Zur Psychopathologie des Alltagslebens

Sigmund Freud · Kapitel 12 von 13

PDF-Seiten

Zur Psychopathologie des Alltagslebens

IX. Irrtümer.

IX.

 

Irrtümer.

 

Die Irrtümer des Gedächtnisses sind vom Vergessen mit Fehlerinnern nur durch

den einen Zug unterschieden, dass der Irrtum (das Fehlerinnern) nicht als solcher

erkannt wird, sondern Glauben findet. Der Gebrauch des Ausdruckes »Irrtum«

scheint aber noch an einer anderen Bedingung zu hängen. Wir sprechen von

»Irren« anstatt von »falsch Erinnern«, wo in dem zu reproduzierenden

psychischen Material der Charakter der objektiven Realität hervorgehoben

werden soll, wo also etwas anderes erinnert werden soll als eine Tatsache meines

eigenen psychischen Lebens, vielmehr etwas, was der Bestätigung oder

Widerlegung durch die Erinnerung anderer zugänglich ist. Den Gegensatz zum

Gedächtnisirrtum in diesem Sinn bildet die Unwissenheit.

 

In meinem Buche »Die Traumdeutung (1900)« habe ich mich einer Reihe von

Verfälschungen an geschichtlichem und überhaupt tatsächlichem Material

schuldig gemacht, auf die ich nach dem Erscheinen des Buches mit

Verwunderung aufmerksam geworden bin. Ich habe bei näherer Prüfung

derselben gefunden, dass sie nicht meiner Unwissenheit entsprungen sind,

sondern sich auf Irrtümer des Gedächtnisses zurückleiten, welche sich durch

Analyse aufklären lassen.

 

a. Auf p. 266 bezeichne ich als den Geburtsort S c h i l l e r s die Stadt

M a r b u r g , deren Name in der Steiermark wiederkehrt. Der Irrtum findet sich

in der Analyse eines Traumes während einer Nachtreise, aus dem ich durch den

vom Kondukteur ausgerufenen Stationsnamen M a r b u r g geweckt wurde. Im

Trauminhalt wird nach einem Buch von S c h i l l e r gefragt. Nun ist S c h i l l e r

nicht in der Universitätsstadt M a r b u r g , sondern in dem schwäbischen

M a r b a c h geboren. Ich behaupte auch, dass ich dies immer gewusst habe.

 

b. Auf p. 135 wird H a n n i b a l s Vater H a s d r u b a l genannt. Dieser Irrtum

war mir besonders ärgerlich, hat mich aber in der Auffassung solcher Irrtümer

am meisten bestärkt. In der Geschichte der B a r k i d e n dürften wenige der

Leser des Buches besser Bescheid wissen als der Verfasser, der diesen Fehler niederschrieb und ihn bei drei Korrekturen übersah. Der Vater H a n n i b a l s

hiess H a m i l k a r B a r k a s, H a s d r u b a l war der Name von H a n n i b a l s

Bruder, übrigens auch der seines Schwagers und Vorgängers im Kommando.

 

c. Auf p. 177 und p. 370 behaupte ich, dass Z e u s seinen Vater Kronos

entmannt und ihn vom Throne stürzt. Diesen Greuel habe ich aber irrtümlich um

eine Generation vorgeschoben; die griechische Mythologie lässt ihn von

K r o n o s an seinem Vater U r a n o s verüben.

 

Wie ist es nun zu erklären, dass mein Gedächtnis in diesen Punkten Ungetreues

lieferte, während es mir sonst, wie sich Leser des Buches überzeugen können,

das entlegenste und ungebräuchlichste Material zur Verfügung stellte? Und

ferner, dass ich bei drei sorgfältig durchgeführten Korrekturen wie mit Blindheit

geschlagen an diesen Irrtümern vorbeiging?

 

Man hat von L i c h t e n b e r g gesagt, wo er einen Witz gemacht habe, dort

liege ein Problem verborgen. Ähnlich kann man über die hier angeführten

Stellen meines Buches behaupten: wo ein Irrtum vorliegt, da steckt eine

Verdrängung dahinter. Richtiger gesagt: eine Unaufrichtigkeit, eine Entstellung,

die schliesslich auf Verdrängtem fusst. Ich bin bei der Analyse der dort

mitgeteilten Träume durch die blosse Natur der Themata, auf welche sich die

Traumgedanken beziehen, genötigt gewesen, einerseits die Analyse irgendwo

vor ihrer Abrundung abzubrechen, andererseits einer indiskreten Einzelheit

durch eine leise Entstellung die Schärfe zu benehmen. Ich konnte nicht anders

und hatte auch keine andere Wahl, wenn ich überhaupt Beispiele und Belege

vorbringen wollte; meine Zwangslage leitete sich mit Notwendigkeit aus der

Eigenschaft der Träume ab, Verdrängtem, d. h. Bewusstseinsunfähigem,

Ausdruck zu geben. Es dürfte trotzdem genug übrig geblieben sein, woran

empfindlichere Seelen Anstoss genommen haben. Die Entstellung oder

Verschweigung der mir selbst noch bekannten fortsetzenden Gedanken hat sich

nun nicht spurlos durchführen lassen. Was ich unterdrücken wollte, hat sich

oftmals wider meinen Willen den Zugang in das von mir Aufgenommene

erkämpft und ist darin als von mir unbemerkter Irrtum zum Vorschein

gekommen. In allen drei hervorgehobenen Beispielen liegt übrigens das

nämliche Thema zu Grunde; die Irrtümer sind Abkömmlinge verdrängter

Gedanken, die sich mit meinem verstorbenen Vater beschäftigen.

