
Liebeszauber
Tief denkend saß Emil an seinem Tische und erwartete seinen Freund Roderich, beginnt Tiecks Erzählung: Das Licht brannte vor ihm, der Winterabend war kalt, und er wünschte heut seinen Reisegefährten herbei, so gern er wohl sonst dessen Gesellschaft vermied, denn an diesem Abend wollte er ihm ein Geheimnis entdecken und sich Rat von ihm erbitten. Der menschenscheue Emil fand bei allen Geschäften und Vorfällen des Lebens so viele Schwierigkeiten, so unübersteigliche Hindernisse, dass ihm das Schicksal fast in einer ironischen Laune diesen Roderich zugeführt zu haben schien, der in allen Dingen das Gegenteil seines Freundes war: unstet, flatterhaft, von jedem ersten Eindruck bestimmt und begeistert, unternahm er alles und wusste für alles Rat, doch ermüdete und erlahmte er im Verlaufe eines Geschäftes ebenso schnell, wie er anfangs elastisch und begeistert gewesen war. Daher verging kein Tag, dass die beiden Freunde nicht in Streit gerieten, doch war vielleicht dasjenige, was sie dem Anscheine nach trennte, nur das, was sie am innigsten verband.






