Ingeborg
Kapitel 4
an soll die Tage, die ohne Wunsch sind, die wunschlosen Tage soll
man preisen und besingen. Sie sind wie ein stiller, stillschaffender Sommer im
Herzen, überwuchern alles, lassen Rosenhecken auf Gräbern wachsen, sie sind
stille Fruchtbarkeit und machen reich, und der Reiche ist gerecht. Darum soll
man die wunschlosen Tage loben!
Man soll die Tage der heißen lodernden Wünsche loben, auch sie! Sie sind
wie Sensenhiebe in schläfriges Unkraut, sie tragen den Samen glänzender
fremder Blüten ins Herz, die Blut anstatt Honig haben und nach Mord und
Vernichtung duften, sie sind wie ein schwarzes Wetter im schwülen Sommer, das
Blitze sät und morsche Bäume fortlacht. Sie machen demütig und stolz, auch sie
soll man loben.
Man soll das Leben in jeder Form loben, den Mord und die Liebe, heilig sind
Mord und Liebe.
Meine wunschlosen Tage waren gekommen. Sie zogen still vorüber wie
Leute, die aus der Kirche kommen. Mit einem warmen, weichen Herzen ging ich
einher und oft habe ich in mich hineingekichert, wenn ich allein war im Walde.
Vor einigen Jahren war ich draußen in der weiten Welt. Ich tanzte. Über
Menschen und heilige Bücher bin ich hinweggetanzt, gewiß habe ich manches
Unheil angerichtet, hier und da habe ich auch einer armen Seele eine kleine
Freude bereitet.
Nun lebte ich allein für mich, ich brauchte niemand, ich war mir allein genug.
Ich hatte nie Langeweile, nein, niemals.
Tag und Nacht flogen vorbei, und von vielen wußte ich nicht, wie sie
vergingen.
Es gab keine Uhren in meinem Hause, in meiner Tasche. Es gab ohnedies
genug Uhren, die Sonne, das Laub der Bäume, der Brunnen im Parke. Er
rauschte am Tag anders als in der Nacht, um Mitternacht anders als gegen
Morgen. Auch der Geruch des Waldes war eine Uhr. Auch die kleinen, kleinsten
Geräusche, deren Ursache man nicht kennt, sie hatten ihre bestimmten Stunden. Übergenug Uhren gab es ohnehin.
Ich denke daran, wie diese Tage vergingen, da mein Herz ohne Wünsche war.
Ich pfiff Pazzo, und wir streunten im Walde umher. Zuweilen zog ich die
hohen Stiefel an und ging mit dem Gesinde auf die Felder. Ich schaufelte und
harkte. Hinter dem Pfluge ging ich einher, scherzte und schnupfte und trank aus
irdenen Krügen. Ich ging in die Bibliothek, zog ein Buch heraus und las. Ich
fand einen berückenden Gedanken, erschrak über seine Schönheit, seine Tiefe,
stellte ihn mir vor, verfolgte ihn. Eine Krone diesem Mann! dachte ich, eine
Krone und ein Kaiserreich. Es hat Köpfe in der Welt gegeben . . .
Ich setzte mich ans Klavier und schlug eine Taste an und ließ den Ton durch
mein Blut rieseln. Lange Stunden konnte ich damit verbringen. Dieser Flügel
war ein allwissendes, allempfindendes Wesen. Des Menschen wildes, zuckendes
Herz war darin verborgen, sein süßes Weinen und sein irrsinniges Lachen. Ich
lauschte. Was ist das? dachte ich und erschrak. Und ich wagte es nicht, den
folgenden Akkord anzuschlagen, ich wagte es nicht. Ich hatte soviel Schmerz in
einem Auge gesehen und konnte dieses Auge nicht mehr vergessen.
Es wurde dunkel, die Welt verlor die Farben, und in meinem Kopfe erwachten
sie. Korallenwälder und ein Meer aus Regenbogen, Wände von Katzenaugen
und eine silberne Unendlichkeit. Kreisende Kometen an meinen Augendeckeln.
Haha!
Ich konnte mir die Welt nach Gutdünken und Belieben zeichnen und malen.
Kohlschwarze Flüsse, rote Himmel, grüne Menschen, wie ich wollte. Das
Unmögliche konnte ich vollbringen. Es ist schwer, den Teufel auf eine
Nadelspitze zu setzen, aber ich konnte es, und ich konnte mich ergötzen an
seinem jämmerlichen Gesichte, ich konnte Jehovah vorüberwandeln lassen, die
Sonne am Siegelring, ich konnte alles was ich wollte. So herrlich waren die
Visionen hinter den geschlossenen Augenlidern, daß ich mir zuweilen wünschte,
blind zu sein. Blind, so unsinnig der Gedanke ist.
