Ingeborg

Bernhard Kellermann · Kapitel 30 von 40

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Ingeborg

Kapitel 30

 

 

ines Nachmittags fielen zwei Menschen in mein Haus, zwei

Menschen, die lachten und guter Dinge waren.

Harry Usedom mit dem schmalen hohen Frauenkopf und ein rothaariger

Irrwisch mit Sommersprossen, treuherzigen Augen und einer kleinen Nase, eine

Eggern-Weikersbach, Isabella hieß sie. Sie war eine Kusine von mir. Schülerin

von Usedom, jetzt seine Frau.

„Er hat mich aus Verzweiflung geheiratet!“ sagte sie. Sie lachte, konnte

keinen Augenblick still sitzen und schob ihren Hut hin und her auf dem Kopfe.

Harry Usedom sprach und sprach. Sie unterhielten mich beide, lachten,

bestellten Kaffee und Wein und Kognak, und taten, als ob sie sich einnisten

wollten. Ich merkte recht gut, daß sie gekommen waren, um mich zu zerstreuen.

„Wir werden dir den ganzen Mozart vorspielen, Axel.“

Ich versuchte fröhlich mit ihnen zu sein, mit ihnen zu plaudern, es ging nicht.

Ich lächelte hie und da.

Isabella schlug Harry Usedom auf den Mund, wenn er keck wurde.

Nun, sie gingen wieder.

„Wir kommen jeden Tag, Axel! Nur keine Ausflüchte!“

Sie gingen, Isabella kam nochmals zurück.

Sie umschlang mich und schmiegte sich an mich. „Höre,“ sagte sie, „was ist

doch mit dir? Wie siehst du aus? Du siehst ja wie eine Leiche aus! Ganz grün

und wächsern. Axel, beichte!“

Ich lächelte.

„O, Axel, bessere dich. Was warst du für ein lustiger Kamerad, früher. Ich

sagte zu allen Leuten, das ist gar nichts, da solltet ihr Axel sehen! Nun Adieu,

du!“ — —

Ich besah mich im Spiegel. Ja, ich sah wie eine Leiche aus. Woher kam es?

Kam es daher, daß ich immer mit einem Gespenste lebte? — — —

Sie kamen wieder, Usedom und Isabella, ich war nicht zu Hause. Sie luden

mich nach Rote Buche ein. Sie schickten den Wagen, der mich abholen sollte.

Nein, ich ging nicht.

Merkten sie es denn nicht, daß ich keine Menschen sehen konnte?