Verstand schafft Leiden, Schauspiel in vier Akten
Vierte Scene.
Tschatzki.
Mein Gott, Sie sprechen ja, als wären Sie noch Kind! Als ob nur Meinungen von andern heilig sind!
Moltschálin.
Abhängig muß man doch einmal von andern sein.
Tschatzki.
Und weßhalb muß man’s sein?
Moltschálin.
Ei nun — mein Rang ist klein.
Tschatzki (halb laut).
Mit solcher Denkungsart, mit solchem Geist ihn lieben, Sie hat mich nur getäuscht und ihren Scherz getrieben!
Vierte Scene.
Im Grunde öffnen sich mehrere Thüren auf einen zweiten Saal, alles ist erleuchtet, Diener treten auf.
Moltschálin geht ab. Tschatzki bleibt im Vordergrunde.
Ein älterer Diener.
He Philipp, Thomas, rührt euch, frisch!
Hierher noch einen Kartentisch,
Bringt Lichte, Bürsten her und Kreide!
(Er klopft an Sophiens Thür.)
Mamsell Lisette, hören Sie, Sie können nur dem Fräulein sagen: Natalie Dmítrewna ist hier
Mit ihrem Mann, und vor der Thür
Hält schon ein zweiter Wagen.
(Ab.)
Fünfte Scene.
Tschatzki. Natalie Dmítrewna. Goritscheff.
Natalie Dmítrewna.
Wie, seh’ ich recht — ja — es sind seine Züge!
Herr Tschatzki, wenn ich mich nicht trüge?
Tschatzki.
Sie seh’n mich zweifelnd an, vom Kopf bis zu den Füßen. Es wär’ doch wunderbar,
Daß mich verändert so drei Jahr!
Natalie Dmítrewna.
Ich dacht’ mir alles andre ehr
Als Sie in Moskau zu begrüßen.
Nun woher?
Wann sind Sie angelangt?
Tschatzki.
So eben.
Natalie Dmítrewna.
Das ist schön!
Und auf wie lang?
Tschatzki.
Ich werde sehn!
Doch Sie? Ich kann nicht zu mir vor Erstaunen kommen. Sie haben unbegreiflich zugenommen.
Was haben Sie nur angefangen?
Welch Gliederspiel und welche rothe Wangen!
Verjüngt, voll Geist, im Blicke welche Laune?
Was ist geschehen? Ich erstaune!
Natalie Dmítrewna.
Ich habe mich vermählt.
Tschatzki.
Das mußten längst Sie sagen!
Natalie Dmítrewna.
Mein Mann, ein einz’ger Mann — ich darf mich nicht beklagen — Gleich ist er hier. — Nicht wahr — ich mache Sie bekannt?
Tschatzki.
Ich bitt’ Sie drum!
Natalie Dmítrewna.
Gewiß, Sie finden ihn charmant.
Ein Blick genügt.