Zum Beispiel, ja, gut, ich schließe die Augen und warte. Ich sehe eine
bronzegrüne Luft. Etwas Weißes erscheint. Es ist der Leib eines Weibes, eines
schlanken Mädchens. Das Mädchen richtet seine sanften, warmen Blicke auf
mich, still und steif steht es, die Hände leicht gegen die Brüste gedrückt. Ich
lasse sie nicht aus den Augen und warte. Da beginnen die Brüste zu blühen, ihre
Knospen springen auf und durchsichtige Blumenkelche wachsen heraus. Die
Finger des Weibes blühen und kleine weiße Blüten liegen wie Milchtropfen auf
ihnen. Feine Korallenästchen sind die Adern der Hände und Arme. Die Lippen
des Weibes blühen purpurrot, die Haare verwandeln sich in goldene
Blütengehänge und fallen über Schultern und Leib. Eine kristallhelle blaue Tulpe
wächst aus der Stirne, aus den Knien wächst eine kristallhelle blaue Tulpe. Das Weib bewegt die Lippen und öffnet sie und flüstert, ein winziger Schmetterling
schwebt aus dem Munde, wieder einer, ein Schwarm in allen Farben, und sie
umgaukeln das blühende Weib gleich fliegenden Blüten. Das Weib schließt die
Lider, da erscheinen in diamantener Schrift rätselhafte Zeichen auf den Lidern,
das Weib öffnet die Augen und die Augen sind strahlend weiß wie Lichter. Nun
fangen auch die Wimpern zu blühen an . . . . .
Manche Nacht habe ich mit solchen Träumen verbracht. Sollte ich Langeweile
haben? Nein, meine Tage vergingen. —
Ich bekam eine Einladung zu einer Abendgesellschaft von Graf Flüggen
zugeschickt.
Papa erwartet Sie bestimmt, stand darunter geschrieben.
Soll er warten. Ich habe keine Zeit.
Harry Usedom ging an meinem Hause vorüber, in einen phantastischen
Mantel eingehüllt, es regnete. Er hatte es sehr eilig. Ich saß am Klavier und sah
ihn die Straße heraufkommen. Ich hielt inne im Spiel. Denn gewiß horchte er mit
seinen feinen Ohren, er wollte mein Herz belauschen. Ein wunderlicher Gedanke
war dies, aber er zwang mich innezuhalten.
Viele Grüße! dachte ich und lächelte. —
Ich erinnere mich so deutlich an die Nächte dieses Frühlings. Sie waren so
wunderbar still, so still, daß man auf die Stille horchen mußte. Sie waren
schwarz wie Samt mit vielen, vielen Sternen. Ich lag häufig vor meinem Hause
im Grase und sah in die Sterne empor. Ein herber Duft fiel aus den Kastanien.
Sie standen in Blüte, wie große Christbäume sahen sie aus und ihre Kerzen
erschienen wiederum wie Christbäumchen, ganz aus Licht. Ich roch
Wiesensalbei und Waldmeister.
Da lag ich, auf dem Rücken, und sah in den Himmel hinein. Das Hirn Gottes
mit seinen Gedanken? Sah ich in Gottes Hirn hinein und sah seine Gedanken
brennen? Die Sterne blickten mich an und es rieselte durch meinen Leib. Soll ich
in die Knie sinken? dachte ich. Und ich wünschte ein Pfeil zu sein,
hineingeschossen zu werden in den Himmel, und eine Sekunde da droben stille
zu stehen und mich zu drehen und umzublicken, bevor ich wieder zur Erde fiel.
Und ich sah solange in die Sterne hinein, bis sie auf mich heruntertropften, und
ich zusammenschrak. Ein Hirn voller Sterne trug ich ins Haus und dann träumte
ich, daß ich im Grase läge und in die Sterne blickte.
Ich war reich und glücklich.
Meine wunschlosen Tage waren dies.
Die Abendgesellschaft bei Graf Flüggen fand an einem Sonntage statt. Am
Nachmittage jenes Sonntags fuhr Ingeborg im offenen Jagdwagen am Schlosse
vorüber. Sie kutschierte selbst, knallte mit der Peitsche und nickte zu mir herauf.
Es war ganz eigentümlich. Ich träumte zuerst von ihr. Da stand ich im Hofe, in
Hemdärmeln und schraubte an einem Pfluge, an dem einige Schrauben locker
geworden waren. Der Hof lag zwischen dem Schlosse und den
Wirtschaftsgebäuden und hatte ein breites Tor zur Bergstraße. Es war Sonntag,
alles ruhig und leer. Die Sonne schien, so daß die Pflugschar gleißte und mir
zuweilen in die Augen schnitt.
Pazzo lag in der Sonne, die Füße steif von sich gestreckt, weiß und blau sah er
aus, er warf einen hellblauen schmalen Schatten, der jedes abstehende Härchen
wiedergab. Er blinzelte und schien zu lächeln, weil ich mich ungeschickt
anstellte. Und wenn ich ihn anblickte, so schlug er mit dem Schwanz auf den
Boden, als wolle er sich für dieses Lächeln entschuldigen und mich milde
stimmen.
