Verstand schafft Leiden, Schauspiel in vier Akten
Vierzehnte Scene.
Ich sah und schaut’ und glaubt’ nicht was ich sah! Und dieses Herzblatt, das mir vorgezogen,
Für den Sie Ihren alten Freund betrogen,
Der Mensch, durch den Gefühl und Scham
Von Ihrer Wange kam,
Der läuft jetzt fort voll Angst und Schrecken
Sich hinter Schloß und Riegel zu verstecken.
Wer faßt des Schicksals launenhaftes Spiel!
Der Mann von Seele und Gefühl
Wird unter einer Last von Leiden fast erdrückt,
Und die Moltschálin’s — sind beglückt.
Sophie
(in Thränen zerfließend).
Nichts mehr, ich bin voll Schuld — ich sag’ es frei — Doch konnt’ ich’s ahnen wohl, daß er so schändlich sei?
Lisette.
Man kommt! Ihr Vater ist’s, ach Gott, das ganze Haus! Der Alte wird sich freu’n, nun ist auch alles aus!
Vierzehnte Scene.
Die Vorigen. Famussoff (kommt mit mehreren Dienern, die Fackeln, Lichte und Laternen tragen).
Famussoff.
Hierher! Mir nach! Geschwind, geschwind!
Mehr Licht! Laternen! Nun, wo sind
Denn die Gespenster? Wie? Was seh’ ich da?
Wie? meine Tochter? Ha!
Verworfne Dirne, ohne Scham!
Und wo? Und sag’ mit wem? Infam!
Ja! Topp auf Topp! Ganz auf ein Haar
Wie meine sel’ge Frau, wie ihre Mutter war.
Kehrt’ ich den Rücken nur, so wußt’ ich’s schon’ Gleich steckt’ sie irgendwo mit einer Mannsperson. Du! fürchte Gott!
Wie hat Dich dieser Mensch denn so berückt?
Du selbst erklärtest ihn ja für verrückt;
Ja so!! — Ich war ja blind und dumm!
Erfunden war’s und alle wußten drum.
Er selbst war im Complott
Mit allen meinen Gästen.
Wodurch verdient’ ich, lieber Gott,
Daß man mich also hält zum Besten!
Tschatzki (zu Sophie).
Das Mährchen also haben Sie erdacht?
Famussoff.
Schatz, keine Finten hier gemacht!
Ich lass’ mich länger nicht betrügen
Und würdet ihr euch hier gleich in den Haaren liegen.
(Zum Portier.)
Du, Philipp, bist ein Klotz, wie ich nun deutlich seh’ — Ein Rindvieh macht’ ich zum Portier.
Er hört und sieht nicht; — sag’ — wo hast Du denn gesteckt? Wie hast Du denn nicht alles gleich entdeckt?
Warum verschlosst Du nicht die Thüre jetzt?
Und warum passest Du nicht auf bis ganz zuletzt?
(Zu den übrigen Dienern.)
Wo war’t ihr alle hingelaufen? —
Zur Arbeit — nach Sibirien mit euch!
Für einen Groschen wär’t ihr fertig gleich
Mich zu verrathen und mich zu verkaufen.
(Zu Lisette.)
Und das, Du Falkenaug’, sind deine Schelmenstücke! Da haben wir die Schmiedebrücke
Und Putz und Modennarrethei.
Da hast Du es gelernt
Wie man den Seladon läßt ein
Und wieder ihn entfernt.
Wart’ nur, Dir leg’ ich Deine Suiten,
Auf’s Dorf mit Dir, da kannst Du Gänse hüten!
(Zu Sophie.)
Auch Du, Mamsell, Du bleibst nicht länger hier. Zwei Tage Zeit noch geb’ ich Dir,
Dann wirst Du fort aus Moskau gehn
Und nicht mehr Menschen sehn.
Ich halte Dich schon fern Von solchen abgefeimten Herrn.
Zur Muhme, nach Saratow — in die Wüste hin,
Das wird kuriren Deinen Sinn.
Da kannst Du seufzen in der Oede,
Von Liebelein ist dort nicht mehr die Rede;
Da kannst Du Dich am Rahmen dehnen
Und hinter der Postille gähnen.
(Zu Tschatzki.)
Erlauben Sie, mein Herr, daß ich Sie ernstlich bitte Zu unterlassen alle weitern Schritte,
In jeder Art, nicht grad’, nicht krumm —
Sie werden schon für Ihre Streiche büßen,
Und hier im ganzen Publikum
Wird jede Thür vor Ihnen sich verschließen —
Denn ich versprech’s — ich werde Lärmen schlagen, Ich werde jedermann in Moskau fragen
Wie solch Betragen ihm gefällt.
Erfahren soll es alle Welt,
Ich schrei’ es aus in alle Häuser,
Ich reich’ es ein in den Senat,
Ich klag’ es dem Ministerrath,
Ich gehe bis zum Kaiser!
Tschatzki.
Ich fass’ es nicht, ich muß gestehn,
Ich hör’ es zwar, doch kann ich’s nicht begreifen. Betäubt davon was hier geschehn
Steh’ ich noch da und die Gedanken schweifen.
Ich Thor! Wo suchte ich den Preis für meine Leiden? Ich eilte, flog, ich zitterte vor Freuden,
Dem Glück schon nah mich wähnend;
Nur Eines wünschend, Eins nur sehnend
Verschwendet’ ich der Liebe heißes Flehn,
Und Sie — Sie wählten — wen?! —
Und wollten Sie mich denn verschmäh’n —
Warum denn heucheln
Und mir mit Hoffnung schmeicheln?
Warum mir denn nicht deutlich sagen:
Hin sei der Traum aus jenen Jugendtagen, Und nur noch Gegenstand für Ihren Spott!
Warum mir denn nicht sagen,
Daß lau geworden die Erinnerung sogar
An die Gefühle, die wir theilten,
Und die in mir nicht Trennung, nicht die Zeit,
Zerstreuung nicht und weite Reisen heilten;
Die jedem Athemzug verwebt —
Mit denen ich gelitten — mit denen ich gelebt!
Ach hätten Sie die Wahrheit nicht gescheut,
Daß meine schnelle Rückkehr, mein Betragen,
Mein Anblick, meine Worte Ihnen nicht behagen, Ich hätte Sie sogleich von mir befreit.
Ich hätte nicht in meinem blinden Wähnen
Nach dem gestrebt, was er, Ihr Liebling da —
(Er lacht.)
Haha!
Sie werden sich versöhnen!
Wenn reiflich Sie’s bedenken,
Wozu sich selber kränken?
Und dann — Sie können windeln ihn und plagen Und in Geschäften aus dem Hause jagen,
Solch Ehejüngelchen, solch einen Eheknecht — Zum Pagen wie geschaffen
Für’s ganze weibliche Geschlecht,
Der Eheherren hohes Ideal
In Moskau — o — ein sauberer Gemahl.
Genug! Es ist mein Stolz Sie zu vergessen.
(Zu Famussoff.)
Sie, alter Herr, auf Rang stets so versessen,
O träumen Sie unwissend — glücklich fort!
Ich gebe Ihnen hier mein Ehrenwort:
Ich werbe nie um Ihrer Tochter Hand,
Weil sich ein andrer Ritter fand.
Ein Männlein sehr erfahren und geschickt,
Ein Speichellecker, der sich ewig bückt,
Und der auch ganz, so wie mir däucht,
Dem künft’gen Schwiegervater gleicht.
Die Schuppen ha, sind mir vom Aug’ gefallen,
Die Binde sank — die Täuschung hörte auf!