 

ad. a) Wer den auf p. 266 analysierten Traum durchliest, wird teils unverhüllt

erfahren, teils aus Andeutungen erraten können, dass ich bei Gedanken

abgebrochen habe, die eine unfreundliche Kritik am Vater enthalten hätten. In der Fortsetzung dieses Zuges von Gedanken und Erinnerungen liegt nun eine

ärgerliche Geschichte, in welcher Bücher eine Rolle spielen und ein

Geschäftsfreund des Vaters, der den Namen M a r b u r g führt, denselben

Namen, durch dessen Anruf in der gleichnamigen Südbahnstation ich aus dem

Schlaf geweckt wurde. Diesen Herrn M a r b u r g wollte ich bei der Analyse mir

und den Lesern unterschlagen; er rächte sich dadurch, dass er sich dort

einmengte, wo er nicht hingehört, und den Namen des Geburtsortes

S c h i l l e r s aus M a r b a c h in M a r b u r g veränderte.

 

ad. b) Der Irrtum H a s d r u b a l anstatt H a m i l k a r , der Name des Bruders an

Stelle des Namens des Vaters, ereignet sich gerade in einem Zusammenhange,

der von den Hannibalphantasien meiner Gymnasiastenjahre und von meiner

Unzufriedenheit mit dem Benehmen des Vaters gegen die »Feinde unseres

Volkes« handelt. Ich hätte fortsetzen und erzählen können, wie mein Verhältnis

zum Vater durch einen Besuch in England verändert wurde, der mich die

Bekanntschaft meines dort lebenden Halbbruders aus früherer Ehe des Vaters

machen liess. Mein Bruder hat einen ältesten Sohn, der mir gleichalterig ist; die

Phantasien, wie anders es geworden wäre, wenn ich nicht als Sohn des Vaters,

sondern des Bruders zur Welt gekommen wäre, fanden also kein Hindernis an

den Altersrelationen. Diese unterdrückten Phantasien fälschten nun an der Stelle,

wo ich in der Analyse abbrach, den Text meines Buches, indem sie mich

nötigten, den Namen des Bruders für den des Vaters zu setzen.

 

ad. c) Dem Einfluss der Erinnerung an diesen selben Bruder schreibe ich es zu,

dass ich die mythologischen Greuel der griechischen Götterwelt um eine

Generation vorgeschoben habe. Von den Mahnungen des Bruders ist mir lange

Zeit eine im Gedächtnis geblieben: „Vergiss nicht, in Bezug auf Lebensführung,

eines“, hatte er mir gesagt, „dass Du nicht der zweiten, sondern eigentlich der

dritten Generation vom Vater aus angehörst.“ Unser Vater hatte sich in späteren

Jahren wieder verheiratet und war um so vieles älter als seine Kinder zweiter

Ehe. Ich begehe den besprochenen Irrtum im Buche gerade, wo ich von der

Pietät zwischen Eltern und Kindern handle.

 

Es ist auch einige Male vorgekommen, dass Freunde und Patienten, deren

Träume ich berichtete, oder auf die ich in den Traumanalysen anspielte, mich

aufmerksam machten, die Umstände der gemeinsam erlebten Begebenheit seien

von mir ungenau erzählt worden. Das wären nun wiederum historische Irrtümer.

Ich habe die einzelnen Fälle nach der Richtigstellung nachgeprüft und mich

gleichfalls überzeugt, dass meine Erinnerung des Sachlichen nur dort ungetreu

war, wo ich in der Analyse etwas mit Absicht entstellt oder verhehlt hatte. Auch hier wieder e i n u n b e m e r k t e r I r r t u m a l s E r s a t z f ü r e i n e

a b s i c h t l i c h e Ve r s c h w e i g u n g o d e r Ve r d r ä n g u n g.

 

Von diesen Irrtümern, die der Verdrängung entspringen, heben sich scharf andere

ab, die auf wirklicher Unwissenheit beruhen. So war es z. B. Unwissenheit,

wenn ich auf einem Ausflug in die W a c h a u den Aufenthalt des Revolutionärs

F i s c h h o f berührt zu haben glaubte. Die beiden Orte haben nur den Namen

gemein; das E m m e r s d o r f F i s c h h o f s liegt in Kärnthen. Ich wusste es

aber nicht anders.

 

Man wird vielleicht nicht geneigt sein, die Klasse von Irrtümern, für die ich hier

die Aufklärung gebe, für sehr zahlreich oder besonders bedeutungsvoll zu halten.

Ich gebe aber zu bedenken, ob man nicht Grund hat, die gleichen Gesichtspunkte

auch auf die Beurteilung der ungleich wichtigeren U r t e i l s i r r t ü m e r der

Menschen im Leben und in der Wissenschaft auszudehnen. Nur den

auserlesensten und ausgeglichensten Geistern scheint es möglich zu sein, das

Bild der wahrgenommenen äusseren Realität vor der Verzerrung zu bewahren,

die es sonst beim Durchgang durch die psychische Individualität des

Wahrnehmenden erfährt.