Unvermittelt mußte ich an Ingeborg denken. Gewiß, dachte ich, hat sie dies
vom Weißbrot und dem Karpfenteich irgendwo gelesen. Oder wenigstens schon
oft gesagt und nicht erst in jenem Augenblicke erfunden. Nein, sicher hat sie es
gelesen. Kam es mir nicht gleich bekannt vor? Ich werde sie fragen.
Haha, werde ich zu ihr sagen, Fräulein Giselher, diese Geschichte vom
Weißbrot und dem Karpfenteich habe ich nun in einem Buche entdeckt. Was
sagen Sie dazu?
Gewiß wird sie dann nicht leugnen.
Ich werde ihr sagen, daß ich mich freuen würde, sie öfters zu sehen. Ich habe
vier junge Füchse, kleine drollige Spitzbuben — die Knechte nahmen einen Bau
aus — kommen Sie und schauen Sie sich diese Füchse an, Fräulein Giselher.
Der Schweiß rann mir über das Gesicht und tropfte auf meine Hand, die schon
schmutzig und fettig geworden war. Das Gewinde der Schraube schien
verdorben zu sein.
Alles Ernstes, ich würde ein langes Gespräch mit ihr führen!
Fräulein Giselher, so würde ich beginnen, ich habe lange Jahre auf Sie
gewartet, ohne es zu wissen.
Hahaha!
Weshalb sie nun lache? — Ohne es selbst zu wissen auf Sie gewartet.
Sehnsucht und Träume viele Jahre. Ich strecke meine Arme des Nachts zum
Fenster hinaus, um einen Nacken zu umschlingen — niemand ist da. Es pocht an
meine Türe. Herein! rufe ich und erschrecke, denn endlich kommt sie. Aber
niemand ist da. Nun aber — —
Hahaha!
Ja, das sind lauter Lügen, gewiß Fräulein Giselher. Ich liebe es zu lügen und
ich habe ein großes Geschick dazu. Die Kinder und ich, was lügen wir doch
zusammen! Aber eines sage ich Ihnen — Sie kennen mich nicht, meine Freundin. Nein. Ich rauche meine Pfeife und lächle vor mich hin, niemand weiß,
was ich denke. Niemand weiß, was ich zuweilen denke, wenn der Wald
wehklagt. Wäre es nicht möglich, daß ich ein Herz hätte? Ich sehe die Leute an
und denke: sie kennen dich nicht und das stimmt mich heiter.
Da hob Pazzo den Kopf und zuckte mit den Ohren.
Ein Wagen rasselte die Straße herauf und flog am offenen Tor vorüber.
Ingeborg kutschierte. Niemand saß sonst im Wagen, den zwei glänzende
Füchse zogen.
Ich grüßte, und Ingeborg neigte den Kopf, kühl und zurückhaltend, als kenne
sie mich gar nicht.
Mußte ich aber auch gerade in Hemdärmeln im Hofe stehen. In Hemdärmeln,
hohen Stiefeln, und dazu hatte ich schmutzige aufgequollene Hände.
Ich hatte kein Glück . . .
Da empfand ich, daß ich träumte, und ich erwachte! Es knatterte in der Ferne.
Es klang, als würden Nüsse aus einem Sack auf die Erde geschüttet und
zerschlagen.
Ich lag in meinem Zimmer. Was träumte ich doch! dachte ich.
Das Knattern aber verstärkte sich, und nun hörte ich, daß ein Wagen die
Straße herauf kam. Die Pferde mußten scharf in den Boden einschlagen, da die
Straße steil anstieg.
Ingeborg flog in einem Jagdwagen heran. Hinter ihr saß steif, die Arme
verschränkt, ein Lakai.
Ingeborg hielt die Zügel und knallte mit der Peitsche.
Sie blickte an den Fenstern entlang und lächelte, als sie mich gewahrte. Die
Peitsche knallte, so daß es klang wie feine Schüsse.
Ich verneigte mich und lächelte. Ich dachte an den sonderbaren Traum.
Aber am Abend blieb ich zu Hause. Ich hatte keine Lust, unter Menschen zu
gehen. Dieser Abend war ein einziger, schöner Traum und ich schlief erst ein, als
die Hähne krähten. Ich dachte an Liselotte.
Rothaarige Liselotte, geborene Weikersbach, was ist mit uns beiden? Wir sehen
uns an, lächeln, haben verborgene dunkle Sünde in den Augen. Was wird wohl
dein Ehegemahl sagen?
Ich ging hinunter in die Dorfkirche von Hohenficht und besah mir Liselottes
Epitaphium. Ich las die wenigen Daten, las den Namen, Liselotte, geborene
Weikersbach, und ward traurig und dunkel in der Seele.
Liselotte, dich würde ich lieben, wenn du lebtest! Ja, das weiß ich!
Wunderbare Abenteuer habe ich mit Liselotte erlebt.
Sie gäben ein dickes Buch, wollte ich sie aufschreiben. Ein Buch, über das
man viel lachen müßte. Alle meine Abenteuer mit Liselotte sind heiterer Natur.
— Habe ich giftige Beeren gegessen?