Zur Psychopathologie des Alltagslebens

Sigmund Freud · Kapitel 3 von 13

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Zur Psychopathologie des Alltagslebens

III. Über die Deckerinnerungen.

III.

 

Über die Deckerinnerungen.

 

In einer zweiten Abhandlung (1899 in der Monatsschrift für Psychiatrie und

Neurologie veröffentlicht) habe ich die tendenziöse Natur unseres Erinnerns an

unvermuteter Stelle nachweisen können. Ich bin von der auffälligen Tatsache

ausgegangen, dass die frühesten Kindheitserinnerungen einer Person häufig

bewahrt zu haben scheinen, was gleichgiltig und nebensächlich ist, während von

wichtigen, eindrucksvollen und affektreichen Eindrücken dieser Zeit (häufig,

gewiss nicht allgemein!) sich im Gedächtnis des Erwachsenen keine Spur

vorfindet. Da es bekannt ist, dass das Gedächtnis unter den ihm dargebotenen

Eindrücken eine Auswahl trifft, stände man hier vor der Annahme, dass diese

Auswahl im Kindesalter nach ganz anderen Prinzipien vor sich geht, als zur Zeit

der intellektuellen Reife. Eingehende Untersuchung weist aber nach, dass diese

Annahme überflüssig ist. Die indifferenten Kindheitserinnerungen verdanken

ihre Existenz einem Verschiebungsvorgang; sie sind der Ersatz in der

Reproduktion für andere wirklich bedeutsame Eindrücke, deren Erinnerung sich

durch psychische Analyse aus ihnen entwickeln lässt, deren direkte

Reproduktion aber durch einen Widerstand gehindert ist. Da sie ihre Erhaltung

nicht dem eigenen Inhalt, sondern einer assoziativen Beziehung ihres Inhaltes zu

einem anderen, verdrängten, verdanken, haben sie auf den Namen

»Deckerinnerungen«, mit welchem ich sie ausgezeichnet habe, begründeten

Anspruch.

 

Die Mannigfaltigkeiten in den Beziehungen und Bedeutungen der

Deckerinnerungen habe ich in dem erwähnten Aufsatze nur gestreift, keineswegs

erschöpft. An dem dort ausführlich analysierten Beispiel habe ich eine

Besonderheit der z e i t l i c h e n Relation zwischen der Deckerinnerung und dem

durch sie gedeckten Inhalt besonders hervorgehoben. Der Inhalt der

Deckerinnerung gehörte dort nämlich einem der ersten Kinderjahre an, während

die durch sie im Gedächtnis vertretenen Gedankenerlebnisse, die fast unbewusst

geblieben waren, in späte Jahre des Betreffenden fielen. Ich nannte diese Art der

Verschiebung eine r ü c k g r e i f e n d e oder r ü c k l ä u f i g e . Vielleicht noch

häufiger begegnet man dem entgegengesetzten Verhältnis, dass ein indifferenter Eindruck der jüngsten Zeit sich als Deckerinnerung im Gedächtnis festsetzt, der

diese Auszeichnung nur der Verknüpfung mit einem früheren Erlebnis verdankt,

gegen dessen direkte Reproduktion sich Widerstände erheben. Dies wären

v o r g r e i f e n d e oder v o r g e s c h o b e n e Deckerinnerungen. Das

Wesentliche, was das Gedächtnis bekümmert, liegt hier der Zeit nach h i n t e r

der Deckerinnerung. Endlich wird der dritte noch mögliche Fall nicht vermisst,

dass die Deckerinnerung nicht nur durch ihren Inhalt, sondern auch durch

Kontiguität in der Zeit mit dem von ihr gedeckten Eindruck verknüpft ist, also

die g l e i c h z e i t i g e oder a n s t o s s e n d e Deckerinnerung.

 

Ein wie grosser Teil unseres Gedächtnisschatzes in die Kategorie der

Deckerinnerungen gehört, und welche Rolle bei verschiedenen neurotischen

Denkvorgängen diesen zufällt, das sind Probleme, in deren Würdigung ich

weder dort eingegangen bin, noch hier eintreten werde. Es kommt mir nur darauf

an, die Gleichartigkeit zwischen dem Vergessen von Eigennamen mit

Fehlerinnern und der Bildung der Deckerinnerungen hervorzuheben.

 

Auf den ersten Anblick sind die Verschiedenheiten der beiden Phänomene weit

auffälliger als ihre etwaigen Analogien. Dort handelt es sich um Eigennamen,

hier um komplette Eindrücke, um entweder in der Realität oder in Gedanken

Erlebtes; dort um ein manifestes Versagen der Erinnerungsfunktion, hier um eine

Erinnerungsleistung, die uns befremdend erscheint; dort um eine momentane

Störung – denn der eben vergessene Name kann vorher hundert Male richtig

reproduziert worden sein und es von morgen an wieder werden –, hier um

dauernden Besitz ohne Ausfall, denn die indifferenten Kindheitserinnerungen

scheinen uns durch ein langes Stück unseres Lebens begleiten zu können. Das

Rätsel scheint in diesen beiden Fällen ganz anders orientiert zu sein. Dort ist es

das Vergessen, hier das Merken, was unsere wissenschaftliche Neugierde rege

macht. Nach einiger Vertiefung merkt man, dass trotz der Verschiedenheit im

psychischen Material und in der Zeitdauer der beiden Phänomene die

Übereinstimmungen weit überwiegen. Es handelt sich hier wie dort um das

Fehlgehen des Erinnerns; es wird nicht das vom Gedächtnis reproduziert, was

korrekterweise reproduziert werden sollte, sondern etwas anderes zum Ersatz.

Dem Falle des Namenvergessens fehlt nicht die Gedächtnisleistung in der Form

der Ersatznamen. Der Fall der Deckerinnerungsbildung beruht auf dem

Vergessen von anderen wesentlichen Eindrücken. In beiden Fällen gibt uns eine

intellektuelle Empfindung Kunde von der Einmengung einer Störung, nur

jedesmal in anderer Form. Beim Namenvergessen w i s s e n wir, dass die

Ersatznamen f a l s c h sind; bei den Deckerinnerungen v e r w u n d e r n wir uns, dass wir sie überhaupt besitzen. Wenn dann die psychologische Analyse

nachweist, dass die Ersatzbildung in beiden Fällen auf die nämliche Weise durch

Verschiebung längs einer oberflächlichen Assoziation zustande gekommen ist,

so tragen gerade die Verschiedenheiten im Material, in der Zeitdauer und in der

Zentrierung der beiden Phänomene dazu bei, unsere Erwartung zu steigern, dass

wir etwas Wichtiges und Allgemeingiltiges aufgefunden haben. Dieses

Allgemeine würde lauten, dass das Versagen und Irregehen der reproduzierenden

Funktion weit häufiger, als wir vermuten, auf die Einmengung eines parteiischen

Faktors, einer T e n d e n z hinweist, welche die eine Erinnerung begünstigt,

während sie einer anderen entgegenzuarbeiten bemüht ist.