimmen, ich vernahm ein Brausen und das
Brausen sprach: Du hast es gewagt!
Hatte ich etwas Böses getan?
Ich sah schlecht aus, als ob ich krank wäre. Zuweilen hatte ich auch Fieber.
Wie war meine Seele? Wie das Tal war sie, Sonne und Wolkenschatten,
jagende Wolkenschatten, ich freute mich über die Sonne, ich griff nach ihr,
wollte sie bannen, ich war glücklich, ich dachte nicht an die Schatten. Nein, ich
wollte nicht an sie denken.
Ingeborg liebte mich. Sie küßte mich tausendmal. Aber ihre Lippen küßten
anders, es war ein anderer Kuß.